45. DER WOLF, DER HASE UND DER FUCHS

Ein hungriger Wolf durchstreifte eine Steppe und suchte nach Nahrung.

Plötzlich sah er einen Hasen in tiefem Schlafe in einem Gebüsch liegen.

Der Wolf sah ihn als gute Beute an und ging leise an ihn heran. Der

Hase fuhr bei seinem Schnauben und bei seinem Tritte auf und wollte

entfliehen. Der Wolf kam ihm entgegen und sagte: „Komm, komm, ich kann

ohne dich nicht leben; lauf nicht weg, lauf nicht weg, denn die

Trennung würde mich töten.“ Der Hase war aus Furcht vor dem Wolf ganz

erschreckt, fing an, ihn demütig zu bitten und sagte unterwürfig: „Ich

weiß, daß das Feuer des Hungers des Königs der Tiere brennend und die

Glut der Leidenschaft schrecklich ist. Aber ich bin mit meinem

schwachen, elenden Körper nur ein Bissen für ihn. Wie sollte der als

Nahrung ausreichen, und wie sollte sein Hunger dadurch gestillt werden.

Aber in dieser Gegend ist ein Fuchs, der infolge seines Fettes nicht

mehr laufen mag und infolge seines vielen Fleisches sich nicht mehr

bewegen mag. Ich vermute, daß sein Fleisch an Feinheit des Geschmackes

mit dem Lebenswasser wetteifert und sein Fett dem süßesten Scherbet

gleichkommt. Wenn also der Herr geruhen und die Mühe auf sich nehmen

wollte, dessen abgeschiedenes Heim mit seinem Besuche zu beehren, so

werde ich den Fuchs mit den Schlingen der List fangen und vor meinen

Herrn bringen. Wenn er dann mit diesem Bissen zufrieden ist, so ist es

gut, wenn nicht, so bin ich da und warte auf meinen Tod.“

Der Wolf ließ sich durch den Hasen täuschen und durch seine List

verführen und ging zu der Höhle des Fuchses. Dieser war so schlau, daß

er in der Betrügerei selbst den Teufel lehren konnte und in der List

alle Einbildung übertraf. Der Hase hatte einen alten Streit mit dem

Fuchs. Da es sich nun so traf, wollte er die Gelegenheit benutzen und

sich an ihm rächen. Als sie zum Hause des Fuchses gekommen waren, ließ

er den Wolf draußen und trat selbst durch das Loch ein. Er begrüßte

ihn, und der Fuchs empfing ihn mit aller Ehrerbietung. Der Hase sagte:

„Wie lange ist es her, daß ich dich besuchen wollte, aber die Ungunst

der Zeiten hat mir dieses Glück nicht gegönnt. Jetzt ist nun ein

frommer Mann nach seinen gesegneten Fahrten in diese Gegend gekommen.

Er hat von deiner Frömmigkeit gehört und hat mich als Mittelsperson

benutzt ihn bei dir einzuführen. Wenn du es erlaubst, so ist es gut;

wenn irgendein Hindernis vorliegt, kann er zu anderer Zeit kommen.“ Der

kluge Fuchs sah unter dieser Rede die List und erkannte auf dem Spiegel

dieser Worte das Abbild des Betruges und sagte zu sich: „Das Beste ist

es, in dieser Sache ebenso zu verfahren wie sie und ihren Gifttrank

ihnen selbst zu trinken zu geben.“ Er begann daher mit Schmeicheleien

und Begrüßungsworten und sagte: „Ich stehe immer den Reisenden zu

Dienst und halte meine Tür für sie geöffnet, damit ich durch sie

gesegnet werde. Besonders gegen einen so frommen Mann, wie du ihn

beschreibst, und einen so heiligen Scheich, wie du ihn darstellst,

lasse ich es nie an Gastfreundschaft fehlen. Aber ich hoffe, du wirst

diesen Heiligen benachrichtigen, daß er so lange warten möge, bis ich

meine Wohnung ausgefegt und einen Teppich, für den Gast passend,

ausgebreitet habe.“

Der Hase dachte, daß seine List bei dem Fuchse Erfolg gehabt habe, und

daß dieser bald mit dem Wolfe sprechen würde, und antwortete: „Der

Ankömmling ist ein fremder Mann und legt keinen Wert auf

Äußerlichkeiten, aber wenn du nicht davon lassen willst, so will ich

dich nicht hindern.“ Mit diesen Worten ging er hinaus und berichtete

dem Wolf genau die Angelegenheit und brachte die frohe Nachricht, daß

der Fuchs sich habe täuschen lassen, und nach dem Satze: „Jede

Neuigkeit bereitet Vergnügen“ schilderte er von neuem das Fleisch und

das Fett des Fuchses sowie seine Zartheit und Feinheit. Dem Wolfe lief

das Wasser im Munde zusammen, und der Hase hoffte, durch diesen Dienst

sich das Leben gerettet zu haben.

Der Fuchs hatte aber schon früher in kluger Vorsicht in seinem Bau eine

tiefe Grube gegraben, die Erde hinausgebracht und die Öffnung mit

Reisig zugedeckt. Außerdem hatte er sich einen geheimen Ausweg gemacht,

auf dem er zur Zeit der Not entfliehen konnte. Als nun der Hase

hinausgegangen war, ging er zur Grube und ordnete das Reisig so, daß es

auch bei der kleinsten Berührung nachgeben mußte. Dann rief er von dem

geheimen Gang aus: „Bitte, geehrte Gäste, betretet mein niedriges

Haus!“ Sofort bei ihrem Eintritt entwischte er durch das Loch. Der Hase

in höchster Freude, der Wolf voll Hunger betraten in größter Eile die

dunkle Wohnung und, sobald sie das Reisig betraten, befanden sie sich

in der Grube. Der Wolf dachte, daß der Hase ihm einen Streich gespielt

habe, zerriß den Armen sofort in Stücke und ging weg.

Türkische Märchen · 第 67 / 91 题