44. DER REIHER UND DER KREBS

Ein Reiher hatte sich am Rande eines Baches niedergelassen und hatte

all sein Bemühen auf den Fang von Fischen gerichtet. Jeden Tag fing er,

soviel er brauchte, und brachte so sein Leben in Behaglichkeit zu. Als

die Zeit des Alters kam, ließ seine Kraft nach. Infolgedessen wurde er

schwach, und seine Körperkräfte wurden von Tag zu Tag geringer. Die

Jagd auf Fische unterblieb und, gefangen von Kummer und Gram, tadelte

er sich und sagte: „Wehe, daß des Lebens Jahre wie eine Karawane

entschwinden, von der man nicht einmal den Staub mehr sieht! Weh, daß

ich mein Leben wie ein Spielzeug betrachtet und seinen Wert nicht

erkannt habe. Ich habe mir für das Alter keine dauernden Vorräte

gesammelt. Jetzt ist meine Kraft gebrochen und mir die Erwerbung von

Unterhalt nicht mehr möglich. So ist es das Beste, daß ich das Gebäude

meines Tuns auf List und Trug gründe, das Netz des Betrugs und der

Heuchelei auswerfe und im Hause der Schlauheit und Täuschung wohne.

Vielleicht kann ich auf diese Art meinen Lebensunterhalt haben.“

Er ließ sich also mit traurigem Jammern und heftigem Weinen, wie die

Bekümmerten und Sorgenvollen tun, am Rande des Baches nieder. Da sah

ihn gerade ein Krebs von weitem, kam zu ihm, redete ihn freundlich an

und sagte: „Freund, ich sehe dich sehr bekümmert. Was ist die

Veranlassung? Ich sehe dein Gesicht mit dem Staube der Traurigkeit und

des Ärgers bedeckt, was ist der Grund?“ Der alte Reiher antwortete:

„Wie sollte ich nicht traurig sein? Warum sollte ich nicht mit der Hand

der Sorge meinen Kragen zerreißen? Du weißt ja, daß mein ganzer

Lebensunterhalt auf diesen Bach beschränkt war. Jeden Tag fing ich mir

einige Fische, die mir als Nahrung genügten. Die Fische hatten auch

nicht übermäßig Schaden davon, und ich konnte ruhig und zufrieden

leben. Heute gingen zwei Fischer am Ufer dieses Baches und erzählten

sich, daß in diesem Wasser unendlich viel Fische seien, die sie fangen

wollten. Der andere sagte: ‚In dem und dem Teiche sind noch viel mehr,

wollen erst die erledigen und uns dann zu diesem wenden.‘ Bei diesen

Verhältnissen muß ich auf die Süßigkeit des Lebens verzichten und mich

mit dem Gifte des Todes begnügen.“

Als der Krebs dies hörte, ging er schleunigst zu den Fischen und

erzählte es ihnen. Die Fische wurden von dieser schrecklichen Nachricht

ganz aufgeregt und zitterten wie ein Weidenblatt. Schließlich einigten

sie sich, gingen mit dem Krebs zum Reiher und sagten: „Dieser unser

Freund hat uns von dir eine traurige Nachricht gebracht, durch die

unser Verstand aus Rand und Band gekommen ist. Je mehr wir die Sache

betrachten, um so mehr schwanken wir hin und her wie die Kompaßnadel.

Wir sind nun zu dir gekommen, um uns mit dir zu beraten, denn es heißt

ja: ‚Derjenige, der um Rat gefragt wird, ist zuverlässig.‘ Der

Verständige darf, selbst wenn er ein Feind ist, wenn man sich an seinen

Rat und gesundes Urteil wendet, nicht mit seinem Rate zurückhalten,

besonders in dieser Sache, mit der auch sein eigener Nutzen verbunden

ist. Denn du selbst hast ja zugegeben, daß der Bestand deines Lebens an

die Dauer unseres Daseins gebunden ist. Was hältst du also für richtig

in dieser unserer Angelegenheit, und was kannst du uns für unsere

Rettung raten?“ Der Reiher erwiderte: „Ja, ich habe diese Nachricht aus

dem Munde der Fischer selbst gehört. Dagegen nützt nun kein Widerstand.

Ich habe viel über die Lösung des Knotens nachgedacht. Das Beste, was

mir eingefallen ist, ist folgendes: In dieser Gegend ist ein großer

Teich, blank wie ein Spiegel, und an Reinheit wetteifert er mit dem

Sonnenlicht. Infolge seiner Klarheit kann jedes Sandkorn auf seinem

Grunde gezählt werden und jedes in ihm gesehen werden. Trotzdem hat die

Einbildungskraft noch nicht bis zu seinem Grunde tauchen und der

Verstand noch nicht von einem Ufer zum andern schwimmen können; noch

ist die Angelrute eines Fischers je zu jenem Teiche gekommen. Die

Fische dort kennen keine andere Fessel als die Kette des Wassers. Wenn

ihr dorthin umziehen könntet, würdet ihr den Rest des Lebens in Ruhe,

Sicherheit und Freude verleben.“ Sie antworteten: „Dieser Plan ist wohl

das Beste, aber ohne deine Hilfe ist der Umzug nicht auszuführen.“ Der

Reiher entgegnete: „Soweit ich vermag, soll es euch daran nicht fehlen.

Aber die Zeit drängt. Ich fürchte, daß die Fischer unvermutet kommen,

und daß dann die Gelegenheit versperrt ist und mein Plan nicht mehr

nutzt.“ Die Fische baten ihn demütig unter vielen Tränen. Schließlich,

nach vielem Bitten kam es zu einem Vertrage, daß der Reiher jeden Tag

kommen sollte und von den Fischen, soviel er tragen könne, in jenen

Teich hinüberbringe.

Der Reiher kam also jeden Tag und nahm von den Fischen, soviel er

wollte. In dieser Gegend war ein Wald, dorthin trug er sie und bewahrte

sie sich als Vorrat auf. Wenn er dann zurückkehrte, sah er, daß die

andern am Rande des Teiches standen, in Aufregung warteten und jeder

sich beeilte, vor dem andern hinübergetragen zu werden. Die Weisheit

betrachtete ihre Dummheit und ihren Leichtsinn und nahm sich ein

Beispiel daran, und die Zeit weinte aus hundert Augen über ihr Unglück.

Jeder, der dem Feinde glaubt und den Listen und Betrügereien eines

gemeinen und schlechten Menschen vertraut, wird so bestraft.

Als so einige Tage vergangen waren, befiel auch den Krebs die Sehnsucht

und das Verlangen, den Teich kennen zu lernen, und er wollte möglichst

schnell übersiedeln. Er bat also den Reiher darum. Dieser überlegte,

daß dies sein schlimmster Feind sei, und daß es das Beste sei, ihn zu

seinen Freunden zu bringen. Er ging also an den Rand des Wassers, nahm

den Krebs an seinem Hals und brach mit ihm nach dem Ruheplatze der

Fische auf. Als der Krebs aus der Ferne die Gräten der Fische sah,

ahnte er, wie die Sache stehe und sagte überlegend zu sich: „Der

Verständige, der, wenn ein Feind ihn töten will, ihm nicht Widerstand

leistet zu der Zeit, da er in der Lage dazu ist, beschleunigt seinen

Tod und begeht Selbstmord und, wenn er sein Geschick erfüllt, hat er

zwei Möglichkeiten, entweder hat er Erfolg, dann gräbt er seinen Namen

in Marmor, und sein Mut steht in den Blättern der Geschichte, oder er

unterliegt, dann ist er entschuldigt, und Mangel an Mut und Tapferkeit

kann ihm nicht vorgeworfen werden.“ Der Krebs legte sich also wie ein

Ring um den Hals des Reihers und drückte ihm fest die Kehle zu. Da der

Reiher alt und schwach war, so verlor er schon bei dem geringen Drucke

die Kräfte, und das Leben entwich aus seinem Körper. Der Krebs verließ

den Hals des Reihers, kehrte um und erzählte den Fischen die ganze

Geschichte, indem er das Beileid für die toten Freunde mit dem

Glückwunsch für die lebenden vereinte. Als die Fische die Kunde

vernahmen, wurden sie erfreut und glücklich und sahen den Tod des

Reihers für sich als ein neues endloses Leben an.

Türkische Märchen · 第 66 / 91 题