46. DER LÖWE UND DER HASE

In der Umgegend von Bagdad war eine Wiese, deren Erde wie Ambra duftete

und deren sanfte Lüfte den Geist erquickten wie die klare Luft des

Keyserbrunnens im Paradiese. Vom Reflex der Lichter und Blumen war das

Firmament geblendet, die Zahl seiner Brunnen und Flüsse war ohne Ende,

und auf jedem Zweige im Garten leuchteten tausend Sterne, über deren

Anblick der Himmel schwindelig wurde.

Auf dieser Wiese hatten sich viele wilde Tiere wegen ihrer lieblichen

Luft und ihres Reichtums an Wasser und Nahrung niedergelassen.

Hier lebte ein blutgieriger Löwe, der immer seinen unheilvollen Anblick

diesen Armen zeigte und ihnen das Leben verbitterte. Jeden Tag

erbeutete er sich ein paar von ihnen. Eines Tages kamen sie überein und

gingen zu dem Löwen und sagten in aller Demut und Unterwürfigkeit: „Wir

sind die Diener des Königs der Tiere. Wir sind jeden Tag in Aufregung,

ob du wohl einen von uns erbeutest oder nicht, und du bist auch durch

die Verfolgung belästigt. Wir sind also aus Rücksicht auf deine

Bequemlichkeit und auf unsere Ruhe und Sicherheit auf den Gedanken

gekommen, dir, wenn du uns weiter nicht verfolgst, jeden Tag zur

Mahlzeit in deine Küche eine Beute zu schicken. Wir werden diese

Verpflichtung gewissenhaft ausführen.“ Der Löwe war damit

einverstanden.

Sie kamen also überein, daß jeden Tag das Los geworfen werde und daß

der, den es träfe, in die Küche des Löwen geschickt werde. So verging

einige Zeit. Eines Tages fiel das Los auf den Hasen. Dieser sagte nach

einigem Nachdenken: „Wenn ihr mit meiner Absendung etwas warten wollt,

so denke ich, daß ich wahrscheinlich euch alle von der gewaltigen Faust

dieses Tyrannen befreien kann.“ Die Tiere waren alle damit

einverstanden. Der Hase wartete so lange, bis die Stunde des Frühstücks

vorüber war. Der Zorn des Löwen wurde durch den Hunger aufs äußerste

erregt, bald stand er auf, bald setzte er sich hin und schlug die Zähne

aufeinander. Sein Gebrüll drang bis zum Himmel. Da näherte sich der

Hase leise dem Löwen. Dieser war sehr aufgeregt, schlug vor Zorn den

Boden mit seinem Schweife und wollte den Vertrag lösen.

Der Hase kam leise näher und grüßte mit aller Unterwürfigkeit. Der Löwe

sagte: „Woher kommst du und was weißt du von den Tieren?“ Der Hase

erwiderte: „Nach unserm alten Vertrage schickten sie mit mir einen

Hasen in die königliche Küche. Während ich mit ihm unterwegs war, kam

zufällig in dem und dem Walde ein wilder Löwe uns entgegen und nahm ihn

mir aus der Hand. Wie sehr ich auch rief: ‚Dieser Hase ist die Nahrung

des Königs der Tiere‘, er hörte gar nicht zu und kümmerte sich nicht um

mich. Er gebrauchte Schimpfworte gegen mich und sagte: ‚Weißt du nicht,

daß dieser Wald mein Jagdplatz ist und die Beute nur mir zukommt?‘ Er

gebrauchte solche Worte und schmähte auch den König, daß ich erschreckt

war. Schließlich lief ich weg und kam in Eile hierher, damit ich den

Fall deiner hohen Einsicht unterbreite.“

Als der Löwe dies hörte, sagte er im höchsten Zorne: „Hase, kannst du

ihn mir zeigen, damit du siehst, wie ich dir zu deinem Rechte verhelfe

und mich räche?“ Der Hase antwortete: „Wie sollte ich das nicht

können?“ und ging voraus. Der einfältige Löwe ließ sich von dem Hasen

täuschen und folgte ihm. Der Hase führte den Löwen an den Rand eines

tiefen Brunnens, dessen Wasser infolge seiner Klarheit die

Spiegelbilder klar wie ein chinesischer Spiegel zeigte und die

Hineinschauenden deutlich und ohne Fehler wiedergab. Dann sagte er:

„König, dein Feind ist in diesem Brunnen. Ich fürchte mich vor ihm.

Wenn der König mich zu sich nimmt, will ich ihm den Feind zeigen.“ Der

Löwe nahm den Hasen in seinen Arm und schaute in den Brunnen. Als er

sich und den Hasen im Wasser sah, dachte er, es wäre der böse Löwe und

der Hase, der ihm selbst geschickt war. Sofort ließ er den Hasen los,

stürzte sich in den Brunnen, versank und übergab seine Seele den

Wärtern des Höllenfeuers. Der Hase kehrte wohlbehalten heim und

erzählte den Tieren die Geschichte.

Türkische Märchen · 第 68 / 91 题