41. DIE VERSCHWENDERISCHE MAUS

Ein Landmann hatte in seiner Scheune eine Menge Getreide liegen, legte

nicht Hand daran, es zu verbrauchen, und hatte die Tore seiner

Verwendung zugeschlossen, damit es zu Zeiten der höchsten Not und des

größten Elends ihm als Nahrung diene. Nun hatte eine ganz verhungerte

Maus am Rande dieses Platzes sich ihr Haus und in der Nähe des

Speichers ihr Nest gemacht. Sie hatte andauernd unter der Erde alles

mit dem ehernen Meißel ihrer Zähne durchbohrt und mit ihren

minierenden, Steine spaltenden Vorderzähnen die ganze Gegend

durchlöchert. Endlich hatte sie ein geheimes Loch mitten unter dem

Kornspeicher fertig und von dem Dach ihres Nestes fielen Weizenkörner

wie Meteore vom Himmel. Die Maus sah, daß das Versprechen des

Koranwortes: „Eure Nahrung ist im Himmel“ erfüllt war, und daß der

dunkle Spruch: „Suchet eure Nahrung in den Schlupfwinkeln der Erde“

klar und deutlich geworden war, daher erfüllte sie die Pflichten der

Dankbarkeit wegen der Gottesgabe und ließ das Koranwort: „Gott sei

Dank, daß er uns einen Tisch vom Himmel gesendet hat“ zum Gipfel des

Himmels emporsteigen.

Als sie nun durch die Erlangung dieser Kostbarkeiten sehr reich

geworden war, wurde sie so stolz wie Karun [41] und so anmaßend wie

Pharao. In kurzer Zeit war die Sache unter den Mäusen des Viertels

bekannt, und sie beeilten sich, ihr freigebiges Haus zu besuchen.

Trügerische Freunde sind wie Fliegen um den Zucker! Freunde beim Mahl

und Genossen beim Becher sammelten sich alle um die Maus und nach ihrer

Gewohnheit webten sie den Faden ihrer Rede nach ihrem Charakter und

nach ihren Wünschen und schmeichelten ihr. Sie erkundigten sich

andauernd nach ihrem Befinden und waren in ihrem Lob, Preis, Dank und

Gebet übermäßig, und sie prahlte unverständig und verschwendete ihr

Vermögen in der Meinung, daß das Korn der Scheune nie abnehmen werde

und die Getreidekörner immer wie Sand aus diesem Loche herunterfallen

würden. Jeden Tag gab sie ihren Genossen eine Menge davon. Nie dachte

sie daran, von dem Heute auch etwas für das Morgen aufzuheben.

In dieser Zeit, als sie so im Winkel der Abgeschiedenheit sich dem

Wohlleben hingaben, hatte die kalte Hand des Hungers und der Not die

Menschen unglücklich gemacht. Überall verlangten sie Brot und legten

ihr Leben auf die Wagschale, aber niemand nahm es als Gewicht an, für

ein Stück Brot wollten sie ihren Haushalt verkaufen, aber niemand war

Käufer dafür.

Die Maus, stolz und glücklich in dem Gedanken großen Reichtums, wußte

nichts davon, daß das Korn teuer geworden und die Hungersnot sehr groß

war. Als dieser Zustand nun einige Zeit dauerte, ging dem Landmann die

Sache ans Leben und das Messer bis an die Knochen, so daß er wohl oder

übel den Speicher öffnen mußte. Da sah er, daß das Korn durch Betrug

weniger geworden war. Er seufzte tief auf, bedauerte seinen Verlust und

sagte zu sich: „Trauer über diejenigen Sachen, die wiederzuerlangen

außerhalb der Möglichkeit ist, gehört sich nicht für verständige Leute.

Das beste ist es nun, daß die Überbleibsel des Getreides gesammelt und

anderswohin gebracht werden.“ Er widmete sich also der Arbeit, das

übrig gebliebene wenige Getreide herauszuholen.

Nun war die Maus, die sich für den Hausherrn und Meister dieses Platzes

hielt, vom Weine des Schlafes trunken, und auch die anderen Mäuse

hatten bei dem Lärm nicht den Laut der Fußtritte, überhaupt nichts vom

Kommen und Gehen des Landmannes gehört. Unter ihnen war aber eine kluge

Maus, die die Sachlage begriff und, um sie festzustellen, auf das Dach

stieg, aus einer Fensterecke schaute und sah, wie es mit der Scheune

stand. Sofort stieg sie vom Dach, erzählte die ganze Geschichte ihren

Freunden und entfloh durch das Loch. Als die andern dies sahen,

zerstreuten sie sich, der eine hierin, der andere dorthin, und ließen

ihren Wohltäter allein.

Als die törichte Maus sich am nächsten Tage von ihrem Lager der Ruhe

erhob und aus dem Schlafe der Sorglosigkeit aufwachte, sah sie, daß

weder Freund noch Feind da war. Soviel sie sich auch rechts und links

umschaute, nichts war zu sehen, soviel sie auch suchte, sie konnte sie

nicht finden. Vor Furcht und Einsamkeit ängstigte sie sich und fing

laut an zu wehklagen:

Die Freunde, die ich hatte, wo sind sie geblieben?

Was ist gescheh’n, was hat sie von mir weggetrieben?

Um die Sache aufzuklären, kroch sie aus einer Ecke des Nestes heraus,

da sah sie, daß in der Welt eine solche Hungersnot herrschte, daß das

Wort Brot wie Wasser von den Lippen floß. In ihrer Aufregung kehrte sie

eiligst wieder in ihr Haus zurück. Dann dachte sie, dafür zu sorgen,

ihre Vorräte aufzusparen. Sie fand aber in ihrem Hause kein Korn mehr

vor. Als sie dann aus dem Loche in die Scheune kletterte, fand sie auch

dort, trotz allen Suchens, kein Weizenkorn. Da brach ihre Kraft

zusammen. Sie zerriß mit der Hand des Unglücks den Kragen der Geduld

[42] und schlug ihren törichten Kopf so stark auf den steinigen Grund,

daß das Gehirn herausspritzte, und stürzte sich mit unheilvollem Tode

in den Abgrund des Untergangs.

Türkische Märchen · 第 63 / 91 题