Ein Landmann hatte in seiner Scheune eine Menge Getreide liegen, legte
nicht Hand daran, es zu verbrauchen, und hatte die Tore seiner
Verwendung zugeschlossen, damit es zu Zeiten der höchsten Not und des
größten Elends ihm als Nahrung diene. Nun hatte eine ganz verhungerte
Maus am Rande dieses Platzes sich ihr Haus und in der Nähe des
Speichers ihr Nest gemacht. Sie hatte andauernd unter der Erde alles
mit dem ehernen Meißel ihrer Zähne durchbohrt und mit ihren
minierenden, Steine spaltenden Vorderzähnen die ganze Gegend
durchlöchert. Endlich hatte sie ein geheimes Loch mitten unter dem
Kornspeicher fertig und von dem Dach ihres Nestes fielen Weizenkörner
wie Meteore vom Himmel. Die Maus sah, daß das Versprechen des
Koranwortes: „Eure Nahrung ist im Himmel“ erfüllt war, und daß der
dunkle Spruch: „Suchet eure Nahrung in den Schlupfwinkeln der Erde“
klar und deutlich geworden war, daher erfüllte sie die Pflichten der
Dankbarkeit wegen der Gottesgabe und ließ das Koranwort: „Gott sei
Dank, daß er uns einen Tisch vom Himmel gesendet hat“ zum Gipfel des
Himmels emporsteigen.
Als sie nun durch die Erlangung dieser Kostbarkeiten sehr reich
geworden war, wurde sie so stolz wie Karun [41] und so anmaßend wie
Pharao. In kurzer Zeit war die Sache unter den Mäusen des Viertels
bekannt, und sie beeilten sich, ihr freigebiges Haus zu besuchen.
Trügerische Freunde sind wie Fliegen um den Zucker! Freunde beim Mahl
und Genossen beim Becher sammelten sich alle um die Maus und nach ihrer
Gewohnheit webten sie den Faden ihrer Rede nach ihrem Charakter und
nach ihren Wünschen und schmeichelten ihr. Sie erkundigten sich
andauernd nach ihrem Befinden und waren in ihrem Lob, Preis, Dank und
Gebet übermäßig, und sie prahlte unverständig und verschwendete ihr
Vermögen in der Meinung, daß das Korn der Scheune nie abnehmen werde
und die Getreidekörner immer wie Sand aus diesem Loche herunterfallen
würden. Jeden Tag gab sie ihren Genossen eine Menge davon. Nie dachte
sie daran, von dem Heute auch etwas für das Morgen aufzuheben.
In dieser Zeit, als sie so im Winkel der Abgeschiedenheit sich dem
Wohlleben hingaben, hatte die kalte Hand des Hungers und der Not die
Menschen unglücklich gemacht. Überall verlangten sie Brot und legten
ihr Leben auf die Wagschale, aber niemand nahm es als Gewicht an, für
ein Stück Brot wollten sie ihren Haushalt verkaufen, aber niemand war
Käufer dafür.
Die Maus, stolz und glücklich in dem Gedanken großen Reichtums, wußte
nichts davon, daß das Korn teuer geworden und die Hungersnot sehr groß
war. Als dieser Zustand nun einige Zeit dauerte, ging dem Landmann die
Sache ans Leben und das Messer bis an die Knochen, so daß er wohl oder
übel den Speicher öffnen mußte. Da sah er, daß das Korn durch Betrug
weniger geworden war. Er seufzte tief auf, bedauerte seinen Verlust und
sagte zu sich: „Trauer über diejenigen Sachen, die wiederzuerlangen
außerhalb der Möglichkeit ist, gehört sich nicht für verständige Leute.
Das beste ist es nun, daß die Überbleibsel des Getreides gesammelt und
anderswohin gebracht werden.“ Er widmete sich also der Arbeit, das
übrig gebliebene wenige Getreide herauszuholen.
Nun war die Maus, die sich für den Hausherrn und Meister dieses Platzes
hielt, vom Weine des Schlafes trunken, und auch die anderen Mäuse
hatten bei dem Lärm nicht den Laut der Fußtritte, überhaupt nichts vom
Kommen und Gehen des Landmannes gehört. Unter ihnen war aber eine kluge
Maus, die die Sachlage begriff und, um sie festzustellen, auf das Dach
stieg, aus einer Fensterecke schaute und sah, wie es mit der Scheune
stand. Sofort stieg sie vom Dach, erzählte die ganze Geschichte ihren
Freunden und entfloh durch das Loch. Als die andern dies sahen,
zerstreuten sie sich, der eine hierin, der andere dorthin, und ließen
ihren Wohltäter allein.
Als die törichte Maus sich am nächsten Tage von ihrem Lager der Ruhe
erhob und aus dem Schlafe der Sorglosigkeit aufwachte, sah sie, daß
weder Freund noch Feind da war. Soviel sie sich auch rechts und links
umschaute, nichts war zu sehen, soviel sie auch suchte, sie konnte sie
nicht finden. Vor Furcht und Einsamkeit ängstigte sie sich und fing
laut an zu wehklagen:
Die Freunde, die ich hatte, wo sind sie geblieben?
Was ist gescheh’n, was hat sie von mir weggetrieben?
Um die Sache aufzuklären, kroch sie aus einer Ecke des Nestes heraus,
da sah sie, daß in der Welt eine solche Hungersnot herrschte, daß das
Wort Brot wie Wasser von den Lippen floß. In ihrer Aufregung kehrte sie
eiligst wieder in ihr Haus zurück. Dann dachte sie, dafür zu sorgen,
ihre Vorräte aufzusparen. Sie fand aber in ihrem Hause kein Korn mehr
vor. Als sie dann aus dem Loche in die Scheune kletterte, fand sie auch
dort, trotz allen Suchens, kein Weizenkorn. Da brach ihre Kraft
zusammen. Sie zerriß mit der Hand des Unglücks den Kragen der Geduld
[42] und schlug ihren törichten Kopf so stark auf den steinigen Grund,
daß das Gehirn herausspritzte, und stürzte sich mit unheilvollem Tode
in den Abgrund des Untergangs.