39. DIE GESCHICHTE VON DEM KLUGEN LANDMANNE

In alter Zeit pflügte einst ein Landmann seinen Acker, als plötzlich

ein eiserner Ring zum Vorschein kam. Der Landmann grub die Erde um den

Ring aus und sah, daß es der Ring von dem Deckel eines Vorratsraumes

war. Mit tausend Mühen und Anstrengungen hob er den Deckel und stieg in

den Raum hinein. Da sah er, daß das Innere bis zum Rande mit gelbem

Weizen angefüllt war. Es war jedoch eine Art von Weizen, von der jedes

Korn die Größe eines Pfirsichkernes hatte. Als er dies sah, war er

erstaunt und meldete dies dem Gouverneur der Stadt. Auch der wunderte

sich, und in der Annahme, daß dies etwas merkwürdiges sei, schrieb er

an den Kaiser einen Bericht und schickte auch eine Probe von dem Weizen

mit.

Als der Weizen ankam, rief der Kaiser seine höchsten Beamten zusammen,

die sich gleichfalls alle über die Größe des Weizens wunderten. Der

Kaiser fragte, ob es einen Menschen gebe, der wüßte, von was für

Menschen dieser Weizen gepflanzt sei, und worin das Geheimnis bestände.

Wenn es solchen Menschen gebe, wolle er ihn um Rat fragen. Der Kaiser

hatte einen sehr klugen und weisen Hofmann. Dieser sagte: „Mein Kaiser,

in der und der Stadt deines Reiches lebt ein alter welterfahrener

Landmann. Wenn jemand die Schwierigkeit lösen kann, ist er es.“ Alle

fanden seine Worte verständig. So schickte man einen Boten, dem man

eine Probe des Weizens mitgab, ab, um den Alten danach zu fragen.

Als der Bote sich schleunigst auf den Weg machte, traf er einen seiner

Freunde. Dieser wünschte ihm glückliche Reise und fragte, wohin er

gehe. Der Bote erzählte die ganze Sache und der Freund sagte: „Gott sei

Dank! Es ist ein Segen, daß ich dich getroffen habe. Der Landmann, zu

dem du gehen willst, ist sehr klug. Ich habe auch eine schwierige

Frage. Nachdem du ihn nach der des Kaisers gefragt hast, frage ihn auch

nach meiner. Du würdest mir damit einen großen Gefallen tun.“ Der Bote

sagte: „Selbstverständlich, erzähle mir nur deine Frage.“ Der Freund

sagte: „Erstens: Was ist die Ursache, daß, wenn der Mensch alt wird,

Haar und Bart weiß werden und keine andere Farbe annehmen? Zweitens:

Während beim Beischlaf der Genuß für Mann und Frau der gleiche ist,

warum ist die Treue bei dem Mann größer als bei der Frau? Drittens:

Warum wird der Mann, wenn er alt und sein Haar und Bart weiß werden,

schöner, während bei der Frau das Gegenteil der Fall ist? Was mag

Gottes Zweck dabei sein. Das sind die Fragen, die mir Schwierigkeiten

machen.“

Sie verabschiedeten sich, und der Bote machte sich auf den Weg und

erreichte auch die Stadt, wo der Landmann, den er suchte, wohnte. Nach

einigem Fragen fand er ihn auch und sah, daß es ein hinwelkender Greis

war, dessen Körper wie ein Bogen gekrümmt war, und dessen Brauen seine

Augen bedeckten.

Der Bote setzte den Grund seiner Absendung auseinander, sagte, daß er

vom Kaiser geschickt sei, und fragte, wie es sich mit dem Weizen

verhalte. Der alte Landmann sagte: „Sohn, ich weiß nicht, wann dieser

Weizen gewachsen ist, aber in der gegenüberliegenden Stadt wohnt mein

älterer Bruder. Da er älter ist als ich, hat er vielleicht jene Zeit

erlebt. Gehe hin und frage ihn.“

Der Bote ging dorthin, fand auch den Bruder. Dieser hatte einen grauen

[39] Bart, und sein Körper war lebendig im Vergleiche zu dem seines

Bruders. Voller Verwunderung fragte der Bote ihn nach dem, was der

Weizen zu bedeuten habe. Der Landmann antwortete: „Ich weiß nichts

davon. In meinen Zeiten ist so etwas nicht passiert. Aber in der

gegenüberliegenden Stadt wohnt mein älterer Bruder. Gehe hin und frage

den. Vielleicht weiß er es, denn er ist viel älter als ich.“

Der Bote ging in diese Stadt und fand ihn auch. Er war noch lebendiger

und sah wie ein frischer junger Mann mit schwarzem Bart aus. Der Bote

sagte: „Bei Gott, seine Brüder bezeichneten ihn als den ältesten von

ihnen. Das ist doch höchst merkwürdig, daß er jünger und frischer als

sie ist.“ Voller Verwunderung fragte er ihn nach dem Weizen und sagte,

daß er eigens deshalb vom Kaiser gesandt sei.

Der alte Mann sagte: „Vor hundert Jahren lebte ein Volk, dem dieser

Weizen als Wundergabe verliehen worden ist. Der Grund dafür ist der,

daß sie fromm und gottesfürchtig waren. Deswegen schenkte ihnen Gott so

reichliche Nahrung.“

Als der Bote die richtige Auskunft erhalten hatte, wollte er sofort

umkehren, da kamen ihm aber die Fragen seines Freundes, den er

unterwegs getroffen, in den Sinn. Er stellte also die vorher genannten

drei Fragen, und der weise Mann antwortete: „Der Grund, daß Haar und

Bart, wenn der Mann alt wird, nur weiß werden und keine andere Farbe

annehmen, ist folgender: Zuerst ist das Haar vollkommen schwarz oder

blond. Wenn der Mensch aber zur höchsten Vollendung gekommen ist und

auch in der Farbe die Vollendung eingetreten ist, dann muß ebenso, wie

überall nach der Vollendung der Verfall eintritt, ein Rückschlag zum

Verfall eintreten. Der Grund dafür, daß es nach diesem Verfall nur weiß

wird und keine andere Farbe annimmt, besteht darin, daß, wie das

Zeichen der Jugend das schwarze oder blonde Haar ist, so ist das

Zeichen des Alters wegen der Erleuchtung die weiße Farbe. Darum

verändert sich das Haar nur in Weiß. Die Antwort auf die zweite Frage

ist folgende: Da Gott, der Allweise, Ewige, der Frau die Kraft der

Schwangerschaft, die Freundlichkeit bei der Haushaltung und alle die

Mühen beim Säugen verliehen hat, so hat er aus Billigkeit dem Manne die

Treue und Liebe verliehen. So hat Gott mit Gerechtigkeit beide

ausgeglichen. Gottes weiser Zweck bei der dritten Frage ist folgender.

Er hat unsern Vater Adam aus Erde geschaffen, unsere Mutter Eva aber

aus dessen linker Seite. Deshalb wird das männliche Geschlecht seiner

Herkunft gemäß schöner, denn wie die Erde, wenn sie steht, schöner

wird, so auch der Mann. Wie aber Fleisch, wenn es steht, sich

verändert, so wird die Frau im Alter häßlich. Das ist Gottes Weisheit

dabei.“ Der Bote sagte: „O weiser Mann, dein Mund ist die Quelle der

Weisheit. Du hast alle Schwierigkeiten gelöst. Nun habe ich noch eine

Frage. Nimm, bitte, meine Unbescheidenheit nicht übel und löse mir

diese Schwierigkeit.“ Der weise Mann fragte: „Worin besteht sie denn?“

Er antwortete: „Deinen jüngsten Bruder habe ich sehr alt und schwach

gefunden und den mittleren als einen graubärtigen Greis, dich aber, der

du doch der älteste von ihnen bist, als einen frischen jungen Mann.

Erkläre mir doch, bitte, den Grund hierfür.“

Der weise Mann sagte: „Der Grund dafür, daß mein jüngster Bruder sehr

alt geworden ist, liegt darin, daß er in seiner Landwirtschaft nicht

recht vorwärts kommt und ziemlich arm ist. Außerdem hat er eine

häßliche Frau, die auch eine böse Zunge besitzt. Da sich zwei große

Unglücke bei ihm vereint haben, so ist er sozusagen schon in dieser

Welt bei lebendigem Leibe in der Hölle. Deswegen ist er so alt und

schwach geworden. Der Grund aber dafür, daß der mittlere Bruder im

Verhältnis zu mir alt und im Verhältnis zu dem jüngsten Bruder jung

ist, liegt darin, daß er in der Landwirtschaft viel Glück hat, aber

eine häßliche Frau mit einer bösen Zunge besitzt. So hat er nur ein

Unglück und sieht also frischer als unser jüngster Bruder aus. Ich

habe, Gott sei Dank, in der Landwirtschaft Erfolg und habe in meinem

Harem eine schöne und an Charakter einzigartige Frau, deswegen sehe ich

frisch und heiter aus. Wer Wohlstand und eine gute Frau erlangt hat,

der wird schon in dieser Welt der Paradiesesfreuden teilhaftig.

Deswegen sagt man: Des Menschen Haus ist sein Paradies oder seine

Hölle.“

Als der kluge Mann alle schwierigen Fragen gelöst hatte, entließ er den

Boten mit aller Hochachtung. Dieser kam zum Palaste des Kaisers,

berichtete alles, und ein jeder, der es hörte, hatte seinen Nutzen

davon.

Türkische Märchen · 第 61 / 91 题