In Bagdad lebte ein Jüngling, der Kaufmann war und so viel Vermögen
besaß, daß selbst er es nicht genau kannte. Eines Tages verliebte er
sich in eine chinesische Sklavin und kaufte sie sich, indem er
unermeßlich viel Geld für sie bezahlte. Sein ganzes Vermögen, daß er
besaß, gab er für dies Mädchen aus, so daß er schließlich nichts mehr
besaß.
Eines Tages sagte das Mädchen zu ihm: „Zur Zeit des Wohlstandes hast du
dein Vermögen verschwendet, jetzt besitzt du nichts. Es ist aber eine
sehr schwere Sache, durch das Feuer der Armut verbrannt zu werden. So
haben wir keinen Genuß an unserm Beisammensein. Der Genuß der
Vereinigung entsteht nur bei frohem Herzen. Wenn du also die Trennung
von mir ertragen kannst, so verkaufe mich und nimm den Kaufpreis als
Kapital, denn wie es im Sprichwort heißt: ‚Das Wasser fließt da, wo es
schon einmal geflossen ist.‘ Ich werde die Trennung ertragen, so gut
ich kann, und wenn nicht, mich töten und mich vor den Kümmernissen der
Welt retten. Auf diese Art wirst du wenigstens wieder zu Wohlstand
kommen.“
Notgedrungen nahm der Jüngling dies an und führte das Mädchen am
folgenden Tage auf den Sklavenmarkt, um es zu verkaufen. Es war gerade
ein haschimitischer Kaufmann von Basra nach Bagdad gekommen. Als er die
Sklavin sah, gefiel sie ihm, und er kaufte sie für zweitausend
Goldstücke.
Der Jüngling nahm das Geld und ging nach Hause, aber Tag und Nacht
seufzte er und war wie ein lebloser Körper. Als es Abend wurde und das
Licht derjenigen, die sein Herz erleuchtete, nicht mehr mit dem Glanz
ihrer Schönheit sein Haus erhellte, da konnte er es nicht länger
aushalten und beschloß, das Mädchen sich zurückzukaufen. Da er nicht
bis zum Morgen aushalten konnte, verließ er um Mitternacht sein Haus.
Als er infolge des Suchens nach dem haschimitischen Kaufmann müde und
matt geworden war, verblieb er an einem öden Platze. Dort belauerte ihn
ein herumlungernder Dieb, der die Gelegenheit benutzte, dem Jünglinge,
als er schlief, das Geld aus dem Busen stahl und flüchtete. Als der
Jüngling aufwachte, das Geld nicht mehr vorfand, vermehrte sich der
Kummer seines Herzens. Es lastete wie ein Berg auf ihm. Da er nun auch
nicht mehr die Mittel hatte, um den Kauf rückgängig zu machen, ging er
wie ein Verrückter in die Berge.
Der Kaufmann war mit dem Mädchen in ein anderes Land gezogen, um
Handelsgeschäfte zu machen. Aber da die Sklavin ihn jeden Tag mit
harten Worten anredete, so wurde ihm das Leben zur Qual. Von einer
Vereinigung mit ihr war schon gar nicht die Rede, aber in Herzensruhe
ihr ins Gesicht zu sehen, wurde ihm nicht einmal zuteil. Aber da er
Interesse für das Mädchen hatte, hoffte er, daß sie ihren ersten
Liebhaber vergessen werde, und überließ sie sich selbst. So reisten sie
zu Wasser und zu Lande umher, aber die Glut des Mädchens (nach ihrem
früheren Liebhaber) beruhigte sich nicht, sondern nahm von Tag zu Tag
zu. Schließlich schwur der haschimitische Kaufmann in seiner Not: „Wenn
ich deinen früheren Herrn, der dich mir verkauft hat, wiederfinde, will
ich auf die bezahlten zweitausend Goldstücke verzichten und dich ihm
wiedergeben. Ich hatte gedacht, du würdest mich mit Musik und Reden
unterhalten, wenn ich mich langweilte, aber du nimmst mir durch dein
Seufzen bei Tag und Nacht die Ruhe.“ Das Mädchen verging vor Seufzen
und Wehklagen.
Der Jüngling war wie ein Wahnsinniger über Berge und Felder gestreift,
um seine Liebste zu suchen. Eines Tages kam er an das Ufer des Meeres,
traf ein Schiff, das mit Kaufmannsgütern angefüllt war. Durch Gottes
Fügung war der Haschimit und die Sklavin auch auf diesem Schiffe, aber
sie ahnten nichts voneinander. Als sie so einige Tage gefahren waren,
rief der Haschimit das Mädchen zu sich, gab ihr eine Laute in die Hand
und bat sie, ein Lied zu singen. Das Mädchen nahm weinend die Laute zur
Hand und sang ein Liebeslied, daß alle Mitfahrenden beim Anhören
weinten und mit ihrer Lage Mitleid empfanden. Dann legte sie die Laute
wieder hin und fing wieder an zu klagen.
Als der Jüngling von Bagdad die Stimme des Mädchens hörte, wußte er,
daß zu seinem Glück der Kaufmann und das Mädchen, gleich dem Planeten
Jupiter und Venus in glückbringender Konstellation, auf dem Schiffe
seien. Trotzdem geduldete er sich und verriet sich nicht. Am folgenden
Tage gingen die Mitfahrenden ans Land, um Lebensmittel und Wasser zu
holen. Als das Schiff etwas leerer geworden war, benutzte er die
Gelegenheit, nahm die Laute des Mädchens und stimmte sie in einer
anderen Tonart, die nur das Mädchen kannte, da sie sie von ihm gelernt
hatte. Am Abend bat der Haschimit wieder das Mädchen, etwas zu spielen.
Das Mädchen nahm die Laute zur Hand. Kaum hatte sie sie mit dem
Plektron berührt, als sie alles begriff. Sie legte die Laute aus der
Hand und schwur, daß ihr früherer Herr, der Bagdader Kaufmann, auf dem
Schiffe sei. Der Haschimit sagte: „Das wäre ja schön. Wenn er doch nur
hier wäre, dann würde ich euch beide vereinigen und mir einen Lohn in
der anderen Welt und Glück in dieser verdienen.“ Das Schiff wurde
durchsucht und der Jüngling von Bagdad gefunden. Er rief ihn zu sich,
behandelte ihn mit großer Achtung und sagte: „Ich habe deine Sklavin
nicht angerührt. Da ich gesehen habe, daß deine Liebe zu ihr und ihre
Liebe zu dir nicht übertroffen werden kann, so schenke ich dir auch
ihren Kaufpreis. Vergeßt nicht, meiner im Gebete zu gedenken.“
Alle Mitfahrenden waren verwundert über die Liebe des Mädchens und des
Bagdader Jünglings und lobten den Großmut des Haschimiten. Danach
fragte dieser den Jüngling, wie es ihm gehe. Der fing an, ihm sein
Abenteuer zu erzählen. Zuerst habe er in Wohlstand gelebt und sei in
Bagdad ein sehr reicher Kaufmann gewesen, dann habe er sein ganzes
Vermögen wegen dieser Sklavin ausgegeben, und als er schließlich ganz
arm geworden, habe er sie an ihn verkauft. Während er in der Nacht an
einer öden Stelle schlief, habe ihm dann ein Dieb sein Geld gestohlen.
Alles erzählte er eingehend. Als der Haschimit dies hörte, flössen ihm
blutige Tränen aus den Augen, und er sagte: „Von heute ab sei nicht
mehr traurig. Ich habe keine Söhne und keine Familie. Mein Vermögen
genügt für euch und mich.“ Er faßte das Mädchen bei der Hand und gab
sie dem Jünglinge.
Die beiden Liebenden freuten sich am gegenseitigen Anblick und dankten
dem Haschimiten. Nachdem sie so einige Tage in Freude genossen hatten,
landete ihr Schiff wieder an der Küste, um Proviant einzunehmen.
Jedermann ging an Land, um seine Angelegenheiten zu erledigen. Er hielt
sich aber zu lange auf, und als er an das Ufer kam, hatte sich ein
günstiger Wind erhoben und die Schiffer hatten die Segel entfaltet und
waren davon gefahren. Der Jüngling von Bagdad fing in seiner
Verzweiflung an zu schreien, aber umsonst.
Der Haschimit kam mit der Sklavin nach Basra und sagte zu ihr: „Ich
hatte es übernommen, dich deinem früheren Herrn zu geben und mein
ganzes Vermögen euch zu schenken. Nun hat das Geschick es anders
gefügt, und der Jüngling ist verschwunden. Sage mir, was du nun für das
Richtige hältst. Ich will tun, was du willst.“
Das Mädchen antwortete: „Meine Absicht ist, daß du mir ein Kloster
baust, dort für den Jüngling von Bagdad ein Grab graben läßt und
darüber einen Sarkophag aufstellst. Dort will ich mich in der
Abgeschiedenheit religiösen Übungen hingeben und, wenn ich gestorben
bin, begrabt mich dort.“ Der Haschimit erfüllte den Wunsch des Mädchens
und tat, wie sie gesagt.
Als der Jüngling von Bagdad am Ufer des Meeres drei Tage gewartet
hatte, kam am vierten Tage ein Schiff, das, um Wasser zu holen, dort
anlegte. Er besprach sich mit dem Kapitän und bestieg das Schiff. Nach
verschiedenen Schwierigkeiten kam er nach Basra, fragte nach dem Hause
des Haschimiten und fand es nach einiger Mühe.
Als dieser ihn gesehen, fiel er ihm um den Hals und erwies ihm allerlei
Freundlichkeit. Der Jüngling fragte ihn, wie es dem Mädchen gehe. Der
Haschimit erzählte ihm, was geschehen war, und gab ihm einen Diener
mit, der ihn dorthin führte, wo das Mädchen sich befand.
Als die beiden treuen Liebenden sich wiederfanden, umarmten sie sich
und weinten so sehr, daß alle Leute sich wunderten und sich fragten, ob
es denn solche Liebe auf der Welt noch gebe. Nachdem sie ihn begrüßt
hatten, erfüllte der Haschimit sein Versprechen, wies ihnen das Kloster
zur Wohnung an und übernahm es, für ihren Unterhalt zu sorgen. So
lebten sie alle bis zu ihrem Tode sich gegenseitig beglückend.