36. DER KAISER VON CHINA UND DIE GRIECHISCHE PRINZESSIN

Einst herrschte über China ein mächtiger Kaiser, mit Namen Fagfur. Er

hatte einen sehr klugen und weisen Vezir, der zu jeder Zeit und ohne

besondere Erlaubnis das Gemach des Kaisers betreten durfte. Eines Tages

betrat der Vezir nach alter Gewohnheit das Zimmer, wo der Thron stand,

und traf den Kaiser Fagfur auf seinem Throne schlafend. Durch das

Eintreten seines Vezirs wachte er auf, ergriff sein Schwert und stürzte

auf den Vezir. Als er im Begriff war ihn zu töten, warfen sich die

Hofleute dem Kaiser zu Füßen und befreiten den Vezir mit genauer Not.

Als sich nach einiger Zeit der Zorn des Kaisers gelegt hatte, befragte

man ihn nach dem Grunde des Zornes. Da antwortete er: „Im Traume sah

ich ein hübsches Mädchen, wie ich noch keins in der Welt gesehen; doch

nicht nur ich, sondern auch das Firmament hat nie etwas derartiges

gesehen. Als ich vor Wonne in ihren Anblick versunken war, kam der

Vezir und weckte mich auf. Noch jetzt schwebt mir ihr Bild vor Augen,

und mein Herz denkt noch an sie.“

Der Vezir, der so klug und weise wie Aristoteles war, konnte mit einem

klugen Gedanken tausend Schwierigkeiten lösen. Gleichzeitig war er ein

so großer Meister in der Malerei, daß Mani und Behzad seine Schüler

hätten sein können, und daß von ihm gemalte lebende Wesen wirklich

lebten. Dieser Vezir bemühte sich nun, dem Kaiser in seiner Liebe zu

helfen. Er fragte also den Kaiser nach seinem Traume aus und malte nach

der Beschreibung und Darstellung des Kaisers ein Bild von dem Hause,

das er im Traume gesehen, und von der Schönheit und Lieblichkeit und

von der Gestalt des Mädchens. Dann erbaute er außerhalb der Stadt an

einer Stelle, wo die Wege sich kreuzten, eine Herberge und fragte alle

Ankommenden nach dem Orte und dem Mädchen, die das Bild darstellte.

Eines Tages kam ein Weltreisender. Als er das Bild sah, verfiel er in

Nachdenken und Staunen. Der Vezir fragte ihn nach der Ursache seines

Staunens. Der Reisende sagte: „Ich wundere mich darüber, daß dieses

Bild der Tochter des Kaisers von Rum gleicht.“ Als der Vezir dies vom

Reisenden erfuhr, wurde er froh und erkundigte sich nach diesem

Mädchen. Der Reisende sagte: „Dies ist das Bild der Prinzessin von Rum.

Obgleich sie sehr schön ist, will sie doch nicht heiraten. Der Grund

dafür ist der, daß, als sie eines Tages in einem Garten saß, in einem

Gebüsch ein Pfauenpaar Junge ausbrütete. Zufälligerweise entstand ein

Brand in dem Gebüsch. Als der männliche Pfau das Feuer sah, verließ er

das Weibchen und die Jungen. Das Weibchen blieb aus Liebe zu seinen

Jungen und verbrannte mit ihnen zu Asche. Als die Prinzessin die

Treulosigkeit des Pfauenmännchens und die Liebe des Weibchens sah,

gewann sie den Glauben, daß Treulosigkeit die Eigenschaft der Männer

sei, und daß alle Treulosigkeit in der Welt von ihnen ausgehe.

Infolgedessen darf in ihrer Gegenwart das Wort Mann nicht erwähnt

werden. Noch viel weniger denkt sie daran sich zu verheiraten.“

Als der Vezir dies von dem Reisenden erfuhr, freute er sich, ging zu

dem Kaiser Fagfur und erzählte ihm, was er gehört hatte, indem er sich

verpflichtete, sie ebenso verliebt in den Kaiser zu machen, wie dieser

sich in sie verliebt hatte.

Er bat um die Erlaubnis, nach Rum zu gehen, verkleidete sich

gleichfalls als Reisender und machte sich mit dem genannten Reisenden

zusammen auf den Weg. So kamen sie nach Rum, nach Konstantinopel. Der

Reisende zeigte dem Vezir den kaiserlichen Garten. Der Vezir zog das

Bild aus dem Busen und sah, daß es genau der paradiesische Ort war, den

Fagfur im Traume gesehen hatte. Nun wußte er sicher, daß das Mädchen,

in das sich der Kaiser verliebt hatte, die Prinzessin von Rum sei. Sie

überlegten, was nun zu tun sei.

Der Vezir ließ sich in einer Karawanserei nieder und fing an, Bilder zu

malen. Da diese von größter Feinheit waren, so wurde er bald so

bekannt, daß man der Prinzessin und ihrem Vater, dem Kaiser,

berichtete, daß ein großer Meister aus China gekommen sei. Die

Prinzessin, die Neigung zu heiterer Lebensfreude und Kunstgenuß hatte,

bat ihren Vater, den Kaiser von Rum, um die Erlaubnis, den Maler kommen

und ihr Wohngemach ausmalen zu lassen. Dieser erlaubte es, und der

Reisende rief den Vezir, dem die Ausmalung des Palastes der Prinzessin

übertragen wurde. Er war sehr sorgsam in der Ausführung seiner Aufgabe

und malte den paradiesischen Ort so aus, daß jeder erstaunt war. Als er

mit der Arbeit fertig war, malte er noch an die Wand des Zimmers, in

dem die Prinzessin am Tage saß und in der Nacht schlief, ein Gemälde

von seltener Feinheit. In der Mitte war ein wunderbarer großer Garten

mit lachenden Rosen, klagenden Nachtigallen, reifen Früchten und

stattlichen Bäumen. In diesem Garten stand ein schöner Pavillon, auf

dessen Throne malte er den Fagfur in seiner ganzen Schönheit und im

Glanze seiner Macht und Pracht. Außerhalb des Pavillons stellte er eine

Rasenflur dar, in deren Mitte ein prächtiger Garten war, bei dem man an

das Koranwort: „Ihnen sind Gärten bestimmt, unter welchen die Flüsse

fließen“ dachte. Das Wasser war so klar wie der Paradiesesbrunnen

Selsebil. In diesem Wasser war eine männliche Antilope mit ihren Jungen

ertrunken, während das Weibchen der Rasenflur gegenüber graste.

Nachdem er mit seiner Malerei fertig war und man das Schloß mit

Teppichen und Möbeln ausgestattet hatte, führte man die Prinzessin

hinein. Als sie das Bild sah, war sie erstaunt und sah es sich immer

wieder an, dann rief sie den Vezir und fragte ihn, was das alles zu

bedeuten habe. Dieser erkannte, daß jetzt die Gelegenheit für ihn

günstig sei, und daß er sie nicht aus der Hand lassen dürfe, und fing

an zu erzählen: „Dieser Garten ist der des jetzigen Kaisers von China,

und der, der auf dem Thron sitzt, ist er selbst. Da in diesem Garten

sich eine merkwürdige Sache ereignete, meidet er das weibliche

Geschlecht.“ Die Prinzessin fragte: „Was ist die Ursache davon?“ Der

Vezir sagte: „Eines Tages saß der Kaiser Fagfur nach alter Gewohnheit

in diesem Pavillon und genoß die Aussicht. Da kam ein Antilopenpaar, um

Wasser zu trinken. Da schwoll das Wasser plötzlich an und führte die

Jungen mit sich fort. Als das Männchen dies sah, warf es sich aus Liebe

zu seinen Jungen in das Wasser, um sie zu retten, und ertrank mit ihnen

zusammen. Das Weibchen aber kümmerte sich gar nicht darum, dachte nur

an seine eigene Rettung und ließ das Männchen und seine Jungen im

Stich. Als der Kaiser Fagfur die weibliche Antilope so treulos sah, da

glaubte er, daß das ganze weibliche Geschlecht so treulos sei, und mied

gänzlich den Umgang mit Frauen.“

Als die Prinzessin diese Geschichte hörte, sagte sie zu sich: „Bei

Gott, ich dachte, daß Treulosigkeit nur dem männlichen Geschlechte

eigen sei. Sie kommt also auch bei dem weiblichen vor.“ Dann versank

sie in Nachdenken und wandte sich dann mit folgenden Worten an den

Vezir: „Dieser Kaiser Fagfur, den du gemalt hast, paßt zu mir. Es ist,

als ob Gott mich seinetwegen bisher vor einer Heirat bewahrt hat. Solch

einen würdevollen Mann wünsche ich mir, und ich zweifle nicht, daß ich

ihm auch als Gattin angenehm bin.“

Als ihr Vater kam, bat sie ihn, sie mit dem Fagfur von China zu

verheiraten. Der Kaiser hatte nur auf den Wunsch seiner Tochter

gewartet, um sie zu verheiraten. Er schrieb sogleich einen Brief und

schickte einen Gesandten ab. Der Vezir ging als Reisender mit dem

Gesandten nach China zurück und erzählte dem Kaiser alles.

Als dann der Gesandte vorgelassen wurde, zeigte sich Fagfur äußerlich

etwas zurückhaltend, aber da es seinen Wünschen entsprach, sagte er:

„Ich hatte auf diese Liebe schon verzichtet, aber aus Rücksicht auf den

Kaiser willige ich ein.“ Er schickte sofort eine Antwort ab. Den Vezir

schätzte er noch mehr als früher und gab ihm Geld und Macht ohne Ende.

Nach einiger Zeit kam die Prinzessin mit ihrer ganzen Aussteuer

glücklich in China an, und der Kaiser von China erlangte alles, was er

sich gewünscht hatte.

Türkische Märchen · 第 58 / 91 题