Darauf erzählte die Frau:
„Ibrahim Edhem, der König von Balch, ging einst während seiner
Regierung auf die Jagd. Während er im Freien aß, sah er, daß plötzlich
eine Biene kam, ein Stück Brot vom Tische nahm und wieder davonflog.
Ibrahim Edhem wurde durch diesen Vorgang in seinem Innern bewegt und
folgte der Biene, die zu einem Baume flog und sich an dessen Fuße
niederließ. Ibrahim Edhem sah, daß am Fuße ein blinder Sperling saß.
Als dieser das Summen der Biene vernahm, öffnete er seinen Schnabel,
und die Biene brach das Brot, das sie vom Tische genommen hatte, in
drei Teile und steckte eins nach dem andern dem blinden Sperling in den
Schnabel. Dann flog die Biene wieder davon.
Als Ibrahim Edhem dies wunderbare Wirken Gottes sah, da entsagte er
ganz der Welt und wandte sich Gott zu.
Sollte daher, mein Gatte, — fuhr die Frau fort — Gott, der Allernährer,
der einem blinden Sperling in der Wüste seine Nahrung sendet, dir nicht
auch deinen Unterhalt geben? Warum gibst du dich also so bösen Gedanken
hin?“
Der Seidenspinner antwortete: „Was du sagst, Frau, das ist Ergebung in
den Willen Gottes. Das ist auch etwas Gutes, aber eigenes Bemühen ist
etwas anderes und das begreifst du nicht. Man sagt: ‚Der angebundene
Löwe erjagt kein Wild‘ und ‚das Pferd, das nicht läuft, kommt nicht zum
Ziel und gewinnt nicht den Wettpreis.‘ Ich für mein Teil bin
entschlossen, in ein anderes Land zu gehen.“ Mit diesen Worten
verabschiedete er sich von seiner Frau und machte sich auf den Weg.
So kam er nach der Stadt Nischapur. Als er einige Zeit seinem Gewerbe
nachgegangen war, erwarb er nach Wunsch Geld und sagte zu sich: „Wenn
ich von heute ab noch vierzig bis fünfzig Jahre lebe, so kann ich
bequem in meiner Heimat, ohne zu arbeiten, glücklich damit auskommen.“
Er brach von Nischapur auf, um nach dem Irak aufzubrechen. Unterwegs
mußte er an einem gefährlichen Orte zu Nacht bleiben. Der Schlaf
überwältigte ihn. Im Schlaf sah er zwei schön gestaltete Vögel sich auf
die Erde niederlassen, und der eine fragte den andern: „Wer bist du?“
Die beiden schienen sich nicht zu kennen. Da sagte der eine Vogel: „Ich
bin das Abbild des Fleißes und Eifers dieses Seidenspinners.“ Der
andere sagte: „Ich bin das Abbild seines Glückes. In seinem
Schicksalsbuch steht geschrieben, daß er nie weltliche Schätze, die er
aufsparen und vergraben könnte, haben wird. Denn Gott, der Allmächtige
und Allweise, ist seinen Dienern gegenüber barmherziger als Vater und
Mutter. Da sein ewiges Wissen alles umfaßt, was eines jeden
Charakteranlage passend ist, so schenkt er seinen Knechten allerlei
Gnadengaben, wie sie ihm heilsam sind. Wessen Charakter rein und bei
wem der Spiegel seines Herzens von Aufrichtigkeit glänzt, wessen
Frömmigkeit, je mehr sein Reichtum wächst, um so mehr an Milde und
Würde zunimmt, dem setzt Gott die Königskrone auf und bekleidet ihn mit
dem Königsmantel, von wem er aber weiß, daß sein Charakter zur Zeit des
Reichtums zum Übermut neigen würde, dem gibt er sein tägliches Brot
ratenweise, damit die Armut ihm heilsam sei und er vor Übermut bewahrt
bleibe. Also du, Seidenspinner, willst du mit deinem Gelde gehen und
dich deinem Schicksal entgegenstellen?“ Mit den Worten des Korans: „Es
gibt niemand, der Gottes Beschluß rückgängig machen oder seine
Entscheidung umstoßen könnte“, ergriff er seinen Geldbeutel und rief
den Ibn almirrich herbei. Sofort erschien jemand, der wie der Mars
(Mirrich) und wie ein Henker aussah. Diesem lud er das Geld auf, und
die drei verschwanden aus den Augen des Seidenspinners.
Als er aus diesem schrecklichen Traume aufwachte, sah er mit eigenen
Augen, daß die Geschichte Wirklichkeit war, und daß sein Geld mit dem
Beutel verschwunden war. Der arme Seidenspinner war hierüber entsetzt,
suchte überall, fand aber keine Spur von seinem Gelde. Aus Scham vor
seiner Frau und den anderen Leuten konnte er nicht nach der Stadt im
Irak gehen und wandte sich wieder nach Nischapur und widmete sich
seinem Gewerbe. Nach kurzer Zeit hatte er mehr Geld als das erste Mal
verdient und wollte nun ins Irak, in seine Heimat, zurückreisen. Wieder
mußte er übernachten. Während er schlief, hatte er denselben Traum. Das
Abbild des Glücks sprach zu dem des Fleißes: „Du Tor, quäle dich doch
nicht nutzlos, mehr zu erwerben, als der Herr der Welten in seiner
ewigen Weisheit bestimmt hat. Das hatte ich dir schon vorher gesagt.
Warum begehst du die Torheit und Sünde, Gott zuwider zu handeln?“ Da
entschuldigte ihn das Abbild des Fleißes und sagte: „Verzeihe, wir
haben die Gewohnheit, daß wir jeden, der arbeitet und unser Gewand
flehend anfaßt, in seinen Bestrebungen nicht schädigen und auf jeden
Fall sein Ziel erreichen lassen. Wenn er dann deine Hilfe hat, so hat
er Erfolg, wenn nicht, so nützt unser Eifer nichts. Jedes Verlangen
hängt von dir ab. Wer dein Wohlwollen hat, braucht sich nicht zu
bemühen. Mag er auch ein noch so großer Verschwender sein, sein
Vermögen vermindert sich nicht.“
Als der Seidenspinner aufwachte und von seinem Gelde nichts vorfand,
wußte er, daß sein Traum Wirklichkeit war. Da sagte er sich, daß es
Sünde sei, auf dem Wege der Widersetzlichkeit weiter zu wandeln, und
daß er mit dem, was ihm von Ewigkeit her bestimmt war, zufrieden sein
müsse. Er ging also in seine Vaterstadt und erzählte das, was ihm
passiert war, seiner Frau. Diese sagte: „Wie oft hatte ich dich
gewarnt, aber du wolltest nicht hören. Dir ist das gleiche passiert,
wie dem Schakal in der Geschichte.“
Der Seidenspinner fragte: „Was ist das für eine Geschichte?“ Die Frau
erzählte:
„In alter Zeit hatte jemand ein Kamel, das so räudig geworden war, daß
infolge seiner Fieberhitze das rote Fleisch zum Vorschein gekommen war.
Da kein Mittel helfen wollte, so trieb der Besitzer das Kamel in die
Wüste. Als es nun allein in der Wüste ging, lag ein Schakal im
Hinterhalt vor einem Mauseloch und wartete auf Mäuse. Als er es sah,
gab er die Mäuse auf und folgte dem Kamel, denn er dachte, daß es seine
Beute werden würde. Seine Genossin, das Schakalweibchen, warnte ihn und
sagte: ‚Gib aus Habgier nicht die Beute, die du in der Hand hast, auf!
Begnüge dich mit wenigem! Es ist sehr wahrscheinlich, daß du, während
du Größeres suchst, auch das Kleinere nicht erlangst und dann
enttäuscht dastehst.‘
Der Schakal antwortete: ‚Sich mit Geringem zu begnügen, ist nur etwas
für gewöhnliche Leute, aber ich habe ein hohes Streben. Eine so große
Beute aufzugeben und Mäuse zu fangen, kommt mir nicht in den Sinn, und
ich begnüge mich nicht mit so niedriger Beute.‘
Er folgte dem Kamel zwei bis drei Tage, erreichte aber nicht seinen
Wunsch und hatte die nahe Beute auch aus der Hand gelassen, so daß er
mit leerer Hand und hungrigem Magen zu seinem Weibchen zurückkehrte.
Diese sagte zu ihm: ‚Mit deiner täglichen Nahrung warst du nicht
zufrieden, deswegen hast du nun Elend und Mühe ausstehen müssen.‘“
Der Seidenspinner bereute nun seine Habgier und war mit dem zufrieden,
was ihm von Ewigkeit her bestimmt war.