In einer Stadt Iraks lebte ein Seidenspinner. Er konnte ein Haar in
vierzig Strähnen teilen und war jeden Augenblick an der Arbeit. Trotz
seines Eifers konnte er nicht mehr verdienen, als er gerade für den Tag
brauchte. Er hatte einen Freund, der Wollkrempler war. Eines Tages
besuchte er ihn und fand sein Haus mit allerlei Kostbarkeiten angefüllt
und seine Kleider und Wertsachen in Menge vorhanden. Hierüber wunderte
er sich und sagte zu sich: „Ich gehe Tag und Nacht zu Königen und
Fürsten und arbeite ihrer würdige Sachen, dieser Wollkrempler dagegen
reinigt nur Baumwolle und Wolle. Während er zu solchem Reichtum gelangt
ist, bin ich vor Armut nahe am Sterben. Was kann Gott damit bezweckt
haben?“ Mit diesem Gedanken kam er nach Hause zurück und setzte sich
hin, versunken in das Meer des Nachdenkens und der Aufregung. Seine
Frau kam zu ihm und fragte ihn nach seiner Traurigkeit. Der
Seidenspinner erzählte ihr den Grund seines Nachdenkens und sagte zu
ihr: „Frau, ich bin nun entschlossen, diese Stadt zu verlassen und in
ein anderes Land zu gehen, denn in dieser Stadt kann ich meinen
Unterhalt nur mit Mühe verdienen. Ich will also in eine Stadt gehen,
die meine Kunstfertigkeit zu würdigen weiß, und dort werde ich bequem
leben. Außerdem sagen auch die Weisen: ‚Wenn der Halbmond nicht
wandert, wird er kein Vollmond, und wenn die Perle nicht die Muschel
verläßt, wird ihr Wert nicht erkannt.‘“ Seine Frau sagte:
„Seidenspinner, deine Gedanken sind töricht und sinnlos. Gott hat im
Koran gesagt: ‚Wir haben einem jeden seinen Unterhalt zugeteilt‘, und
jedes Tier hat seine Nahrung, gemäß dem Koranverse: ‚Jedes Tier hat
seine Nahrung von Gott.‘ Niemand kann durch Eifer und Sorgfalt mehr als
seine ihm zugewiesene Nahrung erwerben. Wenn du dich einer Sache, die
dir bestimmt ist, entziehen wolltest, so würde sie dich doch erreichen,
und wenn du dich jahrelang bemühen würdest, mehr, als dir zugedacht
ist, zu erreichen, so wirst du es nie erlangen. Die Geschichte des
Ibrahim Edhem, des Königs von Balch — Gott habe ihn selig! —, der sich
mit dem begnügte, was die ewige Vorsehung ihm zuwies, und in das Reich
der Seligen einging, indem er sein Königtum aufgab, ist für alle, die
sie hören, eine ernste Mahnung und Warnung.“