30. DER KAUFMANN UND DER KÖNIG DER TIERE

In den Märchenbüchern steht geschrieben, daß im Gebiete von Kedscherwan

ein Kaufmann, Namens Sadri, lebte. Nach Gottes Ratschluß

verschlechterte sich seine Lage von Tag zu Tag, so daß er ganz arm

wurde. Nach dem Sprichwort: „Sich regen bringt Segen“, beschloß er sich

auf Reisen zu begeben. Er machte sich also auf den Weg und kam in einen

Wald. Nun hatte ein Löwe sich diese Gegend unterworfen, und kein

Fremder durfte sie betreten. Die Antilope und die Gazelle waren seine

Vezire und leiten den Löwen auf den Pfad des Rechts. Durch Gottes Gnade

waren die Antilope und die Gazelle gerade in der Nähe des Löwen.

Als der Kaufmann Sadri den Löwen sah, war er ganz verwirrt, fing an zu

zittern und stand ratlos da. Wenn er zurückging, würde der Löwe ihn von

hinten einholen und töten, wenn er geradeaus ging, würde er aus freien

Stücken an den Ort des Verderbens eilen. Da er schließlich nicht wußte,

was er tun sollte, schaute er verlegen vor sich hin.

Die Antilope und die Gazelle waren von gutmütigem Charakter und

freundlichem Benehmen. Als sie den armen Sadri sahen, hatten sie

Mitleid mit ihm und griffen zur List, denn sie wußten, daß der Löwe ihn

nicht schonen, sondern töten würde. Um Sadri zu retten, gingen sie zum

Löwen, lobten ihn ins Gesicht und sagten: „Möge Gott, der Höchste, dem

Könige der Tiere langes Leben und Macht geben! Da sogar die Menschen

gehört haben, daß alle Tiere unter dem Schutz deiner Gerechtigkeit

zufrieden und froh leben, so ist ein Mensch zu deiner Schwelle gekommen

und hofft auf deine Güte. Aber vor deiner Majestät ist er verwirrt und

wagt nicht, ohne Erlaubnis einzutreten. Wenn du die Erlaubnis gewährst,

will er den Staub deiner Füße küssen.“

Der Löwe freute sich sehr über ihre Rede und gab die Erlaubnis. Auf

Anweisung der Antilope und der Gazelle ging er zum Empfang bei dem

Löwen, küßte verwirrt den Erdboden und erfüllte die Erfordernisse der

Hofetikette.

Nun hatte der Löwe in einem Engpaß mehrere Karawanen vernichtet und ihr

Geld und ihre Edelsteine geraubt. Er schüttete diese vor Sadri aus und

sagte: „Nimm dir davon, soviel du willst!“ Dieser nahm von dem Gelde,

soviel er konnte, und kehrte wieder in seine Heimat zurück. Er

verkaufte davon so viel, um seine Schulden zu bezahlen, und vergrub den

Rest in einem Winkel seines Hauses.

In seiner Habgier bereute er es, nicht alles Gold und alle Edelsteine,

die der Löwe hatte, genommen zu haben, und ging wieder an die Stelle,

wo sich der Löwe befand, ohne zu bedenken, wie trügerisch das Schicksal

ist, und daß der Habgierige schließlich enttäuscht wird. Kurz, er

befand sich an der bewußten Stelle dem Löwen gegenüber.

Aber an diesem Tage befanden sich bei dem Löwen von seinen Hofleuten

der Wolf und der Schakal. Da diese von Natur böswillig waren, so

leiteten sie den Löwen nie zum Guten. Um den Löwen aufzureizen, sagten

sie: „König der Tiere, warum beschützt du nicht diese Gegend? Was ist

das für eine Unachtsamkeit, daß die Menschen ohne Erlaubnis deine

Residenz betreten und die Regeln, die deine Majestät vorgeschrieben,

verachten? Die Menschen sind überhaupt ein unverschämtes Geschlecht,

und ihre Schlechtigkeiten auf der Erde sind viel, so daß es zu deinen

dringendsten Aufgaben gehört, sie in die Schranken zu weisen.“ So

brachten sie den Löwen in äußerste Wut, so daß er Sadri angriff, um ihn

zu zerreißen und zu zerstückeln.

Als Sadri sah, daß die Antilope und die Gazelle nicht bei dem Löwen

waren und der Wolf und der Schakal mit ihrer Tücke den Löwen gegen ihn

aufgebracht hatten, da erkannte er, daß er in sein Verderben gerannt

war. Er kletterte aus Furcht für sein Leben auf einen Baum und

erreichte das Gestade der Sicherheit.

Der Löwe war sehr zornig und schlug den Baum mit seinem Schweife, um

ihn auszureißen. Da erschien die Antilope und die Gazelle, und der Wolf

und der Schakal zogen sich zurück, da ihre Gegenwart nicht mehr so

erwünscht war. Die Gazelle und die Antilope sahen, daß der Mann aus

Habgier wiedergekommen war und sich den Zorn des Löwen zugezogen hatte.

Sie wußten ganz klar, daß der Löwe ihn in Stücke reißen würde.

Deswegen regte sich ihr Mitleid und sie bemühten sich, ihn zu befreien.

Sie traten vor den Löwen, küßten ehrfurchtsvoll den Erdboden und

sagten: „Mächtiger König und Kaiser, Gott dem Höchsten sei Dank, daß er

seiner Diener Gebete erhört hat und daß uns durch ihn soviel Erfolg

beschert wurde. Kann es eine größere Gnade Gottes geben als, daß auf

der ganzen Erde Tiere und Menschen dich loben und preisen und für die

Dauer deiner Herrschaft beten, aber auch die in der Luft fliegenden

Vögel und die in den Höhen schwebenden Engel steigen auf die Zweige der

Bäume als Kanzeln, um deine Güte und Gnade zu preisen, und loben mit

beredten Worten deine Herrschaft.“

Als der Löwe diese besänftigenden Worte hörte, legte sich sofort sein

Grimm und er sagte: „Möge Gott es euch vergelten! Wenig fehlte und ich

hätte dem Worte der andern vertrauend diesen unschuldigen armen

Kaufmann getötet. Sagt ihm, er soll sich nicht fürchten und für mich

weiter beten.“ Dann wandte er sich seiner Wohnung zu. Die Gazelle und

die Antilope ließen Sadri entwischen. Ohne ihre Bemühungen wäre er

sicher wegen seiner Habgier umgekommen.

Türkische Märchen · 第 51 / 91 题