22. DER INDISCHE KAUFMANN UND DER PAPAGEI

In alter Zeit lebte in Indien ein Kaufmann, der einen weisen und klugen

Papagei besaß. Er hatte ihn von seinem Vater geerbt. Der Kaufmann hatte

diesen Papagei als Wächter für sein Haus eingesetzt. Am Tage ging der

Kaufmann auf Erwerb aus, und wenn er abends nach Hause kam, fragte er

den Papagei nach seiner Frau, und wer das Haus besucht und verlassen

habe. Der Papagei berichtete auch alles genau. So vergingen einige

Jahre.

Eines Tages mußte dieser Kaufmann nach Chorasan reisen. Er vertraute

sein ganzes Haus dem Papagei an und sagte zu ihm: „Was auch passiert,

erzähle es mir, wenn ich wiederkomme.“ Seiner Frau trug er auf, für den

Papagei zu sorgen und es an nichts fehlen zu lassen. Dann

verabschiedete er sich und ging auf seine Geschäftsreise.

Danach vergingen einige Tage. Eines Tages verliebte sich seine Frau in

einen Jüngling. Als eines Abends in ihrem Haus kein Fremder war, lud

sie den Jüngling in ihr Haus ein. Sie vergnügten sich bis zum Morgen.

Außer dem Papagei merkte niemand im Hause etwas davon. Nach einiger

Zeit kam der indische Kaufmann von seiner Geschäftsreise zurück,

unterhielt sich mit seiner Frau und fand im Hause alles in schönster

Ordnung. Dann trat er an den Käfig des Papageis und fragte ihn, was im

Hause passiert sei. Der sagte aber nichts von dem schimpflichen Verkehr

seiner Frau mit dem Jünglinge. Aber der indische Kaufmann ahnte von dem

Treiben seiner Frau aus den Witzreden und Spöttereien einiger treuer

Freunde, denen er vertraute, und das Feuer der Eifersucht verbrannte

sein Inneres. Er faßte den Entschluß, seine Frau zu töten,

verheimlichte diesen Plan aber in seinem Innern und zeigte sich

äußerlich freundlich gegen seine Frau. Diese schöpfte jedoch aus seinem

Verhalten Verdacht, daß ihr Mann von dem Geheimnis wisse. Sie sagte zu

sich: In diesem Falle hat sicherlich der Papagei es ausgeplaudert, da

sonst niemand etwas davon weiß. Sie faßte einen Groll gegen den armen

Papagei und wartete auf eine Gelegenheit, wie sie sich rächen konnte.

Eines Tages stand sie auf, öffnete den Käfig des Papageis, nahm ihn

heraus, rupfte ihm seine Flügel- und Schwanzfedern aus und warf ihn aus

dem Fenster. Dann fing sie an zu schreien: „Die Katze hat den Papagei

geholt.“

Von ihrem Geschrei wachte der indische Kaufmann auf und fragte seine

Frau. Sie sagte wieder: „Die Katze hat den Papagei gefressen.“ Als der

indische Kaufmann an den Papageien, den treuen Wächter seines Hauses

dachte, wurde er sehr traurig und weinte.

Als der bedauernswerte Papagei ohne sein Verschulden vom Unglück

betroffen wurde, befürchtete er, daß er, wie er aus dem Fenster

geworfen wurde, noch in ein größeres Unglück geworfen werden und

sterben könnte. In der Nähe jenes Hauses war ein großer Tempel. Dorthin

ging er, blieb in einer Ecke, ernährte sich von den Überbleibseln der

Mahlzeit der Mönche und von den Brocken, die sie wegwarfen, und verbarg

sich dann wieder.

Nach einigen Tagen jagte der indische Kaufmann, der es nun nicht mehr

aushalten konnte, seine Frau aus dem Hause. Aus Furcht vor dem

indischen Kaufmann nahm niemand die Frau in sein Haus auf. Auch der

Jüngling, der der Geliebte der Frau war, weit entfernt als Mann der

Frau aufzutreten, kam nicht einmal aus dem Hause hervor. Da die Frau

also von allen verlassen war, ging sie in den Tempel, der der

Zufluchtsort aller Heimatlosen war, und diente dort Tag und Nacht dem

Götzen.

Der Papagei sah immer, in welcher Lage sich die Frau befand. Eines

Abends kam die Frau wieder nach ihrer alten Gewohnheit. Beim Gebet

sprach sie unter Weinen und Jammern von ihrer Lage. Da gerade niemand

im Tempel war, ging der kluge Papagei hinter das Götzenbild und sprach

mit lauter Stimme: „Frau, ich habe dein Gebet erhört und dich meines

Erbarmens für wert erfunden. Ich werde das Herz des Kaufmanns wieder in

Neigung und Liebe dir zuwenden, und er wird bereuen, was er getan. Aber

du tue gehorsam, was ich dir befehle. Rasiere dir Brauen, Wimpern und

Haar, damit du deinen Wunsch erreichst.“ Sofort zog die Frau ein

Rasiermesser hervor und wollte ihre Brauen, Wimpern und Haare rasieren.

Da erschien der Papagei hinter dem Götzenbild und sagte: „O du

Unverständige, mit diesem schwachen Verstande glaubtest du Freund und

Feind unterscheiden zu können! Du hast deinen dir wohlwollenden Freund

in diese Not und dich selbst in dieses Unglück gebracht! Also bei dem

erhabenen Gott, dem Kenner des Verborgenen! Ich habe von dem bewußten

Geheimnis niemandem etwas verraten und dem indischen Kaufmanne nur

Gutes von dir gesagt. Wenn du mich nicht so der Verachtung preisgegeben

hättest, hätte ich dir nützlich sein können, denn der Kaufmann würde

mich nach dem bewußten Geheimnis gefragt haben und ich hätte ihn mit

allerlei Listen beruhigt, und so wärest weder du in ein solches Unglück

durch deinen Mann gekommen, noch hättest du deinen Geliebten verloren.

Doch ich will nicht bei dem verweilen, was du getan hast, und will

nicht vergessen, daß ich dir durch deine früheren Wohltaten

verpflichtet bin. Dies Unglück ist mir ja auch durch ewigen göttlichen

Ratschluß bestimmt gewesen. Deine Schuld ist es nicht, denn dich habe

ich äußerst unverständig erfunden. Wenn du nur eine Spur von Verstand

hättest, würdest du nicht Götzen angebetet und von ihnen Hilfe erhofft

haben und hättest nicht geglaubt, daß meine Worte ein Götze gesprochen

habe. Kann Stein oder Holz reden? Nur mit Gottes Erlaubnis haben sie

als Wundertat für die Propheten geredet. Nun, komme, gib den

Aberglauben auf, nimm den wahren Glauben an, bereue deinen Unglauben

und bitte Gott um Verzeihung. Ich werde hingehen und veranlassen, daß

der indische Kaufmann seine Tat bereut und dir wieder seine Liebe

zuwendet.“

Die Frau war damit einverstanden und trat zum Islam über. Der Papagei

ging sofort in das Haus des Kaufmanns. Als der Kaufmann den Papagei

sah, stand er sofort auf, faßte ihn mit größter Freude, küßte und

liebkoste ihn und fragte ihn, wie es ihm gehe. Der Papagei sagte: „Ich

war zwar gestorben, aber der allmächtige Gott hat mich mit neuem Leben

beschenkt.“ Der Kaufmann sagte: „Wie kann ein Gestorbener wieder

lebendig werden?“ Der Papagei sagte: „Hast du die Geschichte Abrahams —

Heil sei über ihm — nicht gehört?“ Der Kaufmann sagte: „Ich habe sie

nicht gehört. Erzähle, damit ich zuhöre, wie die Geschichte ist.“

Der Papagei sagte: „Es wird berichtet, daß einst Abraham der Gedanke in

den Sinn kam: ‚Wie können wohl die voneinander getrennten und

verstreuten Gliedmaßen wieder vereinigt werden? Ach, Gott, zeige es

mir, damit mein Herz ruhig sei!‘ Sofort kam von Gott, dem Herrn der

Welten, die Antwort: ‚O Abraham, nimm vier Vögel, schneide ihnen die

Köpfe ab, mische die Teile durcheinander, schütte sie ordentlich

durcheinander und bringe sie in Unordnung. Danach mache aus den

ungeordneten Gliedmaßen vier Teile, trage sie auf vier Berge und

behalte die Köpfe davon bei dir. Dann sollst du ein Wunder erleben.‘

Abraham — Heil sei über ihm — tat, wie ihm befohlen. Sofort kamen die

Vögel ohne Kopf zu Abraham und ihre zerstreuten Glieder hatten sich

vereinigt und neues Leben erhalten, wie dies im heiligen Koran deutlich

erzählt wird. Gott, der Allmächtige, kann die Toten wieder ins Leben

rufen und alles, was er will, beleben. Auch mir hat er aus seiner

Gnadenfülle heraus neues Leben geschenkt.“

Der indische Kaufmann sagte: „Was muß das für ein großer Gott sein, der

Tote ins Leben rufen kann! Ist er etwa größer als unsere Götter?“ Der

Papagei antwortete: „Ach, Herr, Eure Götzen sind aus Stein oder Holz

gearbeitete, seelenlose Dinge, deren Schöpfer Gott, der Allmächtige,

ist.“

Der indische Kaufmann sagte: „Ach, Papagei, tu mir den Gefallen und

führe mich zu ihm.“ Der Papagei lehrte ihn die Worte des

Glaubensbekenntnisses. Der indische Kaufmann wurde Muslim und sagte zum

Papagei: „Ich weiß jetzt, daß Gott, der Allmächtige, die Toten

auferwecken kann, aber was war der Grund, dich zu erwecken?“

Der Papagei sagte: „Ach, Herr, nachdem mich dies betroffen und ich

gestorben war, wurde deine Gattin der Gegenstand einer Verleumdung, an

die zu glauben dich ihre Feinde veranlaßten. Du wurdest zornig auf

deine Gattin und brachtest sie in Unehre. Die arme Frau kam in den

Götzentempel und betete dort. Da ihr unrecht geschehen war und sie

schuldlos war, so wurde sie durch göttliche Leitung Muslimin. Hierdurch

wurde sie froh, und ihr verwüstetes Herz fand wieder Frieden. Danach

flehte sie zu Gott: ‚Ach, Gott, du kennst alle Geheimnisse und

Heimlichkeiten, du weißt auch, wie es mir ergangen ist. Mein Gemahl hat

dem Worte der Feinde geglaubt und mich in diese Lage gebracht. Auch der

Papagei ist nicht mehr am Leben, der meine Unschuld bezeugen und meinen

Gatten bewegen könnte, mich wieder anzunehmen. Ach, Gott, bei deiner

Gnadenfülle flehe ich dich an, erwecke den Papagei wieder zum Leben.‘

Als sie so sprach, gab mir Gott, der Höchste, sofort durch den Segen

der Reinheit deiner Frau neues Leben. Ich bezeuge also die Reinheit

jener unschuldig Verfolgten. Kein Fremder hat ihr reines Gewand

gesehen. Durch den Segen ihres Gebetes bin ich wieder lebendig und du

Muslim geworden. Auf diese Weise sei überzeugt, daß deine Frau rein

ist, ja du hast die deutlichsten und zwingendsten Beweise, daß sie eine

Heilige ist.“

Der indische Kaufmann glaubte diesen Worten, ging sofort in den Tempel,

küßte seiner Frau Hände und Gesicht, flehte sie um ihre Fürbitte und

bat sie, ihm sein Vergehen zu verzeihen. Da lobte und pries die Frau

den Verstand, die Klugheit, Weisheit und Treue des Papageien und

bereute die unwürdige Behandlung, die sie ihm vorher zugefügt hatte.

Türkische Märchen · 第 43 / 91 题