In alter Zeit lebte in Indien ein Kaufmann, der einen weisen und klugen
Papagei besaß. Er hatte ihn von seinem Vater geerbt. Der Kaufmann hatte
diesen Papagei als Wächter für sein Haus eingesetzt. Am Tage ging der
Kaufmann auf Erwerb aus, und wenn er abends nach Hause kam, fragte er
den Papagei nach seiner Frau, und wer das Haus besucht und verlassen
habe. Der Papagei berichtete auch alles genau. So vergingen einige
Jahre.
Eines Tages mußte dieser Kaufmann nach Chorasan reisen. Er vertraute
sein ganzes Haus dem Papagei an und sagte zu ihm: „Was auch passiert,
erzähle es mir, wenn ich wiederkomme.“ Seiner Frau trug er auf, für den
Papagei zu sorgen und es an nichts fehlen zu lassen. Dann
verabschiedete er sich und ging auf seine Geschäftsreise.
Danach vergingen einige Tage. Eines Tages verliebte sich seine Frau in
einen Jüngling. Als eines Abends in ihrem Haus kein Fremder war, lud
sie den Jüngling in ihr Haus ein. Sie vergnügten sich bis zum Morgen.
Außer dem Papagei merkte niemand im Hause etwas davon. Nach einiger
Zeit kam der indische Kaufmann von seiner Geschäftsreise zurück,
unterhielt sich mit seiner Frau und fand im Hause alles in schönster
Ordnung. Dann trat er an den Käfig des Papageis und fragte ihn, was im
Hause passiert sei. Der sagte aber nichts von dem schimpflichen Verkehr
seiner Frau mit dem Jünglinge. Aber der indische Kaufmann ahnte von dem
Treiben seiner Frau aus den Witzreden und Spöttereien einiger treuer
Freunde, denen er vertraute, und das Feuer der Eifersucht verbrannte
sein Inneres. Er faßte den Entschluß, seine Frau zu töten,
verheimlichte diesen Plan aber in seinem Innern und zeigte sich
äußerlich freundlich gegen seine Frau. Diese schöpfte jedoch aus seinem
Verhalten Verdacht, daß ihr Mann von dem Geheimnis wisse. Sie sagte zu
sich: In diesem Falle hat sicherlich der Papagei es ausgeplaudert, da
sonst niemand etwas davon weiß. Sie faßte einen Groll gegen den armen
Papagei und wartete auf eine Gelegenheit, wie sie sich rächen konnte.
Eines Tages stand sie auf, öffnete den Käfig des Papageis, nahm ihn
heraus, rupfte ihm seine Flügel- und Schwanzfedern aus und warf ihn aus
dem Fenster. Dann fing sie an zu schreien: „Die Katze hat den Papagei
geholt.“
Von ihrem Geschrei wachte der indische Kaufmann auf und fragte seine
Frau. Sie sagte wieder: „Die Katze hat den Papagei gefressen.“ Als der
indische Kaufmann an den Papageien, den treuen Wächter seines Hauses
dachte, wurde er sehr traurig und weinte.
Als der bedauernswerte Papagei ohne sein Verschulden vom Unglück
betroffen wurde, befürchtete er, daß er, wie er aus dem Fenster
geworfen wurde, noch in ein größeres Unglück geworfen werden und
sterben könnte. In der Nähe jenes Hauses war ein großer Tempel. Dorthin
ging er, blieb in einer Ecke, ernährte sich von den Überbleibseln der
Mahlzeit der Mönche und von den Brocken, die sie wegwarfen, und verbarg
sich dann wieder.
Nach einigen Tagen jagte der indische Kaufmann, der es nun nicht mehr
aushalten konnte, seine Frau aus dem Hause. Aus Furcht vor dem
indischen Kaufmann nahm niemand die Frau in sein Haus auf. Auch der
Jüngling, der der Geliebte der Frau war, weit entfernt als Mann der
Frau aufzutreten, kam nicht einmal aus dem Hause hervor. Da die Frau
also von allen verlassen war, ging sie in den Tempel, der der
Zufluchtsort aller Heimatlosen war, und diente dort Tag und Nacht dem
Götzen.
Der Papagei sah immer, in welcher Lage sich die Frau befand. Eines
Abends kam die Frau wieder nach ihrer alten Gewohnheit. Beim Gebet
sprach sie unter Weinen und Jammern von ihrer Lage. Da gerade niemand
im Tempel war, ging der kluge Papagei hinter das Götzenbild und sprach
mit lauter Stimme: „Frau, ich habe dein Gebet erhört und dich meines
Erbarmens für wert erfunden. Ich werde das Herz des Kaufmanns wieder in
Neigung und Liebe dir zuwenden, und er wird bereuen, was er getan. Aber
du tue gehorsam, was ich dir befehle. Rasiere dir Brauen, Wimpern und
Haar, damit du deinen Wunsch erreichst.“ Sofort zog die Frau ein
Rasiermesser hervor und wollte ihre Brauen, Wimpern und Haare rasieren.
Da erschien der Papagei hinter dem Götzenbild und sagte: „O du
Unverständige, mit diesem schwachen Verstande glaubtest du Freund und
Feind unterscheiden zu können! Du hast deinen dir wohlwollenden Freund
in diese Not und dich selbst in dieses Unglück gebracht! Also bei dem
erhabenen Gott, dem Kenner des Verborgenen! Ich habe von dem bewußten
Geheimnis niemandem etwas verraten und dem indischen Kaufmanne nur
Gutes von dir gesagt. Wenn du mich nicht so der Verachtung preisgegeben
hättest, hätte ich dir nützlich sein können, denn der Kaufmann würde
mich nach dem bewußten Geheimnis gefragt haben und ich hätte ihn mit
allerlei Listen beruhigt, und so wärest weder du in ein solches Unglück
durch deinen Mann gekommen, noch hättest du deinen Geliebten verloren.
Doch ich will nicht bei dem verweilen, was du getan hast, und will
nicht vergessen, daß ich dir durch deine früheren Wohltaten
verpflichtet bin. Dies Unglück ist mir ja auch durch ewigen göttlichen
Ratschluß bestimmt gewesen. Deine Schuld ist es nicht, denn dich habe
ich äußerst unverständig erfunden. Wenn du nur eine Spur von Verstand
hättest, würdest du nicht Götzen angebetet und von ihnen Hilfe erhofft
haben und hättest nicht geglaubt, daß meine Worte ein Götze gesprochen
habe. Kann Stein oder Holz reden? Nur mit Gottes Erlaubnis haben sie
als Wundertat für die Propheten geredet. Nun, komme, gib den
Aberglauben auf, nimm den wahren Glauben an, bereue deinen Unglauben
und bitte Gott um Verzeihung. Ich werde hingehen und veranlassen, daß
der indische Kaufmann seine Tat bereut und dir wieder seine Liebe
zuwendet.“
Die Frau war damit einverstanden und trat zum Islam über. Der Papagei
ging sofort in das Haus des Kaufmanns. Als der Kaufmann den Papagei
sah, stand er sofort auf, faßte ihn mit größter Freude, küßte und
liebkoste ihn und fragte ihn, wie es ihm gehe. Der Papagei sagte: „Ich
war zwar gestorben, aber der allmächtige Gott hat mich mit neuem Leben
beschenkt.“ Der Kaufmann sagte: „Wie kann ein Gestorbener wieder
lebendig werden?“ Der Papagei sagte: „Hast du die Geschichte Abrahams —
Heil sei über ihm — nicht gehört?“ Der Kaufmann sagte: „Ich habe sie
nicht gehört. Erzähle, damit ich zuhöre, wie die Geschichte ist.“
Der Papagei sagte: „Es wird berichtet, daß einst Abraham der Gedanke in
den Sinn kam: ‚Wie können wohl die voneinander getrennten und
verstreuten Gliedmaßen wieder vereinigt werden? Ach, Gott, zeige es
mir, damit mein Herz ruhig sei!‘ Sofort kam von Gott, dem Herrn der
Welten, die Antwort: ‚O Abraham, nimm vier Vögel, schneide ihnen die
Köpfe ab, mische die Teile durcheinander, schütte sie ordentlich
durcheinander und bringe sie in Unordnung. Danach mache aus den
ungeordneten Gliedmaßen vier Teile, trage sie auf vier Berge und
behalte die Köpfe davon bei dir. Dann sollst du ein Wunder erleben.‘
Abraham — Heil sei über ihm — tat, wie ihm befohlen. Sofort kamen die
Vögel ohne Kopf zu Abraham und ihre zerstreuten Glieder hatten sich
vereinigt und neues Leben erhalten, wie dies im heiligen Koran deutlich
erzählt wird. Gott, der Allmächtige, kann die Toten wieder ins Leben
rufen und alles, was er will, beleben. Auch mir hat er aus seiner
Gnadenfülle heraus neues Leben geschenkt.“
Der indische Kaufmann sagte: „Was muß das für ein großer Gott sein, der
Tote ins Leben rufen kann! Ist er etwa größer als unsere Götter?“ Der
Papagei antwortete: „Ach, Herr, Eure Götzen sind aus Stein oder Holz
gearbeitete, seelenlose Dinge, deren Schöpfer Gott, der Allmächtige,
ist.“
Der indische Kaufmann sagte: „Ach, Papagei, tu mir den Gefallen und
führe mich zu ihm.“ Der Papagei lehrte ihn die Worte des
Glaubensbekenntnisses. Der indische Kaufmann wurde Muslim und sagte zum
Papagei: „Ich weiß jetzt, daß Gott, der Allmächtige, die Toten
auferwecken kann, aber was war der Grund, dich zu erwecken?“
Der Papagei sagte: „Ach, Herr, nachdem mich dies betroffen und ich
gestorben war, wurde deine Gattin der Gegenstand einer Verleumdung, an
die zu glauben dich ihre Feinde veranlaßten. Du wurdest zornig auf
deine Gattin und brachtest sie in Unehre. Die arme Frau kam in den
Götzentempel und betete dort. Da ihr unrecht geschehen war und sie
schuldlos war, so wurde sie durch göttliche Leitung Muslimin. Hierdurch
wurde sie froh, und ihr verwüstetes Herz fand wieder Frieden. Danach
flehte sie zu Gott: ‚Ach, Gott, du kennst alle Geheimnisse und
Heimlichkeiten, du weißt auch, wie es mir ergangen ist. Mein Gemahl hat
dem Worte der Feinde geglaubt und mich in diese Lage gebracht. Auch der
Papagei ist nicht mehr am Leben, der meine Unschuld bezeugen und meinen
Gatten bewegen könnte, mich wieder anzunehmen. Ach, Gott, bei deiner
Gnadenfülle flehe ich dich an, erwecke den Papagei wieder zum Leben.‘
Als sie so sprach, gab mir Gott, der Höchste, sofort durch den Segen
der Reinheit deiner Frau neues Leben. Ich bezeuge also die Reinheit
jener unschuldig Verfolgten. Kein Fremder hat ihr reines Gewand
gesehen. Durch den Segen ihres Gebetes bin ich wieder lebendig und du
Muslim geworden. Auf diese Weise sei überzeugt, daß deine Frau rein
ist, ja du hast die deutlichsten und zwingendsten Beweise, daß sie eine
Heilige ist.“
Der indische Kaufmann glaubte diesen Worten, ging sofort in den Tempel,
küßte seiner Frau Hände und Gesicht, flehte sie um ihre Fürbitte und
bat sie, ihm sein Vergehen zu verzeihen. Da lobte und pries die Frau
den Verstand, die Klugheit, Weisheit und Treue des Papageien und
bereute die unwürdige Behandlung, die sie ihm vorher zugefügt hatte.