23. DIE GESCHICHTE VOM GOLDSCHMIED UND ZIMMERMANN

In den Geschichtsbüchern wird folgendes berichtet. In einer der Städte

Azerbaidschans lebten ein Goldschmied und ein Zimmermann, die

miteinander sehr befreundet waren. Nun kam es, daß in diesem Lande ihre

Arbeit wenig begehrt wurde, ihr Verdienst in die Winde ging und sie in

die äußerste Not gerieten. Sie kamen daher überein, daß sie beide das

Land verlassen wollten und beschlossen, nach Rūm [33] zu wandern. An

der Grenze von Rūm trafen sie eine große Kirche und ließen sich dort

nieder. Sie sahen dort Götzenbilder, die die Ungläubigen verehrten. Da

der Zimmermann in seinem Handwerk ein geschickter Meister war, so

schnitzte er aus Holz Bilder nach Art der Götzen, und überall, wohin

sie kamen, verkauften sie diese, und lebten davon. Sie hatten die

Tracht der ungläubigen Geistlichen angenommen, aber in ihrem Innern

waren sie dem wahren Glauben treu geblieben. Des Geschäftes wegen und

um sich der Not zu erwehren, hatten sie die Kleider der Ungläubigen

angezogen und die Tracht der ungläubigen Mönche und Asketen angenommen.

Da sie tatsächlich die verschiedensten Wissenschaften verstanden, so

predigten sie in den Ländern, durch die sie kamen, zu den Ungläubigen

und ermahnten sie. Deswegen wurden sie sehr geehrt und geachtet. Sie

wohnten meistenteils in den Kirchen und sahen die Götzenbilder aus Gold

und Silber, deswegen regte sich in ihnen das Verlangen und sie sagten:

„Ach, wenn wir doch bei Gelegenheit eins davon stehlen und so unsere

Armut lindern und die Krankheit der Not heilen könnten!“ Sie durchzogen

das ganze Land Rūm und kamen zu einer Kirche in der Umgegend von

Konstantinopel. Einige Zeit beteten und fasteten sie darin nach den

religiösen Gebräuchen der Ungläubigen und erteilten Rat und Ermahnung

den Ungläubigen, so daß hoch und niedrig an sie glaubte, sich an ihrem

Gebet erfreute und sich von ihnen bepusten ließ. Viele wurden ihre

Schüler und hielten ihre Fürbitte für nutzbringend und ihr Bepusten für

gleichwertig mit dem wunderbaren Atem des Messias. [34]

Eines Tages gab der Kaiser ein großes Fest und lud das ganze Volk und

alle Geistlichen dazu ein. Auch sie wurden besonders eingeladen. In

ihrer Antwort sagten sie: „Wir wollen durch das Fest nicht unser Fasten

unterbrechen und wollen während des Gottesdienstes nicht an weltlichen

Genüssen teilnehmen. Wir dienen andauernd Gott und widmen unsere Zeit

dem Gebete für das Glück des Kaisers.“ Die Geistlichen kamen, küßten

ihnen die Hand und gingen zum Gastmahle des Kaisers. Die beiden blieben

jenen Tag allein in der Kirche.

Nun war in jener Kirche ein großer Götze, aus reinem roten Golde

gearbeitet. Auf den hatten die beiden Diebe es abgesehen. Als es Abend

wurde und die Dunkelheit herrschte, nahmen sie den Götzen von seinem

Platze, trugen ihn aus der Kirche, gruben an einer geeigneten,

menschenleeren Stelle eine Grube und legten den Götzen hinein. Dann

kamen sie wieder zurück, blieben jeder an seinem Orte und widmeten sich

dem Gottesdienst und dem Fasten.

Nach einiger Zeit kamen die Kirchendiener und suchten den Götzen. Der

wertvolle Götze war nicht zu finden, an seiner Stelle wehten die Winde.

Unter den Geistlichen entstand ein Streit, und sie verdächtigten sich

gegenseitig. Aber der Verdacht gegen den Goldschmied und den Zimmermann

kam ihnen nicht einmal in den Sinn, denn da diese so fromm und

enthaltsam waren, so war es ungereimt, ihnen eine derartige Betrügerei

zuzumuten, und ganz unmöglich, daß sie ihn gestohlen haben könnten.

Jedoch berichteten die Geistlichen ihnen von der Geschichte, erzählten

ihnen von dem Kummer ihres Herzens und sagten, daß der Götze

verschwunden sei. Da enthüllten diese ihr Haupt, rissen sich Haupt- und

Barthaare aus, schlugen sich mit den Händen auf die Knie und weinten so

sehr, daß allen Bewohnern des Götzentempels ihr Herz brannte. Der

Goldschmied und der Zimmermann sagten: „Schon seitdem wir hierherkamen,

rechneten wir mit dieser Möglichkeit und ahnten, daß er euch verlassen

werde, denn ihr habt es an Ehrfurcht und Hochachtung fehlen lassen,

indem ihr ihn nicht genug geehrt habt und Tag und Nacht ihn allein

gelassen habt. Wir sagten immer zueinander: ‚Unser Gott wird unvermutet

aus Zorn über sie sich in den Himmel zurückziehen und sich beim Messias

beschweren.‘ Nun hat sich also unsere Befürchtung erfüllt. Ihr habt den

hohen Götzen beleidigt und er hat aus Zorn euch jetzt verlassen und ist

zum Himmel emporgestiegen. Ihr müßt nun mit seinem Groll rechnen. Von

jetzt ab wird kein Heil und Segen in diesem Lande sein und kein Gebet

erhört werden. Wir werden nun nicht länger in diesem Lande bleiben. Wir

werden es verlassen und in ein anderes gehen.“ Alle Geistlichen baten

und flehten sie unter Wehklagen an, daß sie aus Mitleid mit ihnen nicht

ihr Land verlassen möchten, da Hoffnung sei, daß durch den Segen ihrer

geheiligten Anwesenheit die Buße angenommen und der Gott wiederkommen

werde, während nach ihrer Abreise die Lage sehr schwierig würde.

Aber der Goldschmied und Zimmermann wiesen mit rauher Hand ihre Bitte

zurück und hörten nicht darauf. Nach einigen Tagen verabschiedeten sie

sich von den Geistlichen und gingen weg. Als es Abend wurde, kehrten

sie um, holten den Götzen von der Stelle, wo sie ihn verborgen hatten

und setzten ihre Reise fort. Nach einiger Zeit kamen sie wohlbehalten

und reich nach Azerbeidschan.

Das Gold war bei dem Goldschmied, und sie führten beide ein bequemes

Leben. Der Zimmermann sagte eines Tages zum Goldschmied: „Bruder, das

Gold ist bei dir, führe sorgfältig Rechnung, daß keiner von uns zuviel

erhalte.“ Der Goldschmied verwaltete es auch in Rechtlichkeit.

Allmählich aber verführte ihn der Teufel und senkte die Habsucht in

sein Herz. Er sagte zu sich: „Was ist das für eine Dummheit. Die ganze

Geschichte von dem Golde kennt außer uns beiden niemand. Was ich bis

jetzt dem Zimmermann an Geld gegeben habe, genügt. Wie wäre es, wenn

ich den Rest ableugnete?“ Gedacht, getan. Als nun der Zimmermann nach

seiner Gewohnheit zum Goldschmied kam und etwas Gold verlangte, sagte

der Goldschmied: „Was für Gold willst du? Das ist alles ausgegeben und

erledigt. Ich habe kein Gold mehr.“ So leugnete er es völlig ab, jedoch

der Zimmermann war sehr klug und verständig. Er trat dem Goldschmied

nicht entgegen, zeigte ihm auch nicht, daß er sich ärgere, sondern war

wie früher freundlich mit ihm und sagte: „Schön, Bruder, wenn vom Gelde

nichts mehr da ist, möge uns wenigstens die Gesundheit bleiben. Was

wollen wir uns des Goldes wegen aufregen? Die Bestimmung des Goldes

ist, ausgegeben zu werden. Das ist geschehen, und nun ist es zu Ende.

Möge Gott uns am Leben erhalten. Betrübe dich deswegen nicht.“ Mit

diesen Worten tröstete er den Goldschmied, aber im Innern war er fest

davon überzeugt, daß der Goldschmied den Weg des Betruges betreten

habe. Er sagte sich, daß es unmöglich sei, das Gold mit Gewalt zu

erlangen, daß dazu viele Listen und viele Geduld nötig sei. Er

veränderte also nicht sein Benehmen dem Goldschmied gegenüber und

behandelte ihn äußerlich ebenso freundlich wie früher, und wenn er mit

ihm sprach, war er liebenswürdig zu ihm. So verkehrten sie miteinander,

ohne daß er lange Zeit etwas ahnen ließ. Der Goldschmied rechnete es

dem Zimmermann als größte Dummheit an, daß er seinen Worten vom Ende

des Goldes geglaubt hatte und ihm nicht entgegengetreten war, und

dachte, er habe ihm wirklich geglaubt.

Inzwischen machte der Zimmermann in seinem Hause ein unterirdisches

Gemach und schnitzte aus Holz eine Figur, die an Wuchs und Gestalt,

Form und Aussehen dem Goldschmied glich. Diese Gestalt bekleidete er

mit Kleidern, ganz wie sie der Goldschmied trug, und stellte sie in dem

unterirdischen Gemache auf. Er fand zwei junge Bären, nahm sie mit und

band sie in dem unterirdischen Gemache jener Figur gegenüber mit Ketten

an. Jeden Tag, wenn die jungen Bären gefüttert werden sollten und sie

sehr hungrig waren, legte er auf die beiden Schultern der vor ihnen

stehenden Goldschmiedsfigur je ein Stück Fleisch. Sobald sie das

Fleisch sahen, zerrten sie, um dort hinzugelangen. Wenn er sie dann von

der Kette losgemacht hatte, sprangen sie auf die Figur, nahmen von

jeder Schulter das Stück Fleisch und fraßen es auf. So wurden sie

gefüttert und bekamen jeden Tag zweimal Fleisch. Deshalb gewöhnten sich

ihre Augen an die Figur des Goldschmiedes. Selbst wenn sie angekettet

waren, bewegten sie Kopf und Ohren nach der Figur und machten aus Gier

nach dem Fleisch allerlei spaßhafte Bewegungen. So machte der

Zimmermann die jungen Bären völlig mit der Figur des Goldschmiedes

vertraut. Dann lud er eines Tages den Goldschmied nach der zwischen

ihnen bestehenden Gewohnheit in sein Haus ein. Der Goldschmied hatte

zwei Jungen, die er ohne weitere Förmlichkeiten mit zur Gesellschaft

brachte. Man setzte sich nieder und unterhielt sich lange. Nach der

Mahlzeit sagte der Goldschmied zum Zimmermann: „Bruder, ich will jetzt

in meinen Laden gehen, schicke meine Söhne nach Hause.“

Als der Goldschmied gegangen war, nahm der Zimmermann die beiden

Jungen, steckte sie in ein abgelegenes Zimmer seines Hauses und schloß

die Tür zu. Dann brachte er die in dem unterirdischen Gemache

befindliche Figur des Goldschmiedes anderswohin und ließ die jungen

Bären ordentlich hungern.

Am Abend ging der Goldschmied von seinem Laden nach Hause und sah, daß

seine Jungen noch nicht da waren. In Aufregung ging er im Dunkel in das

Haus des Zimmermanns und sah, daß die Jungen auch dort nicht waren. Er

fragte ihn, wo sie seien. Dieser antwortete: „Bruder, ich habe keine

Ahnung. Sie sind bald nach dir gegangen. Ich habe sie nicht mehr

gesehen und weiß auch nichts von ihnen.“ Der Goldschmied ging wieder

nach Hause, indem er dachte, daß sie vielleicht, als er zum Zimmermann

ging, einen anderen Weg nach Hause gegangen seien. Er sah überall nach,

aber die Kinder waren nicht da. In seiner Aufregung konnte er nicht

schlafen. Gegen Morgen ging er nach allen vier Himmelsrichtungen auf

die Suche. Er ließ es auch durch Ausrufer bekannt machen. Aber niemand

hatte sie gesehen.

Da zerriß der Goldschmied sich seinen Kragen [35], ging zum Zimmermann

und sagte zu ihm: „Jetzt schaffe mir meine Kinder herbei, denn ich habe

sie bei dir gelassen.“ Sie wurden handgemein und die alte Freundschaft

verwandelte sich auf einmal in Feindschaft. Schließlich gingen sie

beide zum Kadi und erhoben einen Prozeß vor dem Gericht. Der

Goldschmied berichtete dem Kadi die ganze Sache. Der Kadi fragte den

Zimmermann, was er dagegen zu sagen habe. Dieser antwortete: „Ja, es

ist richtig. Er hat die Jungen bei mir gelassen. Aber nachdem er

gegangen war, sind sie zu Bären geworden. Ich habe sie in einem

unterirdischen Gemache eingeschlossen. Da sind sie noch.“ Der Kadi

sagte: „Rede nicht Unsinn. Im Islam gibt es keine Verwandlungen. Unter

den früheren Propheten hat es Seelenwanderungen gegeben, aber seit dem

Auftreten Mohammeds kommt etwas Derartiges nicht mehr vor. Suche die

Knaben.“ Darauf antwortete der Zimmermann: „Ja, in den Büchern steht

tatsächlich so, und die Gemeinde Mohammeds ist von solcher

Seelenwanderung befreit. Aber Gottes Weisheit hat sich an den Kindern

dieses Mannes gezeigt. Gott weiß, wegen welcher Schlechtigkeit dieses

Mannes dies den unschuldigen Kindern passieren mußte.“ Der Kadi blickte

auf die neben ihm Sitzenden und sagte: „Gläubige Gemeinde, tatsächlich

kommt in der Gemeinde Mohammeds keine Seelenwanderung mehr vor, aber

dieser Zimmermann redet sehr vernünftig, so müssen wir denn

notgedrungen selbst hingehen und sehen.“ Die Zuhörer schlossen sich dem

Kadi an und gingen mit dem Goldschmied in das Haus des Zimmermanns.

Dieser öffnete das unterirdische Gemach und alle traten ein. Da die

jungen Bären an die Gestalt des Goldschmiedes gewöhnt waren, so

stürzten sie auf ihn, als sie den Goldschmied an Stelle der Figur

sahen, und umschmeichelten ihn mit allerlei Freundlichkeiten und

Spielereien. Sie schauten immer auf den Goldschmied, bewegten Ohren und

Hals und benahmen sich in der Erwartung auf Fressen höchst sonderbar.

Als dann der Zimmermann sie von der Kette befreit hatte, sprangen sie

ihm jeder auf eine Schulter und leckten ihm Hals und Ohren.

Als der Kadi und alle Leute dies sahen, waren sie erstaunt und sagten:

„Was sollen wir tun und sagen? Das ist Gottes Sache. Wir sind alle

nicht im Zweifel, daß diese jungen Bären deine Kinder sind.“ Damit

gingen sie fort. Der Zimmermann gab die Kette der jungen Bären dem

Goldschmied in die Hand und sagte: „Da, Bruder, nimm deine Söhne.“

Da begriff der Goldschmied die Sache und sah ein, daß er, wenn es auch

möglich wäre, äußerlich den Zimmermann zu besiegen, doch nur an Stelle

seiner beiden Söhne zwei Bären zugesprochen erhalten würde. Er wußte,

daß es eine List war, die ihm wegen seiner Habgier gespielt sei und, um

das Geld von ihm zu erlangen, ins Werk gesetzt sei. Was sollte er tun?

Er zog den Zimmermann in eine Ecke und sagte: „Bruder, dein Anteil von

dem Golde ist bei mir. Komm, ich will dir, soviel du willst, und noch

mehr von deinem Anteil geben. Mache mich nicht zum Gespötte der Welt.“

Der Zimmermann antwortete: „Bruder, deine Söhne sind bei mir. Bringe

das Gold und nimm deine Söhne.“

Der Goldschmied brachte das gesamte Gold, empfing seine Söhne gesund

und wohlbehalten und brachte sie nach Hause. Aber ihre alte

Freundschaft hatte sich des Geldes wegen in Feindschaft verwandelt und

in List und Trug verändert.

Türkische Märchen · 第 44 / 91 题