In den Geschichtsbüchern wird folgendes berichtet. In einer der Städte
Azerbaidschans lebten ein Goldschmied und ein Zimmermann, die
miteinander sehr befreundet waren. Nun kam es, daß in diesem Lande ihre
Arbeit wenig begehrt wurde, ihr Verdienst in die Winde ging und sie in
die äußerste Not gerieten. Sie kamen daher überein, daß sie beide das
Land verlassen wollten und beschlossen, nach Rūm [33] zu wandern. An
der Grenze von Rūm trafen sie eine große Kirche und ließen sich dort
nieder. Sie sahen dort Götzenbilder, die die Ungläubigen verehrten. Da
der Zimmermann in seinem Handwerk ein geschickter Meister war, so
schnitzte er aus Holz Bilder nach Art der Götzen, und überall, wohin
sie kamen, verkauften sie diese, und lebten davon. Sie hatten die
Tracht der ungläubigen Geistlichen angenommen, aber in ihrem Innern
waren sie dem wahren Glauben treu geblieben. Des Geschäftes wegen und
um sich der Not zu erwehren, hatten sie die Kleider der Ungläubigen
angezogen und die Tracht der ungläubigen Mönche und Asketen angenommen.
Da sie tatsächlich die verschiedensten Wissenschaften verstanden, so
predigten sie in den Ländern, durch die sie kamen, zu den Ungläubigen
und ermahnten sie. Deswegen wurden sie sehr geehrt und geachtet. Sie
wohnten meistenteils in den Kirchen und sahen die Götzenbilder aus Gold
und Silber, deswegen regte sich in ihnen das Verlangen und sie sagten:
„Ach, wenn wir doch bei Gelegenheit eins davon stehlen und so unsere
Armut lindern und die Krankheit der Not heilen könnten!“ Sie durchzogen
das ganze Land Rūm und kamen zu einer Kirche in der Umgegend von
Konstantinopel. Einige Zeit beteten und fasteten sie darin nach den
religiösen Gebräuchen der Ungläubigen und erteilten Rat und Ermahnung
den Ungläubigen, so daß hoch und niedrig an sie glaubte, sich an ihrem
Gebet erfreute und sich von ihnen bepusten ließ. Viele wurden ihre
Schüler und hielten ihre Fürbitte für nutzbringend und ihr Bepusten für
gleichwertig mit dem wunderbaren Atem des Messias. [34]
Eines Tages gab der Kaiser ein großes Fest und lud das ganze Volk und
alle Geistlichen dazu ein. Auch sie wurden besonders eingeladen. In
ihrer Antwort sagten sie: „Wir wollen durch das Fest nicht unser Fasten
unterbrechen und wollen während des Gottesdienstes nicht an weltlichen
Genüssen teilnehmen. Wir dienen andauernd Gott und widmen unsere Zeit
dem Gebete für das Glück des Kaisers.“ Die Geistlichen kamen, küßten
ihnen die Hand und gingen zum Gastmahle des Kaisers. Die beiden blieben
jenen Tag allein in der Kirche.
Nun war in jener Kirche ein großer Götze, aus reinem roten Golde
gearbeitet. Auf den hatten die beiden Diebe es abgesehen. Als es Abend
wurde und die Dunkelheit herrschte, nahmen sie den Götzen von seinem
Platze, trugen ihn aus der Kirche, gruben an einer geeigneten,
menschenleeren Stelle eine Grube und legten den Götzen hinein. Dann
kamen sie wieder zurück, blieben jeder an seinem Orte und widmeten sich
dem Gottesdienst und dem Fasten.
Nach einiger Zeit kamen die Kirchendiener und suchten den Götzen. Der
wertvolle Götze war nicht zu finden, an seiner Stelle wehten die Winde.
Unter den Geistlichen entstand ein Streit, und sie verdächtigten sich
gegenseitig. Aber der Verdacht gegen den Goldschmied und den Zimmermann
kam ihnen nicht einmal in den Sinn, denn da diese so fromm und
enthaltsam waren, so war es ungereimt, ihnen eine derartige Betrügerei
zuzumuten, und ganz unmöglich, daß sie ihn gestohlen haben könnten.
Jedoch berichteten die Geistlichen ihnen von der Geschichte, erzählten
ihnen von dem Kummer ihres Herzens und sagten, daß der Götze
verschwunden sei. Da enthüllten diese ihr Haupt, rissen sich Haupt- und
Barthaare aus, schlugen sich mit den Händen auf die Knie und weinten so
sehr, daß allen Bewohnern des Götzentempels ihr Herz brannte. Der
Goldschmied und der Zimmermann sagten: „Schon seitdem wir hierherkamen,
rechneten wir mit dieser Möglichkeit und ahnten, daß er euch verlassen
werde, denn ihr habt es an Ehrfurcht und Hochachtung fehlen lassen,
indem ihr ihn nicht genug geehrt habt und Tag und Nacht ihn allein
gelassen habt. Wir sagten immer zueinander: ‚Unser Gott wird unvermutet
aus Zorn über sie sich in den Himmel zurückziehen und sich beim Messias
beschweren.‘ Nun hat sich also unsere Befürchtung erfüllt. Ihr habt den
hohen Götzen beleidigt und er hat aus Zorn euch jetzt verlassen und ist
zum Himmel emporgestiegen. Ihr müßt nun mit seinem Groll rechnen. Von
jetzt ab wird kein Heil und Segen in diesem Lande sein und kein Gebet
erhört werden. Wir werden nun nicht länger in diesem Lande bleiben. Wir
werden es verlassen und in ein anderes gehen.“ Alle Geistlichen baten
und flehten sie unter Wehklagen an, daß sie aus Mitleid mit ihnen nicht
ihr Land verlassen möchten, da Hoffnung sei, daß durch den Segen ihrer
geheiligten Anwesenheit die Buße angenommen und der Gott wiederkommen
werde, während nach ihrer Abreise die Lage sehr schwierig würde.
Aber der Goldschmied und Zimmermann wiesen mit rauher Hand ihre Bitte
zurück und hörten nicht darauf. Nach einigen Tagen verabschiedeten sie
sich von den Geistlichen und gingen weg. Als es Abend wurde, kehrten
sie um, holten den Götzen von der Stelle, wo sie ihn verborgen hatten
und setzten ihre Reise fort. Nach einiger Zeit kamen sie wohlbehalten
und reich nach Azerbeidschan.
Das Gold war bei dem Goldschmied, und sie führten beide ein bequemes
Leben. Der Zimmermann sagte eines Tages zum Goldschmied: „Bruder, das
Gold ist bei dir, führe sorgfältig Rechnung, daß keiner von uns zuviel
erhalte.“ Der Goldschmied verwaltete es auch in Rechtlichkeit.
Allmählich aber verführte ihn der Teufel und senkte die Habsucht in
sein Herz. Er sagte zu sich: „Was ist das für eine Dummheit. Die ganze
Geschichte von dem Golde kennt außer uns beiden niemand. Was ich bis
jetzt dem Zimmermann an Geld gegeben habe, genügt. Wie wäre es, wenn
ich den Rest ableugnete?“ Gedacht, getan. Als nun der Zimmermann nach
seiner Gewohnheit zum Goldschmied kam und etwas Gold verlangte, sagte
der Goldschmied: „Was für Gold willst du? Das ist alles ausgegeben und
erledigt. Ich habe kein Gold mehr.“ So leugnete er es völlig ab, jedoch
der Zimmermann war sehr klug und verständig. Er trat dem Goldschmied
nicht entgegen, zeigte ihm auch nicht, daß er sich ärgere, sondern war
wie früher freundlich mit ihm und sagte: „Schön, Bruder, wenn vom Gelde
nichts mehr da ist, möge uns wenigstens die Gesundheit bleiben. Was
wollen wir uns des Goldes wegen aufregen? Die Bestimmung des Goldes
ist, ausgegeben zu werden. Das ist geschehen, und nun ist es zu Ende.
Möge Gott uns am Leben erhalten. Betrübe dich deswegen nicht.“ Mit
diesen Worten tröstete er den Goldschmied, aber im Innern war er fest
davon überzeugt, daß der Goldschmied den Weg des Betruges betreten
habe. Er sagte sich, daß es unmöglich sei, das Gold mit Gewalt zu
erlangen, daß dazu viele Listen und viele Geduld nötig sei. Er
veränderte also nicht sein Benehmen dem Goldschmied gegenüber und
behandelte ihn äußerlich ebenso freundlich wie früher, und wenn er mit
ihm sprach, war er liebenswürdig zu ihm. So verkehrten sie miteinander,
ohne daß er lange Zeit etwas ahnen ließ. Der Goldschmied rechnete es
dem Zimmermann als größte Dummheit an, daß er seinen Worten vom Ende
des Goldes geglaubt hatte und ihm nicht entgegengetreten war, und
dachte, er habe ihm wirklich geglaubt.
Inzwischen machte der Zimmermann in seinem Hause ein unterirdisches
Gemach und schnitzte aus Holz eine Figur, die an Wuchs und Gestalt,
Form und Aussehen dem Goldschmied glich. Diese Gestalt bekleidete er
mit Kleidern, ganz wie sie der Goldschmied trug, und stellte sie in dem
unterirdischen Gemache auf. Er fand zwei junge Bären, nahm sie mit und
band sie in dem unterirdischen Gemache jener Figur gegenüber mit Ketten
an. Jeden Tag, wenn die jungen Bären gefüttert werden sollten und sie
sehr hungrig waren, legte er auf die beiden Schultern der vor ihnen
stehenden Goldschmiedsfigur je ein Stück Fleisch. Sobald sie das
Fleisch sahen, zerrten sie, um dort hinzugelangen. Wenn er sie dann von
der Kette losgemacht hatte, sprangen sie auf die Figur, nahmen von
jeder Schulter das Stück Fleisch und fraßen es auf. So wurden sie
gefüttert und bekamen jeden Tag zweimal Fleisch. Deshalb gewöhnten sich
ihre Augen an die Figur des Goldschmiedes. Selbst wenn sie angekettet
waren, bewegten sie Kopf und Ohren nach der Figur und machten aus Gier
nach dem Fleisch allerlei spaßhafte Bewegungen. So machte der
Zimmermann die jungen Bären völlig mit der Figur des Goldschmiedes
vertraut. Dann lud er eines Tages den Goldschmied nach der zwischen
ihnen bestehenden Gewohnheit in sein Haus ein. Der Goldschmied hatte
zwei Jungen, die er ohne weitere Förmlichkeiten mit zur Gesellschaft
brachte. Man setzte sich nieder und unterhielt sich lange. Nach der
Mahlzeit sagte der Goldschmied zum Zimmermann: „Bruder, ich will jetzt
in meinen Laden gehen, schicke meine Söhne nach Hause.“
Als der Goldschmied gegangen war, nahm der Zimmermann die beiden
Jungen, steckte sie in ein abgelegenes Zimmer seines Hauses und schloß
die Tür zu. Dann brachte er die in dem unterirdischen Gemache
befindliche Figur des Goldschmiedes anderswohin und ließ die jungen
Bären ordentlich hungern.
Am Abend ging der Goldschmied von seinem Laden nach Hause und sah, daß
seine Jungen noch nicht da waren. In Aufregung ging er im Dunkel in das
Haus des Zimmermanns und sah, daß die Jungen auch dort nicht waren. Er
fragte ihn, wo sie seien. Dieser antwortete: „Bruder, ich habe keine
Ahnung. Sie sind bald nach dir gegangen. Ich habe sie nicht mehr
gesehen und weiß auch nichts von ihnen.“ Der Goldschmied ging wieder
nach Hause, indem er dachte, daß sie vielleicht, als er zum Zimmermann
ging, einen anderen Weg nach Hause gegangen seien. Er sah überall nach,
aber die Kinder waren nicht da. In seiner Aufregung konnte er nicht
schlafen. Gegen Morgen ging er nach allen vier Himmelsrichtungen auf
die Suche. Er ließ es auch durch Ausrufer bekannt machen. Aber niemand
hatte sie gesehen.
Da zerriß der Goldschmied sich seinen Kragen [35], ging zum Zimmermann
und sagte zu ihm: „Jetzt schaffe mir meine Kinder herbei, denn ich habe
sie bei dir gelassen.“ Sie wurden handgemein und die alte Freundschaft
verwandelte sich auf einmal in Feindschaft. Schließlich gingen sie
beide zum Kadi und erhoben einen Prozeß vor dem Gericht. Der
Goldschmied berichtete dem Kadi die ganze Sache. Der Kadi fragte den
Zimmermann, was er dagegen zu sagen habe. Dieser antwortete: „Ja, es
ist richtig. Er hat die Jungen bei mir gelassen. Aber nachdem er
gegangen war, sind sie zu Bären geworden. Ich habe sie in einem
unterirdischen Gemache eingeschlossen. Da sind sie noch.“ Der Kadi
sagte: „Rede nicht Unsinn. Im Islam gibt es keine Verwandlungen. Unter
den früheren Propheten hat es Seelenwanderungen gegeben, aber seit dem
Auftreten Mohammeds kommt etwas Derartiges nicht mehr vor. Suche die
Knaben.“ Darauf antwortete der Zimmermann: „Ja, in den Büchern steht
tatsächlich so, und die Gemeinde Mohammeds ist von solcher
Seelenwanderung befreit. Aber Gottes Weisheit hat sich an den Kindern
dieses Mannes gezeigt. Gott weiß, wegen welcher Schlechtigkeit dieses
Mannes dies den unschuldigen Kindern passieren mußte.“ Der Kadi blickte
auf die neben ihm Sitzenden und sagte: „Gläubige Gemeinde, tatsächlich
kommt in der Gemeinde Mohammeds keine Seelenwanderung mehr vor, aber
dieser Zimmermann redet sehr vernünftig, so müssen wir denn
notgedrungen selbst hingehen und sehen.“ Die Zuhörer schlossen sich dem
Kadi an und gingen mit dem Goldschmied in das Haus des Zimmermanns.
Dieser öffnete das unterirdische Gemach und alle traten ein. Da die
jungen Bären an die Gestalt des Goldschmiedes gewöhnt waren, so
stürzten sie auf ihn, als sie den Goldschmied an Stelle der Figur
sahen, und umschmeichelten ihn mit allerlei Freundlichkeiten und
Spielereien. Sie schauten immer auf den Goldschmied, bewegten Ohren und
Hals und benahmen sich in der Erwartung auf Fressen höchst sonderbar.
Als dann der Zimmermann sie von der Kette befreit hatte, sprangen sie
ihm jeder auf eine Schulter und leckten ihm Hals und Ohren.
Als der Kadi und alle Leute dies sahen, waren sie erstaunt und sagten:
„Was sollen wir tun und sagen? Das ist Gottes Sache. Wir sind alle
nicht im Zweifel, daß diese jungen Bären deine Kinder sind.“ Damit
gingen sie fort. Der Zimmermann gab die Kette der jungen Bären dem
Goldschmied in die Hand und sagte: „Da, Bruder, nimm deine Söhne.“
Da begriff der Goldschmied die Sache und sah ein, daß er, wenn es auch
möglich wäre, äußerlich den Zimmermann zu besiegen, doch nur an Stelle
seiner beiden Söhne zwei Bären zugesprochen erhalten würde. Er wußte,
daß es eine List war, die ihm wegen seiner Habgier gespielt sei und, um
das Geld von ihm zu erlangen, ins Werk gesetzt sei. Was sollte er tun?
Er zog den Zimmermann in eine Ecke und sagte: „Bruder, dein Anteil von
dem Golde ist bei mir. Komm, ich will dir, soviel du willst, und noch
mehr von deinem Anteil geben. Mache mich nicht zum Gespötte der Welt.“
Der Zimmermann antwortete: „Bruder, deine Söhne sind bei mir. Bringe
das Gold und nimm deine Söhne.“
Der Goldschmied brachte das gesamte Gold, empfing seine Söhne gesund
und wohlbehalten und brachte sie nach Hause. Aber ihre alte
Freundschaft hatte sich des Geldes wegen in Feindschaft verwandelt und
in List und Trug verändert.