21. DER OBERSTERNDEUTER

Es war einmal ein sehr armer Mann, der sein Leben damit fristete, alte

zerrissene Stiefel auszubessern. Dieser arme unglückliche Mann hatte

eine ebenso unglückliche Frau und eine Tochter.

Eines Tages ging die Frau dieses Armen mit ihrer Tochter ins Bad, um

sich zu baden. Sie treten in die Badezelle. Während sie anfangen wollen

zu baden, kommt die Badefrau und sagt, daß sie aufstehen müssen, weil

die Frau des Obersterndeuters sich dort baden will. Die Armen verlassen

den Raum und gehen in einen anderen. Dort rüsten sie alles zu und

lassen das Wasser laufen. Gerade als sie sich baden wollen, kommt

wieder die Badefrau und erklärt, daß diese Zelle für das Fräulein

Tochter der Obersterndeuterin bestimmt sei. Sie gehen in eine andere.

Dort war nun gerade die erste Verwalterin der Obersterndeuterin, eine

vierte war für die Sklavinnen, eine fünfte für die Dienerinnen, eine

sechste und siebente usw. für die Familienangehörigen der

Obersterndeuterin bestimmt. Überall werden sie so fortgejagt. Daraufhin

ärgert sich die Frau, sie wird aufgeregt und kehrt zornig in ihr Haus

zurück.

Am Abend kommt der arme Schuhflicker, der eine mit Mühe und Not

verdiente Okka Brot in sein Kattuntaschentuch gewickelt und ein Bund

Zwiebeln am Ende seines Stockes aufgehängt hat, und klopft an die Tür.

Die Frau öffnet ihrem Manne die Tür, aber gleichzeitig öffnet sich auch

ihr Mund. Der unglückliche Mann weiß nicht, was die Veranlassung zu

diesem Empfange gewesen ist, und wünscht Aufklärung. Die Frau erklärt

ihm die Sache und vergißt nicht folgende energische Erklärungen

hinzuzufügen:

„Mann, entweder wirst du Obersterndeuter, damit wir, wenn wir ins Bad

gehen, mit gleicher Ehrerbietung behandelt werden, oder ich lasse dich

nicht mehr ins Haus herein.“

„Aber, Frau, ich bin ein ungebildeter Mann. Um Obersterndeuter zu

werden, muß man lesen und schreiben können. Davon habe ich keine

Ahnung. Wie sollte ich das werden können?“

„Ich weiß nicht, was Lesen und Schreiben ist. Du mußt das Schuhflicken

aufgeben und richtig Obersterndeuter werden. Sonst ist dies mein

letztes Wort: ich werde dir nicht wieder aufmachen. Dann magst du

meinetwegen zum Teufel gehen.“

Der arme Schuhflicker merkte, daß die Worte seiner Frau ganz bestimmt

waren. Er kannte ihre Natur und ihren bösen Charakter. Seitdem sie sich

verheiratet hatten, war es dreiundvierzig Jahre. So hatte er sie

ordentlich kennengelernt. Es gab kein anderes Mittel, als

Obersterndeuter zu werden. Am nächsten Morgen stand er früh auf, ging

in den Laden und ließ alle Werkzeuge, die er hatte, versteigern. Mit

den paar Piastern, die er gewonnen, kaufte er sich auf dem

Alttrödelmarkt einen Kaftan, ebenso machte er sich aus alten weißen

Vorhängen einen Turban, besorgte sich ein altes Tintenfaß und ein

Schreibrohr, setzte sich an einer Straßenecke, wo viele Leute

vorbeigingen hin und wartete wie eine Spinne, die ihr Netz gebaut hat

und auf Beute wartet, auf gläubige Kunden. Daß es viele solcher Dummen

gibt, sieht man aus der Menge der Besprecher und Bepuster und aus der

allgemeinen Unwissenheit. Ohne Zweifel konnte unser Schuhflicker unter

diesen so zahlreichen Berufsgenossen sich sein Stück Brot verdienen.

Aber die Absichten seiner Frau gingen sehr hoch. Ach, wie könnte das

möglich sein?

Jedenfalls suchte unser Schuhflicker eine junge Gans zum Rupfen und

brauchte nicht zu lange zu warten. Eine alte Zigeunerin von

fünfundneunzig Jahren, deren Augen infolge des Alters hellblau

geworden, deren Hüften gebrochen, deren Kniescheiben infolge der

Schwäche herausgetreten waren, die sich auf zwei dünne Beine gleichwie

auf zwei schwarze Bohnenstangen stützte und einen Körper hatte, der in

keinem Verhältnis zu diesen Füßen stand, ging zu dem Schuhflicker.

„Hollah, Herr Hodscha, ist dein Atem wirkungsvoll? Ich bereite jedesmal

am letzten Mittwoch des Monats den Geistern eine Suppe und stelle sie

in den Herd. Am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang nehme ich das Gefäß,

bringe es ans Meer und werfe es hinein, dann eile ich ohne mich

umzudrehen und umzusehen nach Hause. Auf diese Art bin ich bisher immer

vor den bösen Geistern sicher gewesen.“

„Ach, Herr Hodscha, ich weiß nicht, ob unser junger Herr mir diesmal

einen falschen Tag gesagt oder sich geirrt hat. Ich weiß nicht, was los

ist. Diesen Monat konnte ich mein Gelübde nicht ausführen und habe seit

jenem Tage einen gewaltigen Kopfschmerz, als ob er meinen Kopf abrisse

und zerhackte. Mein lieber Herr Hodscha, wenn dein Atem wirkungsvoll

ist, so besprich mich.“

Unser Schuhflicker hatte vom Besprechen und vom Gebet und Derartigem

keine Ahnung. Schließlich fing er an, innerlich über seine Frau zu

fluchen, die ihn in eine solche schwierige Lage gebracht hatte.

Als die Zigeunerin dies sah, sagte sie zu sich: „Gott hat mir geholfen.

Zu was für einem guten, tüchtigen Hodscha hat er mich geführt. Sieh,

sieh, seine Augen haben sich ganz verändert. Jetzt fängt er auch zu

beten an. Ach, jetzt bin ich wieder gesund geworden.“

Der arme Schuhflicker ahnte, daß die Geschichte nicht so endigen würde,

nahm sich zusammen, setzte sich neben die Schwarze, bestrich ihre

faltenreiche mit Laudanum bestrichene Stirn mit seinen Händen, sagte

dann mit leiser Stimme zwei- bis dreimal einige sinnlose Wörter und

blies die Frau an.

Derartige Dinge üben auf das Nervensystem bisweilen eine gute,

bisweilen eine schlechte Wirkung aus. Die Nerven werden dadurch

beeinflußt. Deswegen hörte der Kopfschmerz der Schwarzen hiernach auf.

Die Frau kehrte zufrieden und dankbar, lachend und vergnügt nach Hause

zurück und sagte zu ihrer Herrin: „Ach, Herrin, heute habe ich einen

Hodscha gefunden, dessen Atem so heilkräftig war, daß mit einem Hauch

mein Kopfschmerz beseitigt wurde.“

Die Herrin antwortete:

„Wo war der Hodscha? Wie wäre es, wenn du hingingest und, damit die

Heftigkeit des Herrn aufhört, ihn besprechen ließest?“

Sie antwortete:

„Das wäre nicht schlecht. Wenn wir sein Hemd besprechen ließen, wäre es

vielleicht das wirksamste.“

Die Herrin schickte die Schwarze mit folgenden Worten zum Hodscha:

„Das ist ein guter Gedanke von dir. Ich werde dir ein rotes Tuch geben.

Es kann auch ein Stück Kattun sein, das er des Feiertags anlegt. Geh

sofort nach oben und nimm aus dem Wäschebündel ein Hemd aus

Kräuselstoff und bring’ es dem gesegneten Hodscha. Gib ihm diese zwei

Medschidije und sage ihm, wenn sein Atem wirkungsvoll sein wird, werden

wir ihm zwei Goldstücke geben. Nicht wahr, meine liebe Hoschkadem?“

Als der Hodscha die Schwarze kommen sieht, denkt er, daß sie das ihm

gegebene Geld wieder fordern will. Als er erfährt, was sie will, wird

er beruhigt. Er spricht das Gebet über das Hemd und steckt die blanken

Medschidije in seine Tasche.

Am Abend kehrt unser Schuhflicker mit dem Gelde, wie er noch nie in

seinem Leben soviel zusammen gesehen, nach Hause zurück und denkt, daß

seine Frau ihn mit Freuden aufnehmen werde.

Er kommt ans Haus und fängt an der Tür mit den Medschidije zu klappern

an, um sie neugierig zu machen. Jedoch die Frau war ungeheuer fest in

ihrem Entschluß. Sie kümmerte sich gar nicht um das Geld und um das

Klappern. Der Mann macht soviel Lärm, jammerte und flehte, daß die

Nachbarn Mitleid mit ihm hatten, aber das kümmerte die Frau gar nicht.

Ihr Entschluß war gefaßt. Schließlich sah sie aus dem Fenster und sagte

ihr letztes Wort: „Wenn du nicht Obersterndeuter wirst, wird dir nicht

die Tür geöffnet.“

Der arme Schuhflicker, der vierzig Jahre mit seiner Frau zusammengelebt

hatte, kannte ihre Natur sehr gut. Wer sollte auf der Welt so wie er

wissen, wie hartnäckig und eigensinnig sie war. Es war jetzt unnütz, in

sie zu dringen. Er mußte Obersterndeuter werden oder die Verbindung mit

dem Hause gänzlich aufgeben. Aber Obersterndeuter zu werden, war recht

schwer, ja sogar unmöglich. Wie sollte ein unwissender Mensch, der

nichts anderes getan hatte als alte Schuhe, und zwar für Lastträger und

Feuerwehrleute, und Pantoffel auszubessern, Obersterndeuter werden

können. Doch das mußte ertragen werden.

Schließlich zog er traurig und niedergeschlagen ab. Er ging in ein

Gasthaus und mietete sich dort ein Zimmer.

Jedenfalls der Herr der Schwarzen hatte sein aufbrausendes Temperament

abgelegt und lebte in seinem Hause wie ein Lamm und war seiner Familie

gegenüber wieder liebenswürdiger. Diese außergewöhnlichen Zustände

wurden dem heilkräftigen Atem des Hodschas und seiner wunderbaren Gabe

zugeschrieben, und die versprochenen zwei türkischen Pfunde wurden ihm

gegeben. Es ist bekannt, daß die Frauen, besonders die Frauen, die

keinen Unterricht genossen hatten, in derartigen Dingen sehr geschickt

sind. Ja, sie sind viel mehr als die Zeitungen geeignet, einen solchen

Menschen berühmt zu machen. Nun, der Ruhm unseres Hodschas wuchs von

Tag zu Tage und seine Kunden nahmen zu. Die anderen Scharlatane dieser

Gattung, die mit Anblasen die Leute betrügen, waren ohne Kunden und

ohne Brot.

Unser Hodscha war sehr reich geworden. Aber was nützt ihm der Reichtum?

Da er nicht Obersterndeuter geworden war, so blieben ihm, obgleich er

reich, ja sogar sehr reich geworden war, die Türen seines Hauses

verschlossen, die ihm immer beide geöffnet wurden, wenn er als

Schuhflicker mit zerrissenen Schuhen des Abends mit einer halben Okka

Brot in einem zerrissenen Tuche nach Hause kam.

Nun, eines Tages war die Tochter des Padischahs, um sich zu baden, ins

Bad gegangen. Die Prinzessin hatte ein paar sehr kostbare Ohrringe. Als

sie sich badete, hatte sie diese Ohrringe abgenommen und oben auf das

Waschbecken gelegt. Nach einiger Zeit suchte sie die Ohrringe, den

einen fand sie, der andere war verschwunden.

Die Prinzessin wurde sehr unruhig. Dieser kostbare Ohrring gehörte zu

den ältesten Diamanten der Familie. Was sollte sie ihrem Vater

antworten.

Sämtliche Bediente des Bades wurden ganz nackt ausgezogen, alle wurden

mit größter Sorgfalt untersucht. Das ganze Bad, alle Winkel wurden

untersucht. Alle Arbeit war vergeblich. Alle Hoffnung schwand. Der

Ohrring wurde nicht gefunden.

Die Prinzessin kehrte traurig und bekümmert in das Schloß zurück. Man

konnte ihr den Mund selbst nicht mit einem Messer öffnen. Schließlich

erzählte sie die Sache ihrer Amme, weinte und jammerte, sie gelobte den

vier Großvätern, den Siebmachervätern Fett und Lichte, aber ohne

Erfolg.

Schließlich dachte die Amme nach. Als sie in dem Palaste des und des

Paschas war, war von einem Hodscha gesprochen worden, dessen Atem

wirkungsvoll und der im Besitze großer Wunderkraft war. Wenn sich

dieser verlorene Ohrring überhaupt finden ließ, konnte nur dieser

verehrte Hodscha ihn finden. Man suchte nach, wo dieser Mann saß, und

man fand ihn. Am nächsten Tage ging die Prinzessin mit ihrer Amme zu

dem Hodscha.

Als der Hodscha den Hofwagen kommen sah, kam ihm zuerst der Gedanke,

daß sich jetzt für ihn die Möglichkeit ergebe, Obersterndeuter zu

werden. Ja, wenn er erst einmal Obersterndeuter wäre, dann würde er

nach Hause gehen und es seiner Frau zurufen. Er würde wieder in sein

Haus gehen, das ihm seit zwei Jahren verschlossen war, und mit seiner

lieben Frau und seiner Tochter, die ihm so teuer wie sein Leben war,

zusammen leben. Tatsächlich kam ihm sein Leben, das er jetzt im Gasthof

zubrachte, sehr schwer vor.

Sie stiegen aus dem Wagen. Der Hodscha nahm wieder die betrügerischen

Gesten an, in denen er bei Ausübung seines Berufs schon Gewandtheit

erlangt hatte, und empfing seine Kunden artig. Die Prinzessin setzte

sich traurig und verzweifelt in eine Ecke wie ein sich bewegender aber

lebloser Körper und wartete auf die Perlen, die aus dem Munde des

Hodscha fallen würden.

Die Amme erklärte die Sache. Sie sprach von den Gelübden und sagte, daß

diese ergebnislos geblieben seien. Über sie selber etwas zu sagen, sei

überflüssig, da die Prinzessin die Tochter des herrschenden mächtigen

Sultans sei.

Diese Worte wirkten auf den Hodscha wie ein beängstigender Traum.

Einerseits zitterte er, andererseits schwitzte er. Wenn er es nicht

herausbringen würde — und dessen war er sicher —, was würde dann mit

ihm geschehen? Mit einem Padischah und mit den Angehörigen eines

Padischahs zu spielen, das hieß mit dem Feuer spielen.

Es war aber auch nicht möglich, direkt zu erklären, wie alles gekommen

sei, und zu sagen, daß er ein Betrüger sei. Wie würde dies werden, wie

würde es ablaufen!

Schließlich sagte er nach langem Nachdenken:

„Euer Verlust erscheint mir etwas sonderbar. Euer Verlust muß am Rande

eines Tales, am Zweige eines Baumes aufgehängt sein.“

Auf diese Worte hin dachte die Amme nach. Ja, ja, der Hodscha hatte ein

reines Wunder gesagt. Der Ohrring war im Bade verloren gegangen, sofort

wurden Leute in das Bad geschickt. Sie suchten wiederum alles nach,

schließlich fanden sie ihn auf einem Reiserbesen, der vor eine

Wasserrinne gelegt war. Dem Hodscha wurden unendlich viel Geschenke

gemacht. Da die Sache sehr wichtig war, hatte man dem Padischah nichts

davon gesagt.

Der Hodscha arbeitete inzwischen weiter und verdiente viel Geld, aber

wiederum war ihm die Tür seines Hauses verschlossen, da er nicht

Obersterndeuter geworden war.

Eines Tages hatte ein Dieb dem Padischah einen sehr kostbaren, mit

Brillanten besetzten Ring, ein altes Familienstück, gestohlen. Überall

suchte man nach, fand aber den Dieb nicht.

Der Padischah zog sich verzweifelt in einem Zustande, daß er seines

Lebens überdrüssig war, in eine Ecke zurück.

Die Prinzessin wollte nicht, daß ihr Vater so traurig war, ging zu ihm

und küßte ihm Wangen, Hand und den Saum seines Kleides. Der Padischah

war sehr erfreut über seine Tochter, die, während er so traurig war, zu

ihm kam und ihn liebkoste. Er war auch zu ihr freundlich. Dies benutzte

die Prinzessin und sagte, daß der Hodscha, der ihren Ohrring gefunden,

auch aller Wahrscheinlichkeit nach den Ring finden würde.

Wer ins Wasser fällt, faßt sogar nach einer Schlange. Der Padischah gab

Befehl, und sofort gehen Adjutanten aus, um den Hodscha zu suchen. Sie

bringen ihn ins Schloß. Der Arme steht zitternd Todesängste aus. Er

wird vor den Padischah gebracht. Der Padischah erzählt ihm die Sache

und macht ihm klar, daß er, wenn er die Angelegenheit nicht ins Reine

bringen und den Ring zur Stelle schaffen würde, seinen Kopf verlieren

würde.

Der Arme sah ein, daß die Sache unmöglich sei und daß es ihm das Leben

kosten werde. Aber um diesen verhängnisvollen Augenblick etwas

hinauszuschieben und um diese Zeit gut zu verleben, sagte er: „Mein

Padischah, das ist eine schwierige Sache. Es steht nicht in der Macht

der Sterne, Euch sofort eine Antwort zu geben. Gebt mir vierzig Tage

Frist, weist mir ein Zimmer an und gebt mir während dieser Zeit die

vorzüglichste Nahrung. Am vierzigsten Tage werde ich Euch sagen, wer

der Dieb ist.“

Der Padischah nahm den Vorschlag an und befahl, daß alles ausgeführt

werden sollte, was der Hodscha wünschte. Der Hodscha zog sich in ein

vorzüglich ausgestattetes Zimmer zurück, um sich Gott zu weihen. Dort

betete er zu Gott und flehte, daß er sein Gebet annehme und ihm seine

Sünden verzeihen möge. Andererseits verfluchte er auch seine Frau, die

ihn in seinem Alter in solche Not und Prüfungen gebracht, und ihren

Wunsch nach einer angesehenen Stellung.

Jeden Tag wurde ihm ordnungsgemäß Essen gebracht. Um die Tage nicht zu

vergessen, behielt er einen leeren Teller von den ihm gebrachten

Speisen zurück.

Inzwischen war nun eine Zeit vergangen. Um festzustellen, wieviel Tage

er schon dort sei und wieviel Tage ihm von seinem Leben noch übrig

seien, zählte er die Teller. Es waren genau achtzehn. Voller

Hoffnungslosigkeit entfuhren ihm, ohne daß er es wollte, diese Worte:

„Ach, achtzehn!“

Die Diebe des Ringes gehörten zu den Palastdienern. Sie beobachteten

alles, was der Hodscha tat, durch ein Loch. Der Beobachter an jenem

Tage hatte nicht bemerkt, daß der Hodscha die Teller gezählt hatte,

sondern hatte nur gehört, daß er ausrief: „Ach, achtzehn!“

Es waren nun in der Tat achtzehn Diebe. Als der Beobachter die Zahl

achtzehn hörte, suchte er sofort seine Genossen auf und sagte: „Mit

unserer Sache steht es schlecht. Dieser Kerl ist ein Teufel oder der

Antichrist oder derartiges. Er hat jetzt heraus, wieviel wir sind.

Heute hat er in der Ekstase dreimal: „Ach, achtzehn“ ausgerufen. Wenn

er noch länger Zeit hat, wird er auch noch herausfinden, wer wir sind,

und wir sind für den Strick des Henkers reif.“

Die Diebe gerieten über diese Nachricht ihres Genossen in Aufregung.

Sie hielten einen Rat ab, berieten sich und beschlossen, in der Nacht

zum Hodscha zu gehen, ihn anzuflehen, sie nicht zu verraten, und sein

Mitleid zu erwecken.

In der folgenden Nacht betreten sie alle zusammen sein Zimmer. Er

geriet in große Furcht.

Man sagt: Wenn der Mensch verzweifelt ist, gebärdet er sich am

mutigsten, so wie die Katze, wenn sie verzweifelt ist, den Hund

anfällt. Da der arme Hodscha äußerst hoffnungslos war, so stürzte er

sich auf die Leute und rief: „Ach, ihr, seid ihr da?“ Er glich sozusagen

einem rasenden Löwen.

Die Diebe wurden noch besorgter und fielen dem Schuhflicker zu Füßen.

Er wußte nicht, was los war und sah sie ganz entgeistert an.

Schließlich stand der mutigste von ihnen auf und sagte, nachdem er ihn

mit höchster Ehrfurcht begrüßt hatte: „Mein Herr, Sie sind wirklich

eine sehr begabte und große Person. Sie haben entdeckt, daß wir

achtzehn sind. Jedenfalls hätten Sie auch noch uns herausgebracht. Wir

wollten Ihnen jedoch nicht soviel Mühe machen und haben beschlossen,

die Wahrheit zu sagen. Wir vertrauen auf Ihre edle und barmherzige

Gesinnung und auf Ihr großes Herz. Nehmen Sie unsere Bitte an und

erbarmen Sie sich nicht nur über uns, sondern auch über unsere Kinder.

Unser Leben ist jetzt in Ihrer Hand. Nur Sie können uns retten. Ja, wir

haben den Ring gestohlen.“

Auf diese Rede hin machte der Schuhflicker große Augen und wurde wieder

ruhig. Es war kein Zweifel, jetzt war er gerettet. Er sagte mit

angenommener Würde: „Dankt Gott, daß ihr noch gerade im letzten

Augenblick euch gemeldet habt, sonst wäre es euer letzter Tag gewesen.

Ich war gerade dabei, eure Namen zu entdecken.“

„Ach, mein Herr, dessen sind wir sicher, aber haben Sie Mitleid mit

unseren Kindern.“

„Gut, versprecht Ihr, es nicht wieder zu tun?“

„Wir versprechen es nicht nur, wir schwören es bei unserem Glauben und

auf unser Gewissen.“

„Da ihr versprecht, es nicht wieder zu tun, so will ich euch aus

Mitleid nicht verraten. Gebt den Ring am vierzigsten Tage einer Gans zu

fressen und brecht ihr einen Flügel. Das andere ist dann meine Sache.

Wenn ihr so tut, gut, dann werde ich keinen von euch verraten, sonst

geht es euch schlecht.“

Die Diebe versprechen, die Worte des Hodschas getreu auszuführen,

versprechen ihm viel Geld und gehen weg.

Der vierzigste Tag kommt heran. Der Padischah erwartete diesen Tag mit

Ungeduld. Schließlich befiehlt er, den Hodscha vorzuführen. Der Hodscha

kommt vor den Padischah. Dieser fragt mit zorniger Stimme: „Nun, wie

steht es? Hast du ihn gefunden?“

„Ja, mein Herr, das heißt richtiger, ich habe seine Spur. Jetzt möge

Euer Majestät befehlen, daß alle Geschöpfe des Palastes vor mir im Zuge

vorüberziehen, dann werde ich zeigen, wer der Dieb ist.“

Der Padischah befiehlt es, und vom Großvezir an bis zum Küchenjungen

ziehen alle Leute des Schlosses vor dem Hodscha vorbei. Obgleich auch

die wirklichen Diebe dabei waren, sagt der Hodscha nichts.

Der Padischah fragt: „Nun, Hodscha, wer hat den Ring?“ Der antwortet:

„Mein Padischah, unter den Leuten Eures Schlosses ist kein Dieb.

Trotzdem ist der Ring bei einem lebenden Wesen, das zu Eurem Schlosse

gehört. Befehlt, daß auch die Tiere alle vor mir vorbeiziehen sollen.“

Der Padischah befiehlt es. Die Pferde, Stuten, Esel, Maultiere und die

anderen Tiere ziehen alle vorüber. Bei keinem ist der Ring. Schließlich

fragt der Hodscha: „Sind das alle Tiere im Schlosse?“

Man antwortet:

„Nein, mein Herr, es ist noch ein Rudel Gänse da.“

Türkische Märchen · 第 41 / 91 题