Es war einmal ein sehr armer Mann, der sein Leben damit fristete, alte
zerrissene Stiefel auszubessern. Dieser arme unglückliche Mann hatte
eine ebenso unglückliche Frau und eine Tochter.
Eines Tages ging die Frau dieses Armen mit ihrer Tochter ins Bad, um
sich zu baden. Sie treten in die Badezelle. Während sie anfangen wollen
zu baden, kommt die Badefrau und sagt, daß sie aufstehen müssen, weil
die Frau des Obersterndeuters sich dort baden will. Die Armen verlassen
den Raum und gehen in einen anderen. Dort rüsten sie alles zu und
lassen das Wasser laufen. Gerade als sie sich baden wollen, kommt
wieder die Badefrau und erklärt, daß diese Zelle für das Fräulein
Tochter der Obersterndeuterin bestimmt sei. Sie gehen in eine andere.
Dort war nun gerade die erste Verwalterin der Obersterndeuterin, eine
vierte war für die Sklavinnen, eine fünfte für die Dienerinnen, eine
sechste und siebente usw. für die Familienangehörigen der
Obersterndeuterin bestimmt. Überall werden sie so fortgejagt. Daraufhin
ärgert sich die Frau, sie wird aufgeregt und kehrt zornig in ihr Haus
zurück.
Am Abend kommt der arme Schuhflicker, der eine mit Mühe und Not
verdiente Okka Brot in sein Kattuntaschentuch gewickelt und ein Bund
Zwiebeln am Ende seines Stockes aufgehängt hat, und klopft an die Tür.
Die Frau öffnet ihrem Manne die Tür, aber gleichzeitig öffnet sich auch
ihr Mund. Der unglückliche Mann weiß nicht, was die Veranlassung zu
diesem Empfange gewesen ist, und wünscht Aufklärung. Die Frau erklärt
ihm die Sache und vergißt nicht folgende energische Erklärungen
hinzuzufügen:
„Mann, entweder wirst du Obersterndeuter, damit wir, wenn wir ins Bad
gehen, mit gleicher Ehrerbietung behandelt werden, oder ich lasse dich
nicht mehr ins Haus herein.“
„Aber, Frau, ich bin ein ungebildeter Mann. Um Obersterndeuter zu
werden, muß man lesen und schreiben können. Davon habe ich keine
Ahnung. Wie sollte ich das werden können?“
„Ich weiß nicht, was Lesen und Schreiben ist. Du mußt das Schuhflicken
aufgeben und richtig Obersterndeuter werden. Sonst ist dies mein
letztes Wort: ich werde dir nicht wieder aufmachen. Dann magst du
meinetwegen zum Teufel gehen.“
Der arme Schuhflicker merkte, daß die Worte seiner Frau ganz bestimmt
waren. Er kannte ihre Natur und ihren bösen Charakter. Seitdem sie sich
verheiratet hatten, war es dreiundvierzig Jahre. So hatte er sie
ordentlich kennengelernt. Es gab kein anderes Mittel, als
Obersterndeuter zu werden. Am nächsten Morgen stand er früh auf, ging
in den Laden und ließ alle Werkzeuge, die er hatte, versteigern. Mit
den paar Piastern, die er gewonnen, kaufte er sich auf dem
Alttrödelmarkt einen Kaftan, ebenso machte er sich aus alten weißen
Vorhängen einen Turban, besorgte sich ein altes Tintenfaß und ein
Schreibrohr, setzte sich an einer Straßenecke, wo viele Leute
vorbeigingen hin und wartete wie eine Spinne, die ihr Netz gebaut hat
und auf Beute wartet, auf gläubige Kunden. Daß es viele solcher Dummen
gibt, sieht man aus der Menge der Besprecher und Bepuster und aus der
allgemeinen Unwissenheit. Ohne Zweifel konnte unser Schuhflicker unter
diesen so zahlreichen Berufsgenossen sich sein Stück Brot verdienen.
Aber die Absichten seiner Frau gingen sehr hoch. Ach, wie könnte das
möglich sein?
Jedenfalls suchte unser Schuhflicker eine junge Gans zum Rupfen und
brauchte nicht zu lange zu warten. Eine alte Zigeunerin von
fünfundneunzig Jahren, deren Augen infolge des Alters hellblau
geworden, deren Hüften gebrochen, deren Kniescheiben infolge der
Schwäche herausgetreten waren, die sich auf zwei dünne Beine gleichwie
auf zwei schwarze Bohnenstangen stützte und einen Körper hatte, der in
keinem Verhältnis zu diesen Füßen stand, ging zu dem Schuhflicker.
„Hollah, Herr Hodscha, ist dein Atem wirkungsvoll? Ich bereite jedesmal
am letzten Mittwoch des Monats den Geistern eine Suppe und stelle sie
in den Herd. Am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang nehme ich das Gefäß,
bringe es ans Meer und werfe es hinein, dann eile ich ohne mich
umzudrehen und umzusehen nach Hause. Auf diese Art bin ich bisher immer
vor den bösen Geistern sicher gewesen.“
„Ach, Herr Hodscha, ich weiß nicht, ob unser junger Herr mir diesmal
einen falschen Tag gesagt oder sich geirrt hat. Ich weiß nicht, was los
ist. Diesen Monat konnte ich mein Gelübde nicht ausführen und habe seit
jenem Tage einen gewaltigen Kopfschmerz, als ob er meinen Kopf abrisse
und zerhackte. Mein lieber Herr Hodscha, wenn dein Atem wirkungsvoll
ist, so besprich mich.“
Unser Schuhflicker hatte vom Besprechen und vom Gebet und Derartigem
keine Ahnung. Schließlich fing er an, innerlich über seine Frau zu
fluchen, die ihn in eine solche schwierige Lage gebracht hatte.
Als die Zigeunerin dies sah, sagte sie zu sich: „Gott hat mir geholfen.
Zu was für einem guten, tüchtigen Hodscha hat er mich geführt. Sieh,
sieh, seine Augen haben sich ganz verändert. Jetzt fängt er auch zu
beten an. Ach, jetzt bin ich wieder gesund geworden.“
Der arme Schuhflicker ahnte, daß die Geschichte nicht so endigen würde,
nahm sich zusammen, setzte sich neben die Schwarze, bestrich ihre
faltenreiche mit Laudanum bestrichene Stirn mit seinen Händen, sagte
dann mit leiser Stimme zwei- bis dreimal einige sinnlose Wörter und
blies die Frau an.
Derartige Dinge üben auf das Nervensystem bisweilen eine gute,
bisweilen eine schlechte Wirkung aus. Die Nerven werden dadurch
beeinflußt. Deswegen hörte der Kopfschmerz der Schwarzen hiernach auf.
Die Frau kehrte zufrieden und dankbar, lachend und vergnügt nach Hause
zurück und sagte zu ihrer Herrin: „Ach, Herrin, heute habe ich einen
Hodscha gefunden, dessen Atem so heilkräftig war, daß mit einem Hauch
mein Kopfschmerz beseitigt wurde.“
Die Herrin antwortete:
„Wo war der Hodscha? Wie wäre es, wenn du hingingest und, damit die
Heftigkeit des Herrn aufhört, ihn besprechen ließest?“
Sie antwortete:
„Das wäre nicht schlecht. Wenn wir sein Hemd besprechen ließen, wäre es
vielleicht das wirksamste.“
Die Herrin schickte die Schwarze mit folgenden Worten zum Hodscha:
„Das ist ein guter Gedanke von dir. Ich werde dir ein rotes Tuch geben.
Es kann auch ein Stück Kattun sein, das er des Feiertags anlegt. Geh
sofort nach oben und nimm aus dem Wäschebündel ein Hemd aus
Kräuselstoff und bring’ es dem gesegneten Hodscha. Gib ihm diese zwei
Medschidije und sage ihm, wenn sein Atem wirkungsvoll sein wird, werden
wir ihm zwei Goldstücke geben. Nicht wahr, meine liebe Hoschkadem?“
Als der Hodscha die Schwarze kommen sieht, denkt er, daß sie das ihm
gegebene Geld wieder fordern will. Als er erfährt, was sie will, wird
er beruhigt. Er spricht das Gebet über das Hemd und steckt die blanken
Medschidije in seine Tasche.
Am Abend kehrt unser Schuhflicker mit dem Gelde, wie er noch nie in
seinem Leben soviel zusammen gesehen, nach Hause zurück und denkt, daß
seine Frau ihn mit Freuden aufnehmen werde.
Er kommt ans Haus und fängt an der Tür mit den Medschidije zu klappern
an, um sie neugierig zu machen. Jedoch die Frau war ungeheuer fest in
ihrem Entschluß. Sie kümmerte sich gar nicht um das Geld und um das
Klappern. Der Mann macht soviel Lärm, jammerte und flehte, daß die
Nachbarn Mitleid mit ihm hatten, aber das kümmerte die Frau gar nicht.
Ihr Entschluß war gefaßt. Schließlich sah sie aus dem Fenster und sagte
ihr letztes Wort: „Wenn du nicht Obersterndeuter wirst, wird dir nicht
die Tür geöffnet.“
Der arme Schuhflicker, der vierzig Jahre mit seiner Frau zusammengelebt
hatte, kannte ihre Natur sehr gut. Wer sollte auf der Welt so wie er
wissen, wie hartnäckig und eigensinnig sie war. Es war jetzt unnütz, in
sie zu dringen. Er mußte Obersterndeuter werden oder die Verbindung mit
dem Hause gänzlich aufgeben. Aber Obersterndeuter zu werden, war recht
schwer, ja sogar unmöglich. Wie sollte ein unwissender Mensch, der
nichts anderes getan hatte als alte Schuhe, und zwar für Lastträger und
Feuerwehrleute, und Pantoffel auszubessern, Obersterndeuter werden
können. Doch das mußte ertragen werden.
Schließlich zog er traurig und niedergeschlagen ab. Er ging in ein
Gasthaus und mietete sich dort ein Zimmer.
Jedenfalls der Herr der Schwarzen hatte sein aufbrausendes Temperament
abgelegt und lebte in seinem Hause wie ein Lamm und war seiner Familie
gegenüber wieder liebenswürdiger. Diese außergewöhnlichen Zustände
wurden dem heilkräftigen Atem des Hodschas und seiner wunderbaren Gabe
zugeschrieben, und die versprochenen zwei türkischen Pfunde wurden ihm
gegeben. Es ist bekannt, daß die Frauen, besonders die Frauen, die
keinen Unterricht genossen hatten, in derartigen Dingen sehr geschickt
sind. Ja, sie sind viel mehr als die Zeitungen geeignet, einen solchen
Menschen berühmt zu machen. Nun, der Ruhm unseres Hodschas wuchs von
Tag zu Tage und seine Kunden nahmen zu. Die anderen Scharlatane dieser
Gattung, die mit Anblasen die Leute betrügen, waren ohne Kunden und
ohne Brot.
Unser Hodscha war sehr reich geworden. Aber was nützt ihm der Reichtum?
Da er nicht Obersterndeuter geworden war, so blieben ihm, obgleich er
reich, ja sogar sehr reich geworden war, die Türen seines Hauses
verschlossen, die ihm immer beide geöffnet wurden, wenn er als
Schuhflicker mit zerrissenen Schuhen des Abends mit einer halben Okka
Brot in einem zerrissenen Tuche nach Hause kam.
Nun, eines Tages war die Tochter des Padischahs, um sich zu baden, ins
Bad gegangen. Die Prinzessin hatte ein paar sehr kostbare Ohrringe. Als
sie sich badete, hatte sie diese Ohrringe abgenommen und oben auf das
Waschbecken gelegt. Nach einiger Zeit suchte sie die Ohrringe, den
einen fand sie, der andere war verschwunden.
Die Prinzessin wurde sehr unruhig. Dieser kostbare Ohrring gehörte zu
den ältesten Diamanten der Familie. Was sollte sie ihrem Vater
antworten.
Sämtliche Bediente des Bades wurden ganz nackt ausgezogen, alle wurden
mit größter Sorgfalt untersucht. Das ganze Bad, alle Winkel wurden
untersucht. Alle Arbeit war vergeblich. Alle Hoffnung schwand. Der
Ohrring wurde nicht gefunden.
Die Prinzessin kehrte traurig und bekümmert in das Schloß zurück. Man
konnte ihr den Mund selbst nicht mit einem Messer öffnen. Schließlich
erzählte sie die Sache ihrer Amme, weinte und jammerte, sie gelobte den
vier Großvätern, den Siebmachervätern Fett und Lichte, aber ohne
Erfolg.
Schließlich dachte die Amme nach. Als sie in dem Palaste des und des
Paschas war, war von einem Hodscha gesprochen worden, dessen Atem
wirkungsvoll und der im Besitze großer Wunderkraft war. Wenn sich
dieser verlorene Ohrring überhaupt finden ließ, konnte nur dieser
verehrte Hodscha ihn finden. Man suchte nach, wo dieser Mann saß, und
man fand ihn. Am nächsten Tage ging die Prinzessin mit ihrer Amme zu
dem Hodscha.
Als der Hodscha den Hofwagen kommen sah, kam ihm zuerst der Gedanke,
daß sich jetzt für ihn die Möglichkeit ergebe, Obersterndeuter zu
werden. Ja, wenn er erst einmal Obersterndeuter wäre, dann würde er
nach Hause gehen und es seiner Frau zurufen. Er würde wieder in sein
Haus gehen, das ihm seit zwei Jahren verschlossen war, und mit seiner
lieben Frau und seiner Tochter, die ihm so teuer wie sein Leben war,
zusammen leben. Tatsächlich kam ihm sein Leben, das er jetzt im Gasthof
zubrachte, sehr schwer vor.
Sie stiegen aus dem Wagen. Der Hodscha nahm wieder die betrügerischen
Gesten an, in denen er bei Ausübung seines Berufs schon Gewandtheit
erlangt hatte, und empfing seine Kunden artig. Die Prinzessin setzte
sich traurig und verzweifelt in eine Ecke wie ein sich bewegender aber
lebloser Körper und wartete auf die Perlen, die aus dem Munde des
Hodscha fallen würden.
Die Amme erklärte die Sache. Sie sprach von den Gelübden und sagte, daß
diese ergebnislos geblieben seien. Über sie selber etwas zu sagen, sei
überflüssig, da die Prinzessin die Tochter des herrschenden mächtigen
Sultans sei.
Diese Worte wirkten auf den Hodscha wie ein beängstigender Traum.
Einerseits zitterte er, andererseits schwitzte er. Wenn er es nicht
herausbringen würde — und dessen war er sicher —, was würde dann mit
ihm geschehen? Mit einem Padischah und mit den Angehörigen eines
Padischahs zu spielen, das hieß mit dem Feuer spielen.
Es war aber auch nicht möglich, direkt zu erklären, wie alles gekommen
sei, und zu sagen, daß er ein Betrüger sei. Wie würde dies werden, wie
würde es ablaufen!
Schließlich sagte er nach langem Nachdenken:
„Euer Verlust erscheint mir etwas sonderbar. Euer Verlust muß am Rande
eines Tales, am Zweige eines Baumes aufgehängt sein.“
Auf diese Worte hin dachte die Amme nach. Ja, ja, der Hodscha hatte ein
reines Wunder gesagt. Der Ohrring war im Bade verloren gegangen, sofort
wurden Leute in das Bad geschickt. Sie suchten wiederum alles nach,
schließlich fanden sie ihn auf einem Reiserbesen, der vor eine
Wasserrinne gelegt war. Dem Hodscha wurden unendlich viel Geschenke
gemacht. Da die Sache sehr wichtig war, hatte man dem Padischah nichts
davon gesagt.
Der Hodscha arbeitete inzwischen weiter und verdiente viel Geld, aber
wiederum war ihm die Tür seines Hauses verschlossen, da er nicht
Obersterndeuter geworden war.
Eines Tages hatte ein Dieb dem Padischah einen sehr kostbaren, mit
Brillanten besetzten Ring, ein altes Familienstück, gestohlen. Überall
suchte man nach, fand aber den Dieb nicht.
Der Padischah zog sich verzweifelt in einem Zustande, daß er seines
Lebens überdrüssig war, in eine Ecke zurück.
Die Prinzessin wollte nicht, daß ihr Vater so traurig war, ging zu ihm
und küßte ihm Wangen, Hand und den Saum seines Kleides. Der Padischah
war sehr erfreut über seine Tochter, die, während er so traurig war, zu
ihm kam und ihn liebkoste. Er war auch zu ihr freundlich. Dies benutzte
die Prinzessin und sagte, daß der Hodscha, der ihren Ohrring gefunden,
auch aller Wahrscheinlichkeit nach den Ring finden würde.
Wer ins Wasser fällt, faßt sogar nach einer Schlange. Der Padischah gab
Befehl, und sofort gehen Adjutanten aus, um den Hodscha zu suchen. Sie
bringen ihn ins Schloß. Der Arme steht zitternd Todesängste aus. Er
wird vor den Padischah gebracht. Der Padischah erzählt ihm die Sache
und macht ihm klar, daß er, wenn er die Angelegenheit nicht ins Reine
bringen und den Ring zur Stelle schaffen würde, seinen Kopf verlieren
würde.
Der Arme sah ein, daß die Sache unmöglich sei und daß es ihm das Leben
kosten werde. Aber um diesen verhängnisvollen Augenblick etwas
hinauszuschieben und um diese Zeit gut zu verleben, sagte er: „Mein
Padischah, das ist eine schwierige Sache. Es steht nicht in der Macht
der Sterne, Euch sofort eine Antwort zu geben. Gebt mir vierzig Tage
Frist, weist mir ein Zimmer an und gebt mir während dieser Zeit die
vorzüglichste Nahrung. Am vierzigsten Tage werde ich Euch sagen, wer
der Dieb ist.“
Der Padischah nahm den Vorschlag an und befahl, daß alles ausgeführt
werden sollte, was der Hodscha wünschte. Der Hodscha zog sich in ein
vorzüglich ausgestattetes Zimmer zurück, um sich Gott zu weihen. Dort
betete er zu Gott und flehte, daß er sein Gebet annehme und ihm seine
Sünden verzeihen möge. Andererseits verfluchte er auch seine Frau, die
ihn in seinem Alter in solche Not und Prüfungen gebracht, und ihren
Wunsch nach einer angesehenen Stellung.
Jeden Tag wurde ihm ordnungsgemäß Essen gebracht. Um die Tage nicht zu
vergessen, behielt er einen leeren Teller von den ihm gebrachten
Speisen zurück.
Inzwischen war nun eine Zeit vergangen. Um festzustellen, wieviel Tage
er schon dort sei und wieviel Tage ihm von seinem Leben noch übrig
seien, zählte er die Teller. Es waren genau achtzehn. Voller
Hoffnungslosigkeit entfuhren ihm, ohne daß er es wollte, diese Worte:
„Ach, achtzehn!“
Die Diebe des Ringes gehörten zu den Palastdienern. Sie beobachteten
alles, was der Hodscha tat, durch ein Loch. Der Beobachter an jenem
Tage hatte nicht bemerkt, daß der Hodscha die Teller gezählt hatte,
sondern hatte nur gehört, daß er ausrief: „Ach, achtzehn!“
Es waren nun in der Tat achtzehn Diebe. Als der Beobachter die Zahl
achtzehn hörte, suchte er sofort seine Genossen auf und sagte: „Mit
unserer Sache steht es schlecht. Dieser Kerl ist ein Teufel oder der
Antichrist oder derartiges. Er hat jetzt heraus, wieviel wir sind.
Heute hat er in der Ekstase dreimal: „Ach, achtzehn“ ausgerufen. Wenn
er noch länger Zeit hat, wird er auch noch herausfinden, wer wir sind,
und wir sind für den Strick des Henkers reif.“
Die Diebe gerieten über diese Nachricht ihres Genossen in Aufregung.
Sie hielten einen Rat ab, berieten sich und beschlossen, in der Nacht
zum Hodscha zu gehen, ihn anzuflehen, sie nicht zu verraten, und sein
Mitleid zu erwecken.
In der folgenden Nacht betreten sie alle zusammen sein Zimmer. Er
geriet in große Furcht.
Man sagt: Wenn der Mensch verzweifelt ist, gebärdet er sich am
mutigsten, so wie die Katze, wenn sie verzweifelt ist, den Hund
anfällt. Da der arme Hodscha äußerst hoffnungslos war, so stürzte er
sich auf die Leute und rief: „Ach, ihr, seid ihr da?“ Er glich sozusagen
einem rasenden Löwen.
Die Diebe wurden noch besorgter und fielen dem Schuhflicker zu Füßen.
Er wußte nicht, was los war und sah sie ganz entgeistert an.
Schließlich stand der mutigste von ihnen auf und sagte, nachdem er ihn
mit höchster Ehrfurcht begrüßt hatte: „Mein Herr, Sie sind wirklich
eine sehr begabte und große Person. Sie haben entdeckt, daß wir
achtzehn sind. Jedenfalls hätten Sie auch noch uns herausgebracht. Wir
wollten Ihnen jedoch nicht soviel Mühe machen und haben beschlossen,
die Wahrheit zu sagen. Wir vertrauen auf Ihre edle und barmherzige
Gesinnung und auf Ihr großes Herz. Nehmen Sie unsere Bitte an und
erbarmen Sie sich nicht nur über uns, sondern auch über unsere Kinder.
Unser Leben ist jetzt in Ihrer Hand. Nur Sie können uns retten. Ja, wir
haben den Ring gestohlen.“
Auf diese Rede hin machte der Schuhflicker große Augen und wurde wieder
ruhig. Es war kein Zweifel, jetzt war er gerettet. Er sagte mit
angenommener Würde: „Dankt Gott, daß ihr noch gerade im letzten
Augenblick euch gemeldet habt, sonst wäre es euer letzter Tag gewesen.
Ich war gerade dabei, eure Namen zu entdecken.“
„Ach, mein Herr, dessen sind wir sicher, aber haben Sie Mitleid mit
unseren Kindern.“
„Gut, versprecht Ihr, es nicht wieder zu tun?“
„Wir versprechen es nicht nur, wir schwören es bei unserem Glauben und
auf unser Gewissen.“
„Da ihr versprecht, es nicht wieder zu tun, so will ich euch aus
Mitleid nicht verraten. Gebt den Ring am vierzigsten Tage einer Gans zu
fressen und brecht ihr einen Flügel. Das andere ist dann meine Sache.
Wenn ihr so tut, gut, dann werde ich keinen von euch verraten, sonst
geht es euch schlecht.“
Die Diebe versprechen, die Worte des Hodschas getreu auszuführen,
versprechen ihm viel Geld und gehen weg.
Der vierzigste Tag kommt heran. Der Padischah erwartete diesen Tag mit
Ungeduld. Schließlich befiehlt er, den Hodscha vorzuführen. Der Hodscha
kommt vor den Padischah. Dieser fragt mit zorniger Stimme: „Nun, wie
steht es? Hast du ihn gefunden?“
„Ja, mein Herr, das heißt richtiger, ich habe seine Spur. Jetzt möge
Euer Majestät befehlen, daß alle Geschöpfe des Palastes vor mir im Zuge
vorüberziehen, dann werde ich zeigen, wer der Dieb ist.“
Der Padischah befiehlt es, und vom Großvezir an bis zum Küchenjungen
ziehen alle Leute des Schlosses vor dem Hodscha vorbei. Obgleich auch
die wirklichen Diebe dabei waren, sagt der Hodscha nichts.
Der Padischah fragt: „Nun, Hodscha, wer hat den Ring?“ Der antwortet:
„Mein Padischah, unter den Leuten Eures Schlosses ist kein Dieb.
Trotzdem ist der Ring bei einem lebenden Wesen, das zu Eurem Schlosse
gehört. Befehlt, daß auch die Tiere alle vor mir vorbeiziehen sollen.“
Der Padischah befiehlt es. Die Pferde, Stuten, Esel, Maultiere und die
anderen Tiere ziehen alle vorüber. Bei keinem ist der Ring. Schließlich
fragt der Hodscha: „Sind das alle Tiere im Schlosse?“
Man antwortet:
„Nein, mein Herr, es ist noch ein Rudel Gänse da.“