Sie waren verwirrt, konnten es nicht glauben und hielten es für einen
Traum.
Es war jedoch kein Traum, sondern Wahrheit. Der Gesandte, der Uludsch
Begum geraubt hatte, hatte sie, weil sie ihrem Manne treu blieb, in
seinem Harem eingekerkert. Der Gesandte ließ immer, wenn er wegging,
für seinen Palast zwei Wächter zurück. Uludsch Begum, die sich in zehn
Jahren dem Perser nicht hingegeben hatte und in den Nächten aus Kummer
über ihre Kinder nicht hatte schlafen können, hatte der Poesie der
unten plaudernden jungen Wächter zugehört und erkannte, daß es ihre
Söhne seien. Sie holte sie hinein, und sie fingen an zusammenzuleben.
Der Gedanke an ihren unglücklichen Vater Hassan Bej minderte ihre
Freude. Sie beteten, daß er gesund sein möge.
Uludsch Begum tröstete ihre Kinder und sagte: „Sorgt euch nicht. Ich
glaube nicht, daß er gestorben ist, da wir uns ja wiedergefunden haben.
Der große Gott wird uns auch mit ihm vereinigen.“
Die Tage des Glücks vergehen schnell. Eines Tages kam der Gesandte. Als
er erfuhr, daß die beiden Wächter im Harem seien, hielt er es vor Zorn
und Wut nicht einmal mehr nötig, Untersuchungen anzustellen, sondern
lief in das Schloß, beklagte sich beim Schah und flehte, daß die beiden
Wächter, die seine Ehre angegriffen hätten, und die Frau sofort
hingerichtet werden sollten. Der Schah war ein sehr weiser und
bedächtiger Mann und sagte: „Ohne richterliches Verfahren gibt es keine
Hinrichtung. Wir wollen sie hierher holen und fragen, warum sie dies
Verbrechen begangen haben. Nachdem wir ihre Antwort angehört haben,
wollen wir sie aufhängen.“
Der Gesandte konnte nicht widersprechen. So wurde denn ein Rat
zusammengerufen. Die Soldaten gingen hin und holten Uludsch Begum und
ihre beiden Söhne. Die Untersuchung verlief sehr tragisch. Als Uludsch
Begum auseinandersetzte, wie sie ihre Kinder gefunden und wie der
Gesandte sie aus ihrem Heim geraubt habe, weinte die ganze Versammlung.
Währenddessen stand der Hofdichter des Schahs, Hassan Bej, auf und
umarmte Uludsch Begum und seine beiden Söhne mit den Worten: „Ach,
meine Frau, ach, meine Söhne!“
Der Schah war über dies Ereignis so aufgeregt, daß er, ohne auf die
Fürbitte Hassan Bejs zu hören, sofort den Gesandten aufhängen ließ,
seinen Palast dem Hassan Bej schenkte und ihn zum Großvezir machte.
Hassan Bej, Uludsch Begum und ihre beiden Kinder waren nun glücklich.
Alle vergaßen das Unglück, das sie in zehn Jahren durchgemacht hatten.
Tatsächlich vergißt man ein Unglück schnell. Hassan Bej dankte Gott,
daß er das ihm bestimmte Unglück in seiner Jugend sich gewünscht hatte.
Hätte er es sich in seinem Alter gewünscht, hätte er dann wohl solche
Glückstage erleben und solches Glück kosten können? Hassan Bej blieb
nicht allein Vezir. Der Schah hatte keinen Sohn. So machte er seinen
Großvezir zum Nachfolger. Nach einem Jahr starb er und Hassan Bej wurde
Schah über die persischen Lande. So war auch der persische Thron wie
die Throne von ganz Asien auf die türkische Rasse übergegangen. Noch
heute sitzt auf dem persischen Thron wie auf den Thronen ganz Asiens
ein Sohn der großen türkischen Rasse.