Hassan fragte erstaunt: „Woher kommt euer Elend? Wer seid ihr denn?“

Da trat einer von ihnen vor, öffnete die Hände und sagte: „Mein Bej,

sieh mich an. Wenn du deutlich hinsiehst, wirst du mich erkennen. Wir

waren Verwalter deiner Waren im Osten.“

Hassan Bej war erstaunt, erkannte sie alle und rief aus: „Was ist aus

euch geworden? Wie kommt ihr in diesen Zustand?“

Die Leute, die er für Bettler hielt, erklärten ihm genau, was ihnen

zugestoßen war.

Chinesen, Räuber, persische Reiter hatten im Osten alles geplündert.

Alle Türken, die sie in die Hände bekommen konnten, hatten sie getötet.

Mit tausend Mühen und Entbehrungen hatten sich nur diese fünf bis zehn

Leute retten können. Der Schaden ließ sich nicht abschätzen.

Hassan Bej verzweifelte nicht und sagte: „Sorgt euch nicht, einem

Unglück gegenüber, das von Gott kommt, gibt es nichts anderes als sich

fügen.“

Einen ganzen Monat lang kamen jeden Morgen haufenweise Fremde und

Bettler und sagten, daß sie zum Hause gehörten. Hassan Bej war nichts

übriggeblieben. Alle seine unermeßlichen Waren in Azerbaidschan, im

Kaukasus, in Turkistan, Bagdad, Syrien und der europäischen Türkei

waren vernichtet und geraubt.

Jeden Tag regnete Unglück über dies Haus.

Eines Tages empörten sich auch die Leute Hassan Bejs, plünderten,

verbrannten, zerstörten, raubten alles, was ihnen in die Hände kam.

Hassan Bej leistete ihnen mit ein paar treuen Dienern Widerstand. Er

rettete seine Frau und die Kinder, war aber gezwungen sein Vaterhaus zu

verlassen. Zwei Tage und zwei Nächte durchquerten sie Berge und Hügel.

Endlich kamen sie in eine türkische Stadt. Dort kaufte er von dem

Gelde, das er bei sich hatte und von den kostbaren Waffen ein Haus. So

tapfer wie er war, so gelehrt war er auch. Er sammelte Schüler um sich

und wurde Lehrer an einer neuen Schule der Stadt. In seinem Hause waren

nur seine Frau und die Zwillinge. Jeden Abend kam er nach Hause und da

er dachte, daß dies das Unglück wäre, das ihm in seiner Jugend zustoßen

sollte, dankte er Gott.

Eines Tages war er in der Schule. Uludsch Begum hatte ihre Zwillinge

spazierengehen lassen. Da hörte man „Feuer, Feuer“ rufen. Die

Bevölkerung der Stadt eilte nach dem Viertel, wo Hassan Bej wohnte.

Auch Hassan Bej lief. Was sieht er auf einmal? Sein Haus brennt.

Indem er sagte „Einem Unglück gegenüber, das von Gott kommt, bleibt

nichts anderes übrig als sich zu fügen“, umarmte er seine Kinder, die

ihm in die Arme liefen.

Der Sommer war gekommen. Im Sommer zerstreuten sich die Schulkinder. Da

ihm kein Platz zum wohnen geblieben war, zog sich Hassan Bej in ein

Dorf zurück. Dort fand er für sich eine kleine Hütte und wurde

Rinderhirt. Dies Dorf lag an einer großen Straße. Jeden Tag kamen

Reisende und Karawanen vorbei.

Uludsch Begum blieb tagsüber mit den Zwillingen zusammen in der Hütte

und wusch die Wäsche der Reisenden und gab ihnen Airan [30] und

Joghurt. Das Dorf bestand aus fünf bis zehn Häusern und fünfundzwanzig

bis dreißig Hütten. Hassan Bej sammelte frühmorgens seine Schafe,

Ziegen und Rinder und ging aus dem Dorf. Gegen Sonnenuntergang kam er

wieder.

Eines Tages war der persische Gesandte, der aus dem Abendland

zurückkehrte, in dem größten Gebäude des Dorfes, einem Steinhause,

eingekehrt und hatte seine Wäsche der Frau des Hassan Bej geschickt, um

sie zu waschen. Uludsch Begum hatte diese Wäsche gewaschen und am

nächsten Tage, nachdem sie sie getrocknet hatte, dem Burschen des

Gesandten gegeben. Als der Bursche durch die Hecke der Hütte die

Uludsch Begum sah, war er erstaunt, lief sofort zu seinem Herrn und

sagte: „Ach, Mirza, wenn du diejenige, die diese Wäsche gewaschen hat,

sähest, würdest du rasend.“ Er beschrieb ihm die Schönheit der Uludsch

Begum, daß der Gesandte sich, ohne sie zu sehen, in sie verliebte.

Hassan Bej hatte, wie jeden Morgen, seine Herde gesammelt und war der

aufgehenden Sonne entgegen gegangen. Da wurde an die Hecke der Hütte

geklopft.

Uludsch Begum gab Torgud und Korkud zu essen. Sie eilte zur Türe, weil

sie glaubte, daß wieder ein Reisender Wäsche gebracht habe. Es war

jedoch der Bursche des Gesandten. Dieser sagte: „Frau, mit der Wäsche,

die du gewaschen hast, war seine Exzellenz der Gesandte sehr zufrieden.

Er will dir diesen Backschisch geben.“ Dabei zeigte er ihr einige

Goldstücke, die er in der Hand hatte. Uludsch Begum wollte sie nicht

nehmen. Der Bursche drang in sie. Als sie schließlich, um sie zu

nehmen, errötend ihre Hand durch den Türspalt steckte, ergriff der

Bursche sie und zog sie hinaus. Uludsch Begum schrie und versuchte

Widerstand zu leisten. Sie hatte keine Waffen. Auf den Lärm kamen auch

die Kinder herbei. Einige Perser erschienen noch und stürzten sich auf

Uludsch Begum, banden sie, verstopften ihr den Mund, setzten sie auf

den Sattel eines Pferdes, schlossen sich im Galopp dem vorausreitenden

persischen Gesandten an und verschwanden in den Gebüschen des Weges,

der nach Persien geht, und in dem Staub, den sie aufgewirbelt hatten.

Am Abend kehrte Hassan Bej, nachdem er seine Herden entlassen, in seine

Hütte zurück. An der Tür fand er Torgud und Korkud. Beide sagten

einstimmig: „Vater, heute hat der persische Gesandte unsere Mutter

geraubt und ist mit ihr entflohen.“

Hassan begriff, daß jetzt das schlimmste Unglück ihn getroffen habe,

aber er war nicht niedergeschlagen und weinte nicht und sagte: „Einem

Unglück gegenüber, das von Gott kommt, bleibt nichts anderes übrig als

sich zu fügen.“

Er faßte seine Kinder an die Hand, legte in seinen Rucksack etwas Brot

und ging den Blick zur Erde, die Schultern gebeugt langsam nach

Persien. Sie folgten den Spuren der Hufe, die noch nicht verwischt

waren.

Als Hassan Bej in Gedanken versunken dahinging, freuten sich seine

Kinder in dem Gedanken, daß sie ihre Mutter suchten. Nacht und Tag,

Morgen und Abend gingen sie geradeaus über Berge und Hügel. Sie

schliefen in den Höhlen der Wälder und tranken das Wasser aus den

Quellen, die sie fanden.

Eines Tages sah Hassan Bej, daß vor ihrem Wege ein breiter Strom floß.

Auf der rechten Seite des Stromes war ein Wald. Er fand eine Furt. Wenn

er beide Kinder in den Arm nähme, würde er die Furt nicht

durchschreiten können. Er dachte: „Zuerst werde ich einen von ihnen

hinüber bringen und drüben lassen, dann umkehren und den anderen

holen.“

Er nahm Torgud in die Arme und sagte zu Korkud: „Mein Junge, passe auf

uns auf. Ich werde deinen Bruder drüben lassen und dann zu dir

umkehren.“

Er ging ins Wasser. Das Wasser reichte ihm bis an die Hüfte und kam

allmählich bis an die Schultern. Er gab Acht, daß er nicht von der

Strömung ergriffen würde. Da hörte er hinter sich ein jämmerliches

Geschrei. Der am Ufer zurückgebliebene Korkud schrie. Er wandte den

Kopf um und sah, daß ein großer Bär das Kind ergriffen hatte und mit

ihm in den Wald ging. Er beeilte sich, wieder die Waldseite zu

erreichen. Dabei stieß er an einen Stein, schwankte, fiel und Torgud,

den er im Arm hielt, wurde vom Wasser ergriffen und fortgerissen. Wie

sehr er sich auch bemühte, ihn durch Schwimmen zu erreichen, es glückte

ihm nicht.

Schließlich kam er ganz allein drüben an, setzte sich auf einen Stein,

stützte den Kopf in die Hände und dachte nach. In einem Augenblick

hatte er beide Kinder verloren, die er noch vor fünf Minuten in seinen

Händen hielt. Trotzdem wurde er nicht mutlos und weinte nicht, sondern

sagte: „Einem Unglück gegenüber, das von Gott kommt, bleibt nichts

anderes übrig als sich zu fügen“, und setzte den Weg nach Persien, den

er zur Hälfte zurückgelegt hatte, fort.

Als er nach Persien kam, fragte er nach dem Gesandten und ließ überall

suchen. Niemand kannte ihn. Es hieß, er sei jetzt nach Indien gegangen.

Zehn Jahre lang durchwanderte er Persien, fand aber keine Spur von

seiner Frau. Schließlich kam er in die Hauptstadt und suchte sie dort.

Eines Tages ging er an einer Versammlung vorbei. Drinnen stritten sich

die Lehrer und Gelehrten. Er hörte zu und gab Acht. Es sollte auf

Befehl des Schahs als Gegenstück zu dem persischen Heldenbuch ein

turanisches [31] Heldenbuch geschrieben werden. Die Weisen stritten

sich untereinander, indem jeder sagte: „Du kannst das nicht schreiben,

ich werde es tun.“ Hassan Bej sagte sofort: „Brüder, ich bin auch

schreibgewandt. Wenn ihr wollt, werde ich es schreiben.“

Die Gelehrten und Dichter hielten alle den Hassan Bej für verrückt,

lachten und sagten: „Kerl, du bist ein Türke und verstehst nichts

anderes als reiten und das Schwert zu gebrauchen. Geh an deine Arbeit.“

Hassan Bej antwortete: „Ich bin ein Türke, aber ich kann die Feder

ebenso gut wie das Schwert gebrauchen. Macht einen Versuch. Ich werde

es schreiben. Wenn es euch nicht gefällt, zerreißt es, werft es weg und

jagt mich davon.“

Die Gelehrten, Fürsten und Lehrer gaben diesem seltsamen Türken ein

Blatt und Feder, um sich über ihn lustig zu machen. Hassan Bej setzte

sich hin und schrieb in einem Anlauf das erste Lied des turanischen

Heldenbuches. Alle, die es lasen, waren erstaunt.

Die Perser gaben dies Gedicht, gleich als ob sie es selber geschrieben

hätten, dem Schah. Der Schah war ein sehr schöner, alter Mann, der den

Grad der Fähigkeiten und Geschicklichkeit seiner Dichter sehr wohl

kannte, und sagte: „In unserem Lande ist keiner, der ein solches

Gedicht schreibt. Sucht den, der es geschrieben und bringt ihn zu mir.“

Da konnten die Perser die Wahrheit nicht verbergen und gaben den Hassan

Bej an. Der Schah machte ihn zur Belohnung für seine Begabung zu seinem

Hofdichter und trug ihm auf, das turanische Schahname zu schreiben.

Hassan Bej war jetzt von aller Not befreit, aber er dachte nicht an

Reichtum und Besitz, sondern konnte seine geliebte Frau Uludsch Begum

und Torgud und Korkud nicht vergessen. Er verbrachte sein Leben in dem

Palast des Schahs gleichwie in einem Gefängnis verzweifelt und bedrückt

zu.

Der Bär, der Korkud ergriffen hatte, hatte seine Beute nicht gefressen

und nicht getötet, sondern ihn in seine Höhle gebracht und gefüttert.

Das Kind fand im Sommer die Gelegenheit in ein Dorf zu entwischen. Dort

kam es auf das Gut eines Bejs. Torgud, den der Strom fortgerissen

hatte, war nicht ertrunken. Der Strom hatte ihn in das Rad einer Mühle

getrieben. Als das Rad stillstand, war der Müller hingelaufen und hatte

dies Kind, das ihm der Strom zugeführt hatte, als Sohn angenommen.

Sommer und Winter waren vergangen. Nach zehn Jahren waren die Kinder

erwachsen und immer schöner geworden. Wohl weil sie Zwillinge waren,

erinnerten sich beide zu gleicher Zeit, daß sie einst eine Mutter

gehabt hatten, daß diese von dem persischen Gesandten geraubt sei und

daß ihr Vater, um diesen Gesandten zu suchen, nach Persien gegangen

sei. Eines Tages machten sie sich beide auf den Weg nach Persien und

trafen sich. Nachdem sie sich begrüßt hatten, fragten sie sich:

„Bist du ein Türke, Bruder?“

„Ja, ich bin ein Türke.“

„Dann sind wir ja stammverwandt.“

„Sicherlich.“

„Wohin gehst du?“

„Nach Persien.“

„Ich auch.“

„Dann können wir ja zusammengehen und Reisegenossen sein.“

„Sehr wohl.“

„Sehr wohl.“

Dann durchwanderten sie Täler und Höhen und kamen schließlich in die

Hauptstadt Persiens. Diese jungen Reisenden waren so schön, so gesetzt,

daß selbst das Schloß von ihrer Schönheit hörte und der Schah sie an

den Hof holte.

Das Türkentum und die Stammesliebe verband sie beide so sehr, daß sie,

obwohl sie nicht wußten, daß sie die gleichen Eltern hatten, sich nicht

voneinander trennten. Sie ritten zusammen, lernten ihre Aufgaben

zusammen und machten ihre Übungen zusammen.

Inzwischen war ein Jahr vergangen. Die beiden Lieblinge des Hofes waren

siebzehn Jahr alt geworden. Jetzt war ihre Tapferkeit und ihre

Geschicklichkeit im Reiten, im Waffengebrauch, im Bogenschießen ebenso

berühmt wie ihre Schönheit geworden. Eines Tages wünschte ein

Gesandter, der ins Abendland ging, zwei Helden, um seinen Palast zu

schützen. Der Schah wollte seinen alten Gesandten erfreuen und gab ihm

diese beiden Helden, die er am meisten liebte. Der Gesandte nahm diese

beiden einander ähnlichen Helden, die der Schah ihm schenkte, an,

brachte sie in seinen Palast und gab ihnen die Schlüssel zu seinem

Harem. Er selbst stieg zu Pferde und ging auf seinen neuen Posten.

Torgud und Korkud wohnten seit drei Monaten als Wächter im Palast des

persischen Gesandten. Der Sommer kam, die Nächte wurden kürzer und die

Nachtigallen fingen an zu singen. Vor der Tür des Harems war ein mit

eingelegter Perlmutterarbeit verzierter Vorraum. Bei Mondschein setzten

sich die beiden dorthin, schauten in das silberne Wasser, das aus dem

Springbrunnen eines gegenüberliegenden Beckens sprang, und in den

Widerschein des Mondes darin und erzählten sich von diesem und jenem.

Gerade über diesem Sitzplatze war ein vergitterter Balkon.

Wieder stieg der Mond empor, indem er die Wolken verscheuchte und

tauchte alles in ein blaues Licht. Torgud und Korkud standen in den

Geruch, der aus den Blumen emporstieg, und in das blaue Dunkel, das

unter den Zweigen der Bäume herrschte, versunken.

Beide waren geborene Dichter. Die Muse der Inspiration erwachte in

ihnen. Torgud sagte:

„Einst glänzte mir des Lebens Sonnenschein.

Ich nannte Vater, Mutter, Bruder mein.

Die Mutter haben Perser mir gefangen.

Nicht weiß ich, wo der Vater hingegangen.

Noch vor dem Frühling ist der Herbst schon da;

Nacht ist’s, noch eh das Morgenrot ich sah.

Der Strom hat mich ans Mühlenrad getrieben.

Was tat der Bär wohl mit Korkud, dem lieben?“

Korkud antwortete folgendermaßen:

„Dein Funken hat in mir ein Licht entfacht,

Das wie ein Blitz erhellt des Dunkels Nacht.

Beim Bären einst ich lange Zeit verweilte,

Sein Lager jahrelang ich mit ihm teilte.

Sag’, Freund, bist du Torgud, der Bruder mein?

Bist du’s, so sag’, wo mag der Vater sein?

Die Eltern suchend zog ich in die Weite.

Beim ersten Schritt standst du an meiner Seite.“

Als die beiden Brüder sich erkannten, sagten sie: „Ach, Bruder“ und

umarmten sich und weinten. Nach kaum einer Minute hörten sie unter

Tränen ein Geräusch. Sie hielten an und hörten genau hinan.

Eine ungeduldige Hand schlug an das Gitter des Balkons. Als das

Geräusch sich gelegt hatte, hörten sie die Stimme einer schluchzenden

Frau folgende Worte sagen:

„Zehn Jahre lang bin ich in fremden Landen.

Der Ehre wegen liege ich in Banden.

Die Kinder sind gekommen, mich zu retten,

Zu lösen mich aus meines Feindes Ketten.

Mein Torgud und Korkud, ihr meine Freude.

Ich setze meine Hoffnung auf euch beide.

Ach, kommt und gebt mir meine Freiheit wieder!

Matt ist mein Geist und müde sind die Glieder.“

Die beiden Brüder sprangen auf, zerbrachen die Tür des Köschks [32] und

stiegen nach oben, öffneten die Tür des Zimmers und traten ein. Eine

bleiche Frau, deren Haare über die Schultern fielen, streckte ihre in

Ketten liegenden Arme der Türe entgegen und wartete auf sie unter

Tränen. Sie stürzten sich sofort in diese heiligen Arme.

Türkische Märchen · 第 39 / 91 题