8. DIE GESCHICHTE VOM SMARAGDENEN ANKAVOGEL [15]

Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten

folgendes. In früheren Zeiten hatte ein Padischah in seinem

Privatgarten einen Apfelbaum. Alljährlich brachte er drei Äpfel hervor.

Wenn sie reif waren, kam um Mitternacht ein siebenköpfiger Dev,

pflückte die Äpfel ab und ging weg. Der Padischah bekam nichts von

ihnen zu essen. Der Padischah hatte auch drei Söhne. Eines Tages kommt

der älteste, küßt den Boden und bleibt vor dem Vater stehen. Der

Padischah fragt: „Was wünschst du mein Sohn?“ Er antwortet: „Wenn Euer

Majestät erlauben, werde ich diese Nacht den Apfelbaum bewachen, den

Dev töten und die Äpfel abpflücken.“ Der Padischah sagte: „Sehr schön,

mein Sohn, aber wie willst du den Dev töten? Nachher stößt dir etwas

zu. Wenn du ihn bestrafen kannst, töte ihn.“ Der Prinz nahm einen Pfeil

in die Hand, ging in den Privatgarten und verbarg sich. Um Mitternacht

entstand ein Geräusch und Getobe. Der Himmel war mit schwarzem Nebel

bedeckt. Nach einiger Zeit kam aus dem Nebel ein siebenköpfiger Dev

hervor und ging zum Baum. Als der Prinz ihn sah, verließ ihn die

Besinnung. Er erhob ein Geschrei und lief ins Schloß. Der Dev pflückte

die Äpfel und ging weg. Am nächsten Morgen rief der Padischah den

Prinzen vor sich und fragte: „Mein Sohn, was hast du gemacht? Hast du

den Dev getötet und die Äpfel pflücken und herbringen können?“ Der

Prinz küßte den Boden und antwortete: „Mein Padischah, ich habe nur das

Leben retten können. Das ist ein Dev, daß jeder, der ihn sieht, die

Besinnung verliert.“ Im nächsten Jahre ging der mittlere Prinz zu

seinem Vater und sagte: „Vater, mein älterer Bruder hat den Dev nicht

töten können. Mit Ihrer Erlaubnis werde ich diesmal hingehen und den

Dev töten.“ Der Padischah antwortete: „Dein älterer Bruder hat den Dev

nicht töten können; wie willst du ihn töten?“ Da antwortete er: „Ich

kenne das Mittel.“ Da er sehr bat, wollte ihn sein Vater nicht erzürnen

und gab ihm die Erlaubnis. Der Prinz nahm einen Pfeil in die Hand, ging

in den Garten und verbarg sich. Genau um Mitternacht entstand ein

Geräusch und Getobe, rabenschwarzer Nebel bedeckte die Erde und den

Himmel. Nach einiger Zeit kam aus dem Nebel ein großer Dev und ging zum

Baum. Als der Prinz das Gesicht des Devs sah, fürchtete er sich; seine

Hände und Füße begannen zu zittern und er flüchtete eiligst in das

Schloß. Der Dev pflückte die Äpfel und ging weg. Auch in diesem Jahre

gab es kein Mittel gegen den Dev. Als das dritte Jahr um war, ging

diesmal der jüngste Prinz zu seinem Vater und sagte: „Vater, wenn Sie

erlauben, werde ich diesmal hingehen.“ Der Padischah sagte: „Deine

Brüder konnten ihn nicht töten. Wie willst du ihn töten?“ Da er sehr

bat und flehte, erhielt er die Erlaubnis von seinem Vater, ging in sein

Zimmer, nahm einen vergifteten Pfeil, steckte einen Koran in seinen

Busen und ging aus seinem Zimmer in den Privatgarten. Nachdem er sich

im Gartenhause hingesetzt hatte, öffnete er den Koran und fing an schön

darin zu lesen. Genau um Mitternacht entstand ein Geräusch und Getobe

und die Erde und der Himmel wurden mit schwarzem Nebel bedeckt. Nach

einiger Zeit kam aus dem Nebel ein siebenköpfiger großer Dev. Als er

auf den Baum zuging, spannte der Prinz den Bogen und schoß mit den

Worten: „Mit Gottes Hilfe“ den Pfeil auf den Kopf des Drachen ab. Er

drang an einem Kopfe ein, ging durch alle sieben Köpfe hindurch und kam

wieder heraus. Der Drache erhob ein Gebrüll, daß die ganze Erde und der

Himmel erdröhnte. Sein Blut floß und er machte, daß er davon kam. Der

Prinz pflückte sofort die Äpfel, ging ins Schloß und sagte: „Mein

Padischah, ich habe den Drachen getötet und die Äpfel mitgebracht.“ Da

war der Padischah sehr erfreut und sagte: „Bravo, mein Sohn, du hast

dich sehr tapfer gezeigt.“ Der Prinz küßte die Erde und sagte: „Mein

Herr, wenn Sie erlauben, werde ich dahin gehen, wohin der Drache

gegangen ist, und die Erde von ihm befreien.“ Der Padischah sagte:

„Mein Sohn, gehe nicht hin, es möchte dir ein Leid vom Drachen

geschehen.“ Aber es nutzte nichts. Am nächsten Morgen geht der Prinz

mit den beiden anderen Brüdern der blutigen Spur des Drachens nach.

Nach einigen Tagen finden sie an der Öffnung eines Brunnens viel Blut.

Die Öffnung des Brunnens war mit einem großen Stein verschlossen. Wie

sehr sich auch die älteren Brüder bemühten, sie konnten ihn auch nicht

das geringste aufheben. Der jüngste Prinz faßte ihn mit seinem kleinen

Finger, hebt ihn auf und wirft ihn auf einen Berg. Als sie das sehen,

wundern sie sich. Jetzt sagt der jüngste Prinz: „Ich werde in den

Brunnen hinabsteigen und den Drachen töten.“ Der Älteste sagt: „Bruder,

ich bin der Älteste, es kommt dir nicht zu, während ich hier bin.“ Sie

waren damit einverstanden. Schließlich banden sie ihm einen Strick um

die Hüfte und ließen ihn in den Brunnen hinab. Kaum ist der Prinz in

den Brunnen gestiegen, da schreit er: „Ach, ich verbrenne, zieht mich

nach oben!“ Sofort zogen sie ihn nach oben. Dann banden sie dem

Mittleren den Strick um den Leib und ließen ihn hinab. Während er

hinunter steigt, schreit er: „Ach, ich erfriere, zieht mich hinauf!“

Sogleich zogen sie ihn hinauf. Da sagte der jüngste Prinz: „Brüder,

bleibt hier, ich werde in den Brunnen steigen. Auch wenn ich sage:

‚Ach, ich verbrenne‘, laßt den Strick nach, ebenso, wenn ich sage: ‚Ich

erfriere.‘“ Die sagten: „Sehr wohl“, banden ihm den Strick um den Leib

und ließen ihn in den Brunnen. Als der Prinz sagte: „Ach, ich brenne,“

ließen die den Strick nach, als er sagte: „Ach, ich erfriere,“ ließen

sie nach. So kam der Prinz bis auf den Grund des Brunnens. Er löste den

Strick von seinem Leibe, ging geradeaus, kam an ein Zimmer, trat ein

und sah am Stickrahmen ein Mädchen, schön wie der Mond am vierzehnten.

Von dort kommt er in ein anderes Zimmer, tritt ein und sieht, — was

siehst du? — dies Mädchen ist noch schöner als das erste. Es saß

gleichfalls am Stickrahmen. Darauf kommt er in ein anderes Zimmer und

sieht — was siehst du? — ein Mädchen, das schönste Wesen der Welt und

der Zeit. So schön war es. Seine Locken waren nach beiden Seiten

gescheitelt. Es war, als ob die Sonne in dies Zimmer gefallen war und

denjenigen, der es ansah, blendete. Man konnte es nicht aushalten

hinzusehen. Als der Prinz dieses Mädchen sah, verlor er fast die

Besinnung und verliebte sich von ganzem Herzen in dieses Mädchen. Er

redete sie an: „Mädchen, bist du ein Geist oder was sonst?“ Das Mädchen

antwortete: „Ich bin ein Mensch. Aber mein Held, wie bist du hierher

gekommen? Denn hier in diesem Brunnen ist ein großer Dev. Wenn er dich

merkt, gibt er keine Gnade und tötet dich.“ Da antwortete der Prinz:

„Meine Prinzessin, ich bin gerade gekommen, um ihn zu töten. Zeige mir,

welches Zimmer das des Devs ist.“ Das Mädchen zeigte ihm das Zimmer, in

welchem der Dev war. Der Prinz tritt in das Zimmer ein und sieht — was

siehst du? — einen häßlichen Dev, so groß wie ein Minaret. Jeder, der

ihn sieht, verliert die Besinnung. Als der Dev den Prinzen sieht, nimmt

er seine Wurfkeule von tausend Batman in die Hand, brüllt so, daß die

Erde und der Himmel dröhnt, und wirft die Keule auf den Prinzen. Der

Prinz deckte sich. Als der Dev fertig war, sagte der Prinz: „Mit Gott“,

schlug mit dem Schwerte nach dem Kopfe des Verfluchten und schnitt ihm

den Hals ab. Sogleich fiel der Verfluchte auf die Erde und schickte

seine Seele in die Hölle.

Dann geht der Prinz in das Zimmer des Mädchens, nimmt die drei Mädchen

und an Wert schwere, an Last geringe Diamanten, Juwelen, Rubinen,

Hyazinthen und derartige andere viele wertvolle Sachen mit sich und

geht mit ihnen an den Grund des Brunnens. Dort ruft der Prinz seinen

obenstehenden Brüdern zu. Die lassen den Strick herunter. Der Prinz

bindet den Strick dem ersten Mädchen um den Leib und sagte: „Mein

ältester Bruder, dies ist dein Anteil.“ Die zogen auch das Mädchen nach

oben. Dann lassen sie den Strick wieder hinunter. Der Prinz bindet das

andere Mädchen an und sagte: „Da, mittlerer Bruder, das ist dein

Anteil.“ Sie ziehen das Mädchen nach oben und lassen den Strick nach

unten. Das Mädchen, das die Geliebte des Prinzen war, sagte zu ihm:

„Mein Prinz, erst steige du nach oben, danach ich. Denn wenn deine

Brüder mich oben sehen, werden sie neidisch werden, den Stick

abschneiden und dich im Brunnen lassen.“ Der Prinz hörte aber nicht auf

die Worte des Mädchens und sagte: „Nein, zuerst steigst du nach oben,

dann ich.“ Das Mädchen antwortete: „Ich werde dir drei von meinen

Haaren geben. Falls sie den Strick abschneiden, so reibst du sofort die

Haare aneinander und auf dem Grunde des Brunnens erscheint ein weißes

und ein schwarzes Schaf. Wenn du auf das weiße fällst, kommst du nach

oben auf die Erde, wenn du auf das schwarze fällst, gehst du noch

sieben mal so tief unter die Erde.“ Der Prinz nahm die drei Haare vom

Mädchen, steckte sie in seinen Busen, band das Mädchen an den Strick

und sagte: „Meine Brüder, das ist mein Anteil.“

Die ziehen das Mädchen nach oben, sehen, daß es wie der Mond am

Vierzehnten ist, und sagen: „Aber uns hat er die schlechtesten gegeben

und für sich das schönste genommen.“ Da werden sie neidisch auf ihn.

Sie ziehen den Prinzen hoch. Als er an die Öffnung des Brunnens kommt,

schneiden der ältere und mittlere Bruder den Strick mitten durch, sodaß

der Prinz kopfüber, kopfunter nach unten rollt. Sofort reibt er die

Haare, die ihm das Mädchen gegeben hat, aneinander und unten auf dem

Brunnen erscheint ein weißes und ein schwarzes Schaf. Er fällt auf das

schwarze und sinkt sieben mal so tief unter die Erde.

Da mag er nun bleiben. Wir wenden uns jetzt zu den anderen Brüdern. Die

nehmen die drei Mädchen und gehen ins Schloß. Sie gehen zum Vater und

sagen: „Vater, unseren jüngsten Bruder hat der Dev im Brunnen getötet.

Wir haben dann diese Mädchen mitgenommen und sind hierher gekommen.“

Als der Vater das hörte, seufzte er, weinte blutige Tränen und trauerte

um den Prinzen.

Die wollen wir nun verlassen und uns zum Prinzen wenden. Er war sieben

Lagen tief unter der Erde. Da sieht er auf einmal eine Welt. Nachdem er

etwas gegangen war, kam er in eine Stadt. Am Abend klopfte er an eine

Haustür. Eine alte Frau kam. Er sagte: „Mutter, nimm mich als Gast

auf.“ Sie antwortete: „Ach, mein Sohn, ich habe nicht einmal Platz zum

Lager für mich. Wie soll ich dich da aufnehmen.“ Der Prinz nahm aus

seiner Tasche drei Goldstücke und gab sie der Frau. Sie sagte: „Komm,

mein Sohn, ich werde dir ein Lager suchen“ und nahm den Prinzen hinein.

Sie stiegen nach oben, gingen in ein Zimmer und setzten sich. Da der

Prinz sehr durstig war, bat er die Frau um Wasser. Die Frau ging an den

Schrank. In einem Kruge war jahrealtes, mit fingerlangen Würmern

angefülltes Wasser. Die Frau goß das Wasser in ein Glas und gab es dem

Prinzen. Der Prinz nahm es und sah, — was siehst du? —, daß es Wasser

war, das selbst die Tiere nicht trinken. Er empfindet Ekel, trinkt es

nicht und sagt: „Mutter, was ist das für Wasser? Da sind ja fingerlange

Würmer drin.“ Sie antwortete: „Ach, mein Sohn, wir trinken jeden Tag

dieses Wasser. Denn in dieses Land kommt jedes Jahr einmal ein Drache

und schneidet das Wasser ab. In jedem Jahre wird ihm ein Mädchen

gegeben. Bis er das zerrissen und aufgefressen hat, kommt Wasser in die

Quelle. Dann streiten wir uns alle, zerschlagen uns die Köpfe, und die

ganze Bevölkerung holt sich Wasser. Danach wird das Wasser wieder

abgeschnitten. Mit diesem Wasser müssen wir uns ein Jahr einrichten.

Hier ist große Not an Wasser. Wir leiden sehr an dem Wassermangel. Dies

Jahr ist nun auch zu Ende. Morgen wird man die Tochter des Padischah

dem Drachen geben. Wenn man sie nicht gibt, werden wir alle sterben.“

Als der Prinz das hörte, dachte er etwas nach. Am Morgen ging er aus

dem Hause zur Quelle und sieht eine große Menschenmenge. Ein jeder

wartete mit einem Kruge in der Hand. Jetzt hatten sie die Tochter des

Padischahs in rote Kleider gekleidet und geschmückt. Neben ihr waren

einige Dienerinnen, die sie unter den Armen stützten. Sie brachten das

Mädchen an den Mittelpunkt des Wassers und ließen das Mädchen dort

stehen. Die Dienerinnen gingen wieder weg. Das Mädchen fängt an zu

weinen. Als der Prinz das Mädchen so sieht, seufzte er und sein Herz

blutete. Die Ankunft des Drachen stand nahe bevor. Der Prinz ging zu

dem Mädchen und sagte: „Meine Prinzessin, umarme mich von hinten und

halte dich fest, fürchte dich nicht.“ Der Prinz spannte seinen Bogen,

stellte sich vor das Mädchen und hielt sich still bereit. Nach einiger

Zeit kam von Westen ein siebenköpfiger Drache mit Brausen, wirbelte

Staub und Nebel auf und sprühte Feuer aus Rachen und Nase. Als der

Drache sie beide sieht, sagt er: „Ah, bis jetzt hatte ich nur einen

Anteil, jetzt habe ich zwei Anteile.“ Atemlos von dem halbstündigen

Wege fing er an, sie zu zerren. Der Prinz stand fest auf seinen Füßen.

Der Drache zog so, daß er sie, selbst wenn sie ein Berg gewesen wären,

in seinem Maule hätte davon tragen können. Aber wie sehr er auch zog,

es glückte ihm nicht. Da kam der Drache näher und fing an, keuchend zu

ziehen. Da setzte der Prinz seine Füße fest in den Boden, spähte nach

dem Maule des Drachen und schoß seinen Pfeil mit den Worten: „Im Namen

Gottes“ ab. Dieser Pfeil flog wie eine Flintenkugel, drang in das Maul

des Drachen ein und kam aus dem Nacken wieder heraus. Der Drache schrie

gräßlich, erhob sich dreimal und warf sich in die Luft. Die Erde an der

Stelle, wo er fiel, ließ er wie auf der Tenne geworfelt in die Luft

steigen. Aus dem Maule und der Nase des Drachen floß so viel Blut, daß

die Eigenschaft des Wassers nicht zu erkennen war. Kurz, der Drache

warf sich immer wieder auf die Erde und starb. Das Mädchen tauchte ihre

fünf Finger in das Blut und drückte leise ihre Hand, als wollte sie ihn

streicheln, auf den Rücken des Prinzen mit den Worten: „Bravo, mein

Held!“ Dann trennte sie sich von ihm und ging ins Schloß.

Als der Padischah das Mädchen sah, tadelte er sie und sagte: „Meine

Tochter, warum bist du weggelaufen? Wenn man es merkt, wird man kommen

und mich töten“, und sagte seiner Tochter alle Worte, die ihm in den

Mund kamen. Das Mädchen antwortete: „Mein Herr, Ihre Sklavin ist nicht

weggelaufen. Dort war ein junger Mann, der tötete den Drachen und

rettete mich. Dann kam ich wieder hierher. Wenn du es nicht glaubst,

gehe auf den Berg und sieh dir den Leichnam des Drachen an.“

Sofort ging der Padischah an die Stelle, wo der Drache lag, und sah, —

was siehst du? — daß es ein so häßlicher großer Drache ist, daß jeder,

der ihn sieht, besinnungslos wird. Niemand ging nahe an ihn heran und

alle schauten ihn aus der Ferne an. Da ging der Padischah wieder ins

Schloß und sagte zum Mädchen: „Wenn du den Jüngling sähest, würdest du

ihn wieder erkennen?“ Das Mädchen antwortete: „Er trägt mein Zeichen

auf dem Rücken. Ich erkenne ihn sofort wieder, wenn ich ihn sehe.“ Da

wurden Ausrufer ausgeschickt und dem ganzen Lande bekannt gegeben, daß

alle Leute vom ersten bis zum siebenzigsten Lebensjahre, männlich und

weiblich, Kind und Kegel vor dem Schloß vorbeiziehen sollten.

Wir kommen zum Prinzen. Als er den Drachen getötet hatte, ging er in

das Haus der Frau von vorher und setzte sich hin. Da sagte die Frau:

„Mein Sohn, heute hat der Padischah befohlen, daß vom ersten bis zum

siebenzigsten Lebensjahre alles am Schlosse vorbeiziehen soll. Was

sitzt du hier, zieh auch am Schlosse vorbei.“

Der Prinz verließ das Haus und machte sich auf den Weg, da sieht er,

daß der Zug zu Ende ist. Während er jetzt vorüber geht, sieht ihn das

Mädchen vom Fenster und wirft, als sie ihn erkennt, ein Tuch auf ihn.

Die Posten sehen dies, fassen den Prinzen leise an und führen ihn in

das Schloß zu dem Padischah.

Als der Padischah den Jüngling sieht, sagt er: „Mein Sohn, hast du den

Drachen getötet?“ Da antwortete er: „Ja, mein Padischah, Ihr Sklave hat

den Drachen getötet.“ Er sieht auch das Zeichen auf dem Rücken des

jungen Mannes, sodaß kein Zweifel war. Da sagte er: „Mein Sohn, bitte

von mir, was du willst.“ Der Prinz antwortete: „Ich bitte nur um Ihre

Gesundheit.“ Als er ihn weiter drängte, sagte er wieder: „Ich bitte nur

Ihre Gesundheit.“ Da sagte der Padischah: „Mein Sohn, was hast du für

Nutzen von meiner Gesundheit. Bitte von mir, was du willst.“ Da sagte

der Bursche: „Mein Padischah, gib mir drei Tage Bedenkzeit, dann will

ich es mir überlegen und dir dann Antwort geben.“ Danach stand er auf

und ging in das Haus der alten Frau.

Während er dort wohnte, langweilte er sich eines Tages, nahm seinen

Pfeil und Bogen und ging auf den Berg. Da es Sommer war, wurde er sehr

müde, legte sich in den Schatten eines Baumes und schlief ein. Auf dem

Baume waren nun gerade die Jungen des Smaragd-Ankavogels. In jedem

Jahre kam zu ihnen eine große Schlange, fraß sie auf und ging weg. Die

Ankunft der Schlange fiel gerade auf diesen Tag. Als der Prinz schlief,

kam eine große Schlange. Während sie den Baum hinaufklettert,

erschrecken sich die Jungen, als sie sie sehen, und fangen an zu

schreien. Der Prinz wacht auf und springt auf, als er das Schreien der

Vögel hört. Da sieht er — was siehst du? — eine lange schwarze Schlange

die Cypresse hinaufklettern. Als der Prinz die Schlange sieht, nimmt er

den Pfeil von der Hüfte, sagt: „Mit Gottes Hilfe!“, schießt den Pfeil

ab und nagelt die Schlange in ihrer Mitte an den Baum, so daß die

beiden Enden der Schlange, der Kopf nach unten, herunter hängen. Der

Prinz schläft wieder ein. Nach einiger Zeit entsteht ein Geräusch und

vom Himmel her erscheint der Smaragd-Ankavogel. Als er den Prinzen

sieht, denkt er: „Ach, der hat meine Jungen getötet.“ Während er aus

der Luft mit einem Flügelschlag wie eine Flintenkugel auf ihn

herabschießt, sagen die Jungen: „Mutter, Mutter, dieser schlafende

Jüngling hat uns gerettet. Sieh dir einmal die Cypresse an.“ Als der

Vogel das hört, steigt er leise herab und sieht eine große Schlange an

den Baum festgenagelt. Als er das sieht, freut er sich, geht zum

Prinzen, hat nicht das Herz ihn aufzuwecken, öffnet seinen einen Flügel

und deckt ihn über den Prinzen, damit er nicht von der Sonne verbrannt

wird. Nach einiger Zeit wacht der Prinz auf und sieht, daß über ihm ein

Zeltdach ist. Als der Vogel sieht, daß er aufgewacht ist, zieht er

leise seinen Flügel ein und sagt: „Mein Held, fordere von mir, was du

willst.“ Als er ihn dreimal aufgefordert hatte, sagte der Prinz: „Ich

bitte, daß du mich wieder auf die Erde zurückbringst.“ Der Vogel sagte:

„Mein Held, das ist ein bißchen schwer. Aber du hast meine Jungen von

ihrem Feinde gerettet. Dir zuliebe will ich mich opfern. Aber ich

verlange von dir vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein. Die mußt

du mir bringen, und wenn ich unterwegs ‚Gak‘ sage, mußt du mir das

Fleisch, und wenn ich ‚Guk‘ sage, den Wein geben. So werde ich dich

wieder auf die Erde bringen.“

Der Prinz geht zum Padischah und sagt: „Mein Herr, ich bitte von Ihnen

vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein.“ Der Padischah befiehlt

vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein zu bringen. Nachdem er an der

Stelle, wo der Vogel ist, angekommen ist, legt er die vierzig Schafe

auf den einen Flügel und die Weinschläuche auf den anderen. Er selbst

setzt sich in die Mitte.

Als der Vogel dies auf sich genommen hat, fliegt er in die Luft. Nach

Anordnung des Vogels gab er ihm, wenn er Gak sagte, Fleisch, und wenn

er Guk sagte, Wein. Auf der Reise war eines Tages das Fleisch zu Ende

und als der Vogel Gak sagte, war nichts mehr da. Als er wieder Gak

sagte, war nichts da. Als er noch einmal Gak sagte, schneidet der Prinz

seine Wade ab und gibt sie dem Vogel. Der Vogel sieht, daß es

Menschenfleisch ist, frißt es nicht und behält es im Maule. Dann kommen

sie an die Öffnung des Brunnens. Der Vogel sagt: „Da, mein Prinz, nun

habe ich dich wieder auf die Erde gebracht. Nun geh du weiter, Gott

möge dir Heil geben.“ Der Prinz sagte: „Geh du zuerst, dann werde ich

gehen.“ Der Vogel nimmt das Fleisch, das er im Schnabel hatte, heraus,

drückt es an die Wade und sie wird besser als vorher.

Nachdem der Prinz: „Gott befohlen“ gesagt hatte, macht er sich auf den

Weg, kommt in sein Land und geht zu einem Schlächterladen. Er kauft

sich eine Haut und zieht sie sich über den Kopf. [16] Unterwegs trifft

er einen Hirten und sagt zu ihm: „Ach, Hirte, gib mir deine Kleider,

ich werde dir meine geben.“ Der Hirte gibt seine und nimmt die des

Prinzen. Der Prinz geht zum Privatgarten seines Vaters und sagt zum

Obergärtner: „Ach, Obergärtner, willst du mich als Lehrling annehmen?“

Wie sehr der Gärtner auch sagt: „Es ist unmöglich“, nimmt er ihn

schließlich wohl oder übel als Lehrling. Nach einigen Tagen pflückt der

Obergärtner einen Strauß Rosen und sagt, als er weggehen will: „Mein

Sohn, ich gehe jetzt aus. Passe ordentlich auf den Garten auf.“ Der

Prinz reibt die Haare, die ihm das Mädchen gegeben hatte, aneinander

und ein Mohr erscheint und sagt: „Befehle, mein Prinz“. Der Prinz sagt:

„Ich verlange von dir einen Falben und rote Kleider und eine

Waffenausrüstung.“ Er antwortet: „Mein Herr hat nur zu befehlen“, geht

weg, bringt alle die Sachen, die der Prinz verlangt hatte und gibt sie

dem Prinzen. Der Prinz steigt aufs Pferd und zerbricht dann alles, was

an Bäumen und Blumen im Garten vorhanden ist. Darauf gibt er das Pferd

und die Kleider dem Mohren wieder und bleibt ruhig an seiner Stelle.

Darauf kommt sein Meister und sieht, — was soll er sehen? — im Garten

ist nichts geblieben und der grindige Junge sitzt in einer Ecke und

weint. Als sein Meister sich auf ihn stürzen will, rufen die Mädchen,

die aus dem Fenster sehen, dem Obergärtner zu: „Schlage nicht den

Jungen, denn von draußen ist ein Mann auf einem Falben gekommen und hat

den Garten verwüstet. Es ist nicht die Schuld des Jungen.“ Da muß der

Gärtner wohl oder übel den Garten in Ordnung bringen. Nach Verlauf

einiger Tage, pflückt er wieder einen Rosenstrauß. Als er weggeht,

ermahnt er den Jungen dringend, ordentlich auf den Garten acht zu geben

und geht weg. Der grindige Junge verwüstet wieder wie das vorige Mal

den ganzen Garten und setzt sich irgendwo still hin. Als die

Prinzessinnen diesen Jungen sehen, wissen sie, daß der Prinz wieder auf

der Erde ist, danken Gott und fassen sich in Geduld.

Als der Obergärtner kommt, sieht er, daß die Verwüstung noch größer als

das vorige Mal ist. Während er sich auf den Jungen stürzen will, um ihn

zu schlagen, rufen die Prinzessinnen ihm zu und ermahnen ihn, den

Jungen nicht zu schlagen. Nach einigen Tagen nimmt der Obergärtner

wieder einen Strauß Rosen und ermahnt den Jungen gehörig und geht weg.

Der Junge verwüstet wieder wie das vorige Mal den ganzen Garten, sodaß

kein Zweig im Garten bleibt. Der Obergärtner kommt wieder und sieht,

daß im Garten nichts ist. Sofort ruft er den Jungen und jagt ihn aus

dem Garten. Der Junge macht, daß er davon kommt, geht zu einem

Goldarbeiterladen und sagt: „Ach, Meister, nimm mich als Lehrling an.“

Der Goldschmied sagt: „Mach, daß du davon kommst, grindiger Junge, was

sollte ich mit dir anfangen.“ Der Junge sagt: „Ach, Meister, laß mich

wenigstens Kohlen auf dein Kohlenbecken legen.“ Da er so fleht, nahm

der Meister ihn als Lehrling an und ließ ihn dort wohnen.

Als vorher die Mädchen ins Schloß gekommen waren, war die Zeit für die

Hochzeit angesetzt, aber sie waren damit nicht einverstanden und

sagten: „Wir haben alle vierzig Tage Trauer.“ Deswegen war die Hochzeit

verschoben. Als sie merkten, daß der Prinz wieder auf der Erde war,

wurde wieder der Befehl zur Hochzeit gegeben, aber da die Mädchen noch

nicht ganz sicher waren, ob der Prinz gekommen wäre, sagte die eine:

„Ich verlange einen goldenen Stickrahmen und eine goldene Nadel, die

von selber sticken kann.“ Die andere sagte: „Ich verlange eine goldene

Platte, auf der ein goldenes Huhn und vierzig Küchlein goldene Gerste

fressen und umherlaufen.“ Die dritte sagte: „Ich verlange eine goldene

Platte, auf der ein goldener Jagdhund und ein goldener Hase ist, der

erstere muß den anderen verfolgen.“

Der Padischah rief die Goldarbeiter und befahl ihnen dies anzufertigen.

Die Goldarbeiter dachten nach und verlangten vierzig Tage Bedenkzeit.

Der Padischah gab ihnen auf ihr Verlangen vierzig Tage Zeit und sagte:

„Wenn ihr am einundvierzigsten Tage die Sachen nicht bringt, töte ich

euch“ und entläßt sie in ihre Läden.

In ihren Läden angekommen, mögen sie nun einen Rat abhalten. Wir kommen

jetzt zu dem grindigen Jungen. Er fragte: „Meister, warum denkst du

nach und bist so besorgt?“ Der Meister sagte: „Ach, geh, grindiger

Junge, wenn ich nicht nachdenken soll, wer soll denn nachdenken?“ Er

bat: „Ach, Meister, lieber Meister, worüber denkst du nach, sage mir es

doch.“ Der Meister antwortete: „Frage mich nicht mehr, unsere Sache

steht bei Gott. Nämlich die Söhne des Padischahs haben drei Mädchen

mitgebracht. Eine jede verlangt etwas. Wie wir das machen sollen, weiß

ich nicht.“ Der grindige Junge fragte: „Ach, Meister, was ist es? Sage

es doch mal.“ Da sagte er: „Ach was, die eine verlangt einen goldenen

Stickrahmen und die andere einen goldenen Hasen und die dritte eine

goldene Henne. Alle sollen lebendig sein. Wie ist das möglich?“ Darauf

antwortete er: „Aber Meister, ich glaubte, es handele sich um etwas

Unmögliches. Darum habe ich gefragt. Wegen solcher Sache sei doch nicht

bekümmert. Gib mir einen Zentner Haselnüsse und einen Zentner Rosinen

und vierzig Okka Lichte, dann werde ich dir in vierzig Tagen das, was

du verlangst, machen.“ Sein Meister sagte sich: „Das Herz des Jungen

verlangt Haselnüsse und Rosinen. Ich würde meinen Kopf und meine Augen

für ihn hingeben.“ Dann kaufte er die Sachen und gibt sie ihm.

Der Junge geht in sein Zimmer, läßt keinen zu sich herein, bleibt dort

vierzig Tage, ißt die Haselnüsse und Rosinen, verbrennt die Lichte und

lebt vergnügt. In der Nacht auf den vierzigsten Tag reibt er wieder die

Haare an einander. Ein Mohr kommt und sagt: „Befiehl, mein Prinz. Was

wünschst du?“ Der Prinz sagte: „Ich verlange den in dem Laden

befindlichen Stickrahmen, den goldenen Hasen und den goldenen Jagdhund

und die goldene Henne.“ Auf diesen Befehl hin geht der Mohr, holt die

Dinge und gibt sie dem Prinzen. Der Prinz nimmt die Sachen und verwahrt

sie im Schranke. Am Morgen kommt sein Meister und sagt: „Was hast du

gemacht, grindiger Junge?“ Der grindige Junge sagt: „Was fragst du

mich, öffne den Schrank und sieh zu.“ Sogleich öffnet der Meister den

Schrank und sieht, daß alles vorhanden ist. Da sagt er: „Ach, mein

Sohn“ und fällt ihm um den Hals. Schließlich nimmt er alles und bringt

es in das Schloß und liefert es ab. Als die Mädchen das sehen, glauben

sie, daß der Prinz wieder auf die Erde gekommen ist, und danken Gott.

Wir wenden uns nun zu dem grindigen Jungen. Als sein Meister in den

Laden kommt, sagt er: „Meister, gib mir Urlaub, ich möchte gehen.“

Obgleich der Meister damit nicht einverstanden war und obgleich er noch

so sehr bat, so gab er ihm doch den Urlaub, da er keinen Ausweg fand.

Der grindige Junge geht von dort zu einem Schneiderladen und sagt zu

dem Schneider: „Meister, willst du mich als Lehrling annehmen?“ Der

Schneidermeister sagt: „Ich brauche keinen Lehrling. Mach, daß du

fortkommst.“ Da er ihn jedoch nicht forttreiben kann, nimmt er ihn,

weil er sich nicht anders zu helfen weiß, als Lehrling an.

Wir wenden uns nun zu den Mädchen. Sie senden dem Padischah Nachricht:

„Wir wünschen ein Kleid, das nicht mit der Schere geschnitten und nicht

mit der Nadel genäht ist und in einer Haselnußschale sein soll.“ Der

Padischah ruft die Schneider und sagt: „Ich verlange von euch ein

Kleid, das nicht mit der Schere geschnitten und nicht mit der Nadel

genäht ist und in einer Haselnußschale sein soll.“ Die Schneider

überlegten und erbaten eine Frist von vierzig Tagen. Der Padischah

sagte: „Ich gebe euch eine Frist von vierzig Tagen. Wenn es nicht am

einundvierzigsten Tage kommt, schneide ich euch den Hals ab.“ Damit

entläßt er sie. Sie gingen in ihre Läden und berieten sich. Da sagte

der Junge: „Ach, Meister, lieber Meister, worüber denkst du nach?“ Der

antwortete: „Grindiger Junge, mach, daß du fortkommst, belästige mich

nicht.“ Das Reden nützte ihm aber nichts, der Junge bat, es ihm zu

sagen. Da kein Ausweg war, sagte er: „Der Padischah hat uns ins Schloß

gerufen und verlangt von uns ein Kleid, das mit keiner Schere

geschnitten und mit keiner Nadel genäht werden soll und in eine

Haselnußschale hineingehen soll. Wenn wir es nicht machen, wird er uns

alle töten.“ Der grindige Junge sagte: „Ist das eine Sache, über die du

nachdenkst? Gib mir vierzig Zentner Haselnüsse und vierzig Zentner

Rosinen und vierzig Okka Lichte, so werde ich es dir am

einundvierzigsten Tage machen und bringen.“ Der Meister sagte: „Das

Herz des Jungen verlangt Haselnüsse und Rosinen. Ich würde mein Auge

und meinen Kopf ihm geben.“ Dann kauft er sie und gibt sie ihm. Der

Junge nahm sie, trat in das Zimmer, blieb dort und aß die Haselnüsse

und Rosinen. In der Nacht auf den einundvierzigsten Tag rieb er die

Haare an einander. Der Mohr kam und sagte: „Mein Prinz möge befehlen.

Was wünschst du?“ Der Prinz sagte: „Ich verlange die Kleider in der

Haselnußschale im Laden.“ Sofort holt der Mohr sie. Der Prinz nimmt sie

und verbirgt sie im Schranke. Am Morgen kommt sein Meister und sagte:

„Grindiger Junge, was hast du gemacht? Na, ich bin neugierig.“ Der

grindige Junge sagte: „Was fragst du mich, sieh in den Schrank.“ Der

Meister sieht in dem Schrank, was nicht seinesgleichen in der Welt hat.

Sofort trägt er sie ins Schloß und gibt sie dem Padischah. Der

Padischah nimmt sie und befiehlt die Hochzeit herzurichten.

Damals pflegten die Bräutigams, wenn eine Hochzeit hergerichtet wurde,

auf einem offenen Platz mit dem Bogen zu schießen. Deswegen ging der

älteste Prinz am ersten Tage auf den Platz und alles, was an Leuten

vorhanden war, kam zum Zuschauen. Der Schneider sagte: „Vorwärts, mein

Sohn, heute wollen wir uns zusammen das Polospiel vom ältesten Sohne

des Padischah ansehen.“ Der grindige Junge sagt: „Ach, Meister, gehen

Sie nur hin, mein Kopf ist grindig. Wenn meinem Kopf in dem Gedränge

etwas passiert, was soll ich dann machen?“ Er bleibt im Laden. Nachdem

der Meister weggegangen ist, reibt er die Haare an einander. Der Mohr

erscheint und sagte: „Mein Prinz möge befehlen.“ Er sagt: „Ich verlange

von dir einen Falben, einen Satz sauberer Pfeile und schwarze Kleider.“

Sofort bringt der Mohr ihm alles. Der Junge zieht die Kleider an,

besteigt das Pferd und geht auf den Schießplatz. Er sieht, daß der

Prinz Polo spielt. Der grindige Junge betritt den Platz, verfolgt den

Prinzen und schlägt ihm bei Gelegenheit auf den Arm und verwundet ihn.

Als der Prinz auf die Erde gefallen ist, verschwindet der Junge vom

Platz, geht schnell in den Laden, gibt Pferd und Bogen dem Mohren und

bleibt im Laden. Da kommt sein Meister und sagt: „Mein Sohn, es ist

gut, daß du nicht mitgegangen bist.“ Er fragt: „Ach, was ist

geschehen?“ Er antwortet: „Ein Jüngling auf einem Falben kam und schlug

den Prinzen, aber er ist nicht gestorben.“ Der Junge sagt: „Meister, es

ist gut, daß ich nicht hingegangen bin. Wenn meinem Kopfe etwas

geschehen wäre, was hätte ich anfangen sollen?“

Am zweiten Tage steigt der mittlere Prinz auf das Pferd und geht auf

den Platz. Der Meister geht wieder hin. Der Jüngling bleibt im Laden

und reibt wieder die Haare an einander. Als der Mohr kommt, sagt er:

„Ich verlange einen Pfeil und ein gelbes Pferd.“ Sofort bringt ihm der

Mohr alles. Der Junge besteigt das Pferd und geht auf den Platz. Da

sieht er, daß sein mittlerer Bruder Polo spielt. Bei Gelegenheit trifft

er ihn mit dem Pfeil in den Schenkel, sodaß er vom Pferde fällt. Dann

geht der Junge wieder in den Laden, gibt dem Mohren Pfeil und Pferd und

bleibt ruhig an seinem Platze. Dann kommt sein Meister und sagt: „Es

ist gut, daß du nicht mitgegangen bist.“ Er fragt: „Ach, Meister, was

ist denn heute geschehen?“ Der Meister antwortet: „Ein Reiter auf einem

gelben Pferde kam, hat den mittleren Sohn des Padischah am Schenkel

getroffen und auf die Erde geworfen.“ Der grindige Junge dankte Gott

dafür, daß er nicht hingegangen war. Am nächsten Tage zieht der Sohn

des Vezirs auf den Platz, um zu spielen. Der Meister läßt wieder den

grindigen Jungen im Laden und geht hin. Der grindige Junge reibt wieder

die Haare an einander. Als der Mohr kommt, sagt er: „Ich verlange von

dir einen Pfeil und einen Schimmel.“ Sofort bringt der Mohr alles. Der

Junge nimmt den Pfeil, besteigt das Pferd und geht auf den Platz. Da

sieht er, daß der Sohn des Vezirs Polo spielt. Er schießt bei

Gelegenheit einen Pfeil ab, der ins Herz eindringt, aus dem Rücken

wieder herauskommt und ihn tötet. Er selbst fängt an auf dem Platze

herumzureiten. Sofort ergreift man den Jüngling und führt ihn vor den

Padischah. Der Padischah befiehlt, ihn zu töten. Da sagt der Prinz:

„Ach, mein mächtiger Padischah, meine Brüder haben mich im Brunnen

gelassen, willst du mich auch töten?“ Darauf sagte der Padischah: „Ach,

bist du es, mein Sohn?“, fiel ihm um den Hals, weinte und sagte: „Ach

mein Sohn, was willst du, soll ich deine Brüder töten?“ Der Prinz

antwortete: „Ich bin mit dem zufrieden, was Gott bestimmt hat, aber gib

jedem einen Palast und dem ältesten Bruder das älteste Mädchen, dem

mittleren das mittlere und die jüngste verheirate mit mir.“ Sofort

wurden die zwei Brüder aus dem Schloß, jeder in einen besonderen Palast

gebracht und das jüngste Mädchen mit dem Prinzen verheiratet. Vierzig

Tage und vierzig Nächte dauerten die Hochzeitsfeierlichkeiten. Am

einundvierzigten Tage in der Nacht auf den Freitag betrat er das

Hochzeitsgemach. Sie erlangten und gewährten, was sie wünschten. Damit

ist auch diese Geschichte aus und somit Schluß.

Türkische Märchen · 第 11 / 91 题