7. DIE GESCHICHTE VON DEM KUMMERVOGEL

Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten

folgendes. In alten Zeiten hatte ein gerechter Padischah eine Tochter.

Diese Prinzessin lebte immer mit ihrer Lehrerin in Liebe zusammen.

Eines Tages verfiel die Lehrerin in Nachdenken. Die Prinzessin sagte:

„Frau Lehrerin, woran denkst du?“ Sie sagte: „Ich habe einen Kummer.“

„Aber, Frau Lehrerin, was ist ein Kummer für ein Ding. Kaufe mir doch

einen.“ Da antwortete sie: „Jawohl, meine Prinzessin.“ Sie läßt sich

von der Prinzessin fünf bis sechs Goldstücke geben, geht auf den Markt,

kauft einen Kummervogel in einem Käfig und bringt ihn der Prinzessin

mit den Worten: „Da, meine Prinzessin, das ist der Kummervogel.“

Die Prinzessin vergnügte sich Tag und Nacht mit dem Vogel. Nach einigen

Tagen geht sie mit den Sklavinnen in ihren Garten an den Teich und

hängt den Vogel an einem Baume auf. Der Vogel fängt an zu sprechen und

sagt: „Meine Prinzessin, laß mich ein wenig frei. Ich möchte mit den

Vögeln die Umgebung ansehen, dann komme ich wieder.“ Die Prinzessin

hielt das für richtig und läßt ihn frei. Der fliegt zu den anderen

Vögeln. Während das Mädchen sich am Teich ergeht, kommt der Kummervogel

nach zwei Stunden wieder, ergreift die Prinzessin und fliegt in die

Luft. Nach einigen Stunden läßt er sie auf einem hohen Berge nieder und

sagt: „Da hast du nun den Kummer gesehen? Hiernach werde ich dir noch

mehr derartigen Kummer bereiten.“ Damit fliegt er in die Luft.

Wir kommen nun zur Prinzessin. Sie war hungrig und hilflos auf den

Bergen. Nach längerem Wandern findet sie einen Hirten. Sie sagt zu dem

Hirten: „Gib mir deine Kleider. Ich werde dir die meinigen geben.“

Sogleich zieht der Hirte seine Kleider aus und gibt sie der Prinzessin.

Die Prinzessin zieht sie an und geht weiter. Schließlich kommt sie an

ein Kaffeehaus. Sie tritt ein und sagt: „Vater, willst du mich als

Lehrling annehmen?“ Der Kaffeewirt sagt: „Ich suche gerade solchen

Lehrling“, und behält sie bei sich. Eines Tages sagt der Kaffeewirt zu

ihr: „Heute Abend werde ich nach Hause gehen. Du kannst im Kaffeehaus

schlafen und aufpassen, daß niemand etwas stiehlt.“ Mit diesen

Ermahnungen geht er weg.

Am Abend schließt das Mädchen das Kaffeehaus, legt sich in eine Ecke

und schläft ein. Um Mitternacht kommt der Vogel und zerschlägt alles

was an Nargileh und Tassen vorhanden ist. Dann kommt er zu ihr, weckt

sie auf. Das Mädchen wacht auf und sieht, daß alles kurz und klein

geschlagen ist. Der Vogel sagt: „Hast du nun den Kummer gesehen?

Hiernach werde ich dir noch weiteren Kummer bereiten.“ Damit fliegt er

weg. Am Morgen dachte das Mädchen: „Was soll ich jetzt meinem Meister

sagen?“ Währenddessen kommt der Wirt, sieht, — was soll er sehen — alle

Dinge sind kurz und klein geschlagen, verprügelt das Mädchen

ordentlich, nimmt es bei dem Kragen und wirft es aus dem Kaffeehaus.

Das Mädchen geht weinend und kommt zu einem Schneiderladen. Da in

diesen Tagen das Beiramfest war, hatte man aus dem Schloß Kleider

bestellt. Die Schneider nähten und schnitten ununterbrochen zu. Das

Mädchen geht zu den Meistern und sagt: „Meister, wollt ihr mich als

Lehrling annehmen?“ Die sagten: „Sehr wohl!“ Es ging in den Laden und

setzte sich. Nach einigen Tagen geht ihr Meister nach Hause und das

Mädchen bleibt im Laden. Um Mitternacht kommt der Vogel wieder und

zerreißt alles, was an Kleidern im Laden ist. Dann weckt er das Mädchen

auf. Als das Mädchen aufwacht, sieht es, daß alles, was an Kleidern

vorhanden ist, zerrissen ist. Der Vogel sagt: „Meine Prinzessin, hast

du nun den Kummer gesehen? Hiernach werde ich dir noch manchen Kummer

machen.“ Dann fliegt er weg. Am Morgen kommt der Meister und sieht, daß

alle aus dem Schloß bestellten Kleider und die noch nicht

zugeschnittenen Stoffe zerrissen sind. Als er das sieht, schlägt er mit

dem Kopf auf die Steine, und sagt: „Ach, nach so vieler Arbeit! Und

soviele Tuchballen sind auch zerrissen.“ Dann verliert er die

Besinnung, fällt ohnmächtig auf den Boden. Nach einiger Zeit kommt er

wieder zu sich, geht zornig auf den Lehrling und fragt: „Wer hat das

zerschnitten?“ Das Mädchen gibt keine Antwort. Er sagt sich: „Geld hat

er nicht, damit ich es nehmen könnte. Soll ich ihm das Leben nehmen?“

Dann verprügelt er es ordentlich und jagt es aus dem Laden.

Während das Mädchen weinend dahin geht, kommt es an den Laden eines

Kronleuchterhändlers und fragt: „Meister, willst du mich als Lehrling

annehmen?“ Der sagt: „Mach, daß du fortkommst, du grindiger Bursche.

Was soll ich mit dir anfangen! Ich habe nicht genug, um für mich zu

sorgen.“ Schließlich läßt er sich erweichen und nimmt ihn als Lehrling

an. Eines Tages will sein Meister auf Hochzeit gehen und überläßt den

Laden dem grindigen Jungen und ermahnt ihn: „Paß ordentlich auf, daß

nichts zerbrochen wird.“ Dann geht er weg. Als es Abend wird, schließt

der grindige Junge den Laden und schläft in einer Ecke ein. Um

Mitternacht kommt der Vogel und zerschlägt alles, was an Kronleuchtern

vorhanden ist, und weckt den grindigen Jungen auf. Als der aufsteht,

sieht er, daß alles, was an Kronleuchtern im Laden vorhanden ist,

zerbrochen ist. Der Vogel sagt: „Meine Prinzessin, hast du den Kummer

gesehen? Von der Art werde ich dir noch manchen Kummer bereiten.“ Dann

fliegt er fort. Am Morgen öffnet der grindige Junge den Laden. Dann

kommt sein Meister und sieht — was siehst du? —, alles was an Leuchtern

im Laden vorhanden ist, ist zerbrochen. Vor Zorn war er nahe daran,

sich aufzuhängen. Dann nimmt er einen Stock, verprügelt ordentlich den

grindigen Jungen und wirft ihn aus dem Laden.

Das Mädchen denkt weinend: „In welchen Laden ich auch bis jetzt

gekommen bin, soviel Schaden habe ich von dem Vogel gehabt und soviel

Prügel habe ich bekommen. Jetzt will ich mich aufmachen und in die

Berge gehen.“ Als sie einige Zeit herumgegangen ist, bleibt sie hungrig

und durstig auf den Bergen und sieht, daß wilde und reißende Tiere in

Menge dort sind. Dann steigt sie auf einen Baum und bleibt dort in der

Nacht. Am Morgen als es dämmert, kommt der Sohn des Padischah dieses

Landes der gerade auf Jagd gegangen war, und sieht den grindigen Jungen

auf dem Baume. Er hält ihn für einen Vogel, zielt und schießt den Pfeil

ab. Der Pfeil bleibt im Baum haften. Als er an den Baum kommt, sieht

er, daß es ein Mensch ist. Der Prinz fürchtet sich und sagt: „Bist du

ein Geist oder was sonst?“ Der grindige Junge sagt: „Ich bin kein

Geist, ich bin ein Mensch.“ Schließlich nahm der Prinz ihn herab und

brachte ihn ins Schloß. Nachdem er den grindigen Jungen im Bade hatte

ausziehen und waschen lassen, ließ er ihm Frauenkleider anziehen.

Sofort wird er ein Liebchen wie der Mond am vierzehnten, das in der

Welt nicht seinesgleichen hatte. Es erinnerte einen an die schönen

Jünglinge im Paradiese.

Als der Prinz sie so sieht, verliebt er sich gleich in sie und wird wie

berauscht. Als er nach ein bis zwei Stunden wieder vernünftig ist, ging

er zu seinem Vater und sagte: „Vater, neulich war ich auf die Jagd

gegangen, und während ich jagte, sah ich in einem Baume ein Mädchen und

brachte es hierher. Die ist nun mein Schicksal. Ich will nur sie

heiraten.“ Der Padischah sagte: „Was ist das für eine Sache? Die will

ich mir einmal ansehen.“ Sofort rief er sie, und als er sie sah, hielt

er sie für passend für seinen Sohn.

Er verheiratete das Mädchen mit dem Prinzen und machte vierzig Tage und

vierzig Nächte Hochzeitsfeierlichkeiten. Am einundvierzigsten Tage in

der Nacht auf den Freitag betrat der Prinz das Brautgemach. Infolge

dieser Nacht wurde die Prinzessin schwanger und nach neun Monaten und

zehn Tagen gebar sie dem Prinzen eine Tochter.

Das Kind mag nun in der Wiege heranwachsen. Als eines Nachts der Prinz

und die Prinzessin schlafen, kommt um Mitternacht der Vogel, nimmt die

Tochter der Prinzessin, beschmiert den Mund der Prinzessin mit Blut,

weckt sie auf und sagt: „Dein Kind nehme ich mit; da hast du deinen

Kummer. Hiernach werde ich dir noch ähnlichen Kummer bereiten.“ Darauf

fliegt er weg.

Am Morgen sieht der Prinz, daß das Kind nicht da ist und daß der Mund

der Prinzessin blutig ist. Als er das sieht, wendet er sich, geht zu

seinem Vater und setzt ihm die Sache auseinander. Der sagt: „Mein Sohn,

woher hast du das Mädchen geholt?“ Er antwortete: „Von den Bergen.“ Der

Padischah fährt fort: „Das Mädchen ist ein wildes Mädchen, es frißt

sicherlich Menschen.“

Wir wollen uns kurz fassen. Die Sache geht so weiter. Nach einiger Zeit

bringt die Prinzessin eine zweite Tochter zur Welt. Wie das erste Mal

kommt der Vogel, nimmt das Kind, beschmiert den Mund der Prinzessin mit

Blut und geht wieder weg. Das Mädchen wacht auf, schlägt sich und wirft

sich auf den Boden. Am Morgen wacht der Prinz auf und sieht, daß das

Kind wieder nicht da ist und daß der Mund der Prinzessin blutig ist.

Sofort benachrichtigt er den Padischah. Der Padischah befiehlt, ihr

sofort den Kopf abzuschlagen. Da der Prinz das Mädchen sehr liebt, geht

er zu seinem Vater und bittet ihn für sie, und der schenkt sie diesmal

noch dem Prinzen.

Im Laufe der Zeit nach einigen Monaten wird sie wieder schwanger, und

nach neun Monaten zehn Tagen bringt die Prinzessin einen Knaben zur

Welt. Der Prinz fängt an zu überlegen: „Wenn sie diesmal das Kind

verzehren sollte, wird der Vater sie ohne weiteres töten.“ Während

dieser Überlegung kommt ihm in den Sinn: „Ich will diese Nacht nicht

schlafen und sie heimlich beobachten.“ Die Prinzessin mag nun schlafen,

der Prinz nimmt eine Nadel in die Hand, hält die Spitze der Nadel an

das Kinn und faßt das andere Ende mit der Hand. Wenn der Schlaf über

ihn kommt, drückt er auf die Nadel, sticht sich ins Kinn und wacht auf.

Schließlich fällt ihm die Nadel aus der Hand auf den Boden und er

schläft ein. Da kommt zwischen vier und fünf Uhr der Vogel, nimmt das

Kind, beschmiert den Mund der Prinzessin mit Blut, weckt sie auf und

sagt: „Da, dein Kind nehme ich mit. Da hast du deinen Kummer. Hernach

werde ich dir noch anderen Kummer bereiten.“ Mit diesen Worten fliegt

er weg. Die Prinzessin kann es nicht mehr aushalten und weint bis zum

Morgen. Als der Prinz aufwacht und sieht, — was siehst du? — daß das

Kind nicht da ist und der Mund und die Nase der Prinzessin blutig ist,

benachrichtigt er den Vater. Der Henker wird befohlen. Der Henker

bindet dem Mädchen die Hände auf den Rücken und führt sie auf einen

großen Platz, um sie zu enthaupten. Das Mädchen war von einzigartiger

Schönheit und der Henker konnte es nicht übers Herz bringen, sie zu

töten und sagte: „Vorwärts, geh, meine Prinzessin, komme nicht wieder

ins Schloß, geh, wohin du willst. Gott möge dir Heil geben!“ und

entläßt sie. Die Prinzessin geht weinend in die Berge. Da kommt der

Vogel, packt die Prinzessin und fliegt davon. Nach einiger Zeit läßt er

sie in dem Garten eines Schlosses aus Edelsteinen, wie es das Auge noch

nicht gesehen hat, und das sich nicht beschreiben läßt, nieder. Wer es

ansah, wurde geblendet. Als sie auf den Marmorsteinen angekommen sind,

schüttelt sich der Vogel einmal und wird ein Jüngling, schön wie der

Mond am vierzehnten. Die Prinzessin sieht hin und wundert sich. Als sie

die Treppe hinaufsteigen, waren dort eine Sklavin und drei liebliche

Kinder von sieben bis acht Jahren. Sie kommen herunter und gehen der

Prinzessin entgegen. Ihr Blut kommt in Wallung und die Augen füllen

sich mit Tränen. Dann gehen sie mit dem Jüngling nach oben. Da kommt

ein Platz aus Edelsteinen, ein Zimmer mit gestickten Vorhängen. Sie

heben den Vorhang, treten ein, setzen sich und wenden ihre Augen nicht

von der Prinzessin. Jetzt sagt der Jüngling: „Meine Prinzessin, soviel

Qualen habe ich dir zugefügt. Deine Kinder habe ich dir entführt, dann

hat man dich hinrichten wollen. Du hast alles ertragen und mich nicht

verraten und hast ausgeharrt. Jetzt habe ich dir auf Gottes Befehl ein

großes Schloß bauen lassen. Das ist nur für dich. Mit deinen Kindern

bin ich davongegangen und habe sie mit Milch groß gezogen. Diese drei

Kinder vor dir sind die Deinigen und ich bin von jetzt ab dein Sklave.“

Da umarmte die Prinzessin die Kinder, küßte sie auf beide Augen und

drückte sie an die Brust, und die Kinder umarmten die Mutter und

weinten Blut statt Tränen. Die waren nun bei einander und die Welt

gehörte ihnen. Tag und Nacht trennten sie sich nicht.

Sie alle mögen mit den Kindern im Schlosse wohnen und sich lieben. Wir

wenden uns nun zu dem Prinzen. Er mag nun traurig entweder darüber

sein, daß die Kinder tot sind oder daß seine Gemahlin, die er so sehr

geliebt hatte, vom Henker hingerichtet ist. Tag und Nacht seufzte er

vor Sehnsucht und weinte. Er hatte einen alten Opiumraucher, der kam

jeden Tag zum Prinzen und unterhielt ihn mit Geschichtenerzählen. Dem

Opiumraucher war eines Tages sein Opium ausgegangen, hatte vom Prinzen

eine halbe Stunde Urlaub bekommen und war auf den Markt gegangen. Auf

einmal sieht er ein großes Schloß. Er sagt sich: „Wann ist dieses

Schloß gebaut? Ich komme hier jeden Tag vorbei, niemals war es da. Ist

es Traum oder Phantasie?“ Er denkt bei sich: „Ich will doch einmal dies

Schloß besichtigen“ und geht zum Schlosse. Während die Prinzessin in

dem Schlosse und der Jüngling im Schlosse sitzen und sich vergnügen,

sehen sie von Ferne den Opiumraucher. Der Jüngling sagt: „Meine

Prinzessin, da kommt der Opiumraucher des Prinzen. Mit dem wollen wir

unsern Spaß treiben.“ Die Prinzessin sagt: „Nach Belieben.“ Der

Opiumraucher kommt. Als er um das Schloß wendet, wirft der Jüngling aus

dem Fenster eine verzauberte Rose hinab. Der Opiumraucher nimmt die

fallende Rose auf, riecht daran und sagt: „Ach, wie schön riecht deine

Rose! Wie schön mußt du erst selber riechen.“ Dies wiederholt er immer

und kehrt um. Unterwegs spricht er immer so zu sich. Die Leute, die ihn

sehen, folgen ihm und sagen: „Ist der Mensch verrückt?“ Fünfzig bis

sechzig Leute sammeln sich um ihn und sehen ihn an.

Wir wenden uns zu dem Prinzen. Er sieht, daß zwei Stunden vorüber sind

und der Opiumraucher immer noch nicht kommt. Er langweilt sich und

befiehlt seinem Hausmeister: „Geh, wo du den Opiumraucher findest,

bringe ihn hierher.“ Der Hausmeister geht nach dem Opiumraucher aus.

Auf einmal sieht er auf dem Platze eine Menschenmenge. Indem er sagt:

„Was ist das wohl?“ geht er hin. Er sieht — was siehst du? — unsern

Opiumraucher. Sofort geht er zu ihm und sagt: „Der Prinz verlangt nach

dir.“ Der Opiumraucher sagt: „Ach, wie schön riecht deine Rose. Wie

schön mußt du erst selber riechen.“

Zum Hausmeister sagt er: „Wenn sie aus diesem Schloß Rosen werfen, hüte

dich, nimm sie nicht.“ Der sagt: „Ich will doch hingehen und sie einmal

sehen.“ Als sie zum Schlosse kommen, sieht der Jüngling sie und sagt

zur Prinzessin: „Der Hausmeister des Prinzen kommt, soll ich ihn

empfangen?“ Die Prinzessin sagt: „Nach Belieben, mein Herr.“ Der

Jüngling läßt sofort die Türen des Schlosses aufmachen und der

Hausmeister tritt durch die Türen ein. Sofort kommen Sklavinnen, gehen

ihm entgegen und führen ihn nach oben. Der Jüngling sagt: „Er soll

seine Kleider ausziehen und so kommen.“ Der Hausmeister geht in ein

anderes Zimmer und zieht sich aus. Als er die Hand an seine Mütze

bringt und an ihr zieht, geht die Mütze nicht ab. Wie sehr er sich auch

müht, er kann sie nicht abbekommen. Die Sklavinnen gehen zu ihrem

Herrn. Als sie sagen: „Der Hausmeister kann seine Mütze nicht

herunterbekommen,“ sagte er: „Was ist das für ein Mensch, der seine

Mütze nicht herunterbekommen kann!“ und treibt ihn hinaus. Sofort als

der Hausmeister unter der Tür des Schlosses sich bückt, um seine

Stiefel anzuziehen, fällt ihm seine Mütze vom Kopf auf die Erde. Der

Hausmeister nimmt die Mütze und sagt: „Drinnen wolltest du nicht

abgehen, was gehst du draußen gleich ab?“, wirft die Mütze auf den

Boden und geht zu dem Opiumraucher. Als der Opiumraucher ihn sieht,

wundern sie sich beide sehr.

Wir wollen uns nun zu dem Prinzen wenden. Er hatte den Hausmeister nach

dem Opiumraucher ausgeschickt. Auch der war nicht wieder gekommen.

Danach schickt er den Schatzmeister Aga hinter ihnen her. Kurz, als der

Schatzmeister Aga sie so sieht, wundert er sich, geht zu ihnen und

sagt: „Was ist euch geschehen?“ Der Opiumraucher sagt: „Wenn man aus

diesem Schlosse eine Rose wirft, nimm sie nicht und rieche nicht

daran.“ Der Hausmeister sagt: „Wenn du auch in dieses Schloß gehst, tue

es nur, indem du vorher deine Mütze abnimmst.“ Der Schatzmeister Aga

geht ins Schloß. Der Jüngling sagt: „Meine Prinzessin, der

Schatzmeister Aga des Prinzen kommt. Auch dem will ich einen Streich

spielen.“ Sie antwortet: „Nach Belieben.“ Als der Schatzmeister das

Schloß betritt, sagt der Jüngling: „Auch den zieht aus. Er soll sein

Nachtgewand anziehen und so kommen.“ Sie ziehen ihm die Kleider aus,

aber seine Hose geht nicht aus. Wie sehr er auch Gewalt anwendet, er

kann sie nicht ausbekommen. Sogleich berichten die Sklavinnen dies. Der

Jüngling sagt: „Was ist das für ein Mensch, der seine Hosen nicht

ausziehen kann.“ Darauf treibt man auch den Schatzmeister Aga aus dem

Schlosse. Als er einen Schritt durch das Tor gemacht hat, fallen seine

Hosen von selber herunter. Da sagt er zu den Hosen: „Drinnen konntet

ihr nicht ausgehen, wozu könnt ihr es draußen?“ und schlägt sie auf den

Boden. Dann geht er zu den beiden anderen. Der Prinz ist zornig und

sagt zu sich: „Was ist das wohl mit denen?“ Er geht aus dem Schloß,

trifft sie und fragt sie: „Was ist denn euch geschehen?“ Der

Opiumraucher antwortet: „Wenn man aus dem Schlosse eine Rose wirft,

nimm sie nicht und rieche nicht daran.“ Der Hausmeister sagt: „Geh erst

hinein, nachdem du die Mütze abgenommen hast.“ Der Schatzmeister Aga

sagt: „Geh erst hinein, nachdem du die Hosen ausgezogen hast.“ Als sie

das sagten, wird der Prinz verwirrt, sagt: „Was soll das bedeuten?“ und

geht ins Schloß. Als er eintritt, gehen die Prinzessin, der Jüngling,

die drei Kinder und alle Sklavinnen ihm mit Ehrfurcht und Höflichkeit

entgegen. Sie führen ihn nach oben, setzten sich in einem Zimmer nieder

und begrüßen ihn. Das älteste der Kinder hat in der Hand einen Schemel,

das mittelste ein Handtuch, das kleinste einen Servierteller mit einem

Teller und darinnen Birnen und daneben einen Löffel. Das älteste stellt

den Schemel hin, das mittelste legt dem Prinzen das Handtuch vor, das

jüngste stellt den Servierteller hin. Der Prinz verwundert sich und

sagt zu den Kindern: „Ißt man Birnen mit Löffeln?“ Als die Kinder

antworteten: „Ißt ein Mensch Menschen?“ schweigt der Prinz und denkt

nach. Da sagten sie: „Hier, wir sind deine Kinder, das ist unsere

Mutter.“ Der Jüngling tritt hinzu und sagt: „Prinz, mögen deine Augen

leuchtend sein. Das ist die Prinzessin, das da sind deine Kinder.“

Da kommen die Kinder, hängen sich ihrem Vater an den Hals und die

Prinzessin umarmt ihren Gatten, und sie freuen sich aus vollem Herzen.

Der Jüngling sagt: „Prinz, ich bin ihr Sklave. Die Prinzessin hatte

mich für Geld gekauft, und ich war ein Gefangener. Meine Mutter hatte

mich so verflucht. Das war meine Lage. Wenn Sie mir gütigst die

Erlaubnis geben, werde ich in meine Heimat gehen und meinen Vater und

meine Mutter wieder sehen, da sie Sehnsucht nach mir haben.“ Er erhielt

die Erlaubnis und ging weg. Die machten von neuem Hochzeit. Vierzig

Tage und vierzig Nächte dauerten die Festlichkeiten. Sie erreichten,

was ihr Wunsch war. Gott möge auch uns unsern Wunsch erreichen lassen.

Amen, o Helfer.

Türkische Märchen · 第 10 / 91 题