6. DIE GESCHICHTE VON DER DILBER, DIE NICHT ERREICHTE, WAS SIE WOLLTE

Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten

folgendes. In alten Zeiten hatte ein armer Mann eine Frau. Sie waren

sehr arm und hatten keinen Platz zum Wohnen. Diese Frau wurde von ihrem

Manne schwanger, und als ihre Zeit herankam, sagte sie zu ihrem Manne:

„Geh zu der Badbesitzerin Aische Molla und sage ihr: ‚Meine Frau hat

keinen Platz, wo sie gebären könnte. Wenn im Bade ein leeres Zimmer

ist, laß sie dort gebären‘.“ Darauf ging der Mann zu der Aische Molla

und erzählte ihr die Sache. Sie antwortete: „Schön, mein Sohn, morgen

mag sie kommen und hier bleiben.“ Dann kehrte der arme Mann wieder nach

Hause zurück und erzählte es seiner Frau. Am nächsten Tage stand die

Frau auf und ging ins Bad. Sofort führte die Aische Molla sie in eine

Kabine und sagte: „Meine Prinzessin, dort können Sie gebären.“ Die Frau

trat ein, bekam die Wehen und brachte ein wunderschönes Kind zur Welt.

Es war so schön, daß man es nicht fertig brachte, ihm ins Gesicht zu

sehen. Da spalteten sich die Wände des Bades und drei Derwische traten

ein. Der erste sagte: „Dieses Kind soll die ihren Wunsch nicht

erreichende Dilber heißen.“ Der andere sagte: „Wenn dies Mädchen sich

wäscht, sollen von ihrem Kopfe Goldstücke fallen, wenn sie lacht,

sollen auf ihren Wangen Rosen blühen, und wenn sie weint, sollen aus

ihren Augen Perlen fallen, und da, wo sie geht, soll Rasen wachsen.“

Der dritte sagte: „Sie soll dies Armband an ihren Arm legen. Wenn sie

es abnimmt, stirbt sie, aber so lange sie das Armband nicht abnimmt,

soll ihr nichts passieren und sie wird jahrelang leben.“ Dann ließ er

sein Armband im Bade zurück und die drei Derwische verschwanden.

Die Mutter legte ihrer Tochter das Armband um, und wusch das Mädchen

ordentlich. Immer, wenn sie ihr Wasser auf den Kopf goß, fielen

Goldstücke herunter. Dann gab die Frau der Badbesitzerin eine Anzahl

Goldstücke, nahm ihre Tochter und kehrte in ihr verfallenes Haus

zurück. Nach einigen Tagen ließ sie ein großes Haus bauen mit

Gartenhaus und schön mit Goldverzierung, daß es sich nicht beschreiben

läßt. Die Frau brachte das Mädchen in dieses Gartenhaus und dort lebten

sie. Wenn das Mädchen weinte, fielen Perlen herab, wenn sie lachte,

blühten Rosen auf ihren Wangen, wo sie ging, sproßte Rasen. Schließlich

wurden sie durch das Mädchen so reich, daß sie den Wert von weißen und

schwarzen Sklavinnen und vom Gelde nicht kannten. Die Zeit verging, das

Mädchen kam in ihr vierzehntes Jahr. Sie hatte nicht ihresgleichen in

der Welt, schlank wie eine Gerte, mit Rehaugen, geschweiften

Augenbrauen, Lippen wie Zucker, mit einem Geruch wie Ambra, von

liebenswürdigem Wesen. Sie war so schön, daß man unfähig war, es zu

beschreiben. Ein Wunder der Welt. Wer sie ansah, wurde geblendet. Es

war, als ob in ihrem Zimmer die Sonne aufgegangen war und strahlte. In

allen Stadtvierteln war sie bekannt und man fand sie schön.

Die wollen wir nun lassen und uns zum Sohne des Padischahs von Jemen

wenden. Eines Nachts sah er im Traum dieses Mädchen und trank aus ihrer

Hand den Becher der Liebe. Morgens stand er auf, ging zu seiner Mutter

und sagte: „Liebe Mutter, Gott möge es zum Guten wenden! Im Traume habe

ich ein Mädchen gesehen. Noch jetzt schwebt mir ihr Bild vor. Nur die

will ich.“ Sie antwortete: „Ach, mein Sohn, was willst du mit ihr

anfangen. An dem und dem Orte ist ein Mädchen. Wenn sie sich wäscht,

fallen Goldstücke von ihrem Kopfe, wenn sie lacht, blühen Rosen auf

ihren Wangen, wenn sie weint, fallen Perlen herab, und wo sie geht,

blüht Rasen.“ Der Sohn sagte: „Ach, Mutter, ist das, was du sagst, ein

Traum? So etwas gibt es ja nicht.“ Die Mutter antwortete: „Mein Sohn,

wenn du mir nicht glaubst, so laß es dir anderweitig bestätigen, ob es

vielleicht falsch ist.“

Man rief die Makler und fragte sie. Die wunderten sich; aber einer

unter ihnen hatte gerade das Mädchen gesehen, trat vor und sagte: „Mein

Prinz, ich habe sie mit eigenen Augen gesehen, sie ist vorhanden.“ Da

blieb nunmehr dem Prinzen kein Zweifel. Er ging zu seiner Mutter und

sagte: „Liebe Mutter, besteige morgen ein Schiff und fahre als

Brautwerberin zu dem Mädchen. Wenn es sich wirklich mit dem Mädchen so

verhält, so verlobe sie mir sofort und bringe sie hierher.“ Am Morgen

bestieg die Dame ein Schiff und machte sich auf den Weg. Nach einigen

Monaten kam sie in dem Lande, wo das Mädchen war, an, verließ das

Schiff und betrat die Stadt. Als sie dort jemand gefragt hatte, zeigte

man ihr das Haus des Mädchens. Die Dame ging hin und klopfte an die

Tür. Als die Tür geöffnet wurde, trat sie ein. Man holte sie nach oben,

und sie kam zu dem Landhause, wo das Mädchen war. Nachdem sie sich

gesetzt hatte, fing sie an, sich ausgiebig mit ihrer Mutter zu

unterhalten. Ihre Absicht war es, zunächst zu erproben, ob es sich

wirklich mit dem Mädchen so verhielte, und sagte: „Meine Tochter, würde

es dir Mühe machen, mir ein Glas Wasser zu bringen?“ Das Mädchen stand

sofort auf. Als sie Wasser holte, wuchs an der Stelle, die sie betrat,

eine Spanne weit Rasen. Als die Dame das sah, verwunderte sie sich. Als

die Dame die Schale nahm und trank, drückte sie das Mädchen an einer

Stelle leicht. Das Mädchen war nahe daran zu weinen, und ehe sie

anfing, fielen Perlen herab. Als die Dame dann eine lustige Geschichte

erzählte, konnte das Mädchen sich nicht halten, lachte, und sofort

blühten Rosen auf ihren Wangen. Schließlich goß sie zufällig dem

Mädchen Wasser auf den Kopf, sofort fielen ihr vom Kopfe Goldstücke. Da

blieb ihr nun in ihrem Herzen kein Zweifel mehr und sie sagte zu der

Mutter: „Den schönen Namen Ihrer Tochter habe ich gehört, nach Gottes

Anordnung und dem heiligen Brauch des Propheten möchte ich Ihre Tochter

mit meinem Prinzen verheiraten. Was denken Sie dazu?“ Da sagte die

Dame: „Meine Königin, sollte ich meine Tochter solchen Leuten, wie Sie

es sind, vorenthalten? Nach Ihrem Belieben. Gott möge Segen geben!“

Dann wurde die Verlobung gemacht und die Königin sagte: „Ich werde nun

gehen. Nachher bringen Sie Ihre Tochter, denn wir wollen dort nun alles

zur Hochzeit herrichten.“ Dann stand die Königin auf und machte sich

auf den Weg. Schließlich kam sie eines Tages nach Jemen, ging in den

Palast, rief den Prinzen und sagte: „Mein Sohn, ich bin hingegangen und

habe das Mädchen gesehen. Es verhält sich mit ihr wirklich so. Wer sie

einmal sieht, sagt: „Ich möchte sie noch einmal sehen.“ So schön ist

sie. Sofort habe ich die Verlobung abgeschlossen und bin hierher

gekommen.“ Als der Prinz das hörte, wurde er ganz verwirrt und seine

Hände und Arme fingen an zu zittern. Dann küßte er seiner Mutter die

Hand und blieb dort.

Die fingen nun mit den Hochzeitsvorbereitungen an, und der Prinz sah

sehnsüchtig nach dem Mädchen aus. Die wollen wir nun lassen und uns

wieder dem Mädchen zuwenden. Die Mutter machte ihrer Tochter kostbare

Kleider und richtete eine kostbar ausgestattete Aussteuer her. Als die

Reisevorbereitungen fertig waren, rief sie die Amme des Mädchens und

sagte: „Du wirst auf meine Tochter ordentlich acht geben und sie nach

Jemen führen. Nach einigen Tagen komme ich auch.“ Dann nahm die Amme

die Tochter der Dame und ihre eigene Tochter und etwas Nahrungsmittel

mit, bestieg ein Schiff und machte sich mit ihnen auf den Weg. Als es

Abend wurde, hungerte die Braut und sagte: „Mutter, gib mir etwas

Brot.“ Die Amme schnitt entsprechend der List, die sie sich ausgedacht

hatte, ein Stück gesalzenes Pasdyrma [12] ab und gab es dem Mädchen.

Als das arme Mädchen das Pasdyrma gegessen hatte, bekam es nach einer

halben Stunde großen Durst und sagte: „Mutter, gib mir etwas Wasser.“

Die Frau sagte: „Wenn du eins von deinen Augen herausreißt und mir

gibst, gebe ich dir Wasser, sonst nicht.“ Das arme Mädchen weinte und

nahm ein Auge heraus und gab es ihr. Nach einiger Zeit hatte das

Mädchen wieder Durst und sagte zu der Frau: „Mutter, mich dürstet.“ Die

Frau antwortete: „Du schweinisches gemeines Mädchen, wenn du das eine

Auge herausreißt, werde ich dir Wasser geben.“ Was soll das arme

Mädchen tun? Ihr Inneres war ganz von Durst verbrannt, gezwungenerweise

riß sie es aus und gab es der Frau. Die Frau gab ihr etwas Wasser, und

das Mädchen trank, aber sie war auf beiden Augen blind. Als sich dann

das Schiff einem Lande näherte, zog die Frau der Braut die Kleider aus,

und führte die Arme auf einen Berg und ließ sie dort. Darauf zog sie

ihrer Tochter die Kleider an, schmückte sie, und sie gingen in das

Schloß des Königs von Jemen. Aus dem Palast ging man ihnen entgegen und

führte sie nach oben. Die Mutter des Prinzen betrachtete das Mädchen

genau, wunderte sich und überlegte innerlich: „Das ist nicht das

Mädchen, das ich dort gesehen. Dahinter steckt sicherlich etwas. Wollen

einmal sehen, worauf das hinauslaufen wird.“ Sie setzten sich und

fingen an zu erzählen. Am Abend wurde die Hochzeit mit dem Prinzen

gefeiert und Scherbet getrunken. In dieser Nacht führte man den Prinzen

in das Brautgemach. Der Prinz sagte zu dem Mädchen: „Lache doch ein

wenig!“ Obgleich das Mädchen zu lachen anfing, geschah nichts von dem

Wunder. Der Prinz wunderte sich. Wenn dies Mädchen lacht, sollen doch

Rosen blühen, wenn sie weint, Perlen fallen, und auf der Stelle, wo sie

geht, soll Rasen wachsen. Ist dies das so gepriesene Mädchen? Bei

diesem Mädchen geschieht nichts derartiges. Nach solchen langen

Überlegungen redete er das Mädchen an: „Meine Prinzessin, wenn du

lachst, sollen Rosen auf deinem Gesicht blühen. Aber du hast gelacht

und keine ist aufgeblüht. Was heißt das?“ Das Mädchen antwortete: „Mein

Herr, sie blühen nur einmal im Jahre.“

Kurz, am Morgen führte die Mutter des Prinzen das Mädchen ins Bad und

fing an sie zu baden. Die Dame goß ihr, um sie zu erproben, Wasser auf

den Kopf, aber keine Goldstücke fielen herab. Die Dame war verwundert.

Darauf kleidete sie schließlich das Mädchen an und schmückte sie und

man führte sie in das Schloß. Das Mädchen setzte sich in einen Winkel.

Die mögen nun dort sitzen, wir wenden uns jetzt zu dem Mädchen, das sie

auf dem Berge gelassen hatten. Mit ihren beiden blinden Augen weinte

sie andauernd und von ihrem Weinen hatte sich vor ihr ein Haufen Perlen

angesammelt. Da kam ein Karawanenführer und, als er das Mädchen in

dieser Lage sah, seufzte er, und sein Herz blutete. Er ging zu ihr und

sagte: „Meine Tochter, welcher Teufel hat dich in solche Verfassung

gebracht?“ Das Mädchen antwortete: „Ach, Vater, frage nicht. Gott hat

es so bestimmt, man muß es tragen.“ Darauf faßte er das Mädchen an der

Hand und nahm auch die Perlen und brachte sie in sein Haus und sagte zu

seiner Frau: „Quäle nicht dieses Mädchen, wasche sie ordentlich. Es ist

ein gutes Werk.“ Schließlich fragten sie das Mädchen nach ihren

Erlebnissen. Das Mädchen erzählte ihnen die Geschichte von Anfang bis

zu Ende. Sie sagten zu der Unglücklichen: „Ach, das ist schade.“ Als

das Mädchen lachte, wuchsen sofort Blumen auf ihren Wangen. Da schnitt

sie sie mit der Schere ab und sagte: „Vater, nimm diese Rose, lege sie

in einen Korb, geh vor das Schloß des Prinzen und rufe: ‚Ich verkaufe

Rosen außer der Jahreszeit.‘ Dann wird man dich rufen und dir sagen:

‚Für wieviel Para gibst du sie?‘, dann sage du: ‚Ich verkaufe sie nicht

für Geld, nur für ein Auge‘.“ Der Vater antwortete: „Sehr wohl, mein

Mädchen.“ Diese Nacht legte er sich schlafen. Am Morgen packte er die

Rosen in einen Korb, stand auf und machte sich auf den Weg.

Als er vor das Schloß kam, rief er: „Ich verkaufe Rosen außer der

Jahreszeit.“ Als das Mädchen aus dem Schlosse das hörte, sagte es zu

seiner Mutter: „Ach, Mutter, da werden Rosen außer der Jahreszeit

angeboten. Wollen sie kaufen und dem Prinzen zeigen und ihm sagen:

„Siehe, heute ist diese Rose auf meiner Wange erblüht.“ Da liefen sie

zu der Tür und riefen: „Komm hierher.“ Der Karawanenführer kam sofort

an die Tür des Schlosses, nahm den Korb von der Schulter und stellte

ihn auf die Erde. Das Mädchen sagte: „Gärtner, um wieviel Piaster gibst

du die Rose?“ Da antwortete er: „Mein Mädchen, für Geld nicht, ich gebe

sie für ein Auge.“ Da wandte sich das Mädchen um und sagte zur Mutter:

„Wollen ihm die Augen des Mädchens, die im Kasten liegen, geben und die

Rose nehmen.“ Das Mädchen ging zu dem Kasten, nahm beide Augen, brachte

sie und gab sie dem Gärtner. Der nahm die Augen, gab die Rosen und ging

ohne Verweilen nach Hause, trat ein, ging zu dem Zimmer, wo sich das

Mädchen befand, und sagte: „Meine Tochter, ich habe deine beiden

Augen.“ Da stand das Mädchen auf, vollzog eine schnelle Waschung und,

um Gottes Wohlgefallen zu erlangen, zwei Gebetsbeugungen, stand auf,

erhob die Hände und betete. Ihr Gebet wurde erhört. Als sie ihre Augen

wieder an die Stelle setzte, wurden mit Gottes, des Höchsten, Erlaubnis

ihre Augen geöffnet, sodaß sie die Welt wieder sah. Sie leuchteten

heller wie vorher. Sie dankte Gott und ging in dem Zimmer auf und ab.

Wenn das Mädchen lachte, blühten die Rosen, und wenn sie sich wusch,

fielen von ihrem Kopfe Goldstücke. Kurz, das Mädchen sah in dem

Karawanenführer ihren Vater und umarmte ihn innig. Sie wurden auch

durch dieses Mädchen so reich, daß sie sich Häuser bauen und paarweise

Sklavinnen und Sklaven hielten. Das Mädchen hatte auch für sich ein

außergewöhnliches Zimmer. Jeden Tag setzte sie sich dorthin und

vergnügte sich. Eines Tages sagte das Mädchen: „Vater, ich wünsche von

dir eine Türbe [13] ganz aus Karfunkelstein und im Inneren einen Kasten

von Gold. Die Türen der Türbe sollen einmal von selbst in der Stunde

schreien: ‚Die Dilber, die nicht ihren Wunsch erlangt hat‘ und sich

nach beiden Seiten öffnen. So sollen die Türen rufen.“ Der

Karawanenführer sagte: „Meine Tochter, du sollst eine Türbe, wie du sie

wünschst, haben. Mit Gottes Hilfe will ich sie dir machen.“ Schließlich

erhob er sich, ging auf den Berg, ließ nach der Beschreibung des

Mädchens aus Karfunkelstein eine Türbe machen und im Inneren auch einen

Kasten. Die Türen öffneten sich von selbst und riefen: „Die Dilber, die

ihren Wunsch nicht erreicht hat.“ Als die Türbe fertig war und bereit

stand, ging der Karawanenführer nach Hause und sagte: „Da habe ich dir

die gewünschte Türbe machen lassen, gräme dich nicht.“

Die wollen wir nun lassen und uns zu dem im Schlosse weilenden Mädchen

wenden. Als sie dem Prinzen die Rose gegeben hatte, nahm er sie, roch

daran und sagte: „Deine Rose ist gekommen. Du selbst wirst auch bald

kommen.“ [14] Als das Mädchen aus der Rose gemerkt hatte, daß die

andere lebe, sagte sie zu ihrer Mutter: „Mutter, dies Mädchen ist am

Leben; sie muß irgendwo in der Nähe leben. Komm, wollen ihr eine

Zauberin schicken. In der Nacht soll sie ihr den Armring ausziehen,

dann wird sie sterben.“

Darauf schickte die Mutter eine Zauberin mit Maßregeln an das Mädchen.

Die Zauberin fragte nach dem Mädchen, ging sofort in das Haus, wo sich

das Mädchen befand und klopfte an die Tür. Als sie geöffnet wurde,

stieg sie auf der Treppe nach oben, trat in das Zimmer des Mädchens ein

und setzte sich. Da es spät geworden, sagte sie zu der Frau: „Ach,

Mutter, ich bin von weit her gekommen; es ist spät, und ich fürchte

mich zu gehen. Ich bin nur hierhergekommen, daß ihr mich als Gottesgast

aufnehmt.“ Da sagte die Frau: „Sehr schön, Mutter. Da ist ein Zimmer,

schlafe dort ruhig.“ Später wird zu Abend gegessen. Danach geht die

Zauberin in ihr Zimmer und legt sich schlafen. Das Mädchen und die

Mutter gehen in ihre Zimmer und schlafen ein. Genau zwischen sieben und

acht verläßt die Zauberin ihr Zimmer, geht in das Sommerhaus des

Mädchens und tritt sofort ein. Als sie eintrat, schlief das Mädchen

fest. Die Zauberin näherte sich, zog dem Mädchen leise den Armring vom

Arm, nimmt ihn mit, geht hinunter in das Zimmer, nimmt ihren Mantel,

zieht ihn an, verläßt das Haus und geht sofort zum Schloß. Nachdem sie

eingetreten, gibt sie der Mutter des Mädchens den Armring. Die nimmt

ihn freudig in Empfang und bewahrt ihn.

Die wollen wir nun verlassen und uns zu der Dame wenden. Am Morgen

steht sie auf, geht in das Zimmer, wo die alte Frau schlief und sieht,

daß sie nicht da ist. Sie wundert sich: „Wohin kann sie wohl gegangen

sein? Sie ist weggegangen.“ Sie sieht nach dem Mantel. Auch der ist

nicht da. Dann geht sie in das Zimmer des Mädchens, und sieht, daß es

schläft. Sie kann es nicht übers Herz bringen, sie zu wecken. Darauf

kehrt sie um, geht in ihr Zimmer. Schließlich wird es gegen vier und

fünf Uhr. Das Mädchen steht nicht auf. Die Dame denkt bei sich: „Das

Mädchen pflegte jeden Tag früh aufzustehen. Warum bleibt sie heute so

lange? Ich werde sie aufwecken.“ Sie geht nach oben, tritt in das

Zimmer, wo das Mädchen liegt und sagt: „Hollah, meine Tochter, man ruft

zum Mittagsgebet. Stehe auf!“ Das Mädchen gibt keine Antwort. Sie ruft

nochmals. Wieder kein Laut. Da sieht sie nach dem Atem des Mädchens.

Auch nicht der geringste Atem ist zu spüren. Sie faßt die Füße an. Sie

sind kalt wie Eis. Als sie das sieht, fängt sie zu jammern und

wehklagen an: „Ach, meine Tochter ist gestorben; nun will ich von der

ganzen Welt nichts wissen“ und fällt auf den Boden. Der Mann der Frau

kommt. Als er sie sieht, fragt er: „Was ist geschehen, Frau, warum

weinst du so?“ Da antwortete die Frau: „Ach, mein Herr, diese unsere

Tochter ist diese Nacht gestorben. Bis zum jüngsten Tage werde ich mich

nach ihr sehnen.“ Als der Karawanenführer dies hörte, fielen aus seinen

Augen Tränen wie Regentropfen. Schließlich wuschen sie das Mädchen,

vollzogen das Gebet und begruben es in der Türbe, die es sich hatte

machen lassen. Dann trauerten sie um das Mädchen.

Die wollen wir nun verlassen und uns zur Mutter des Mädchens in dem

Palaste wenden. Als sie hörten, daß dies Mädchen gestorben war, gehörte

die Welt ihnen, und sie sagten: „Ach, Gott sei Dank, nun sind wir das

Mädchen los.“ Als der Prinz hörte, daß dies Mädchen draußen gestorben

sei, seufzte er und sein Herz blutete. Danach mochte er nun nicht mehr

bei diesem Mädchen im Schlosse bleiben. Eines Tages zog er ärgerlich

andere Kleider an, stand auf und zog mit einem Hofmeister von Berg zu

Berg, brennend von dem Feuer der Sehnsucht, nach dem (anderen) Mädchen.

Nachdem sie einige Zeit gewandert sind, kommen sie an einen großen

Berg. Um sich auszuruhen, setzten sie sich. Da hörte der Prinz eine

leise Stimme: „Dilber, die ihren Wunsch nicht erlangt hat.“ Als der

Prinz das hört, steht er ohne Zaudern auf und steigt auf den Berg. Da

sieht er eine Türbe aus Karfunkelsteinen, die jeden Beschauer blendete.

Die beiden Türen öffnen sich von selbst und sagen schmerzlich: „Dilber,

die ihren Wunsch nicht erreicht hat.“ Als der Prinz das sieht, sagt er:

„Wessen Türbe ist das wohl?“ Nachdem er eine Zeitlang in Erstaunen

dagestanden hat, tritt er in die Türbe ein und sieht einen goldenen

Kasten, in dem er ein Jammern hört. Der Prinz ist sehr neugierig, hebt

den Deckel des Kastens auf und sieht, daß dort ein junges Mädchen,

schön wie der Mond am vierzehnten, liegt und neben ihr ein

allerliebstes, blondes, schönes Kind sitzt, das anstatt an der Brust,

an den Fingern der Mutter saugt. Als er das sieht, füllen sich seine

Augen mit Tränen, und er sagt Gott für seine Güte Dank. Dann nimmt er

das Kind und geht erfreut mit seinem Hofmeister in das Schloß. Als er

in das Zimmer des Mädchens kommt, setzt er sich, legt das Kind aus

seinem Arm auf ein Polster. Das Kind fängt an zu spielen. Der Prinz

sagt zu dem Mädchen: „Hüte dich, dieses Kind zum Weinen zu bringen.“

Dann geht er hinaus, um sich zu waschen. Das Kind kommt während des

Spielens an eine Schublade und findet den Armring, der der Talisman

ihrer Mutter war. Das Kind hält ihn für ein Spielzeug und nimmt ihn in

die Hand. Als das Mädchen den Ring in der Hand des Kindes sieht, kommt

es und will ihn ihm aus der Hand ziehen. Das Kind hält fest, läßt nicht

los und fängt an zu weinen. Als der Prinz das Kind weinen hört, tritt

er sofort ein, geht auf sie zu und fragt: „Warum haben Sie das Kind zum

Weinen gebracht?“ Das Mädchen antwortete: „Mein Herr, das Kind hatte

mein Amulet in seiner Hand. Ich will es ihm wegnehmen, deswegen weint

es.“ Der Prinz sagte: „Laß es doch spielen. Es ißt doch nicht das

Amulet auf.“ Dann fängt das Kind derart an zu weinen, daß es sich nicht

beruhigt. Der Prinz nimmt das Kind, geht zur Türbe und legt es neben

seine Mutter. Als der Ring in der Hand des Kindes den Körper der Mutter

berührt, fangen die Glieder der Mutter zu zittern an und der

Unterkörper wird wieder lebendig. Als der Prinz das sieht, sagt er zu

sich: „Ist das ein Wunder oder hat es mit diesem Amulet eine besondere

Bewandtnis?“ Dann sieht er auf den Arm des Mädchens. Dort ist der Platz

des Ringes. Sofort nimmt er dem Kinde das Amulet aus der Hand und legt

es an den Arm des Mädchens. Das Mädchen nieste, stand auf, wird

lebendig, aus ihrer Brust kommt Milch, und das Kind fängt an, an der

Mutter Brust zu saugen. Als der Prinz das sieht, sagt er: „Meine

Prinzessin, wessen Tochter bist du? Wessen Kind ist dies?“ das Mädchen

sagte: „Mein Prinz, ich habe meine Mutter in Stambul gelassen. Während

ich mit meiner Amme zu dir als Braut fuhr, hat sie mich unterwegs beide

Augen herausreißen lassen, meine Kleider ihrer Tochter angezogen und

dann mich auf einem Berge ausgesetzt. Eines Tages kam ein

Karawanenführer vorbei und nahm mich mit in sein Haus. Da ließ ich auf

meinem Gesichte eine Rose sprossen und nahm dafür meine Augen, steckte

sie wieder an ihre Stelle und mit Gottes gnädiger Hilfe wurden meine

Augen wieder sehend. Schließlich gab das Mädchen dir die Rose, die ich

geschickt hatte. Sie haben daran gerochen und von dieser Stärke des

Riechens wurde ich schwanger. Schließlich kam eines Nachts eine Frau

und stahl mir den Armring vom Arm. Dann starb ich. Man begrub mich und

ich gebar das Kind. Das gehört jetzt dir.“

Als der Prinz das hörte, weinte er blutige Tränen. Als er wieder ruhig

wurde, umarmten sie sich und liebten sich unbeschreiblich. Dann standen

sie auf und gingen ins Schloß. Der Prinz rief die Mutter mit ihrer

Tochter und sagte: „Ihr Verfluchten, ihr macht derartige Dinge?“ Dann

schlug er sie, daß ihre Knochen kurz und klein geschlagen wurden. Ihre

Seele verließ sie, ging in die Hölle, und sie selbst warf er den Hunden

vor und sagte: „Gott sei Dank, bin ich jetzt vor diesen Teufeln sicher.

Nun habe ich meine Kraft wieder.“ Dann rief er die eigentliche Mutter

des Mädchens und die Frau des Karawanenführers und verheiratete sich

mit dem Mädchen. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die

Hochzeitsfestlichkeiten. Danach ging er in der Nacht auf den Freitag

ins Brautgemach, erlangte, was er wünschte, und gewährte, was verlangt

wurde.

Türkische Märchen · 第 9 / 91 题