5. DIE GESCHICHTE VON DER SCHÖNEN, DIE DAS ERREICHTE, WAS SIE WOLLTE

Die Geschichtenüberlieferer und Märchenerzähler berichten folgendes. In

alten Zeiten hatte eine alte Frau eine sehr liebenswürdige Tochter, die

an Schönheit nicht ihres gleichen in der Welt hatte. Dies Mädchen saß

in ihrem Zimmer und stickte. Eines Tages am Abend kam durch das Fenster

ein Vogel und sprach sie in wohlgesetzter Rede an: „Meine Prinzessin,

vierzig Tage wirst du einen Toten bewachen und dann das erreichen, was

du willst.“ Dann flog er weg. Das Mädchen legte sich am Abend schlafen

und schlief ein. Am nächsten Tage, am Abend, kam wie das vorige Mal der

Vogel, sprach wieder zu ihr und flog weg. Das arme Mädchen erzählte

ihrer Mutter die Worte des Vogels. Die Mutter sagte: „Ach, mein

Mädchen, wann kommt der Vogel?“ Das Mädchen sagte: „Heute Abend kommt

er wieder.“

Am Abend verbarg sich die Mutter in einem Schranke. Der Vogel kam

wieder und sagte: „Meine Prinzessin, vierzig Tage wirst du einen Toten

bewachen und danach das erreichen, was du willst.“ Dann flog er wieder

fort. Als die Mutter dies hörte, sagte sie: „Ach, mein Mädchen, komm,

wir wollen uns vor dem Vogel retten und flüchten.“ Darauf nahmen sie

ihre Sachen, die an Last leicht, an Wert schwer waren, und machten sich

auf den Weg. Sie kamen an ein anderes Schloß, wohnten in einem Teile

außerhalb des Schlosses. In der Nacht legten sie sich schlafen und

schliefen ein. Der Vogel kam wieder, ergriff leise das Mädchen und

führte es in ein Zimmer innerhalb des Schlosses. Dann flog der Vogel

weg. Als das Mädchen seine Augen öffnete und sich umschaute, sah sie

sich in dem Schlosse, und in der Mitte des Zimmers lag in einem Bette

ein Toter. Als das Mädchen das sah, wäre sie beinahe ohnmächtig

geworden und sagte: „Ach, nun hat der Vogel doch recht. Das ist von

Gott; ich werde ertragen, was mir auf die Stirne geschrieben ist [11].

Das Ende wird ja gut, so Gott will.“

Wir wollen das Mädchen hier lassen und uns zur Mutter wenden. Am Morgen

erwachte die Mutter aus dem Schlaf und sieht, daß das Mädchen nicht

dort ist. Sie sagt: „Ach, während ich meine Tochter vor dem Vogel

retten wollte, habe ich sie mit eigener Hand zugrunde gerichtet“,

schrie und weinte, kehrte in ihr Haus zurück und trauerte um ihr Kind.

Nun kommen wir wieder zu dem Mädchen. Tag und Nacht schlief sie nicht

und weinte. Schließlich am neununddreißigsten Tage saß sie am Fenster

und sah traurig auf das Meer. Da kam von Persien ein Schiff und fuhr

vor dem Schlosse vorbei. Sie gab dem Kapitän mit der Hand Zeichen und

sagte: „Nimm diese zehntausend Piaster und gib mir eine Sklavin.“ Das

Mädchen ließ einen Strick hinab und zog die Sklavin nach oben und hing

ihr eine goldene Kette um den Hals. Das Mädchen freute sich und sagte:

„Gott sei Dank, nun habe ich eine Gefährtin gefunden.“ Genau am

vierzigsten Tage sagte sie zu der Sklavin: „Du, bleibe hier, ich werde

ein wenig die Zimmer ansehen und wiederkommen.“

Das Mädchen ging weg. Die Sklavin bleibt allein. Während sie sich nach

allen vier Ecken umsieht, niest der dort liegende Tote, steht auf, wird

lebendig, öffnet die Augen, sieht die Sklavin und sagt: „Mädchen, hast

du mich bewacht?“ Das Mädchen sagte: „Ja, ich habe dich bewacht.“

Dieser dort liegende Prinz hatte nämlich früher geschworen: „Wenn mich

jemand vierzig Tage bewacht, so werde ich, wenn ich sie bei meinem

Aufstehen sehe, heiraten.“ So hatte er beschlossen.

Dann nahm er die Sklavin und fragte sie: „Ist außer dir noch jemand

sonst hier?“ Da antwortete sie: „Ja, in jenem Zimmer ist meine Sklavin.

Ich habe sie um Geld gekauft und die Goldstücke, die sie am Halse

trägt, habe ich ihr auch gegeben.“ Dann rief sie ihre Herrin: „Komm

Mädchen, der Herr verlangt nach dir.“ Als das Mädchen eintritt und

sieht, daß die Sache ganz anders geworden ist, sagt sie: „Auch das ist

von Gott. Man muß es mit Geduld tragen.“ Das Mädchen zog Dienerkleider

an und tat im Hause oben und unten ihren Dienst. Eines Tages sagte der

Prinz zur Herrin: „Ich werde auf die Reise gehen, was wünschst du dir

von mir?“ Die Herrin antwortete: „Ich wünsche mir von dir eine Menge

Diamanten und Türkise.“ Als er die Dienerin fragte: „Was wünschest du

dir?“ sagte sie: „Ich wünsche mir den Geduldstein. Wenn du ihn vergißt,

soll bei deiner Rückkehr das Vorderteil des Schiffes pechschwarzer

Rauch sein.“

Darauf ging der Prinz weg nach Jemen. Einige Monate blieb er dort und

erledigte seine Geschäfte, kaufte den Auftrag der Herrin und vergaß den

Auftrag der Sklavin. Als er abfuhr, sah er, daß vor dem Schiffe

pechschwarze Dunkelheit und hinter ihm Helligkeit ist. Das Schiff

konnte nicht fahren. Der Kapitän rief die Soldaten und sagte: „Wenn

unter euch ein Verfluchter ist, so soll er hinausgehen.“

Als der Prinz dies hörte, kam ihm der Auftrag der Sklavin in den Sinn.

Es war tatsächlich so geworden, wie sie gesagt hatte. Dann kehrte das

Schiff um, und der Prinz stieg aus, kaufte den Geduldstein wie ihm

aufgetragen und kam zum Schiffe zurück. Da war das Vorderteil des

Schiffes hell und sein Hinterteil Nebel. Mit Gottes Gnade fuhr es wie

ein Vogel in kurzer Zeit nach seinem Lande. Er stieg aus und betrat das

Schloß. Die Herrin und die Dienerin stiegen die Treppe hinab, begrüßten

ihn und führten ihn nach oben. Er gab der Herrin den von ihr verlangten

Auftrag und der Dienerin den Geduldstein. Sie waren zufrieden. Am Abend

ging das Mädchen in ihr Zimmer und blieb dort. Der Prinz und die Herrin

legten sich schlafen. Als sie schlief, kam es dem Prinzen in den Sinn:

„Was mag die Sklavin wohl mit dem Geduldstein anfangen?“ Da die Herrin

schlief, erhob er sich, ging leise an das Zimmer, in dem die Sklavin

war, und beobachtete durch das Schlüsselloch das Mädchen.

Wir kommen jetzt zu dem Mädchen. Der sogenannte Geduldstein war ein

Stein von der Größe einer Linse. Das Mädchen legte ihn auf den Boden

und sagte: „Ach, Geduldstein, einst war ich ein liebes Kind meiner

Mutter. Als ich einmal stickte, kam ein Vogel und sagte in

wohlgesetzter Rede zu mir: ‚Du wirst vierzig Tage einen Toten bewachen

und danach erreichen, was du willst.‘ Dann kam ich durch ein Wunder in

dieses Schloß. Neununddreißig Tage bewachte ich diesen Jüngling. Wenn

du an meiner Stelle gewesen wärest, was tätest du, Geduldstein?“ Der

Geduldstein machte puh puh und schwoll an. „Als an jenem Tage ein

Schiff vorbeifuhr, kaufte ich mir für Geld eine Sklavin. Am vierzigsten

Tage ließ ich die Dienerin im Zimmer und ging ein wenig hinaus. Da

wachte der Jüngling auf, und als er die Sklavin sah, heiratete er sie

und wohnte mit ihr zusammen. Wenn du an meiner Stelle wärest, was

tätest du?“ Der Geduldstein machte puh und schwoll wieder an. „Ich

wurde ihre Sklavin. Geduldstein, wie würdest du das ertragen?“ Der

Geduldstein machte puh und platzte. „Ja, Geduldstein, du hast es nicht

aushalten können und bist geplatzt, wie soll ich es denn aushalten? Ich

werde mich an der Decke aufhängen.“ Sie stellte einen Schemel unter

ihre Füße. Als sie sich aufhängen wollte, zerbrach der Prinz die Tür,

trat ein, umarmte das Mädchen, setzte sie auf die Erde und sagte:

„Meine Prinzessin, wenn du mich bewacht hast, warum hast du es mir so

lange nicht gesagt?“ Dann ging er in das Zimmer des Mädchens, stieß und

schlug sie, ließ sie aufstehen und sagte: „Willst du vierzig Maultiere

oder vierzig große Messer?“ Da antwortete sie: „Ach, die vierzig Messer

mögen über meinen Feind kommen, ich will vierzig Maultiere und in meine

Heimat gehen.“ Dann band er das Mädchen vierzig Maultieren an den

Schwanz und ließ sie los. Auf jedem Berge blieb ein Stück von ihr. Dann

nahm er die Herrin und heiratete sie. Vierzig Tage und vierzig Nächte

dauerten die Hochzeitsfestlichkeiten. Die haben erreicht, was sie

wollten. Damit Schluß.

Türkische Märchen · 第 8 / 91 题