Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten
folgendes. In alter Zeit hatte ein Padischah neun Töchter. Als er eines
Tages bei der Königin saß, dachte er nach und sagte: „Wenn ich sterbe,
habe ich keinen Sohn, der meinen Thron besteigen wird. Wenn du diesmal
wieder ein Mädchen bekommst, werde ich dich töten.“ Schließlich brachte
die Königin nach einigen Monaten wieder ein Mädchen zur Welt. Da machte
die Königin und die Hebamme aus Wachs ein männliches Glied und ließ es
dem Kind an der Scheide befestigen. Als der Vater eintrat und es sah,
freute er sich und war froh. Die Hebamme sagte: „Mein Padischah, Ihre
Augen mögen glänzen! Sie haben einen Sohn.“ Vorsichtig zeigte man das
Glied des Kindes. Da war nun kein Zweifel mehr.
Das Kind wuchs heran. Als die Zeit der Beschneidung herankam, zog sich
die Königin in ein Zimmer zurück und fing an zu weinen. Das Mädchen
ging zu seiner Mutter, und als es sie weinen sah, sagte es: „Mutter,
was ist passiert, daß du so weinst?“ Die Mutter sagte: „Ach, mein
Mädchen, wenn ich nicht weine, wer sollte dann weinen! Denn als du ein
Kind warst, haben wir dich deinem Vater als Jungen angegeben. Obgleich
du ein Mädchen bist, hält dich dein Vater für einen Jungen. Jetzt ist
die Zeit der Beschneidung für dich gekommen. Wenn er sieht, daß du ein
Mädchen bist, wird er mich töten. Deswegen weine ich.“ Das Mädchen
sagte zu seiner Mutter: „Darüber rege dich nicht auf. Ich werde zu
meinem Vater gehen und ihn bitten, dann beschneidet er mich dies Jahr
nicht.“ Am nächsten Morgen ging das Kind zu seinem Vater, küßte ihm die
Hand und fing an zu weinen. Der Padischah sagte: „Mein Sohn, warum
weinst du so?“ Das Kind antwortete: „Vater, Sie wollen mich
beschneiden, deswegen weine ich, denn ich bin noch klein.“ Sein Vater
sagte: „Mein Sohn, weine nicht, wollen es dies Jahr lassen. Im nächsten
Jahr wirst du beschnitten.“ Es küßte wiederum seinem Vater die Hand und
ging froh zu seiner Mutter und sagte: „Ich habe meinen Vater überredet.
Im nächsten Jahr wird die Beschneidung sein.“ Die Mutter freute sich
auch, nahm das Kind auf den Schoß und küßte es auf die Augen.
Im nächsten Jahre zog sich die Mutter wieder in ein Zimmer zurück und
fing an zu weinen. Das Mädchen ging zu ihr, und als es die Mutter
weinen sah, sagte es: „Mutter, warum weinst du?“ Die Mutter antwortete:
„Ach, meine Tochter, auch dies Jahr ist vorüber, ich weiß nicht, was
ich tun soll.“ Das Mädchen ging wieder wie das erstemal zu seinem
Vater, machte ihm wieder etwas vor. Auch in diesem Jahre wollte der
Vater seinem Kinde nicht weh tun und unterließ die Beschneidung auch in
diesem Jahre.
Darauf ging es erfreut zu seiner Mutter und sagte: „Mutter, auch dies
Jahr habe ich meinen Vater überredet. Nun weine nicht mehr.“ Inzwischen
verging reichlich Zeit. Das zweite Jahr war auch vorüber. Wieder zog
sich die Königin in ein Zimmer zurück und fing an zu schluchzen. Als
das Mädchen aus der Schule kam und seine Mutter weinen sah, konnte es
es nicht aushalten und fing an mit seiner Mutter zusammen zu weinen.
Die Mutter sagte: „Ach, meine Tochter, zweimal hast du deinen Vater
davon abhalten können, die Beschneidung zu vollziehen, aber jetzt ist
auch dies Jahr um. Jetzt bist du jedoch erwachsen und nun gibt es
keinen Ausweg mehr. Morgen wird mich dein Vater töten. Heute ist der
letzte Tag meines Lebens.“ Das Mädchen antwortete: „Liebe Mutter, wenn
mich morgen mein Vater ruft, um die Beschneidung zu vollziehen, werde
ich zu ihm gehen und ihn um die Erlaubnis bitten, eine halbe Stunde
spazierengehen zu dürfen, dann werde ich in den Stall gehen ein
schnelles Pferd besteigen und entfliehen. Weine nicht um mich. Ich
werde in andere Länder flüchten. Ich werde mich für dich opfern.“ So
beschlossen sie.
Am nächsten Morgen kamen viele Leute zusammen, die da sagten: „Es
werden große Zelte aufgeschlagen, der Ort für die Beschneidung wird
hergerichtet und der Prinz wird beschnitten.“ Der König rief den
Prinzen und sagte: „Mein Sohn, du bist nun genau dreizehn bis vierzehn
Jahre. Sage nun nicht mehr nein. Heute wirst du sogleich beschnitten.“
Das Mädchen sagte: „Vater, gib mir noch eine halbe Stunde, ich will
hier noch etwas herumreiten, danach mag man mich beschneiden. Ich bin
damit einverstanden.“ Der Vater sagte: „Sehr wohl, mein Sohn“ und gab
dem Prinzen die Erlaubnis. Der ging sofort in den Stall und sieht ein
rabenschwarzes, fleckenloses Pferd, geht zu ihm und fängt an zu weinen.
Das Pferd fängt an zu sprechen und sagt: „Mein Prinz, warum weinst du
so?“ Das Mädchen wundert sich und sagt: „Ach, mein Pferdchen, wenn ich
nicht weine, wer soll dann weinen? Mein Vater hält mich seit meiner
Geburt für einen Jungen. Jetzt will er mich beschneiden. Wenn er dann
merkt, daß ich ein Mädchen bin, wird er meine Mutter töten. Ich habe
von meinem Vater eine halbe Stunde Erlaubnis erhalten und bin
hierhergekommen, damit ich ein Pferd besteige und fliehe.“ Das Pferd
antwortete: „Meine Prinzessin, deswegen rege dich nicht auf. Ich werde
dich zunächst mit Gottes Erlaubnis in andere Länder bringen, aber ich
rate dir: wenn du auf mir sitzest, mußt du mir den Zügel völlig frei
lassen, dich fest am Halfter halten und für dich sorgen; denn ich laufe
wie der wehende Wind. Selbst wenn man hinter mir mit Kugeln schösse, so
würden sie mich nicht erreichen. Dementsprechend richte dein Verhalten
ein.“ Schließlich bestieg das Mädchen das Pferd, ritt zu dem Platze und
tummelte sich dort. Die dort befindlichen Soldaten betrachteten den
Prinzen. Nach einer halben Stunde ging das Pferd mitten durch die
Soldaten und enteilte wie ein wehender Wind. Als die Anwesenden dies
sahen, gingen sie zum Vater und erzählten es ihm. Sofort wurden Leute
nach ihm ausgeschickt, fanden aber keine Spur von ihm. Sie kehrten
wieder um und erzählten es dem Vater. Der Padischah und das ganze Volk
trauerten um den Prinzen. Die dort aufgestellten Soldaten wurden wieder
an ihren Platz, wo sie stationiert waren, entlassen.
Wir kommen nun wieder zu dem Prinzen. Als das Pferd ihn mit sich
genommen, brachte es ihn an einem Tage in ein sechs Monate entferntes
Land, stand still und sagte zum Mädchen: „Meine Prinzessin, nun habe
ich dich soweit gerettet. Jetzt gehe, wohin du willst, und sorge für
dich.“ Das Mädchen stieg vom Pferde, fing an zu weinen und sagte: „Ach,
mein Lieblingspferd. Zuerst sei Allah, dann dir gedankt. Jetzt will ich
von hier gehen, aber wenn mir ein Unglück zustößt, was soll ich da
tun?“ Das Pferd antwortete: „Meine Prinzessin, ich werde dir drei Haare
von mir geben. Bewahre sie bei dir, damit du, wenn dir etwas passiert,
die Haare nimmst und eins an dem andern reibst. Dann werde ich dir
Hilfe bringen.“
Die Prinzessin sagte: „Sehr schön“, nahm von dem Pferde drei Haare und
steckte sie in ihren Busen. Dann trennte sich das Mädchen von dem
Pferde und machte sich auf den Weg. Auch das Pferd verschwand spurlos.
Auf seiner Wanderung kommt das Mädchen in ein Land und sieht vor sich
ein großes Schloß und dabei eine schöne Küche. Es war Abend geworden.
Sie wechselte sofort ihre Kleider und ging in die Küche des Schlosses.
Da sieht sie, daß die Köche eilig eine Mahlzeit kochen. Sie geht zu
ihnen und sagt zu ihnen: „Meister, wollt ihr mich als Lehrling
annehmen?“ Die fuhren sie an: „Siehst du nicht, daß wir unsere Arbeit
haben? Was sollen wir mit dir anfangen?“ Schließlich flehte und
überredete sie sie, daß sie einwilligten. Das Mädchen tat im Hause von
unten bis oben Dienste. Schließlich redete sie einen an: „Meister,
warum kochst du so eilig?“ Die sagten: „Mein Sohn, in dieses Land kommt
in sechs Jahren einmal in der Nacht ein Dev [9]. Der frißt die Leber
des Padischah und geht wieder. Morgen ist die Zeit, da er kommt.
Deswegen sind wir heute so aufgeregt.“ Als das Mädchen das hörte, biß
es sich auf den Finger vor Erstaunen.
Diese Nacht schlief das Mädchen nicht und kochte mit den Köchen bis zum
Morgen. Als es Morgen wurde, ging das Mädchen in das Schloß, stieg nach
oben, kommt in ein Zimmer und sieht eine Prinzessin sitzend, vom Kopf
bis zu den Zehen in schwarzen Kleidern. Dann geht sie in ein anderes
Zimmer und sieht eine Prinzessin gleichfalls wie die erste in Schwarz.
Die Einrichtung des Zimmers war ebenfalls schwarz. Darauf geht sie in
ein anderes Zimmer und sieht mitten in dem Zimmer auf einem Bette eine
Prinzessin vom Kopf bis zu den Zehen in roten Kleidern. Danach kommt
sie in das Zimmer des Padischah und sieht, daß man dem Padischah, der
bewußtlos in einer Ecke lag, Essenzen zu riechen gibt.
Es wurde Abend und die Ankunft des Devs stand bevor. Sogleich zog das
Mädchen aus seinem Busen die Haare, welche das Pferd ihm gegeben hatte,
heraus und reibt eins am andern. Sofort erscheint das Pferd und sagte:
„Was willst du, meine Prinzessin?“ Das Mädchen sagte: „Ich will von dir
ein Schwert, welches einen großen Dev in dem Augenblick, da ich ihn
geschlagen habe, in zwei Teile spalten muß.“ Das Pferd antwortete: „Da,
meine Prinzessin, hast du ein Schwert. Schlage aber nicht zum zweiten
Male auf die Stelle, wo du einmal hingeschlagen hast.“ Dann verschwand
das Pferd spurlos.
Das Mädchen nahm das Schwert, ging in das Zimmer, wo der Padischah war,
trat leise hinein und verbarg sich an einer Stelle. Als es Mitternacht
war, kam ein Geräusch vom Himmel. Die Luft wurde pechschwarz. Danach
geschah ein Gepolter und ein großer Dev stand im Zimmer. Sogleich sagte
das Mädchen: „Mit Gottes Hilfe!“ und schlug mit dem Schwerte, das sie
bei sich hatte, auf den Kopf des Devs einen solchen Schlag, daß der
Kopf vom Körper getrennt wurde. Da schrie der Dev: „Jüngling, ich
möchte wissen, ob du ein Mann bist. Schlage doch noch einmal!“ Das
Mädchen erinnerte sich an die Mahnung des Pferdes, war still und schlug
nicht zum zweitenmal. Da entschwand die Seele des Devs und fuhr in die
Hölle.
Das Mädchen ging dann zum Dev, schnitt ihm ein Ohr ab und steckte es in
die Tasche. Darauf ging sie zu den Köchen und machte wie vorher ihren
Dienst im Hause von unten bis oben. Schließlich am Morgen kam der
Padischah wieder zu sich und sagte: „Bin ich nicht gestorben?“ Er sieht
mitten in das Zimmer und erblickt einen scheußlichen, schwarzen Dev.
Wer ihn sah, wurde ohnmächtig. Er überlegte sich: „Wer kann wohl diesen
Dev getötet haben?“ und dankte Gott. Als er hinausging und alle Leute
des Palastes den Schah sahen, waren sie alle verwundert und sagten:
„Bei Gott, unser Padischah ist am Leben“ und dankten Gott. Als der
Padischah rief: „Wer hat diesen Dev in dieser Nacht getötet?“ da sagten
sie, indem einer nach dem anderen vortrat: „Padischah, wir haben ihn
getötet.“ Da gab der Padischah ihnen reichlich Geschenke; bis zu den
Köchen herab erhielten sie Geschenke. Das Mädchen trat nicht vor. Die
Köche sagten zu dem Mädchen: „Lehrling, wir haben von dem Padischah ein
Geschenk erhalten. Was wartest du, geh hin und hol’ dein Geschenk.“ Das
Mädchen sagte: „Wenn ich zum Padischah gehe, jagt er mich davon.“ Sie
sagten: „Nein, warum sollte er dich wegjagen, er gibt dir ein
Geschenk.“ Sie drangen in das Mädchen, so daß es aufstand und zum
Padischah ging und sagte: „Mein Padischah, diesen bösen Dev habe ich
getötet.“ Der Padischah wies das Mädchen zurück und sagte: „Wie hättest
du die Kraft, ihn zu töten!“
Das Mädchen antwortete: „Mein Padischah, wenn du es nicht glaubst,
werde ich dir das Ohr des Devs zeigen.“ Dann zog das Mädchen das Ohr
des Devs aus der Tasche, gab es dem Padischah und sagte: „Wenn Sie es
nicht glauben, gehen Sie und sehen den Kopf des Devs an.“ Dann ging man
zum Dev und sah, daß tatsächlich ein Ohr fehlte. Der Padischah
antwortete: „Mein Sohn, fordere von mir, was du willst.“ Das Mädchen
antwortete: „Ich wünsche nur deine Gesundheit.“ Als er noch einmal
fragte, sagte es wieder so. Als er zum dritten Male fragte, sagte es:
„In jenem Zimmer ist ein Mädchen in roten Kleidern, das wünsche ich.“
Er sagte: „Mein Sohn, dieses Mädchen habe ich schon so viel schönen
jungen Männern geben wollen. Sie gefielen ihr aber nicht und sie hat
sie nicht genommen. Was willst du mit der Hure machen. In dem anderen
Zimmer sind meine Lieblingstöchter in schwarzen Kleidern, die werde ich
dir geben.“ Das Mädchen sagte: „Mein Padischah, mein Herz liebt diese,
wenn du sie mir geben willst, gib sie mir, eine andere will ich nicht.“
Darauf befahl der Padischah und rief das Mädchen in roten Kleidern. Die
kam auch und blieb mit übereinandergelegten Händen stehen. Der
Padischah sagte: „Meine Tochter, dieser junge Mann wünscht dich, nimmst
du ihn an?“ Das Mädchen antwortete: „Mein Padischah, erlaube mir, daß
ich diese Nacht noch schlafe, damit ich einen Traum habe. Morgen werde
ich Antwort geben.“ Er gab die Erlaubnis und das Mädchen ging in ihr
Zimmer.
In der Nacht ging das Mädchen, das den Dev getötet hatte, an die Tür
des Zimmers, in der das Mädchen mit den roten Kleidern war, und spähte
durch das Schlüsselloch. Da sah es, daß das Mädchen in die Mitte des
Zimmers ein goldenes Becken stellte und reines Wasser hineingoß. Dann
kam durch das Fenster eine Taube, wusch sich in dem Becken, schüttelte
sich und wurde ein mondgleicher Jüngling. Darauf stieg er auf das Lager
des Mädchens, umarmte das Mädchen und sie pflegten der Liebe. Das
Mädchen sagte: „Ach, mein Augenstern, heute hat mich mein Vater gerufen
und will mich einem armseligen Manne geben. Ich habe ihn um Erlaubnis
gebeten, daß ich diese Nacht auf meinen Traum warten dürfte. Ich habe
es nur getan, um mich mit dir zu beraten.“ Der Jüngling sagte: „Meine
Prinzessin, an dem und dem Ort ist bei Deven ein Spiegel, den zu holen
niemand wagt. Morgen trage es dem Jüngling auf und sage ‚Wenn du ihn
holst, werde ich dich heiraten.‘“ Das hörte das Mädchen draußen. So
einigten sie sich. Am Morgen wurde der Jüngling wieder wie vorher ein
Vogel und flog davon. Das Mädchen ging aus dem Zimmer zum Padischah und
sagte: „Mein Padischah, an dem und dem Ort ist bei Deven ein Spiegel.
Wenn er den bringt, werde ich ihn heiraten.“ Danach rief der Padischah
diesen Jüngling und sagte: „Mein Sohn, sagte ich dir nicht, daß dies
Mädchen ihr Spiel mit uns treibt. Da gibt es jetzt einen Spiegel, den
will sie von dir.“ Er sagte: „Mein Padischah, wenn Sie erlauben, hole
ich ihn.“ Der Padischah erwiderte: „Sehr schön, mein Sohn.“ Schließlich
ging das Mädchen aus dem Schloß, holte aus seinem Busen die Haare,
welche das Pferd ihm gegeben hatte. Als es sie aneinandergerieben
hatte, erschien das Pferd und sagte: „Was willst du, meine Prinzessin?“
Das Mädchen antwortete: „Ach, mein Lieblingspferd, an dem und dem Orte
ist bei Deven ein Spiegel, den will ich haben.“ Das Pferd sagte: „Sehr
schön, meine Prinzessin, steige auf meinen Rücken.“ Das Mädchen stieg
auf und wie der wehende Wind ging es auf die Reise. Nach einiger Zeit
kam es an einen großen Berg, machte halt und sagte: „Meine Prinzessin,
bis hierhin habe ich dich gebracht, jetzt gehe du auf den Berg, der vor
dir liegt, dort ist der Platz der Deve. Sieh sie dir an. Wenn ihre
Augen geschlossen sind, schlafen sie nicht, wenn sie offen sind,
schlafen sie. Geh leise hinein. Ihnen zu Häupten hängt der Spiegel.
Nimm sofort den Spiegel, nimm ihn und kehre zu mir zurück, ohne dich
umzusehen.“ Das Mädchen sagte: „Sehr schön“, stieg auf den Berg und
ging an den Platz, wo die Deve waren. Es sieht, daß die Augen der Deve
geöffnet sind, und weiß daraus, daß sie schlafen. Sofort tritt es ein,
nimmt den Spiegel, der ihnen zu Häupten hängt, kehrt, ohne sich
umzusehen, schleunigst zu dem Pferde zurück. In diesem Augenblick
wachen die Deve auf und schreien hinter dem Mädchen her: „Jüngling,
bringe uns unseren Spiegel wieder“ und werfen Steine von der Größe von
Bergblöcken hinter ihm her. Das Mädchen läßt sich nicht halten, kommt
zu dem Pferde und besteigt es. Das Pferd macht sich kraft seiner Hufe
wie ein wehender Wind davon und die Deve sehen ihm nach. Schließlich
kommen sie nach einiger Zeit wieder vor das Schloß. Das Mädchen steigt
vom Pferde und sieht, daß das Pferd spurlos verschwunden ist.
Dann betritt das Mädchen das Schloß, ging zum Padischah und sagte: „Da,
mein Padischah, habe ich den verlangten Spiegel gebracht.“ Der
Padischah rief sofort das Mädchen mit den roten Kleidern und sagte:
„Da, dieser Jüngling hat den von dir verlangten Spiegel gebracht.“ Das
Mädchen nahm den Spiegel und sagte: „Vater, gib mir diese Nacht
Erlaubnis, morgen werde ich euch Antwort geben.“ Der Padischah sagte:
„Sehr schön.“ Dann zog sich das Mädchen in sein Zimmer zurück. Der
Jüngling ging auch aus dem Zimmer und verbarg sich irgendwo.
Schließlich in der Nacht ging er wieder an die Tür des Zimmers, wo sich
das Mädchen befand, und spähte wieder durch das Schlüsselloch. Das
Mädchen stellte wieder wie das erstemal in die Mitte des Zimmers ein
goldenes Becken. Sofort kam eine Taube durch das Fenster, flog in das
Becken, schüttelte sich, wurde ein löwengleicher Jüngling und legte
sich in das Bett des Mädchens. Nachdem sie sich umarmt hatten, sagte
das Mädchen: „Du Freude meines Herzens, du Glanz meines Auges. Dieser
elende junge Mann hat den von dir beschriebenen Spiegel den Deven
entrissen und hergebracht. Ich habe mir für diese Nacht Erlaubnis
erbeten, damit ich die Sache mit dir berate und einen Ausweg finde.“
Der Jüngling sagte: „Meine Prinzessin, darüber rege dich nicht auf. An
dem und dem Orte ist bei den Deven ein Karfunkelstein, den niemand
holen kann. Morgen fordere du diesen von dem Jüngling. Den kann er
nicht bringen und wir bleiben für uns.“ Das Mädchen an der Tür hörte
dies. Am Morgen wird der Jüngling, wie das erstemal, wieder ein Vogel
und flog durch das Fenster davon.
Das Mädchen ging sofort aus dem Zimmer zum Padischah und sagte: „Vater,
an dem und dem Orte ist bei den Deven ein Karfunkelstein. Wenn der
Jüngling den bringt, werde ich ihn heiraten.“ Er rief den jungen Mann
zu sich und sagte: „Mein Sohn, an dem und dem Orte ist bei den Deven
ein Karfunkelstein. Das Mädchen wünscht ihn, bringe ihn ihr.“ Der
Jüngling sagte: „Mein Herr hat nur zu befehlen!“ ging aus dem Schlosse
und rieb die Haare aneinander. Sofort erschien das Pferd und sagte zum
Mädchen: „Was willst du, meine Prinzessin?“ Das Mädchen sagte: „An dem
und dem Orte ist bei den Deven ein Karfunkelstein. Den verlange ich.“
Das Pferd sagte: „Sehr schön, meine Prinzessin.“ Das Mädchen bestieg
das Pferd. Das Pferd wurde ein Feuer und jagte wie ein Drache davon.
Nach einiger Zeit kamen sie an einen großen Berg. Dort hielt es an.
Nachdem das Mädchen herabgestiegen war, sagte das Pferd: „Meine
Prinzessin, gehe auf diesem Wege geradeaus. Vorne ist eine Höhle der
Deve. Da tritt ein. In der Höhle ist der Karfunkelstein. Den nimm und
komm, ohne dich aufzuhalten, sonst ist es dein Todestag. Jeder Fluch,
den sie dir nachrufen, erfüllt sich.“ Das Mädchen ging auf dem vom
Pferde beschriebenen Wege, betrat die Höhle, wo die Deve wohnten, trat
ein, nahm den in der Höhle befindlichen Karfunkelstein, kehrte um und
kam zum Pferde. Währenddessen wachten die Deve auf und verfolgten das
Mädchen. Da sie das Mädchen nicht erreichen konnten, fingen sie an zu
schreien: „Bei Gott, Jüngling, wenn du ein Mann bist, sollst du ein
Mädchen werden, wenn du ein Mädchen bist, sollst du ein Mann werden.“
Das Mädchen kam eiligst zum Pferde und sagte: „Da habe ich ihn.“ Das
Pferd antwortete: „Meine Prinzessin, haben sie Verwünschungen hinter
dir ausgestoßen? Wenn sie es getan haben, so steht es schlimm. Das läßt
sich nicht mehr bessern.“ Das Mädchen sagte: „So haben sie mir
nachgerufen: ‚Bei Gott, Jüngling, wenn du ein Mann bist, sollst du ein
Mädchen sein, wenn du ein Mädchen bist, sollst du ein Mann sein.‘“ Dann
befühlt sich das Mädchen und sieht, — was siehst du? — regelrecht wie
beim Mann hat sie ein Glied. Als das Pferd sieht, daß es dem Mädchen so
ergangen ist, wurde es sehr froh. Das Mädchen sagte zu sich: „Das war
es ja, was ich mir immer gewünscht hatte. Gott sei Dank, ich habe
meinen Wunsch erreicht.“ Das Pferd sagte: „Prinz, was du jetzt noch
wünschst, werde ich dir zuliebe tun, denn du bist ein Mann geworden.“
Das Mädchen bestieg das Pferd. Das Pferd machte sich wie ein wehender
Wind auf den Weg. Nach einiger Zeit kam es vor das Schloß und hielt an.
Der Prinz stieg vom Pferde und das Pferd verschwand spurlos. Der Prinz
ging sofort ins Schloß zum Padischah und sagte: „Mein Padischah, ich
habe den gewünschten Karfunkelstein gebracht.“ Sofort rief der
Padischah das Mädchen und sagte: „Meine Tochter, dieser Jüngling hat
den von ihm verlangten Karfunkelstein gebracht. Was wirst du jetzt für
eine Finte vorbringen?“ Das Mädchen antwortete: „Vater, gib mir um
Gottes willen diese Nacht Erlaubnis. Morgen werde ich endgültig Antwort
geben.“ Er sagte: „Sehr schön, meine Tochter, morgen soll es sein.“
Dann ging das Mädchen aus dem Zimmer. Der Prinz ging auch aus dem
Zimmer, verbarg sich irgendwo, ging an die Tür des Zimmers, wo das
Mädchen war, und spähte wieder wie das erstemal durch das
Schlüsselloch. Das Mädchen setzte wieder ein goldenes Becken in die
Mitte des Zimmers. Sofort kam die bekannte Taube, flog ins Becken,
wusch sich, wurde ein mondgleicher Jüngling und legte sich neben das
Mädchen. Nachdem sie sich umarmt hatten, sagte das Mädchen: „Mein
Herzblatt, dieser elende Jüngling hat den von dir beschriebenen
Karfunkelstein gebracht. Wie wird es uns nun gehen?“ Der Jüngling
sagte: „Darüber rege dich nicht auf. Ich sollte der Sohn eines
Padischahs der Peris [10] sein und nicht einen Ausweg finden? In
unserem Hofgarten ist eine weinende Granate und eine lachende Quitte.
Wenn jemand an diesen Baum geht und seine Hand danach ausstreckt, fängt
die Granate zu weinen und die Quitte, wenn sie sie weinen sieht, zu
lachen an. Niemand kann an sie herankommen. Morgen wird mein Vater alle
Soldaten, die er hat, bewaffnen und wir werden Tag und Nacht unter dem
Baum in Bereitschaft stehen. Wenn der Jüngling dann kommt, werden wir
ihn töten. Morgen verlange du von jenem Jüngling diesen Baum. Er wird
dann gehen, um diesen Baum zu holen. Wenn wir ihn dort sehen, werden
wir ihn mit Gewehren und Kanonen beschießen und töten.“ Als das Mädchen
das hörte, wurde es froh. So beschlossen sie es mit dem Baum.
Schließlich wurde der Jüngling wie früher wieder eine Taube, flog durch
das Fenster und ging in sein Schloß. Dort bewaffnete er die Soldaten
und sie stellten sich unter dem Baume auf.
Wir kommen nun wieder zu dem Mädchen. Am Morgen verließ sie ihr Zimmer,
ging zum Padischah und sagte: „Mein Padischah, an dem und dem Orte ist
in dem Garten des Padischahs der Peris eine weinende Granate und eine
lachende Quitte. Wenn dieser Jüngling jenen Baum brächte, würde ich
nicht mehr nein sagen und ihn heiraten.“ Der Padischah rief sofort den
Jüngling vor sich und sagte: „Jüngling, an dem und dem Orte im Schlosse
des Padischahs der Peris ist eine weinende Granate und eine lachende
Quitte. Wenn du sie auch noch bringst, werde ich eigenhändig dir meine
Tochter geben.“ Der Jüngling sagte: „Ich habe alle die geforderten
Dinge gebracht. Wenn Gott will, werde ich auch diese Bäume bringen.“ Er
nahm die Erlaubnis vom Padischah, ging aus dem Schloß, zog aus seinem
Busen die Haare und rieb sie eins an dem andern. Sofort erschien das
Pferd und sagte: „Was willst du, mein Prinz?“ Der Prinz sagte: „Ach,
mein Lieblingspferd, an dem und dem Orte im Garten des Padischahs der
Peris ist eine weinende Granate und eine lachende Quitte. Die verlange
ich.“ Das Pferd antwortete: „Mein Prinz, das ist etwas schwer. Aber für
dich will ich mich opfern. Wollen gehen und sehen, wie es wird.“
Sofort bestieg der Prinz es. Das Pferd blies aus Maul und Nüstern Feuer
wie ein Drache und machte sich auf den Weg. Nach einiger Zeit kamen sie
in ein Land. Auf dem Wege waren drei Kinder und vor ihnen ein Fell,
eine Derwischmütze, eine Reitpeitsche und ein Pfeil. Diese vier Dinge
waren als Erbschaft von den Vorfahren der Kinder übriggeblieben. Die
drei Brüder konnten diese Dinge nicht teilen und stritten darüber. Als
das Pferd sie so sah, sagte es: „Mein Prinz, diese Dinge sind dir sehr
nötig. Geh, überrede die Kinder, daß du die Dinge von ihnen bekommst.“
Der Prinz sagte: „Sehr gut“, ging zu den Kindern und sagte: „Meine
Kinder, warum streitet ihr euch so? Wartet, ich werde sie euch
einteilen.“ Er nahm den Pfeil vom Boden und sagte: „Ich werde diesen
Pfeil abschießen. Wer ihn holt und zuerst herbringt, dem gehört die
Erbschaft.“ Die Kinder waren damit einverstanden. Der Prinz schoß mit
Armeskraft den Pfeil ab und die Kinder liefen nach der Stelle, wo der
Pfeil hingeflogen war. Der Prinz nahm das vor ihm liegende Fell, die
Derwischmütze und die Reitpeitsche, legte an ihrer Stelle je eine
Handvoll Goldpfunde, ging zum Pferde und bestieg es. Das Pferd machte
sich, ohne zu säumen, auf den Weg. Als die Knaben zurückkamen, sahen
sie, daß an der Stelle der Sachen je eine Handvoll Goldpfunde da war.
Sie freuten sich und nahmen sie. Schließlich kam der Prinz und das
Pferd allmählich zum Schlosse des Padischahs der Peris. Das Pferd
sagte: „Die Derwischmütze, die du genommen hast, setze dir auf, steige
auf das Fell und schlage dies Fell mit der Reitpeitsche. Dann mußt du
dich in die Lüfte erheben, bei dem genannten Baum heruntergehen und mit
einem Schlage die Bäume mit der Wurzel ausreißen und mir bringen.“ Da
setzt der Prinz die Derwischmütze auf, geht in das Schloß, betritt das
Zimmer, wo der Padischah der Peris und sein Sohn sind, und sieht, daß
das Mädchen in roten Kleidern und jener Jüngling dort sitzen und der
Liebe pflegen. Der Prinz geht sogleich zu ihnen, setzte sich zu ihnen,
aber niemand sieht ihn. Danach kamen Speisen. Während das Mädchen und
der Jüngling sitzen und essen, setzt sich der Prinz auch an eine Seite
und fängt an zu essen. Sie sehen, daß auf der anderen Seite auch die
Speisen weniger werden. Der Jüngling sagt: „Meine Prinzessin, dies ist
mein Platz, das ist dein Platz. Aber wessen Platz ist das?“ Das Mädchen
wunderte sich auch. Nachdem sie die Speisen gegessen hatten und fertig
waren, setzten sie sich auf das Polster vor dem Fenster. Vorher hatte
das Mädchen dem Sohne des Padischahs der Peris ein Tuch als Geschenk
gegeben. Der Prinz hatte dies Tuch vom Polster weggenommen und in
seinen Busen gesteckt. Sie sehen, daß das Tuch nicht auf dem Polster
ist. Obgleich sie überall im Zimmer suchen, finden sie es nicht.
Der Prinz setzte sich auf das Fell, schlug es mit der Peitsche und fuhr
in die Lüfte. Mittlerweile war es Abend geworden, sofort fuhr er über
die weinende Granate und über die lachende Quitte, faßte den Baum mit
aller Kraft und zog ihn mit der Wurzel aus. Da weinte der eine Baum und
der andere lachte. Er nahm sie und fuhr gen Himmel. Als die dort
befindlichen Soldaten sahen, daß der Baum verschwand, sagten sie:
„Schießt ohne Säumen.“ Bei dem Kampf kamen die Soldaten in Verwirrung,
riefen: „Der Feind ist da!“ und erschlugen sich gegenseitig. Der
Jüngling und das Mädchen sahen aus dem Fenster. Als sie sahen, daß der
Baum verschwand, riefen sie: „Um Gottes willen!“ und merkten die Sache.
Der Sohn des Padischahs der Peris sagte: „Meine Prinzessin, er hat das
Tuch, das du mir als Geschenk gegeben hast, genommen und auch den Baum.
Jetzt gebe ich dich frei, nun heirate, wen du willst.“ Das Mädchen
verließ weinend den Palast, ging zu ihrem Vater und blieb dort.
Wir kommen nun wieder zu dem Prinzen. Nachdem er den Baum genommen
hatte, ging er wieder zum Pferde, bestieg es und sie machten sich auf
den Weg. Eines Tages betraten sie das Schloß. Der Prinz stieg vom
Pferde und ging zum Padischah, pflanzte den Baum in die Erde und sagte:
„Mein Padischah, da habe ich ihn gebracht.“ Der Padischah antwortete:
„Bravo, mein Sohn, du warst sehr tüchtig. Wie könnte ich wohl einen
Besseren finden, dem ich meine Tochter geben könnte.“ Dann verheiratete
er sie.
Vierzig Tage und Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Danach nahm der
Prinz das Mädchen mit sich und ging zum Schlosse seines Vaters zu
seinem Vater und seiner Mutter, küßte den Saum ihres Kleides, setzte
sich und erzählte alles, was ihm passiert war, eins nach dem andern.
Sein Vater und seine Mutter verwunderten sich sehr. Schließlich
verheiratete (der Vater) die angekommene Dame noch einmal mit dem
Prinzen. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die
Hochzeitsfestlichkeiten, und sie erlangten, was sie wünschten.