4. DIE GESCHICHTE VON DER WEINENDEN GRANATE UND DER LACHENDEN QUITTE

Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten

folgendes. In alter Zeit hatte ein Padischah neun Töchter. Als er eines

Tages bei der Königin saß, dachte er nach und sagte: „Wenn ich sterbe,

habe ich keinen Sohn, der meinen Thron besteigen wird. Wenn du diesmal

wieder ein Mädchen bekommst, werde ich dich töten.“ Schließlich brachte

die Königin nach einigen Monaten wieder ein Mädchen zur Welt. Da machte

die Königin und die Hebamme aus Wachs ein männliches Glied und ließ es

dem Kind an der Scheide befestigen. Als der Vater eintrat und es sah,

freute er sich und war froh. Die Hebamme sagte: „Mein Padischah, Ihre

Augen mögen glänzen! Sie haben einen Sohn.“ Vorsichtig zeigte man das

Glied des Kindes. Da war nun kein Zweifel mehr.

Das Kind wuchs heran. Als die Zeit der Beschneidung herankam, zog sich

die Königin in ein Zimmer zurück und fing an zu weinen. Das Mädchen

ging zu seiner Mutter, und als es sie weinen sah, sagte es: „Mutter,

was ist passiert, daß du so weinst?“ Die Mutter sagte: „Ach, mein

Mädchen, wenn ich nicht weine, wer sollte dann weinen! Denn als du ein

Kind warst, haben wir dich deinem Vater als Jungen angegeben. Obgleich

du ein Mädchen bist, hält dich dein Vater für einen Jungen. Jetzt ist

die Zeit der Beschneidung für dich gekommen. Wenn er sieht, daß du ein

Mädchen bist, wird er mich töten. Deswegen weine ich.“ Das Mädchen

sagte zu seiner Mutter: „Darüber rege dich nicht auf. Ich werde zu

meinem Vater gehen und ihn bitten, dann beschneidet er mich dies Jahr

nicht.“ Am nächsten Morgen ging das Kind zu seinem Vater, küßte ihm die

Hand und fing an zu weinen. Der Padischah sagte: „Mein Sohn, warum

weinst du so?“ Das Kind antwortete: „Vater, Sie wollen mich

beschneiden, deswegen weine ich, denn ich bin noch klein.“ Sein Vater

sagte: „Mein Sohn, weine nicht, wollen es dies Jahr lassen. Im nächsten

Jahr wirst du beschnitten.“ Es küßte wiederum seinem Vater die Hand und

ging froh zu seiner Mutter und sagte: „Ich habe meinen Vater überredet.

Im nächsten Jahr wird die Beschneidung sein.“ Die Mutter freute sich

auch, nahm das Kind auf den Schoß und küßte es auf die Augen.

Im nächsten Jahre zog sich die Mutter wieder in ein Zimmer zurück und

fing an zu weinen. Das Mädchen ging zu ihr, und als es die Mutter

weinen sah, sagte es: „Mutter, warum weinst du?“ Die Mutter antwortete:

„Ach, meine Tochter, auch dies Jahr ist vorüber, ich weiß nicht, was

ich tun soll.“ Das Mädchen ging wieder wie das erstemal zu seinem

Vater, machte ihm wieder etwas vor. Auch in diesem Jahre wollte der

Vater seinem Kinde nicht weh tun und unterließ die Beschneidung auch in

diesem Jahre.

Darauf ging es erfreut zu seiner Mutter und sagte: „Mutter, auch dies

Jahr habe ich meinen Vater überredet. Nun weine nicht mehr.“ Inzwischen

verging reichlich Zeit. Das zweite Jahr war auch vorüber. Wieder zog

sich die Königin in ein Zimmer zurück und fing an zu schluchzen. Als

das Mädchen aus der Schule kam und seine Mutter weinen sah, konnte es

es nicht aushalten und fing an mit seiner Mutter zusammen zu weinen.

Die Mutter sagte: „Ach, meine Tochter, zweimal hast du deinen Vater

davon abhalten können, die Beschneidung zu vollziehen, aber jetzt ist

auch dies Jahr um. Jetzt bist du jedoch erwachsen und nun gibt es

keinen Ausweg mehr. Morgen wird mich dein Vater töten. Heute ist der

letzte Tag meines Lebens.“ Das Mädchen antwortete: „Liebe Mutter, wenn

mich morgen mein Vater ruft, um die Beschneidung zu vollziehen, werde

ich zu ihm gehen und ihn um die Erlaubnis bitten, eine halbe Stunde

spazierengehen zu dürfen, dann werde ich in den Stall gehen ein

schnelles Pferd besteigen und entfliehen. Weine nicht um mich. Ich

werde in andere Länder flüchten. Ich werde mich für dich opfern.“ So

beschlossen sie.

Am nächsten Morgen kamen viele Leute zusammen, die da sagten: „Es

werden große Zelte aufgeschlagen, der Ort für die Beschneidung wird

hergerichtet und der Prinz wird beschnitten.“ Der König rief den

Prinzen und sagte: „Mein Sohn, du bist nun genau dreizehn bis vierzehn

Jahre. Sage nun nicht mehr nein. Heute wirst du sogleich beschnitten.“

Das Mädchen sagte: „Vater, gib mir noch eine halbe Stunde, ich will

hier noch etwas herumreiten, danach mag man mich beschneiden. Ich bin

damit einverstanden.“ Der Vater sagte: „Sehr wohl, mein Sohn“ und gab

dem Prinzen die Erlaubnis. Der ging sofort in den Stall und sieht ein

rabenschwarzes, fleckenloses Pferd, geht zu ihm und fängt an zu weinen.

Das Pferd fängt an zu sprechen und sagt: „Mein Prinz, warum weinst du

so?“ Das Mädchen wundert sich und sagt: „Ach, mein Pferdchen, wenn ich

nicht weine, wer soll dann weinen? Mein Vater hält mich seit meiner

Geburt für einen Jungen. Jetzt will er mich beschneiden. Wenn er dann

merkt, daß ich ein Mädchen bin, wird er meine Mutter töten. Ich habe

von meinem Vater eine halbe Stunde Erlaubnis erhalten und bin

hierhergekommen, damit ich ein Pferd besteige und fliehe.“ Das Pferd

antwortete: „Meine Prinzessin, deswegen rege dich nicht auf. Ich werde

dich zunächst mit Gottes Erlaubnis in andere Länder bringen, aber ich

rate dir: wenn du auf mir sitzest, mußt du mir den Zügel völlig frei

lassen, dich fest am Halfter halten und für dich sorgen; denn ich laufe

wie der wehende Wind. Selbst wenn man hinter mir mit Kugeln schösse, so

würden sie mich nicht erreichen. Dementsprechend richte dein Verhalten

ein.“ Schließlich bestieg das Mädchen das Pferd, ritt zu dem Platze und

tummelte sich dort. Die dort befindlichen Soldaten betrachteten den

Prinzen. Nach einer halben Stunde ging das Pferd mitten durch die

Soldaten und enteilte wie ein wehender Wind. Als die Anwesenden dies

sahen, gingen sie zum Vater und erzählten es ihm. Sofort wurden Leute

nach ihm ausgeschickt, fanden aber keine Spur von ihm. Sie kehrten

wieder um und erzählten es dem Vater. Der Padischah und das ganze Volk

trauerten um den Prinzen. Die dort aufgestellten Soldaten wurden wieder

an ihren Platz, wo sie stationiert waren, entlassen.

Wir kommen nun wieder zu dem Prinzen. Als das Pferd ihn mit sich

genommen, brachte es ihn an einem Tage in ein sechs Monate entferntes

Land, stand still und sagte zum Mädchen: „Meine Prinzessin, nun habe

ich dich soweit gerettet. Jetzt gehe, wohin du willst, und sorge für

dich.“ Das Mädchen stieg vom Pferde, fing an zu weinen und sagte: „Ach,

mein Lieblingspferd. Zuerst sei Allah, dann dir gedankt. Jetzt will ich

von hier gehen, aber wenn mir ein Unglück zustößt, was soll ich da

tun?“ Das Pferd antwortete: „Meine Prinzessin, ich werde dir drei Haare

von mir geben. Bewahre sie bei dir, damit du, wenn dir etwas passiert,

die Haare nimmst und eins an dem andern reibst. Dann werde ich dir

Hilfe bringen.“

Die Prinzessin sagte: „Sehr schön“, nahm von dem Pferde drei Haare und

steckte sie in ihren Busen. Dann trennte sich das Mädchen von dem

Pferde und machte sich auf den Weg. Auch das Pferd verschwand spurlos.

Auf seiner Wanderung kommt das Mädchen in ein Land und sieht vor sich

ein großes Schloß und dabei eine schöne Küche. Es war Abend geworden.

Sie wechselte sofort ihre Kleider und ging in die Küche des Schlosses.

Da sieht sie, daß die Köche eilig eine Mahlzeit kochen. Sie geht zu

ihnen und sagt zu ihnen: „Meister, wollt ihr mich als Lehrling

annehmen?“ Die fuhren sie an: „Siehst du nicht, daß wir unsere Arbeit

haben? Was sollen wir mit dir anfangen?“ Schließlich flehte und

überredete sie sie, daß sie einwilligten. Das Mädchen tat im Hause von

unten bis oben Dienste. Schließlich redete sie einen an: „Meister,

warum kochst du so eilig?“ Die sagten: „Mein Sohn, in dieses Land kommt

in sechs Jahren einmal in der Nacht ein Dev [9]. Der frißt die Leber

des Padischah und geht wieder. Morgen ist die Zeit, da er kommt.

Deswegen sind wir heute so aufgeregt.“ Als das Mädchen das hörte, biß

es sich auf den Finger vor Erstaunen.

Diese Nacht schlief das Mädchen nicht und kochte mit den Köchen bis zum

Morgen. Als es Morgen wurde, ging das Mädchen in das Schloß, stieg nach

oben, kommt in ein Zimmer und sieht eine Prinzessin sitzend, vom Kopf

bis zu den Zehen in schwarzen Kleidern. Dann geht sie in ein anderes

Zimmer und sieht eine Prinzessin gleichfalls wie die erste in Schwarz.

Die Einrichtung des Zimmers war ebenfalls schwarz. Darauf geht sie in

ein anderes Zimmer und sieht mitten in dem Zimmer auf einem Bette eine

Prinzessin vom Kopf bis zu den Zehen in roten Kleidern. Danach kommt

sie in das Zimmer des Padischah und sieht, daß man dem Padischah, der

bewußtlos in einer Ecke lag, Essenzen zu riechen gibt.

Es wurde Abend und die Ankunft des Devs stand bevor. Sogleich zog das

Mädchen aus seinem Busen die Haare, welche das Pferd ihm gegeben hatte,

heraus und reibt eins am andern. Sofort erscheint das Pferd und sagte:

„Was willst du, meine Prinzessin?“ Das Mädchen sagte: „Ich will von dir

ein Schwert, welches einen großen Dev in dem Augenblick, da ich ihn

geschlagen habe, in zwei Teile spalten muß.“ Das Pferd antwortete: „Da,

meine Prinzessin, hast du ein Schwert. Schlage aber nicht zum zweiten

Male auf die Stelle, wo du einmal hingeschlagen hast.“ Dann verschwand

das Pferd spurlos.

Das Mädchen nahm das Schwert, ging in das Zimmer, wo der Padischah war,

trat leise hinein und verbarg sich an einer Stelle. Als es Mitternacht

war, kam ein Geräusch vom Himmel. Die Luft wurde pechschwarz. Danach

geschah ein Gepolter und ein großer Dev stand im Zimmer. Sogleich sagte

das Mädchen: „Mit Gottes Hilfe!“ und schlug mit dem Schwerte, das sie

bei sich hatte, auf den Kopf des Devs einen solchen Schlag, daß der

Kopf vom Körper getrennt wurde. Da schrie der Dev: „Jüngling, ich

möchte wissen, ob du ein Mann bist. Schlage doch noch einmal!“ Das

Mädchen erinnerte sich an die Mahnung des Pferdes, war still und schlug

nicht zum zweitenmal. Da entschwand die Seele des Devs und fuhr in die

Hölle.

Das Mädchen ging dann zum Dev, schnitt ihm ein Ohr ab und steckte es in

die Tasche. Darauf ging sie zu den Köchen und machte wie vorher ihren

Dienst im Hause von unten bis oben. Schließlich am Morgen kam der

Padischah wieder zu sich und sagte: „Bin ich nicht gestorben?“ Er sieht

mitten in das Zimmer und erblickt einen scheußlichen, schwarzen Dev.

Wer ihn sah, wurde ohnmächtig. Er überlegte sich: „Wer kann wohl diesen

Dev getötet haben?“ und dankte Gott. Als er hinausging und alle Leute

des Palastes den Schah sahen, waren sie alle verwundert und sagten:

„Bei Gott, unser Padischah ist am Leben“ und dankten Gott. Als der

Padischah rief: „Wer hat diesen Dev in dieser Nacht getötet?“ da sagten

sie, indem einer nach dem anderen vortrat: „Padischah, wir haben ihn

getötet.“ Da gab der Padischah ihnen reichlich Geschenke; bis zu den

Köchen herab erhielten sie Geschenke. Das Mädchen trat nicht vor. Die

Köche sagten zu dem Mädchen: „Lehrling, wir haben von dem Padischah ein

Geschenk erhalten. Was wartest du, geh hin und hol’ dein Geschenk.“ Das

Mädchen sagte: „Wenn ich zum Padischah gehe, jagt er mich davon.“ Sie

sagten: „Nein, warum sollte er dich wegjagen, er gibt dir ein

Geschenk.“ Sie drangen in das Mädchen, so daß es aufstand und zum

Padischah ging und sagte: „Mein Padischah, diesen bösen Dev habe ich

getötet.“ Der Padischah wies das Mädchen zurück und sagte: „Wie hättest

du die Kraft, ihn zu töten!“

Das Mädchen antwortete: „Mein Padischah, wenn du es nicht glaubst,

werde ich dir das Ohr des Devs zeigen.“ Dann zog das Mädchen das Ohr

des Devs aus der Tasche, gab es dem Padischah und sagte: „Wenn Sie es

nicht glauben, gehen Sie und sehen den Kopf des Devs an.“ Dann ging man

zum Dev und sah, daß tatsächlich ein Ohr fehlte. Der Padischah

antwortete: „Mein Sohn, fordere von mir, was du willst.“ Das Mädchen

antwortete: „Ich wünsche nur deine Gesundheit.“ Als er noch einmal

fragte, sagte es wieder so. Als er zum dritten Male fragte, sagte es:

„In jenem Zimmer ist ein Mädchen in roten Kleidern, das wünsche ich.“

Er sagte: „Mein Sohn, dieses Mädchen habe ich schon so viel schönen

jungen Männern geben wollen. Sie gefielen ihr aber nicht und sie hat

sie nicht genommen. Was willst du mit der Hure machen. In dem anderen

Zimmer sind meine Lieblingstöchter in schwarzen Kleidern, die werde ich

dir geben.“ Das Mädchen sagte: „Mein Padischah, mein Herz liebt diese,

wenn du sie mir geben willst, gib sie mir, eine andere will ich nicht.“

Darauf befahl der Padischah und rief das Mädchen in roten Kleidern. Die

kam auch und blieb mit übereinandergelegten Händen stehen. Der

Padischah sagte: „Meine Tochter, dieser junge Mann wünscht dich, nimmst

du ihn an?“ Das Mädchen antwortete: „Mein Padischah, erlaube mir, daß

ich diese Nacht noch schlafe, damit ich einen Traum habe. Morgen werde

ich Antwort geben.“ Er gab die Erlaubnis und das Mädchen ging in ihr

Zimmer.

In der Nacht ging das Mädchen, das den Dev getötet hatte, an die Tür

des Zimmers, in der das Mädchen mit den roten Kleidern war, und spähte

durch das Schlüsselloch. Da sah es, daß das Mädchen in die Mitte des

Zimmers ein goldenes Becken stellte und reines Wasser hineingoß. Dann

kam durch das Fenster eine Taube, wusch sich in dem Becken, schüttelte

sich und wurde ein mondgleicher Jüngling. Darauf stieg er auf das Lager

des Mädchens, umarmte das Mädchen und sie pflegten der Liebe. Das

Mädchen sagte: „Ach, mein Augenstern, heute hat mich mein Vater gerufen

und will mich einem armseligen Manne geben. Ich habe ihn um Erlaubnis

gebeten, daß ich diese Nacht auf meinen Traum warten dürfte. Ich habe

es nur getan, um mich mit dir zu beraten.“ Der Jüngling sagte: „Meine

Prinzessin, an dem und dem Ort ist bei Deven ein Spiegel, den zu holen

niemand wagt. Morgen trage es dem Jüngling auf und sage ‚Wenn du ihn

holst, werde ich dich heiraten.‘“ Das hörte das Mädchen draußen. So

einigten sie sich. Am Morgen wurde der Jüngling wieder wie vorher ein

Vogel und flog davon. Das Mädchen ging aus dem Zimmer zum Padischah und

sagte: „Mein Padischah, an dem und dem Ort ist bei Deven ein Spiegel.

Wenn er den bringt, werde ich ihn heiraten.“ Danach rief der Padischah

diesen Jüngling und sagte: „Mein Sohn, sagte ich dir nicht, daß dies

Mädchen ihr Spiel mit uns treibt. Da gibt es jetzt einen Spiegel, den

will sie von dir.“ Er sagte: „Mein Padischah, wenn Sie erlauben, hole

ich ihn.“ Der Padischah erwiderte: „Sehr schön, mein Sohn.“ Schließlich

ging das Mädchen aus dem Schloß, holte aus seinem Busen die Haare,

welche das Pferd ihm gegeben hatte. Als es sie aneinandergerieben

hatte, erschien das Pferd und sagte: „Was willst du, meine Prinzessin?“

Das Mädchen antwortete: „Ach, mein Lieblingspferd, an dem und dem Orte

ist bei Deven ein Spiegel, den will ich haben.“ Das Pferd sagte: „Sehr

schön, meine Prinzessin, steige auf meinen Rücken.“ Das Mädchen stieg

auf und wie der wehende Wind ging es auf die Reise. Nach einiger Zeit

kam es an einen großen Berg, machte halt und sagte: „Meine Prinzessin,

bis hierhin habe ich dich gebracht, jetzt gehe du auf den Berg, der vor

dir liegt, dort ist der Platz der Deve. Sieh sie dir an. Wenn ihre

Augen geschlossen sind, schlafen sie nicht, wenn sie offen sind,

schlafen sie. Geh leise hinein. Ihnen zu Häupten hängt der Spiegel.

Nimm sofort den Spiegel, nimm ihn und kehre zu mir zurück, ohne dich

umzusehen.“ Das Mädchen sagte: „Sehr schön“, stieg auf den Berg und

ging an den Platz, wo die Deve waren. Es sieht, daß die Augen der Deve

geöffnet sind, und weiß daraus, daß sie schlafen. Sofort tritt es ein,

nimmt den Spiegel, der ihnen zu Häupten hängt, kehrt, ohne sich

umzusehen, schleunigst zu dem Pferde zurück. In diesem Augenblick

wachen die Deve auf und schreien hinter dem Mädchen her: „Jüngling,

bringe uns unseren Spiegel wieder“ und werfen Steine von der Größe von

Bergblöcken hinter ihm her. Das Mädchen läßt sich nicht halten, kommt

zu dem Pferde und besteigt es. Das Pferd macht sich kraft seiner Hufe

wie ein wehender Wind davon und die Deve sehen ihm nach. Schließlich

kommen sie nach einiger Zeit wieder vor das Schloß. Das Mädchen steigt

vom Pferde und sieht, daß das Pferd spurlos verschwunden ist.

Dann betritt das Mädchen das Schloß, ging zum Padischah und sagte: „Da,

mein Padischah, habe ich den verlangten Spiegel gebracht.“ Der

Padischah rief sofort das Mädchen mit den roten Kleidern und sagte:

„Da, dieser Jüngling hat den von dir verlangten Spiegel gebracht.“ Das

Mädchen nahm den Spiegel und sagte: „Vater, gib mir diese Nacht

Erlaubnis, morgen werde ich euch Antwort geben.“ Der Padischah sagte:

„Sehr schön.“ Dann zog sich das Mädchen in sein Zimmer zurück. Der

Jüngling ging auch aus dem Zimmer und verbarg sich irgendwo.

Schließlich in der Nacht ging er wieder an die Tür des Zimmers, wo sich

das Mädchen befand, und spähte wieder durch das Schlüsselloch. Das

Mädchen stellte wieder wie das erstemal in die Mitte des Zimmers ein

goldenes Becken. Sofort kam eine Taube durch das Fenster, flog in das

Becken, schüttelte sich, wurde ein löwengleicher Jüngling und legte

sich in das Bett des Mädchens. Nachdem sie sich umarmt hatten, sagte

das Mädchen: „Du Freude meines Herzens, du Glanz meines Auges. Dieser

elende junge Mann hat den von dir beschriebenen Spiegel den Deven

entrissen und hergebracht. Ich habe mir für diese Nacht Erlaubnis

erbeten, damit ich die Sache mit dir berate und einen Ausweg finde.“

Der Jüngling sagte: „Meine Prinzessin, darüber rege dich nicht auf. An

dem und dem Orte ist bei den Deven ein Karfunkelstein, den niemand

holen kann. Morgen fordere du diesen von dem Jüngling. Den kann er

nicht bringen und wir bleiben für uns.“ Das Mädchen an der Tür hörte

dies. Am Morgen wird der Jüngling, wie das erstemal, wieder ein Vogel

und flog durch das Fenster davon.

Das Mädchen ging sofort aus dem Zimmer zum Padischah und sagte: „Vater,

an dem und dem Orte ist bei den Deven ein Karfunkelstein. Wenn der

Jüngling den bringt, werde ich ihn heiraten.“ Er rief den jungen Mann

zu sich und sagte: „Mein Sohn, an dem und dem Orte ist bei den Deven

ein Karfunkelstein. Das Mädchen wünscht ihn, bringe ihn ihr.“ Der

Jüngling sagte: „Mein Herr hat nur zu befehlen!“ ging aus dem Schlosse

und rieb die Haare aneinander. Sofort erschien das Pferd und sagte zum

Mädchen: „Was willst du, meine Prinzessin?“ Das Mädchen sagte: „An dem

und dem Orte ist bei den Deven ein Karfunkelstein. Den verlange ich.“

Das Pferd sagte: „Sehr schön, meine Prinzessin.“ Das Mädchen bestieg

das Pferd. Das Pferd wurde ein Feuer und jagte wie ein Drache davon.

Nach einiger Zeit kamen sie an einen großen Berg. Dort hielt es an.

Nachdem das Mädchen herabgestiegen war, sagte das Pferd: „Meine

Prinzessin, gehe auf diesem Wege geradeaus. Vorne ist eine Höhle der

Deve. Da tritt ein. In der Höhle ist der Karfunkelstein. Den nimm und

komm, ohne dich aufzuhalten, sonst ist es dein Todestag. Jeder Fluch,

den sie dir nachrufen, erfüllt sich.“ Das Mädchen ging auf dem vom

Pferde beschriebenen Wege, betrat die Höhle, wo die Deve wohnten, trat

ein, nahm den in der Höhle befindlichen Karfunkelstein, kehrte um und

kam zum Pferde. Währenddessen wachten die Deve auf und verfolgten das

Mädchen. Da sie das Mädchen nicht erreichen konnten, fingen sie an zu

schreien: „Bei Gott, Jüngling, wenn du ein Mann bist, sollst du ein

Mädchen werden, wenn du ein Mädchen bist, sollst du ein Mann werden.“

Das Mädchen kam eiligst zum Pferde und sagte: „Da habe ich ihn.“ Das

Pferd antwortete: „Meine Prinzessin, haben sie Verwünschungen hinter

dir ausgestoßen? Wenn sie es getan haben, so steht es schlimm. Das läßt

sich nicht mehr bessern.“ Das Mädchen sagte: „So haben sie mir

nachgerufen: ‚Bei Gott, Jüngling, wenn du ein Mann bist, sollst du ein

Mädchen sein, wenn du ein Mädchen bist, sollst du ein Mann sein.‘“ Dann

befühlt sich das Mädchen und sieht, — was siehst du? — regelrecht wie

beim Mann hat sie ein Glied. Als das Pferd sieht, daß es dem Mädchen so

ergangen ist, wurde es sehr froh. Das Mädchen sagte zu sich: „Das war

es ja, was ich mir immer gewünscht hatte. Gott sei Dank, ich habe

meinen Wunsch erreicht.“ Das Pferd sagte: „Prinz, was du jetzt noch

wünschst, werde ich dir zuliebe tun, denn du bist ein Mann geworden.“

Das Mädchen bestieg das Pferd. Das Pferd machte sich wie ein wehender

Wind auf den Weg. Nach einiger Zeit kam es vor das Schloß und hielt an.

Der Prinz stieg vom Pferde und das Pferd verschwand spurlos. Der Prinz

ging sofort ins Schloß zum Padischah und sagte: „Mein Padischah, ich

habe den gewünschten Karfunkelstein gebracht.“ Sofort rief der

Padischah das Mädchen und sagte: „Meine Tochter, dieser Jüngling hat

den von ihm verlangten Karfunkelstein gebracht. Was wirst du jetzt für

eine Finte vorbringen?“ Das Mädchen antwortete: „Vater, gib mir um

Gottes willen diese Nacht Erlaubnis. Morgen werde ich endgültig Antwort

geben.“ Er sagte: „Sehr schön, meine Tochter, morgen soll es sein.“

Dann ging das Mädchen aus dem Zimmer. Der Prinz ging auch aus dem

Zimmer, verbarg sich irgendwo, ging an die Tür des Zimmers, wo das

Mädchen war, und spähte wieder wie das erstemal durch das

Schlüsselloch. Das Mädchen setzte wieder ein goldenes Becken in die

Mitte des Zimmers. Sofort kam die bekannte Taube, flog ins Becken,

wusch sich, wurde ein mondgleicher Jüngling und legte sich neben das

Mädchen. Nachdem sie sich umarmt hatten, sagte das Mädchen: „Mein

Herzblatt, dieser elende Jüngling hat den von dir beschriebenen

Karfunkelstein gebracht. Wie wird es uns nun gehen?“ Der Jüngling

sagte: „Darüber rege dich nicht auf. Ich sollte der Sohn eines

Padischahs der Peris [10] sein und nicht einen Ausweg finden? In

unserem Hofgarten ist eine weinende Granate und eine lachende Quitte.

Wenn jemand an diesen Baum geht und seine Hand danach ausstreckt, fängt

die Granate zu weinen und die Quitte, wenn sie sie weinen sieht, zu

lachen an. Niemand kann an sie herankommen. Morgen wird mein Vater alle

Soldaten, die er hat, bewaffnen und wir werden Tag und Nacht unter dem

Baum in Bereitschaft stehen. Wenn der Jüngling dann kommt, werden wir

ihn töten. Morgen verlange du von jenem Jüngling diesen Baum. Er wird

dann gehen, um diesen Baum zu holen. Wenn wir ihn dort sehen, werden

wir ihn mit Gewehren und Kanonen beschießen und töten.“ Als das Mädchen

das hörte, wurde es froh. So beschlossen sie es mit dem Baum.

Schließlich wurde der Jüngling wie früher wieder eine Taube, flog durch

das Fenster und ging in sein Schloß. Dort bewaffnete er die Soldaten

und sie stellten sich unter dem Baume auf.

Wir kommen nun wieder zu dem Mädchen. Am Morgen verließ sie ihr Zimmer,

ging zum Padischah und sagte: „Mein Padischah, an dem und dem Orte ist

in dem Garten des Padischahs der Peris eine weinende Granate und eine

lachende Quitte. Wenn dieser Jüngling jenen Baum brächte, würde ich

nicht mehr nein sagen und ihn heiraten.“ Der Padischah rief sofort den

Jüngling vor sich und sagte: „Jüngling, an dem und dem Orte im Schlosse

des Padischahs der Peris ist eine weinende Granate und eine lachende

Quitte. Wenn du sie auch noch bringst, werde ich eigenhändig dir meine

Tochter geben.“ Der Jüngling sagte: „Ich habe alle die geforderten

Dinge gebracht. Wenn Gott will, werde ich auch diese Bäume bringen.“ Er

nahm die Erlaubnis vom Padischah, ging aus dem Schloß, zog aus seinem

Busen die Haare und rieb sie eins an dem andern. Sofort erschien das

Pferd und sagte: „Was willst du, mein Prinz?“ Der Prinz sagte: „Ach,

mein Lieblingspferd, an dem und dem Orte im Garten des Padischahs der

Peris ist eine weinende Granate und eine lachende Quitte. Die verlange

ich.“ Das Pferd antwortete: „Mein Prinz, das ist etwas schwer. Aber für

dich will ich mich opfern. Wollen gehen und sehen, wie es wird.“

Sofort bestieg der Prinz es. Das Pferd blies aus Maul und Nüstern Feuer

wie ein Drache und machte sich auf den Weg. Nach einiger Zeit kamen sie

in ein Land. Auf dem Wege waren drei Kinder und vor ihnen ein Fell,

eine Derwischmütze, eine Reitpeitsche und ein Pfeil. Diese vier Dinge

waren als Erbschaft von den Vorfahren der Kinder übriggeblieben. Die

drei Brüder konnten diese Dinge nicht teilen und stritten darüber. Als

das Pferd sie so sah, sagte es: „Mein Prinz, diese Dinge sind dir sehr

nötig. Geh, überrede die Kinder, daß du die Dinge von ihnen bekommst.“

Der Prinz sagte: „Sehr gut“, ging zu den Kindern und sagte: „Meine

Kinder, warum streitet ihr euch so? Wartet, ich werde sie euch

einteilen.“ Er nahm den Pfeil vom Boden und sagte: „Ich werde diesen

Pfeil abschießen. Wer ihn holt und zuerst herbringt, dem gehört die

Erbschaft.“ Die Kinder waren damit einverstanden. Der Prinz schoß mit

Armeskraft den Pfeil ab und die Kinder liefen nach der Stelle, wo der

Pfeil hingeflogen war. Der Prinz nahm das vor ihm liegende Fell, die

Derwischmütze und die Reitpeitsche, legte an ihrer Stelle je eine

Handvoll Goldpfunde, ging zum Pferde und bestieg es. Das Pferd machte

sich, ohne zu säumen, auf den Weg. Als die Knaben zurückkamen, sahen

sie, daß an der Stelle der Sachen je eine Handvoll Goldpfunde da war.

Sie freuten sich und nahmen sie. Schließlich kam der Prinz und das

Pferd allmählich zum Schlosse des Padischahs der Peris. Das Pferd

sagte: „Die Derwischmütze, die du genommen hast, setze dir auf, steige

auf das Fell und schlage dies Fell mit der Reitpeitsche. Dann mußt du

dich in die Lüfte erheben, bei dem genannten Baum heruntergehen und mit

einem Schlage die Bäume mit der Wurzel ausreißen und mir bringen.“ Da

setzt der Prinz die Derwischmütze auf, geht in das Schloß, betritt das

Zimmer, wo der Padischah der Peris und sein Sohn sind, und sieht, daß

das Mädchen in roten Kleidern und jener Jüngling dort sitzen und der

Liebe pflegen. Der Prinz geht sogleich zu ihnen, setzte sich zu ihnen,

aber niemand sieht ihn. Danach kamen Speisen. Während das Mädchen und

der Jüngling sitzen und essen, setzt sich der Prinz auch an eine Seite

und fängt an zu essen. Sie sehen, daß auf der anderen Seite auch die

Speisen weniger werden. Der Jüngling sagt: „Meine Prinzessin, dies ist

mein Platz, das ist dein Platz. Aber wessen Platz ist das?“ Das Mädchen

wunderte sich auch. Nachdem sie die Speisen gegessen hatten und fertig

waren, setzten sie sich auf das Polster vor dem Fenster. Vorher hatte

das Mädchen dem Sohne des Padischahs der Peris ein Tuch als Geschenk

gegeben. Der Prinz hatte dies Tuch vom Polster weggenommen und in

seinen Busen gesteckt. Sie sehen, daß das Tuch nicht auf dem Polster

ist. Obgleich sie überall im Zimmer suchen, finden sie es nicht.

Der Prinz setzte sich auf das Fell, schlug es mit der Peitsche und fuhr

in die Lüfte. Mittlerweile war es Abend geworden, sofort fuhr er über

die weinende Granate und über die lachende Quitte, faßte den Baum mit

aller Kraft und zog ihn mit der Wurzel aus. Da weinte der eine Baum und

der andere lachte. Er nahm sie und fuhr gen Himmel. Als die dort

befindlichen Soldaten sahen, daß der Baum verschwand, sagten sie:

„Schießt ohne Säumen.“ Bei dem Kampf kamen die Soldaten in Verwirrung,

riefen: „Der Feind ist da!“ und erschlugen sich gegenseitig. Der

Jüngling und das Mädchen sahen aus dem Fenster. Als sie sahen, daß der

Baum verschwand, riefen sie: „Um Gottes willen!“ und merkten die Sache.

Der Sohn des Padischahs der Peris sagte: „Meine Prinzessin, er hat das

Tuch, das du mir als Geschenk gegeben hast, genommen und auch den Baum.

Jetzt gebe ich dich frei, nun heirate, wen du willst.“ Das Mädchen

verließ weinend den Palast, ging zu ihrem Vater und blieb dort.

Wir kommen nun wieder zu dem Prinzen. Nachdem er den Baum genommen

hatte, ging er wieder zum Pferde, bestieg es und sie machten sich auf

den Weg. Eines Tages betraten sie das Schloß. Der Prinz stieg vom

Pferde und ging zum Padischah, pflanzte den Baum in die Erde und sagte:

„Mein Padischah, da habe ich ihn gebracht.“ Der Padischah antwortete:

„Bravo, mein Sohn, du warst sehr tüchtig. Wie könnte ich wohl einen

Besseren finden, dem ich meine Tochter geben könnte.“ Dann verheiratete

er sie.

Vierzig Tage und Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Danach nahm der

Prinz das Mädchen mit sich und ging zum Schlosse seines Vaters zu

seinem Vater und seiner Mutter, küßte den Saum ihres Kleides, setzte

sich und erzählte alles, was ihm passiert war, eins nach dem andern.

Sein Vater und seine Mutter verwunderten sich sehr. Schließlich

verheiratete (der Vater) die angekommene Dame noch einmal mit dem

Prinzen. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die

Hochzeitsfestlichkeiten, und sie erlangten, was sie wünschten.

Türkische Märchen · 第 7 / 91 题