Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten
folgendes. In alten Zeiten hatte eine Frau in der Welt einen teuren
Sohn und eine Tochter. Die ließ sie nie auf die Straße gehen. Eines
Tages faßte ihr Mann die Absicht, mit seinem Sohn nach dem Hedschas zu
gehen und sagte: „Ich vertraue dich und meine Tochter dem Müezzin [5]
an. Wenn du etwas brauchst, erhältst du es vom Müezzin.“ Dann brachte
er alles mit ihr in Ordnung, und Vater und Sohn gingen nach dem
Hedschas.
Wir kommen nun zu dem Müezzin. Eines Tages stieg er auf das Minaret,
und während er den Gebetsruf rief, sah er das ihm anvertraute Mädchen
im Garten Wasser schöpfen. Da verliebte er sich in das Mädchen und
konnte es nicht mehr aushalten. Dann ging er in sein Haus und verhielt
sich ruhig. In jener Nacht rief er eine alte Nachbarin und sagte zu
ihr: „Da, Mutter, nimm diese zehn Goldstücke. Ich will von dir die
Tochter des N. N., der nach dem Hedschas gegangen ist.“ Die Frau sagte:
„Mein Sohn, ihre Mutter läßt sie nie auf die Straße. Es ist etwas
schwer.“ Er sagte: „Ach, Mutter, nur du kannst helfen.“ Sie antwortete:
„Mein Sohn, hast du einen Platz, wo ich sie hinführen kann, falls ich
sie überrede?“ Der Müezzin sagte: „Mutter, morgen werde ich an dem und
dem Orte ein Bad mieten. Führe sie dorthin. Da werde ich euch erwarten.
Nimm du morgen zum Schein ein Bündel [6] unter den Arm und gehe zum
Hause der Frau. Wenn du sie überredet hast, führe das Mädchen zu mir.“
So verabredeten sie sich.
Als es Morgen wurde, nahm die Frau zum Schein ein Bündel unter den Arm
und ging zum Hause der Frau. Sie sagte zu der Mutter des Mädchens:
„Mutter, heute wird an dem und dem Orte ein Bad eröffnet und
schönsingende Tänzerinnen und schöne Mädchen werden kommen, sich baden
und den Tänzerinnen zuschauen. Ich habe besonders Euer Hochwohlgeboren
besucht, um Ihre Tochter in das Bad zu führen, damit sie mit
ihresgleichen und ihren Altersgenossen sich amüsiert und sich
belustigt. Wenn es Abend wird, bringe ich Ihre Tochter wieder
ordentlich zurück.“
Die Dame antwortete: „Mutter, meine Tochter ist bis jetzt noch nie
irgendwohin gegangen. Außerdem ist es, seitdem ihr Vater nach dem
Hedschas gegangen ist, heute gerade zwei Tage her. Da werden die Leute
uns nachsagen: ‚Der Vater des Mädchens ist gegangen, und gleich laufen
sie auf die Straße‘.“ Die alte Hexe sagte: „Mutter, ich führe ja Ihre
Tochter in ein Bad, nicht an einen andern Ort, daß die Nachbarn Ihnen
Vorwürfe machen könnten. Die Töchter von so vielen Nachbarinnen gehen
hin. Ihre Tochter braucht sich nicht zu schämen. Wenn Sie die Erlaubnis
geben, gehe ich mit Ihrer Tochter hin.“ Schließlich überredete sie die
Dame. Sie nahm das Mädchen mit sich und sie gingen in das Bad, das der
Müezzin gemietet hatte.
Als sie eingetreten waren, sah sich das Mädchen nach allen vier Seiten
um. Niemand war da. Da sagte sie: „Ist dies das von Ihnen gerühmte Bad?
Es ist ja niemand da.“ Da antwortete die Frau: „Ach, mein Kind, es ist
noch früh. Nunmehr werden sie kommen. Treten Sie ein und suchen Sie
sich einen Platz aus, solange noch nicht so viele Leute da sind.“
Das Mädchen hielt das für wahr, zog sich aus und ging hinein. Die Frau
ging nach Hause.
Wir kommen nun zu dem Mädchen. Als sie in den Schwitzraum tritt, sieht
sie, daß der Müezzin ihres Viertels dort ist. Als das Mädchen ihn
sieht, wird sie ohnmächtig. Sie nahm sich jedoch sofort zusammen und
sagte: „Herr Müezzin, wir haben gehört, daß in diesem Bade Tänzerinnen
spielen sollen. Ist dies das von Ihnen gerühmte Bad? Noch ist niemand
da.“
Der Müezzin antwortete: „Meine Prinzessin, wenn niemand kommen sollte,
wollen wir uns beide baden und uns vergnügen.“ Das Mädchen antwortete:
„Bade du mich zuerst, nachher werde ich dich baden.“ Damit war der
Müezzin einverstanden.
Der Müezzin nahm das Mädchen und badete sie ordentlich am Wasserbecken.
Dann sagte das Mädchen: „Komm’, jetzt werde ich dich baden.“ Der
Müezzin setzt sich davor und das Mädchen fängt an ihn zu baden. Sie
seifte seinen Kopf gehörig ein, so daß er die Augen geschlossen halten
mußte. Dann geht sie an das Becken, läßt alles Wasser auslaufen und
verstopft alle Wasserhähne mit einem Lappen. Indem sie sagt: „Sieh, wie
ein Mensch gebadet wird“, geht sie in das Abkühlzimmer des Bades und
nimmt alles, was an Holzschuhen vorhanden ist, in ein Schurztuch, geht
wieder zum Müezzin und schlägt ihm die um den Kopf und die Augen. Des
Müezzins Geschrei drang bis zum Himmel. Um es kurz zu machen. Der
Müezzin fiel auf den Boden und wurde ohnmächtig. Dann ging das Mädchen
hinaus, zog sich ihre Kleider an und kam nach Hause. Als ihre Mutter
fragte: „Nun, meine Tochter, wie war das Bad?,“ da verrät sie ihre
Absicht nicht und sagt: „Sehr gut, Mutter, es war ein Bad
ohnegleichen.“
Die wollen wir nun ruhen lassen und uns zum Müezzin wenden. Als er nach
einer Zeit wieder zu sich kommt, sind seine Augen voll Schaum. Er geht
zum Wasserbecken, taucht die Wasserschale hinein. Auch nicht eine Spur
von Wasser ist da. Er öffnet den Wasserhahn, er sieht, daß kein Wasser
kommt. Um es kurz zu machen. Er geht zu allen Wasserbecken, findet in
keinem Wasser. Darauf kommt der Badewärter. Als er den Müezzin so
sieht, sagt er: „Herr Müezzin, was ist dir geschehen, daß dein Kopf so
voll Schaum ist.“ Der Müezzin antwortete: „Ach, Badewärter, um mir den
Kopf mit dem in dem Becken befindlichen Wasser zu waschen, ging ich mit
den eingeseiften Augen. Wie sehr ich aber auch Wasser suchte, konnte
ich doch nichts finden. Ich muß wohl vorher vergessen haben, den Hahn
zu öffnen.“ Dann öffnete der Badewärter einen Hahn. Der Müezzin wusch
sich und ging hinaus, zog sich die Kleider an und ging nach Hause. Er
legte sich übelgelaunt schlafen, da sein ganzer Körper so zerschlagen
war, daß er sich nicht rühren konnte.
Um sich an dem Mädchen zu rächen, schrieb er eines Tages an den Vater
des Mädchen einen Klagebrief und schrieb darin: „Deine Tochter ist eine
Hure geworden und läßt sogar die Hunde über sich.“ Den Brief schickte
er an den Vater. Als er den Vater erreichte, öffnete er ihn sofort, las
ihn und sagte: „Ach, meine Tochter ist eine Hure geworden. Ist das
nicht eine Schande für mich?“ Dann sagte er voll Zorn zu seinem Sohne:
„Geh sofort nach Hause, schlage meiner Tochter den Kopf ab und bringe
mir schleunigst ihr blutbeflecktes Hemd.“
Sein Sohn stand auf und machte sich auf den Weg. Eines Tages kommt er
in sein Stadtviertel. Indem er von Anfang bis zu Ende bei allen
Nachbarn herumfragt und sich zu vergewissern sucht, bestätigten sie ihm
alle: „Nein, mein Sohn, wir haben nie gesehen, daß deine Schwester auf
die Straße gegangen ist.“ Schließlich kommt er nach Hause und klopft an
die Tür. Die Schwester sagte: „Ach, mein Bruder“, eilt die Treppe nach
unten, öffnet die Tür und führt ihn nach oben und fragt: „Wo ist mein
Vater?“ Ihr Bruder sagt: „Er ist unterwegs, komm, wollen ihm
entgegengehen.“ Sofort legt das Mädchen ihren Mantel an und geht mit
ihrem Bruder aus dem Hause. Der führte sie auf einen Berg und sagte:
„Schwester, man hat dem Vater einen Brief geschrieben: ‚Deine Tochter
ist eine Hure geworden, sie läßt jedermann über sich‘. Als der Vater
dies gehört, wurde er zornig und sagte zu mir: ‚Du mußt meiner Tochter
den Kopf abschlagen und ihr blutbeflecktes Kleid mir bringen‘. Dies ist
der Grund meines Kommens, Schwester.“
Als die Schwester davon hörte, klärte sie ihn nicht auf. Schließlich
sagte ihr Bruder: „Meines Vaters Versprechen muß ausgeführt werden.“ Er
nahm einen jungen Hund, tötete das Tier und befleckte das Hemd seiner
Schwester mit Blut und sagte: „Schwester, nun heißt es Abschied nehmen.
Gehe jetzt in ein anderes Land, Gott möge dir helfen.“ Dann trennten
sie sich für ewig. Dann entwich das Mädchen und ging weinend von Berg
zu Berg.
Der Junge nahm das blutige Hemd seiner Schwester und machte sich auf
den Weg. Eines Tages kam er nach dem Hedschas, ging zu seinem Vater und
sagte: „Da, Vater, habe ich dir das blutige Hemd deiner Tochter
gebracht“ und übergab es ihm. Der sagte: „Gott sei Dank, nun bin ich
aus dem Gerede der Leute gekommen.“
Die wollen wir nun hier lassen und wieder zum Mädchen gehen. Das
Mädchen ging von Berg zu Berg und kam schließlich an ein Wasserbecken.
Dort trank sie klares Wasser. Neben dem Becken war ein Baum. In den
Schatten des Baumes setzte sie sich und ruhte sich etwas aus. Es gab
dort aber sehr viel reißende Tiere. Nach einiger Zeit überlegte sie:
„Es ist Abend geworden, wohin soll ich gehen?“ Schließlich kam ihr
dieser Baum in den Sinn. Sie sagte: „Ich will wenigstens auf jenen Baum
steigen und mich vor den Tieren schützen.“ Dann kletterte sie auf den
Baum. Jene Nacht blieb sie auf dem Baum.
Als es Morgen wurde, war nun gerade der Sohn des Padischahs dieses
Landes auf Jagd ausgezogen. Sein Pferd war sehr durstig und kam
schließlich an das Becken. Der Prinz faßte das Pferd am Halfter und
führte es an das Wasser. Das Pferd nun, während es sein Maul dem Wasser
nähert, scheut, als es trinken will, und ist nicht zum Trinken zu
bewegen. Die Sonne hatte nämlich das auf dem Baume befindliche Mädchen
getroffen und ihr Bild auf das Wasser geworfen. Wie sehr auch der Prinz
das Tier quält, es geht nicht ans Wasser. Auf einmal hebt der Prinz
seinen Kopf nach oben. Als er das Mädchen sieht, verliert er das
Bewußtsein. Er redet sie an: „Bist du ein Geist oder was bist du?“ Das
Mädchen sagte: „Ich bin ein Mensch.“ Schließlich ließ er das Mädchen
heruntersteigen und sagte: „Das war also meine heutige Jagdbeute.“ Dann
nahm er das Mädchen und ging ins Schloß. Dann brachte er seinem Vater
die Kunde und heiratete nach Allahs Anordnung und nach dem hehren
Brauch des Propheten jenes Mädchen.
Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Am
einundvierzigsten Tage betrat er das Brautgemach. Nach einiger Zeit
hatte der Prinz von diesem Mädchen drei Nachkommen.
Diese Kinder mögen nun in der Wiege aufwachsen! Eines Tages kam dem
Mädchen seine Mutter ins Gedächtnis und aus ihren Augen flossen Tränen
so groß wie Regentropfen. Darüber kam der Prinz hinzu. Als er sah, daß
das Mädchen geweint hatte, sagte er: „Meine Prinzessin, warum weinst du
so?“
Das Mädchen antwortete: „Ach, mein Herr, als ich heute dasaß, kam mir
meine Mutter in den Sinn. Aus Sehnsucht nach ihr weine ich.“ Als der
Prinz fragte: „Meine Prinzessin, lebt deine Mutter oder ist sie tot?“,
sagte sie: „Ach, mein Herr, sie lebt. Es ist schon lange her, daß ich
Sehnsucht nach ihr habe. Jetzt habe ich Verlangen nach ihr.“ Da sagte
der Prinz: „Meine Prinzessin, warum hast du mir nichts davon gesagt?
Hätte ich dir sonst nicht die Erlaubnis gegeben? Entweder wollen wir
deine Mutter hierher holen oder du gehst zu deiner Mutter und siehst
sie wieder. Sieh, wie du willst, so wollen wir es tun.“
Das Mädchen antwortete: „Mein Herr, möge Gott Ihnen langes Leben und
Gesundheit geben. Wenn Sie Ihrer Dienerin die Erlaubnis geben, so
möchte ich morgen mit meinen Kindern zu meiner Mutter gehen und sie
noch einmal in dieser Welt wieder sehen und ihr meine Kinder wieder
zeigen.“ Der Prinz sagte: „Meine Prinzessin, sehr schön. Es soll so
sein. Morgen sollst du in Begleitung einiger Leute mit deinen Kindern
gehen und deine Mutter besuchen.“ Schließlich schliefen sie diese
Nacht.
Am nächsten Morgen rief der Prinz seinen Hofmeister und vertraute die
Prinzessin und ihre Kinder dem Hofmeister an. Die Prinzessin stieg mit
ihren Kindern in einen Wagen, der Hofmeister bestieg ein Pferd und nahm
als Begleitung ein Bataillon Soldaten mit. Sie fuhren vom Schlosse fort
und machten sich auf die Reise.
Nach einiger Zeit steckte der Vezir seinen Kopf in den Wagen und sagte
zum Mädchen: „Entweder gibst du dich mir hin oder ich töte deine
Kinder.“ Das Mädchen wurde verwirrt und sagte: „Was ist das für eine
Sache! Das ist ja unmöglich.“ Der Vezir sagte: „Ja, meine Prinzessin,
du mußt dich mir hingeben.“ Das arme Mädchen wollte ihm nicht
willfährig sein und gab ihm eins ihrer Kinder. Der Vezir nahm es,
erwürgte es und warf es auf die Erde. Nach einiger Zeit steckte er
wieder den Kopf in den Wagen und sagte: „Mädchen, du mußt mir
willfährig sein, oder soll ich auch diese Kinder töten?“ Das Mädchen
sagte: „Nein, ich werde mich dir nicht hingeben, da töte die Kinder.“
Der Vezir streckte seine Hand aus, nahm eins von den Kindern und tötete
es. Kurz nach einiger Zeit erwürgte er auch das andere Kind. Als keine
Kinder mehr da waren, blieb die Prinzessin allein im Wagen. Nachdem sie
etwas gereist waren, zog der Vezir am Kopf seines Pferdes und hielt an,
steckte seinen Kopf in den Wagen und sagte: „Heh, Mädchen, deine drei
Kinder habe ich getötet. Auch dich werde ich töten oder du gibst dich
mir hin.“ Das Mädchen antwortete: „Gib mir eine halbe Stunde Zeit, daß
ich die Waschung vollziehe und zwei Gebete bete, dann will ich mich dir
hingeben.“
Der Vezir gab dem Mädchen eine halbe Stunde Erlaubnis. Das Mädchen
stieg aus. Der Vezir band ihr, damit sie nicht entfliehen konnte, einen
Strick um den Leib und ließ sie frei. Das Mädchen ging etwas weiter,
löste den Strick von ihrem Leibe und band das Ende an einen Baum und
entfloh. Nachdem sie von Berg zu Berg gelaufen war, zieht der Vezir am
Strick, sieht, daß er nicht los ist, und denkt: „Das Mädchen vollzieht
die Waschung“, und wartet. Dann überlegt er: „Seitdem dies Mädchen
weggegangen ist, ist eine halbe Stunde verflossen. Das ist ja eine
endlose Waschung. Ich will doch einmal hingehen und nach dem Mädchen
sehen.“ Als er etwas gegangen ist, sieht er auf einmal, daß das Ende
des Strickes an einen Baum gebunden ist und sie selbst entflohen ist.
Er sagte: „Da habe ich sie mir doch entwischen lassen“ und raufte sich
die Haare. Dann kehrte er zu den Soldaten zurück und sie gingen wieder
in das Schloß.
Als er zum Prinzen kam, sagte er: „Mein Prinz, als wir unterwegs waren,
nahm die Prinzessin ihre Kinder, warf sie, ohne daß wir es sahen, aus
dem Wagen und entfloh. Und mein Prinz, ein Mädchen, das von den Bergen
kommt, schafft nichts Gutes. Vom Berge ist sie gekommen und wieder auf
den Berg gegangen.“ Als der Prinz das hört, wird er bewußtlos, fällt
auf der Stelle auf den Boden und wird ohnmächtig. Man besprengte sein
Gesicht mit Rosenwasser, und er kam wieder zu sich. Dann trauerte er um
das Mädchen.
Die wollen wir nun verlassen und sehen, wie es dem Mädchen ergangen
ist. Sie war weinend von Berg zu Berg gegangen und war schließlich in
ihres Vaters Land gekommen. Sie wechselte ihre Kleider und ging auf den
Basar. Sie kam zum Laden eines alten Halwahändlers, dessen Laden
verfallen war. Nachdem sie ihn begrüßt hatte, sagte sie zu dem Alten:
„Willst du mich als Lehrling annehmen?“ Der Halwahändler antwortete:
„Ach, mein Sohn, ich kann kaum das Geld für mein Abendbrot verdienen.
Wenn ich dich als Lehrling nehme, wie sollte ich dir Lohn geben?
Außerdem habe ich auch die Halwazubereitung vergessen.“ Das Mädchen
antwortete: „Vater, ich verlange von dir nichts. Gib mir nur die Kost.
Dafür arbeite ich. Wir ernähren uns von dem, was Gott gibt.“ Als der
Alte diese angenehmen Worte hörte, widersprach er nicht und sagte:
„Gut, mein Sohn, komm.“ Dann küßte das Mädchen seinem Meister die Hand,
trat ein und setzte sich in dem Laden hin. Nach einigen Tagen streifte
das Mädchen seine Ärmel auf, ging an den Herd und fing an Halwa zu
bereiten. Sie machte ein schönes Halwa und setzte ihrem Meister eine
Probe vor. Ihr Meister langte zu, und nachdem er etwas gegessen hatte
und der angenehme Geschmack auf der Zunge geblieben war, sagte er:
„Mein Sohn, du hast ein sehr gutes Halwa gemacht. Möge deine Hand dir
gesund erhalten bleiben! Möge Allah sie vor dem bösen Blick bewahren.“
Dann wusch sie den Stein (auf dem Ladentisch) ab und legte das Halwa,
das schön klar wie Mastix aussah, darauf. Als die Kunden kamen und den
schönen Jüngling sahen, gerieten sie in Erstaunen. Selbst wenn sie
eigentlich kein Halwa kaufen wollten, so kamen sie doch in den Laden
und kauften es. Und wer schon einmal gekauft hatte, kehrte um und
kaufte noch einmal Halwa. Von diesem schönen Halwaverkäufer wurde
überall gesprochen.
Wir wollen den schönen Halwaverkäufer bei seiner Arbeit lassen und uns
wieder zum Prinzen wenden. Als ihm eines Tages dies Mädchen und seine
Kinder ins Gedächtnis kamen, seufzte er und aus seinen Augen flossen
Tränen so groß wie Regentropfen. Dann rief er seinen Hofmeister und
sagte: „Ich will die Prinzessin wieder haben. Ich will sie suchen, ich
muß sie finden, sonst töte ich mich.“ Der Vezir sagte: „Mein Prinz, das
Mädchen wollte dich nicht und ist in die Berge geflohen. Wie willst du
es jetzt finden?“ Alle diese Worte nützten nichts. Jedenfalls nahm der
Prinz den Vezir zu sich. Sie verließen das Schloß und gingen in die
Berge, um das Mädchen zu suchen. Sie kamen in das Land, wo sich das
Mädchen befand. Da sie sehr hungerten, fragten sie ein Kind: „Mein
Sohn, ist hier nicht irgendwo ein Garkoch?“ Das Kind antwortete: „Mein
Herr, hier ist keine Garküche, aber etwas weiter ist der Laden des
schönen Halwaverkäufers. An dem Halwa, das er macht, kann man sich gar
nicht satt essen. Er macht sehr schönes Halwa.“ Als der Prinz das Lob
dieses Halwahändlers hörte, konnte er sich nicht länger halten und ging
mit dem Vezir zu dem Laden des schönen Halwaverkäufers. Als jetzt das
Mädchen den Prinzen mit dem Vezir kommen sah, erkannte es sie, aber gab
sich nicht zu erkennen. Als der Prinz sagte: „Gib uns einige Stück
Halwa“, antwortete das Mädchen: „Meine Herren, wenn Sie diese Nacht
hierbleiben, werde ich Ihnen ein sehr schönes Halwa bereiten und sie
mit einer sehr merkwürdigen Geschichte unterhalten.“ Als der Prinz die
freundlichen Worte des schönen Halwaverkäufers und seine liebenswürdige
Begrüßung hörte, sah er ihm ins Gesicht, erstaunte, konnte nicht mehr
an sich halten und sagte: „Sehr schön, junger Mann, wir bleiben.“ Dann
traten der Prinz und der Vezir in den Laden und setzten sich.
Die mögen nun dort sitzen, wir wollen uns jetzt zu den Leuten aus dem
Viertel wenden. Die wollten an jenem Tage eine Halwagesellschaft
machen. Der eine sagte: „Aber von wem wollen wir das Halwa machen
lassen? An der und der Stelle ist ein schöner Halwajüngling. Der macht
sehr schönes Halwa, von dem wollen wir es machen lassen.“ Einige von
ihnen standen auf, gingen zum Laden dieses Halwahändlers und sagten:
„Kannst du heute zu uns kommen und uns ein schönes Halwa machen? Denn
wir haben die Leute des Viertels eingeladen und wollen heute nacht eine
Halwagesellschaft geben.“
Der schöne Halwaverkäufer sagte: „Sehr gern, meine Herren, aber ich
habe Gäste. Da kann ich nicht weggehen, sonst sind sie allein.“ Da
sagten sie: „Aber bringe sie doch mit. Über uns ist Platz.“ Der schöne
Halwaverkäufer wandte sich zu seinen Gästen und sagte: „Meine Herren,
man hat mich zu einer Halwagesellschaft gerufen. Wollen, bitte,
zusammen gehen, dort werden wir uns unterhalten.“ Der Prinz sagte:
„Sehr schön!“ Die drei verließen zusammen den Laden und gingen mit den
Leuten in das Haus, das sie angaben, und stiegen die Treppe hinauf. Der
Prinz und der Vezir blieben in einem Zimmer. Der schöne Halwajüngling
machte sich daran, unten das Halwa zu bereiten. Nachdem er schließlich
das Halwa fertig hatte, bewirtete er zuerst die Gäste unten in dem
Zimmer und verabschiedete sich. Nun kam die Reihe an die im oberen
Zimmer. Dann nahm er die Kasserolle und das Kohlenbecken und ging nach
oben, trat ein und sieht, daß die Leute des Viertels, sein Vater und
Bruder, der Müezzin, der Prinz und der Vezir alle in dem Zimmer
anwesend sind. Sofort stellt der schöne Halwaverkäufer das Kohlenbecken
in die Mitte des Zimmers und fängt an Halwa zu bereiten. Dann sagte er:
„Meine Herren, Sie sind ja so still. Ein jeder möge eine Geschichte
erzählen, die ihm passiert ist, damit wir uns unterhalten, denn dazu
sind wir ja zusammengekommen.“ Die nichtsahnenden Einwohner fingen an.
Jeder erzählte eine Geschichte, die ihm passiert war. Als sie fertig
waren, sagten sie zu dem schönen Halwaverkäufer: „Wir haben erzählt,
nun erzähle du uns auch eine Geschichte, damit wir zuhören.“ Der schöne
Halwaverkäufer sagte: „Meine Herren, wenn ich eine Geschichte erzähle,
habe ich die Gepflogenheit, keinen aus der Tür hinauszulassen. Wer
hinausgehen will, mag jetzt hinausgehen.“ Die Gesellschaft sagte:
„Nein, es ist keiner da.“ Dann setzte sich der schöne Halwaverkäufer an
die Tür und fing an seine Geschichte zu erzählen. Als er zuerst die
Geschichte, die ihm im Bade passiert war, erzählte, hörte der Müezzin
aufmerksam zu. Als er sie hörte, rief er: „Ach, mein Bauch, mein Bauch
schmerzt mir.“ Der schöne Halwaverkäufer sagte: „Setz’ dich nur hin.“
Als er dann die Geschichte von der Ermordung der Kinder auf der Reise
erzählte, seufzte der Prinz und seine Augen wurden voll Tränen. Da
begriffen der Vater, der Bruder, der Prinz, der Vezir und der Müezzin
die ganze Sache. Dann sagte das Mädchen: „Die Gesellschaft soll wissen,
daß meine Feinde hier der Müezzin und der Vezir sind. Dies hier ist
mein Vater, mein Bruder und mein Gatte, der Prinz.“ Darauf ging sie zu
ihm und setzte sich unter den Saum seines Kleides. Der Prinz bedeckte
das Mädchen und die ganze Gesellschaft biß sich auf den Finger [7] und
war still. Am nächsten Morgen töteten sie den Müezzin und den Vezir
unter verschiedenen Martern. Dann trennten sie sich. Das Mädchen küßte
ihrem Vater und ihrer Mutter die Hand und zog mit dem Prinzen wieder
auf sein Schloß, und sie heirateten sich von neuem. Vierzig Tage und
vierzig Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Am einundvierzigsten betrat
der Prinz das Hochzeitsgemach. Sie erreichten, was sie wollten und
damit Schluß!