Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten
folgendes. Die Kinder eines Padischahs blieben in der Welt nicht am
Leben und starben immer. Eines Tages kam dem Padischah ein weiblicher
Nachkomme in dieser Welt zum Leben. Zu dieser Zeit sagten ihm der Arzt
und der Hodscha [1], nachdem sie Untersuchungen angestellt hatten:
„Padischah, wir wollen für deine Tochter unter der Erde eine Grube
machen lassen, dort mag sie dann aufwachsen, da es keinen anderen
Ausweg gibt.“
Dem Padischah der Welt gefiel diese Rede. Es wurde dann unter der Erde
eine an allen vier Ecken bewachte Grube hergestellt. Man brachte das
Kind in die Grube, bestimmte eine Kinderfrau, die ihm morgens und
abends sein Essen brachte. Um es kurz zu sagen: das Kind kam so hier in
sein vierzehntes oder fünfzehntes Lebensjahr. An Schönheit hatte es
nicht seinesgleichen.
Eines Tages langweilte sie sich an diesem Orte und stellte alle Stühle,
die in der Grube vorhanden waren, übereinander und stieg darauf. Sie
brach die Glasdecke entzwei, steckte den Kopf hinaus und sah hinaus. Da
sah sie ein weites Meer. Als die Sonne darauf leuchtete, glänzte es so,
daß man nicht hinschauen konnte. Ach, sagte sie: „Wenn die Erde ein
Unten hat, muß sie auch ein Oben haben“, und war einige Zeit in Staunen
versunken. Dann stieg sie herab und blieb, wo sie war. Danach kam ihre
Kinderfrau. Die sah auf einmal, daß die Glasdecke zerbrochen war. Jetzt
fragte sie das Mädchen: „Wer hat das Glas zerbrochen?“ Da fing die
Prinzessin an zu sagen: „Führe mich von hier fort oder ich bringe mich
selber um.“
Die Kinderfrau ging von dort zum Padischah und erzählte alle die Worte,
die die Prinzessin gesagt hatte, eins nach dem andern. Der rief wieder
die Ärzte zusammen. Die sagten nach wiederholter Prüfung: „Padischah,
hole sie heraus, aber nicht sofort. Bis sich ihr Auge gewöhnt hat, mag
sie etwas spazieren gehen, und dann bringe sie wieder in die Grube.“
Die Wärterin ging und führte die Prinzessin aus der Grube in einen
Rosengarten. Als sie (die Prinzessin) dort spazieren ging, sah sie den
Ozean und verfiel in Nachdenken. Sie ging von dort zu ihrem Vater und
sagte: „Vater, laß mir sofort auf dem Meere, das wir dort sehen, einen
Glaspalast machen, darinnen sollen auch Diamant- und Goldstühle und
schöngestickte Möbel sein. Wenn du ihn nicht machen läßt, bringe ich
mich sofort um.“
Der Padischah sagte: „Aber mein Kind, der Palast soll sein, wie du ihn
dir wünschst.“ Dann gab er den Glasmachern Befehl. Sie fingen sofort
an, auf dem Meere einen Palast zu machen. Genau in einem Jahre wurde er
fertig. Dann gaben sie dem Padischah Kunde. Er ging an das Gestade des
Meeres und sah ihn sich an. Das war ein solcher Glaspalast, daß jeder,
der ihn sah, geblendet wurde. Mit Worten ihn zu beschreiben, ist
unmöglich. Sein Glanz erfüllte die Welt.
Die Prinzessin kam und küßte ihrem Vater die Hand. Der Padischah sagte:
„Mein Kind, der Glaspalast, wie du ihn gefordert hast, ist fertig
geworden. Nimm dir einige Sklavinnen, geh hinein und wohne darin mit
Vergnügen.“
Darauf nahm die Prinzessin, da sie jung war, einige Sklavinnen zu sich
und betrat in feierlichem Zuge mit ihnen den Palast. Sie zogen ein und
gingen dort spazieren.
Die mögen sich nun Tag und Nacht vergnügen, wir kommen jetzt zum
Dschihan-i-alem [2]. Manche kamen zu Schiffe und manche zu Boot und
sahen sich den Palast an. Eines Tages, als der Sohn des Padischahs von
Jemen von diesem Palast hörte, wunderte er sich. Sofort ging er zu
seinem Vater und sagte: „Mein mächtiger Vater, der Padischah von
Stambul hat auf dem Meere einen Glaspalast bauen lassen, der sich nicht
mit Worten beschreiben läßt. Wenn Sie erlauben, möchte ich hinreisen
und ihn ansehen. Nach ungefähr drei bis vier Monaten komme ich wieder.“
Da gab sein Vater die Erlaubnis.
Er nahm einige Gefährten zu sich, bestieg ein Schiff und machte sich
auf den Weg. Tag und Nacht fuhren sie, ohne sich aufzuhalten. Nach
einiger Zeit erschien in der Ferne etwas Wunderbares. Sein Glanz
erfüllte die Welt. Der Prinz sagte zu seinen Gefährten: „Das, was dort
erscheint, muß das erwähnte Schloß sein.“
Endlich nach einigen Tagen kam er an das Schloß heran und umfuhr es von
allen vier Seiten. „Sehe ich ein Luftschloß oder träume ich?“ sagte er
und verfiel in Nachdenken. Schließlich als es Abend wurde, ging er dort
vor Anker.
Der Prinz mag nun auf dem Verdeck liegen; wir wollen uns jetzt wieder
zur Prinzessin wenden. Sie ging vor das Vestibül, blickte nach draußen
und sah, daß vor dem Palast ein Schiff lag. Als sie noch sagt: „Wem
gehört das wohl?“, sieht sie den Prinzen. Das war ein Jüngling, gleich
dem Monde am Vierzehnten. Sofort verliebt sie sich in ihn bis über die
Ohren. Auch der Prinz, als er die Prinzessin sieht, wird bewußtlos und
fällt ohnmächtig auf die Erde. Nach einiger Zeit kommt er wieder zu
sich und steht auf. Er blickt auf das Fenster, kann aber das Mädchen
nicht sehen. Während er sagt: „Ach, einmal möchte ich sie noch sehen!“
und hinblickt, verfällt er in Schlaf. Jetzt kommt die Prinzessin an das
Fenster und sieht, daß der Prinz eingeschlafen ist. Da seufzt sie und
aus ihren Augen fließt statt Tränen Blut. Während sie weint, fällt auf
das Gesicht des Prinzen ein Tropfen. Sofort wacht er auf und sieht, daß
aus den Augen der Prinzessin statt Tränen Blut fließt. Jetzt sagt der
Prinz zum Mädchen: „Da ist das Schiff und da ist ein günstiger Wind
nach Jemen!“ Das Schiff setzt sich in Bewegung und er fuhr in sein
Land. Eines Tages kam er nach Jemen und blieb dort. Wir wollen uns
jetzt wieder zur Prinzessin wenden. Ihre beiden Augen waren eine Quelle
(d. h. sie weinte andauernd in Strömen). Sie ging zu ihrem Vater und
sagte: „Vater, ich wünsche von dir ein Schiff von reinen Diamanten,
dessen Kabinen mit Edelsteinen geschmückt und dessen Masten aus Rubinen
sein und in dessen Innern sich vierzig weiße, junge, schöne Sklaven
befinden sollen. Wenn du mir das nicht machst, werde ich mich töten.“
Er sagte: „Schön, mein Kind, das Schiff soll sein, wie du es
wünschest.“ Dann rief er die Goldschmiede zusammen und gab ihnen
Befehl. Noch an jenem Tage fingen sie mit dem Schiff an. Nach genau
zwei Jahren war es fertig. Jetzt kam die Prinzessin zu ihrem Vater,
küßte seine Hand und sagte: „Vater, gib mir Erlaubnis, ich werde einen
Luftwechsel vornehmen und, wenn Gott will, bald wiederkommen.“ Da ihr
Vater auf der Welt nur eine teure Tochter hatte, so tat er, was sie
wollte, und gab ihr gezwungenerweise wohl oder übel die Erlaubnis und
sagte: „Mein liebes Kind, laß mich nicht lange auf dich warten! Allah
möge Heil geben!“
Das Mädchen nahm dann vierzig weiße Sklavinnen und vierzig weiße
Sklaven zu sich und außerdem eine Palasteinrichtung, ging auf das
Diamantschiff und blieb dort die Nacht. Am nächsten Morgen, als es Tag
wurde, wurden zweiundzwanzig Kanonenschüsse auf der rechten und auf der
linken Seite des Schiffes gelöst. Dann fuhr man ab.
An jenem Tage lobte sie die ganze Welt und Hunderttausende priesen sie
mit den Worten: „Was ist das für eine geschickte Prinzessin!“ Die
Prinzessin war der Kapitän, ihr Gehilfe ein alter Kapitän und die
Sklaven und Sklavinnen in ihrer Begleitung wurden als Soldaten
gebraucht und von ihr befehligt. Eines Tages kamen sie nach Jemen. Sie
lief in den Hafen ein, ging dort vor Anker und blieb jene Nacht dort.
Der dortige Aufsichtsbeamte hörte davon und kam es sich anzusehen. Als
er es sah, sagte er: „Wer ist das wohl? Solch ein Schiff habe ich in
meinem Leben nicht gesehen, Allah möge es vor dem bösen Blick
bewahren!“ Dann ging er sofort zum Schloß und machte Meldung: „Mein
Padischah, gestern ist ein Schiff angekommen, das unbeschreibbar ist.
Reiner Diamant und Juwelen! Es lohnt sich, es einmal anzusehen.“ Da
schickte der Schah seinen Lala [3] und sagte: „Forsche nach und komme
wieder mit der Nachricht, wer es ist.“
Dann bestieg sein Adjutant eine Schaluppe und fuhr nach dem
Diamantschiff. Als nun die Prinzessin sah, daß der Adjutant kam,
kleidete sie ihre Mannschaft vom Kopf bis zu den Füßen in rote Kleider.
Als endlich die Schaluppe sich der Landungstreppe näherte, ging die
gesamte Mannschaft ihm entgegen und führte ihn nach oben geradeswegs
zur Kabine des Kapitäns. Er setzte sich auf einen Stuhl und wurde
freundlich begrüßt. Er sagte: „Aber mein Bej, ich möchte noch gern
länger bleiben, aber der Schah erwartet mich, ich bin gekommen, um
Kunde einzuholen. Wenn Sie mir Ihren schönen Namen sagen würden, würde
ich den Padischah benachrichtigen.“
Der Kapitän sagte: „Ich bin ein Kaufmannssohn und bin auf die Reise
gegangen, um mich zu vergnügen.“ Da ging er dann zum Padischah und
sagte: „Padischah, das angekommene Schiff ist ein Handelsschiff, sein
Kapitän ist ein junger Mann ohne Schnurr- und Backenbart, schön wie ein
Mond am Vierzehnten. Seine Mannschaft ist ihm ganz entsprechend. Ja,
mein Herr, es lohnt sich wirklich, es einmal anzusehen.“ Der Padischah
bekam Lust und wünschte hinzugehen. Dann bestieg er eine Schaluppe mit
sieben Doppelrudern und ging mit seinem ganzen Hofstaat auf das Schiff.
Als der Kapitän sah, daß der Herrscher kam, ließ er die ganze
Mannschaft gelbe Kleider anziehen. Als der König sich der
Landungstreppe näherte, gingen sie ihm alle entgegen und führten ihn
nach oben. Als er in die Kabine des Kapitäns kam, empfingen sie ihn mit
Ehren und bewirteten ihn mit Kaffee und Tabak. Der Padischah war
erstaunt. Danach brach er wieder auf und ging in sein Schloß.
Als der Prinz das hörte, verstand er sofort die Sache. Dann bestieg er
eine Schaluppe und fuhr nach jenem Schiffe.
Wir wollen jetzt wieder zum Kapitän kommen. Wie das vorige Mal, ließ er
die ganze Mannschaft grüne Gewänder anziehen. Jetzt legte der Prinz an
dem Schiffe an. Sie gingen ihm alle mit Ehrerbietung entgegen.
Schließlich kam er in die Kabine des Kapitäns und verweilte dort. Jetzt
fragte der Prinz den Kapitän eingehend nach allem. Der Kapitän gab sich
nicht zu erkennen. Der Prinz verliebte sich in den Kapitän und konnte
sein Auge nicht von seinem Auge trennen. Als es schließlich Abend
wurde, mußte der Prinz wohl oder übel aufstehen und in sein Schloß
fahren.
Wir wollen uns nun wieder zum Kapitän wenden. Er schickte zu dem
Aufsichtsbeamten der dortigen Gegend. Unter seiner Vermittlung legten
sie das Schiff ins Dock. Vor dem Schloß war ein großer Palast. Den
mieteten sie und ließen es sich gut gehen. Wir wollen uns jetzt zum
Prinzen wenden. Am nächsten Morgen, als es Tag wurde, kam er an die
Stelle, wo das Schiff gewesen war, und sieht, daß keine Spur davon da
ist. „Ach, Gott“, sagte er, und schlug mit seinem Kopf auf den Boden.
Er kam zu seinem Lala und fragte ihn. Der Lala erklärte ihm alles,
eins nach dem anderen, und das Herz des Prinzen wurde wieder froh.
Dann ging er ins Schloß. Als er vom Gartenhaus in das Fenster des
erwähnten Palastes sah, fällt sein Blick auf das Mädchen. Der Prinz
wurde verwirrt. Wer ist das wohl? Sollte es die Frau des Kapitäns sein?
vermutete er bei sich. Es war eine Schönheit, die in der Welt nicht
ihresgleichen hatte; die Locken waren nach beiden Seiten gescheitelt.
Als jetzt das Mädchen auch den Prinzen sah, schloß sie das Fenster und
zog sich ins Innere zurück. Da verliebte sich der Prinz von neuem in
sie, und indem er den Palast von allen vier Seiten umging, sagte er:
„Ach, ob ich wohl noch einmal diese Schöne wieder sehen kann?“ Als es
schließlich Nacht wurde, zog er sich in sein Zimmer zurück und weinte.
Am nächsten Morgen kam er in das Gartenhaus und sieht, daß niemand am
Fenster ist. Als er es nicht mehr aushalten konnte, ging er zu seiner
Mutter und sagte: „Ach, Mutter, in diesem Palaste uns gegenüber wohnt
die Frau des Kapitäns, ich habe sie am Fenster gesehen und mich in sie
verliebt, nimm diese diamantbesetzten Holzschuhe und bringe sie ihr als
Geschenk. Ich möchte noch einmal ihr Gesicht sehen, sonst bringe ich
mich um.“ Die Mutter stand wohl oder übel auf und ging sofort zum
Palast des Kapitäns. Nachdem sie eingetreten und gegrüßt hatte, gab sie
die genannten Holzschuhe dem Mädchen. Das Mädchen nahm auch die Schuhe
und gab sie den Sklavinnen in der Küche. Die arme Dame wunderte sich
und sagte zu dem Mädchen: „Meine Prinzessin, der Prinz grüßt Sie
besonders und wünscht Ihr gesegnetes Gesicht zu sehen, aber wie denken
Sie darüber?“ Das Mädchen gab keine Antwort. Nachdem sie noch einige
Zeit gesessen, ging sie in das Schloß und sagte zornig zum Prinzen:
„Ich habe jenem Mädchen die Schuhe gegeben. Sie nahm sie und gab sie
den Sklavinnen in der Küche. Ich war sehr ärgerlich, und obgleich ich
ihr deine Sache auseinandergesetzt habe, gab sie überhaupt keine
Antwort. Dann stand ich auf und ging hierher. Wenn dein Kummer auch
noch so groß ist, so mußt du dich damit abfinden.“
Jetzt ging der Prinz wieder in ein Zimmer und weinte bis zum Morgen.
Dann ging er zu seiner Mutter, küßte ihr die Hand und sagte: „Ach,
liebe Mutter, nur du kannst helfen, denke über ein Mittel nach.“
Die Dame hatte eine sehr kostbare Perlenkette. Die kam ihr ins
Gedächtnis. Sie sagte: „Ich habe im Kasten eine Perlenhalskette, ein
Familienerbstück. Dir zu Liebe werde ich sie ihr geben. Wollen einmal
sehen, was sie tut.“ Der Prinz war erfreut und küßte wieder seiner
Mutter die Hände.
Die Dame ging vom Schloß in den Palast des Mädchens. Nachdem sie
eingetreten, bestellte sie den Gruß des Prinzen und gab jene Perlen dem
Mädchen.
Das Mädchen hatte einen Papagei, der in einem Käfig an der Decke hing.
Sie nahm die Perlen der Dame und gab sie anstatt Futter dem an der
Decke hängenden Papagei. Das Tier fraß sie auf, indem es sie
zerknackte. Da öffnete die Dame ihren Mund vor Erstaunen und sagte zu
sich: „Sieh, der Papagei dieses Frauenzimmers frißt Perlen statt
Futter.“
Dann stand die Dame auf und ging ins Schloß. Als der Prinz eiligst
seine Mutter fragte: „Was hast du erreicht?“, sagte sie: „Ach, mein
Sohn, ich habe die Perlen dem Mädchen gegeben. Sie nahm sie auch und
hat sie einem an der Decke hängenden Papagei statt Futter gegeben. Das
Tier hat sie auch vor meinen Augen aufgefressen. Als ich das sah, wurde
ich traurig. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Ich weiß nicht, wie
das mit uns wird.“
Der Prinz sagte zu seiner Mutter: „Es ist Dummheit von ihr, trag es ihr
nicht nach.“ Auch in dieser Nacht schlief der Prinz bis zum Morgen
nicht und weinte. Am Morgen ging er wieder zu seiner Mutter und sagte:
„Ach, liebe Mutter, ich habe einen Koran, den bringe ihr. Vielleicht
hat sie diesmal aus Ehrfurcht vor ihm Mitleid mit mir und handelt
billig.“ Kurz, er überredete seine Mutter und schickte sie wieder hin.
Die Dame geht wieder bei Gelegenheit in den Palast. Die Prinzessin
kommt herunter, geht ihr mit Ehrfurcht entgegen und holt sie nach oben.
Die Dame war erstaunt. Schließlich holt sie von ihrer Brust den Koran
heraus und gibt ihn dem Mädchen. Das Mädchen nimmt ihn auch artig, küßt
ihn dreimal und legt ihn auf das Bücherbrett. Die Dame sagt zu ihr:
„Mein Kind, der Prinz weint Tag und Nacht andauernd, schließlich wird
er sich töten. Ach, mein Kind, da kannst nur du helfen. Zeige dem
Prinzen doch nur einmal dein Gesicht, damit er dich sehen kann und für
einige Zeit Freude hat.“ Darauf antwortet das Mädchen: „Mutter, ich
zeige mich nicht für etwas Geringes.“ Die Dame sagte: „Ach, mein Kind,
wir wollen tun, was du verlangst.“ Darauf antwortete das Mädchen:
„Mutter, ich will es dir geradeaus sagen, laß jetzt eine goldene Brücke
machen, schmücke sie rings herum mit echten Rosen. Der Prinz soll dann
an dem einen Ende sein Lager machen und sich dort hineinlegen, dann
werde ich dorthin gehen, und dort mag er mich sehen.“
Danach stand die Dame auf und ging ins Schloß. Der Prinz fragte: „Ach,
Mutter, was hast du erreicht?“ Sie sagte: „Mein Sohn, jenes Mädchen
antwortete sehr bestimmt: ‚Eine goldene Brücke sollst du machen und
rings herum mit echten Rosen schmücken, und der Prinz soll an dem einen
Ende sein Lager bereiten und mich erwarten. Ich werde dorthin kommen
und er kann mich sehen.‘ Wenn du das vermagst, laß es machen.“
Kurz, der Prinz ließ eine Brücke, wie das Mädchen sie beschrieben
hatte, machen und schmückte sie ringsherum mit Rosen. Der Prinz machte
an dem einen Ende der Brücke sein Lager und verweilte dort. Man
schickte dem Mädchen Nachricht. Jetzt schmückte sich das Mädchen und
ging mit seinem Gefolge zur Brücke. Als sie über die Brücke ging, stach
sie sich an einem Rosendorn. Da rief sie: „Ach, mein Gesicht!“ und
kehrte wieder in ihren Palast zurück. Der Prinz schaut aus und sagt:
„Sie kommt, ich werde sie sehen.“ Als er sieht, daß das Mädchen umkehrt
und weggeht, sagt er zu seiner Mutter: „Ach, Mutter, ich habe sie nicht
sehen können.“ Die Dame geht sofort in das Haus des Mädchens und sagt
zu ihr: „Meine Tochter, warum bist du nicht zum Prinzen gegangen?“ Das
Mädchen antwortete: „Mutter, ein Rosendorn hat mir das Gesicht
zerstochen, nun könnt ihr die Brücke und auch den Prinzen behalten.“
Die Dame sagte: „Meine Tochter, was sollen wir tun? Du hast in allem
eine List.“ Da antwortete das Mädchen: „Mutter, ich will dir die
Wahrheit sagen. Jetzt laß eine goldene Brücke machen, stelle auf der
einen Seite einen goldenen und auf der anderen einen silbernen Leuchter
auf. Danach soll der Prinz sterben und ihr sollt ihm auf dem anderen
Ende der Brücke sein Grab graben und ihn hineinlegen, dann will ich
kommen und ihm zu Häupten ruhen. Da kann er mich nach Herzenslust
ansehen.“
Die Dame stand zornig auf, ging ins Schloß und sagte: „Mein Sohn, ein
Dorn hat das Mädchen ins Gesicht gestochen, darauf ist sie umgekehrt
und in ihr Schloß gegangen.“ Als er fragte: „Was sollen wir jetzt
tun?“, sagte sie: „Mein Sohn, das Mädchen gab ihre letzte Antwort. So
wie das vorige Mal sollst du eine goldene Brücke machen lassen und auf
beiden Seiten einen goldenen und einen silbernen Leuchter stellen.
‚Danach soll der Prinz sterben und auf dem einen Ende der Brücke soll
man sein Grab machen, und dann mag er mich darin erwarten. Ich werde
dann kommen und ihm zu Häupten verweilen. Dann mag er mich nach
Herzenslust ansehen.‘ So antwortete sie.“
Der Prinz sagte: „Mutter, ich werde vor den Augen der Welt sterben, ins
Grab gehen und sie erwarten. Wollen sehen, was sie diesmal für Listen
hat.“ Das beschlossen sie.
Am folgenden Tage stellten sie auf der einen Seite der Brücke einen
goldenen Leuchter und auf der anderen Seite einen silbernen auf, der
Prinz ging ins Grab. Das Mädchen beobachtete alles.
Wir wenden uns nun wieder zu dem Mädchen. In jener Nacht ließ sie das
Schiff aus dem Dock ziehen und alles, was an Möbeln in dem Palast war,
mit den Sklavinnen auf das Schiff bringen. Als alles fertig war, ging
das Mädchen zur Brücke zu dem Grabe, wo der Prinz war, und sagte: „Da
ist ein Schiff und da ist günstiger Wind nach Stambul.“ Dann bestieg
sie das Schiff und fuhr ab.
Der Prinz stand sofort auf und sieht, daß das Schiff unverzüglich
abfährt. Der Prinz erhob ein Geschrei und ging sofort zu seiner Mutter:
„Ach, Mutter, was ich getan habe, habe ich mir selber zuzuschreiben.
Die Schuld liegt an mir.“ Da verstand er die Handlungsweise des
Mädchens. Er ging zu seinem Vater, küßte ihm die Hand und sagte:
„Lieber Vater, gib mir die Erlaubnis, ich möchte ins Ausland gehen!“
Der sagte: „Sehr schön, mein Sohn!“ und gab ihm die Erlaubnis. Dann
küßte er auch die Hand seiner Mutter und sagte: „Mutter, mir ist ein
Ausweg erschienen, ich muß gehen.“ Er erhielt von seiner Mutter die
Erlaubnis, ging aus dem Schloß, bestieg ein Schiff und machte sich auf
den Weg. Nachdem er das Schiff verlassen, betrat er den erwähnten
Palast. Die Prinzessin ging ihm mit ihren Sklavinnen entgegen. Sie
führten ihn nach oben. Er sagte zu ihr: „Meine Prinzessin, ist es nicht
schade um mich, daß du mir soviel angetan hast?“ Das Mädchen erwiderte:
„Mein Prinz, du vergißt, was du mir angetan hast. Du bist mit dem
Schiff angekommen, hast mich in Feuer gesetzt. War es da vor Gott zu
verantworten, daß du wieder gingst?“ Da sagte er: „Ach, meine
Prinzessin, verzeih’ mir mein Vergehen, trage es mir nicht nach! Die
Schuld liegt an mir.“ Da umarmten sie sich und die beiden Verliebten
erreichten glücklich ihre Absicht.
Danach ging die Prinzessin zu ihrem Vater, und erzählte ihm ihre
Abenteuer eins nach dem andern. Der Vater war auch erfreut und sagte
Gott Dank. Am folgenden Tage wurde die Ehe eingegangen und vierzig Tage
und vierzig Nächte dauerten die Hochzeitsfestlichkeiten. In der Nacht
auf den einundvierzigsten Tag betraten sie das Brautgemach und die
beiden Verliebten hatten einander. Hiermit endigt unsere Geschichte und
damit Schluß.