Am nächsten Morgen kam Fräulein Schulze ganz verstört zu Esther
hereingestürzt.
»Ach Gott, mein liebstes, bestes Fräulein,« rief sie, »ich möchte
ja nicht, daß es jemand anders erfährt, aber zu Ihnen muß ich mich nun
aussprechen -- sie haben es auch am Ende so dicht nebenan schon selbst
gehört: Ihr Zimmernachbar ist heute früh gestorben -- an einem Blutsturz
-- so ganz auf einmal!«
Esther fühlte, wie sich ihr die Kehle zusammenschnürte vor Mitleid und
Entsetzen.
»Weiß es denn schon die Braut?« fragte sie endlich.
»Jawohl, die sitzt bei ihm und will niemand bei sich haben. Sie sagt, daß
sie ausziehen will, sowie er unter der Erde ist.«
»Kann man denn nichts für sie thun?« fragte Esther mechanisch. Und dann
noch einmal voll Wärme: »Besinnen Sie sich doch, Fräulein Schulze, was
man da thun könnte!«
»Da kann nur unser Herrgott helfen -- für mich ist dieses ganze
Vorkommnis ja auch sehr peinlich -- wer weiß, ob niemand deshalb
auszieht,« sagte Fräulein Schulze und wischte sich mit dem Taschentuch
die Augen.
»Ach nein, vielleicht ist es doch möglich,« meinte Esther, »ich will
jetzt gleich vor der Malstunde einmal hinübergehen.« --
Sie klopfte an und trat auf ein rauh hervorgestoßenes »Herein!« in das
Zimmer.
Es war ein ganz winziges Kämmerchen -- ungleich dürftiger noch als das
ihre.
Der Tote lag ausgestreckt auf seinem Bett. Er hatte ein leidensverzerrtes
Christusgesicht.
Esther ging auf Fräulein Nancy zu, die ihr feindlich entgegenstarrte. Sie
wagte kein Wort des Beileids zu sagen, bot nur ganz schlicht ihre Hilfe an.
»Lassen Sie mich in Ruhe,« sagte Fräulein Nancy, »ich gehe Sie
nichts an, und Sie gehen mich nichts an. Das hier ist allein meine
Angelegenheit.«
Esther ging still wieder hinaus. Sie traf Fräulein Schulze im Gang.
»Nun,« fragte die, »haben Sie was erreicht?«
Esther verneinte niedergeschlagen.
»Ich sagte es Ihnen ja, liebes Fräulein, da kann nur unser Herrgott
helfen!«