Und sie sprach noch einmal mit Arne.
Sie sagte: »Zwischen uns ist ein Mißverständnis, Arne, wollen wir es
nicht fortthun?
Wir waren bestimmt Kameraden zu sein -- gute Kameraden, die einer am Leben
des andern teilnehmen, aber nicht das Leben teilen. Wir haben uns geirrt.«
Arne sah finster zu ihr auf. »Was willst du mir denn sagen -- mit deinen
schöngewählten Worten -- du?«
Das Blut stieg ihr heiß ins Gesicht. Er hatte sie so getroffen mit seiner
verborgenen Anklage: sie wählte die Worte, weil sie nichts mehr fühlte.
Sie sah ihn hilflos an und wartete, ob er noch sprechen wollte -- aber er
schwieg.
Zwischen beide drängte sich wie entschleiernd das helle, kalte Licht des
Vormittags. Esther konnte jeden Zug seines Gesichtes deutlich unterscheiden
-- und er wurde ihr immer fremder. Zuletzt sah sie nur noch die malerische
Wirkung der Linien.
»Ich habe es ja gesehen -- gestern abend --« sagte sie endlich nur unter
dem Gefühl, daß eine Antwort von ihr erwartet würde. Ihre Stimme war
fast tonlos.
»Was hast du gesehen?
Du hast gesehen, daß mir jemand Kamerad und Freund wurde, weil du es nicht
sein wolltest. Weil du mir nichts gegeben hast von deiner Seele -- und für
meine kein Verstehen.
Und trotz alledem ist mir noch jetzt ein gutes Wort von dir lieber, als die
ganze Seele jeder andern Frau --
Verstehst du das? Es ist, weil ich dich _liebe_! -- Und nur, weil ich
weiß, daß ich deine Liebe nicht habe, war ich fortgegangen.«
Da fühlte sie, wie seine Worte eine Schuld auf sie luden. Und sie preßte
die Hände ineinander und wagte nicht mehr aufzusehen. Ja, das war es: ihre
Liebe war der seinen nicht ebenbürtig.
»Ich fühle mich so arm vor dir,« sagte sie endlich ganz leise und
demütig.
Er starrte sie an -- ohne zu begreifen. Ganz überrascht und entsetzt sah
er aus, wie jemand, der ganz unvorbereitet etwas Unglaubliches erfährt.
Esther sah das und dachte: So hat er nur seine Vorwürfe gemacht, um
widerlegt zu werden? -- hat gar nicht daran geglaubt, daß alles dieses,
was er sich selbst und mir zur Entschuldigung vorbringt, sich wirklich so
verhalten könnte?
Und sie erkannte ihn plötzlich, wie er sich unter der stets bereiten
Selbstverzeihung einem Wohlgefallen hingegeben hatte, das bald der Liebe
glich. Und dann war er plötzlich nach beiden Seiten gebunden, denn er
konnte weder ihre Liebe, noch Thoras Bewunderung entbehren. Und -- er
würde nicht lange einsam bleiben, wenn sie ihn jetzt verließ.
Sie sah ihm ruhig, wie einem Fremden in das verstörte Gesicht. Eine
leichte, fast mehr physische als seelische Abneigung stieg in ihr auf.
»Also du -- du liebst mich nicht? Du hast mich nur in dieser ganzen Zeit
betrogen?!« brach er gegen sie aus.
Sie fühlte gar nicht seinen Zorn und die Absicht zu beleidigen -- »Ich
habe dich nicht mehr betrogen, als mich selbst,« sagte sie. »Denn ich
habe dich zu lieben geglaubt. Und ich habe keinen andern Willen gehabt, als
die Liebe zu dir. Aber ich habe mich in mir selbst getäuscht.«
»Das siehst du ein bischen spät ein!« fuhr er sie herausfordernd und
höhnisch an. Er war ganz kampfbereit.
Sie sah fremd und verwundert auf ihn und ging still aus dem Zimmer.
* * * * *
Nun kamen noch wenige Tage von jener quälenden, niederdrückenden
Trostlosigkeit, wo wir das Leben ohne den Maskenstaat der Wünsche und
Hoffnungen nur mehr in seiner plumpen Alltäglichkeit sehen -- wo wir
uns fürchten aufzublicken, weil uns alle Dinge mit fremden, verzerrten
Gesichtern anschauen könnten -- wo uns vor der köstlichsten Speise graut,
weil wir den Ekel dahinter spüren. -- -- -- --
Esther erwartete nur die Antwort einer Berliner Pensionsdame vor ihrer
Abreise.
Gleichgültig und ohne den kleinsten Aufschwung der Phantasie hatte sie den
Beschluß gefaßt, sich dort im Malen auszubilden.
Selten wohl ist jemand mit so geringen Erwartungen der Kunst
entgegengegangen. -- --
»Ich kann dich nicht halten, Kind -- ich weiß, daß ich dich hier nicht
festhalten darf,« sagte der alte Rude zu Esther -- und dabei sah er sie
doch suchend an, als könnte sie ihm jetzt noch sagen: alles soll gut
werden.
Und wie sie stumm blieb, wiederholte er sein altes Wort: »Wie du es
willst, wird es schon recht sein.«
Da trat sie mit einer leichten scheuen Bewegung zu ihm hin und lehnte sich
an ihn. Und er legte seinen Arm um ihre Schulter und zog sie an sich, bis
sie ganz leise weinte an seiner Brust. Es war jedoch nicht lange gewesen,
dann machte sie sich schon wieder los.