Ich verstehe alles Traurige --«

* * * * *

Arne kam herein -- jung, strahlend, liebenswürdig.

»Seid Ihr denn schon zurück?« fragte Esther.

»Ja; zu schade, daß du zu dieser Probe nicht mitfahren konntest! -- Aber

wie geht es deinem Kopfschmerz?«

Esther lächelte ein wenig müde. »Komm, setze dich zu mir und erzähle,

wie es war.«

»O, so lustig sind wir gewesen! Bis es Fräulein Luise zu viel wurde.

Findest du nicht, daß sie ein bißchen altjüngferlich ist? Vor der Zeit

-- so ein klein wenig?«

»Das habe ich nie gefunden.«

»Na -- ja -- freilich. Ich mag nun die Leute nicht, die keinen kleinen

Scherz vertragen können.

Da ist Fräulein Thora ganz anders. Temperament hat sie -- das reine

Zigeunerblut -- und ist doch zart und fein und rührend, wie ein kleines

Kind!«

»Hat sie wieder von ihrem Verlobten erzählt?«

»Diesmal nicht. Wir machten nur lauter Tollheiten. Zuletzt war sie so

müde davon, daß sie neben mir saß und beinahe schlief. Fast wäre sie

gegen meine Schulter gesunken und eingeschlafen!«

»Was sagte sie denn zu deinem Manuskript?«

»Sie fand es schön. Sie sagte nicht viel, aber ich sah es an ihrem

Gesicht.

Aber etwas anderes hat sie gesagt. Wir sprachen von meinen andern Sachen,

und sie hat alles gelesen. Und da sagte sie: ›Ich bin gewiß ein

schlechter Kritiker -- aber mir gefällt alles so unmäßig, was Sie

schreiben‹.«

Er saß eine Weile ganz ruhig und sah vor sich hin. Dann redete er

plötzlich wie aus einem Traum, und seine Stimme hatte einen gebrochenen

Ton. »Ist das nicht das Zeichen, daß sie mich ganz verstanden hat,«

sagte er, »daß sie es ist, die mich so ganz versteht --«

Esther erhob sich und trat dicht zu ihm hin. In ihr war eine

eigentümliche, fast unpersönliche Liebe.

»Du mußt zu ihr gehen,« sagte sie. »Ihr gehört zusammen.«

Er sah sie an. Es war, als könnte er nicht verstehen, als fühlte er nur

hinter einem Verstehen das Entsetzen dämmern.

»Was -- was sagst du da?

Ja, ist es denn, daß du mich nicht mehr willst? Schickst du mich denn

fort?«

Und plötzlich kniete er vor ihr, und seine Arme schlangen sich zuckend um

ihren Körper. »Geh nicht fort von mir! Geh nicht! -- Ich kann nicht ohne

dich leben!«

Sie war ganz ratlos. Alles schien ihr plötzlich unverständlich. Sie

fühlte nur immer seine Küsse auf ihren Händen -- und dann auf dem

Mund --

Und unter diesen Küssen wurde sie so seltsam kühl und

gleichgültig. -- --

* * * * *

Die Aufführung war überstanden. Man hatte auch getanzt und Bowle

getrunken, bis die allgemeine Stimmung ihren Höhepunkt erreichte. Jeder

beschäftigte sich nun nur noch mit sich selbst, und wenn es hoch kam, mit

seinem Nachbar.

Herr Nyblom aus Hönegaard stand neben Esther in der Fensternische.

»Ihre fremdartige Aussprache paßte so gut für die Rolle der Hedda,«

sagte er. »Sie haben sie noch anziehender und eigenartiger dadurch

gemacht, gnädiges Fräulein.

Überhaupt liebe ich so den deutschen Accent und alles Ausländische. Sie

sind viel feuriger dort unten im Süden, als wie hier oben.

Ho! Sie haben Feuer für Blut -- Wir sind Fische dagegen!

Aber ich bin auch einmal in Deutschland gewesen -- bis hinunter nach

Heidelberg. Meine Frau und ich, wir haben unsre Hochzeitsreise dorthin

gemacht.

Und die Studenten gaben gerade ein Fest -- mit Pechfackeln zogen sie

vorbei -- und da schielten sie nun immer herüber zu meiner Frau --

hahaha! -- --«

Esther bemerkte, daß die Geschichte von Herrn Nybloms Hochzeitsreise nach

Heidelberg sich auch ohne nachhelfende Antworten abzuwickeln vermochte und

wandte ihre Aufmerksamkeit mehr der übrigen Gesellschaft zu.

Nicht weit entfernt saß Arne neben Fräulein Thora auf einem Ecksofa.

Sie hatten traurige Gesichter und schwiegen beide. Aber ihre Augen hingen

ineinander.

Dann sagte Fräulein Thora: »Ja, das ist es wohl -- es ist nun wohl das

letzte Mal. Wir werden uns nie wiedersehn.«

»Wir werden uns nie wiedersehn,« sprach Arne wie mechanisch nach und

senkte seinen hellen Lockenkopf.

»Ich hätte Ihnen noch etwas zu sagen,« fing Fräulein Thora wieder an,

»wenn wir nur in andern Verhältnissen wären --

O Gott! Ich werde selbst nicht aus mir klug -- es ist alles so

wunderlich -- --!«

Arne nickte stumm und sah mit einem demütig-sehnsüchtigen Ausdruck zu

Fräulein Thora auf -- mit diesem rührenden Blick eines treuen Hundes, den

Esther so wohl an ihm kannte. --

»Ist das nicht komisch?!« hörte Esther Herrn Nybloms amüsierte Stimme

neben sich. Und gleich darauf wiederholte er: »Gnädiges Fräulein, finden

Sie das nicht auch recht toll?«

»Ja, es ist toll,« sagte Esther und wandte sich langsam nach dem Fenster

um.

Und drüben lag das Meer -- weit und schwerdunkel -- nur nach den Ufern zu

schäumten die Wellen weiß auf im Mondlicht.

Lange stand sie so und sah hinaus, und als sie die Augen wieder

zurückwandte, war alles so klein und vergänglich um sie her geworden, wie

ein kurzes Komödienspiel. -- Und sie sah auf diese Menschen mit denen sie

lebte -- und alles war fremd und ferngerückt. -- Und sie fühlte ihr Herz

leer -- aber weit vor Sehnsucht zum Unbekannten. -- --

Die Hochzeit der Esther Franzenius: Roman · 第 29 / 93 题