Da gab es einen neuen Gast bei Bergsös, das Fräulein Thora Ingermann.
Zart und zierlich war sie und trug eine hellgelbe Lockenmähne -- darunter
ein keckes freundliches Gesicht. Sie war wie geschaffen für die Rolle der
Frau Elvsted.
Und dann führten sie diese Scene auf, in der Hedda, die den Mann ihrer
Liebe verloren hat, zusieht, wie sich ein leises, noch so harmloses
Verständnis zwischen dieser kleinen harmlosen Frau und dem ehrbaren,
allerharmlosesten Tesmann anspinnt. Wie auch der, dem sie die Treue eines
Lebens geben wollte, ihren Händen entgleitet. -- -- -- --
Fräulein Thora Ingermann war verlobt. Sie hatte eine Menge Bilder ihres
Verlobten mit. Er war ein Seeoffizier mit prächtigem Schnurrbart.
»Tesmann! Sehen Sie, ist er nicht einzig? Haben Sie schon je einen so
schönen Mann gesehen?«
Tesmann-Arne betrachtete das Bild und stimmte freundlich, wenn auch
vielleicht nicht aus überzeugtem Herzen, zu.
Das Fräulein machte ein schmachtendes Gesicht und sah Arne verführerisch
an. »Ich liebe ihn so!« sagte sie. »Sie können es nicht begreifen, wie
ich ihn liebe!« -- --
Auf dem Rückweg meinte Arne zu Esther: »Ist es nicht ein liebes kleines
Ding, der neue Besuch bei Bergsös? Sie hat so eine schöne rührende Liebe
für ihren Verlobten.«
»Ja, es ist rührend,« sagte Esther.
* * * * *
Arne suchte zwischen seinen Manuskripten. Sie lagen schön geordnet in
einer geschnitzten Eichentruhe und waren stoßweise mit goldenen Schnüren
umwickelt.
Er war sehr eifrig. -- »Esther, was rätst du mir Fräulein Thora zu
geben?«
»Gieb ihr doch dein letztes Buch.«
»Das will sie eben nicht. Sie sagt, sie möchte etwas Handschriftliches
von mir lesen. Da wühle ich nun immerzu in meinen Sachen und weiß
wirklich nichts Passendes zu finden!«
»So schreibe ihr etwas Passendes.«
»Ja, meinst du, daß ich das kann?«
»Warum nicht, wenn du es willst?«
Arne besann sich. »Ich werde etwas über sie und ihren Verlobten
schreiben,« sagte er endlich.
»Thu das, lieber Arne.«
Arne zog sich für ein paar Stunden zurück. Dann kam er erhitzt und
triumphierend mit einem kleinen Manuskript herein, das bereits recht sauber
mit einer Goldschnur geheftet war.
Esther las:
»Im Frühsommer.
»Eine ganze Bucht von Heckenrosen hängt über den Rand des Hohlweges,
bauscht sich in blühender Fülle und wölbt lange, geschmeidige
Zweige von einer Wand hinüber zur andern -- ganz, als sei für den
einziehenden Sommer ein Triumphbogen errichtet. -- Und so zahllos sind
die Blüten -- sie wetteifern mit dem Abendhimmel, wer das köstlichste
Rot aufweisen kann.
»Aber da, wo der Sommer einziehen sollte, kommt jetzt ein junges
Menschenpaar. Wie im Traum gehen sie beide, und er hat ganz zaghaft den
Arm um ihre Schulter gelegt. So leise berührt er sie, daß bei jedem
Schritt seine Hand ein wenig zittert -- denn sie haben sich ja eben zum
erstenmal von Liebe gesprochen. Nun wissen sie plötzlich nichts mehr
zu reden. Es ist, als ob ringsum alles Stimmen bekommen hätte: Von
den Rosen tönt eine ganz leise, feine, süße Melodie, und das Gras zu
ihren Füßen seufzt -- nur die Luft im Hohlweg hält den Atem an und
staut sich in dichten, berauschenden Duftwolken.
»Und jeder Schritt, den sie vorwärts thun, führt tiefer -- tiefer in
diese seltsame Märchenwelt hinein.
»Nun kommt das Ende der Rosenhecke, schon sehen sie das Korn, welches
dahinter steht, in blausilbernem Schimmer hindurchblinken -- und
dazwischen die feurigen Mohnen. -- Ein leichtes Zurückschauern
durchbebt das Mädchen -- --: der brennend, brennend rote
Mohn -- -- --
»Dann gehen sie ruhig weiter -- zwischen dem sommerduftenden Korn mit
den heißroten Blumen -- immer noch schweigend -- nur seine Hand hat
sich fester um ihre Schulter gelegt.«
Esther gab es ihm zurück. -- »Ich dachte, du wolltest von Fräulein Thora
und ihrem Verlobten schreiben?«
Er lächelte verlegen. »Ja, aber von dem Verlobten weiß ich doch nichts
Genaues -- so habe ich nur an Fräulein Thora gedacht -- und wie sie wohl
sein könnte, wenn ein Mann sie liebt.
Und dann ist nur so ganz im allgemeinen ein Bild der Liebe daraus geworden.