Purpurn schillerte die Heide vor lauter Sonnenlicht.
Sie gingen nicht mehr zusammen auf den kleinen Kirchhof -- sie suchten
alles auf, was froh und leuchtend war.
Wie die Kinder gingen sie miteinander Hand in Hand. Und sie machten
Entdeckungen in der altgewohnten Umgebung, ihre Blicke waren so sonderbar
für alle Außenwelt geschärft, und sie fanden auf einmal wundersam
schön, was sie früher gar nicht beachtet hatten.
In den Wald kamen sie am oftesten. Es gab da so viel Buschholz, daß man
sich schon verirren konnte, oder sich doch auf Augenblicke der aufregenden
Vorstellung hingeben, man wüßte nicht mehr den Heimweg zu finden, und
wenn auch das einmal nicht möglich war, so konnte man wenigstens dem
andern diese Möglichkeit vortäuschen.
Esther gab sich in dieser Zeit ganz der Gegenwart hin.
Eine übermütige Knabenlust, ihre Körperkräfte zu erproben, überfiel
sie manchmal. Dann forderte sie Arne zum Ringkampf heraus und sie balgten
sich miteinander wie Gassenbuben.
Dann lagen sie wieder ausgetobt und beschaulich geworden am Waldsaum.
»Ach wenn ich doch lieber ein Mann wäre!« seufzte Esther.
»Dann wärst du kaum erst mit dem Gymnasium fertig -- ein Student in den
ersten Semestern!«
»Ja, das ist wahr: man kommt sich als Frau älter vor.
Eine Zeitlang war ich ganz alt. Nun ist es aber wieder, als sollte
alles erst anfangen -- fast als ob ich noch nicht mitrechnete unter den
›Erwachsenen‹.
Weißt du noch, wie man als Kind die Erwachsenen sieht: so unendlich weise
und interessant und eingeweiht in die Geheimnisse des Lebens.
Und man denkt daran, wie an eine ferne bevorstehende Ehrung, daß man auch
einmal zu ihnen gehören wird.«
Er sah sie an mit seinem strahlenden, frohgemuten Blick. »Mir ist es nun
doch lieber, du bist eine Frau und kein Mann,« sagte er mit recht viel
Überzeugung.
Sie wurde nachdenklich. »Hast du noch nie eine Frau vor mir geliebt?«
fragte sie ernst.
»Nie,« sagte er. »Und wenn ich es wagte zu dir zu kommen, so ist es nur,
weil du die erste bist.«
Da beugte sie sich nieder und küßte seine Hand.
* * * * *
Adam Rude hatte wieder seine Tage, wo er in »böser Laune« umherging.
Des Vaters »böse Laune« war ein nahezu geheiligter Zustand. Keinem fiel
es ein, nach ihrer Ursache zu fragen -- man nahm einfach die Thatsache hin,
beugte sich darunter wie unter das Schicksal.
Mit finsterem Gesicht wanderte Adam Rude durch das Haus. Den größten Teil
des Tages schloß er sich in dem Zimmer ein, wo das Bild seiner Frau hing
-- gleich einem Priester, der sein Leben im Marienkult verzehrt.
Auch zu der Verlobung seines Sohnes mit Esther hatte er erst kein Wort
geäußert. Kaum wußte man, ob er wirklich verstanden hatte, bis er
plötzlich bei Tisch auf eine zugleich feierliche und finstere Art den
beiden zutrank.
»-- und dann ist es jetzt wohl an der Zeit,« fuhr er fort, »daß man
auch mich nicht mehr ausschließt, wenn alle sich du nennen.«
Er blickte zürnend um sich. Esther hatte im ersten Augenblick diese
wunderliche Ausdrucksweise nicht verstanden, bis Arne über den Tisch rief:
»Der Vater möchte dich du nennen, Esther!«
Esther errötete. Sie sah Adam Rudes Blicke so unbegreiflich zornig und
schmerzlich auf sich gerichtet, wurde davon ganz verwirrt und wußte keine
Antwort. Sie hob nur in schweigender Erwiderung ihr Glas gegen ihn.
Eine quälende Stille wurde nur ab und zu durch Arnes ungedämmte
Fröhlichkeit unterbrochen. Eliza duckte sich ganz verstört zusammen wie
ein Vogel im Gewitter.
Nach Tisch ging Esther dem Alten nach. Sie sagte: »Sie sollen mir nicht
böse sein, ich wollte ja so gern, daß Sie mich Du nennen -- aber ich habe
es lieber, wenn ich zu Ihnen Sie sagen darf.«
Vielleicht sah sie recht hilflos aus mit ihrer Bitte. Auf jeden Fall war
etwas in ihrer Art, das seine Ritterlichkeit hervorrief.