Er sagte: »Wie du willst, Kind -- wie du willst.«

Und als sie nicht gleich wieder ging, beugte er sich mit einem seltsamen

Ausdruck von Güte und Wehmut über sie und berührte mit den Lippen ihre

Schläfe. -- Dann sagte er: »Wie du es willst, so wird es gut sein.«

Danach aber versank er wieder in seine »böse Laune«.

* * * * *

Sie saßen allein zusammen in der Abenddämmerung und machten

Zukunftspläne.

Fast vergaßen sie die Gegenwart über den Gedanken an das Kommende. Esther

sagte: »Du mußt erzählen, wie es dann sein wird.«

»Dann« war nach der Hochzeit.

Sie wollte immer hören, wie es »dann« wäre -- sie hatte eine feste und

gläubige Zuversicht in dieses zukünftige Ereignis gefaßt, als ob damit

durch eine magische Gewalt die letzten zögernden Vergangenheitszweifel

vernichtet werden müßten.

Ja, sie wollte ihm gehören -- sich ihm so mit allem Willen hingeben, daß

einmal jenes letzte, seligste Wort auch zwischen ihnen zur Wahrheit werden

könnte. -- -- -- --

»Du mußt erzählen, wie es dann sein wird!«

Er hatte die Hände in die Hosentaschen versenkt und lehnte sich zu ihr

hinüber, so daß sie sein Haar roch, aus dem irgend ein künstlicher

Wohlgeruch stieg. Er senkte die Stimme zu einem Flüstern, das Esther ein

wenig affektiert klang, und erzählte die Geschichte mit den Worten, wie

er sie jedesmal begann: »Am Abend kommen wir in Kopenhagen an -- und am

andern Morgen zeige ich dir die Stadt.«

Sie verspürte so eine unwiderstehliche Lust, über ihn zu lachen.

Durch die Dämmerung sah sie aber, daß er jenen aus Zufriedenheit und

Sentimentalität gemischten Ausdruck hatte, den zu unterbrechen man nicht

leicht einem Menschen gegenüber genug Grausamkeit aufbringt.

Sie bemühte sich also ernst zu bleiben, während er, an ihre Schulter

gelehnt, lispelnd und mit gefühlvoller Betonung ein gefühlvolles Glück

unter den Sensationen der Großstadt beschrieb.

Nein, sie konnte es nicht mehr aushalten, ohne zu lachen! Sie griff irgend

einen kleinen motivierenden Einfall auf, lachte und sagte: »Weißt du

noch, Arne, was für kluge Dinge in deiner Novelle standen, die du mir

neulich zeigtest?«

»Welche?« fragte er unwillig über die Unterbrechung.

»Sie hieß ›Moderne Frauen‹. Und die moderne Frau -- sie trug einen

›~high life~-Gürtel‹, weil die Novelle im Jahre 95 geschrieben war

-- war so ungehalten über die ungesellschaftliche Pose, in der sie

ihren Ehemann überraschte -- ich glaube, er saß rittlings über einer

Stuhllehne --, daß sie sich von ihm scheiden ließ.«

Er fuhr aus seiner nachlässigen Haltung auf und setzte sich kerzengerade.

»Unsinn! Das hast du ganz falsch verstanden!« berichtigte er scharf.

»Deshalb war es doch nicht, daß sie sich scheiden ließ!«

»Ich dachte!« meinte Esther und trat leise vor sich hinsummend zum

Fenster.

Er ging ihr nach, und nun sah sie im hellen Mondlicht, daß er ein überaus

beleidigtes Gesicht machte. Ja doch -- sie hatte ja seine Dichterwürde

gekränkt!

Wenn sie doch nur dieses dumme Lachen überwinden könnte! -- Sie sah ja,

wie es ihn immer mehr reizte.

Sie trug einen weißen Shawl; den schlang sie jetzt in nervöser Hast bald

um die Schultern, bald um den Kopf. Das Heliotrop im Fenster roch stark zu

ihnen herauf. Dicht vor ihr war das helle, nun durch den Zorn ein wenig ins

Antike veredelte Gesicht Arnes.

Fortwährend wurde sie von dem Gedanken gepeinigt, er werde nun gleich in

Worte des Vorwurfs ausbrechen -- sein Schweigen begann sie schon zu quälen

-- aber trotzdem zwang diese Erregtheit sie, immer weiter zu lächeln.

Sie zog den Shawl wieder über die Augen, so daß nur noch ihr lachender

Mund im Mondlicht stand. Und da -- fühlte sie plötzlich seine schweren

und heißen Lippen auf ihrem Mund -- fühlte sie ganz unerwartet und

wie eine unerhörte Beleidigung seinen Kuß. Und er ließ sie nicht los,

preßte seine Zähne nur fester gegen ihre Lippen, so daß sie aufstöhnte

vor Schmerz und Empörung.

Und sie riß sich los und lief in ihr Zimmer. Dort fing sie an sich zu

waschen -- wusch sich immer wieder den Mund -- rieb und wusch, als wäre

der Kuß eine äußerliche Verunreinigung gewesen.

* * * * *

Am andern Morgen begegneten sie sich mit einer zornigen Scheu. Esther

versuchte anfänglich den Vorgang des letzten Abends zu ignorieren und ging

mit ihm, wie sie sonst immer gethan, den alten Weg über die Heide nach dem

Walde zu.

Aber sie fanden kein zusammenführendes Wort -- gingen nur immer schneller,

wie hastend nach einem rätselhaften Ziel.

Da, wo Wald und Heide sich scheiden, ruhten sie nach alter Gewohnheit.

Die Hochzeit der Esther Franzenius: Roman · 第 22 / 93 题