Sie lächelte vor sich hin. Wie war es doch gekommen, daß sie einzig
_Glück_ als ein Gegenargument genommen hatte, sie, die doch das Glück
nie kannte? -- Freilich, es mochte wohl meist der Schmerz sein, der die
Menschen zwang, eine Hoffnung auf das Jenseits zu bauen -- der Schmerz,
den sie keine Stunde tragen möchten, wenn nicht die mystische Wandlung zu
ewiger Freude bevorstände. -- --
Arne hielt ihr Schweigen für widerstandslose Einsicht. Er war sehr
zufrieden mit dem Sieg der Wissenschaft und ein bißchen auch mit dem
seines Geistes.
Er sah sie an, folgte ihren Bewegungen, und das Gefühl seiner
Überlegenheit steigerte nur die Freude an ihrer jungen und anmutigen
Weiblichkeit.
»Übrigens liebe ich es, wenn Frauen ein wenig Christentum haben,« sagte
er da gönnerhaft.
Sie hatte plötzlich Lust, ihn an den Ohren zu reißen und einen kleinen,
dummen Jungen zu nennen. Sie sagte aber nur mit ironischer Demut: »Ich
danke Ihnen im Namen aller Frauen!«
Er schielte herüber, ob sie auch nicht zu sehr den Sinn seiner Worte
verstanden habe und wurde verlegen. Er wurde so verlegen, daß es ihn nach
einer Kraftäußerung gelüstete, und da kam ihm ein sumpfiger Kuhpfad zu
statten, der hier den Weg überquerte.
Eifrig rief er: »Sie müssen es schon erlauben!« und hob Esther auf seine
Arme. Mit der leichten Kraft eines jungen Centauren trug er seine Last
über den Sumpf.
»Bin ich Ihnen denn nicht zu schwer?« fragte sie.
Er lachte glücklich und verneinte.
Sie sah nieder auf seinen jünglingshaften Hals. Sie war ihm gut -- und
dankte ihm für etwas Unbestimmbares -- vielleicht daß so viel Jugend von
ihm ausging.
Neben einer Weide, die sich, aus einer Böschung herauswachsend, tief über
den Weg bückte, ließ er sie wieder zu Boden gleiten.
»Glaubten Sie denn, ich könnte nicht auf eignen Füßen gehen?« fragte
sie lachend.
Er errötete wie ein Knabe. »Doch -- Sie sind ein guter Kamerad,« sagte
er.
Sie wurde auf einmal ernst. »Lassen Sie mich das bleiben,« sagte sie
frei.
Er schüttelte heftig ihre dargebotene Hand.
* * * * *
»Heute abend geben wir ein Fest,« erklärte Arne eines Tages.
»Vater mag nicht, wenn so viele Menschen kommen,« meinte Eliza.
»Dummerlein! Gar keine Menschen sollen kommen! Wir geben das Fest ganz
für uns allein.
Diese Zimmer sind so ganz versunken in Traurigkeit und Langeweile -- man
muß sie ein bißchen fröhlich machen!« -- --
Nach dem Pachthof zu lag ein Wald. Die drei jungen Menschen machten sich
auf zu einer Entdeckungsreise -- Ein Fest braucht Blumen und Kränze.
Sie bahnten sich einen Weg durch Brombeerhecken und Haselnußgebüsch, sie
gingen bis zu den Knöcheln im weichen, modernden Laub und wählten das
Froheste unter den frohen Farben des Herbstes.
Ein kleiner Hügel kam; auf dem gab es ein Rankengewirr aus
Jelängerjelieber und Waldrebe, das schon von feinen staubweißen
Samenperücken übersponnen war.
Arne trat vor und schnitt ein paar lange Guirlanden herunter. An der einen
saß noch ein Blütenbüschel. Er brach dieses rötliche Sträußchen und
überreichte es Esther ganz feierlich. »Je länger -- je lieber.«
Esther nahm es, drehte es zwischen den Fingern und lächelte. Sie lächelte
und sah zwischen den Baumzweigen hindurch nach dem Himmel; der war von
blauem Glas. -- Es roch gut nach feuchter Erde, fast wie Veilchen, und
kräftig nach welkem Buchenlaub und Baumrinde, die schon des Nachts bereift
gewesen. -- Beim Stillstehen fühlte sie das Blut wie heißen Wein durch
ihren Körper rinnen.
Und sie lächelte und drehte den Blütenstiel zwischen den Fingern -- ging
ein paar Schritte -- drehte -- und ließ achtlos die Blüten fallen.
Nur Eliza hatte es gesehen.