Sie hob sie auf, trat hin zu Esther und fragte: »Warum thust du das?«

Wie ein schmerzlicher Vorwurf klang dieses »Warum thust du das?« -- Und

dann: »Wenn du sie nicht haben willst, gieb sie mir -- aber du darfst

nicht fortwerfen, was er dir giebt.«

Esther zog die Augenbrauen hoch, antwortete nichts und ging zur Seite.

Eliza folgte ihr niedergeschlagen.

Sie kamen auf einen Feldweg. Am Waldrand rief Arne: »Fräulein Esther!

Eliza! Hier diesen Weg müssen wir zurück! Sie gehen falsch!«

Eliza berührte mit den Fingerspitzen Esthers Arm und sagte ängstlich:

»Er meint, wir gehen falsch!«

Esther wandte ihr Gesicht, das in übermütiger Lustigkeit einen

knabenhaften Zug erhielt, zu dem Kind und sagte: »Laß ihn nur -- er wird

uns schon nachkommen!«

»Das thut er nicht,« meinte Eliza zweifelnd.

Aber da sahen sie schon wie Arne, den Kampf gegen die Ackerschollen

aufnehmend, querfeldein herübergestiegen kam.

Eliza bog den Kopf zur Seite und sah Esther sanft und verwundert an.

Esther lächelte nur -- ein ganz kleines, spitzbübisches Lächeln.

»Du bist anders geworden,« sagte Eliza.

* * * * *

Das Gartenzimmer stellte einen prächtigen Tanzsaal vor. -- Ein ganz

besonderer Luxus war mit den hohen, dicken Wachskerzen getrieben, die

ihr Licht so seltsam einschmeichelnd verteilen, wie eine Stimme, die von

verborgner Liebe redet.

In einer halberhellten Ecke saß der alte Rude in seinem steifen

hochlehnigen Sessel. Er saß steif und aufrecht und glich mehr als je einem

Gemälde der niederländischen Schule -- jenem Typ voll Charakter und fast

einfältiger Würde, von dem man jedoch sicher ist, daß er klug zu reden

und klug zu schweigen versteht.

Eliza trug ein weißes Kleid. Sie mochte nie tanzen, saß auf einem Tisch

und geigte. Sie machte große ernste Augen und spielte so ungewöhnlich

leise. Ein recht eigenartiges Spiel war es: ganz ohne Kraft und Temperament

-- nur eine Tonreihe kleiner überzarter Liebkosungen.

Es gab nur das eine Paar, das tanzte. -- Sie waren zusammengeheftet --

konnten nicht aufhören.

Die Lichter schwirrten -- warme Luft zog wellengleich vorüber. Esther

fühlte sich ermatten -- so ganz weich, langsam, leise. -- Sie tanzte mit

gelösten Gliedern.

Und da war der, der sie hielt und leitete. Sie spürte seine warme,

ruhige Kraft. -- Sie sah zu ihm auf und lächelte ein wenig unsicher. --

Plötzlich sah sie -- rote Beeren durch den Nebel schimmern? -- Ja, es war

dieses alte, alte Gefühl der Lust, das sie einmal überkam, wenn sie die

roten Beeren der Eberesche durch den Nebel leuchten sah.

Das Blut lief ihr mit einem heißen, schmerzhaften Ruck durch den

Körper -- -- Rote -- Beeren -- durch den -- Nebel -- leuchten --

»Ist Ihnen nicht wohl, Fräulein Esther?«

»Nur ein bißchen schwindelig.«

»Sie waren so blaß geworden. Setzen wir uns hier.« --

»Woher haben Sie die rote Rose, die Sie mir vorhin gaben?«

»Es ist die letzte Blüte von Camille de Rohan.«

»Ich weiß noch, wie sie in der Sonne stand -- --«

Sie waren still -- saßen nebeneinander und schwiegen. Auch Eliza hatte die

Geige sinken lassen. Für einen Augenblick hörte man nur das Brennen der

Kerzen wie einen leisen Atem durch den Raum.

Esther dachte: Etwas kommt zu mir -- eine tiefe Angst. Ich verliere mich,

und alles ist fremd und seltsam und bethörend -- --

Die Hochzeit der Esther Franzenius: Roman · 第 14 / 93 题