Arne runzelte ungnädig die Stirn. »Was ist ›unwahr‹ daran?«

»Es ist nicht ›rein‹, wenn ein Mädchen nichts anderes von der Liebe

will, als Mutter werden --«

»Das ist die Reinheit der Natur!«

»Doch wohl nicht so ganz --« Esther zögerte ein wenig sich

auszusprechen, aber dann sagte sie: »Das ist vielleicht die Natur des

Tieres und ursprünglich des Menschen auch -- wie wir aber jetzt sind,

haben wir zu sehr die zweite Natur: die Seele in uns entwickelt, als daß

uns nicht andere und -- göttlichere Dinge zusammenführen. Mir scheint,

eine vollkommene Liebe ist Sehnsucht nach der andern _Seele_ -- nicht nur

Mittel zu einem Zweck der Natur.«

Arne lächelte überlegen.

Esther dachte: Wie nur alles Feine und Unantastbare so in die Verachtung

der Menschen geraten kann -- nur weil es vielleicht zu lange schon ein

mißverstandenes und mißbrauchtes Ideal gewesen sein mag? -- Und sie

dachte weiter: alles, woran die Menschen eine Zeitlang mit ihren Gedanken

rühren, wird so schmutzig und verbraucht, daß es ihnen zuletzt selbst zum

Ekel und zum Wegwerfen ist. Und dann kommen ein paar Nachzügler, sammeln

es aus der Verachtung heraus und machen es zu neuen und wieder verspotteten

Heiligtümern. -- -- So dachte sie und vergaß wirklich dabei sich gegen das

überlegene Lächeln zu wehren.

Doch Arne begann noch einmal: »Verzeihen Sie, aber wie läßt sich eine

›Seele‹ erkennen? Die Menschen haben edle und unedle Aufwallungen

-- ein Fazit läßt sich da kaum ziehen --, sie haben ansprechende und

abstoßende Gesichtszüge -- und oft spiegelt ein bißchen Bleichsucht eine

schöne Mädchenseele vor. Der Körper ist das einzige, was sich erkennen

läßt -- und der erotische Instinkt ist von vornherein göttlich!«

Esther schwieg noch immer. Der junge Mann wußte alles so genau. Er sprach

mit einer so verblüffenden Sicherheit, die jede Gegenrede auszuschließen

schien. -- So sagte sie nur noch ganz zögernd mehr für sich selbst als im

Anschluß an das, was gesprochen wurde: »Ich meine, man müßte an einer

Liebe, die nie die höchste Vereinigung erreichen kann oder doch will, zu

Grunde gehen.«

»Wir sind alle für die Einsamkeit geschaffen,« klang da die eintönige

Stimme des alten Rude hinein.

Diese Worte legten sich für den Augenblick wie eine trostverlassene

Prophezeiung auf alle Anwesenden.

Eliza blickte schutzflehend von einem zum andern.

Aber da setzte die kraftfrohe, junge Stimme Arnes ein. Und er sagte so

zuversichtlich: »Der Trost hierfür ist eben die Liebe -- die Liebe

auf Gnade und Ungnade -- die Liebe um jeden Preis und über alle

Unzulänglichkeiten hinaus!«

Eliza lächelte ihrem Bruder zu. Sie stand mit der Zwanglosigkeit eines

unerzogenen Kindes vom Tisch auf und ging mit ihren leichten, leichten

Schritten hin vor einen Spiegel. Sie sah dort lange und ernsthaft sich

selbst ins Gesicht, wandte sich dann um und sagte im Ton eines Babys:

»Eliza bekommt Kummerfalten von euren traurigen Gesprächen!«

»Eliza soll herkommen zu mir!« bat Arne.

Eliza lehnte sich an seine Schulter. Da strich er ihr zärtlich über das

Gesicht und sah sie mit guten, frohen Augen an.

Diese Berührung schien das Mädchen seltsam wohlthuend und beruhigend zu

empfinden. Es war, als ginge von seiner Hand Lebensfreude aus. --

Esther dachte plötzlich, diese Hand müßte warm und trocken sein und ein

wenig hart. In der Bewegung des Handgelenkes lag Energie und eine gewisse

nervöse Sensitivität.

* * * * *

Arne war es, der neben Esther über den Kamm des Heidehügels ging. Er

machte pompöse Handbewegungen, die rings das ganze Land einschlossen und

philosophierte.

»Es giebt eine neue Religion -- die Religion der Wissenschaft,« sagte

er. »Die sollte man verbreiten im Volk, und der alte Aberglauben von einer

Belohnung im Jenseits muß ihnen genommen werden. Sie müssen die Wahrheit

verstehen lernen.

Einen neuen Messias brauchen wir, der sie auf das Leben weist, der aus

Stubenhockern Leute der Freiheit und Freude macht.«

»Es könnten nicht alle die Hoffnung auf das Jenseits entbehren.«

»Wollen Sie denn einen Himmel?«

»Ich habe nicht von mir gesprochen.«

Er fuhr fort: »Wir brauchen nicht mehr die trügerische Hoffnung.

Wir haben die Wissenschaft und ihre Erkenntnisse. Wir wissen, daß ein

Fortleben unmöglich ist, weil das Leben nicht mehr ist, als die Wärme,

die beim Zusammenreiben von zwei Steinen erzeugt wird. Sie entsteht und

verflüchtigt sich. Die tote Materie bleibt zurück.«

Esther dachte: Ob es nicht vielleicht in der Natur des Glückes liegt, sich

die Ewigkeit erzwingen zu wollen -- über alle Erkenntnis hinaus? --

Die Hochzeit der Esther Franzenius: Roman · 第 12 / 93 题