IV

Esther saß im Gartenzimmer und malte. Sie war allein im Haus geblieben,

während Eliza mit ihrem Vater hinüber zu den Pächtersleuten ging, die

den vom Wohnhaus ziemlich entfernt gelegenen Gutshof verwalteten.

Über der stillen, weiten Stube lag etwas Festliches. Vielleicht war es nur

der Sonnenschein und die Einsamkeit.

Esther legte Pinsel und Palette nieder und betrachtete die Leinwand vor

sich. Sie hatte ein Phantasiestück zu malen begonnen, das wenig Zeichnung

und recht viel Farbenreiz enthielt. Es war nichts als Heide und Himmel: ein

rechtes Motiv für Gedanken der Schwermut und Leidenschaft. -- -- --

Esther errötete plötzlich und schob das Bild zur Seite. Sie stand auf und

trat hinüber in den Sonnenschein. Sie streckte die Hände aus und fühlte

darauf die prickelnde Wärme. Da beugte sie auch den Kopf, denn höher oben

lag Schatten, bis sie im vollen Lichte stand.

Die Einsamkeit machte es, daß sie auf ihr Atmen zu horchen begann -- und

dann plötzlich fing sie an zu singen.

Sie schloß die Augen vor dem Licht und ließ es über sich gleiten -- und

sang dazu eine Melodie, die sie irgendwann einmal gehört hatte, von der

die Worte längst vergessen waren.

Da hörte sie die Hausthür gehen und war still. Sie setzte sich wieder zu

ihrer Malerei, doch in ihr blieb eine leise, festliche Freudigkeit zurück.

Und dann stand dort, wo sie eben noch gewesen war, ein anderer drüben im

Sonnenschein.

»Ich bin Arne Rude,« sagte er und verbeugte sich mit einem harmlosen

kleinen Gut-Jungen-Lächeln.

Esther war ein wenig verwirrt. »Herr Rude und Eliza sind ausgegangen,«

sagte sie.

»Sie werden wiederkommen,« meinte Arne in zuversichtlichem Ton. Und

dann mußten sie beide lachen über den allzugroßen Geistesaufwand seiner

Antwort.

»Darf ich mich so lange ein bischen zu Ihnen setzen, Fräulein -- Esther?

-- Sie müssen nämlich wissen, daß man mir immer nur von ›Esther‹

schreibt, so daß ich gar nicht zweifeln kann, nun ›Esther‹ vor mir zu

sehen --«

»Ja, ich bin ›Esther‹,« sagte sie freundlich. Dabei sah sie zufällig

nieder und auf die langen, sehr modischen Schuhe des jungen Mannes. Sie

mißfielen ihr ein wenig, und deshalb stieg ihr Blick an der ganzen elegant

umschneiderten Person empor, bis sie an diesem gutmütig lächelnden,

hübschen Jünglingsgesicht haften blieben, das recht wenig mit der

leichten Geziertheit der Kleidung in Einklang stand.

»Und das Ganze ist also ein ›Dichter‹,« zog sie für sich das

Resumée ihrer Betrachtungen.

Arne ließ sich im Bewußtsein seiner Vorzüge beruhigt mustern. Dabei

stand der Ausdruck des innigsten Wohlgefallens sowohl an sich selbst, wie

an der jungen und schönen Dame auf seinem Gesicht.

»Sie haben gemalt?« fragte er dann und wollte sich dem Bild nähern.

Esther schob es aber wie achtlos zur Seite. Um keinen Preis sollte er es

sehen! -- Sie war selbst ganz erstaunt über die Heftigkeit dieses inneren

Widerstrebens.

Um abzulenken richtete sie rasch eine Frage an ihn: »Sie kommen direkt von

Kopenhagen?«

»Ja; ich pflege immer meine Familie recht unversehens zu überfallen. --

Sie wissen, wir Leute der Feder sind gewöhnlich ein Stück ~bohémien~.

Mir besonders sind lange Vorbereitungen entsetzlich. Leute, die sich den

einen Tag überlegen, was sie an den sechs andern essen wollen, sind mir

noch gruseliger, als Papierkragen und wollene Hemden -- Sie verzeihen!«

»O, ich habe nichts zu verzeihen, ich trage ja keine,« erklärte Esther,

die von seiner knabenhaften Lustigkeit angesteckt wurde, was über ihre

sonst zu herbe Erscheinung eine ungewöhnliche Anmut brachte.

»Wollen Sie nicht lieber den andern entgegengehen?« fragte sie bald

darauf.

»Ah -- Sie schicken mich fort?«

»Nicht doch -- ich dachte nur --«

»Ach, wenn Sie nur das nicht dachten, dann mögen Sie vielleicht auch

Eliza entgegengehen -- und ich darf Sie begleiten?«

»Nein,« sagte Esther. Und dann, um die Schroffheit der Antwort zu

mildern: »Nein, ich muß noch eine Kleinigkeit fertig malen, sonst

trocknen die Farben ein.«

Die Hochzeit der Esther Franzenius: Roman · 第 10 / 93 题