Esther saß im Gartenzimmer und malte. Sie war allein im Haus geblieben,
während Eliza mit ihrem Vater hinüber zu den Pächtersleuten ging, die
den vom Wohnhaus ziemlich entfernt gelegenen Gutshof verwalteten.
Über der stillen, weiten Stube lag etwas Festliches. Vielleicht war es nur
der Sonnenschein und die Einsamkeit.
Esther legte Pinsel und Palette nieder und betrachtete die Leinwand vor
sich. Sie hatte ein Phantasiestück zu malen begonnen, das wenig Zeichnung
und recht viel Farbenreiz enthielt. Es war nichts als Heide und Himmel: ein
rechtes Motiv für Gedanken der Schwermut und Leidenschaft. -- -- --
Esther errötete plötzlich und schob das Bild zur Seite. Sie stand auf und
trat hinüber in den Sonnenschein. Sie streckte die Hände aus und fühlte
darauf die prickelnde Wärme. Da beugte sie auch den Kopf, denn höher oben
lag Schatten, bis sie im vollen Lichte stand.
Die Einsamkeit machte es, daß sie auf ihr Atmen zu horchen begann -- und
dann plötzlich fing sie an zu singen.
Sie schloß die Augen vor dem Licht und ließ es über sich gleiten -- und
sang dazu eine Melodie, die sie irgendwann einmal gehört hatte, von der
die Worte längst vergessen waren.
Da hörte sie die Hausthür gehen und war still. Sie setzte sich wieder zu
ihrer Malerei, doch in ihr blieb eine leise, festliche Freudigkeit zurück.
Und dann stand dort, wo sie eben noch gewesen war, ein anderer drüben im
Sonnenschein.
»Ich bin Arne Rude,« sagte er und verbeugte sich mit einem harmlosen
kleinen Gut-Jungen-Lächeln.
Esther war ein wenig verwirrt. »Herr Rude und Eliza sind ausgegangen,«
sagte sie.
»Sie werden wiederkommen,« meinte Arne in zuversichtlichem Ton. Und
dann mußten sie beide lachen über den allzugroßen Geistesaufwand seiner
Antwort.
»Darf ich mich so lange ein bischen zu Ihnen setzen, Fräulein -- Esther?
-- Sie müssen nämlich wissen, daß man mir immer nur von ›Esther‹
schreibt, so daß ich gar nicht zweifeln kann, nun ›Esther‹ vor mir zu
sehen --«
»Ja, ich bin ›Esther‹,« sagte sie freundlich. Dabei sah sie zufällig
nieder und auf die langen, sehr modischen Schuhe des jungen Mannes. Sie
mißfielen ihr ein wenig, und deshalb stieg ihr Blick an der ganzen elegant
umschneiderten Person empor, bis sie an diesem gutmütig lächelnden,
hübschen Jünglingsgesicht haften blieben, das recht wenig mit der
leichten Geziertheit der Kleidung in Einklang stand.
»Und das Ganze ist also ein ›Dichter‹,« zog sie für sich das
Resumée ihrer Betrachtungen.
Arne ließ sich im Bewußtsein seiner Vorzüge beruhigt mustern. Dabei
stand der Ausdruck des innigsten Wohlgefallens sowohl an sich selbst, wie
an der jungen und schönen Dame auf seinem Gesicht.
»Sie haben gemalt?« fragte er dann und wollte sich dem Bild nähern.
Esther schob es aber wie achtlos zur Seite. Um keinen Preis sollte er es
sehen! -- Sie war selbst ganz erstaunt über die Heftigkeit dieses inneren
Widerstrebens.
Um abzulenken richtete sie rasch eine Frage an ihn: »Sie kommen direkt von
Kopenhagen?«
»Ja; ich pflege immer meine Familie recht unversehens zu überfallen. --
Sie wissen, wir Leute der Feder sind gewöhnlich ein Stück ~bohémien~.
Mir besonders sind lange Vorbereitungen entsetzlich. Leute, die sich den
einen Tag überlegen, was sie an den sechs andern essen wollen, sind mir
noch gruseliger, als Papierkragen und wollene Hemden -- Sie verzeihen!«
»O, ich habe nichts zu verzeihen, ich trage ja keine,« erklärte Esther,
die von seiner knabenhaften Lustigkeit angesteckt wurde, was über ihre
sonst zu herbe Erscheinung eine ungewöhnliche Anmut brachte.
»Wollen Sie nicht lieber den andern entgegengehen?« fragte sie bald
darauf.
»Ah -- Sie schicken mich fort?«
»Nicht doch -- ich dachte nur --«
»Ach, wenn Sie nur das nicht dachten, dann mögen Sie vielleicht auch
Eliza entgegengehen -- und ich darf Sie begleiten?«
»Nein,« sagte Esther. Und dann, um die Schroffheit der Antwort zu
mildern: »Nein, ich muß noch eine Kleinigkeit fertig malen, sonst
trocknen die Farben ein.«