II

Esther wollte sich Neuland erobern.

Doch es wurde Frühling und Sommer, bis sie ihren Plan ausführte. Sie hing

so stark an der Heimatserde. Und sie dachte an die süße Hilflosigkeit

Marias, und auch die praktische Abhängigkeit des Vaters, der als Gelehrter

jeder Änderung seiner Gewohnheiten angstvoll, ratlos gegenüberstand, fiel

ihr aufs Herz.

Aber ihrer Familie gegenüber fand sich Ersatz für ihre Abwesenheit.

Lydia kam in ihrer bescheidenen Selbstverständlichkeit. Lydia zog ein in

Esthers Zimmer, und es war, als hätte sie nie einen andern Wunsch gehabt,

als nun Hintergrund für Marias Schönheit zu sein.

Am letzten Abend ging Esther mit Lydia durch den Garten. -- Sie strich ganz

heimlich mit der Hand über die Zweige der Büsche und sah das Bild ihrer

einstigen Heimkehr. Sie sah sich wiederkommen -- getrieben vom Heimweh nach

alten Schmerzen -- und wollte doch davon nichts wissen, denn sie ging ja in

das neue Leben, um zu überwinden.

»So schwer wird mir das Fortgehen,« sagte sie müde.

Und Lydia darauf: »Ich weiß, du läßt deine Jugend

zurück.« -- -- -- --

Den ganzen andern Tag hörte sie in sich dieses Wort nachklingen, stieß

es zurück, holte es mit einer seltsamen heimlichen Lust an seinem Klang

wieder hervor und verläugnete es um so heftiger.

Sie reiste ganz nach dem Norden von Dänemark. Die Fahrt von Hamburg nach

der kleinen Küstenstadt machte sie in der Nacht.

Sie konnte nicht zum Schlafen kommen, saß die ganze Nacht über am

geöffneten Fenster und spürte den tragischen Reiz der hellen nordischen

Sommernacht.

Lange, lange Wiesen mit dem weidenden Vieh, das jetzt zum Schlafen

hingestreckt lag, aber gleich darauf vom Lärm des Zuges geschreckt in die

dämmernde Ebene hineingaloppierte.

Und am Himmel wechselte ein leuchtendes Farbenspiel. Dort glühten die

sehnsüchtigen Wünsche über der verhaltenen Resignation der Ebene.

Nach Mitternacht wehte Seeluft herüber. Und dann lag im Morgennebel der

bläuliche Fjord mit seinen verträumten grünen Ufern.

Weiter noch gen Norden blühte die Heide, wie in einem weiten, jubelnden

Ton des Erwachens.

Nun kamen die kleinen Ortschaften, alle durch eine hohe grüne Baumhecke

gegen die Windseite geschützt, zuweilen aus ihrer Mitte den kahlen und

nüchternen Bau einer Missionskirche förmlich ausstoßend. -- Und einzelne

Bauernhöfe lagen am Weg mit den tiefgedachten Häusern, die sich ganz

niederkauern im üppigen Grün ihrer Gärten, die in Wohllustschlaf

versunken scheinen ob all dem Blühegeruch ringsum.

Endlich, gegen Mittag kam das Reiseziel.

Vor dem Bahnhof waren grüne Anlagen, in die man beim Einfahren hineinsah.

Und ganz plötzlich kam bei diesem Anblick die wunderliche Vorstellung

einer Heimkehr über Esther. Sie fühlte einen Augenblick lang diese

Ankunft im fremden Land wie eine Wiederkehr zu alt vertrauter Umgebung.

Ja, sie glaubte sogar die Wege schon zu kennen, die hinter den verdeckenden

Bäumen in die Stadt hineinführen mußten.

Sie stieg aus und wurde von fremden Menschen empfangen, und ging doch lange

noch wie von einem Traum verwirrt.

* * * * *

Esther verstand reichlich wenig von der Tischunterhaltung, obschon ihre

Mutter eine Dänin gewesen und früher zuweilen mit den Kindern in ihrer

Muttersprache geredet hatte. -- Es war so ein großer lärmender Kreis,

und es lag wie Kinderlust über den Menschen, eine Atmosphäre der

Harmlosigkeit und leichtesten Lebensfreude, die Esther nicht sogleich

aufzufassen vermochte. Doch das alles kam ihrem Herzen nahe.

Da gab es noch fünf Gäste außer ihr, und sie alle waren mit einer schier

unglaublichen Eß- und Lachlust angethan.

Neben Esther saß Louise, die Tochter des Hauses. Sie hatte einen feinen,

leicht vorgebeugten Nacken und eine liebliche Art, sich zu bewegen. --

Esther sah immer wieder zu ihr hin, und dann war es, als ob eine ganz leise

Melodie zwischen ihnen anhebe -- durch all den frohen Lärm hindurch eine

ganz heimliche, einsame Melodie der Harmonie. -- -- -- --

Esther wachte auf und hörte Musik.

Es war ganz ruhig im Haus und schon dämmerig. Sie erinnerte sich, nach

Tisch auf ihrem Bett eingeschlafen zu sein.

Ein feiner, klagender Singsang erfüllte die Stille, und sie besann sich

vergeblich, von welchem Instrument der wohl herrühren mochte.

Dann ging sie den Klängen nach: durch den dämmerigen Hausflur, eine

Treppe hinauf und zu einer angelehnten Thür hinein. Da stand sie nun in

einem Zimmer voll altväterischer Möbel, zwischen denen ein Spinett, an

dem Louise saß und spielte.

Es war, als lägen die Erlebnisse weiter Vergangenheiten in diesem

Raum, und wer auch zu den Fenstern hinaus auf das Meer sah, bekam ganz

unwillkürlich den Blick gereifter Erfahrung in die Augen. --

Luise brach plötzlich und scheu ihr Spiel ab, wie sie Esther kommen

hörte.

Sie sagte: »Oh, ich glaubte mich allein im Haus,« und strich mit

einer verlegenen Bewegung über die Tasten, gleich als hätte sie einen

entblößten Körper zu verdecken.

»Und wolltest du nicht spielen, wenn jemand es hörte?«

»Doch -- ja -- nur zuweilen darf niemand zuhören.«

Esther antwortete nicht. Sie setzte sich an das Fenster, von dem aus man so

weit über das Meer sehen konnte, daß es den Leuten einen gereiften Blick

gab. Sie sagte erst nach einer Weile: »Was für ein Lied hast du gespielt

-- wenn du mir das sagen magst --?«

»Ein ganz altes Volkslied ist es -- das Lied vom ›Herre Peder‹ und der

Helelide.«

»Willst du mir sagen, wie es geht?«

Luise gab leise die Melodie in den zitternden Tönen des Spinetts an und

sprach dazu:

»Junkherr Peder warf Runen über den Pfad,

Den Helelidens Fuß betrat.

Dann lichtet' er sein Anker,

Er hatte guten Wind,

Und segelte von Dänemark

Und seinen Frauen lind. --

Holde Worte

Erfreuen die Herzen,

Holde Worte

Verschulden die Schmerzen --

Holde Worte!

Helelide ging am Strande harrend,

In die tiefen, salzen Wasser starrend.

Dann lichtet' sie ihr Anker,

Sie hatte guten Wind,

Und segelte von Dänemark

Mit ihren Frauen lind.

Holde Worte

Haben mich tief bethört,

Holde Worte

Haben mein Herz versehrt --

Holde Worte!

Da rief der Wächter, als das Schiff in Sicht:

›Uns bringt der Wind das Sonnenlicht!‹

D'rauf hat der Junkherr Peder

Vor Freuden schier gelacht,

Als Helelide Ehre

Und Treue ihm gebracht.

Holde Worte

Bringen viele Freuden,

Holde Worte

Schaffen manche Leiden --

Holde Worte.«

Luise stand auf und trat zu Esther ans Fenster. -- Esther fragte: »Waren

die Runen Liebesworte, die Junkherr Peder zu Helelide sprach?«

Und Luise: »Ich weiß es nicht. Aber ich meine, wir hören zuweilen einen

Menschen etwas sagen, das kaum für uns berechnet war, das gewiß in keiner

persönlichen Absicht zu uns gesprochen wurde, und doch kommt es zu uns, ja

es -- ›verführt‹ uns.«

Esther mochte nicht Louise ansehen. Sie neigte nur den Kopf und sah

wie bisher weit hinaus auf das Meer. Und ganz da draußen, dort wo die

Unendlichkeit beginnt, konnten sich vielleicht ihre Blicke begegnen. Und

vielleicht wurde dort das Schweigen gebrochen, das sich hier jetzt über

sie legte.

* * * * *

Am andern Tag wurde ein Ausflug nach einem benachbarten Gutshof gemacht.

Man ging die braun-violetten Heidehügel bergan und bergab. Der Wind strich

in unausgesetztem, immer gleich starkem Zug über das Land, so daß es

klang wie der thränenlose Jammer des Wahnsinns.

Stärker wurden die Stimmen und klang voller in der kräftigen Luft. Auch

gab der weite Horizont dem Blick eine stolze Kühnheit.

Am Gipfel des »Himmelsberges«, ein Hügel, der die andern Buchtungen um

weniges überragte, lagerte man sich.

Frau Olga Bergsö, die immer Lebensvolle, versammelte ihr kleines Heer um

sich. Da lag sie halb aufgerichtet an einen hohen Merkstein gelehnt, mit

ihrem seltsamen Dreimaster einem Feldherrn gleichend. Feine, energische

Linien begrenzten ihr Profil wie einen Schattenriß am weißlich hellen

Himmel.

Ihr zur Seite rangen Julie und Alexandra, die beiden Sechzehnjährigen,

im liebevollsten Zweikampf miteinander in den weichen Büscheln des

Heidekrautes.

Herr Bergsö ging mit der vierzehnjährigen Tule Arm in Arm, denn sie waren

sehr gute Freunde.

Hinter Frau Olga jedoch kauerte die zarte, stets von Bewunderung erfüllte

Fräulein Missus. Sie war Olgas Lehrerin gewesen und besuchte diese nun

in jedem Sommer, um ganz im Innern ihrer kleinen zerknirschten

Gouvernantenseele wahre Orgien der Bewunderung für ihre frühere

Schülerin zu feiern. Alexandra erzählte in Bezug auf sie die sehr

seltsame Geschichte, daß sie, Alexandra, einmal zu noch morgendlicher

Stunde am Fenster von Fräulein Missus' Stube vorbeigegangen sei. Zu ihrem

großen Entsetzen hätte aber auf dem Kopfkissen des Fräuleins, statt

deren wohlfrisiertem Haupt, nur ein großes, nacktes, gelbliches Ei

gelegen. -- Diese denkwürdige Historie reizte fortan die jüngeren

Bewohner des Hauses Bergsö zu morgendlichen Spaziergängen vor den nunmehr

hoffnungslos verhängten Fenstern des armen Fräuleins. --

»Für jeden sind zwei ›Boller‹ mitgebracht und Brot so viel ihr

wollt,« erklärte Olga ihren Gästen.

Und die Gäste griffen gehorsam zu, um sich ihr Anrecht auf die beiden

zudiktierten Boller zu sichern. -- --

Nun gab es nur noch einen kurzen Weg, und ganz unvermutet sah man

»Eriksgaard« in einer kleinen Senkung liegen.

Man trat aus der wehenden Haide ganz unversehens in das Schweigen eines

sommerlichen Blumengartens ein. Hohe, grüne Mauern ließen hier den

Wind verstummen. Und mitten auf dem Rasenplatz wiegte sich in üppigster

Schönheit eine große rote Rose. -- »Sie heißt Camille de Rohan,« sagte

Herr Adam Rude zu seinen Gästen.

In dem weiten, steifmöblierten Saal des Hauses hatte Eliza Rude den Tisch

gedeckt und die übliche Chokolade aufgetragen.

»Eliza ist meine kleine Hausmutter,« sagte der alte Rude. Und das

schlanke Kind mit den etwas zu weit auseinanderliegenden breiten Augen und

dem keuschen Madonnenkinn lächelte in beginnender Koketterie. Sie nahm die

Art einer Dame an und bat die Gäste würdevoll, einzutreten.

Für »das deutsche Fräulein« hatte Eliza eine große und plötzliche

Liebe gefaßt. Jene auf unfehlbarem Instinkt beruhende Leidenschaft

der Seele, wie sie heranwachsende Menschen oft zu Personen des eigenen

Geschlechtes überkommt. Ein Gefühl, das weder unter dem Begriff »Liebe«

noch »Freundschaft« steht, vielmehr eine unendlich verfeinerte Essenz

dieser beiden Empfindungen darstellt. Man könnte denken, es sei eben nur

ein Vorrecht der ganz reinen Seelen, weil die vernünftigen und

gereiften Menschen nur mit dem vernünftigen und gereiften Spott darauf

herabzulächeln pflegen, den sie für alle hohen, der baren Nutzbarkeit

entfremdeten Dinge bereit halten. --

Eliza saß neben Esther und strich ihr heimlich unterm Tisch über die

Hände. Sie war von Ungeduld erfüllt, die andere möge sich mit tieferen

und innerlichen Worten ihr nähern, und wartete nur auf das erlösende

bedeutsame Wort. -- Und sie quälte Esther mit wunderlichen Fragen und

Forderungen.

Endlich sagte sie noch: »Wie reden bei Ihnen die Leute, die sich lieb

haben? Giebt es ein Lied, das von ihrer Liebe erzählt? Sagen Sie mir eins,

das Sie selbst leiden mögen.«

Esther fiel ein altes kleines Liedchen ein, und sie sprach es lächelnd:

»Ich bin dein,

Und du bist mein --

Des sollst du gewisse sein.

Du bist geschlossen in mein Herze ein,

Verloren ist das Schlüsselein,

Drum mußt du ewig drinnen sein.«

Eliza ließ es sich zweimal sagen und Worte, die sie nicht verstand,

übersetzen. Dann meinte sie nachdenklich: »Es ist ein schönes Lied. Ich

werde es mir für Sie merken, Fräulein Esther.«

Und dann: »Kommen Sie ein wenig mit mir, wo die andern nicht sind. Ich

möchte einmal mit Ihnen allein gewesen sein.«

Esther folgte ihr mit einem ernsten Lächeln. Sie stand noch nicht der

Kindheit fern.

So saßen sie in einer Lindenlaube und sahen durch das grüne Licht

hinaus in den Garten, wo sich Camille de Rohan einsam in selbstbewußter

Schönheit vor der Sonne neigte.

»Dem Vater haben Sie auch gefallen,« fing das Kind wieder an. »Ich kann

es an seinen Augen sehen, wenn ihm jemand gefällt. Hat er nicht schöne

Augen, mein Vater? Und ist er nicht ein schöner Mann?«

Die Hochzeit der Esther Franzenius: Roman · 第 5 / 93 题