»Ihr hättet mich doch einladen sollen zu dem Empfang.«
Sinnend betrachtete ihn das wächserne Ziegengesicht: »Vielleicht habt Ihr
recht. Ihr hättet schweigen müssen, und sie wären noch glorioser
abgezogen.«
Wallenstein stampfte vor Spaß mit den Füßen: »Ich hätte sie gern gesehen.
Sprachen sie nicht von Braunaus Regiment?«
»Nein,« lachte der lange frierende Greis, dem oft die Augen zufielen, »erst
das nächste Mal werden sie's tun.«
»Sie tun's«, kreischte Wallenstein.
Slavata legte stolz den Hinterkopf an den Fensterrahmen, freute sich des
Spektakels.
Als von Wien die Antwort eingetroffen war und die Herren wieder vor
Liechtenstein traten, stand Wallenstein neben ihm am Ofen gebückt auf
dünnen gelben Beinen, stumpfe Lederweste auf roter Schärpe, die Jacke
schwarz und golden hervordringend, spanische Wülste um die Schenkel,
blickte sie aus kleinen klaren Augen fest an. Der Fürst Liechtenstein
überragte ihn noch; er sah wie maskiert aus unter seinem breitkrämpigen Hut
mit hellroter nackenwallender Feder; ein schmaler weißer Kragen hing um den
knöchernen Hals; die Brust war staffiert mit einem dicken Lederkoller,
unter dem das grüne Unterkleid hervorkroch; ein breites goldenes Wehrgehenk
belastete ihn. Wallenstein hatte dem Gouverneur gesagt, er wolle den
Brüdern und Vettern sich nicht entziehen, ihren Haß gern auf sich lenken.
Gemeinsam wurde ihnen das kaiserliche Intimat verkündet. Wer es gewagt
hätte und noch wagen könne, im Namen der Stände an den Kaiser zu schreiben.
Wer sei Beamter und getraue sich einen solchen unehrerbietigen trotzigen
Ton gegen die Römische Erwählte Majestät anzuschlagen. Wer sei sich seines
Amtes so wenig bewußt, um dem Kaiser und seinem Rat unbefragt zu
widersprechen. Und wenn sie Böhmen seien, so mögen sie hingehen auf den
Weißen Berg und fragen, was dort geschehen sei, und weiter hinunter in den
Tiergarten und nachsehen, wer dort liege. Wofern es doch sicher und
erwiesen wäre, daß so wenig sie wüßten, wer sie seien, sie wüßten, wann sie
lebten. So wolle es ihnen denn Kaiserliche Majestät nicht vorenthalten, daß
die Prager Schlacht geschlagen sei und sei entschieden zum Vorteil
Habsburgs. Das Land aber ist unter das Schwert gefallen, erobert durch das
Schwert, das nur Leichen und Gehorsam kennt. Dies mögen sie sich
vergegenwärtigen in allem, was sie sagten schrieben täten und beschlössen.
Möchten dessen auch bald gedenken und nicht noch mehr verspielen.
Fürst Albrecht von Wallenstein, der Stadtoberst, stieß leise mit dem Degen
auf und räusperte sich. Man blickte auf ihn; er sah ohne Bewegung seinen
Vettern in die verwirrten Gesichter.
Das Dokument mit dem Zeichen Ferdinands gab mit langem Arm stumm
Liechtenstein dem Sprecher der Herren zur Einsicht. Er machte eine weite
Abschiedsbewegung mit Öffnung der Hände. Die Herren, lippenkneifend, die
Augen verschleiernd, verbeugten sich tief. Unter denen, die sich am
tiefsten verneigten, war auch der schönlockige Slavata.
* * * * *
In der Synagoge saß Bassewi mit fünf alten Männern der Gemeinde zusammen.
Er hatte ihnen lange zugehört; er riet so viele Gelder aufzubringen für den
Kaiser, wie sie ohne Schaden vermöchten; mit Böhmen sei es zu Ende; sie
müßten, müßten. Die anderen wackelten sorgenvoll die käppchenbedeckten
Köpfe; einer sagte gegen seine Füße: »Prag hat reiche Leute und schöne
Giebel. Aber eines Tages wird es uns gehen wie der Verwandtschaft in
Frankfurt, wenn wir zu stolz sind. Man wird uns auf dem Friedhof
zusammenjagen, unsere jungen Leute werden sich an den Türen für uns und
unsere Weiber totschlagen lassen, ein Trompeter wird blasen und uns über
die Brücke zur Stadt hinausführen.«
Ablehnend hob ein anderer die Schultern: »Und wie lange sind die draußen
geblieben? Wie lange hat der grausame Lebkuchler, der Fettmilch, Giftmilch
sollt er heißen, triumphiert gegen den Kaiser Matthies? Waren's zwei Jahre,
waren's drei Jahre. Dann ist wieder der Trompeter dagewesen, hat vor der
Stadt geblasen, durch alle drei Tore sind die Verwandten wieder in die
lieben Häuser gezogen.«
Bassewi lächelte fein: »Die Kalvinischen, Reformierten und wie sie sich
nennen, sind heraus aus dem schönen Land; ist Platz im Land geworden. Man
kann sich gut ausdehnen; ich denk, wir werden nicht immer in der Stadt in
einem schmutzigen Winkel in der Finsternis sitzen wollen. Sie haben um
ihres Jesu willen die Christen herausgejagt mit großen Hunden und mit den
Dragonern des bösen Wolfsstirn; warum sollen sie nicht um desselben Jesu
willen uns hereinlassen?«
Einer der Männer machte ein mitleidig spöttisches Gesicht: »Möglich wär's.«
»Möglich ist's,« lehrte Bassewi, »sicher ist's, sie tun's.«
Der von Fettmilch erzählt hatte summte, mit dem Kopf unzufrieden wackelnd:
»Und lassen sie uns herein, so lassen sie uns herein. So geh' ich doch
nicht herein. Laß sie in ihrem Land sitzen und sich wohlfühlen. Es ist uns
nicht beschieden, uns hier anzusiedeln. Werd' ich mich versündigen an
Gottes Wort und mein Glück im Lande Böhmen suchen. Was steht geschrieben
vom Lande Böhmen? Wo steht etwas geschrieben vom Lande Böhmen? Nirgends.
Werd' ich ein alter Narr sein, aus meinem Haus gehen, mich in Böhmen
ansetzen.«
Sein Nachbar: »Und wie lange denkst du und deine Kinder hier in der
Finsternis zu sitzen?«
»Solange wie Gott will. Was werd' ich fragen? Ist doch alles klar für uns
Juden. Wird es heißen, wir sollen wieder das Bündel schnüren, nach
Jerusalem wandern, gelobt, gelobt sei unser Herr --, so werd ich's tun.
Wird es nicht so heißen, werd' ich sitzen bleiben und werd' wissen, ich muß
doch warten.«
»Und deine Kinder, Moses?«
»Was ist mit meinen Kindern? Sie sollen tun wie ich. Sie werden Geduld
haben. Der Herr vergißt uns nicht. Sie werden nicht dicke Christen werden
und sich mit Gesindel vermischen.«
Bassewi blickte lange vor sich hin: »Der Herr segne deine Geduld, Moses.
Ich meine, wir werden nicht vergessen, an den Herrn zu denken, wenn wir im
Licht sitzen mit unseren lieben Kindern und Enkeln und mit unseren Weibern
und allen Verwandten. Wir werden fröhlich sein und doch an Gott denken.«
»Wer wird fröhlich sein, zwanzig Jahr, dreißig Jahr, und an Jerusalem
denken. Bassewi, du bist ein kluger Mann, unser klügster und tüchtigster,
bist auch unser Richter und Vorstand. Aber glaube mir: gehen sie hinaus in
die Stadt oder aufs Land unter die Christen, so sitzen sie im Licht, aber
sie werden kriechen vor dem Christ, um ebenso im Licht zu sitzen wie er,
und sie werden sich schämen, beschnitten zu sein. Möchten lieber mit Wasser
begossen sein und Judäa, ach, das werden sie verkaufen für ein kleines Dorf
in Böhmen.«
Sie seufzten zusammen. »Was meint Ihr,« sang Bassewi, »wenn wir wollen,
können wir vom Kaiser einen Brief bekommen, daß wir Handel und Handwerk
treiben auf dem Land, auf den Dörfern, an den Märkten.«
Laut weinte plötzlich der am äußersten auf der Bank sitzende alte Mann auf:
»Wenn ich das noch sehen kann für meine Kinder! Bassewi, was sollen unsere
Kinder Euch Liebes tun.«
Als die Judenschaft Prags eine riesige Summe Geldes dem Kaiser vorgestreckt
hatte und ihr durch besonderen Gnadenerlaß gestattet wurde, sich in Böhmen
anzusiedeln auf Märkten Städten Dörfern Flecken, wo sie wollte, um Handel
und Gewerbe zu treiben, erzitterte der böhmische Volkskörper, eine
weißglutende Stange bohrte sich in sein Fleisch. Dies war der größte
Schimpf. Nun sollten sie die Bösewichter und Verbrecher unter sich dulden,
deren Nährmutter das böse Schwein war, die mit dem Wucherspieß liefen, die
das Kreuz schändeten, denen die Falschheit auf der Stirn stand. Ausgesogen
das Land; nun sollten sie sich nicht einmal ruhig in ihrer Bettelarmut
hintrollen dürfen. Der Giftmord sollte über den reinen Boden des Märtyrers
Johannes Huß spreizbeinig spazieren, der Brunnentod. Die Sieger hatten dies
getan. Wessen sollten sich unschuldige Säuglinge und Kinder versehen von
dem übergegorenen Haß dieser Spinnen, dieser uranfänglichen Malefizer. O
wie sie sich wanden.
* * * * *
Die Welle der Kaiserlichen und Ligisten wühlte sich in ihr Bett. Ersäuft
unter ihrem Bauch das Wahlkönigreich Böhmen, die Pfalz; der Bund der
Fürsten zerdrückt, sein Haupt, der glanzvolle Friedrich, über die
französische Grenze geschleudert. Steinern die katholische Macht vom Main
bis zur Adria. Truppen hatte der Kaiser in Böhmen, Mähren, Elsaß; Heere
hielten am Rhein, Neckar, in der Oberpfalz.
Vierzehn Regimenter zu Fuß, sechs zu Pferd standen für die Liga,
gefürchtete Regimenter: Herbersdorf, Graf zu Fürstenberg, das gräfliche
Zollersche, Altringische, Pechmannsche, Schönberg, Lindlo, de Maestro,
Erwide, Einnaten, Desfours, Kratz, Pappenheim; Infanterie Anholt,
Herliberg, Schmit, Mortaigne, Truchseß, Heimbhausen.
Wie sich der übermächtige Sieger bedrohlich reckte, erstickend über sein
Opfer fiel, ging der englische König Jakob mit sich zu Rat. Mit Dighby, dem
verbrühten bösen Lord, fuhr der Prinz von Wales, Karl, heimlich nach
Spanien. Prinz Karl sollte um Donna Maria, die Infantin werben; so wollte
der spintisierende Graukopf vom spanischen Habsburg auf das österreichische
Habsburg drücken, daß es den Pfalzgrafen wiederherstellte. Alles sollte
ausgeglichen werden durch eine Heirat. Und dann spann er das schläfrige
Märchen, gab es den beiden über das Meer mit: der älteste Sohn des Pfälzers
solle am Kaiserhof erzogen werden, die Tochter des Kaisers solle ihn
heiraten, dann solle er den Kurhut erhalten, spätestens nach dem Tode
Maximilians und wieder im schönen Heidelberg am Neckar residieren. Dem
König war katholisch wie lutherisch, jeder sollte etwas abgeben, es war
alles so leicht.
Das Volk in England raste, als es von dem bald mißglückten Ehevorschlag des
Königs Jakob hörte; mit Steinen wurde Dighby und der Prinz empfangen, als
sie in Southampton landeten. Tief verblüfft sagte der König: »Ich habe
meine helle Freude an dem Volk. Wie hat es das gemacht! Steine auf meinen
Gesandten, auf meinen Sohn! Es hätte nicht viel gefehlt, so hätten sie mir
den Kopf abgeschlagen. Es steckt doch viel in den Briten.«
Er knurrte vergrimmt: »Sie nehmen ein schlimmes Ende; dumm sind sie, sie
sind dumm. Mit dem Protestantismus allein kommt man nicht durch die Welt.«
Er war schwer enttäuscht; hinter allen Widerwärtigkeiten steckte der ekle
elegante Springer Buckingham; Prinz Karl sollte ihn scharf beobachten und
bei Gelegenheit beseitigen lassen.
Stolz rollten die Reden im Parlament: »Der Katholizismus hat gewettet in
zwei Jahren alles wiederzugewinnen, was er in hundert verloren hat. Rettet
Böhmen! Rettet das Land des Huß!« »Man schickt eine Britin, die Tochter des
Königs, nach Deutschland und läßt es zu, daß sie ihres kalvinischen
Glaubens wegen von Hof und Herd gejagt wird.« »Die Götzendiener kommen in
Rudeln; sie wollen von Spanien übers Meer. Man will sie noch locken.
Schlagt die Ratten tot.« »Der König verrät uns. Er kann seine Tochter
schänden lassen, er darf einer Britin nicht den Rechtsschutz verweigern.«
»Das neue Indien! Die spanischen Bekehrungen! Inquisition! Rettet Böhmen!«
»Die deutschen Protestanten sind feige. Wir müssen ihnen zu Hilfe kommen.«
»Der König verrät uns. Die Stuarts sind Papisten. Buckingham verrät uns.«
Es war in den letzten Wochen König Jakobs, wo der Prinz Karl stundenlang an
seinem Bett saß, aufmerksam zuhörend; die einzige Stimme, die ihm riet, die
bald auch nicht mehr sprechen würde. König Jakob sagte: »Mit Brechen geht's
nicht gegen Habsburg, mit Biegen geht's. Laß dir sagen: wir können vorerst
nichts weiter als klug sein.«
Der Tod drückte gewaltsam seinen Kopf in das Kissen. Zuerst schickte König
Karl Freiwerber nach Frankreich, dem wildesten Feind des habsburgischen
Spaniens, um Henriette Marie zu holen. Auf Schloß Hamptoncourt hielten sie
Hochzeit. Bald waren die Schiffe gerüstet, die Spaniens Seemacht brechen
sollten. Lachend legte Buckingham der junge König, hochgezogene starke
Augenbrauen, schultertiefes lockiges braunes Haar, kurzer Spitzbart, grauer
Hut mit weißer Feder, die Hand auf den Mund, als er sprechen wollte: »Wir
denken nach, dann sprechen wir, dann sprecht Ihr.« Buckingham, der schön
parfümierte Mann, mit Schleifen behangen, die Brust mit Liebesbriefen
gepolstert, der blasierte Volksverächter, erblich tief, dann begriff er,
äußerte: »Die Protestanten müssen zusammenhalten. Böhmen muß gerettet
werden.« Karls Blick flammte; er möge sich nicht gehen lassen; Spanien sei
zu bekämpfen, wüßte er das nicht? Müßte man nicht auch gegen Spanien
kämpfen, wenn es protestantisch wäre? »Wir müssen es, und wenn es unser
Leben kostet.« Vorsichtig fühlte Buckingham vor: »Das Volk will Krieg wegen
Böhmen. Das Parlament nennt uns Papisten, weil wir Deutschland im Stich
lassen.« Die Antwort kam, wie er gewünscht hatte; dem Volk stopft man das
Maul, das Parlament findet Platz im Kerker.
Die Schiffe stachen in See gegen Spanien. Das Parlament bewilligte die
Mittel.
Als aber die Notschreie aus Böhmen, aus der Oberpfalz kamen, wurden unter
dem Drängen des Volkes Subsidien für den Festlandskrieg bestimmt. An den
rastlosen unbändigen Teufel, den Bastard von Mansfeld gingen sie; er
zappelte in Holland, warb Truppen. Er sollte Böhmen retten.
Im Westen lagerte Frankreich. Sein König Louis der »Allerchristlichste«,
sein Land altgläubig. Sie kauten an ihren Neugläubigen, die Hugenotten
hießen, rebellisch und stark in Larochelle Stimes Sedan saßen. Ein Mann kam
auf, Richelieu, Kardinal. Er wurde in den Conseil berufen; den, der ihn
hineinberufen hatte, schickte er in die Bastille. Den Vernichtungskampf
gegen die rebellischen Hugenotten leitete er ein; inzwischen gab er dem
neugläubigen England Gelder, um Spanien zu schwächen. Er gab dem Krüppel
Mansfeld Geld gegen den Kaiser. Die Schreie der Böhmen, der Vertriebenen,
der ängstlichen protestantischen Stände vernahm er mit Vergnügen. Es gab
nichts, woraus er nicht Gewinn ziehen konnte; fast hätte Richelieu dem
Kaiser Geld angeboten, um den Stachel noch tiefer zum Bohren zu bringen. Er
hatte wandernde Gesandten, die die Finger in die Wunden Deutschlands und
sie zum Eitern bringen mußten.
Und wie sich der übermächtige katholische Sieger bedrohlich reckte,
erstickend über seine Opfer herfiel, fuhr der Schrecken in die neugläubigen
Länder zwischen Weser und Elbe vor ihrem nahenden Schicksal. Magdeburg und
Halberstadt waren leckere Braten, zwei Erzstifte, dreizehn Bistümer und
Abteien; der niedersächsische Kreis war auf seiner Hut. Und als sie sich
einen Kreisobersten wählen mußten, fiel ihr Auge auf den, dessen
Heeresmacht manche ihrer Städte genugsam verspürt hatten. Der starke Däne
sagte nicht nein; die deutschen Händel behagten ihm. In seinem Reichsrat
saßen Christian Frießen zu Borreburg als Kanzler, der verwegene Magnus
Uhlfeld zu Sielsva als Reichsadmiral, Jakob Uhlfeld zu Uhlfeldsholm,
Breida, Rankamen, Stephan Brahn zu Kundstrap; sie gewährten ihm vier Tonnen
Gold zu Rüstungen; schrieben nach England und Holland, an Mansfeld.
Ihre Werbungen begannen entschlossen auf deutschem Boden. Der lange
Halberstädter, Anbeter der pfälzischen Elisabeth, rieb seine
eingeschlafenen Beine, trabte hinter seinem Freund Mansfeld her.
* * * * *
Maximilian warnte den Kaiser. Er riß und zottelte mit den Zähnen an seiner
Beute. Die Oberpfalz knirschte unter seinen Reformatoren, den
Glaubenskommissionen. Seine Kundschafter schwärmten bis nach Ostfriesland.
Wien blieb beim Lachen; das Lachen des Kaisers hatte etwas Böses. Nur
einige Räte zitterten bei dem Gedanken an Krieg. Wie zahllose Ämter lagen
in den Bezirken ob der Ems, unter der Ems, in der Grafschaft Tirol, im
vorderösterreichischen Breisgau, im Herzogtum Kärnten, Krain, in Schlesien,
Böhmen, Mähren: Salzamt in Wien, Dreißig in Preßburg, Mauth in Linz,
Schlüsselamt in Krems, Rentamt in Steyer, Vizedomamt in Linz, Handgrafenamt
in Wien. Von allen waren Vorschüsse erhoben, von den niederösterreichischen
Ständen Darlehen, von den böhmischen Magnaten, von den Juden,
Niederlassungsgelder von den Kaufleuten. Hohe Subsidien vom Papst.
Aber ein Sieb! Regimenter, Regimenter, Regimenter! Sie waren nicht zu
entbehren, und wenn sie zu entbehren waren, waren sie nicht zu entlassen
aus Mangel an Sold. Erzherzogliche Deputate, prachtheischendes
verschwenderisches kaiserliches Hoflager. Abt Anton und Gurland in maßloser
Erbitterung über Böhmen, konfiszierte Güter auf fünf Millionen
veranschlagt, nur eine Million darauf aufgenommen, ganze vierhunderttausend
Gulden vom Gouverneur Liechtenstein abgeliefert.
Unter dem Druck der Kriegsgerüchte, nach Wochen stummen Herumrechnens,
hilflosen Keuchens vor Folianten, wütenden Beiseitewerfens von Mahnbriefen
der Obersten, verzweifelten Vertröstens von Gläubigern rechts und links in
der festdurchjubelten Burg steckte Gurland seine zittrigen Beinchen in die
starken Reiterstiefel eines deutschen Kavaliers; die Sporen schienen nicht
aus Silber, sondern Blei; breit und schwerfällig stieg er, pumpte seine
Beine durch die dunklen Bogengänge. Grämlich lugte er, von Stockwerk zu
Stockwerk schwankend, auf den Boden. Umgestürzte Gamaschen hob er mit jedem
Schritt hoch. Auf seinem rauchenden Kopf saß ein niedriger Hut mit
ungeheurer hinten herabsinkender Krempe und Federsträußen. Ein sehr breites
verbrämtes Wehrgehenk hatte er angetan, sein weißer Halskragen war schmal
wie ein Band und stand nach rückwärts in die Höhe unter die Hutkrempe. Und
wie er in die Stube des Oberhofmeisters hineinpolterte, hatte der nur einen
Moment Zeit sich über die abenteuerliche Gestalt des Eindringlings zu
wundern, dann stürzten schon die giftigen hitzigen Worte ihn an, trieben
ihn aus seinem Sessel. »Herr Graf von Meggau,« schrie der stirnrunzelnde
Kavalier ihn an, »wofür habt Ihr das goldene Vließ? Wofür seid Ihr zehn
Sachen auf einmal, Statthalter von Niederösterreich, Kämmerer, Geheimer Rat
und sonst was. Soll ich das mit ansehen, was hier geschieht und den Mund
halten wie eine Nonne? Es behagt mir nicht, ich sag's Euch mit einem Wort;
Schelmereien stehen mir nicht.« »Was habt Ihr, Herr Gurland?« »Leere
Säckel, leere Säckel, Herr Geheimrat. Und ist alles kein Geheimnis mehr,
Herr Geheimrat, und werde es nicht bei mir behalten. Die Ställe voll, die
Herren Jesuiter Stiftungen über Stiftungen, die niederländischen Maler
malen ein freches Bild nach dem andern, die Jagden, die Stechereien,
Bankette: ich sehe die Schelmereien nicht an. Nicht länger. Dafür die
böhmische Münze ruiniert, daß ein paar Stunden noch lustiger und herzhafter
einhergehen in Wien. Ihr wißt es. Es sind Schelmereien.« Der totblasse
kleine Meggau hielt sich rückwärts am Sessel fest: »Wer will von
Schelmereien reden?« »Der Kaiser weiß es nicht. Der Kaiser weiß es nicht.
Ihr spielt mit mir nicht so. Sonst muß ich, wie ich hier bin, zum
Leibdiener laufen, um eine Audienz bitten und reinen Wein einschenken.« Er
schrie zornstammelnd, strampelnd, daß seine Federsträuße schlugen: »Wo soll
das hinaus? Sprecht. Seht mich nicht so an. Ich . . .« Der beladene Mann
hielt sich an einem Stollenschränkchen fest; er war schwindlig in seiner
Wut. Meggau schob ihm einen Sessel hin. Mit einem Sporen stieß der tobende
Kavalier gegen die Füße des Sessels: »Ich brauche Eure Sessel nicht. Die
Mißwirtschaft, die verruchte!« »Scheltet nicht mit mir. Scheltet mit dem
Kaiser.« »Ihr seid allesamt nicht wert, daß ihr seinen Namen in den Mund
nehmt. Er könnte zehnmal mehr verbrauchen, als er tut, wenn sein Geld nicht
in fremde Taschen flösse. Die tausend Diebe Hehler und Abenteurer, das ist
eine christliche Welt. Die Pest soll sie alle befallen.« »Herr Gurland,
warum kommt Ihr zu mir?« »Ihr werdet mit mir gehen, jetzt, nach Prag, das
Land beschauen. Wir müssen Geld auftreiben.« Versteinert stand der
Geheimrat: »Ja, das müssen wir.« »Ja, das müssen wir,« höhnte Gurland in
praller Wut; »ratet lieber wo, wo, wo. Zieht Euch an. Erbittet Urlaub.« Der
Rat bat: »Ich komm schon.«
Sie fuhren durch die herbstlichen Chausseen, nur sechs Mann Wiener
Stadtgarde beritten war ihre Bedeckung. Sie sahen massenhaft Felder, die
brachlagen, weil die Ackerer verjagt waren; Gurlands Augen schossen rechts
und links. Bevor sie in Prag, einfuhren, flüsterte Meggau: »Laßt Euch
nichts merken, die Böhmen brauchen nichts merken.« Schallend lachte der
andere: »Der Herr weiß nicht, daß ich selbst Böhme bin.«
Man zog sich vor ihnen wie Schnecken in Gehäuse zurück. Meggau wurde
erbarmungslos von dem andern vor die verwüstete Münze geschleppt; als ein
Rittmeister sie auf den Friedhof zu den Niedergeschossenen und sonst
Füsilierten führen wollte, lehnte der pelzvermummte Rat müde, Gurland
bissig ab.
»Gibt es Zauberer hier?« fragte Meggau eines Abends den Gouverneur, bei dem
sie zu Gast waren. »Vielleicht«, lächelte der vieldeutig. »Ich möchte«,
träumte Meggau vor sich, »einen Zauberer oder eine Wünschelrute finden, um
Geld zu heben in Böhmen.«
Sie waren fassungslos über die Schamlosigkeit dessen, was sich ihren Augen
bot. Gurland selber wollte Hals über Kopf abreisen, Meggau, pedantisch,
melancholisch, an langsames Minieren gewohnt, hielt zurück. Sie pürschten
hinter Michna, den Friedländer, Liechtenstein, Wresowicz. Meggau drohte:
»Das Geld werden wir langsam wieder aus ihnen herausziehen.« »Warum
langsam? Rasch ist es gesunder für die Herren; und zwar seht so.« Dabei
machte Gurland schmerzdurchtobt die Bewegung des Aufhängens.
Als die beiden Wiener Herren lärmschlagend in Prag auftraten, wurde auch
Liechtenstein kalt und drohend; als sie verlauten ließen, sie würden eine
Untersuchung über die Prager Affären beantragen, behandelte man sie als
Luft.
Schweres Ringen am Kaiserhof. Es war klar, daß das Geschick Habsburgs bald
wieder in den Händen des Bayern lag, wieder und wieder des Bayern, dem man
den Kurfürstenhut hatte geben müssen, und der eines Tages mehr begehren
würde. Man schrie, wehrte sich, drang in den Kaiser.
Die unbeugsame Ruhe Ferdinands, der wie ein unverbrennbares Tier seinen
schleimigen bunten Leib durch die schwelenden Kohlen zog. Seine grausige
Sanftmut; sie wußten, er wollte Rache nehmen an Maximilian, den er den
Feinden als ersten opfern wollte, selbst um den Preis, daß Habsburg
verloren ging.
Nachdem er sich einige Zeit umgeblickt hatte, trat ein erschreckendes
Wesen, der Fürst von Friedland, aus seinem Bau. Er hatte sich aus Abneigung
über die Ohnmacht und Haltlosigkeit seiner böhmischen Sippengenossen,
dieser phrasenreichen Haufen, gegen sie gestellt. Gewalttätigkeiten machten
ihn früh berüchtigt. Dann wurde er katholisch, nahm ein krankes reiches
Weib zur Frau, die ihm wegstarb und freie Hand gegen seine Umgebung ließ.
Die mährischen Stände waren so töricht, ihm im Kampf gegen den Kaiser seine
Regimenter zu belassen; er verriet sie, suchte seine Truppen zum Kaiser
überzuführen: wollte sich des mährischen Landtags in Olmütz bemächtigen,
desselben, der ihm die Regimenter gegeben hatte. Nur mit dem Rest eines
Fähnleins, acht Munitionswagen, Regimentsfahnen und sechsundneunzigtausend
Mark der Kasse schlug er sich, selber verraten, nach Wien durch, saß eitel
am Tisch des Kaisers; der ließ ihn angewidert heimlich abschieben, warf das
Geld den Ständen nach. Abscheu und Gelächter, wo sich der von Wallenstein
sehen ließ.
Vor der Prager Schlacht war die Hoffnung der jungen Böhmen ein königlich
stolzer reichbegnadeter Mann gewesen, ein Hans Georg von Wartenberg, der
nicht dreißig Jahr alt war. Als Kriegskommissar bereiste er beim Anrücken
der Katholischen zwei Landkreise, nachdem er sich aus dem schwelgerischen
Treiben der englischen Elisabeth auf dem Prager Schlosse gelöst hatte. Wie
die Schlacht verloren war, plötzlich, ehe er noch seine Ausgehobenen dem
Heer zugeführt hatte, umringten ihn im Standquartier die befreundeten
Männer und Frauen aus der Nachbarschaft zusammenströmend; aller Gedanke war
nur an ihren Abgott. Sie flehten ihn an, zugleich wie Mütter und wie
Kinder, zu fliehen. Wenn alles verloren ginge, er solle bleiben; gefangen
war, woran sie sich halten konnten; er möchte leben, fliehen. Leidend fügte
er sich, empfand als Kränkung, daß man gerade ihn fortschickte, konnte
nicht verstehen, wie gerade diese Frauenstimmen so in ihn drangen, war halb
verzweifelt, daß sie letzten Endes auch Verräterinnen an der großen Sache
seien. Er war gewohnt nachzugeben. Ritt nach Sachsen. Kaum einen Monat
hielt es ihn, da verschwand er aus Dresden; heimlich gelangte er über die
Grenze, als er schon von den Landleuten entdeckt war. Aus den
Nachbarstädten überholten ihn Sendboten, erzählten vergraust von den Prager
Vorgängen; er fluchte, schlug um sich, als sie baten, er möchte umkehren.
Aber Liechtenstein in Prag war kühler als die Söldner und die Gerichte; ein
Fähnlein Musketiere nahm den todesgemuten brüllenden Wartenberg mit seinem
Anhang schon zwischen Saaz und Radonitz fest, führte ihn samt den zwanzig
toll sich gebärdenden jungen Edelleuten, die ihn verteidigen wollten, ruhig
und ohne Aufsehen aus dem Land heraus. Und dann sahen die Böhmen zu ihrem
Vernichtungsschmerz, daß man ihm, der bisher verschont war, den Prozeß
machte als flüchtigem Rebell, obgleich er unter die erlassene Amnestie
fiel. Er war Besitzer von Rohrzak, Neuschloß, Böhmisch-Leipa; hinter allem
steckte Wallenstein; Wallenstein brauchte die Güter zur Abrundung eines
eben erstandenen Areals. Mit Ingrimm verfolgte das Land die Angelegenheit.
Die Güter wurden ihm abgesprochen. Der geschlagene verbannte Mann lebte,
monatelang von Stadt zu Stadt irrend, von den Zuwendungen seiner Sippe. Die
pfalzgräfliche Prinzessin Sabine hing sich an ihn; als sie heirateten,
schwur sie weinend, ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Die Fürsprache des
sächsischen Kurfürsten, reich begründete Eingaben an die römische Majestät
fruchteten nichts. Die Hofkammer ließ es bewenden bei dem Urteil
Liechtensteins; das anfängliche Gnadengehalt, das man der lieblichen Sabine
gewährt hatte, wurde ihr entzogen wegen der unerschwinglichen
Kriegsauslagen. Zum Schluß bedeutete man ihm, die Güter seien nicht sein
Eigentum; er verwalte sie nur als Sequester von seinem Oheim. Sie wühlten
sich arm beschämt hilflos in eine kleine Reichsstadt ein.
Als wenn ihn der Schwung der Ereignisse verjüngte, heiratete der
Friedländer nach den Münzunruhen eine Tochter des Grafen Harrach, des
kaiserlichen Lieblings, der neben ihm Güter gesammelt hatte und dem die
Herrschaft Bruck an der Leitha, die Grafschaft Ungarisch-Altenburg
zugefallen war, begann ein glänzendes Treiben zu Prag, er, Oberst und
Gubernator im Königreich Böhmen. Unfaßbar wie ein Aal war er geworden. Der
Umfang seiner Geschäfte, an denen sich die halbe Prager Judenschaft, große
auswärtige Bankhäuser beteiligten, übertraf alles Bekannte. Man sah ihn
hager, im roten Purpurmantel, darunter der einfache braune Lederkoller,
täglich durch die Straßen der Altstadt reiten, von seinen Offizieren
gefolgt. Mit ihnen pokulierte er, seine Gicht nicht achtend, in ihren
Häusern, bramarbasierte, spekulierte. Die frechen Beutezüge, die
Kriegsdrohungen des Mansfeld, der im Haag saß, waren das tägliche
Gesprächsthema. Die Kriegsoffiziere drängten fort, wollten nicht versauern.
Täglich schrien sie: »Der Mansfeld, der Mansfeld!« Sie hingen an ihrem
Oberst, der sie mit reichem Geld überschüttete: »Sind wir nicht üppig
genug? Müssen wir zurückstehen? Der Mansfeld rüstet wieder!« Lärmten
täglich mehr, wollten ins Reich hinaus; bestürmten den Friedländer, der mit
seinen listigen lautlosen Augen saß und nichts vernehmen ließ.
Ganz unvermutet erschien in München in der Residenz eine sonderbare kostbar
gekleidete Deputation, von livrierter Dienerschaft gefolgt, geschickt wie
sie sagte von einem mährischen Edelmann, der sich anheischig machte, dem
Kurfürsten in den kommenden Kriegsnöten beizustehen mit einer großen Zahl
Regimenter, wenn ihm, bei Treuschwur gegen den Kurfürsten, gewisse
Selbständigkeit über seine Regimenter belassen würde. »Warum,« kam als
Antwort zurück, »stellt sich der anonyme Herr nicht auf seine eigenen
Beine? Will er ein Königreich gründen, kann er's besser ohne uns.« Das
machte kein böses Blut in Prag. »Ein kluger weltkundiger Herr, der Bayer,«
schwadronierte der Fürst: »hat er doch recht!«
Fing es auf andere Weise an; brachte die ihm unterstellten und von ihm
ausgehaltenen Regimenter auf Kriegsstärke und höher, dann holte er seine
Kriegsoffiziere zusammen, lieh ihnen Geld, hieß sie sich um Patente
bewerben, die Regimenter hielt er wieder aus. Bald waren mit ihm versippt
und verbrüdert die meisten Obersten in Böhmen und Mähren. Währenddessen war
noch nicht verlautet, was er vorhatte; und unvermindert, ja heftiger trat
das Drängen der Offiziere hervor, auf den Feind, der sich zusammenballte,
loszuschlagen, fortzuhuschen aus dem verruchten kahlgefressenen Böhmerland.
Raufbolde, italienische spanische Kavaliere, dreiste Spieler, Waghälse
Trinker Duellanten um ihn, der stundenlang den Würfelbecher nicht aus der
Hand gab, Rapiere vor Wut zerbrach, wenn er verlor, aus dem eisigen
Berechnen, Belauern nicht herauskam. So groß war sein Anhang zwischen Elbe
und Moldau, daß er jedem, der ihm widerstrebte, hätte den Garaus machen
können, und weithin ruchbar, nicht verschwiegen wie das Münzkonsortium,
war, wer in seinem Gefolge stand. Demonstrierend lud er seine Herren zu
sich ein, und es fehlte keiner von den Machthabern des Landes. Die
kaiserlichen Verwalter kamen hinzu mit der Pflicht, an diesem Tisch zu
repräsentieren, um nicht ganz zu verschwinden.
Er fing an in aufsehenerregender Weise mit seinem Geld umzugehen. In seiner
Stadt Gitschin setzte er ein Gymnasium hin, dazu in Kürze ein Alumnat, ein
Armenhaus, Hospitäler, ein Kolleg für vierzig Jesuitenväter. Ließ
verbreiten, daß er vorhabe aus Gitschin eine bischöfliche Residenz mit
Kathedralkirche zu machen. Vom Wiener Hof hatte er erlangt, daß sein
Fürstentum Friedland einen besonderen Appellationsgerichtshof erhielt; nahm
in dem Land eine Reform von Verwaltung und Rechtspflege vor. Prunkend baute
ihm Meister Andreas Spezza ein Haus am Fuß der Prager Königsburg auf dem
Hradschin, wozu er sieben Häuser des Klosters Sankt Thomas und zwanzig
Lagerhäuser niederriß. Man erzählte, daß er sich als Sonnengott oder
römischen Imperator malen ließ.
Wie Wallenstein unbeschäftigt im Lande seine Hände rührte, träge wartend,
umspielt von seinen Offizieren, belauert von den reichen Männern und
Machthabern des Landes, näherte sich ihm die schwermütige weiche Figur
Wilhelms von Slawata, seines Vetters. Dieser Mann, von Verachtung über sein
Land geschüttelt, hatte Wallenstein zum Henker Böhmens erkoren, und wollte
ihn bewegen, in zwei drei Jahren niederzustrecken, was gegen den Kaiser
noch Widerspenstiges in Böhmen lebte. Dieser Mann aus edlem altböhmischen
Geschlecht war zum kaiserlichen Beamten geworden, ohne einen Finger danach
bewegt zu haben. Von der Universität und der Kavaliertour durch Oberitalien
zurückkehrend wurde er Landschaftsoffizier, Vertrauensmann der Martinitz
und anderer, die den Abfallbewegungen des Landes die Spitze boten. Slawata
hielt zu ihnen, weil er den Tumult verabscheute. Neben ihnen ging er mit
langen Schritten, schweigsam, ein schwermütiges dunkelgetontes Gesicht,
starke braune Brauen, unter denen weite blaue Augen lagen, deren kalter
Ausdruck gut stimmte zu dem breiten Mund mit den eingekniffenen Ecken.
Immer standen senkrecht über der Nasenwurzel zwei tiefe Falten; die Stirn
zog sich zu ihnen zusammen, sie verfinsterten das Gesicht und ließen nicht
den Blick zu auf die schöne Schwingung der Kieferlinie und das Grübchen am
Kinn. Er trug auf dem schultersinkenden dunkelblonden Haar ein schwarzes
niedriges Samtbarett. Den fleischigen Hals trug er bloß; er bog leicht den
Kopf wie lauschend nach vorn und nach links, während er das linke Auge halb
zufallen ließ, das sich in der Spalte zitternd hin und her bewegte. Seine
rechte beringte Hand, viel weißer als das Gesicht, hielt sich an dem Besatz
des violetten schweren Mantels fest, dessen breiter kostbarer Hermelin
seine weichen, teilnahmslos abfallenden Schultern überzog. Er war mit
Wallenstein eins gewesen in den Angriffen auf das rebellische böhmische
Volk; aber der Fürst schenkte dem Volk nicht die geringste Aufmerksamkeit,
auch der Verachtung nicht. Slavata, sein Vetter im dritten Grad, verlangte
haßvolles Einschreiten, Knebelung. Er liebte keine Frau und kein Kind,
haßte nur Böhmen, weil ihn Rebellion anwiderte und die Rebellion ihn, als
er sich gegen sie stellte, mit ihren schmutzigen Händen angefaßt hatte. Der
Anblick der elf vermoderten Köpfe auf dem Brückenturm gab ihm nur geringe
Genugtuung. Mit Freuden hatte er das Münzkonsortium am Werk gesehen, tief
beglückte ihn der Zusammenbruch des Königreichs. Es mußte noch mehr
geschehen, noch mehr. Um zu erfahren, was der Fürst triebe, besoldete er
friedländische Kammerdiener; die belanglosen Sachen, die sie ihm
überbrachten, regten ihn tief auf.
Er suchte den Fürsten in der Meierei Bubna bei Prag auf, konnte sein Herz
nicht zurückhalten. Der Edle fiel den andern, der schläfrig schien, an, wie
ein Ringer einen geölten Menschen, an dem er zu Boden stürzt. Ein kurzes
Gespräch bebte zwischen ihnen. Wallenstein, mit ihm zwischen den Ulmen
spazierend, mit dem Stock in dem hohen Herbstlaub wühlend, dankte
apathisch; er maße sich nicht an, die kaiserliche Politik zu forcieren.
Aber sie hätten gemeinsam dafür gekämpft und es hieße nur, den Kampf
vollenden. »O,« blickte ihn spöttisch mitleidig der Fürst an, »was haben
Euch die ärmsten Böhmen getan.« Er lachte kräftig. »Schneidet Euch ein
Stück Speck aus dem Schwein, dann laßt es laufen!« Mit Schmerz gab der Graf
nach einiger Überwindung zurück, der Fürst wüßte, daß Böhmen ihre Heimat
sei, und daß man sie reinigen müsse von dem Gesindel, das sie besudele.
»Ich bin nicht besorgt, vielleicht wendet sich der Herr an den Kaiser
selber. Wir treiben nur unser kleines Geschäft, so tagaus, tagein.« Kräftig
klopfte ihm Wallenstein auf den Arm, lud ihn ein, seine Gitschiner
Ländereien zu besichtigen. »Der Herr Vetter trägt ja viel nach,« scherzte
er unterwegs, »in dieser Weise wird er nichts vor sich bringen.«
Die furchtbare organisierte Macht des Mannes in Regimentern Städten
Ländereien. Slavata mußte sie sehen, das Schwert eines hirnlosen Riesen.
Bitter und falsch verabschiedete er sich in Gitschin vom Fürsten, der aus
dem Befehlen Lärmen Hetzen nicht herauskam: er wolle zurück nach Prag, er
sähe, daß er nichts vor sich gebracht habe. »Sei er mein Freund!« schrie
der Friedländer hinter ihm her, der in schwelender Empörung noch in
Gitschin den brillantenbesetzten Türkensäbel Wallensteins über eine Brücke
ins Wasser warf, sich aus dem Wagen beugend, die Hände am Wams abreibend.
Slavata war es, der bei einem gelegentlichen Fest versuchend dem Fürsten,
als wenn es nichts wäre, als wenn es ihm gelegentlich so einfiele, den
Gedanken hinwarf: der Kaiser brauche Hilfe außerhalb Böhmens; wer reich
genug sei, fände einen guten Augenblick; wie es wäre: Parteigänger des
Kaisers zu werden? Wie der Halberstädter, der Bastard Mansfeld? Es könnte
ein ruhmreiches glänzendes Unternehmen werden. Es war ein ungeheurer
Gedanke, der ein paar Minuten ungesprochen zwischen ihnen schwebte; sie
standen sich zwischen vielen Gästen vor Friedlands Fasanerie gegenüber. Das
heisere Lachen des Fürsten darauf war unecht. Wie sich Slavata einen
Augenblick umsah, merkte auch der Fürst, daß sich der Vetter vor ihm
fürchtete, daß der Vetter fürchtete von ihm niedergestoßen zu werden, und
daß er tatsächlich diese Absicht eben gehabt hatte. Niederstoßen, weil
dieser Slavata etwas gegen ihn plante. Eben erst sah er es. Das flimmerte
weiß und rot durch ihn, und dann hatte sich der schöne Slavata, kopfsenkend
mit bösem Blick, sehr rasch unter die übrigen gedrängt. Es roch hinter ihm
nach Parfüm.
Der Augenblick war verpaßt. Erstaunt überlegte Wallenstein, wie man diesen
Mann rechtzeitig beseitigte, der sinnlos etwas gegen ihn vor hatte. Der
andere, seine Furcht bezwingend, war durch den Garten, das Haus gelaufen;
es war erwiesen: der Fürst wollte zum Kaiser; das Tier wollte weiter raffen
scharren schlucken gewinnen; es war ein Tier. In heftiger Traurigkeit sank
er auf das Polster seiner Sänfte. Er hatte dem Fürsten sein Geheimnis
entrissen; wie ein Hund mit dem Knochen lief er davon. In unfaßbarer Weise
reizte es ihn, wühlte ihn mit Schlamm auf. Im selben Augenblick wie
Friedland wußte er von seinem Haß.
* * * * *
Zurückgeworfen nach Wien konnte Gurland, der sich schwer erholte, der
bedrückte einsilbige Meggau nur auf Liechtenstein und Michna, die nicht
hoch gewertet wurden, und auf den Friedländer hinweisen.
Bei seinem Namen hob selbst Eggenberg, der zu dem böhmischen Unwesen
geschwiegen hatte, abwehrend die Hände: »Sie haben ihn den Unmenschen zu
Altorf auf der Universität geheißen. Welcher Praktiken sich der Oberst
bedient, wissen die Herren.«
Eggenberg ließ sich zu der Frage hinreißen, ob die böhmische Fäulnis über
alle Erblande verbreitet werden solle. Man werde einmal aufdecken müssen,
wie die Herren vorgegangen seien und was sie an dem Kaiser gesündigt
hätten, wenn sie auch titelgesegnet seien. Und Meggau stimmte traurig bei,
es sei schmählich, ja scheußlich, diese Herren anzugehen.
Ungeduldig drängte der Abt, der beim Kopfschütteln blieb: »Gebt Rat, gebt
Rat.«
Verbissen stand der sanfte Fürst Eggenberg auf; so wolle er lieber bei der
Stadt Venedig betteln als bei dem von Wallenstein. »Wer wandert nach
Venedig?« lächelte der Abt mit unbeirrtem Ernst.
»Judäa wird Germanien heißen und nicht anders,« wanderte der Fürst im Saal.
Abt Anton zuckte die Achseln.
Meggau sagte mitfühlend: »Er ist Euer Verwandter, Fürst Eggenberg,
vielleicht haltet Ihr ihn im Zaume.«
»Er ist ein Bösewicht, in Böhmen hartgesotten, ich sage es den Herren und
sie werden einmal daran gedenken; und wir legen uns alle in seine harten
Hände. Er ist Katholik, aber nur er weiß, zu welchem Ende er zu dem wahren
Glauben übergetreten ist. Er hat den Satan in sich, Ehrwürden; ich meine es
beinahe nicht figürlich. Darum ist er wütend vor Tapferkeit, darum wirft er
sein Geld hinaus, weil es doch wieder zu ihm zurückläuft. Darum ist er ohne
Erbarmen, eine Furcht für alle, die ihn kennen.«
»Ihr seid sein Verwandter.«
»Ach Ehrwürden, zu seiner Großmutter ist auch der Gottseibeiuns zahm und
liebenswürdig. Ich bin nicht stolz auf ihn.«
»Ich hör' es, Fürst Eggenberg. Wie will aber Eure fürstliche Gnaden das
erzherzogliche Haus erhalten, die Armee stützen und vergrößern. Wir
verhoffen doch, Eures Satans Herr werden zu können.«