Still der Kleine: »Ihr sprecht aus meiner Meinung.«

»Schließlich kann ich, und ich weiß, kann der Kaiser und der Erzherzog

nicht die Verantwortung für das Folgende übernehmen. Mag sie der Bayer

selbst tragen. Wir nehmen sie ihm nicht ab. Niemals. Wir haben keinen Grund

dafür, gegen ihn milde zu sein. Denkt an, Herr, ich will es Euch nicht

verhehlen, ich habe ihn nach Rücksprache mit Eggenberg anfragen lassen sub

rosa, wodurch und wie sich die Römische Majestät von ihm freikaufen könnte,

von ihren Pfälzer Verbindlichkeiten. Ich habe den Erzherzog nichts davon

wissen lassen. Ich wollte einen runden Betrag. Den hat er genannt.«

»So sprecht doch, Ehrwürden.«

»Das Herz kann es mir zerreißen. Ich bin ein Christ, Katholik und dazu bin

ich geweihter Priester. Mir steht kein Haß oder Abscheu gegen Menschen zu.

Schon gewiß nicht gegen einen andern, der Christ, Katholik ist und -- ein

Verwandter unseres Herrn. Aber die Wut zerreißt mir die Eingeweide, wenn

ich es bedenke. Noch nie ist dieser getreue gerade Kaiser so geschmäht und

infernalisch gehöhnt, als durch diese Antwort.«

»Ein unerschwinglicher Betrag. Und Ihr?«

»Dreizehn Millionen Gulden. Hört, denkt«, der Abt fast schreiend, dann

erschreckt hinter sich blickend, mit heftiger Flüsterstimme und Gesten auf

den Grafen eindringend, der im Nachdenken die Augen schloß, »dreizehn

Millionen Gulden. Man muß es sich vorstellen, man muß sich ihn vorstellen,

den Bayern. -- Laßt mich einmal sehen; die Fensterläden geschlossen, einer

auf dem Flur?«

Als er bebend auf und abschritt auf dem Längsläufer, öffnete Trautmannsdorf

die Augen: »Ihr seht es jetzt: der Wittelsbacher verachtet uns. Uns alle,

samt unserm allergnädigsten Herrn. Dreizehn Millionen: da hat er gelacht

und seinen Vater gefragt: »Wollen sehen, was das Bettelpack antworten

wird.« Römischer Kaiser und Herzog in Bayern. O, wir hätten ihm wohl doch

beistehen müssen damals, dem Kaiser, als die Exekution gegen die Oberpfalz

begann. Wir hätten es müssen, Ehrwürden. Der Bayer suchte Macht gegen uns.

Es wäre nicht so weit gekommen mit dem Kaiser. Jetzt wagt er dies; er weiß,

warum der Kaiser beiseite steht und warum der Erzherzog Leopold am Hofe

lebt.«

»Liebwerter Freund, wir hätten es müssen? Es hätte auf ihn keinen Eindruck

gemacht, er kennt uns beinah besser als wir uns. Es war schon alles gut;

wir haben nichts verfehlt. Er weiß, wie wir ihn brauchen.«

»So laßt es nun sein, ihm den Kurhut zu erschweren. So nützt es doch

nichts.«

Der Abt hielt, noch im Schreiten, die Hände vor das Gesicht und weinte

fast: »Nehmt mir nicht allen Trost. Ich weiß ja, ich will nicht denken.

Darum muß ich ihm nicht Vorschub leisten. Ich entlarve seine Schliche. Ich

will ihm diese Stunde nie vergessen, mit dem Brieflein um dreizehn

Millionen. Seht, mir habe ich's in der Brust geschworen, in Treue um unsern

allergnädigsten Herrn, dem ich nichts von der Botschaft verriet: die

dreizehn Millionen soll er uns bezahlen; er soll denken: nie kann ich

genugsam Geld aufbieten, um mir Habsburg wieder Freund zu machen und ich

kann's nie. Dies will ich ihm nicht ersparen.«

»Ihr habt die Siegesfeier für gut gehalten.«

»Es soll die letzte gewesen sein, Trautmannsdorf.«

»Dies war's, was Ihr mir so dringlich vorgestern mitteilen wolltet; ich war

verreist. Und was habt Ihr erreicht mit Euerm Beschluß von vorhin?«

»Einen Wutanfall Maximilians, ich weiß. Weiter nichts. Nur soll er uns

nicht für Narren halten, für solche Narren, wie ich es beispielsweise bis

jetzt war.«

»Wißt Ihr, Ehrwürden,« begann nach einer Pause, der unbewegliche Graf,

»einen Schritt konnten wir gleich weiter gehen.«

»Und?«

»Wir könnten versuchen, den Erzherzog Leopold --«

»In diesem Augenblick dachte ich daran. Wir müssen es an Lamormain bringen.

Ich weiß freilich noch nicht, wie er von meinem ersten Schritt denkt.«

»Ist er bayrisch gesinnt?«

»Nicht so und nicht kaiserisch. Er ist von der Gesellschaft Jesu und

gehorcht dem Papst.«

»Vielleicht also bayrisch. Er wird, wofern Ihr ihm das Brieflein zeigt,

seine Stellung ändern. Er ist tatendurstig, das Brieflein wird ihm als

Angriff auf seine Macht vorkommen.«

»Der Bayer soll seine Freude haben an dem Kurfürsten,« drohte der Abt,

schwang sich auf die Truhe.

»Mich müßt ihr beurlauben, und ich kann jetzt nicht Euer Gast sein,

Ehrwürden. Ich war nicht in meinem Quartier von der Reise. Und ich möchte

dann mit einigen Herren, später mit Euch, beraten, wann wir zu unserem

allergnädigsten Herrn hinausfahren, um Audienz zu erbitten. Ich denke wie

Ihr: Wir sind es ihm schuldig --, wenn er auch nicht viel Freude daran

haben wird.«

»Lebt wohl, liebwerter Freund.«

Trautmannsdorf flüsterte schalkhaft: »Ich möchte auch gleich zum Herrn

Leuker; ihn trösten, beruhigen.«

»Tut es,« lächelte gezwungen der immer wieder zitternde Abt auf der

Schwelle, in den Flur nach rechts und links blickend, als wenn er

Gespenster erwarte.

* * * * *

In Sachsen, in Dresden, wie in dem brandenburgischen Berlin hielt man sich

die Seiten vor Lachen über den neuen Wiener Vorschlag, die Pfälzer

Angelegenheit gänzlich durch ein Dekret des gesamten Kurfürstenkollegs aus

der Welt zu schaffen. Johann Georg, dem Kurfürsten, behagte die neue Kunde

ebenso kostbar wie seinem Ratspräsidenten, dem Kaspar von Schönberg; er

ließ für einige Tage seine Hauptsorge außer acht, die Aufsicht und

Reglementierung der Braugesellschaften, das Herumschnüffeln nach

verborgenen Braumassen. Wie andere Hoheiten, Gesandte in fremden Ländern,

so hatte er geschmackskundige Vertrauensleute in größeren Flecken seines

Landes, vereinzelte auch in den berühmten Hansestädten, die für ihn

hereinspionierten und ihm berichteten, auch die feinsten Tönnchen, das

sorgfältigste Gebräu versiegelt und plombiert unter Geheimchiffern durch

Kuriere zurollen ließen. War das Gebräu in der Tat erlesen, das aufgedeckte

Geheimnis absonderlich, so konnte es dem gewandten gelehrten Entdecker so

bald an nichts fehlen; er hatte sich legitimiert für den Zutritt zum

kursächsischen Hof; der Merseburger Bierkönig, wie Johann Georg sich gern

nennen ließ, mit Stolz, -- wenngleich die Leipziger Studenten ihn damit zu

verspotten glaubten --, empfing sie feierlich dankbar und ehrend, wie es

sich gebührte gegen jemand, der dem kursächsischen Leib wohlgetan hatte.

Würdig gemächlich und etwas schwach im Kopfe war Johann Georg; er hatte den

Blick für das Wesentliche im Leben nicht verloren, eine liebevolle Kenntnis

der menschlichen Schwächen war ihm eigen. Für die Details des Daseins, auch

des Amtsverkehrs, hatte er sich den Kaspar von Schönberg engagiert, den er

noch, damit er nicht gar zu üppig werde, mit dem Schwergewicht einiger

seiner edlen Vertrauensleute behängte; mit Gott, im Vertrauen auf die

ererbte pfaffenfeindliche Religion konnte er so stattlich den

Regierungswagen kutschieren. Kopfschüttelnd hatte er den Lauf des Pfälzer

Friedrichs mit angesehen; der Mann hatte den rechten Glauben, auch die

rechte Frau, ein schönes fettes englisches Weib, nach dem sich ein armer

Deutscher die Finger lecken konnte. Aber wohin konnte es führen, sagte

Johann Georg in versunkenen Momenten, wenn einer dies Weib in einem Schiff

den Rhein und Neckar hinauf nach Heidelberg geleitet, in einem Schiff, das

Silberkammern Schlafkammern Ritterstuben Badekammern habe. Und die Kammern

ließe man sich noch gefallen, und sie seien würdig eines solchen geborenen

Kurfürsten, auch Königs, und eines so leckeren Frauchens; aber woher das

Geld, wofern es nicht er, sondern der König von England, Jakob der

Griesgram, der Dickkopf hat? Ja was dann; so sei alles Glück und Hoffnung

sogleich auf Sand gebaut. Ein deutscher Fürst, -- ja, es sei so, und so

mußte es kommen, und so hätte es kommen müssen mit allen Folgen für ihn,

für den Kaiser Ferdinand, für das Heilige Römische Reich, für den

evangelischen Glauben; das Weitere sei auch alles so zu erwarten. Das war

die Direktive für den »kursächsischen Aktuar und das Spitzmäuschen,« wie er

den Schönberg huldvoll benannte und auch bei dem neuen Entschluß, die

Pfälzer Angelegenheit durch kurfürstliches Kollegialdekret zu beenden.

Es war Spätherbst; in einem Saale seiner Kunstkammer saß Johann Georg auf

einem Rollstuhl, mit blauer Nase, frierend in seinem wattierten Wams,

seinem Rock aus Wolfspelz, über beide Ohren die Pelzkappe, darunter einen

dicken Hut; mit Sämischlederhandschuhen, über die er ungeheure

Wolfshandschuhe gestülpt hatte; die Beine in Lammfell geschlagen. Über das

Wams floß ihm ein breiter gewellter grauer Bart, grün die Mundstoppeln. Den

herumspintisierenden Kaspar von Schönberg, dieses arrogante dienernde

Gerüst, verabschiedete er kurzerhand. Dann betrachtete er wohlwollend

seinen asthmatischen Kammerdiener, den Lebzelter, der vor einem Pult mit

dem aufgeschlagenen prächtig illuminierten eichstättischen Tulpenbuch stand

und im Stehen sich Notizen machte. Denn Lebzelter notierte alles, was er

sah, was um ihn geschah, seit zwei Jahrzehnten, aus Ordnung, aus

Reinlichkeit, damit man nicht wie ein Tier ohne Gedächtnis herumlaufe. »Was

hältst du von dem Handel, Lebzelter?« Eifrig sprang der herbei, hob

abwehrend beide Hände, riß ehrerbietig die Augen auf, bis unter die lockige

graue Perücke:

»Kurfürstliche Gnaden: nicht anrühren! Geheimer Rat Kaspar denkt im Nu, im

Hui; Lebzelter --, Eure Gnaden wissen.«

»Woran liegt's, Lebzelter? Was werden wir machen?«

»Nicht anrühren, Eure kurfürstliche Gnaden. Nicht heute, nicht morgen. Das

Natürliche braucht seine Zeit. Ich werde notieren.«

»Übermorgen, Lebzelter. Und laß mir den Kaspar nicht vor.«

Nach zwei Tagen staffierte der Diener seinen Herrn sorgsam aus, und als er

ihn recht vor die Schränke gehoben hatte; den Bierhumpen zur Seite

gestellt, daneben ein Körbchen Salzbretzel, machte er rasch seinen Eintrag,

stäubte sich ab, verbeugte sich zum Vortrag. Aber Johann Georg bemerkte

schon nach dem ersten tiefen Schluck, es müßte erst festgestellt werden, ob

sie auch übereinstimmten in der Hauptsache.

Die Hauptsache sei, -- Lebzelter erhielt das Wort, -- den beiden

protestierenden Kurfürsten samt allen Ständen, die sie im Kolleg vertreten,

solle das Fell über die Ohren gezogen werden, von kaiserlichen Händen.

Gerührt reichte ihm Johann Georg die Hand: »Lebzelter, feuchte dich an.«

Alsdann kehre man, meinte geschmeichelt der Kammerdiener, mit kurfürstlich

sächsischem Konsens zum Ausgangspunkt zurück: man lache. Denn die

Albernheit der deputierten kaiserlichen Räte in dieser Affäre sei zu groß;

sähe doch jeder Sachse, Brandenburger, jedes Kind: das Kurfürstenkolleg

solle gutheißen, bezahlen, was der Kaiser esse. Es sei den Herrchen,

hochzuehrenden, strengen, wohledlen allzusamt, allgemach zu schwer geworden

in Wien, die Verantwortung und die Kosten selbst zu übernehmen; so mag es

der Kurfürst mit dem guten, breiten Buckel.

»Ich will dir aber sagen,« bemerkte, den Wolfshandschuh abstreifend,

nachdrücklich der Herr, »alles lieb und honorig, was Römische Majestät

unternimmt und mit kaiserlicher Potenz sich unterfängt. Nur lach du mir

nicht zu viel. Es tut nicht gut und hält nicht gut, es verstößt gegen den

Respekt. Was soll ich denn, der doch einmal dein Kurfürst, dein gnädiger

Herr ist, sagen, wenn Ihr lacht, wo das Reich erschüttert wird?«

Lebzelter hob gravitätisch, überlegen wieder beide Hände: »Wird nicht! Und

geschieht nicht! Darum mit jedem Verlaub, kurfürstliche Gnaden, eben lacht

man: weil man sich drüben täuscht. Was ist das für ein Gelächter? Ein

Spottgelächter, ein vergnügtes, sehr ernstes, ablehnendes Gelächter.«

»So laß ich mir's gefallen. Wir lehnen ab.«

»Wir lehnen ab, kurfürstliche Gnaden. Geschieht das Gleiche wie mit dem

Pfalzgrafen Friedrich und seinem Schiff.«

»Warum, mein Sohn?«

»In diesem Fall hatte der Engländer das Geld, und darum konnte der Pfälzer

nicht lange Schiff fahren. Jetzt will der Bayer und die Majestät fahren,

und --«

»Gut. Ich habe aber auch kein Geld. Gut, Lebzelter. Von den Menschen soll

jeder Freude und Lasten allein tragen, denn so hat ihn unser Herre Gott

geschaffen. Der Kaiser ist ein würdiger, seriöser Mann und gar erst der

bayrische Maximilian. Bin ihnen beiden redlich zugetan und treu

wohlgesinnt. Sie verstoßen aber gegen Gottes Gesetz; sie müssen mit ihren

eigenen Beinen laufen.« »Ich werde, wenn Eure Gnaden befehlen, dem Kaspar

Schönberg dies als Eure strenge unabweichbare Gesinnung offenbaren.«

»Dem Kaspar befehle ich --. Ich befehl' ihm nichts. Er soll sein

Spitzmäulchen da nicht hineinstecken. Er hat mir auch zuviel gelacht über

die Affäre, er sieht Respekt und Ernst nicht.«

»Was befehlen kurfürstliche Gnaden?« Unwirsch arbeitete der Fürst an seinem

Wolfspelz. »Wir wollen uns nicht mit Politik übernehmen, Lebzelter. Ihr

schnakt zu keck in die Welt. Mir wird heiß. Sauf er und lauf, was meine

kranke Mutter macht.«

* * * * *

Was die Brandenburger, der Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt dachten,

gelangte bald an den kaiserlichen Hof: man erkenne die kaiserliche

Gerechtigkeit an, man werde ordentliches Gericht über den Pfalzgrafen

Friedrich verlangen, die Gründe seiner Ächtung zur Diskussion stellen. Das

war die Parade.

Die Unterschriften zu der Einladung zum Regensburger Fürstentag wurden vom

Kaiser vollzogen; er selbst ließ sich von den Räten, auch von seinem

vielgeliebten Eggenberg, nicht sprechen. Auf die wiederholte Audienzbitte

gingen ihnen durch den kaiserlichen Obersthofmeister gnädige Dankesworte

der Majestät zu, der sie an seinen Bruder Leopold wandte. Wie der Kaiser

Rudolf mit seinen Astrologen Malern Alchymisten sich von der Welt

absonderte, so sein Nachkomme mit einer jungen frommen Gemahlin. Lebte mit

ihr in Laxenberg Wolkersdorf im tiefsten Frieden: Diplomaten und Räte saßen

oft an seiner Tafel, sahen, wie wohl und kräftig ihr Herr war, wie er

schmauste. Hexenfolterungen Maskeraden Ballspiele Wallfahrten Jagden

Messebesuch füllten die Zeit ganz mit Wohlgefühl aus. Die Ausstattung aller

Jagdschlösser mußte erneut werden. Um die Kaiserin sammelte sich ein immer

größerer Hofstaat. Der Kaiser machte ihr ohne aufzuhören Geschenke von

riesigem Wert in Geld und Schmuck, die zu beschaffen er, ohne zu fragen,

seinem Schatzmeister auferlegte. Nach den Unterschriften für die

Regensburger Tagung ließ er die Räte seiner besonderen Huld versichern; die

Kaiserin würde ihn nach Regensburg begleiten. Und dann kein Wort über die

dringend zu fassenden Entschlüsse, nur Gerüchte von ungeheuren pompösen

Vorkehrungen, Prachtgewändern der Kaiserin, der Bedienung, Beschaffung von

Pferden, Ausbau der kaiserlichen Donauflottille, Herrichtung kaiserlicher

Gemächer in Regensburg, Zitierung von Malern Bildhauern aus München

Florenz, den Niederlanden, zur Ausstattung der Departements.

Erzherzog Leopold, der Projektenmacher, ging in dem Rausch seiner Allmacht

umher; plante zu heiraten, um sich in Wien zu konsolidieren; war in leidige

Geldgeschichten vertieft, von denen er sich jetzt rapid erholte; dirigierte

rechts, dirigierte links; die Ehrfurcht der berühmten Staatsmänner, der

Eggenberg Meggau Kremsmünster blendete ihn. Als man ihm den

Reichshofratsentschluß betreffs Kollegialtag vorlegte, krähte er Beifall;

Ordnung müsse sein, bravo, dazu schlau gehandelt, hinterlistig, echt

diplomatisch, dächte gewiß niemand daran, daß der Kollegialtag gegen den

Bayern sein könnte.

Lange vor dem festgesetzten Termin brach man von Wien auf. In den schönen

braunen Herbst fuhr man hinein. In dem ersten Schiffe Ferdinand und die

Mantuanerin, einsam. Sie dachte nur, wie sie dem Gemahl, der ihr von Gott

zugeführt war, dienstbar sein könne; war ängstlich, ihr Beichtvater führte

sie behut; sie hatte eine feine verschwiegene verschlagene Art; öfter hatte

einer Lust, ihr Politisches zu suggerieren; er erkannte leicht an ihrer Art

zuzuhören, den verlegenen Blick zur Erde, den Mund sehr streng, daß sie

nichts damit anzufangen wußte und sich nicht stören lassen wollte auf ihren

Wegen. Ferdinand schien es ausnehmenden Spaß zu machen, solchen

Unterhaltungen beizuwohnen; es war manchmal, als ob er den und jenen aus

seiner Umgebung ermunterte zu einer politischen Attacke auf seine Gemahlin.

Er träumte währenddessen und mischte sich nicht ein.

Bevor die Flottille in Regensburg landete, machte der Fürst Eggenberg und

Graf Trautmannsdorf einen letzten Versuch, den Kaiser zu sprechen. Und zu

ihrem großen Erstaunen nahm er sie auf seiner Kammer an. Schalt sie

freundlich, in weißem Anzug herumgehend, sich setzend, daß sie durch

Geschäfte seine Lustreise verderben wollten; ob sie es vor seiner Gemahlin

verantworten könnten. Die Herren durften sich zu ihm in dem

ebenholzbekleideten, sehr weiten, sehr niedrigen Gemach setzen, in das die

Sonne blitzte, Ruderschläge hineinklangen. Eggenberg, nachdem er seine

Freude über das Wohlbefinden des Herrschers ausgesprochen hatte, wies auf

die Unklarheit der kommenden Situation und daß noch ein endgiltiger

Entscheid fehle über die Taktik, die Wien auf der Tagung befolgen wolle.

Ruhig, ohne die Beine zu wechseln, meinte Ferdinand, vornübergebeugt an

seiner Sessellehne vorbeiblickend, es sei doch alles klar und gegeben. Oder

seien neue Ereignisse eingetreten, die ihm nicht zu Ohren gekommen wären.

Eggenberg, mit dem stummen Trautmannsdorf Blicke wechselnd, vermochte nicht

von dem Affront zu reden, den Maximilian dem Hause erwiesen hatte; er

lispelte undeutlich, man müsse wissen, wie weit man Wittelsbach, respektive

dem Herzog in Bayern folgen wolle. Der Kaiser wandte sich rasch an

Trautmannsdorf: »Was meint mein Herr?« Trautmannsdorf, verblüfft über die

scharfen Blicke Ferdinands, versicherte, seine Worte zählend, es sei so.

Nun, räkelte sich der Kaiser, ihm sei da nicht ersichtlich, wo

Schwierigkeiten entstehen sollten; Maximilian erhält die Kur. Die beiden

Herren schwiegen. »Ja, mein,« hob Ferdinand plötzlich sich gerade setzend,

die Hände, »wo liegen denn für die Herren Schwierigkeiten. Und seit wann

machen sich die Herren Bedenken? Was ist diese Fahrt. Wir belehnen unsern

Schwager Maximilian.« Es sei beschlossen, bemerkte Trautmannsdorf

vorsichtig, seitens des Rates und so verkündet, daß die Entscheidung der

Pfälzer Frage in die Hände der Kurfürsten gelegt werde; so stehe man auf

dem Boden der Grundgesetze des Reiches. Wieder hob der Kaiser die Hände:

»Ja, dazu eben fahren wir. Das Kolleg muß hinzugezogen werden. Wir werden

die Kurfürsten zu unserer Meinung bewegen; sie werden sich unsern Gründen

nicht verschließen. Die Belehnung erfolgt nach den Reichsgesetzen.« Man

dachte, artikulierte Trautmannsdorf weiter, seitens der kaiserlichen Gewalt

ganz von einer Teilnahme oder Beeinflußung abzusehen; man dachte, ganz,

auch ganz den Kurfürsten die Schwere der Entscheidung aufzubürden.

»Ohne die Kaiserliche Majestät?« Die Herren bejahten.

Da stand Ferdinand auf, ging einige Male in dem rollenden leicht

schwankenden Gemach hin und her. Rauhe Stimme: »Wo ist Erzherzog Leopold?

Ach, in Wien.« Nach einigem Herumwandern stand der Kaiser vor ihnen:

»Bleibt sitzen. Ist etwas eingetreten inzwischen?«

Trautmannsdorf verneinte mit fingiertem Erstaunen; im Gegenteil hätte

Herzog Max sich bereit erklärt, um dem kaiserlich erzherzoglichen Hause

Weiterungen zu ersparen, auf alle Rechte und Ansprüche um dreizehn

Millionen zu verzichten; er sei keineswegs auf die Kur versessen.

Rot blühte es über das volle bärtige Gesicht des Kaisers; als schämte er

sich, drehte er sich ab. Er senkte, wie wenn er einen Schlag erwartete, den

Kopf, den Rücken gegen sie.

»Was habt Ihr geantwortet?«

»Nichts Sonderliches,« meinte sehr gelassen der verwachsene Graf, »als eben

dieses, das Recht nicht zu verzögern. Der Geheime Rat ist übereinstimmend

der Auffassung gewesen, daß dem Kurfürstenkolleg eine entscheidende

Äußerung in der Sache zustehe.«

»So also habt Ihr geantwortet.«

»Die Kaiserliche Majestät werde dem gefällten Urteil nichts in den Weg

legen.«

»Und er?«

»Des Herzog Maximilians Durchlaucht hat geschwiegen.«

Ferdinand setzte sich, nachdem er sich zusammengerafft hatte, schlug eine

flache Hand auf die Lehne, blickte sie fest an: »Gesteht, ich bin es nicht

gewesen, der das geraten hat. Ich war es nicht, der diese Wendung

herbeigeführt hat.«

Eggenberg bejahte warm, hielt den Atem an.

»Es bleibt dabei, Herren. Wir wollen Ruhe haben. Wir wollen nichts mehr

aufrühren. Ja, widersprecht nicht. Das ist beschlossen. Dies und nichts

anderes.«

Er verharrte auch dabei auf Trautmannsdorfs Vorhalt.

»Die Herren mögen mich erschlagen, aber nicht versuchen, mich einen Finger

breit in meiner Meinung zu verrücken. Mein Schwager selbst bringt mich

davon nicht ab; ich bin kein Händler. Ich habe mein kaiserliches Wort

hingegeben; die Kur könnte ihm nur entgehen, wenn ich vom Thron weggenommen

würde. Dies muß ihm geantwortet werden.«

Sie schwiegen auf seine leidenschaftliche Art.

Als die Herren sich auf sein Kopfnicken erhoben, drückte er dem Fürsten

Eggenberg heftig die Hand: »Ich müßte Euch hassen, Eggenberg, daß Ihr mir

eben dies angetan habt. Trautmannsdorf, Ihr habt mir einen Schmerz

bereitet. Ich sag es Euch beiden. Dann danke ich Euch, daß Ihr bei mir

waret.«

Er hielt inne, blickte sie abwechselnd mit glühenden Augen an: »Wie wäre

alles gewesen, wäret Ihr immer mit mir gegangen. Ahnt Ihr das. Ahnt Ihr

das. Was ist inzwischen geschehen. Jetzt seid Ihr da.«

»Mein Schwager erhält die Kur,« wiederholte er fest den beiden auf der

Schwelle. Die Ruder schlugen, Kastanien prasselten am Ufer von den Bäumen,

barsten.

* * * * *

Was erwartet wurde, trat ein. Nach der Ankunft des Kaisers sammelten sich

nach und, nach Kurfürsten und Fürsten in Regensburg; als aber der Kaiser

zum Anfang des neuen Jahres den Konvent im Rathaussaal eröffnete, um die

Proposition dem Reichserzkanzler, dem Kurfürsten Erzbischof Johann

Schweikard von Mainz, dem würdigsten ernstesten ältesten der Herren zu

übergeben, fehlten Kursachsen und Kurbrandenburg. Gesandte von ihnen waren

da. Ihre Tätigkeit: zu hören berichten keine Instruktion haben protestieren

hinhalten. Die Anwesenden ließen sich nicht düpieren, Ratsgang auf Ratsgang

fand statt ohne die evangelischen Herren. Tollköpfe Jesuiten und Kapuziner

wollten rasch ohne sie zum Entscheid kommen. Pommern, das erwartet wurde,

kam nicht, Braunschweig entschuldigte sich; nur viel umworben sah man den

ehrgeizigen, sich anschmeichelnden Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt in

den Fürstenquartieren herumreiten als einzigen Protestanten.

Während die kaiserlichen Räte nervös wurden im Warten und Hoffen auf

Kursachsen und Brandenburg, während sich der ehrlich über den Zwiespalt

betrübte Mainzer abmühte in Vermittlungsversuchen, saß in seinem gediegenen

Quartier an der Grube der junge überstolze Wolfgang Wilhelm von

Pfalz-Neuburg. Sein Vater, erkrankt, war ganz faselig geworden;

notgedrungen wurde der Sohn ins Vertrauen gezogen; er ging wild wie ein

Stier auf die Sache los, staunend und grollend, in welchen Geheimnissen er

blind lebte, zornig entschlossen, es mit aller Welt zu verderben, um die

sonnenklaren Ansprüche Neuburgs durchzusetzen. Sein Vater überflutete ihn

von Neuburg mit Ratschlägen und Vermahnungen; es konnte geschehen, der Sohn

fürchtete, daß der Alte selbst anfuhr. Jenes stolze Gebaren der

Neuburgischen Doktoren gegen Leuker in Wien war nur ein Abglanz der Haltung

Wolfgang Wilhelms; hochfahrend gebieterisch trat er in Regensburg gegen

kaiserliche Räte Kurfürsten und Fürsten auf; man sah ihn mit den

prächtigsten Gäulen und Kutschen in dem schneebeladenen Tummelgarten bei

den Barfüßern; seinen Aufwand trug er in drohender Weise zur Schau. Die

Gemahlin, eine Schwester des bayrischen Max, hatte er wider ihren Willen

nach Regensburg geschleppt, sie fürchtete ihren Bruder; Wolfgang Wilhelm

setzte ihr mit schmähenden Äußerungen zu, daß sie geboren sei zum

Aschenputtel, zur Winkelsteherin; hätte nicht an ihren Bruder zu denken,

sondern an ihn und an ihren Bruder mit Bitternis, denn er wolle ihm das

Recht streitig machen, ihm, ihr, ihren unmündigen Kindern. Da saß die

unschöne kränkliche Frau in italienische Kostbarkeiten gehüllt in dem

heißen Empfangssaal an der Grube. Vor die Angesichter aller Kurfürsten

wurde sie geschleppt, bald sollte sie zur Audienz erscheinen bei den

kaiserlichen Majestäten, bald sollte Maximilian aus München in Regensburg

landen.

Der kaum dreißigjährige Pfalzgraf, braunlockig, in französische

Schillerseide gekleidet, hatte schmutziggraue Farben an den Backen

bekommen, seitdem ihn der Kurfürstenteufel ritt; sein Blick, ehemals

flüchtig, jetzt steif und abwesend; die Haltung ohne Zusammenhang, bald

versunken, bald kalt abweisend und herrscherisch. Der Alte hatte noch von

der Universität Löwen ein ausführliches Gutachten anfertigen lassen zur

Begründung seiner Rechtsansprüche; das Gutachten verbreitete der Sohn in

Abschriften; vergnügt las der spanische wie französische Botschafter,

Mainzer Kölner Trierer Räte, sächsische Abgeordnete, die Vertreter

Maximilians von Bayern, wie gut fundiert die Neuburger Ansprüche waren. Die

goldene Bulle war zitiert, Titula sieben, Paragraph fünf, worin stand, daß

beim Erlöschen einer Kurlinie über die Neubelehnung der Kaiser unter

Hinzuziehung der Kurfürsten zu entscheiden habe. Die nahe Verwandtschaft,

ehemalige Mitbelehnung, war angerufen und daß keiner aus der Linie Neuburg

die geringste Schuld an dem böhmischen Kriege habe.

Erschreckend wirkte es auf alle, die dem Schauspiel beiwohnten, daß

plötzlich ein regelrechter Buckelhans auf der Bildfläche erschien, im

Quartier des Mainzer Kanzlers anrückte, sich offenbarend als Friedrich von

Zweibrücken-Birkenfeld und, da er stumm war, durch seine dämonisch erregte

Frau und einen imperatorischen Kammerdiener bekundend: er und kein anderer

sei nächst berechtigt bei einer Neubelehnung. Man hatte Mühe, mit diesem

Prätendenten fertig zu werden, vor allem, da er ersichtlich von Geist

schwach, vielleicht völlig blöde war und auch die Möglichkeit bestand, daß

er gar nichts wußte von den Dingen, die man mit ihm machte. Aber der gute

vielgequälte Schweikard sah schließlich keine Rettung vor den drei

Birkenfeldern: die verwandtschaftlich begründeten Ansprüche mußten

protokolliert werden, ihren Weg laufen. Es gab eine Szene von großer

Peinlichkeit, als Schweikard es dann nicht verhindern konnte, daß bei einem

Schauessen im Karthäuser Kloster vor der Stadt der pompöse stocksteife

Neuburger mit der Birkenfelder pfalzgräflichen Trias zusammentraf. Aus dem

Konventsaal, in dem Truchsesse und Pagen speisten, kamen die drei geirrt in

das feierliche Refektorium, in dem feine Geigenmusik erscholl, Kaiser und

Fürsten hinter einer langen Tafel saßen, darauf ein zinkerner Berg Parnaß

Wasser und Wein verspritzte, ein Pegasus aus Zucker die Flügel schwang.

Neben Wolfgang Wilhelm setzte man den tauben blöden Buckelhans ab; rechts

und links blieben Sessel frei. Man lächelte drüben, flüsterte sich ins Ohr;

dies waren die beiden Prätendenten. Aber manche wandten sich betreten und

ergriffen ihrem Mahl zu; Schweikard, weißhaarig, Gesicht einer fetten,

alten Frau, mit mächtigem Kehlbraten, zittrigen Lippen, sah schmerzlich

vorwurfsvoll zum Obersthofmeister herüber. Verschwunden war die nächsten

Tage der Neuburger; man erzählte von Duellen, die zwei seiner Kavaliere mit

Franzosen hatten, die in einem Atem Neuburg und Birkenfeld besprachen. Der

Leidensweg Wolfgang Wilhelms wäre so lang wie der Fürstentag geworden,

hätte Graf Ognate, der spanische Gesandte nicht die beiden Prätendenten

zusammengeführt, einen Vertrag zwischen ihnen veranlaßt und den stark

geduckten Wolfgang Wilhelm als seinen Kandidaten ausgerufen. Die drei

Birkenfelder waren bereit, sich mit Geld abfinden zu lassen, blieben aber

böswillig in Regensburg, lauerten; sie saßen dem Neuburger auf den Fersen,

zähneknirschend mußte er sich umwenden, lieb Kind mit ihnen spielen; die

vulgäre Dienstmagd, Birkenfelds Weib, wagte sich hausfraulich neben die

bedrückte Schwester Maximilians.

* * * * *

Die Verhandlungen klärten die Situation vollständig; dem Schwanken und

Widerstreben der Kurfürsten stand die unerschütterliche kaiserliche

Forderung der Belehnung Bayerns gegenüber. Wie ein Wurm wand sich das

Kolleg unter der täglich stärker drückenden kaiserlichen Faust. Tobsüchtig

raste Ognate; sein wildestes Argument: man möchte doch den Franzosen,

Monsieur de Baugy ansehen, wie er sich freue über Bayerns Aussichten -- ob

dahinter Gutes stecken könne. Und Baugy erklärte in der Tat höflich und

spitz, dem frommen König von Frankreich widerfahre bei Ausführung des

heiligen Werkes der Belehnung eine persönliche Freude; dies könne dem

Heiligen Reich doch nur angenehm sein, vielleicht nicht dem Spanier. Die

sächsischen Vertreter stießen täglich und und unter zunehmendem Tumult

Drohungen aus, die Übertragung der Kur sei kein Mittel zum Frieden im

Reich; der Kaiser hätte nicht ohne ordentlichen Prozeß Acht zu verhängen.

Die Brandenburger standen ihnen bei. Das ganze Kolleg zuletzt, von Kurmainz

geführt, erhob sich, schloß sich den Sachsen an: es würden sich bösartige

Kriege an diese Tat anreihen, der Kaiser könne nicht dies verantworten. Der

Erzbischof Kanzler beschwor persönlich den Kaiser; schwere Stunden

durchlebten die Räte, die aufs innigste hofften, Ferdinand werde Gebrauch

von der Stimmung des Kollegs machen. Aber Ferdinand blieb unbeweglich; bei

vollkommener Liebenswürdigkeit antwortete er, die Sache sei zwischen ihm

und Maximilian längst geregelt, die Kur vergeben. Es bedurfte der

hingebungsvollen Diplomatie der Räte, die voll Bitterkeit erkannten, daß

dem Kaiser keine Wahl geblieben war, und der Konzilianz des Mainzers, um

die andern katholischen Stimmen zu besänftigen. Sie erkannten alle den

ungeheuren Fortschritt der katholischen Sache. Die katholischen Herren

gingen nur widerwillig an die Entscheidung heran und stimmten zu; sie sahen

in dem Vorgang einen bedrohlichen kaiserlichen Übergriff, der sich auch

einmal gegen sie richten könne. Dazu war das böse sehr törichte Wort aus

der Kanzlei der Wiener gekommen: Daß die Aberkennung und Neuübertragung der

Kur der kaiserlichen Wahlkapitulation widerspreche, sei sonnenklar; aber

keine menschlichen Gesetze seien so ewig und beständig, daß sie alle Fälle

der Notwendigkeit ausschlössen. Als Maximilian selbst, blaß erregt in

Regensburg eintreffend, sich bei Ferdinand nach den Aussichten erkundigte,

bekam er den kalten fast befremdeten Bescheid, die Sache sei doch

abgemacht.

Ohne daß außer den anwesenden Kurfürsten irgendwer formell benachrichtigt

wäre, erfolgte dann eines Tages, vor einem Auditorium von nur Jesuiten

Mönchen Beamten, die Belehnung des Bayern in der Ritterstube des Rathauses

zu Regensburg. Knieend empfing der Bayer den Kurhut aus der Hand des

Kaisers. Zwei Stunden darauf versah er zum erstenmal das Amt als Truchseß

an der Tafel des Kaisers, trug die erste Schüssel auf, wurde zum Mahl

geladen. Ein Eilbote lief zugleich nach Rom, um in Maximilians Auftrag dem

Papst die freudige Kunde zu bringen; die Kanonen donnerten auf der

Engelsburg; zum Tedeum zog der Papst Gregor in die Peterskirche.

Die Regensburger hatten dem kaiserlichen Paar ein besonderes Prachtschiff

gebaut. Das Kolleg löste sich auf.

Der Franzose hatte gekämpft, um den Bayern in seinem Spiel zu haben, wenn

es gegen Spanien ging oder gegen den Kaiser.

Der Spanier hatte gekämpft, um sich England freundlich zu erhalten, den

Verwandten des geächteten Mannes.

Den Bayern hatte Rache, Größensucht und Stolz getrieben. Der Kampf war zu

Ende.

Es pries am Schluß der großen Prozession vom Wolfgangsdom zum heiligen

Emeran der Kapuzinerpater Hyacinth das geschehene Werk, predigend, man

dürfe nicht Furcht vor den drohenden Allianzen und Personen haben; wenn nur

der katholische Glaube gefestigt und gefördert werde.

Kochenden Herzens ging aus dieser Predigt hinaus der graublasse Pfalzgraf

Wolfgang Wilhelm von Neuburg; er reiste sogleich dem spanischen Gesandten

nach, allein; seine erschöpfte Frau hatte als erste dem Bruder Glück

gewünscht, begleitete ihn nach München. Die Birkenfelder Trias war längst

mit spanischem Gelde abgeschwommen.

Herr Meggau, Fürst Eggenberg, Abt Anton, Herr Trautmannsdorf, die Recken

von Regensburg begleiteten den Herrn heim, eine ehrerbietige stark

verbitterte ratlose fast verzweifelte Runde, am heftigsten sich selbst

grollend. Der Kaiser war fröhlich mit seiner Gemahlin, empfing freudig noch

auf dem Schiff zwischen Passau und Linz seinen Bruder Leopold, den er beim

Abschied in Wien dem Hohen Rat mit dem Bemerken empfahl, man möchte sich

auch in Zukunft bis auf weiteres an den Erzherzog halten. Er selbst nehme

Aufenthalt in Laxenburg und Wolkersdorf.

* * * * *

In München, in der Residenz, saß der Melancholiker Maximilian, äugte nach

allen Seiten. Saß über seiner Beute. Er konnte sie nicht wie ein wildes

Tier in eine Ecke schleppen, sie allein schlingen. Aber während er sich mit

rasselnder Brust an ihrem Besitz sättigte, funkelten seine Augen. Er

knurrte fauchte sprühte. Das Blut troff in zwei Rinnsalen aus seinen

Mundwinkeln, bildete Lachen auf dem Boden, indessen seine Hinterbeine schon

zum Sprung eingezogen waren, die Vorderpranken locker; der Atem rauschend.

Er warnte den Kaiser, er möge auf der Hut sein. Er schrie nach Wien.

Eggenberg Questenberg Trautmannsdorf flüsterten höhnisch: er mag sich

verteidigen. Bayern liegt wie ein Wall vor Österreich; wenn Feinde kommen,

gehen sie auf die Pfalz; mag Bayern sich strecken.

Max drohte: ich habe dem Kaiser die Krone auf dem Kopf erhalten. Der

Kaiser, kaum daß er's hörte. Er lächelte mit seinen Räten: Max hat meine

Hand gefühlt.

Maximilians Gebete waren ein Zischen nach Beruhigung. Aber seine Haltung

wurde starrer als sonst. Er wartete gespannt, daß sich die Wut der Feinde

auf ihn werfen würde. Er dachte schon daran, wie er sich aus dem Spiel

stehlen könnte. Heimlich ging bei ihm ein und aus Charnacé, der

französische Geschäftsträger. Maximilian hätschelte ihn, stieß ihn von

sich, hätschelte ihn.

Zweites Buch

Böhmen

Am Altstädter Brückentor von Prag ragten auf den Zinnen, aus den schwarzen

viereckigen Fensterluken quer nach vorn in die blasende Luft elf Stangen

und Spieße. Mit eisernen Klammern waren sie am Gemäuer befestigt. Auf den

Stangen und Spießen saßen mit kurzen Hälsen verdorrte Menschenköpfe, denen

die Rümpfe abgeschlagen waren; sie lagen unten verscharrt in der Erde. Als

sie noch lebten, hießen sie Wenzel Budovak, Kaplir, Prokop Dovorecky,

Friedrich von Bila, Otto von Los, Bohuslav von Michalovik, Valentin Kochan,

Tobias Steffek, Kober, Jessenius, Heimschild. Sie waren vorzeitig,

wenngleich alte Männer in hohen Stellungen, durch Gewalt umgekommen, weil

sie Böhmen gegen den Habsburger ein Wahlkönigreich nannten und sich den

blonden Pfälzer aus Heidelberg verschrieben. An drei Stangen waren

Armstümpfe mit Händen angenagelt zum Zeichen des geschworenen Meineids.

Unter einem weißbärtigen Kopf, dessen Mund angelweit klaffte, baumelte am

Holz ein brauner geschrumpfter Fleischlappen, eine Zunge: dies war vor

einigen Jahren der Rektor der Prager Universität, Jessenius. Viele wilde

Reden hatte der blauäugige Mann in den Wochen des Entschlusses, der

Erhebung gesprochen; an seinen Lippen hatten die jungen Adligen gehangen,

die sich nach der Unglücksschlacht verzweifelt im königlichen Tiergarten

zusammenscharten und nach schäumender Gegenwehr niedergemetzelt wurden.

Sein Mund erduldete das Wehen des Windes, mit seinem Schlund, seiner Kehle

trompetete der Wind, Zeisige und Spatzen hockten zwischen den Kiefern.

Die Körper zerschlagen, die Güter zerrissen, verschleudert, die Erde unter

das Schwert gestellt. Während sie über Vltava, der breiten nebligen Moldau,

trockneten, flohen ihre ehemaligen Freunde als Rebellen ins Ausland, die

Berka Luksan Pisetzky Fruewein Wichynik. Ihre Güter belastet mit den

Günstlingen des Siegers. Und vor das vergrauste Böhmen trat der bestellte

Ankläger, wies auf die Häuser, in die sich die Beamten des

Konfiskationshofes begaben. Fünf eine halbe Million Taler heimste der

kaiserliche Statthalter aus Nachlässen ein. Aus dem Volke stieg das Wort:

Gnade? Was für eine? Eine böhmische? Kopf ab. Eine mährische? Ewiger

Kerker. Eine österreichische? Raub aller Güter.

Braunaus Regiment harnischschüttelnd, Pike und Handbeil lösend, rasselte in

Böhmen ein. Braunaus Zahlmeister hieß Wolfsstirn, er traf seine Anordnungen

für die Einquartierung. Er arbeitete in Trautenau Leitmeritz Caslau. Mit

kleinen Trupps rückte er vor ein Haus, seine Söldner verlangten zu essen,

zu trinken, Fourage für Pferde Unterkunft Geschenke. Gesättigt und voll

fing Wolfsstirn seinen Spaß an. Den Streithammer, den er am rechten Arm

trug beim Schmaus, ließ er am Faustriemen in die Hand gleiten, griff nach

dem gedrehten Eisenstiel, schrie, den Falkenschnabel in das Tischholz

knallend: »Nun wir geschmaust pokuliert gerülpst gespuckt gesudelt haben,

ist es Zeit, die Rechnung zu bezahlen. Also bezahlt, Herr Wirt.« Und seine

Dragoner schmetterten wiehernd aufstehend ihre Handbeile vor sich in die

Tischplatten, zwischen ihre Beine in die Schemel und Bänke, über sich in

die Balken der Decke: »Zeigt her Kreide und Schreibtafel, Herr, damit ich

weiß, wie hoch ich mich zu bedanken habe, möcht nicht als Lump und

Fuchsschwänzer verschrieen sein.« Er meinte den Beichtzettel. Holte der

Wirt das Papier, so schaute der Zahlmeister drohend seinen Mann an, tat

falsch höflich, keifte böse nach den Pferden. Wo er einen hussitisch

Gesinnten, ein böhmisch Brüderlein, Utraquisten, Calvinisten traf, fiel er

ihm um den Hals, das Valetetrinken nahm kein Ende: »Herzbruder, wir lassen

dich nicht, schändt uns Gottes Element. Wir halten zu dir, sollst nicht

verderben.« Fünf zehn seiner Leute quartierten sich ein, waren nicht zu

vertreiben. Der tolle krummbeinige Zahlmeister sprach im Durchritt alle

Tage vor: »Haltet gut Wacht, daß ihm nichts passiert. Er verdient es. Tot

schind' ich Euch, so ihm etwas widerfährt.« Ausschüttete er sein Lachen,

wenn sich einer beschwerte, demütig um Erleichterung bat: »Sieh mir einer

den Aberweisen an! Ja, weiß der Hundsfott nicht, was ihm bevorsteht, wenn

wir ihn lassen? Was ihm droht? Daß der Satan ihn ankrallt, ihn mit Leib und

Leben, Haut und Haaren verschluckt. Weißt du, wer der Teufel ist?«

»Das ist der Böse selber.« »Recht, da stimmen wir Christen mit euch

überein.« »Brauch keine Wache deshalb. Schütz mich schon selbst.« »Hast du

es vor, bereitest ihm vielleicht das Bett? Setzst lieber ihm deine Schinken

und Hühner vor als meinen frommen Soldaten? Willst gar eine Mantelfahrt mit

ihm machen? Ich steh' für dich ein vor Gott und der königlichen

Statthalterei, muß mit meiner Seligkeit für dich bürgen. Eher laß ich dir

Daumschrauben anlegen, ehe ich ein einziges meiner frommen Kinder

wegschicke.« »Wir verhungern bald, Herr!« Wolfsstirn, der gedrungene kleine

o-beinige, blaurot die Eisenkappe aus der Hand werfend, schwer in seinem

Panzer atmend, zu seinen Leuten: »Habt Ihr zu essen?« Sie schwiegen,

schmunzelten. Er drohend, gefährlich: »Daß Ihr nehmt, was Ihr findet, daß

Ihr Euch sättigt und Kraft gewinnt, daß Ihr nicht die letzte Ziege und Kuh

schont. Weh Euch, wenn ich Euch schlapp finde.« Er hatte gerüstete

Heerwagen mit zahlreichen Fuhrknechten Reiterjungen. Mit einer feinen Wage

fuhr er, zwei Trommler und Trompeter voraus, durch die Stadt. Wo

Einquartierung lag, wog er die Söldner mit dem sonderbaren verbogenen

Instrument; wenn einer abgenommen hatte oder ihm dünn erschien, kassierte

er die Taler von dem Hausherrn ein, ließ ihm fünfzig Hiebe versetzen von

seinem Büttel, dem Söldner selbst halb so viel. Den Beichtzettel, der ihm

eines Tages vorgezeigt wurde, salutierte er: »Lieber, juchhei, bist nun ein

gottgefälliger rechter Christ. Mein Werk ist am Ziel und Ende bei dir. Wo

du dein Heidentum hinter dir hast, wirst du mich verstehen und mir danken.

Nur satt fressen konnten sich meine armen Kinder bei dir, nicht besser wie

die Säue im Stall waren sie eingesperrt bei dir. Pfui über die Schwelle der

Unzucht. Und nun präsentierst du den Beichtzettel.« Er betete mit dem Herrn

und seiner Familie auch mit den Söldnern gemeinsam, fiel hin im Harnisch,

war befriedigt.

In den Rentämtern Küstereien Stuben der Amtleute Vögte Kellerschultheiße

Räte Bürgermeister lagen Kornetts Spielleute Korporale mit wallenden Hüten,

spähten zum Fenster hinaus. Regimentsschultheiß Gerichtsweibel thronten im

Rathaussaal; wo einer kam sich zu beklagen, nahm der boshafte Schreiber ein

Protokoll auf unter spitzfindigem Gefrage; dann hieß es danken, zahlen für

die Klage, verlautete weiter nichts. Die Gassen der Neugläubigen

versperrten sie mit ihren Troßwagen, quer lagen die schwerrädrigen Gestelle

auf den Pflastersteinen oder im Sumpf, konnte keiner herüber von rechts

nach links; wer die Gasse entlang wollte, stand vor hölzernen Barrikaden.

Ganze Häuserreihen waren von den steinbeladenen Ungetümen gesperrt. Männer

und Frauen saßen in den dunklen Höhlen der Keller und Erdgeschosse, oben

goß und blies es hinein, das Stroh war von den Schindeldächern mit Haken

für die Pferde gezogen. Nur bei Nacht trauten sie sich zum Fenster hinaus,

zwischen die Räder, heimlich unter die Wagenbalken, um sich zu verköstigen.

Die neugläubigen Kirchen waren vernagelt; und damit jedem die Lust an ihnen

verginge, schleppten die Fuhrleute morgens mit dem Gemüllwagen den Unrat

aus den Senkgruben bei den Häusern fort, stülpten ihn vor die Kirchtüren.

Die Bauern, die Holz vom Amt bekommen wollten, brauchten keine Feldsteine

zum Straßenpflastern mehr hereinzuschleppen; sie hatten genug an denen, die

sie vor den Ketzerhäusern ausreißen durften. Wo ein Kehrichthaufen in der

Gosse dampfte, wachte in der Nähe ein bestellter Spitzel, ein Dragoner

hinter einem Torbogen, daß er nicht beseitigt wurde ohne besondere

Erlaubnis. Dann zogen die Soldatenweiber mit Kind Kegel Raub und Plunder

über die geräumigen Dielen, grell juchzend über die Parketts der

Innungsstuben; in den Kammern der gelehrten Männer krähten die auf dem

Feld, in Ställen geborenen Bastarde, ritten auf den bemalten Folianten. Man

durfte sie nicht verjagen; die viehischen Gottesleugner durften sich

freuen, daß sich ehrbare Leute bei ihnen bequemten. Dröhnend kletterten die

Dragoner durch die verschmutzten Zimmer, über die Stiegen zu den

kellergepferchten Besitzern, Teppiche unter dem Arm für ihre Wolfshunde,

spektakelten nach Heu Stroh für ihre Pferde. Was nicht zu beschaffen war,

mußten die Besitzer kaufen auf den Nachbardörfern; manche kamen nicht

wieder von der Wanderschaft. Andre, wenn der Weinkeller geleert, die

gedrechselten Holzstühle zerbrochen, die schönen ererbten Schränke

zerkratzt, Salzfässer Leuchter und Lichtscheren zerstoßen waren, faßten

sich ein Herz. Inmitten des wüsten, auf Faulbett Bankpolster Bank und Boden

geworfenen gröhlenden Gesindels pflanzten sie das heimlich gekaufte

Marienbildchen auf, auf einen Tisch, einen Wandbort, ein Schränkchen,

fielen, den Jammer bezwingend, davor hin. Von seinem Spuk war bald darauf

das Haus befreit, die toten Hunde und Hähne auf die Straße gekehrt, der

Boden wieder glatt. Nur die Marienbildchen Rosenkranzbehänge waren in alle

Räume eingezogen. Wie Knechte schlichen die Besitzer mit fremden Mienen um

sie herum, Haus und Hof hatten sie wieder, waren dennoch daraus vertrieben.

Büttel Profosse Pikeniere und Geistliche wanderten von Gasse zu Gasse, Dorf

zu Dorf. Sie gingen in die Schlafkammern, zogen die Decken von den Betten,

denn viele Ketzer legten sich in diesen Wochen zu Bett, um den Fragen zu

entgehen, die jedem entgegendröhnten, der den Kommissionen die Türe

öffnete: »Wer ist im Haus? Und Ihr, seid Ihr katholisch geboren, geworden,

versprecht Ihr es zu werden oder nicht?«

Über die Betten der Greise, Kranken im Caslauer Spittel beugte sich

lederknarrend der Büttel. »Ich bin krank,« wimmerte einer. »Ob Ihr

lutherisch, calvinisch, utraquistisch, katholisch seid?« »Ich bin krank.

Mir fehlt der Atem, die Beine sind mir vollgelaufen mit dem Wasser, ich

ersticke. Geht weg.« Der Jesuit neben dem Büttel, grauhaarig kalt,

geistlicher Koadjutor, den viereckigen Hut zwischen den Händen, die Achsel

zuckend: »Die Antwort ist schamloser, als Euch gut täte. Es ist ihm gleich,

ob katholisch oder ketzerisch. Er pocht auf seine sogenannte Krankheit.

Dieser Mensch ist schlimm.« »Geht weg,« schrie der graublasse Schädel, der

da lag. »Bald,« sagten die Soldaten, warfen sich die Piken in den linken

Arm, zogen dem Menschen Hosen und Wams über, stießen ihn über den Hof vor

das Tor. Da keuchte, röchelte er an der Schweineschwemme.

Einer saß aufrecht auf seinem Lager; der Spittelmeister, dickbäuchig

schlüsselklappernd, benannte sein Leiden -- merkurialische Zeichen wie

krampfhaftes Lachen, Zungenbrand, Pusteln in den Augen --, er lallte

sonderbar bei der Annäherung der bewaffneten Gruppe: »Habe von Euch gehört,

Ihr Herren. Hab' Euch erwartet. Was wollt Ihr mich fragen, Pater.« »Nach

deinem Bekenntnis, armer Freund und was du von Gott, der Jungfrau und den

Heiligen denkst.« »Von Gott, der Jungfrau und den Heiligen. Das ist viel

auf einmal für mich. Aber Ihr habt recht, mir liegt nichts so am Herzen als

das Bekenntnis. Gott ist Gott. Die Jungfrau hat unsern wahrhaften Erlöser

geboren. Und ein Heiliger bin ich.« Er lachte heftig, erschreckend rauh und

dann wieder ganz tonlos, versuchte zu kreischen, vor seine Augenhöhlen

traten wässerige, rötlich gefärbte Tropfen. Die Männer bekreuzigten sich.

»Was sprichst du armer Mensch?« »Und woran zweifelst du ärmerer Mensch?«

schrie der zornig wieder, zitterte mit dem Kopf, »bin ich nicht ein

Heiliger? Hast du nicht vor, mich zu martern meines Glaubens wegen?« »Du

bist also kein Katholik?« Er schrillte, streckte fuchtelnd die Arme aus,

man wich um ihn: »Ein Heiliger! Ihr seid Bären und Füchse. Betet mich an!«

Sie hoben ihn auf an den zerrenden Händen und Füßen: »Faßt mich nicht an,

ich verfluche Euch bei allen Höllenteufeln.« »Seht, ob er nicht

Zaubermittel unter der Achsel eingenäht hat. Ihr müßt ihn rasieren. Wann

warst du zur Teufelssynagoge?«

»Folterer. Betet an.« »Man wird eine Probe mit ihm vornehmen müssen.«

Schlurrend stampfend murmelnd in die Stube der Kindsbetterinnen. Ein

fieberheißes junges Weib rief jubelnd an der Wand zu ihnen herüber: »Zu

mir! Fragt mich zuerst! Ich weiß schon, was ihr wollt!« Ein winziges,

kupferrotes Säuglingsköpfchen sah unter ihrem rechten Arm hervor. »So

antworte.« Gläubig weite feuchte Augen blickten den kopfsenkenden Jesuiten

an, innig sagte sie, nach seiner hängenden Hand mit ihren schwitzenden

greifend: »Ich war nicht katholisch, aber ich will es werden, gleich, bald,

kommt recht bald zu mir. Und dann, dann werde ich gesund, nicht wahr, Ihr

könnt das machen. Und dann kann ich mein Kindchen behalten, nicht wahr?«

»Wir schicken noch heute zu dir.« »Ich werde gesund werden?« »Bete, bereue

deine Sünden.« »Und bleibe ich leben? Seht doch mein Kindchen.« »Bereue

deine Sünden. Der Gnadenschatz der Kirche ist groß.« Sie, eine Sekunde

still, warf sich schreiend zurück, hob den schlafenden Säugling vor ihr

verzerrtes Gesicht, so daß die kleinen Händchen über ihrem schluchzenden

Mund hingen, das Bett zitterte unter den Erschütterungen. Als die

Kommission an die Türe ging, rief sie aus ihrem Kissen: »Herr, Ihr vergeßt

mich nicht. Ihr schickt zu mir.«

In Trautenau bauten die Soldaten hinter dem Tanzhaus einen rohen Stall, da

hinein sperrten sie eine große Menge starker Doggen und Vorstehhunde, die

sie in Bayern aufkauften. In der Stadt verbreitete sich blitzschnell das

Gerücht, als das gräßliche Gekläff von Tag zu Tag wuchs, die Dragoner

hätten vor, bevor die Kommission käme, Angehörige von Rebellen in den Stall

zu jagen. Mit Freuden hörten die Soldaten das, auch die anströmenden

Scholastiker und Dominikaner widersprachen nicht. Eines Vormittags, als die

Kommission umgegangen war, trieb man eine Anzahl utraquistischer Bürger auf

den sogenannten Entenmarkt unweit der katholischen Emeranskirche. Die

Kirchentüren standen weit offen. Als das Orgelspiel begann, der erste

Knabengesang hörbar wurde, hieß man einen Trupp von sechs Bürgern, die Hüte

abgerissen, auf der Straße nach der Kirche laufen. Sie waren noch nicht

zehn Schritt vorwärtsgekommen, als aus einer Seitengasse, die in den Markt

mündete, plötzlich ein greller Pfiff tönte, kurz darauf Hundegebell

Menschenrufe. Im Nu sprangen hinter den fortrasenden sechs Männern, toll

sie anfallend, die schäumenden gehetzten Doggen her; die Männer

schleuderten sie von Schulter und Nacken ab; die gestürzten Tiere holten

sie ein, saßen an ihnen, schlangen sich vorn herum, hingen sich an die

Beine, warfen die Männer um. Die schlagend schreiend rafften sich hoch,

krochen, wurden umgeworfen, rannten weiter, zerfetzte Kleider, blutende

Arme, zerkratzte Lippen. Torkelten an die nahe Kirchentreppe, der Schwall

der Hunde über sie, dann war eine Treppenstufe erreicht. Stöcke und Riemen

der Soldatenreihe fuhren unter die sich verknäulenden Tiere. Dahinter zogen

sich die Männer fußgetreten faustgeworfen vierbeinig die Stufen hinauf. Am

Weihbecken im weißen Chorhemd standen Priester, sie zu empfangen. Vor die

händefaltenden Weißröckigen krochen keuchten die unkenntlichen

Entgeisterten; sie spien Blut Schleim, ihre Lungen rasselten, die Augen

weiß und rollend. Sie wollten sich blind und bewußtlos an den Priestern

vorbei in die dunklen Winkel drücken. Die Geistlichen sprachen sie an,

führten sie, vor denen die Menge zischelnd schaudernd zurückwich, vor an

eine Bank. Sie ließen alles mit sich tun. In die leisen Worte, die stille

Andacht sägten gleichmäßig und ohne Scheu die rasselnden Atemzüge.

Schnauben, plötzliches Winseln: »Schlagt mich tot, schlagt mich tot!«,

immer wieder unterdrückt von Händen, die sich vor die Münder legten. Wie

die Menge sich von den Knien erhob, klatschte einer von den Zerfleischten

lang auf den Steinboden, die Arme vorstoßend, den Kopf anhebend, tierisch

gröhlend: »Schlagt mich tot!« Und während die umringenden Scholaren sein

Geschrei vergeblich zu ersticken versuchten, tobte draußen die zweite Jagd

gegen die Kirchentreppe an, das Gekläff Getrappel Geheule, das Winseln

Stöhnen Brüllen hallte gegen die Gewölbe, das triumphierend heiße Bellen

der Hunde, ihr gelles Quietschen scholl gräßlich herein. Unter den Betern

sanken ohnmächtige. Auf der Anjagdstraße mußten die Doggen mit Händen und

Stöcken von Gefallenen abgerissen werden.

In den Stuben der Neugläubigen unermeßliches Gejammere. Der Tag war bald

vorbei, nach der Nacht mußte der neue Morgen kommen mit der Kommission.

Dann klopfte es mit knappen Schlägen an, das Gebell hatte die Nacht nicht

nachgelassen. Wenn man sich mit zagen zweifelnden Blicken ansah, das Weib

an dem Mann hing, die Kinder in die Winkel krochen, war alles entschieden;

zwischen Dragonern konnte man zur Messe gehen, taub, nur mit den Füßen auf

diesem Boden konnte knien, während andere draußen zerfleischt wurden und

halb tot auf die Fliesen hinklatschten. Die frommen zufriedenen Menschen

drin bebten unter den Mienen dieser Knienden, hielten sich ihre Blicke vom

Gesicht ab. Noch nie waren die bunten blumenbehangenen Heiligenbilder des

Altars von solchen brennenden Augen angesehen worden; mitleidig beteten sie

für die Unglücklichen Verblendeten, riefen die nieversagende Fürbitte

Marias, der paradiesischen Wundertäterin, an.

In Kuttenberg sprang mit den böhmischen Brüdern Don Martin da Huerta samt

seinen Kürassieren; in Leitmeritz Don Balthasar der reiche edle Herr,

begleitet von den hochgelehrten und geschickten Kapuzinermönchen Valerian,

zubenannt der Lange, und Franziskus; mit Königgrätz wurden die Kroaten

fertig. Und als dann noch Haufen Verzweifelter sich zusammenrotteten, da

doch alles verloren war, und rechts und links unter bestialischer Wildheit

Feuer in Häuser und Scheunen warfen, auch in die eignen, ihre abtrünnigen

Brüder anfielen, konnten die um sie besorgten Jesuitenväter, schmerzvoll

den Kopf schüttelnd, sich nur zurückziehen; hier war nicht mehr ihr Gebiet.

Den Soldaten wurde freies Feld gegeben. Das Land hatte kein Korn auf den

Äckern, da es kaum bestellt wurde; dafür setzten die Soldaten auf die

Felder die blaugrünen Gesichter der Erwürgten, die purpurnen Stümpfe der

Niedergemetzelten, deren Beine in die Luft ragten, Verweste. Den Haß

stampften sie ein, wo sie ihn trafen, machten die Erde fett, aus der er

gequollen war. An den Galgen dampften in der Hitze die Leiber der

Gehängten. Der stinkende Wind warnte vor Rebellion zwischen Elbe und

Moldau.

Aus ihren geplünderten Dörfern flohen die Begnadigten, denen Nasen Ohren

abgeschnitten waren, die Zunge fehlte, die Eidfinger fehlten. Die Gedanken

liefen ihnen kreisförmig um den Kopf, sie irrten nicht lange in den Wäldern

zwischen den Kadavern ihrer verzweifelten in die Seligkeit eingegangenen

Brüder.

Starr saß über dem Land wie ein fremdländischer Götze, dem man

Menschenopfer bringt, um ihn ruhig zu halten, ein alter Mann, Gundakar von

Liechtenstein, der Gouverneur und Oberstburggraf, Herr von Troppau und

Jägerndorf. Er war schon durch die Kabinette des irrsinnigen Kaisers Rudolf

gegangen, hatte den Kaiser Matthias sich abkämpfen sehen. Schwerkrank war

er, seine Nächte gestört durch Herzbräune. Er saß vor der Theinkirche unter

dem Baldachin an dem Tage, an welchem das rotbehangene Schafott auf dem

Altstädter Ring für die Rebellen aufgeschlagen war. Im Karree sperrten zwei

Schwadronen Kavallerie, ein Fähnlein Fußvolk den Platz; aus einem Fenster

stiegen nach und nach die grauhaarigen herrischen leidenschaftlichen Männer

neben dem Priester vor den Henker. Sie hatten nicht viele Schritte gemacht,

dann wurden ihre spritzenden Leiber wie Kälberrümpfe angefaßt gehoben

geschwungen, in die leeren Holzkisten gekracht. Dem Stadtbüttel fielen ihre

Kleider zu.

Nahe beim Veitsdom vor der tiefeingeschnittenen Schlucht des Hirschgrabens

stand auf dem Hradschin die Burg. Der Laurenzerberg schob seine

dichtbelaubten Gänge zur breitfließenden Moldau herunter. In den spanischen

Saal der Burg ließ sich der Gouverneur vor den päpstlichen Nuntius, den

Kardinal Caraffa, tragen, der auf ihn wartete. Der Neapolitaner verlangte

im Namen seines Herrn, des Statthalters Christi auf Erden, des Mannes in

Rom, die Menschen des Landes Böhmen für seine Kirche. Und zwar ohne Verzug

in Anbetracht der bedrohten Seelen. Liechtenstein ließ ihn erst zerren,

dann dachte er an sein Ende, küßte, auf ihn zuwankend, seine Hände. Sie

kamen überein.

In einem ungeheuren Krampf zog sich das Land zusammen, schleuderte mit

einer einzigen hebenden schüttelnden Bewegung die ganze Masse der

Unbotmäßigen von sich. Nachdem ihnen Todesstrafe und Güterverlust angedroht

war, wofern sie Unziemliches von Gott, der Jungfrau, den Heiligen, sowie

dem glorreichen Hause Habsburg sprächen, sammelten sie sich. Handwerk und

Handel waren ihnen verboten, wenn sie nicht ihren Glauben abschworen. Da

traten im ausgehenden Sommer die Ältesten Prediger Ratspersonen der

Familien zusammen, denen die Wahl gestellt war, den Boden zu verlassen oder

in den habsburgischen Himmel zu fahren.

Auf den obstbaumbestandenen truppenwimmelnden Straßen nach Norden und

Westen knarrten die Wagen; die böhmischen Brüder zogen aus, nach Sachsen.

Sitzend auf schweren Gäulen, unter breitkrämpigen hohen Filzhüten, Degen an

der Seite, verstockte versteinte Männer und Bürger; auf diesen langbärtigen

Gesichtern stand: politisches Recht und der König. Neben ihnen die ruhigen

freien Bekenner, die sich wiegten in ihrer Hoffnung; ihr Huß in Konstanz

verbrannt auf dem Konzil; wer wollte an sie heran? Was wäre aus der Welt

und der menschlichen Seele geworden, ohne das Heil, das Huß in Böhmen

erneut hat? Jesuiten und ihr Kaiser Ferdinand haben Kelch und Schwert, das

Georg Podiebrad vor Jahrhunderten auf der Theiner Kirche aufstellte,

herabgerissen; tote Glaubenshelden gruben sie aus, verbrannten sie,

schütteten ihre Asche in den Mund: die körperliche Stärke kann sich in alle

Ewigkeit nur an der Materie vergreifen, nur an der Materie. Lange braune

und blaue Röcke trugen sie alle, große schwarze Schlapphüte; die Westen mit

roten Aufschlägen. Viele Jüngere schritten festlich in kurzen Jacken mit

gereihten Messingknöpfen und gelben Hosen, an genagelten Stöcken. Hinter

den Martyriumsfrohen die Verschüchterten, angstvoll Bestürzten, die das

Leben retten wollten. An den Dorfausgängen, vor den Stadttoren schoben sich

die Armen; zu ihnen war keine Kommission gestiegen; wie ihre Wohltäter

fortgingen, zogen sie mit; mit Schnappsäcken, einrädrigen Karren,

Maultiergespannen stießen sie zu den breiten Zügen der Rollwagen

Reisekutschen. Jetzt waren sie hier, im beginnenden Elend, die stärksten;

Bitterkeit, augenverschleiernde, regte sich bei ihrem Anblick in den

Wohlhabenden, denen es heiß aufquoll; Scham bei den Armen. Die Bauern

wußten schon, als sie einander stumm in den gefüllten Wagen ansahen,

wegblickten von den Mitwandernden, was ihnen bevorstand: im Elend ein

fremdes Gefühl zu lernen, den sinnlosen Haß aufeinander! Den Gram würde man

sich vorwerfen, um zu vergessen; man würde sich bestrafen für die

Erinnerung an die verlassenen Häuser und Felder. Die Strohdächer, roten

Ziegeldächer, die Scheunen Ställe Salbeigärtchen Lavendel Reseda Minze. Die

schönen Giebel mit Säulchen, gezähnten Luken, krajky, dunkle

Schindelvordächer mit Denktafeln, Terrassen vor den Häusern; hinter Bildern

Meerzwiebeln.

Tränenvergießend umdrängten an manchen Flecken fast um Verzeihung bittend

Altgläubige, Priester im Ornat, ihren Zug. Blicklos zogen sie im

Straßenstaub, den sie nicht gehen brauchten, ganz umhüllt von ihren

Gedanken; das Buch, die Bibel in der Hand. Das Buch, das entsetzliche Buch,

das grausige Buch! Wie oft hatten die altgläubigen Priester sie im Geist

mit Trauer und Erbarmen, die Ärmsten, wandern sehen mit dem Buch; welches

unsägliche Unglück hatte das Buch angerichtet. Es zogen aus viele Tausende,

aus allen Ständen, dazu Weiber und Kinder. Das wandernde Volk nahm seine

Fruchtbarkeit mit. Die Frauen volle, junge, vergrämte, Mütterchen,

braungesichtige, stolze, verdorrte; Frauen auf Karren, neben Eseln, in

Kutschen. Lange Röcke, Kopftücher, bunte Schürzen, Mieder; die gestickte

Holubinka auf dem Haar, Frauen aus Pilsen mit weißen Flügelhauben. Die aus

dem Chodenlande mit roten Leibchen. Sie reisten im ausgehenden Sommer; auf

den großen Straßen trafen sie sich; die Apfelbäume schüttelten runde rote

Früchte über sie. In vorwärtsliegenden Dörfern achteten die Amtsleute auf

die Kirchtürme, denn es kam vor, daß ein böser Geselle die Glocken bei

ihrem Annahen läutete, um das Volk durch den Anblick des traurigen Zuges

aufzureizen. Kompagnien wurden vom Regiment Holstein gestellt, die drängten

die Auswanderer auf Seitenstraßen, trieben sie um größere Orte herum; auf

schwierigen Knüppelwegen, über Brachfelder hin. So mußten sie sich aus

ihrer Heimat winden.

An Wegkreuzungen, unter Mariensäulen tauchten Männer auf, zerlumpt, wie

Bettler aussehend, mit gefährlichen Knüppeln; sie waren geschickt vom alten

Grafen Thurn, dem geflohenen Rebellenführer, der in Sachsen Brandenburg und

Holland agitierte. Verhöhnten die Wandernden, um sie aufzustacheln: »Wo

zieht Ihr hin? Wie seht Ihr aus! Hat Euch der Kaiser Euer Land abgekauft?

Hat Euch viel gezahlt, daß Ihr es eilig habt damit, daß man Euch nichts

raubt. Wieviel ist es, wieviel ist es?«

»Zigeuner, Zigeuner,« lachten sie schallend hinter ihnen her. Und dann

ballte es sich vielen vor Schmerz und Verzweiflung in der Brust; die

Schultern wurden ihnen schwach, die Knie lose. Das war die Straße! Nach

Wegstunden schlängelten sich wieder, auf Maultieren kauzend, die Lumpen

heran, boten: »Gelobt sei Jesus Christ.« Die hörten stumm über den

papistischen Gruß weg. »Seid ihr Heiden?« »Hat man euch die Zunge schon

ausgeschnitten?« »Ah, die Frommen, es sind die Frommen. Von Trautenau, von

Königgrätz, von Brunau. Die Aberfrommen; denen die Herren Jesuiter nicht

fromm genug waren. Da ist ja Simeon von der Nadlergilde. Hast du die Lade

aufgeschlossen, Simeon, die Pokale eingesackt?« »Simeon, seid nicht stolz,

ich bin Wanderbursch, Herr Meister, biet Euch ehrbaren Gruß und

Mundsprach.« »Die würdige Jungfrau Faustina, schau an, schau an, im Wagen,

bei ihrem Herrn Vater; will selbst auf die Freite gehen in Sachsen,

vergesse sie mich nicht.« »Ein Schuhknecht gefällig, eine Totennadel

gefällig, Junker Schön, daß Ihr fest und gefroren seid, wenn Euch einer

anfällt, maßen beim Chausseen walzen?« »Allesamt ehrsame strenge Herren,

Mühmchen, Bäschen, Gott zum Gruß. Die ganze Chaussee entlang die liebliche

Kompagnie. Willkommen zwischen unseren Pfählen. Das Dach habt Ihr

vorsorglich mitgebracht.«

Peitschen schlugen von den Wagen nach ihnen; Steine sausten gegen sie.

Sie wichen aus: »Landstraße, Landstraße! Brüderlein! Schwesterlein!

Bräutlein! Wollt Ihr mit, Hände beschauen, Göldrian verkaufen und Enzian?«

»Mühmchen Walpurga, Mühmchen Walpurga, du zartes, zierliches, komm herunter

von deiner Frau Mutter. Bist kein Säugling mehr, lüpf dich zu mir. Hab'

einen großen Wulst von einem Italiener gestohlen, bündel ihn dir um den

Leib, unter den Rock; verdienst mit mir Heller und böhmische Groschen. Was

schenkst mir für meine Lehr?«

Wie sie neckend und geifernd herumsprangen, die Kappen hoben, die Beine

wetzten, fuhren ihnen Flüche nach aus den Mündern der ruhig schreitenden

Männer, der Sackträger mit den schweißtriefenden Backen, der Greise hinter

den Hundekarren. »Der Gottseibeiuns über dich Schelm!« »Meister, das ist

herrlich gesagt. Euch kann es nicht fehlen. Ihr tragt Euer Glück im

Mundwerk herum.«

»Verflucht säuischer Schalk.« Da rekelte sich einer eitel im Feld,

affektiert die schmutzigen unbewickelten Füße spitzend: »So bin ich

verflucht, und Ihr nehmt meinen Dank an. Schaut mich: ich bin durch Euren

Spruch nicht besser geworden, Meister. Es hat noch nichts genutzt; bin noch

nicht schöner, nicht dicker, nicht artiger geworden. Wißt Ihr nichts

anderes?«

»Stinkiger Lotterbub, tückischer Hund, gottvergessener Dieb.«

Kopfschüttelnd folgten sie in Entfernung, behaglich schwärmend, den finster

Explodierenden: »Noch immer nichts, noch immer nichts.«

Die Steine sprühten, sie meckerten von weitem: »Wir werden Euch füttern

müssen, wenn Ihrs nicht besser lernt. Was wollt Ihr mit Hunden? Haben sie

Euch gebissen in Caslau, in Königgrätz?«

Bei Leitmeritz weitete sich das Elbetal, dichtblättrige schwerträchtige

Obstbäume; grünende, braune, bläulich schillernde Reben auf den Hängen,

Dörfer, Dörfer. Dahinter die langausgezogenen Bergreihen, umdünstete Kegel.

Steiler wurde der Weg. Rechts und links der Radobil und Lobosch;

Fichtenwälder. Die Nelken wuchsen wild; Maria hat sie auf dem Weg nach

Golgatha geweint. Wo war nun Mütterchen Prag. Kleine Brunnen flossen

vorbei; das näselnde Männlein, das daneben sitzt im grünen Rock, ohne

Daumen an der linken Hand, es näht seine Stiefeln, hat rötliches Haar; es

führt einen Topf für die Seelen der Ertrunkenen. Höher und höher, liebe

Berge, liebe Fichten, liebe Quellen. Wie türmte sich das Gebirge auf, um

sie nicht herauszulassen. Keiner sprang um sie, hier pfiffen nur Vögel.

Kühler Nadelwald, Dörfer, die noch friedlich lagen vor den Kommissionen,

Herrensitze, grüne Matten, Gehöfte. Und wie man noch eben die Füße über den

satten Boden hatte schleifen lassen, als sauge man ihn ein, Schluchten und

Wälle seufzend heruntergeblickt hatte, dehnte sich eine verwandelte platte

Ebene vor ihnen aus, in die die Wagen, die Tiere Männer Kinder Frauen Wagen

hineinfuhren, wie in ein Nichts sinkend, in dem sie selbst verschwanden,

vom Himmel zur Erde und nach beiden Seiten gereckt. Die Stimmen verklangen,

die Farben verliefen; Flächen, Flächen, menschenfremd, unnahbar für

Lebendiges.

Blaugrüne Büsche der Sumpfkiefer umgingen sie ahnungsvollen Herzens, nach

Heidepflanzen faßten sie, die die Finger stachen; der Moorboden wippte, sie

tänzelten, schwankten. Blickten rückwärts, fingen an zu erschrecken, sahen

die schwarzen Wälder nicht mehr. Unheimlich die Luft. Aus dem Boden vor

ihnen krochen arme Leute hie und da; Hammer Piken und Eimer schleppten sie;

grauer Staub, Erze; sonderbare Höhlen, mächtige Haldengänge, ungeheure

Pingen. Tiefer sank der Boden ab, die Wagen rollten leichter, von Welle auf

Welle sank der Boden, Moorheiden, finster verschwiegene Wälder. Langsam

sanken sie alle, den Atem verhaltend, in ein fremdes Gebiet hin, hinüber.

Man rollte die weiten kahlen Hochflächen, trauriger, aufgelöster. Voran

tummelnd auf Pferdchen häßliche kroatische Reiter, trabten hinterdrein. Die

wilden schiefen Pelzkappen auf dem Haar, das in schwarzen Locken hoch

wirbelte; mit den Füßen kneteten sie den Leib ihrer braunen Tiere; auf und

ab arbeiteten in den grellweißen Leinhosen hohen Stiefeln ihre Beine. Sie

jagten mit Peitschen und Piken den Zug ab, kreisten ihn ein wie

Schäferhunde. Hatten die Necker ihr Spiel zu treiben aufgehört, kreischten

die fremdländischen Befehlrufe der unverständlichen Soldaten. Fluch; man

duckte sich. Und doch verlor sich die Angst vor ihnen, je mehr man sich der

Grenze näherte und abwärts stieg. Man sah mit Angst und Unruhe, wie dies

geschah: wie sie sich von der Spitze zurückzogen. Bald werden sie

verschwunden sein, nach Böhmen hinein, zurück in die liebe Heimat, sie

werden die grünen Matten wiedersehen, und wir stehen draußen. Unwillkürlich

verlangsamte sich das Tempo des Vorrückens; die Kroaten hetzten; da und

dort brach man heimlich Wagenachsen entzwei, versperrte ganze Straßen. Der

Weg ging schon in Straßen abwärts und man hätte rasen können, statt dessen

türmte sich der ganze Troß unbeweglich auf. Mit heimlicher Süßigkeit

blickte einer den andern an, wehmütig streichelte man sich, sammelte Steine

vom Weg, küßte die dürftigen Zwergkiefern; den Rabenschreien lauschte man,

als wäre es Mündergesang. Welche drangen bittend in die Reiter, daß sie sie

hier verweilen ließen, dachten nicht, von wo sich ernähren. Manche blieben

liegen. Wütender jagten die Kroaten, legten selbst Hand an; diese Gegend

war ihnen zuwider. Und die wandernden Böhmen, als wenn ihnen ein Unglück

bevorstünde, schoben sich übereinander, wurden gesprengt voneinander, kamen

elend vorwärts, bremsend, bremsend vorwärts.

Bis am Morgen ein schreckliches fernes sinnenbetäubendes Glockenläuten

hinter einem Bergzug, der noch schmal vor ihnen lag, mit einigen Windstößen

herschwang, unter dem die Berittenen gelle Freudenschreie ausstießen und

sich schmetternd anlachten.

Sachsen! Die ersten weißen armseligen sächsischen Dächer!

Die Begleitrotten zogen sich auf allen Seiten von der Karawane zurück; dann

brausten sie unter Geheul, in den Sätteln hängend, von hinten, seitlich

gegen die Wagenkolonnen. Spieße Beile Riemen in den Händen. Hieben, lustig

krächzend, die Augen rollend, rechts und links, schlugen sich Wege,

zerwühlten den Zug, warfen Wagen hügelabwärts. Pferde gingen hoch. Sachsen!

Weiberheulen von seitwärts, rückwärts nach vorwärts, rollte sich

verzehnfachend nach rückwärts. Man trieb schrie wirbelte um sich selbst,

ließ liegen, was sich nicht bewegen wollte. Die schrecklichen Glocken

läuteten den ganzen Tag. Die Kroaten tobten bergaufwärts. Hinüber hinunter.

Und als man die Grenze überschritten hatte, die sächsische Landstraße vor

den Füßen lag, endloses Lärmen. Flehen, Händeschlagen an der Spitze des

Zuges.

Sie wurden wie von Meereswellen nach vorne gespült, schwammen drängten

schoben sich rückwärts.

Die benachbarten sächsischen Dörfer und Städte hatten Ratsmannen mit

Brotkarren, Prädikanten an die Grenze geschickt, die Glaubensbrüder, die

Märtyrer zu empfangen, sie zu bewillkommnen und zu trösten. Diese fanden

mit Fackeln herumwandernd die Nacht und den ganzen nächsten Tag das

wandernde Volk unbeweglich auf der Landstraße liegen, auf den Äckern; kein

Erwachsener nahm die Speise an, die man ihm bot. An der Erde lagen sie, wie

hergeworfene Schiffbrüchige; alle waren von den Karren und Wagen gestiegen.

Von Zeit zu Zeit erhob sich gräßliches Geschrei; einer schrie, hundert

schrien, alle schrien. Dann fielen sie wieder hin, blickten sich

zerkratzend nach drüben herüber, wo die Kroaten die Grenze sperrten. Die

zappelnden Pelzmützen, die weißen Hosen: da! Aus fünftausend Herzen wurde

Gottes Name Tag und Nacht angerufen gewälzt gekaut gebissen geschlungen. In

Tränen und Staub mischten sie sich mit der Landstraße, besudelt zertrümmert

standen sie auf, rieben sich leer widerspenstig aneinander. Wer nach drüben

über den Kirchturm sah, dem gerann das Blut vor dem Unfaßbaren.

Man mußte weiter. Das Vieh blökte, die Kinder schrien, es wollte regnen,

die Sachsen trieben sanft. Mit Haß unterdrückte man rechts und links das

Aufweinen. Man geleitete sie ins Plauensche, in den Erzgebirgischen Kreis;

sie wehrten sich, weiter zu wandern; an die Zschopau, die Zwickauer Mulde,

um Neustädtel, Merdau, Sayda, unfern Chemnitz. In der Stadt Wolkenstein

stand die Hälfte aller Häuser leer. Zu finster, tief geschlagen, stumpf

waren die Flüchtlinge, um sich darüber zu verwundern; sie hörten lange

nicht das scheue Flüstern der Einwohner: man hatte sie untergebracht in

verlassenen ausgestorbenen Pesthäusern. Noch ging die Pest mit Beulen und

Geschwüren im Erzgebirge um; sie regten sich kaum bei der Nachricht. Als

man sich an sie wandte, Mädchen dem Rat zu schicken zur Übung des

Pestbannes, blieben sie stumm; die mitleidigen Bürger zogen auch ihre

Häuser in den Bann ein. Mitternachts sammelten sich erwählte Knechte, reine

Jungfrauen, dazu eine Witfrau am Ende Wolkensteins; die Weiber traten

beiseite, entkleideten sich; die Jungfrauen spannten sich an einen Pflug,

rissen eine Furche im Finstern um den Ort; die Witfrau führte, ein Knecht

ging nach, der andre hütete die Kleider. Aber die erwünschte Pest näherte

sich den Einwanderern nicht. Es brauchte Wochen, ehe sie ihre verregneten

Wagen abluden, noch nach einem halben Jahr sah man Karren vor Häusern und

Hütten stehen, als wenn gestern einer angelangt wäre. Dies geschah aus

Trägheit, aus Widerwillen und Groll; man ließ es so in einer Art

liebevoller Schonung, die man sich angedeihen ließ, und in Angst, sich zu

berühren. Man tat sein notwendiges Gewerk mit Fluch und Drohung. Die Bibeln

lagen in keiner Kammer mehr auf dem Tisch, der Truhe, auf Ehrenschränkchen;

wie unabsichtlich war das Buch verschoben überlagert worden von Decken, war

wie in Gedanken heimlich beiseite geschafft, in Kisten ganz tief vergraben.

Keiner durfte von ihm sprechen, kaum, daß man die alten Tages- und

Tischgebete sprach. Man hatte ein Geheimnis, verbarg etwas wie ein

Verbrechen. Wer von der Heimat sprach, den alten Putz anlegte, die

bestickten Hauben, roten Westen mit Messingknöpfen, konnte gewärtig sein

von einem rasselnden Schwall Zornes überschüttet zu werden; auf wen diese

glühenden bangen Augen gerichtet waren, der war beschämt. In Trotz und

leiser Wut lebte man hin zwischen Ackerbau Hausjammer im fremden

Voigtlande. Die Sachsen fanden kein Ende sich zu wundern über die

Gottlosigkeit der vielgerühmten Böhmen, die in die Kirche nicht gingen,

werkten werkten. Oft warf einer der Böhmen seine Axt beiseite, sah seine

Balken an, spie darauf, stöhnte mutlos. Es war nichts Bleibendes: wer

mochte Orte schmücken, an denen man nichts zu suchen hatte! Wolkenstein,

Wolkenstein! Prag! Darum weinten sie und konnten sich nicht entschließen,

Mörtel für neue Häuser zu rühren, den Boden, der ihnen gestellt war, zu

brechen. Halbes Werk leisteten sie, und wenn die sächsischen Amtmänner und

Rentmeister vorbeiritten, leise schalten, hatten sie daran ihre Freude wie

an nichts. Mit Grimm erzählten sie abends in den Stuben einander: der

Sachse auf dem Pferd hätte sie gescholten, hätten Lust, ihn totzuschlagen,

wenn er wieder vorbeikäme. Und von Zeit zu Zeit erfolgten in ihren Häusern

Explosionen; das entschlossene nicht zu hemmende Hinstöhnen der alten

Männer, das Aufweinen und Heulen der Weiber und vergrämten Kinder, die

nicht beachtet wurden. Das klagte rüttelte winselte durch die Straßen; von

Haus zu Haus, von Erker zu Erker pflanzte es sich fort; und wer draußen im

Dunkeln seine Wohnung suchte, konnte im voraus wissen, was ihn erwartete.

Man küßte sich, rief sich mit Namen an, zeigte sich die Kinder, sprach,

jubelte von Böhmen, Caslau, Teschen, Königgrätz, erinnerte einander an die

Reise über das Gebirge, lachte tränenfließend über die Kroaten, rief sich

ins Gedächtnis zurück gramlos die grausamen Bekehrungsszenen mit Liebe

Verzückung Verklärung, sprach von Braunaus Dragonern, dem tollen

Wolfsstirn, -- die Kinder lauschten. Es war für halbe Stunden, wo die Türen

geschlossen, die Läden angelegt waren, die Unschlüttkerze brannte, als säße

man eingehüllt in Böhmen draußen; man brauchte nur die Tür aufzumachen

hörte das böse vermißte katholische Abendgeläut!

Wie verraten hielt man sich später in Raserei, zerschmetterte die Stühle,

streckte steif die Arme aus, wollte dies nicht dulden, immer immer dulden.

Die Kinder schrien, versteckten sich. Nach diesen dumpfen Orgien war die

Verdrossenheit gesunken, aus der Apathie schlugen von neuem die dunklen

Flammen des Jähzorns, der wilden Gehässigkeit und Schadenfreude. Brutalität

war an der Tagesordnung bei den vertriebenen Böhmen; gefürchtet waren sie

auf dem Lande und in einzelnen Städten, wo nicht scharfe Polizei herrschte.

Sie hatten miteinander keine Verbindung, liebten sich gar nicht, und nur

dies verhütete großes Unglück. Ein Dorn im Auge war vielen die sächsische

Kirche, und gegen das freche Inwegsetzen beim sonntäglichen Kirchgang

konnten die sächsischen Bürgermeister nicht genug eifern. Es konnte nicht

ausbleiben, daß bei gelegentlichen Handgreiflichkeiten zwischen Sachsen und

Zuwanderern offene Feindseligkeit zutage trat, die sächsischen Ansässigen

sich Klage führend an ihre Gerichte wandten über die Behandlung, die sie

innerhalb ihrer eignen angeborenen Wohnstätten von undankbaren Fremden

erfuhren. Das waren von Bürgermeistern Amtleuten vertretene Klagen ganzer

Gemeinden, die Gerichte und befragte Behörden in allergrößte Verlegenheit

setzten. Dahin war es gekommen, daß sie wie bösartige Bettler den Stadt-

und Landgemeinden auf dem Hals saßen, nichts taten, was sie erhielten,

bespöttelten. Katholische Singspiele, papistische Martyrien führten sie zu

fünf, zu zehn an den Märkten auf, scheinbar sich zum Spaß, aber doch nur um

den Ansässigen Ärgernis zu geben; höhnisch gaben sie Widerrede auf die

Verwarnung; könnten tun, was sie wollten, und selbst wenn sie Lust hätten

eine Prozession nach Art der Papisten zu begehen, würden sie sich dies von

keinem nehmen lassen. Und von da gab es nur einen Schritt, sich

zusammenzutun und das Werk in den Weg zu leiten.

Gegen das gefährliche rachsüchtige Gebaren traten, von den Dresdener

Behörden angegangen, böhmische Edle, auch der alte Graf Thurn, Flüchtige

wie sie selbst, auf. Smil von Hodojevsky, in Dresden am Verschwörerzentrum

gesessen, stürmte wie ein Sperber auf die Zuwanderer los, als der von

Rhönberg, ein sehr klarer vorsichtiger Mann, ihm die sächsischen

Besorgnisse entwickelt hatte. Dem Smil folgten der kühne Sohn des Berka,

der sich aus der Gefangenschaft nach der Prager Schlacht befreit hatte, und

Adam Luksans älterer melancholischer Sohn Daniel. Diese drei mit ihrem

Anhang gedachten ihre Landsleute zu zähmen und sich Einfluß bei ihnen zu

erwerben.

Sie ritten, redeten, donnerten, lobten, entwickelten Pläne. Sie überfuhren

die Einwanderer mit ihren Worten, Blicken und Gesten wie eine pelzige Raupe

eine Steinplatte: kaum daß sie sie berührt und mehr auf ihr hinterläßt als

etwas graue Feuchtigkeit, derer sich die Platte schämt. Der Smil, im feinen

französischen Gewand mit Degen, wie der prächtige Pfälzer sich zu tragen

pflegte, redete lockend vom Sterne, dem Prager Tiergarten, wo die böhmische

Jugend sich verblutet hatte für die gerechte Sache, Wahlkönigreich, freie

Religionsübung. Die Worte schlugen den Böhmen um die Ohren und trafen sie

nicht. Der Berka wandte sich direkt an die Ältesten, die Angesehenen, die

Patrizier; er ging zu Fuß, sprang unter sie, feurig wie er war; prahlend

beschrieb er ihnen die Schönheiten ihres Landes, dessen sollten sie

eingedenk sein; von ihrem Land sei die Welle der Befreiung über die Welt

gegangen; sollten nicht verzagen, die Welle käme zu ihnen zurück. Daniel

Luksan, reich wie er war, ritt auf einem Maultier in kläglichem blauem

Tuch, die Federkappe auf dem Kopf. Stellte sich mit trübem Gesicht unter

die Leute des Abends, hörte ihnen zu, fing an. Sprach von den Köpfen auf

dem Altstädter Brückenturm, beschrieb das Leben und den Tod der Männer,

traurig, mit innerem Anteil, dabei stumpf und sichtlich verzweifelt.

Erzählte, was er gehört hatte gestern und vorgestern aus der Heimat, ließ

nichts aus; das Weinen bekümmerte ihn nicht, das sich um ihn erhob. Sprach

nicht, um aufzuhetzen; ließ sich nur gehen vor ihnen; sein schweres

Temperament hatte ein Fressen gefunden am Unglück seines Vaterlandes.

Betrübt sah er wie die Weiber wegschlichen, wie man ihm auswich. Bald

erlebte er es, daß man ihm zuschrie beim Reden: »Genug!« Die Weiber, die

noch herumstanden, schluchzten, die Männer hoben mit wütenden Mienen gegen

ihn die Arme, gingen gegen ihn vor: ob er plane mit ihnen ein Spiel zu

treiben, ob sie nicht elend genug seien. Man brauchte dem Daniel Luksa

nicht lange zu drohen; er hörte, man wollte ihn nicht, ging.

Und hinter den drei her das hitzige Gerede: das waren die Herren, für die

wir gebrannt wurden; es ist ihnen noch nicht genug, wir sollen noch einmal

ins Feuer! Herren, die Böhmen ins Unglück gestürzt hätten; sie hätten sich

den fremden Pfälzer verschrieben, um besser ihr wüstes Selbstregiment zu

führen; wollten einen König, um ihre krummen Sachen gerade zu machen.

Wie es unter ihnen gärte, wurden sie vom alten Grafen Thurn überfallen und

so ergriffen und geschüttelt, daß sie wie ungezogene geschlagene und

heulende Kinder an den Wänden standen und nicht wußten, was ihnen geschehen

war. Denn dem alten Thurn bedeuteten sie nichts; ihm war nichts gewisser,

als daß Böhmen in sehr naher Zeit sich glanzvoll wieder erheben werde über

Habsburg; er schlang den Faden, dies war seine Arbeit und sein Beruf. Als

er hörte, was im Erzgebirgischen Kreise, im Voigtlande sich ereignete,

erfaßte ihn eine Wut über die Aufsässigen Undankbaren Gedankenlosen, die

nicht zwei drei Jahre warten konnten; Tausende im Lande hatten sich

verblutet, und diese im Asyl rebellierten. Er kannte viele von ihnen

persönlich; auf seinen Reisen als Direktoriumsmitglied war er die Dörfer

abgefahren, um die Kreisaufgebote zu überwachen. Jetzt saß er in seinem

kleinen niedrigen Wagen, die Pferde lenkte er selbst, der grauhaarige

kleine schmale Mann mit den mongolisch vorspringenden Backenknochen, den

trüben schwarzen Augen und der hellen schrillen Stimme. Die silberne

Peitsche hielt er in der Faust; so schrie er die Leute zusammen, und

jedesmal wieder, wenn sich die Leute zögernd beieinanderstellten, befiel

ihn die Wut über sie, er schmähte sie in dem wohlbekannten heimischen

Idiom, überhäufte sie mit jedem gemeinen Schimpfwort. Wer schlaff und

unehrerbietig in seiner Nähe stand, den schlug er vom Bock aus mit seiner

Peitsche und war imstande ihm nachzuspringen. Ohne ein Wort ihrer Widerrede

abzuwarten, fuhr er weiter, drohend und noch nach rückwärts schimpfend. In

einigen Dörfern, von deren Gottlosigkeit er gehört hatte, hüpfte er vom

Wagen, warf einem Beliebigen in der Nähe, alten oder jungen, die Zügel zu,

eilte in ein offenes Haus, verlangte, den Tisch mit der Peitsche klopfend,

die Bibel zu sehen. Und wo man zögerte, sich drehte, maulte, riß er selbst

Laden Schränke Truhen auf, holte das Buch heraus, schlug es, wer ihm in die

Nähe kam, an den Kopf, und das Buch in die Mitte des Tisches legend schwur

er mit greller, weit gehörter Stimme, die Bibel bleibe hier draußen liegen;

er werde, so gewiß er der Graf Thurn sei, den eigenhändig niederschlagen,

der es wagen sollte, das Buch zu verstecken.

Eines Sonntags traf er, nur mit einem halbtauben Kammerdiener reisend,

einen Trupp Böhmen auf der Dorfstraße lungern und würfeln; sein Pferd

bäumte sich, hitzig hatte er die Leine gezogen. Kochend, eine Bestie von

Angesicht, stand er vor den tief erschrockenen Burschen, die er mit

wuterstickter Stimme anfauchte, denen er mit der Faust unter der Nase

fuchtelte. Jagte sie in die Kirche; er bedauere, keine Hunde wie Wolfsstirn

zu haben, um sie zu hetzen. In dem Kirchlein war kein Pfarrer; er sperrte

sie ein; nach zehn Stunden holte er sie; sie hatten kein Wörtchen darüber

verloren.

Die böhmischen Zustände in Sachsen gewannen ein besseres Ansehen. Größere

Rüstigkeit machte sich unter den Flüchtlingen bemerkbar. Sie begannen sich

wieder anzuschauen, zu grüßen, nach dem Ergehen zu fragen. Sie schämten

sich ihrer früheren Schlaffheit, hatten unbegrenzte Liebe zum Grafen Thurn.

Auf ihn setzten sie Hoffnungen. Man arbeitete, um zu zeigen, wer man sei.

Die Heimat mußte befreit werden. Jach sprossen die frommen Triebe wieder

auf. Glaubenseifer und Glaubensstolz, finster gefärbt, erhob sich, grollte

drohend in den Straßen, in den Kirchen; man war das Volk des Johann Huß.

Die Bibel war verwandelt; jetzt keine Läuterung, keine Seelenreinigung

mehr. In den Kisten, Truhen war das Buch wie unter einer eisernen Presse

steinhart geworden, feierte seine Auferstehung als Rüstzeug Waffe Schwert.

Soldaten wurden sie. Der sächsische Kurfürst, der Brandenburger Georg

Wilhelm hörten es gern.

Über ihre Heimat, über das Erzgebirge, spannten sie sich wie eine

furchtbare Wolkenbank, die sich von Jahr zu Jahr schwärzer färbte.

* * * * *

In Böhmen hieß es Gelder beschaffen, die Truppen aus dem böhmischen Feldzug

abzudanken, das Besatzungsheer zu erhalten, die ungarischen Grenzstädte

gegen die Türken zu armieren verproviantieren, verdienten Generalen hohen

Beamten Gnadengeschenke zu machen. Der Ertrag aus den konfiszierten

Rebellengütern reichte nicht, der aus der Schuldenkommission war zu gering.

Eine Prager Mark galt neunzehn Gulden. Im Braus hatte der schöne Pfalzgraf

gelebt, auf Bällen Jagden Schlittenfahrten hatte sich seine üppige Gemahlin

getummelt und mit dem Volke gemein gemacht. Nach dem verjubelten Winter

steigerten die pfälzischen und böhmischen Räte den Wert der Mark. Der

Sieger gab ihm nicht nach; als der Kaiser kam, preßte er den Böhmen das

Gebiß zwischen die Zähne, daß eine Mark siebenundzwanzig Gulden betrug. Der

Gouverneur Liechtenstein ließ das gute Geld aus dem Lande schleppen.

Der Sohn eines serbischen Fleischhauers, Paul Michna, war Sekretär in der

böhmischen Hofkanzlei geworden. Dieser warf sich mit einer Rotte

Helfershelfer nach der Prager Schlacht auf das Pferd. Sie ritten in das

Land hinaus; allmählich vergrößerte sich der Zug, Wagen schlossen sich an.

Sie drangen auf die Güter und Herrschaften der Rebellen, brachen die Tore

der Schlösser und Sommerhäuser mit amtlichem Gebaren, Siegeln, Drohungen

auf, beschlagnahmten, was sich an beweglicher Habe fand. Während panikartig

das Grauen von der verlorenen Schlacht, dem drohenden Hochgericht die

Dörfer belief, die Städte lähmte, alles sich zusammenzog, tauchte Michna

mit seiner Bande erschreckend, unverständlich, bald hier, bald da auf. Die

zurückgelassenen Frauen, die betäubte Dienerschaft lieferte ihnen aus, was

sie verlangten. Leiterwagen mit Stroh fuhren, von Ochsen gezogen, in

einiger Entfernung hinter den Berittenen; toll hinein stülpten, stauchten

sie, was sie erhaschten, übereinander, ohne Schutz Prunkkästen

Rollenschränkchen, silberne Spiegel, Perlenketten Ölbilder flämischer

florentiner Meister, Pelzwerk Geschirr Kristall Seidengewänder. Sie fuhren

so rasch, weil das Gerücht sich bald verbreitete. So daß man, wie den Fuchs

an seiner grauen Losung, ihren Weg erkennen konnte an abgerollten

Kruzifixen, Splittern der Deckelpokale, Nautilusbecher, den zerdrückten und

weggeworfenen am Wegrand liegenden Kredenzstücken Silberplatten

Konfektschalen. Wer hinter ihnen suchte, konnte reich werden; aber niemand

bedachte Silber und Tafelgerät; alles verrammelte sich.

Rasch war in Spelunken und Gewölben der Juden verschwunden, was eben

unerhört strohgelagert über die Chausseen gewackelt war. Die Topase

Brillanten Rubine in Ringen und Halsschnüren legte ein alter Jude

liebkosend sich über die braune faltige Haut, ließ sie sanft in seine

eingemauerte Eisenkiste sinken über wattierte Wämser. Während die böhmische

Gräfin schluchzend mit ihren Dienerinnen die aufgebrochenen Holzwände der

Schränke anstarrte, krochen die grünen Roben, von kundigen Fingern gezogen,

über die fetten Formen eines orientalischen Leibes; die gerafften

gürtelgehaltenen Gewänder rauschten wie bei den Bällen der Königin

Elisabeth hintennach, über den Synagogenweg. Wieder lachten Weiber in

diesen Gewändern herzlich und voller Inbrunst, vor andern gewaltigen

Männern. Die Greise vorn auf den Bänken in den Tempeln sahen sich um,

sangen im Talare von der Zerstörung Jerusalems, von Jehovas Rache, weinten

über die Vergänglichkeit.

Draußen fuhr man auf Karren Rebellen, frisch eingefangen, trotzige Ketzer

zur Folter, Arkebusiere stolzierten vor den Häusern, Menschenfleisch wurde

billig, verdarb auf Wiesen. Indessen waren die gestohlenen Juwelen gut

aufgehoben. Deutsche Flamen Italiener beleckten sie, rieben sie an der

Haut; wo sie erschienen, verkleinerten sich die Augen der Menschen, Lippen

spitzten sich; wie Schlüssel waren die Juwelen zur Rachsucht Feindseligkeit

Eifersucht der Menschen. Im geheimen ganz geheimen hetzten sie, übten ihre

Macht, heißes Blut zum Verspritzen bringen, selber nur funkelnde tote

entschlafene Steine, die blind in ihrer polierten Härte ruhten.

Als Michna, ein fettleibiger Mann, dessen Kopf auf einem zu kurzen

muskulösen Halse saß, eine kleine Zeit hatte verstreichen lassen, wagte er

es, einen Brief an das Bankhaus des Hans de Witte in Prag zu richten, dann

selbst angemeldet vor de Wittes Haus anzureiten. Es war ein resoluter

furchterregender Mann, der das Kontor des reichen Holländers betrat,

welcher die Geschäfte der höchsten Gesellschaft besorgte. Michna wies sich

gut aus bei de Witte. Der kannte die Wege, auf denen sein plattnasiger

Besucher mit den starken Kiefern, Wulstlippen, geäderten trüben Augen reich

geworden war; er hatte Vertrauen zu diesem energischen Kanzlisten. Sie

gingen einen Pakt ein. De Witte schlug vor, das Geld so anzulegen, daß man

die böhmische Münze pachte. Dies sei ein Vorschlag, der ihm von zwei Herren

seiner Klientel gemacht wäre, dem angesehenen Judenrichter Bassewi, der dem

Römischen Kaiser schon eine gewisse Summe vorgestreckt hatte, dann einem

Soldaten, der freilich hier zulande einen anrüchigen Namen hätte, dem

derzeitigen Obersten von Prag, dem Eusebius Albrecht von Wallenstein. Der

Kaiser brauche Geld, um die Operationstruppen abzudanken und sonst; es sei

ein vielversprechendes Geschäft.

An einem andern Tage erklärte de Witte dem widerstrebenden Serben, der sich

durchaus nicht bereit fand, in das lockend geöffnete Gastzimmer des

Bankiers einzutreten, mit ihm einen Becher zu leeren, es würde nötig

werden, noch weitere Teilhaber bei der geplanten Aktion hinzuzuziehen. Denn

nach seinen vertraulichen Informationen übersteige die Pachtsumme durchaus

den Betrag, den die bisher interessierten Herren, nämlich sein Gast, dann

der Judenrichter, der spekulierende Oberst, er selbst herschießen könnten

ohne sich zu ruinieren. Das Geschäft sei zwischen ihm und den genannten

Beiden fast abgemacht; sie seien von Michnas Interesse informiert und er

sei eingeladen, sich zu beteiligen. Der hatte aber übel Lust zuzuschlagen,

denn zwar war gegen den reichen und redlichen Judenprimas Bassewi nichts

einzuwenden, aber der andre Geladene flößte ihm Widerwillen ein. Er

erklärte de Witte nach langem Herumrücken auf seinem Schemel, während er

eine Hornschale der Silberwage tanzen ließ über seinem Handteller, daß ihm

die Partnerschaft des Obersten einfach unbehaglich sei, und daß dies das

ganze Unternehmen gefährde. Wallenstein hätte schon damals, als die

Teuerung in Prag begann, unmenschlich viel Wein in Mähren aufgekauft, um

ihn mit unerhörtem Aufschlag an Wucherer weiterzugeben; ebenso sei es

bekannt, wie er es mit Kornlieferungen getrieben habe; dann das ominöse,

monatelang verschlossene Tuchlager Wallensteins in Olmütz, während nirgends

Tuche zu kaufen waren. Alle diese Sachen gefielen ihm nicht; der böhmische

Edle werde ihnen das Fell über die Ohren ziehen. Überhaupt, wenn es

verlaute, der verrufene Oberst beteilige sich an dem Unternehmen: was die

Beamten vom kaiserlichen Schatzamt, die Wind davon hätten, dazu sagen

würden.

Der hochstirnige alte de Witte, hinter seinem Tisch mit den Folianten in

einen Armsessel gestreckt, mit langem geteilten Weißbart, müden langsamen

Augen, groß und breitschultrig wie sein serbischer Gast, hörte alles

Geflüsterte mit Freude. Er empfand herzlich das Lob seines alten Freundes;

er konnte nun bei Wallenstein einen höheren Teilhaberbetrag herauspressen,

indem er auf die Schwierigkeit seiner Beteiligung hinwies. Er fragte

teilnahmsvoll, ob jener schon von Wallenstein benachteiligt worden sei.

Auch die Angst seines Besuchers erfreute den stillen Holländer, sie

vergrößerte seine Neigung, mit ihm ein Geschäft zu machen. Michna

unterbreitete ihm, man möge bedenken, wie Wallenstein sich gegen seine

eigenen Verwandten verhalten hätte, gegen die Smirsitzky; ein Vormund, beim

Leben Jesu, der sich schnöde einen Besitztitel auf die Habe seines kranken

Mündels erschleicht! Was drohe ihnen dann?

Da meinte de Witte lachend, man solle sich nicht in Familienangelegenheiten

mischen; man kenne nicht die persönlichen Beziehungen und so weiter. Michna

wollte mehr eifern. De Witte schnitt ihm stärker lachend das Wort ab; sie

sollten sich nicht zum Richter aufwerfen. Beschämt lenkte der

Fleischhauerssohn ein. Der Handel kam zustande, indem Bassewi für den

Oberst gutsagte; Michna wolle auf keinen Fall ohne Sicherung einen Vertrag

mit Wallenstein schließen.

Um sechs Millionen jährlicher Pachtsumme fiel ihnen die Prager kaiserliche

Münze zu.

Sie konnten prägen soviel sie wollten. Die Technik war den Juden und

sonstigen Kippern und Wippern abgelernt: Beschneiden des Geldes,

Untermischen unedlen Metalls bis zum Verschwinden des edlen. Die vier

Männer, von Michna geführt, warfen sich auf den Handel mit der

niedertretenden Wucht einer Stierherde. Die Münzräume wurden von zwei

ganzen kriegsstarken Fähnlein gesichert. Fünf Nachbarhäuser, ein halber

Straßenblock wurde zugekauft, bei der Kürze der Zeit und der Gefahr

drohender Zwischenfälle war keine Minute zu verlieren. Während Bassewi und

de Witte nur ihr Geld hineinwarfen, raste die Angelegenheit vorwärts durch

das Betreiben dieser beiden: Michna und Wallenstein.

Der Serbe, seiner Sinne kaum mächtig, dauernd geneigt auf Menschen

loszustürzen, in gräßlicher Furcht, sein Geld zu verlieren, betrogen zu

werden. Er umschlich die Gebäude; seine Frau, ein scheues schönes Weib,

mußte die Straßen durchwandern, wenn er schlief.

Der böhmische Edle befehlerisch, in schneidender Ruhe und Unbeirrtheit. Zu

dem Serben, den er einmal erschöpft, schmierig vor der Hauptpforte der

Münze traf, beugte sich der hagere, prächtig sechsspännig daherfahrende

Böhme heraus: »Der Herr sieht nicht aus, als ginge es ihm gut. Denke er zu

leben. Sonst will ich ihn beerben.« Das stachelte den Serben, daß er sich

mit Qual schonte.

Barren und Münzen häuften sich in den stallartig langen niedrigen Stuben;

in Steinkammern standen die Münzknechte vor den Muffelöfen, heizten

glühten. Wöchentlich vermehrte sich die Zahl der eisernen Schmelztiegel,

über denen die Männer hinter vergitterten Fenstern standen, mit

Graphitstangen, langen dicken Stäben, die Schmelzmassen rührten. Hier hatte

keiner Zugang aus dem ganzen Gebäude als die Knechte und Meister; hier

wurde ihnen in geschlossenen Zink- und Kupferkästen gereicht, was sie in

den Tiegeln zu schmelzen und zu verrühren hatten. Stechende Dämpfe

durchzogen die Häuser; in Scharen, wie Regimenter, standen die hölzernen

Beizfässer nebeneinander, darin schwamm die kochende Säure; die Münzen,

geglüht, geschnitten, waren unkenntlich geworden, hatten Masken für die

Augen der Menge. Die Knechte arbeiteten in den Räumen; wie in einer

Folterkammer rührten sie die Arme; man sah nicht den, dem die Folter

bereitet wurde.

Das Silber begann spärlicher zu fließen. Ein rasender Zusammenstoß erfolgte

zwischen dem böhmischen Oberst und Michna in de Wittes Schreibstube. Erst:

»Entweder bemüht sich der Herr Michna nicht oder er hält Silber zurück.«

Dann: »Der Herr treibt es, wie er will. Er sehe zu, Silber zu beschaffen

von den Juden. Er hat ihnen die Wänste vollgestopft mit gestohlenem Gut.«

Als Michna, breitbeinig, mit den Wangen und Lippen zitternd, vor den

hageren ihn überragenden, spitzbärtigen Oberst trat, hob der die Faust: er

werde sich mit ihm nicht duellieren, er werde ihm mit einem Faustschlag das

Maul stopfen. Dann verließ der von Wallenstein den zitternden Mann. Tags

darauf wurde dem hilflosen Serben durch de Witte bedeutet, daß der Oberst

die Schuld an der Verzögerung der Arbeit auf ihn allein schiebe; der von

Wallenstein sei überzeugt, daß Michna noch viel mehr Gewinn aus dem Raub

gezogen habe, als er zugebe; er solle zusehen, wie er Silber heranschaffe.

Da wurde dem Michna klar, daß Wallenstein vorhatte ihn auszuplündern. Er

stellte eine Frage an de Witte; die Antwort bestätigte seine Befürchtungen:

der Oberst wollte von seinen Verbindungen Gebrauch machen, ihn wegen Raubes

festnehmen und einkerkern, sein Geld beschlagnahmen. Der Serbe sank heulend

zu Hause zusammen, welk von der Anstrengung der vergangenen Wochen. Er

zerrte sich nach einigen Tagen zu dem Oberst, der ihn in eine Vorkammer

eintreten ließ, in der sechs Arkebusiere ihn fesselten und, ohne daß er

widerstrebte, in den Stock führten.

Dies hatte sogar de Witte nicht erwartet. Der Oberst erklärte, er hätte nur

gewartet, um den Serben unschädlich zu machen. De Witte: »Wir können ja

auch so von ihm alles erlangen.« Das hielt Wallenstein für zweifelhaft,

fragte lachend, ob de Witte gar den Michna bemitleide, der keinen Strick

zum Hängen wert sei. Gegen den Serben wurde ordnungsmäßig vorgegangen,

seine Frau warf man aus dem Haus. In diesem Augenblick setzten sowohl der

Holländer wie der Judenprimas ihre ganze Energie ein, um einen weiteren

Fortgang der Sache zu verhindern, von der sie nicht wußten, ob der Oberst

sie bloß seines Vorteils wegen oder aus Rachsucht betrieb; sie waren beide

nach ruhiger Überlegung der Meinung, daß der Böhme nur seinen Vorteil im

Auge hatte. Denn er hatte auch sonst, trotz seiner gräßlichen

Leidenschaftlichkeit, nie einen ernsthaften Handel gestört. Bassewi bot im

Namen der Prager Judenschaft, die sich von einer allgemeinen Haussuchung

bedroht sah, dem Oberst einen ungeheuren Rohsilberbetrag für die Zwecke der

Münze an, wenn die Sache niedergeschlagen würde. Von Wallenstein fand das,

seinem alten Helfer Bassewi die Hand streichelnd, erstaunlich von der

Judenschaft, denn wie denke sich die Judenschaft schadlos zu halten? Er

schien nicht geneigt, den Serben loszulassen. Als ihm erklärt war, daß von

Michnas Teil ein Betrag abgezogen würde, wurde die Haftentlassung Michnas

von dem herzlich amüsierten Oberst in Aussicht gestellt. Sie erfolgte nach

einigen Wochen. Michnas Teilhaberschaft am Münzkonsortium verblieb. Der

klägliche Serbe schlich sich, von de Witte geführt, in das Haus des

Obersten, um zu danken. Der war verwundert, daß der Serbe schon entlassen

war, freute sich mit ihm über den guten Ausgang der Angelegenheit. »Was

hab' ich?« jammerte der Serbe, als er neben de Witte zwischen den fürstlich

gekleideten Trabanten des verschwenderischen Obersten auf die Gassen ging,

die von hungernden Menschen belagert waren, »ich muß wie ein Bauer

arbeiten, um den Juden ihr Geld wiederzugeben.« »Wißt Ihr, Herr, mit einem

Mann wie dem Obersten soll man es nie verderben. Ihr werdet sehen, es wird

Euch gut gehen, wenn Ihr zu ihm haltet. Es gibt noch große Möglichkeit in

Böhmen. Wenn die Leute auch etwas hungern.«

Das Silber wurde knapper. Der Preis stieg. Michna, geängstigt über den

Ausgang der Sache, schlug selbst vor, neue Mitglieder zu suchen. Sie wurden

allmählich vierzehn; ihre Namen waren nur wenigen aus dem Kaisertum

bekannt. Der alte Fürst Liechtenstein trat ein, -- der Oberst arrangierte

es, -- um im Interesse des Kaisers seine Hand im Spiel zu haben; dann

ergriff ihn die Leidenschaft; er konnte nicht mehr heraus.

Der schmerbäuchige hartstirnige Münzmeister, der uralte Wresowicz, der auch

Kammerpräsident war, wurde hineingezogen; die Umtriebe konnten ihm nicht

verborgen bleiben. Er, der sein Amt verrotten ließ, drängte sich gierig

vor, die Gesellschaft war gesichert, er segelte bald auf dem Schifflein

Fortunas.

Der Schwindel ergriff das Konsortium; man rollte einem Abgrund zu.

Gemietete und freiwillige Aufkäufer von Silber flitzten durch das Land,

drangen in die Bauernhäuser; mancher von ihnen ließ sein Leben für zehn

Dukaten. Eine Anzahl Glücksritter, das Attentat auf das Volk ahnend,

organisierte auf eigene Faust Banden, die sich Soldatentracht anlegten;

unter dieser Maske zogen sie auf Raub aus. Kaiserliche Trompeter

verkündigten auf den Plätzen, alles Silber müsse abgeliefert werden an die

Münze; darauf verschwand es unter dem schwülen Gerücht der Dinge, die

umgingen, jäh aus dem Verkehr. Schon wurden für einen Reichstaler vier neue

Gulden geboten. Das Mißtrauen im Volk wuchs rasend; verstört fragte einer

den andern aus. Man fragte überall, wo die Kammer sei, wo Wresowicz sei;

Vertreter der Zünfte der Kaufmannschaft liefen auf die Ämter, bestürmten

die ihnen bekannten Landesoffiziere. Bekamen Lachen und mitleidiges

Achselzucken zur Antwort, es verliere ja keiner bei dem Sturz des Geldes,

bleibe alles so. Für immer? Für immer! Und einige glaubten es, die meisten

ließ die Furcht nicht los, sie sahen ihr Hab und Gut ohne Öffnung der Tür

aus den Stuben gestohlen. Die schrecklichen Gerüchte nahmen kein Ende, daß

hinter den Silberaufkäufern eine Wuchergesellschaft stecke, der sich der

Kaiser in seiner Geldnot mit Haut und Haaren verschrieben hätte; daß die

Jesuitenpater dahinter säßen, Rache an den böhmischen Brüdern zu üben.

Daß man in einem Sack saß der täglich fester zugeschnürt wurde, erfuhren

alle an jedem Morgen: der Hunger stellte sich ein. Die Stadtarmen lungerten

aufsässisch auf den verbotenen Märkten herum, ihre Sterzenmeister

erklärten, keine Gewalt über sie zu haben; es stürben zu viele, die Männer

und Frauen seien ihrer Sinne nicht mehr mächtig. Die Rudel dieser

verlumpten und vertierten Menschen bildeten an den Toren und Hauptstraßen

eine Gefahr; Bauern wagten sich mit ihren Fahrzeugen nicht hinein; was sie

brachten, war im Nu verschlungen von dem sich grausam balgenden Gesindel.

Sie wollten auch für das lange Geld nichts hergeben. Söldner, die man gegen

die Bettler aufbieten wollte, verbündeten sich mit ihnen, plünderten, was

sich blicken ließ. In die Häuser rief man hinein, was der Gulden koste. War

man noch erschreckt von den sechsundvierzig Gulden der Mark, so kletterte

der Wert auf fünfundfünfzig, auf dreiundsechzig, auf siebenundsiebzig. Eine

Mark galt siebenundsiebzig Gulden.

Die Münze in der Prager Altstadt gelegen, weitläufiges plattes

unansehnliches Gebäude aus Holz mit Eisentüren. Posten des Regiments

Wallenstein in den Höfen, patroullierend zu zwei, Pulverflasche Lunte Gabel

an der Seite, schwere Musketen auf den Schultern durch die Nachbargassen.

Fuhren Bauernwagen mit Holzscheiten an, öffnete sich das niedrige breite

Haupttor, blitzten am Eingang zur Rechten und Linken bronzene starke

Vierpfünder auf gezogenen Lafetten; darüber lungerten Schneller und

Zeugdiener, brannten unter sich Kohlen im Becken. Mit Paß versehen

schlurrte an dem Lumpenpack vorbei der ungeheure Michna Tag um Tag über den

Hof; sein Pferd hielt ein Musketier. Der Serbe, ohne den Hut zu ziehen,

wanderte über Treppen und Galerien, von Kammer in Saal, in Diele, durch die

glühen vergasten Schmelzräume, lustigen klingenden Stempelstuben, an den

Prägestöcken vorbei, in die streng bewachte Vorratskammer, das Wiegezimmer.

Leckte sich die Lippen, strich die schwarzen Barthaare zurück, die ihm in

den Mund kamen. In schwerer Spannung sprach er keinen der zahllosen

polternden Knechte an, Meister und Untermeister wich aus, grimmig seine

schwarzbraunen Augen unter dem scharfkantigen Vorbau der Stirn.

Der größte Spekulant des Landes, der tolle Vabanquespieler Wallenstein,

lang hohlbrüstig, mit schwarzem Knebelbart, eine kostbare Diamantkette am

Hut, stand halbe Stunden lang vor Prägestöcken; wie man auf ihn aufmerksam

wurde, wurde er unruhig, schloß die Augen, verschwand.

Das Landvolk, das neue Geld ablehnend, verkaufte nach außen. Da schloß man

die Grenzen. Sie trieben nichts auf die Märkte. Ein kaiserliches Patent

wurde auf den Plätzen ausgerufen: der Geldwert würde später nicht

herabgesetzt werden; man brauche keine Furcht zu haben. Sie höhnten: »Der

Kaiser, der Kaiser, er ist mit im Betrug; die Aristokraten kochen ihm ihren

Brei, dem Kaiser, dem blinden Hund.«

In der Münze hämmerte es. Heimlich fuhr der steife Liechtenstein nachts

vor; Wallenstein begleitete ihn; legten eine halbe Kompagnie Musketiere in

die Kellerräume und unter das Dach; den Rest der Kompagnie verteilten sie

auf die Nachbargassen, deren Häuser sie mieteten.

Das Jahr um, die Vertragszeit abgelaufen, beschloß das Konsortium den

Vertrag zu kündigen; man konnte nicht hoffen noch Silber hereinzubringen.

Wie auf de Wittes Einladung die drei Herren, die sich kannten, sich in

seinem verschwiegenen Bankgewölbe nacheinander einfanden zu einer

Rücksprache -- um eine einfache Laterne, die reichen Männer auf Schemeln

und Truhen, sehr leise -- waren sie, bereit, sich aus jeder Öffentlichkeit

für einige Zeit zurückzuziehen, von großer Dankbarkeit gegeneinander

erfüllt. »Es soll einer versuchen, nach uns in Böhmen zu münzen«, prahlte

de Witte. Sie gingen nicht auseinander, ohne daß Wallenstein sie festhielt

und fragte, ob sie vorhätten so sich davonzubegeben, ohne sich des

kaiserlichen Dankes zu versichern. »Bitten wir«, er sah den Herren fest

unter die Augen, »den Kaiser um eine Ergötzlichkeit. Es hat uns allen

Arbeit und Sorge gemacht, wir haben der Majestät über Schwierigkeiten

geholfen; soll keiner sagen, der Kaiser lasse sich ungelohnt dienen.« Der

kleine Judenprimas im schwarzen Tuchmantel, der mit Wallenstein im

Vertrauen schien, fügte vorsichtig hinzu, es hätte sich in der letzten

Woche noch zufällig einiges Metall gefunden. Man könnte vielleicht dieses

Metall noch ausmünzen ohne neue Pacht. Michna, der plattnasige Riese,

zagte. Kalt schloß der Oberst: »Es wäre erstaunlich, wenn die Römische

Majestät unsere Lage nicht begriffe.«

In der Tat erlangten sie Verlängerung des Münzvertrages um sechs Wochen als

Dank des Kaisers. Dann versuchte der Kaiser, allein gelassen, weiter zu

münzen. Die Münze stand still aus Mangel an Material. Die Herren hatten

sich aus dem Spiel zurückgezogen.

Als ganze Züge von Söldnern, die abgelohnt wurden, sich weigerten, das

lange Geld anzunehmen und auf der Prager Brücke und in der Altstadt

meuterten, weiteten sich die Herzen des Volkes. Die vor Hunger sterben

wollten, nahmen ihre Wut zusammen. Man jubelte, wo die Randalierenden sich

auf den Straßen sehen ließen, sie, die gefürchteten gehaßten. Man freute

sich, daß sie die Backstuben und Schlachthäuser erbrachen. Der lange

erwartete Sturm auf die Münze erfolgte von Bettlern in ganzen Regimentern,

Gesellen Söldnern Meistern Kaufleuten, als hätten sie ein Signal bekommen.

Die Kanoniere an den Geschützen, rechtzeitig benachrichtigt von den

Münzmeistern, liefen davon; kein Schuß fiel. Und als man in die

Vorratskammern und an die Prägestöcke kam: kein Stück Silber in Kästen und

Körben. Sie zerschlugen brüllend die Schränke mit den Formen. Die

Nachfolgenden, wütend, warfen sich auf die Ersten, sie hätten gestohlen,

sollten hergeben, teilen. Sie faßten sich an die Hälse. Die Masse warf sich

in die Nachbarstraßen, wogte rachsüchtig vor das Landschaftshaus, vor den

Palast des Gouverneurs. Da war im weiten Umkreis Kavallerie aufgestellt,

untermischt mit Musketenträgern. Einige Ladungen streckten soviel hin, wie

der Hunger an mehreren Tagen. Zwei Stunden lang schossen die Soldaten über

die leeren Straßen.

Der Reichshofrat zögerte nicht, den Beschluß zu fassen, dem der Gouverneur

von Böhmen zustimmte, den Wallenstein längst angeraten hatte: den

Staatsbankrott zu erklären. Durch Dekret wurde, auf Plätzen und Straßen

verkündet, der Gulden auf den sechsten Teil seines Wertes herabgesetzt, nur

drei Monate durfte die lange Münze laufen, dann war sie verfallen.

Und nun sahen die Böhmen ihre Armut, wußten, daß sie besiegt waren. Das

Elend klafterte auf sie nieder, die gesättigten Herren ließen sie los.

Saßen mit leeren Händen; neue riesige Kirchen standen zum Beten offen.

Der Haß wurde in die Massen gehetzt; Schuldner und Gläubiger verstanden

sich nicht, der Geldwert verwirrt, auf den Schlichtungsämtern standen sie

nebeneinander, spien sich an.

Dies war noch ein Nebengewinn für die Anstifter. Die Götzenbildsäule,

Liechtenstein, empfing Michna, murmelte ihm zu: »Das Volk wird sich jetzt

leicht regieren lassen. Es ist zwar arm, aber dafür ist es kraftlos. Wir

können noch mehr Truppen entlassen.«

* * * * *

Der größere Teil des Infanterieregiments Rudolf Kolloredo, einige

Kompagnien des Dragonerregiments Neuhaus wurden abgedankt.

Aus den Summen, die an Wallenstein geflossen waren, ersteigerte er neue

Güter; streckte die Hand nach dem freiwerdenden Besitz im Nordosten aus;

Friedland und Reichenberg Welisch Schuwigara Gitschin kamen an ihn aus dem

Nachlaß des Redern. Das Geld, das an ihn floß, hielt er nicht zurück. Als

sein Besitz so groß geworden war, als er dem Kaiser neunzigtausend Gulden

für die Abdankung des Regiments Holstein vorgestreckt hatte, dazu noch

unaufgefordert die Kavallerie bezahlte, war der Wiener Hof ihm eine

Standeserhöhung schuldig. Man zeichnete ihn vor den übrigen böhmischen

Edlen, die an der Unterwerfung Böhmens gearbeitet hatten, mit dem

Fürstentitel aus. Der Serbe wurde belohnt durch Aufnehmen in die böhmische

Kammer.

Liechtensteins Ansicht, daß das Volk anfange, weich zu werden, schloß sich

der kaiserliche Hofrat an, indem er befahl, nunmehr neue besondere Steuern

auszuschreiben. Die Räte in Wien waren übler Stimmung über die Unordnung in

Böhmen; die Schwierigkeiten waren nicht zu beheben. Auf Gurland, dem

Schatzmeister, und dem Abt Anton lag das Entsetzen; die Schuldenlast

verminderte sich nicht; dazu hing neuer Krieg in der Luft. Abt Anton wandte

sich durch den Gouverneur an die reichen Herren des Landes; die schwiegen,

taten, als ob sie ratlos wären. Sie wußten auch, daß neuer Druck gefährlich

war, da sie nicht allein in Böhmen hausten; ringsum wohnten Bauern, in

deren Schränken sich auffällig viel Morgensterne Schlaghämmer Sensen

sammelten. Man fing Boten ab von Bethlen Gabor, dem protestantischen

Fürsten von Siebenbürgen, geschickt an die böhmischen Brüder; sie sollten

nicht verzagen, nicht verzagen.

Eine Getreidekontribution wurde ausgeschrieben. Michna, der Kammerrat, hob

noch einmal die Sense zum Schnitt. Er hatte keine Furcht. Er fragte in Wien

an, was man von ihm verlange, wenn er den Wert der ganzen

Getreidekontribution erwerbe. Michna, nach Abtragung seiner Schuld an die

Judenschaft wieder im Besitz ungeheurer Summen, ein blinder Eber, so

stürzte er vorwärts, um die Distanz zu den übrigen auszugleichen. Bassewi

Liechtenstein berechneten schon den Ertrag seines Nachlasses, denn er würde

von den Bauern erschlagen oder von der Hofkammer entlarvt werden. Aber er

war verzaubert, sein Herz verkrampft. In sein kleines ärmliches Haus in der

Neustadt war eine geringe Wohlhabenheit gestiegen; er hielt sich einen

Reiterjungen für sein Pferd, eine alte Kutsche für seinen schweren Leib.

Seinen Eltern schickte er unbedeutende Summen, duldete nicht, daß sie ihn

besuchten. Mit Vergnügen ging er in die Paläste seiner Geschäftsfreunde;

das schien ihm alles kindisch und verächtlich. Eine schmerzartige Wut

befiel ihn nur in dem Schlosse Wallensteins; von hier nahm er einen Stachel

mit; dieser Oberst baute aus einem Überfluß heraus, so frech, so

aufreizend, daß er vor seiner schönen heimwehkranken Frau schmähte: dieser

Oberst sei eine Schande für das Land, es sei schon recht, wenn ihn die

Bauern beseitigten; es sei ein Hohn auf alles, was unter Menschen billig

sei. Der Anblick des Schlosses Wallensteins, der Grimm über die erlittene

Gewalt, war es, der Michna kopfüber auf die Getreidekontribution stürzte.

Sie fiel ihm zu um den Preis der Brotlieferung an sämtliche in Böhmen

stehenden Truppen. Michna rannte vorwärts. In dem Staub hinter seinen

rasenden Füßen ließ er seine Konsorten zurück. Er hatte sich nicht über die

Größe der Kontribution und über seinen Gewinn auszuweisen; hatte nur das

Brot zu einem niedrigen bestimmten Satz zu liefern. Michna gab sich nicht

willenlos in die Hände der Bauern; er besaß Erfahrungen aus dem

Silberhandel. So wie er im Beginn seiner Laufbahn über die Schlösser

gezogen war, stellte er sich an die Spitze von Söldnertrupps; kalt und hart

beaufsichtigte er Äcker und Saaten, ließ Widerwillige Säumige in Eisen

legen, von ihren Gütern reißen, bewirtschaftete selbst. Er stieß sie

morgens im Dämmer aus den Betten, schloß ihre Vorratskammern auf, prüfte

die Güte des Saatkorns. Nie kam ein Tröpfchen Glück in ihn; gepeinigt

vergrämt und gehetzt warf er sich, wo er sich fand, in einer Hütte neben

Soldaten an den Boden; neidisch dachte er seiner stillen Frau in der Stadt.

Ihn trieb nur die Lust, Menschen zu unterwerfen, in großem Besitz zu sein,

die betrügerischen Bauern büßen zu lassen.

In diesem Jahre wurden zwei Millionen Gulden aus Böhmen erpreßt. Unruhig

bewegte sich das Volk. Fester spannte sich die Hand um die Kehle Böhmens.

Damals machten einige Leute den Versuch, sich der Krone entgegenzustellen.

Es kamen eine kleine Zahl Landesoffiziere Oberbeamte Landrechtbeisitzer,

vom jammernden Volk überlaufen, im Landschaftshaus zu Prag zusammen; im

Sitzungssaal warf sich einer von ihnen in die Brust, schwor, sie seien

Vertreter der böhmischen Stände; man schriebe Steuern aus, verkündige, ohne

sie zu fragen; rechtlich ungültig sei solch Vorgehen. Andere ließen sich

hinreißen; die Herren saßen in ihren Ämtern, sie hielten etwas von sich und

ihren Ämtern, waren beleidigt. Manche erklärten scheu, man müsse sich des

Volks erbarmen, das Land werde gänzlich ausgesogen. Nach zwei

Zusammenkünften war man einer Meinung: wenn neue Steuern ausgeschrieben und

verkündet würden, seien zuerst sie zu befragen; sie seien nicht gewillt,

sich ihr Recht aus Händen winden zu lassen. Sie verfaßten ein Schreiben

heimlich vor Liechtenstein und den militärischen Behörden, dahingehend, die

neuerliche Publikation einer Weinsteuer und Ochsensteuer sei eine unerhörte

Steuerung, sie verstoße gegen ständische Privilegien, sie legen Protest

dagegen ein. Die Herren faßten die Sache von der formalen Seite; planten

einen Kompetenzstreit auszufechten. Sie unterschrieben im Namen der

böhmischen Stände.

Der Abend, an dem der Fürst Liechtenstein die Deputation der

fremdblickenden Herren empfing, war der fröhlichste, der ihm in Böhmen

beschieden war. Er sagte am Tage darauf zu dem Stadtobersten von Prag: »Die

Herren sind nicht so im Unrecht. Man muß sich in ihre Gedanken hinein

versetzen. Ich kann nicht umhin, das zu bemerken.« Wie die Szene verlaufen

wäre. »Ich habe ihnen sogleich gesagt, die Sache schiene mir so dringlich

und so ernst, daß ich nicht werde umhin können, sie ohne weiteres der

Hofkammer weiter zu reichen. Und sie stimmten mir zu.« »Sie stimmten zu?«

»Sie baten dringend darum und unter energischen Hinweisen. Ich mußte den

Sprecher beruhigen, daß dies auch wirklich geschehen sollte.«

Während der Gouverneur und der Oberst auf Schemeln nebeneinander an dem

roten Kachelofen saßen, trat der schöne braunlockige Slavata ein, ein noch

jugendlicher Mann mit kühner spitzer Nase, böhmischer Kammerrat und

weitläufiger Verwandter des von Wallenstein, setzte sich unter dem Fenster

auf eine Truhe. Er fragte, seine Handschuhe über das Knie spannend, mit

sanfter Stimme, wie die Durchlaucht die Deputation der böhmischen

Landesoffiziere gestern empfangen habe: »Wie beliebten Durchlaucht die

Herren zu bescheiden?« »Nicht, zunächst gar nicht. Dann las ich laut den

Schluß des Schriftstücks durch, das übrigens gut verfaßt war, -- ich glaube

Euren Stil erkannt zu haben, Herr Slavata.« Der bog sitzend den Kopf

zurück, verneigte sich mit vieldeutigem Lächeln: »Man wandte sich an mich;

ich redigierte ungern.« Liechtenstein winkte ihm vom Schemel herüber: »Ich

danke Euch für die Klarheit der Gesichtspunkte, die Schärfe des Ausdrucks.

Besonders die Unterschrift ist von einer Exaktheit, die nichts zu wünschen

übrig läßt.«

»Euer Durchlaucht haben mir empfohlen, in meiner Umgebung für Klarheit zu

sorgen.«

»Und am Schluß des Schriftstücks, den ich laut vorlas, stand die

Jahreszahl.«

»Nun?« drängte Wallenstein händeklatschend.

»Die Jahreszahl war eine glänzende Pointe von Euch, Herr Slavata. Sie

zuckten nicht mit der Wimper. Ich trieb es so weit, Herr Oberst, am Ende

dreimal die Jahreszahl zu lesen. Sie standen nur ernst, im Wohlgefühl ihrer

Sache da.«

»Ich kann mir gut vorstellen die Herren,« kehlte der vergnügte Oberst, »sie

hatten uns alle in der Tasche, saßen schon hier und beehrten unsern

allergnädigsten Herrn mit Berichten über unsre schmähliche Wirtschaft.«

Wallenstein. 1 (of 2) · 第 21 / 34 题