Lamormain türmte sich ernst hoch: »Vor welchem mag der Herr wohl meinen?«

»Ganz recht! Denkt weiter! Eben vor dem.«

»Vor --.«

»Eben vor dem. Nun!«

»Ihr meint vor dem Gesicht unseres Allergnädigsten Herrn.«

»Nun, Herr Pater, wann habt Ihr ihm zuletzt das Lied von dem Winterkönig

gesungen, wie sein Magen nicht mehr dauen kann und Länder von sich gibt.

Wir allesamt kennen das Gesicht des Kaisers, das er damals geschnitten

hat.«

Sie schwiegen im Augenblick. Dies war ein Signal. Finster blickte der

massive Priester auf die Fliesen: »Ihr redet eine schlimme Sprache,

Oberst.«

»Sprecht einmal,« grunzte und knurrte in die Stille, die Arme wie zwei

Balken über den Schemel wiegend, der verbissene unbeirrbare Questenberg,

»wohin hat es geführt, daß wir über die aufständischen Böhmen gesiegt

haben. Und wohin hat es geführt, daß Mansfeld geschlagen ist, der Durlacher

dazu. Jetzt hat der Pfalzgraf den Schwanz eingekniffen und ist davon, unter

die Fittiche seiner Verwandten, er wagt nicht, den Schnabel zum Nest

herauszustecken. Und in Wien, in der Hofburg -- gibt's Trauer! Das reimt

Euch zusammen! Wir wagen nicht zu sprechen von Sieg.« Den Schnauzbärtigen

sah lange still der Pater an: »Ihr wußtet früher etwas anderes. Es war mir

eine leise, gewiß freudige Überraschung, Euch bei unserem werten Freund

Strahlendorf zu finden. Im Geheimen Rat soll einer geklagt haben über den

Krieg; er schätzte den habsburgischen Gewinn aus dem Feldzug sehr gering

ein. Viel höher, Eurer Liebden, soll er den Gewinn eines gewissen

verwandten erlauchten Hauses bemessen haben.«

»Darum sitz ich hier. Wir haben erkannt, daß sich Bayern zuviel vom Siege

einsackt. Das ist auch Habsburgs Krieg. Man drängt uns an die Wand. Ihr

wißt, Pater, was das kaiserliche Haus bezahlen muß. Darum greif ich lustig

nach dem Sieg als meinen Sieg. Wie viele Gefangene hat der alte Tilly

gemacht, wie viel Kartaunen Singerinnen Feldstücke und Totenorgeln haben

sie eingeheimst in dem einen Sommer! Standarten Fahnen! Und wir wagen

nicht, den Mund aufzumachen --, als wenn es unsere Kanonen sind, die uns

abgenommen wären, als ob wir mit eignen Leibern geblutet hätten. Lamormain,

sing Er vom Heidelberger Faß vor der römischen Majestät! Und erzähl' uns,

welche Aufnahme er gefunden hat.«

Der hagere Vizekanzler war neben dem Priester stehengeblieben; er zog ihn

neben sich auf einen Schemel. »Lamormain. Wohin soll dies führen? Die Dinge

laufen noch gut im Geleise. Wir sind in Sorge. Seht, das ist alles.

Ferdinand hat etwas im Sinn, dessen wir nicht gewiß sind. Wie hat die

himmlische Mutter die katholische und kaiserliche Sache gesegnet. Wir sind

besorgt.«

»Graf Strahlendorf vermeint doch nicht, mein Beichtkind möchte unserm

Glauben Abbruch tun?«

»Tut es der Kaiser nicht mit Plan, tut ers ohne. Aber Ihr seht hier diese

rechtschaffnen und kundigen Männer in Unruhe. Und möchtet Ihr sagen: ohne

Grund?«

Der Pater sann beiseite gegen seinen rechten Arm im struppigen Schafspelz:

»Der Kaiser hat dem letzten Unternehmen nicht den geringsten Widerstand

entgegengesetzt. Ihr vermöchtet ihm nicht die leiseste Erschwerung der

Angelegenheiten nachzuweisen.« Der jüngere Oberst krähte: »Wir wollen nicht

das Reich gut regiert sehen wider den Willen des erwählten Kaisers. Der

Bayer hat den Krieg gegen die Böhmen glücklich geführt, jetzt hat er den

Hauptanteil an der Zerschmetterung der Freibeuter. Da seht!«

»Wohl, ihr Herren,« trommelte Questenberg mit den Hacken, »es bleibt

bestehen, daß der Kaiser grollt, sich nicht in die Dinge fügt, und daß er

den Engländer Dighby beschenkt hat, der den Frieden zwischen Habsburg und

dem Pfälzer vermitteln sollte. Das gefährdet das Reich.«

Lamormain: »Soll dies hier ein Gericht sein über des Römischen Kaisers

Majestät?«

Strahlendorf, der Vizekanzler, schlug die Hände zusammen. Was seien das für

bittere Worte. Die beiden Obersten lachten zuckten mit den Achseln, drehten

den Rücken. Questenberg hielt fest: sie hätten hier Lamormain wie ein

Zeichen des Himmels, er solle seinen Einfluß auf den Kaiser geltend machen.

Um? Um auf ihn zu wirken. Und in welchem Sinne? Nicht ihn zu knebeln,

sondern ihn zu führen, wie es die Dinge fordern.

Lamormain war ein Bauer, in dem Ardennendorf Dochan bei dem zerstörten La

Moire Mannie aufgewachsen, sein rechter Fuß hinkte, weil er sich mit der

Sense beim Mähen in die Knochen geschlagen hatte; als kleiner jesuitischer

Lehrer wäre er verkommen, wenn nicht sein Oheim Koch beim Kaiser Rudolf

gewesen wäre, ihm einen freien Stiftsplatz in Prag verschafft hätte.

Bestimmt legte er hin: »Ich bin der Herren getreuer Diener. Es darf nichts

gegen den Kaiser geschehen, nichts gegen ihn geplant werden, nichts an

meine Ohren gelangen. Statt ihn zu fesseln, ist meine Aufgabe, ihn in

Schutz zu nehmen und ihn als sein Gewissensrat in unverzügliche Kenntnis

von jedwedem Anschlag zu setzen.«

Die Herren, nach einem klanglosen Auflachen des kleinen Obersten, baten um

Dispens für Minuten, während derer sie das Gemach verließen.

Dann: Was sich Lamormain verspräche, wenn der jüngere Bruder des Kaisers,

der Erzherzog Leopold, an der Regierung teilnehme.

Die Herren seien von einer ungeheuren Offenheit.

Es heißt den Dingen ins Auge sehen. Es ist notwendig, die andern Mitglieder

des Hauses Habsburg von der drohenden Gefahr zu orientieren. Man muß sich

sichern vor den Ausbrüchen einer unberechenbaren persönlichen Politik, die

jetzt nur schweigt.

Es heißt klar sehen. Mansfeld und Durlach sind das A, England heißt das B,

Dänemark das C und das ganze furchtbare steinerne Abc solle zerbeißen ein

schlechtgezimmertes Deutschland, Kurfürsten, die sich entzweien,

Rechtgläubige Protestierende Kalvinisten. »Wir wollen noch einmal sagen,

der Katholizismus steht auf dem Spiel, wenn wir nicht eingreifen und

vorbeugen. An dem Schicksal des Reichs nimmt ja der geistliche Herr kein

Interesse.«

Plötzlich lachte der stehende Priester in kleinen herausfordernden Stößen:

»Woher aber, edle und gestrenge Herren, seid Ihr meiner so gewiß, daß Ihr

also deutlich vor mir sprecht?«

Questenberg in seinen hohen Reiterstiefeln machte eine Verbeugung vor ihm,

während er die Arme öffnete, die Hände öffnete und eine stumme lächelnde

Demutserklärung ablegte. Der hagere Oberst klopfte sich heiß gegen die

lederbeengte Brust; mit verzerrtem gehässigem Ausdruck bog er den

vibrierenden Kopf zurück: »Ist uns der geistliche Herr recht gekommen.

Hätten uns, wie wir hier saßen, auch unserem kaiserlichen allergnädigsten

Herrn nicht versagt. Brauchen nicht den Esel beim Schwanz aufzuzäumen,

packen, mit jeglichem Verlaub, den Stier bei den Hörnern.«

Milde zog der Priester seinen Pelz zusammen: »Zu gütig, daß mich mein Herr

für ein so verwegenes Tier hält. Aber wenn nun der Stier stößt.«

Questenberg, unter den drohenden Ausrufen und spöttischem Achselzucken:

»Nur zu! Wird uns ein Vergnügen sein. Werdet zwei Stunden zu spät kommen.«

»Mich schwitzt«, sagte Lamormain, blickte zur Tür, »in so dichter edler

Bundesgenossenschaft bin ich lange nicht gewesen. Es ist nicht mehr so

windig, edler Graf Strahlendorf. Ich denke, Euch den Pelz zurückzugeben und

nach einem neuen Mantel zu schicken, mit Eurer Gunst.«

Er beobachtete lippenbeißend die erhitzten Gesichter: »Seht Ihr edlen

Herren, jetzt seid Ihr aufmerksam. Jetzt fragt Ihr, auf welche Seite stellt

sich der lange Lamormain und wird er uns verraten. Ich werde Euch nicht

verraten.«

Damit drängte er gegen die Tür. Der kleine Oberst rührte ihn am Arm: »Ist

das alles, Herr?«

Verächtlich Lamormain über die Schulter: »Ist das nicht genug? Ist Euch der

Kopf auf der Schulter nicht genug?«

* * * * *

Als Lamormain am nächsten Mittag aus der Burg vom Besuch eines

schwerkranken kaiserlichen Leibarztes, des witzigen Menschenkenners und

Menschenfeindes Gabriel Ferrara, kam, trugen ihm in der Teschnergasse und

dann am Hafnersteig verängstigte Novizen seines Ordens, unversehens aus

Häusern sich nähernd, zu, daß der Platz vor dem Kolleghaus, der

Universität, von einem ganzen Fähnlein grober Berittener besetzt sei, die

sich ganz ruhig verhielten. Sie hätten den Eindruck, als ob auch hier und

da in den Straßen verstreut sich Bewaffnete befänden; trügen große Sorge

seinetwegen, um so mehr, als vor einer halben Stunde, bald nachdem er zu

dem frommen Gabriel Ferrara gegangen sei, eine Anzahl Karossen und Sänften

vor dem Profeßhaus hinter der Universität erschienen wären; die edlen

Insassen hätten nach ihm, dem ehrwürdigen Pater und Beichtvater der

Römischen Majestät, gefragt, hätten im Empfangssaal und den Vorkammern

Platz genommen. Sie hätten zuerst die Abwesenheit des Paters nicht glauben

wollen, hätten die Gänge und einige Gemächer durchsucht, freilich auch um

Entschuldigung gebeten, weil es sich um dringliche Angelegenheiten handle.

Die Zöglinge waren außerordentlich erregt, in Furcht auch um sich.

Beklommen folgten sie dem ruhigen Mann auf den hufklappernden

waffenstarrenden Platz, wo die Reiter auf Anruf ihres degenschwingenden

Kornetts eine Gasse machten, die sich hinter dem Jesuiten schloß.

Lamormain stand lange vor der löwengeschmückten Freitreppe des

Profeßhauses, bei den Sänften und Karossen der Herren, deren bunte

Trabanten und Kutscher sich vor ihm entblößten, verneigten. Er hielt beide

Arme fest über die schwarzverhängte Brust verschlungen, öffnete sie nicht,

kopfgesenkt, als er die Stufen sehr langsam emporstieg, grimmige Blicke

nach der Seite gegen die jungen Schüler schickend, die ihm folgen wollten,

verscheucht sich um die steinernen, maulöffnenden Löwen hin und her

bewegten. Der untere breite, blankgescheuerte Gang war leer; an jedem

Pfeiler der unabsehbaren Fensterwand hing ein hohes Gemälde vom Wirken und

Tod eines Märtyrers. Als der Priester sich gebunden vor der stummen,

schmerzlodernden Reihe entlangschob, wurde er von einem knielähmenden

Schwindel in eine Nische gedrückt, gerade vor einen Altar und Glasschrein,

der Knöchelchen der heiligen Rosina enthielt. Mit den Zähnen rieb der

Ohnmächtige an der gerieften Silberfassung des Schränkchens; wie er

schluckte, das knirschende Metall biß, fand er sich, halbseitlich über dem

Schrein liegend, die Arme schräg herabbaumelnd, in Gefahr, mit dem Gesicht

die obere Glasplatte durchzudrücken. Hinten im Gang stand etwas Großes in

einem Türrahmen, eine wilde dreifarbige Soldatenfeder schaukelte dem nach

vorn über die Augen. Den Glasschrein umarmte der Priester mit vieler

Zärtlichkeit, küßte die Platte, sprach ein lautloses Gebet. Als er den Rest

des Weges zu der besetzten Tür ging, bewegte er sich in der trauten

wonnigen Gesellschaft der Seligen, die von den Wänden her ihn überdrangen.

Das war die Bibliothek; der Offizier zog den Hut, trat zurück. In dem

weißgetünchten langen Säulenraum des Saals verloren sich die zehn Herren,

zu denen ihn, nahe einem kleinen Springbrunnen mit Blattpflanzen, über die

Strohmatte der Offizier führte. Unter der geschnörkelten Stuckdecke,

zwischen den Städtebildern, den Köpfen Amouretten, den vollen

Bücherschränken, den Tischen mit Globen Büsten Kruzifixen saßen gelassen

die Politiker und Soldaten; mit tiefer Verachtung, fremd, saß unter dem

Springbrunnen der Jesuit mit den kurzen weißen Haaren, der knolligen Nase

zwischen ihnen, betrachtete sie wie eine Ziegenherde. Als Lamormain statt

einer Klage ruhig eingeladen hatte: »Mögen die Herren beginnen«, dienerte

der alte galante Harrach, nach rechts und links lächelnd; sie hätten

gestern mit Vergnügen seine Geneigtheit vernommen, sich ihren

Gedankengängen anzuschließen, müßten aus nicht näher zu erörternden Gründen

sogleich in nähere Besprechung mit ihm eintreten. Er könnte aus dem

Formlosen ihrer Gegenwart erkennen, wie dringlich ihnen die Zustimmung des

ehrwürdigen Paters und Beichtvaters der Römischen Majestät sei. Es seien in

aller Kürze schwerwiegende Beschlüsse zu fassen, bei denen die Herren

unbedingt gewiß seiner Haltung sein müßten.

Da konnte Lamormain nicht umhin, lächelnd den Arm zu erheben; eben entstand

draußen ein heftiges Rufen und Pferdetrappeln; offenbar drangen Berittene

in den Hof des Hauses; es lief auf dem Gang, in den oberen Zimmern;

Aufschreie, flüsterndes Stimmengewirr vor der Saaltür. »Wie glaubt ihr,

soll meine Haltung sein unter diesen Umständen?«

»Wir haben geglaubt, Euch den Entschluß erleichtern zu müssen. Es muß Euch,

in dem Falle Ihr nicht beistimmt, eine Genugtuung selbst sein, nur eben

diesen Umständen die Verantwortung aufzuladen.«

»Ihr seid doch ein Mensch«, sprach ihm bieder Questenberg zu; sie nickten

alle. Wieder lief der Schwindel unter dem fassungslosen Zorn über

Lamormain; wie er sich bezwang, kam es fast kläglich aus seinem weißen

Mund: »Was soll geschehen?« Sie verlangten von ihm einen vorbehaltlosen Eid

über seine Verschwiegenheit, dann eine ebensolche Versicherung, daß er

ihnen nichts in den Weg legen würde, wenn er es vermöchte, daß er den

Kaiser beeinflussen würde zu einer veränderten Haltung gegen die

notwendigen Ereignisse, zu einer Mitregierung des Erzherzogs Leopold.

»Wenn dies alles nun nicht meine Meinung, meine Überzeugung, mein Wunsch

ist, -- was, glauben meine Herren, wird der Weltenrichter Jesus beim

letzten Gericht, wenn die Posaune ruft, urteilen über diese Tat: rechts

meine Pflicht und links in der Wage die Umstände? Diese Pferde, Musketen,

Spieße gegen mich?« »Ich glaube,« dröhnte Questenberg, »gegen so viele

Soldaten zu erliegen, macht dem tapfersten Krieger keine Unehre. Was

vermeinen die Herren? Wir werden nicht Weltenrichter spielen, aber es ist

so.«

Harrach lächelte verbindlich, aufdringlich vertraut in einer Weise gegen

ihn, die den Priester tief reizte: »So denke ich, daß darüber der Lehrer

der Gesellschaft Jesu sich am besten äußern wird, auch gegen unsern

Heiland. Wir sind unwürdige schlechte Menschen, werden ihm nicht in sein

Handwerk pfuschen. Wir können schließlich nichts, als unsre Bosheit

erkennen mit Schmerz, mit Reue, und können nicht aus unsrer Rolle fallen.«

Der hagere Oberst, mit dem starren Blick auf den Priester, schloß: »Und

letztlich sind wir Christen und getrösten uns, daß Jesus sein heiliges Blut

um unserer Sünden willen, die er auf sich nahm, vergossen hat.«

Lamormain horchte auf das ängstliche Geflüster vor dem Saal; seine innere

Ruhe wuchs; er fand sich heiter. Und mitten während einiger Sätze, die er

sprach, durchzuckte es ihn: diese Herren glaubten, es ginge hier für ihn

auf Tod und Leben, und stellten ihm nichts entgegen als Soldaten, Pferde.

Hundert gewappnete Reiter suchen mit ihren Lanzen den schwebenden Geist der

Heiligen Kirche zu durchbohren! Wehen ihn mit jeder Bewegung höher!

Er saß ganz still, war traurig wegen der geängstigten Freunde draußen. Mit

welchen faden Gesellen saß er in seiner Bibliothek zusammen. Es mußte

leicht sein, mit ihnen zu herrschen. Er neckte sie, ohne daß sie es

merkten: er hätte keine Kompetenz, müsse erst seinen Vorgesetzten, den

General des Ordens in Rom, befragen. Sie wurden wütend, häuften leicht

widerlegbare Gegeneinwände. Dann berieten sie, im Ernst. Schließlich hatten

sie bei sich eine Papierrolle, die sie ihm zum Lesen, Unterschreiben

hinschoben; von innerlichem Gelächter war er erschüttert: »Auch das noch.«

Sie waren Kinder zum Erbarmen.

Als er allein stand, prustete er hinter den abrasselnden Wagen: »Wir werden

zusammen regieren.« Getümmel von Pferden; der Lärm verhallte.

Auf dem Gange küßten ihm die Scholaren, die entsetzten älteren Brüder die

Hände; das Haus von Wehrufen und Protesten erfüllt. Lamormain hinkte durch

das Gewimmel. Vor den frommen Bildern an der Fensterwand erinnerte er sich

seines leidenschaftlichen Entschlusses beim Kommen, nicht nachzugeben, der

Heiligen gedenk zu sein. Er machte sich scherzend den Vorwurf, zum Märtyrer

kein Zeug zu haben.

Er hatte das Dokument nur flüchtig gelesen. Darin stand, sie wären

genötigt, den Kaiser gefangenzunehmen, um eine Störung der Politik durch

ihn zu verhindern. Man sehe vorläufig davon ab, wenn der Beichtvater es

übernehme, den Kaiser zum Nachgeben zu zwingen. Es wird garantiert: die

geheiligte Person des Kaisers bleibt unangetastet. Der Kaiser solle sich --

wie sie es nannten -- der politischen Notwendigkeit fügen.

* * * * *

Am dritten Tage trat Eggenberg in die kaiserliche Antikamera, lud den

Kaiser zu einer Sitzung von Hofrat und Geheimen Rat. Ferdinand sagte zu,

erschien nicht. Tags darauf berichtete Eggenberg neben Gleichgültigem, es

seien im Rat lebhafte Stimmen laut geworden, man müsse dem allgemeinen

Verlangen Rechnung tragen, das bei den frommen Reichsständen bestünde, und

der Freude über den siegreichen Fortschritt des rechten Glaubens, die

zerschmetternden Niederlagen der Reichsfeinde, öffentlichen geziemenden

Ausdruck geben. Auf die Frage Ferdinands, wer diesen Wunsch im Rat

vorgetragen hätte, antwortete Eggenberg, es ließe sich bei der freudigen

Erregtheit, die nur durch die Abwesenheit des allergnädigsten Herrn getrübt

war, nicht sicher sagen, wer zuerst gesprochen hätte; das dringende

Verlangen sei allgemein gewesen, mit dem Kaiser in einer Feier sich zu

vereinigen. Ferdinand ging herum, riß an seiner goldenen Halskette, lachte

heiser; er wollte wissen, wer damit angefangen hätte. Und dieser klägliche

gequälte Blick aus den schwarz umrahmten Augen jammerte den grauen Hofmann,

erschreckte ihn so, daß seine Stimme zerriß. Er hielt dafür, man müsse

rasch aller Welt, auch der feindlichen, zeigen, welcher Siege man sich

bewußt sei; der Pfälzer und sein freibeuterischer Anhang sei in alle Winde

geblasen; möge man den fremdländischen Beschützern der Friedensbrecher

zeigen, daß man halte, was man habe, daß man den Mut zu Erfolgen habe, daß

man auch wagen werde, weiter zu siegen, wenn einer darauf dringen sollte.

Mit einem gezwungenen Lächeln fragte Ferdinand vorbeispazierend: »Sind Eure

Kassen gefüllt?«

»Zur Siegesfeier?«

»Nein, zu neuen Kriegen.«

Zur Zeit stünde alles gut, man könne nicht zu weit denken, es sei

jedenfalls gut, so zu scheinen, als herrsche Überfluß; auch darum sei die

Feier nötig, um als Drohung zu wirken; es müßten von mehreren dem Kaiser

nahestehenden Seiten, jedoch nicht von kaiserlichen Beamten, heftige Reden

an der Tafel und öffentlich geführt werden; auf die Fremden sei mit vielem

Pomp zu wirken.

»Ich habe nur zu erscheinen und mich zu freuen?«

»Nicht doch, Majestät. Daß die Römische Majestät sich ihrer Siege freut,

weiß alle Welt. Sie mag nun offen zeigen, wie sie sich freut. Wenn ich ein

biblisches Bild nehmen darf, ohne in das Gebiet meines Gönners und

Freundes, des ehrwürdigen Paters Lamormain, zu fuschen, so möchte ich an

den judäischen König David erinnern, der singend und lauteschlagend, ja

tanzend hinter der Bundeslade einherzog, nachdem er die Feinde geschlagen

hatte.«

»Wie hieß noch die, die aus dem Fenster sah, als er vorüberzog?«

Die Antikamera des Kaisers war von einem dunklen Licht erfüllt, das aus den

beiden bunt verblendeten Fenstern über den Tisch Ferdinands nur wenig in

den tiefen Raum vordrang und die riesigen Figuren erhellte, die in den

Wandnischen saßen, Maria mit ihrem Kinde, den glühenden Heiland, der das

Kreuz in den Händen vor sich trug; zwischen den Pfeilerpaaren der

Längsseite üppige Gemälde neben Gemälden auf der Wandfläche, deckenhoch,

von goldflügeligen Engelsköpfen umgeben; zwei mächtige ebenholzschwarze

Engelleiber lagen über dem Türrahmen, blickten blind nach oben. Eggenberg

war nicht die beiden Stufen zu dem Sitz Ferdinands hinaufgestiegen;

beklommen stand er auf dem Fußteppich, sah den Fürsten zu sich

heruntertreten: »Was soll es mit dem Weib?«

»Ich möchte wissen, wer mir zusehen wird bei dem Feste.«

»Die Heiligen im Himmel werden zusehen, die für uns gestritten haben.«

Beide Hände Ferdinands lagen zitternd auf Eggenbergs Schultern: »Oh, ihr!

Wie seid ihr rasch avanciert zu Heiligen; ich bin euch wohl noch Anbetung

schuldig. Und Ihr, Eggenberg, wenn ich Euch doch noch kenne, von Grätz,

wißt Ihr, wo Ihr noch nicht so viel wart, ist Euch nicht bange bei Eurer

Rolle? Sagt von der Leber; es wird das einzige sein, was mich an Euch

erfreut. Hat man Euch dies aufgehalst, und steht Ihr nun hier --, nicht

wahr, es ist jämmerlich, und Ihr merkt es?«

»Allergnädigster Herr«, sagte der alte Mann, seine Unterlippe bebte; er

schwieg.

»Sprecht weiter, Eggenberg.«

»Allergnädigster Herr« -- Eggenberg raffte sich zusammen.

»Weiter, mein alter Freund, Brautführer meiner Schwester nach Spanien.«

Leise der Geheimrat, den Kopf hebend: »Es war eine schöne Zeit, als ich

nach Spanien zum König Philipp ging. Majestät ist jetzt viel allein; wie

gern wollte ich meine alten Glieder ölen und wieder solchen Gang tun im

Dienste Eurer Majestät. Ja, Majestät.«

»Warum ist die Majestät so viel allein, Hans Ullrich?«

»Majestät ziehen sich zurück von uns. Wir werden ein Fest feiern. Es soll

ein Siegesfest sein. Wenn es doch auch zugleich eine Friedensfeier sein

dürfte zwischen dem allergnädigsten Herrn und uns allen, die verlassen

sind.«

Ferdinand stand hinter seinem Schreibsessel, den er mit beiden Armen von

hinten umfaßt hielt; matt hauchte er, ausdruckslosen fremden Gesichts:

»Hört auf, Herr. Redet nicht so weiter zu mir. Macht mich nicht schwach.«

Er hob den Sessel auf, stieß ihn kurz auf den Boden, knirschte mit den

Zähnen: »Über Euer Fest, Herr, werdet Ihr morgen beschieden werden.«

* * * * *

Auf dem Gang zur Kapelle blickte sich fünf Tage vergeblich Ferdinand nach

seinem Beichtvater um. Da standen in zwei Reihen die Hellebardenträger,

breitbeinig, in den erzherzoglichen Pannierfarben Rot und Weiß, Blau und

Gelb; die Hellebarden geätzt, mit langen stählernen Spießklingen, die

emporwuchsen aus dem starken Schaft, der halbmondförmige Beile und Haken

trug; in die Spießklingen eingetragen der kaiserliche Wahlspruch: Legitime

certantibus. Türhüter Pagen eröffneten den feierlichen Kirchgang,

Kammerherren mit hohen Namen folgten blickesenkend, hinter seinem

Obersthofmeister, dem weißen Grafen von Meggau, ging mit lahmen Füßen in

einem scharlachroten Kleid Ferdinand, Diamanten an dem Hute, Diamanten am

langen schmalen Degen. Schwingende Bronzeglocken der Schloßkapelle. Sie

gingen schweigend von Kammer zu Kammer, durch das lichte, sich immer mehr

verengernde Spalier. Aus allen Gängen und Seitengemächern quollen

goldtressige duftende Herren; blonde und greise; italienische Gesichter und

deutsche breite Schultern, Soldatenmienen, Schreiberblässe, schwarze

Jesuiten, fremde Herren in polnischen Mützen, siebenbürgische Gesandte. Die

Zimmer hoben sich mit hohen Decken; weißer üppiger Stuck war darüber

geworfen, in vielen Gemächern lagen die Balken oben grad nebeneinander

dunkel von Beize, in neuen gossen sich Bilder über die Flächen, vielfarbig,

jäh nach Troja entführend, in die Liebesabenteuer Jupiters; dann tauchten

Gewölbe, Kreuzgänge auf, und das Scharren der seidenen Jacken, das

Schleifen der Sohlen, das Klingeln der goldenen und silbernen Behänge,

wurde in Hall und Widerhall von den schweren Mauern begrüßt, murrend

angesprochen.

Über breite Marmortreppen senkten sie sich herunter in eine kurze

Tannenallee; weiß und golden am Ende die Kapelle. Gewaltige Glockenschläge.

Missa solemnis. Die erzbeschlagenen Türen.

* * * * *

Triumphierend schlurrte der Kaiser neben der ihn überschattenden Gestalt

Lamormains durch den blühenden Garten seines Schlosses Schönbrunn. Den

rotbefrackten Narren Jonas hatte er fortgejagt in die Brunnenstube. Pfaue

spazierten auf den kiesbestreuten Wegen. Durch die warme, dicke Luft

schwammen Häherschreie; es sangen unsichtbare Vögel auf den Ästen; mit

langen Melodien sprachen sie sich an, die Melodien endeten fast immer mit

einem rauhen, tonlosen: Ze kirrh, zekrütt rrr--öh, bisweilen brachen sie in

der Mitte ab, standen still, wartend; dann kam nach einer immer bestimmten

Pause die leicht modulierte Antwort; schließlich gab es ein Schwirren in

den Blättern, die Vögel flogen fort; an einer andern Stelle fing es an in

der hin und her wandernden Süße, die Töne beugend und verschlingend, als

wäre ein Drahtarbeiter Netzflechter am Werk, der den Eisenfaden rasch hin

und her zieht, im Nu Körbchen neben Körbchen hinsetzt. Die Koppeln der

französischen Hunde schlugen von Zeit zu Zeit in der Nähe an. Die Bäume

standen in vollem Grün hinter dem mauerumzogenen Schloß; dick gebläht und

breit hockte das Laubwerk auf den mächtigen verwurzelten Stämmen, wiegte

sich oben wie eine geplusterte Henne nach allen Seiten. Unten stand und

ging der kurzatmige Habsburger, wich der grellen Sonne aus, gestikulierte

mit dem goldknopfigen Rohrstöckchen.

»Sie haben mir die Verantwortung abgenommen. Sie haben, was jetzt kommt,

Kriege mit der ganzen Welt, Niederlagen, Verlust des Vermögens, Vertreibung

von Krone und Land, selbst und allein zu verantworten.«

»Allergnädigster Herr, was hätte man tun sollen?«

»Sie hätten mich beseitigen müssen. Was anders wäre ihre Pflicht gewesen.

Sie hätten mich beseitigen müssen. Sie haben es nicht getan. Die Schuld

haben sie auf sich geladen.« Er sprach mit Haß und Inbrunst: »Mögen die

Dänen, die Franzosen, Engländer, Schweden das Reich, die Erbkönigreiche von

Grund aus verwüsten. Herzhaft, herzhaft. Das Reich auflösen und hinlegen.

Mag es auf sie fallen, die geduldet haben, daß Maximilian den Pfälzer von

der Scholle vertrieb, daß er jetzt die Kur an sich nimmt. Sie lassen es zu,

sie billigen es, sie fallen ihm nicht in die Zügel. Mag das Unglück ihr

Begleiter sein! Mögen die Länder zerfallen, die Grenzen überschwemmt und

zerfressen werden, die Städte leer, gebrandschatzt, die Klöster verbrannt,

Bauern in Aufruhr -- nichts als die Haut über den Knochen, Seuchen im Blut.

Das soll ihr Lohn sein, daß sie Maximilian haben gewähren lassen und mich

nicht beseitigt haben.«

Lamormain besah sein schäumendes Beichtkind mit Kälte: »Hört Ihr die

Vöglein? Sprechen sie miteinander? Und wenn das armselige Getier seine

Zunge und Kehle gebraucht, warum habt Ihr es, allergnädigster Herr, nicht

getan? Ihr hättet hingehen sollen zu ihm.«

Ferdinand hörte nicht zu: »Sie, haha, sie alle, die Säulen meines Hauses,

meine Brüder, meine Kinder, meine Generäle, meine Räte, sie haben nicht

gesehen, wohin es ging, haben mich wüsten lassen wie einen Alb in der

Nacht. Und als sie es gesehen hatten -- haben sie mich nicht beseitigt!

Nicht! Nicht! Den Kurhut lassen sie ihn sich aussetzen! Paßt auf,

Lamormain, paßt auf. Habt Ihr Spaß daran!«

»Ihr hättet hingehen sollen zu ihm.«

»Zu ihm? Zu wem?«

»Zu Maximilian in Bayern.«

»Was hätte ich bei Max sollen?«

»Ihr hättet zu ihm hingehen sollen bis in seine Residenz. Und nicht warten.

Und wenn sein Barbier morgens bei ihm stünde, hättet Ihr zu ihm eindringen

müssen.«

»Und was hätte ich drin zu tun gehabt?«

»Ich frag' Euch.«

»Ich?«

»Ihr wißt es. Nicht den Blick herunter, allergnädigster Herr. Bin ich Euer

Beichtiger? Seht in meine Augen.«

»Ich hätt' es nicht gekonnt. Ihn niederwerfen! Ich hätt' es nicht getan.«

»Und dennoch wie Ihr sagtet: >Das Unglück soll ihr Begleiter sein, die

Klöster verbrannt, über den Knochen nichts als die Haut.<«

»Pater, ich bin ein Mensch. Was wollt Ihr von mir?«

»Gebt mir Antwort: Warum gingt Ihr nicht zu ihm? Später, nachdem Euch die

Niederlage vor ihm gereut hat?«

»Ihr wollt mir meine Ruhe nehmen.«

»Ich will Euch die Bürde abnehmen, allergnädigster Herr, da Ihr mein

Beichtkind seid. Sprecht. Ist Euch nicht wohl?«

Ferdinand, ganz in weißer Seide, hatte seinen Hut abgerissen, in raschem

Tempo ging er dem hinkenden Pater voraus, der schwer schnaufte und sich den

Halskragen hinter ihm öffnete. Rechts seitlich traten die Bäume

auseinander, im Hintergrund eines schattigen Platzes wurde ein niedriges

kreuztragendes Bauwerk sichtbar, von Galerien umgeben, das Tor hoch und

bildergeschmückt: eine Kapelle der heiligen Magdalene. Ferdinand, bläulich

weißen Gesichts, stob in die Mitte des Platzes, aber der Pater folgte; er

stützte sich auf seinen Krückstock, hielt den fliehenden Mann im Auge,

folgte.

»Kommt Ihr mit, Pater?« schrie der Weißseidene nach rückwärts. Vor ihm

sprang das Tor auf. Da war Kühle und ein weiter stiller Raum. Von

traulichen warmen Farben die Luft durchblüht, die runden Fenster prangten

mit holden Bildern; seitlich und hinter dem Altar spielten Lichtstrahlen um

die Bildsäulen, die Sockel mit heiligen knienden betenden erbarmenden

Frauen, tönten sie blau violett purpurrot. Magdalene, die Büßerin, über den

grünen Rasen geschmolzen, in ihrer Mitte, die goldene Aureole über dem

Haar. Das Tor knarrte hinter ihnen; Ferdinand stand gehetzt, heftig

schnaufend, mit dem Rücken gegen die Tür an einem der Pfeiler, die zu viert

an jeder Seite durch den Raum liefen.

Der Stock des Priesters stieß auf den gestampften Mörtelboden: »Ich war

nicht so rasch auf den Füßen, wie Ihr, allergnädigster Herr.«

»Mir ist gewiß wohl.«

»Ich konnte die letzten Tage nicht zu Euch kommen, ich wollte, daß die

Besinnung in Euch erwache. Ich bin Priester, Majestät, mit einem großen Amt

gegen Euch vertraut. Ich laß Euch nicht aus, was Ihr auch unternehmt. Ihr

wißt, daß Himmel und Erde versperrt sind, und daß es keine Rettung und

Flucht gibt, es sei denn in die Hölle.«

»Dies alles versteh' ich nicht, lieber Pater Lamormain, mein lieber

Freund.«

»Ja, das bin ich. Es ist gut, daß Ihr es fühlt. Ich muß mehr Mut haben, als

Ihr gegen Euern Schwager Max in Bayern. Ich muß, wie Ihr Euch auch spannt,

mich einzig vor Gott verdient machen um Euch.«

»Mein Heiland, wer seid Ihr? Was wollt Ihr?«

»Ich bin der gottesfürchtigen Gesellschaft Jesu Pater; Euer Führer an den

Thron Gottes.«

»Ihr seid nicht der Satan. Mich schauerts.«

»Weicht mir nicht aus. Wißt Ihr, was Ihr seid? Allergnädigster Herr: Ihr

seid feige, sündhaft, hochmütig, grausam.«

Der Priester flüsterte eindringlich, seine bäurischen Züge waren

unverändert ruhig, er hielt den Blick gegen den Boden; seine Faust ruhte

schwer auf dem Stock. Der andere wölbte an der Säule müde und ergeben den

Rücken, er ließ die Arme abwärts fallen: »Ihr seid nicht der Satan. So will

ich hingehen zu Maximilian; ich bin der Kaiser, er hat mir nichts

abzuzwingen mit Gewalt und Drohung, ich will es ihm sagen, ich will gerecht

sein gegen den Pfälzer wie es einem Kaiser gebührt; jetzt soll es

geschehen.«

»Ihr werdet nicht hingehen.«

Der Kaiser drehte den schweißtropfenden Kopf gegen den Priester; von den

Schläfen lief der Schweiß über die Ohren, rann auf die Schultern, wo die

Seide dunkel wurde; die blanke Nase schien gedunsen, die Augen waren schwer

beweglich, stumpf, als wenn sie nicht rollen könnten auf ihrer Rundung, der

weiche Schlemmermund stand offen; hilflos, ohne Ton kam es hervor: »Was

soll ich tun?«

»Kommt. Ein paar Schritt, kommt.«

Lamormain hinkte zurück gegen die Tür. In einer Nische stand ein hölzerner

Aufbau, mit schwerem schwarzen Tuch behängt, ein Beichtstuhl. Der Priester

öffnete; als der andere vor der Tür zögerte, zog er ihn an der Hand herein;

der Vorhang bedeckte sie. Lamormain hauchte: »Allergnädigster Herr,

beichtet.«

Als aber der Kaiser hinkniete in der völlig verfinsterten Enge, flüsterte

Lamormain über ihm: »Bleibt knien. Bleibt. Macht Euch fertig. Nun will ich

Euch töten. Steht nicht auf. Es muß sein. Ihr habt es selbst gesagt und

empfunden: man muß Euch beseitigen.«

Der Kaiser suchte sich stöhnend und klagend zu erheben. Lamormain rührte

ihn nicht an, auf seine Worte sank der andre immer wieder hin: »Euer

ältester Sohn wird wissen, warum Ihr gestorben seid. Ihr seid reif. Ihr

seid ohnmächtig, von Haß geschwollen. Ihr wißt es selbst. Ihr wißt keinen

Ausweg und ich weiß keinen. Wollet mit mir beten, damit Ihr nicht verloren

seid.«

Der andre stammelte durcheinander entsetzt: »Ja. Ich muß beten. Ich bin

bereit. Wer seid Ihr? Lamormain, wer seid Ihr? Hilfe.«

»Es ist Hilfe. Fangt an zu beten.«

»Hilfe. Wie soll ich beten?«

»So öffnet Eure Brust. Macht Euern Hals frei.«

Er tastete nach dem Kragen des Kaisers.

»Laßt; befleckt Euch nicht an mir. Ich tu es selbst.«

Er winselte: »Es ist das Beste; ich weiß es, ich muß Euch dankbar sein.

Mein Heiland.«

Er hatte sich die Jacke aufgerissen. Die Brust halb offen umklammerte er

die Knie des Paters: »Wer seid Ihr?«

Lamormain streifte ihn von sich ab, er richtete sich gleichgültig auf:

»Laßt sein, allergnädigster Herr. Steht auf. Ja, gewiß, steht auf.«

Verzweifelt drückte der Kaiser seine Hand an den Mund: »Was ist, Lamormain?

Was habt Ihr mit mir vor?«

»Sollte es sein, daß Ihr noch den Wunsch habt, zu leben?«

»Weh mir.«

* * * * *

Durch die nördlichen Tore Wiens rollten die Wagen mit den Gefangenen, in

kleinen Trupps liefen sie gebunden hinter Reitern. Dann Lafetten Kartaunen

Feldstücke von vielen hundert Gäulen geschleppt. Abordnungen trafen ein von

den Regimentern, die sich bei Höchst Wimpfen Lorbeeren erworben hatten.

Die Logis der großen Stadt waren gestopft mit Offizieren Söldnern Beamten

Gesindel Troßbuben Dirnen. Vier Tage dauerte die Siegesfeier, deren

dröhnende Reden Europa erschreckten. Neben dem regierenden Habsburger saß

auf der Schrannenstiege unter dem roten Baldachin sein hitziger Bruder,

Leopold, der aus Innsbruck hergereist war und Wien nicht mehr verließ,

Leopold, der von einer abenteuerlichen kriegerischen Korona umgeben war und

mit seinen gewagten politischen Kombinationen alle Höfe und Gesandten

mißtrauisch machte. Dem prangenden Vorbeizug der Gefangenen Kanonen Wagen

Fahnen und Standarten wohnten auf dem Hohen Markte in ihrer Karosse auch

die beiden dänischen Geschäftsträger bei, die Herren Heinrich Rantzau auf

Schmoll und Julius Adolf von Witersheim, die einen drohenden Ton

angeschlagen hatten; sie empfingen auf den Ämtern freundliche Worte. Was

sie auf dem Hohen Markt sahen, war andres Register; sie hatten es eilig,

abzureisen.

Es war inzwischen bekanntgeworden, daß sich wichtige Ereignisse am

Kaiserhof vorbereiteten, bei denen sie nicht stören wollten. Bestimmter

verlautete, der Römische Kaiser wollte freien. Bediente der Häuser

Eggenberg und Trautmannsdorf berichteten von auffälligen

Reisevorbereitungen ihrer Herren, von Kurieren, die zwischen Wien und einer

oberitalienischen Stadt liefen.

In der halbfertigen Kaisergruft des Kapuzinerklosters, für deren Kapelle

die Gemahlin des toten Kaisers Matthias ihr Silbergeschirr und ihre Gemälde

hingegeben hatte, in dem langen düsteren Gewölbe hinter dem Neuen Markt

diktierte noch während der Siegesfeierlichkeiten Ferdinand sein Testament.

Der feine Abt von Kremsmünster war für die Mittagsstunde in die

Gruftkapelle bestellt mit seinem Geheimschreiber. Unmittelbar vom

Quintanrennen in klirrender schwarzer Turniertracht, die Sturmhaube in der

Hand, stieg Ferdinand mit seinem Gespenst, dem Grafen Paar, den er an sich

gelockt hatte, über Balken und Steine zu dem Abt her. Die Baugrube war

nicht geschlossen; von oben seitlich fiel ein scharfes Bündel Licht

herunter; über das Tischchen gebeugt, ohne sich zu setzen, diktierte

Ferdinand: »Wenn es der göttlichen Majestät gefällig sein wird, uns aus

diesem irdischen Jammertal durch den zeitlichen Tod abzufordern, so

befehlen wir unsre edle Seele im alten katholischen Glauben, in starker

Hoffnung auf unsern einigen Seligmacher Jesu und sein heilig unschuldiges

Leiden und Sterben. Und wir rufen in ganz inbrünstigen Bitten ihn an, er

wolle durch das unaussprechliche Werk seiner gnadenreichen Erlösung uns

unsre Sünden, unsre Übertretungen gnädiglich verzeihen; auch durch Fürbitte

seiner allerheiligsten, glorwürdigsten Mutter, der allerreinsten Jungfrau

Maria, des heiligen Evangelisten Johannes, des heiligen Augustin, Antonius

von Padua, der heiligen Maria Magdalena, Cäcilie, Katharina und des seligen

Ignaz, des Stifters der Jesugesellschaft. Er wolle unsre arme Seele mit

seinen göttlichen Gnaden in die himmlische Freude aufnehmen.« Er traf die

Bestimmung, daß seine Eingeweide am Sterbeort bestattet würden, sein

Leichnam in der von ihm erbauten Kapelle der heiligen Jungfrau und Martyrin

Katharina zu Grätz, das Herz zu den Klarisserinnen.

Nicht lange darauf, noch vor Beginn des Winters, erlebte die Hauptstadt die

größten Festlichkeiten seit Menschengedenken in ihren Mauern: die

Vermählung des kaiserlichen Witwers mit der jungen wunderschönen Prinzessin

Eleonore von Mantua. Entschlossen hatten Räte und Lamormain darauf

gedrungen; der Kaiser, erst außer sich, dann in der Furcht, ganz verdrängt

zu werden, widerstrebte nicht. Mit vieler Sanftheit und Ehrerbietung,

schmerzvoll und demütig bat der alte Eggenberg, seines Fürsten Freiwerber

zu sein. Auf einer Pilgerfahrt nach Loretto, angesichts der wunderbergenden

morschen Hütte, die Engel von Bethlehem nach Oberitalien getragen hatten

aus dem Türkenlande in die beglückte Christenlandschaft, begegnete

Eggenberg zuerst der eleganten und zarten Eleonore, brachte ihrem Vater und

ihr die Wünsche des Imperators des Heiligen Römischen Reiches vor. Der

Herzog von Mantua sprach seiner Tochter kaum zu; da sie wußte, daß er es

wollte, verneigte sie sich tief, legte ergeben ihre Hände in die offene

Hand des feinen alten Höflings, der so liebevoll von seinem mächtigen, in

der nordischen Barbarei hausenden Herrn redete; ihm verlobte sie sich in

Vertretung an; der Bischof von Mantua, der sie getauft hatte, sprach den

Segen beim Ringwechsel. An diesem Tage hatte in Wien der Kaiser die

Erhebung seines Freiwerbers zum Herzog von Krummau verfügt. In der

Hofkirche zu Innsbruck begegneten sie sich, von Priestern einander

zugeführt; sie sahen sich vor dem Altar zum erstenmal. Die Prinzessin

blickte weg, erschüttert von dem gramzerrissenen, halb hilfeflehenden, halb

stumpfen Gesicht, das über den ungeheuren Prunkmänteln, über den

millionenwerten Halsketten Agraffen Spitzen Bordüren und Ringen sich

bewegte; das verquollene ältliche graubärtige Wesen, versteckt in der

Schale, mißtrauisch und leidend. Sie wußte nicht, wie sie erschrak und zu

der goldenen klingelnden Monstranz blickte, -- den Baum des Lebens

darstellend, der sich hoch mit Blattwerk wand, in dessen Laub wunderbar

verborgen Maria saß und singenden Engeln zuhörte, -- daß auch der andere

sie fürchtete und sich in leisem Haß zusammenzog. Reich war sie gekleidet,

ein hochrotes Kostüm trug sie, die Perlenkrone auf dem braunen spröden Haar

hatte nicht mehr Farbe als ihr kleines sicher geschnittenes Gesicht mit den

dunklen dicken Augenbrauen und dem unentwickelten Mund, der plötzlich

trocken wurde. Ihr Oberkleid und Unterkleid trug goldene Ornamente; in den

linken Unterärmel war das Wappen von Österreich eingewebt, die Schleife an

ihrer Hüfte zeigte den Namenszug Ferdinands. Auf aller Pracht saß ihr

eigener, alter, weißer Spitzenkragen und sprach schmachtend dem kalten Hals

und dem übermütigen Kinn zu. Ein langer Zug alter Männer, Bürger, Edle und

Geistliche trat am Nachmittag vor die Angetrauten in den vom Erzherzog

Leopold verschwenderisch geschmückten Rittersaal des Schlosses; sie

brachten achtzigtausend Gulden als Geschenk der Landschaft. Salzburg und

das heimatliche Grätz wurde berührt. Als man sich Wien näherte, war das

Gefolge so groß, daß die Bürgerschaft der Stadt einen Teil ihrer Quartiere

räumen und Baracken beziehen mußte. Vier Kompagnien schwerer Reiter zogen

dem Kaiserpaar entgegen. Noch war das Stubentor zu bewältigen, wo Herr

Daniel Moser, der Bürgermeister der Stadt, wartete auf einem Schimmel mit

den Schlüsseln Wiens, hinter ihm der Stadtrichter Paul Wiedemann, sein

Beisitzer; mit silbernen Stäben auf ihren Pferden die Stadträte, die

Scharen der Stadtschreiber Stadtkämmerer Unterkämmerer Spittelmeister

Brückenmeister Mauthener Kirchenmeister Steuermeister Viertelmeister,

verstaubt und hochglühend von dem heißen Sturm. Unter dem Baldachin, den

sechs Stadträte trugen, bei wogendem Glockenjubel schob man sich, von

Scharen windlichttragender Knaben geführt, an das Sankt Stefanstor, wo

Botschafter und Universität sprachen; Tedeum im Dom, Segensspruch Verospis,

des Nuntius.

Und in den Gängen, durch die Säle und Höfe der stolzen Burg bewegte sich

bald neben einem verschwiegenen verschlafenen Kaiser eine verwirrte

fremdblickende Kaiserin.

Auf das prächtigste wirtschaftete Erzherzog Leopold; mit Theater Maskeraden

Banketten Karussells vergnügte er den Hof; Kaiser und Kaiserin waren

dankbar. Eggenberg und Lamormain beglückwünschten ihn zu seinen Erfolgen;

frisch, wie er war, ließ er sich von ihnen in Reiten, Schmausen, Jagen, in

die schwebenden Angelegenheiten einweihen.

Der Kaiser wurde nach einigen Wochen von einer unvermuteten Neugier nach

seiner Gemahlin, der jungen fremdartigen Fürstin, die fromm und reserviert

unter ihren Damen ging, ergriffen. Als die Obersthofmeisterin der Kaiserin,

Gräfin Portia, Leopold davon berichtete, drängte er den Kaiser zu einem

Aufenthalt in Schönbrunn. In Schönbrunn schlug die Neugier des Kaisers in

heftiges besinnungsloses Entzücken um, das Eleonore mit Verwunderung und

Unruhe entgegennahm. Unter Lamormains Mitwirkung wurde ihr ein Beichtvater

bestimmt.

* * * * *

Von dem schwerkranken Papst Gregor dem Fünfzehnten empfing Verospi, der

Nuntius, ein nachdenklicher wissenschaftlicher Mann, ein Breve, worin der

römische Kaiser ermahnt wurde, mit der Übertragung der siebenten Kurwürde

an den Herzog in Bayern nunmehr nicht länger zu zögern. Er hatte nicht viel

Glück bei den Räten, machte sie nervös mit seinen Erörterungen, seinem

langweiligen wortlosen Herumstehen; Verospi vergaß bei Gesprächspausen

gern, wo er war, erinnerte sich theologischer Probleme; aus seinem

Nachsinnen aufgestört fing er von vorn an.

Hyacinth von Casale, ein Kapuziner, erschien nach ihm; er setzte nur durch,

daß der Abt Anton ihm Empfehlungen nach Madrid mitgab; der Kaiser könnte

nicht, sagte Anton, ohne Zustimmung Spaniens handeln. So wanderte der

Kapuziner nach Madrid, während Ognate, der elastische leidenschaftliche

Gesandte Philipps in Wien, erregt auf allen Ämtern gegen die päpstlichen

und bayrischen Absichten kämpfte, schreiend: dahinter stecke die Absicht,

das Haus Habsburg zu schwächen, wenn man den listigen, kriegerischen Führer

der Liga in das Kurfürstenkolleg einführe. Hätte man vergessen, wie sich

Maximilian früher gesträubt habe, einem Habsburger Einfluß auf die Liga zu

geben, ja nur gleichberechtigt ins Direktorium aufzunehmen, aus keinem

anderen Grunde, als weil die Liga das Kampfinstrument Maximilians gegen den

Kaiser sei. Hätte man das vergessen? Der Wittelsbacher sei schlau,

verschlagen, kühn, und ehrgeizig; da er nicht hätte Kaiser sein können,

suche er der Kaisermacht Abtrag zu tun, risse die deutschen Fürsten an sich

unter dem Vorwand des gemeinsamen Schutzes gegen äußere Feinde, wüßte nur

einen Feind, in Wien. Eins, zwei, drei, so ist es klar. Und jetzt werde er

versuchen, die Kurfürsten an sich zu ziehen! Ognate war ein hitziger

ehrlicher Anhänger seines Königs, verstand nichts als Spanien; die Räte

lächelten und ehrten ihn.

Denn der Abt Anton wie Trautmannsdorf hatten mit ihrem Zögern nur vor, den

bayrischen Herzog zu erproben; sie wollten sehen, wie weit er gehen würde,

ihm in jedem Fall nachgeben. Sie wollten ihn die Größe des Geschenks fühlen

lassen.

Als eines Tages hintereinander der trottelige Verospi und der biedere

massive bayrische Rat Leuker beim Abt Anton vorgesprochen hatten --, der

kleine Trautmannsdorf saß stumm, als ginge es ihn nichts an, auf breitem

teppichgetragenen Sessel neben ihm in der dunklen Bibliothek, blies sich

über den Handrücken --, seufzte Anton tief auf. Trautmannsdorf nahm von

nichts Notiz. Der Abt hob sein Käppchen ab, wischte sich die Tonsur, bat:

»Herr Trautmannsdorf.«

Der sah auf.

»Denkt Euch, es ist noch ein Schreiben von der spanischen Majestät

eingelaufen.«

»Ja, Ehrwürden.«

»Mein Freund, der Kapuziner Hyacinth von Casale, dieser gelehrte, sehr

gelehrte würdige Mann, hat mir auf fünf Folioseiten seinen Standpunkt in

dieser Sache entwickelt.«

»Ich verstehe, Ehrwürden.«

»Ich glaub nicht, Herr Trautmannsdorf. Dann hat erneut ein gewisser

Pfalzgraf von Neuburg -- Ihr erinnert Euch der Skandalaffaire -- seinen

Kammerdiener mit Gründen, schriftlich niedergelegten, mündlich zu

diskutierenden Gründen in mein Haus geschickt. Wie es dann noch mit Herrn

Ognate, diesem trefflichen Mann des spanischen Königs, in dieser Sache

enden wird, läßt sich nicht absehen; ich habe Vorkehrungen getroffen, daß

er mich nicht allein spricht und daß mich rechtzeitig zwei oder drei

Musketiere schützen können gegen ihn.«

»Ich verstehe, Ehrwürden. Ist nicht bequem, die pfälzische Angelegenheit zu

bearbeiten.«

Abt Anton seufzte: »Wißt, Herr, ich gebe nach. Gewiß. Ich gebe nach. Einmal

muß es geschehen. Wozu das Sträuben!«

Da lachte Trautmannsdorf heftig: »Tut es, Ehrwürden. Es fiel mir schon

vorhin ein. Der Kammerdiener des Pfalzgrafen von Neuburg soll nicht

unverrichteter Dinge heimkehren; sagt zu.«

»Von ihm ist nicht die Rede. Er hat Gründe, ich kann sie Euch im Moment

nicht entwickeln; es sind jedenfalls so viele, daß sie ein besonderes Fach

in meinem Schranke füllen.«

»Nun?« lachte spitzbübisch der kleine Herr, als er sah, daß der Abt

behaglicher wurde.

»Wahrhaft, ein volles großes Fach; Ihr könnt es besehen, bevor Ihr geht;

ich zeig es jedem unserer Freunde, die mich besuchen und in diesen

Angelegenheiten befaßt sind. Staunen alle; sind alle erschlagen von der

Fülle dieser Argumente.«

»So gebt ihm Recht und Ihr habt Ruhe. Laßt das Gericht beschließen.«

»Was seid Ihr für ein loser Vogel, mein Trautmannsdorf.«

»So habt Ihr die Sache vom Hals.«

»Wo bleiben wir, wenn wir jedem wie ein Salomo Recht geben wollten. Sie

disputierten mir den Stuhl unter den Beinen weg, auf dem ich sitze; von

Gründen würde mir die Kappe weggeblasen werden. Recht, Recht ist nur eine

Begleiterscheinung.«

Trautmannsdorf rieb sich vergnügt die Hände: »Wenn es so ist, so würde ich

in der Lage von Ehrwürden gar nicht, aber gar nicht nach Gründen fragen und

mein Gehirn strapazieren lassen, meine Schränke vollstopfen lassen. Tut,

was Euch beliebt, bleibt auf Eurem Stuhl, nehmt für die Kur den Bayern, den

Pfalzgrafen --, nehmt meinetwegen mich.«

»Nicht doch«, quietschte Anton, »ich würde Euch gewiß gern nehmen, Ihr

verdientet den Kurhut, Trautmannsdorf, Euch würde ich ihn am liebsten

geben. Aber seht, es muß alles ein gewisses Ansehen haben, daher kann ich

von Gründen nicht ablassen, so gern ich es wollte. Das Wichtigste bleibt

immerhin: das Recht muß erkämpft werden. Wird es das nicht --«

»So ist es kein Recht.«

Der Abt lachte heftig, fing wieder an, aus einem Blumenkorb, der auf einer

riesigen Truhe stand, Rose nach Rose zu entblättern, an den Blättern zu

saugen, sie zu zerkauen und auszuspucken: »Nein, keineswegs, durchaus

nicht. Wir wollen niemandem Gewalt antun. Es bleibt Recht. Nur: es geht uns

nichts an. Sagt selbst Trautmannsdorf, wen geht denn jedes Recht in der

Welt an. Und wenn ich denke, wieviel Unrecht in der Welt geschieht. Die

Unsumme Böses: ja, es ist so viel Böses von Haus aus in der Welt, daß der

Heiland erscheinen mußte, um alles auf sich zu nehmen. Es ist die größte

Tat, wir wissen es, die in der Welt geschehen ist. Was soll da ein

kaiserliches Hofgericht, und selbst wenn es auf der Doktoren- und

Adligenbank Männer hat wie Euch? Von mir zu schweigen.«

Der Abt saß auf seiner Truhe, hielt den Korb auf dem Schoß und schaukelte

sich wie ein kleines Mädchen. Trautmannsdorf beobachtete ihn von unten,

blies sich über den Handrücken: »Im Grunde ist es das Richtigste, man

schickt die Leute, die Recht suchen, die glauben, daß ihnen ihr Recht nicht

geschieht, beten.«

»Freilich.«

»Dazu ist der Heiland erschienen.«

Sie lachten eine Weile zusammen, während der Abt kauend mit dem Finger zu

seinem Gast herüberdrohte, der aber nicht aufsah.

»Und was bleibt für das Hofgericht, Ehrwürden?«

»Zählt es Euch selbst ab.«

»Demnach nur die, die nicht --«

»Freilich, freilich, die Bayern.«

»Ich meine die Gottlosen, Ehrwürden.«

»Aber Trautmannsdorf,« er war heruntergerutscht und umschlang die Schultern

des Kleinen von rückwärts, »was führt Ihr für lästerliche Redensarten. Eure

Gedanken sind jetzt nicht klar, Ihr entbehrt gänzlich der Logik. Man wird

doch nicht Gegensätze machen, wo man gruppieren kann. Maximilian ist fromm,

-- aber schwerhörig. Ihr habt die Schwerhörigkeit nicht in Eure Rechnung

eingestellt. Steht ein Stier da und hat zwei Hörner, senkt den Kopf und

will mich spießen, so hilft mir keine Umrede, keine Ermahnung, Verwarnung

Belehrung; der Stier hört nicht; ich bin nicht heilig genug, wie Franziskus

von Assisi, um mich mit dem Tier zu verständigen. Ich werde also dem Stier

recht geben; ich werde ihm aus dem Wege gehen. Und dem Bayernherzog werden

wir die Tür zum Kurfürstenkolleg öffnen.«

»Tut es, tut es, bald.«

»Wir müssen, Trautmannsdorf, wir müssen. Ich kann mich mit dem gehörnten

Stier nicht unterhalten. Er hört nicht.«

* * * * *

In feierlichster Weise, in Gegenwart der gesamten Doktoren- und Edlenbank

des Hofgerichts, des Reichshofrats, der Hofkammer, eröffnete, beauftragt

von der kaiserlichen Majestät, im langgestreckten Sitzungssaal der Abt

Anton von Kremsmünster dem vorgeladenen Vertreter des bayrischen Herzogs,

dem still stehenden Koloß Jesaias Leuker, er der graziöse gütige Mann, der

während er las nach rechts und links die an der Wand sitzenden Herren mit

sonderbaren abwesenden Blicken grüßte, mit der linken Hand an den violetten

Gürtelfranzen spielend, daß sich die Hofkammer allein und an sich nicht

kompetent erachte, auch die kaiserliche Person allein und an sich nicht

vermöge, den geringsten Bescheid, ja auch nur Auskunft in Sachen der dem

Pfälzer aberkannten Kur zu erteilen. Vielmehr bleibe alles dies in der

Schwebe nach den beschworenen Grundsätzen des heiligen Römischen Reiches,

und nur die harmonische Zusammenwirkung von kaiserlicher Person mit dem

gebietenden ehrsamen Kurkollegium sei befugt und erachte sich

bevollmächtigt ernannt und berufen, die Frage des pfälzischen

Vermächtnisses, schwerwiegender Gewalt, von sich aus zu beantworten und

gültig zu lösen. Es sei daher zu beschreiten als einzig vorgesehener und

allseitig innezuhaltender Weg und Straße die Einberufung einer Deputation

auf einen festzusetzenden Tag, zu welchem Ladung erfolgen werde durch des

Reiches Erzkanzler, des Kurfürsten Erzbischofs Durchlaucht von Köln,

Ferdinand, an beschließende hohe Instanzen und an alle sonst, die es

angeht.

Nach welcher festlichen Bekundung und formellem Akt sich der das Präsidium

führende Abt nebst Sekretär und Protokollant entfernte, die übrigen Herren

sich in stürmischem Erstaunen untereinander mischten. Vornehmlich der

völlig vor den Kopf gestoßene Bayer vermochte sich nicht zu beruhigen. Denn

diese seriöse Entladung des hohen Hofkammergerichts erfolgte auf ein

Angehen, das gar nicht bestand. Gar nicht war ja offiziell Herr Abt Anton,

dieser liebenswürdige Pfiffikus, um Entscheidung oder nur Auskunft in

Sachen Kurpfalz gebeten worden; nach allen Seiten hin beteuerte Leuker,

bald seinen Gnadenpfennig malträtierend, bald seinen Degen, der gegen sein

krankes Bein schlug, wegschleudernd, daß er gänzlich ahnungslos sei, daß

vielleicht eine unmaßgebliche, vielleicht mißgünstige Person über seinen

Kopf weg vorgegangen sei und diese Peinlichkeit heraufbeschworen habe.

»Peinlichkeit, Peinlichkeit« rief er jedem zu, der in seinen Gesprächskreis

trat; man möge nicht schlecht und in falscher Richtung argumentieren, »ja

was ist das, was ist das?« und zeigte sich so konsterniert, wie er wirklich

war. Er wußte auch nicht, wohin mit sich in diesem Augenblick; einen Moment

raste er im Raum herum, redete den an, beschwor jenen, es werde doch nichts

Eigenmächtiges von Bayern in dieser Sache geplant, es liege alles in der

Wage der Gerechtigkeit, des ehrsamen Kurkollegiums und so weiter; im

nächsten Moment drängte er nach der Tür, um Hals über Kopf Kuriere nach

München zu schicken von dieser nicht auszudenkenden Bloßstellung, oder über

den kleinen Abt herzufallen, ihn büßen zu lassen für diesen Affront; denn

was bedeutete das nur! Triumphierend standen zwei Doktoren mit einmal ihm

gegenüber, im Talar, mit großen Brillen, Herren, deren bezahlte

Freundschaft mit dem Kanzler des Pfalzgrafen Philipp von Pfalz-Neuburg

bekannt und berüchtigt war; sie erklärten ihm, es sei gar kein Grund

vorhanden für ihn, sich beschuldigt zu fühlen, sich reinigen zu müssen; sie

seien mehrfach sehr entschieden für das legitime Recht, beruhend auf

Verwandtschaft, gegen Macht, beruhend auf Siegen, in Sache der Kurvergebung

eingetreten. Was sei nur geschehen? Maximilian habe mit siegen helfen über

den Pfälzer und seinen Anhang, dadurch schaffe er sich keinen Beweistitel

für seine Ansprüche auf die Kur --, da nämlich nähergeboren der alte

Pfalzneuburger sei. Würde man nur nach Siegen und ähnlichem äußeren

Geschehen urteilen und entscheiden, barbarischen Bräuchen, so würde die

ganze Staatenordnung Europas und besonders des Heiligen Reiches ins Wanken

kommen. Sie sprachen ganz, als sei die Sache schon für sie entschieden.

Leuker in heller Wut lächelte, bat um Entschuldigung, man möchte nichts

mißverstehen, drehte sich ein paarmal wie ein Verbrecher im Kreise, saß in

seinem Wagen.

Drin brauste die Unterhaltung. Einige faßten die Entscheidung angesichts

des bekannten Ansturms Bayerns auf den Kaiser als eine entschlossene Absage

auf; Harrach, grüngelb von einem noch nicht abgeklungenen

Gallensteinanfall, an zwei Stöcken vorsichtig sich schiebend, ließ vor

Vergnügen seine Augen blitzen. Questenberg zog den weisen, gelinden Fürsten

Eggenberg »Hans Ullrich, du geliebter,« an sich pfeifend: »Der neue Kurs«

und »Habsburg zur Attacke!« Man sang das Loblied Leopolds. Eggenberg ließ

sich rechts und links Glück wünschen. Seinen dicken Freund Questenberg zog

er aber kopfschüttelnd auf eine ganz leere Polsterbank; zeigte auf die

erregt diskutierenden Gruppen, sah auf seine Füße; er blieb dabei, der

Vorfall sei ihm unverständlich; es sei ein Hieb, der für den Abt Anton doch

zu stark sei.

Völlig starr saß Anton eine halbe Stunde später vor seinem Gast, dem

dröhnenden drohenden verzweifelten Doktor Jesaias Leuker, der ihn nicht zu

Worte kommen ließ, fast tätlich auf ihn eindrang. Kremsmünster wurde etwas

erleichtert durch das Eintreten Trautmannsdorfs, der ironisch höflich den

Bayern nach dessen zerstreuter Verneigung bat, sich nicht stören zu lassen,

sich selbst auf dem gewohnten Hocker niederließ und sich über den

Handrücken blies. Als der bayrische, französisch gespickte Schwall zu ebben

anfing, begann Anton mit Interjektionen vorzugehen, um das Versiegen zu

beschleunigen. Und so mit »Nein«, »Nicht doch«, »mein gestrenger viellieber

Herr« »so bitte ich« gelang es ihm, sukzessive Raum für ganze Sätze zu

gewinnen, schließlich sich vor dem matten, hilflos keuchenden Bayern zu

bewegen, selbst freilich schon mehr erregt, als er vorhatte. Also er

staune, gestand er, er könne sich keines anderen Ausdrucks bedienen, er sei

völlig seines Begriffsvermögens beraubt. Er trage eine Rede, eine

Entscheidung vor, die so aus dem Wesen der Sache stamme, wie überhaupt ein

Urteil aus dem Körper eines Gerichts. Und nachdem dies geschehen, spontan

ungereizt unhofiert und ungescholten, schmähe man ihn. Ja, sei er Präsident

der kaiserlichen Hofkammer oder sei er es nicht? Sei er Richter oder nicht?

»Lächerlich,« brüllte Leuker wieder, »lästerlich und absurd. Was hat den

Herrn veranlaßt, mich zu chokieren, wo ihm nichts von mir widerfahren ist?«

»Weiß Gott, nichts, Herr Geheimrat. Ich bezeug's Euch gern. Ich bin jedoch

nicht in bayrischer Dependence -- noch einmal gesagt -- um eines Zeichens

zum Redebeginn von Euch zu bedürfen. Sprecht Ihr, Herr Trautmannsdorf, hab'

ich mir Unziemliches erlaubt, die Grenzen meiner Kompetenz überschritten.

Ihr mögt es hören, Herr Leuker.«

Trautmannsdorf brauchte lange, bis er seine vollen Backen ausgeblasen

hatte, dann lächelte er diskret: »Ich weiß nicht.«

»Seht!« trotzte Leuker.

»Nämlich ich weiß nicht, ob Ehrwürden entsprechend mit der kaiserlichen

Majestät oder mit seinem hohen Bruder beraten haben.«

»Erzherzog Leopolds Hoheit hat auf kaiserliches Mandat das geschehene

Verfahren gebilligt und befohlen.«

Trautmannsdorf wandte sich armhebend an Leuker: »So ist ja alles Klagen und

Anklagen überflüssig. Ihr erschießt einen Sperling und meint den Falken.«

»Es ist nicht denkbar«, jammerte Leuker, dem es vor dem Bericht an

Maximilian graute, »nichts ist geschehen, was solchen Schritt gegen Bayern

rechtfertigen könnte. Wir haben kaiserliche Majestät und Euch nicht

herausgefordert. Ich muß protestieren gegen den Erzherzog.«

»Er wohnt nicht hier,« lächelte Trautmannsdorf.

Nun schwiegen sie, die beiden Kaiserlichen ruhig abwartend, der Bayer

ratlos.

Der Abt fing wieder an, versöhnlich: »Übrigens, ohne mich in bayrische

Politik mischen zu wollen, deren Methoden gewiß besonders studiert werden

müssen: ich sehe nicht, welchen Anlaß Ihr habt, mit mir unzufrieden zu

sein. Es geht Eurer Sache ja so gut. Euer Wagen fährt so rasch, wie Ihr nur

wünschen könnt.«

Das bestätigte der kleine Rat mit kurzem Nicken.

Leuker setzte sich, sah die Herren an; er war vor Angst völlig perplex,

hätte am liebsten die Herren um irgendeinen Rat gefragt.

»In zwei drei Monaten hat Euer Herzog den pfälzischen Kurhut; die

Wittelsbacher in München haben die in Heidelberg geschlagen. Es kommt nur

darauf an, die Kurfürsten zur Zustimmung zu bringen. Ich habe weiter nichts

gesagt --, vor allen Ohren, hört es --; die Sache ist, was den Kaiser

anlangt, entschieden, nämlich für München. Ich hab' es laut gesagt, damit

im Reich niemand daran zweifelt, daß wir uns hier gebunden erachten. Und

ich hab' es weiter darum gegen jedermann offenbart, damit es nicht heißt,

wir handeln im Dunkeln. Die andern lesen heraus, daß wir gerecht sein

wollen; Ihr müßt erkennen, daß auch für Euch diese Meinung von Wert ist.

Öffentlicher Deputationstag, öffentliche vorherige Erklärung. Es kommt uns

auf Gerechtigkeit an.«

Beruhigt und doch beunruhigt hakte Leuker ein, der sich tief atmend im

Stuhl zurücklehnte, was das heißen sollte, Gerechtigkeit, was er damit

gesagt haben wolle; er rieb sein krankes Bein, das ihm plötzlich wieder

einfiel: »Nicht doch, Gerechtigkeit, laßt das Wort. Der Schein der

Gerechtigkeit, wollen wir so sagen. Wir kommen ohne den Schein nicht aus.

Ihr auch nicht.«

Die beiden schwiegen undurchdringlich.

Mit entschlossenem würdevollen Brustton entgegnete der Bayer: »Uns liegt

durchaus an der Gerechtigkeit. Wir scheuen sie nicht. Wir wollen nur nicht

gar zu spitzfindiges Eingehen auf juristische Kompliziertheiten; man kommt

damit nicht weiter. Die Realitäten müssen durchdringen, Anerkennung

finden.«

»So und nicht anders verstehe ich Gerechtigkeit,« bestätigte der Abt.

Bevor Leuker ging, befriedigt und doch mißtrauisch, ein Duplikat der

heutigen Kammermitteilung in der Hand, unklar zweifelnd, sagte er noch

einmal halb fragend, es stände also alles gut.

»Für wen?« meinte Trautmannsdorf.

»Ich meine,« verbesserte sich der an der Tür, »es lag ein Mißverständnis

vor.«

»Von wem?« schüttelte ernst Trautmannsdorf den Kopf.

Anton schüttelte dem Bayer die Hand: »Ihr werdet, besonders lieber Herr,

vornehmlich wenn Ihr die Sache nachher in Ruhe überlegt, zugeben, daß Euch

nichts Übles widerfahren ist von mir.«

Dann saßen Anton und Trautmannsdorf sich allein gegenüber, und

Trautmannsdorf blickte den Abt an.

Der hatte auf der Truhe plötzlich einen ernsten Ausdruck, als wenn er eine

Maske ablegte, einen verdrossenen harten Blick; winkte ab, bevor der Kleine

die Stimme erhob.

»Ihr gesteht, Trautmannsdorf, nachdem Ihr zu meiner Freude dies mit

angehört habt, daß ich nicht zu weit gegangen bin. Ließ ich es gehen, wie

Leuker und sein Herr es wollten, so wären wir Knechte und Schürzenträger

der Bayern. Sie glauben, wir seien dazu verpflichtet. Das ist zu viel,

überschreitet das Maß. Was wir geben, muß geachtet werden. Forderungen an

die Römische Majestät dulde ich nicht.«

Wallenstein. 1 (of 2) · 第 20 / 34 题