»Geht jeder von uns seiner Wege, ihr Herren«, stöhnte Friedrich, die feine
diamantengeschmückte Hand vor den Augen.
Aber während der hitzige Bastard auf die Platte donnerte, schluckte der
geschlagene Pfalzgraf hinter seinen verschränkten Händen Tränen mit Wein
gemischt. »All verloren, all verloren«, schrie er in seiner Trunkenheit.
Ließ seinen Musterplatz dem Mansfeld. Nach Sedan brach er scheu auf, wo der
Herzog von Bouillon wohnte, sein Oheim und Erzieher, der strenge Calvinist.
Hielt mit der üppigen Elisabeth kleinen dürftigen Hof, jagte, schlug Ball.
* * * * *
Zu Lamormain, seinem Beichtvater, sagte der Kaiser: »Ich werde gedrängt,
abzudanken.«
Erschreckt schloß der Pater den roten Teppichvorhang, der den offenen, nach
dem Garten führenden Erker gegen die Schlafkammer abgrenzte, in der sich
zwei Kammerdiener bewegten. Still sprach der Kaiser, mit den Knien an die
Knie des Jesuiten stoßend, der dicht an ihn gerückt war: »Sie müssen aber
noch Geduld haben, die mich drängen. Ich habe Pflichten gegen mein Haus.
Mein Sohn hat Anspruch auf meine Unterstützung. Ich muß ihn in den Sattel
setzen.«
Lamormain, in die Handteller blickend, schüttelte den geschorenen eckigen
Kopf: »Majestät führen eine Regierung, die Gott und die Heiligen sichtbar
segnen. Bis in die letzten Tage hinein. Wir müssen gehorsam gegen Gott
sein; er hat seinen Willen ausgesprochen, es darf nicht beim Dank
verbleiben. Sein Segen bindet.«
»Ich muß den Ferdinand erst in den Sattel setzen, dann mögen die Herren
recht haben. Ich vermag dann nicht länger hierzusitzen; Pater, glaubt es
mir. Sagt ihnen, sie möchten sich solange gedulden.«
Zwischen seine Hände hatte der Pater die rechte heiße Hand des
zusammengesunkenen blicklosen Mannes vor sich schlüpfen lassen; bedeckt und
umschlossen von den starken Fleischmassen, zwischen den Knochengittern lag
sie da; der Luxemburger flüsterte: »Römische Majestät sind von einer argen
Schwermut befallen. Ich werde niemandem etwas berichten. Aber mit meinem
Beichtkinde um die Gnade unseres Heilands und seiner Mutter beten. Wie gebt
Ihr Euch Euren Gedanken hin.«
»Bis Ferdinand gesichert ist, mögen sie sich gedulden. Ich verspreche auch
stille zu halten bis dahin. Man möge mich nicht zum Äußersten treiben. Ich
habe es nicht verdient um sie. Ich will Euch sagen, Pater, was es ist. Ich
habe den Stolz dieser Männer hier an meinem Hofe und anderswo bis zum
Höchsten getrieben, so daß ich nichts mehr bin. Man macht sich Menschen
nicht zu Gehilfen und nicht ergeben, wenn man sie beschenkt, wie ich es
getan habe; man reizt sie gegen sich auf. Manche von ihnen, ich weiß es,
haben öfter lose wackelige Köpfe gehabt, so waren ihre Taten, nicht nur
ihre Gesinnungen; ich habe manches gesehen; vieles wurde mir hintertragen.
Ich habe geschwiegen, ich habe sie gebraucht. So habe ich sie geehrt, wie
mich niemals etwas geehrt hat. Ich habe mir jeden echten Dank, jeden
Lobspruch und Blicklein erringen müssen, ich habe danach kriechen müssen.
Aber das ist Menschenart. Man hat mir abgewunden, was ich nie hergeben
konnte, ja laßt meine Hand, Pater, man hat es getan. Ich brauch meine Hand,
um es vor Euch zu beschwören. Man hat mich hier sitzen lassen in diesem
Erkerchen, wo ich keinem schaden kann, und gibt mir zu essen und zu
trinken; man nimmt mir gar nichts weg, um keinen Argwohn zu erregen, bei
den Leuten draußen, den Ständen, den Edlen, den Bürgern und was weiter weg
ist. Man hat mich aus Bequemlichkeit bei Reich und Regierung gelassen und
möcht' es so weiter treiben. Man wird erbost sein, wenn ich gehe. Ich
jammere nicht, mein Mißgeschick ist es; mir wurde nicht mehr verliehen.
Aber diese Mauer, die jetzt über meine Schultern fällt, die ich -- meine
Schande spreche ich aus -- selbst habe aufrichten helfen mit meinen Händen,
das tut zuviel an mir. Sagt, Ehrwürden, den Herren, den Siegern über
Mansfeld und über mich, sie möchten etwas an sich halten.«
»Ich sage nichts, ich sage es nicht, Majestät.«
»Ehrwürden, Pater, an wen soll ich mich wenden. Ich kann sie nicht selber
bitten. Ihr seid mir vom Heiligen Vater gegeben zu meinem Beistand. Ihr
seid meine Hilfe. Tut mir ein Liebes an.«
* * * * *
Durch den Wind und die graue Nässe schwankte die schwere massige Gestalt
des Mannes unter dem viereckigen Hut. Der Regen peitschte die
Pflastersteine vor der orgeldurchtosten Augustinerkapelle glatt, in den
Gäßchen tat sich ein Morast auf, Rinnsale fluteten aus den Ställen und
Schweinekoben. Der alte Jesuitenpater hob und senkte sich im Nebel, hinkend
mit dem rechten Bein, er tauchte ungebeugt aus den überschüttenden
Wassermassen auf, drang wie ein Keil durch das erbitterte Geprassel
vorwärts. Es war schon Abend, die Plätze und Straßen leer; aus den
Tanzhäusern scholl die erste Lautenmusik, sie zitterte durch die dicke Luft
aus unbestimmter Richtung, suchte wie das Zünglein eines blinden Kätzchens
herum. Das Efeugeranke wurde von den überstehenden Balkons abgerissen, hing
aufflatternd, gesunken wie ein verwilderter Bart über die Straßen, in den
sich vorbeisausende Sänften verfingen, vor dem Pferde sich aufstellten.
Das steilgieblige Haus des Grafen Strahlendorf. Die Vorhalle abgeplattet,
wie niedergedrückt von dem Wetter. Fackeln, in Eisenringe gestoßen,
brannten im Flur. Vor der Wendeltreppe hielten zwei Pikeniere der
Stadtgarde den ungestüm eindringenden triefenden Schwarzhut zurück; er
mußte finster warten, bis hinter zwei Kerzenträgern der dürre hohe
Strahlendorf hustend und augenzwinkernd die Stufen herunterkam und, von dem
herrischen Priester, angerufen, die Soldaten scheltend zur Seite treten
hieß. In einer winzigen Treppenkammer riß sich der Pater Mantel und Hut ab,
klatschte sie an den Boden; in dem dicken Schafspelz des Grafen und einer
polnischen Kappe stieg er hinter einem hochschäftigen Pikenier den letzten
Treppenabsatz hoch. Sie tauchten auf in einem violetten ganz leeren
Vorsaal, der von der Fackel des Soldaten mit ungeheuren Schatten und trübem
Licht belebt wurde. Grauweich war der Teppich, der den ganzen länglichen
Saal auslegte -- der Söldner stand hinter dem Pater auf der Schwelle -- und
vor den Füßen des kaiserlichen Beichtvaters legte sich furchtbar der
Schatten schwarz hin an den Boden, kletterte an der getünchten
rankenbemalten Gegenwand hoch, wackelte umbrechend von der Decke herunter
mit geschwollenem Kopf. Die Decke kam niedrig herab mit ihren schweren
Balken; die Fensterwand war völlig mit gerafften Leinentüchern verhängt. Ab
und zu, wenn das Licht still stand, blinkten goldene Ovale von der Wand,
mit sanften Szenen ausgemalt, Rehe, die aus einem Mondgehölz äugten,
weidende Pferde. Kein Laut in dem windgerüttelten Haus; bisweilen eine
schwache entfernte Stimme, Gemurre, das sich steigerte, als ob im andern
Stockwerk Stühle geschoben würden, viele durcheinander sprächen.
Plötzlich trat hinter zwei Kerzenträgern Strahlendorf aus einer im Dunkel
liegenden Tür. Der Soldat dröhnte die Treppe herunter. Verlegen und
langsam, unter Verbeugungen äußerte der Graf, es seien einige Herren zu
einer Besprechung bei ihm; es hielte schwer, sie zu verabschieden; ob die
Angelegenheit des ehrwürdigen Gastes sich vielleicht in Kürze erledigen
lasse. Lamormain fragte ruhig und den Herrn fixierend nach den Namen der
Herren; er fügte hinzu, ehe der Herr, der sich den Bart strich, zu einer
Antwort gelangt war, es ließe sich vielleicht ermöglichen, daß beide
Besprechungen zusammengelegt würden, dies wäre wenigstens ihm das
Genehmste, und er dürfe wohl annehmen, daß im Hause des frommen Grafen
Strahlendorf nichts verhandelt würde, was nicht ein Kind der Gesellschaft
Jesu anhören könnte. Er lächelte verbindlich. Strahlendorf schwieg,
verbeugte sich, schwieg. Dann sagte er entschlossen, nach der Hand seines
Gastes greifend, es sei in der Tat das Bequemste; es sei in der Tat ein
glückliches Zusammentreffen; der Pater möchte bei der Unterhaltung nur
nicht vergessen, was er etwa ihm Besonderes zu offenbaren hätte.
Das Zimmer, aus dem das Geräusch klang, lag nur zwei Säle entfernt in
demselben Stock. In dem engen gewölbeartigen Eckraum, unter den weißen
Lichtern von vier Paaren hoher Wandkerzen fuhren die Herren auseinander,
die sich mit weitauslangenden Gesten gegenübergestanden hatten, und wichen
gegen die Wand. An sich herunterzeigend bat der Jesuit um Verzeihung; er
sei auch in dem sonderbaren Kleid der Freund der Herren, Lamormain. Auf
einem Tisch am Winkel standen Krüge und Weinbecher; Wein war über den roten
steinernen Boden ausgegossen; die Gesichter der Herren erhitzt; zwei
Offiziere in Elenkoller hielten sich ihre Degen vor die Brust. Questenberg
klobig pausbäckig, rittlings auf einem Schemel, trank ruhig weiter nach dem
Eintritt des riesigen Mannes im Schafspelz, hielt über die Lehne vor sich
gestreckt seinen Becher. Strahlendorf lächelte, die Herren möchten sich in
ihrer Unterhaltung nicht stören lassen, sie wüßten, wer der Pater Lamormain
wäre. Vergeblich ersuchte der Pater, indem er sich still in den Winkel
setzte, fern von den andern, sie möchten seine Gegenwart nicht beachten. Er
fühlte selbst die kriegerische Stimmung, in die er geraten war.
Man schwieg hartnäckig. Der hagere Vizekanzler füllte einen gläsernen
Jungfernschuh mit rotem Traminer. Schon stand einer der beiden Obersten
auf, rüttelte an seinem Schemel, stieß einen halblauten Fluch aus. Da
rekelte sich der feiste Questenberg, lüftete seinen spanischen Kragen,
füllte sich die Backen mit Wein und fragte schluckend, mit einem stieren
Blick auf den ruhig beobachtenden Pater, wer den ehrwürdigen Gelehrten
geschickt hätte. Der Oberst einfallend machte sporenrasselnd Front gegen
den Gast: »Der Herr kommt gerade recht und wird uns wenig verdrießen, von
ihm belauscht zu werden. Was wir anbringen, mag gut in seine Ohren gehen.«
»Was könnte wohl den Herrn Julian zu der Annahme verleiten, daß mich jemand
geschickt hätte? Und wer sollte das wohl sein?«
Questenberg polterte: »Geht weg, Oberst. Ehrwürden, es trifft uns
überraschend. Trink er, Oberst, und laß ers gut sein.«
Der spitzbärtige Offizier, als wenn er in lustiger Kompagnie wäre,
intonierte lachend herausfordernd das Spottlied auf den Pfälzer Friedrich:
»Das Heidelberger Faß gar groß, vor Zeit voll Wein, jetzt bodenlos.«