»Nicht erzählen, Jonas.«
»Was wird mein armer Buckel dazu sagen?« quarte er.
»Scher dich!«
Atemlos kam er bald angestürzt: »Sie waren hinter mir her. Ich hab sie
irregeführt.«
»Mein Ring.«
Der Narr hatte ihn an.
»Schelm, gib den Ring.«
Ferdinand spie, während er den Schalk schüttelte: »Zu saufen, Kerl. Was du
hast. Ich hab Durst, Kerl.«
Der entwischte, blieb weg, laut schmatzte er in der Nähe. Ferdinand
taumelte zu ihm in den Winkel, wo eine Laterne brannte; da stopfte der
Kobold Rettich, trocknes Brot. Ferdinand brüllte lachend: »Verfluchtes
Vieh,« riß den Korb her; der Schalk hielt sich schreiend am Henkel, sie
stopften rissen schluckten und spien zerrten. Das Katzenfell, das rutschte,
legte sich Ferdinand immer wieder auf die linke Schulter. Allein ließ er
hingestreckt seinen Becher vollaufen, schlürfte, während ihm der Kopf
wackelte und er den Korb vor die Brust zog. Plötzlich machte der Narr einen
Ruck, kroch mit seiner Beute zehn Schritt davon, kreischte giftig: »Nichts
kriegst du mehr! Verrecken kannst du, Dieb abscheulicher.« Er saß im
Dunkeln versteckt. »Gibst mir Rettich, du Hund?« »Verrecken kannst du.«
Ferdinand kroch auf allen Vieren mit baumelndem Kopf, rief heiser, drohte
bettelte. Der Schalk verzog sich weiter. Listig bat der Kaiser: »Ein
Stückchen, Herr Doktor, bloß ein Stückchen.« »Nichts, gar nichts. Nicht die
Krume kriegst du Strolch.« »Ich will was haben,« brüllte der Kaiser, »ich
kann nicht verrecken hier.« »Du Dieb, ich werde dir zeigen.« »Was habe ich
dir getan, Jonas.« »Nichts. Verrecken! Verrecken!« »Ein Stückchen.«
Ferdinand saß unter einem laufenden Faß, flennte: »Nichts gibt er mir. Seht
den Kerl an, den Jonas. Den ganzen Korb hat er voll. Das wird kein Doktor.«
»Verrecken.« Da hob Ferdinand, sich auf den Bauch werfend, an der
Katzenleiche ausgleitend, mit den Beinen strampelnd, sinnlos aus vollem
Halse brüllend, die Arme auf, schmetterte sie auf den Boden, salbte sich
aufbäumend sein Gesicht mit dem Schmutz: »So behandelst du mich, so
behandelst du mich. Ich verklag dich.« Wütend rutschte der Zwerg heran,
schlug von hinten mit dem Korb gegen seine Beine. »Verklagen, du mich? Du
Dieb.« »Er bringt mich um. Hilfe. Grausame Not. Was habe ich dir getan.«
»Verleumder, mich willst du verklagen.«
»Laß meinen Fuß.«
Oben stiegen Leute scheltend heran, warfen Licht in den Raum.
Der Zwerg geiferte frohlockend: »Jetzt sieh zu, wie du auswischst! Haha.
Vor denen da! Du Dickwanst.« Johlte gegen das Gewölbe bei Ferdinand: »Hier
bin ich! Walkt den Dieb!«
Kroch weg, schleuderte seinen leeren Korb zurück, meckerte vergnügt, mit
dem linken Schuh des Herrn klappernd, dicht zu ihm schlüpfend, drehte er
einen Hahn auf; der Weinstrom prasselte auf die Steine. Da heulte beim
Anblick des leeren Korbs der Kaiser vor den beiden Küferknechten, die ihn
drohend anhoben, dann den beschmierten Sabbernden zitternd zurechtsetzten.
»Alles hat er gefressen. Er ist schlecht. Es ist kein Gelehrter. Er ist ein
Siebenfraß, ein unbarmherziger. Mich läßt er verrecken. Fangt ihn doch. Den
unbarmherzigen Schelm. Gottseibeiuns.«
* * * * *
Graf Johann Paar war seit Hoheneich nicht am Hof erschienen. Ferdinand
sagte knirschend zu Frey, der sich vor ihm entsetzte: »Ich will gnädig mit
ihm verfahren, mit dem Hans. Will ihm nicht Hatschiere schicken, sondern
dich und den Jonas. Ihr beiden sollt ihn holen.« Dann schwankte er lange,
ob er nicht seinen Leibkammerdiener schicken sollte. Gebunden wurde dann
eines Nachts Paar von Hatschieren auf einem Wagen in die Burg gefahren,
ohne Hut, ohne Degen, wie sie ihn in seiner Stadtherberge ergriffen hatten.
»Wahrhaftig,« höhnte der Kaiser, der ihn in der Schlafkammer sitzend
empfing, »der Graf Paar.«
Dünnlippig stand er da, die gefesselten Hände auf dem Rücken. »Ich war
ehrsüchtig,« erklärte der langsam, »der Mollert hatte mich gereizt. Ich hab
mich von der Eifersucht auf Mollert bewegen lassen.«
Der Kaiser lachte giftig. Der blieb dabei: er bereue. Ferdinand fragte:
»Das war es, das war alles?«
Paar dachte an die Stöße, die er erduldet hatte; langsam wiederholte er, er
sei eifersüchtig auf Mollert gewesen. Der Kammerdiener mußte ihm die
Fesseln abnehmen; es stünde ihm frei, in seine Heimat zu fahren. Er sah
nicht, wie der Leibdiener sich beiseite wandte, die bettelnden zerreißenden
Blicke des fast unbeherrschten Ferdinand, sah nicht, daß Ferdinand
schrecklich erblassend im Begriff war, wackelnd auf seinem Sitz sich an
seine Brust zu werfen.
Er fiel vor Ferdinand auf die Knie; starren rachsüchtigen Herzens sagte er:
er bereue.
Der Kaiser bat ihn entsetzt um Entschuldigung, hieß ihn gehen.
* * * * *
Bei der zweiten Besprechung, die Dighby auf den weiten geweihprunkenden
Korridoren der Alten Residenz zu München mit dem Geheimrat Richel führte,
-- einem Herrn so groß wie er, so breitschultrig wie er, mit glattrasiertem
verärgertem bäurischem Gesicht, mißtrauischen Blicken, von unbestimmtem
Alter, -- meinte der Herr am Geländer der Wendeltreppe zu ihm, wenn es dem
englischen Edlen beliebe, nach Thalkirchen oder sonst in die Umgebung zu
spazieren: es sei sehr schön hier; die Witterung gut, er möchte es nicht
versäumen; des Herzogs Bescheid träfe ihn rechtzeitig. Dighby amüsierte
sich vor den Pfälzern, daß dieser furchtbare Unruhstifter, diese männliche
Kriegsfurie, der Maximilian, nicht aus dem Beten herauskäme; wenn man nach
ihm frage, immer heißt es: er ist zur Messe, er hält Andacht, heute
Beichte, morgen Beichte, der Herzog belagere förmlich den lieben Gott. Er
witzelte in seiner selbstvergnüglichen Art: ob der Max vielleicht darum so
viel bete, damit kein anderer an Gott herankäme.
Schwere Luft wehte in München. Das mönchisch strenge Wesen des Hofes
drückte auf die Stadt. Fensterln und Gunkeln war verboten, die üppigen
gemeinsamen Badestuben aufgehoben; still trollten des Herzogs Maximilian
einzige Freunde, die Brüder vieler Orden, Nonnen durch die Straßen der
Stadt; Weibsen, die zu kurze Röcke trugen, Männer, die in Spinnstuben
lachten, wußten, was ihnen drohte; in Eisen auf Wochen, wen die Lust
anwandelte zu schuhplatteln. Lord Dighby zog in krebsrotem Gewand zu Roß
über den großen Markt mit einem Schwanz von zehn gemieteten Knechten,
purpurn wie er; er mußte es tobend dulden, daß beim Aveläuten sich
keulenbewehrte Büttel auf sie stürzten, sie auf die Erde warfen und nicht
eher erheben ließen, als das Geläut zu Ende war. Vor den Obersten
Hofmeister, den majestätischen hochgeborenen Grafen Johann zu Hohenzollern
stürmend, fand er keineswegs Ohr; es schien sogar, als ob dieser Graf
Mißfallen darüber empfand, daß die Büttel nicht auch ihn selbst
niedergeworfen hätten.
Nun langten die erstaunlichen Briefe des Kaisers Ferdinand bei Dighby an,
von vielbemerkten kaiserlichen Kurieren getragen, Briefe, über die sich
nicht schweigen ließ. Dighby geriet in immer größeres Entzücken; er begann
für sein Verhältnis zum Kaiser Ausdrücke zu finden wie: der könne ihm nicht
entwischen. Er unterließ Antworten nur, weil er nicht wußte, welche
familiäre Anrede er dem Kaiser geben sollte. Ohne weiteres langte er eben
angekommene Briefe, oft unentsiegelt, lässig dem Rusdorf oder dem weniger
gewiegten Pavel; es war Langeweile, was ihn dazu veranlaßte. Prahlende
Äußerungen stieß er in der Öffentlichkeit aus; er drohte, er gebe dem
Herzog noch zwei Wochen Zeit zur Besinnung; dann kümmerte er sich um
nichts; wagte es, während die Räte sich in der Masse versteckten, an einer
Prozession bedeckten Hauptes herausfordernd vorbeizureiten. Die Räte waren
verständnislos für die Briefe des Kaisers. Schon traf Rusdorf beklommen
Anstalt, sich dem sehr gnädigen Dighby wieder zu unterwerfen. Da blieben
die Briefe aus. Dighby größenwahnsinnig merkte tagelang nichts;
argwöhnisch, schließlich spöttisch forschte Rusdorf. Nach einer Woche
wunderte sich der Lord. Vielleicht, daß er hätte antworten sollen; aber es
machte ihm zuviel Mühe; irgend etwas nagte dazu an ihm, lähmte seine Hand;
seine Gedanken sprach höhnisch der spitzgesichtige Rusdorf aus: der Kaiser
hätte ihn zum Besten gehabt. Einen Boten fertigte Hals über Kopf der Brite
ab nach Wien, den Kaiser fragend; er kam zurück mit dem Briefe und einem
Vermerk der Hofkanzlei zu Händen des Abtes Anton: das Schreiben trüge
irrtümlich die Adresse des Kaisers. Die Wut dröhnte durch den Lord, er war
betrogen, planmäßig England, planmäßig verhöhnt. Die Augen der Räte
leuchteten.
Die Torwache hatte dem Herzog gemeldet, daß Kuriere in den erzherzoglichen
Farben fast täglich zu dem englischen Gesandten liefen; der Kammerdiener
Verduckh erkundete, berichtete Näheres. Da traf Maximilian Anstalten zu
antworten.
Die Sorte Bauernmädchen bei Thalkirchen behagte Dighby vortrefflich; er
griff zu; Liebesszenen arteten in Schlägereien aus: das gefiel ihm. Die
beiden bayrischen Ehrenkavaliere waren sehr besorgt, daß es zu
Zwischenfällen käme, wollten gern schweigen, auch die Pfarrer besänftigten,
denn der Engländer verspielte wilde Summen an sie und ihr Gehalt war mager.
Schon vier Wochen trieben sie zu dritt ihr Unwesen rings um Thalkirchen; da
stand eines Nachts der Graf von Bristol hinter seiner Herberge in einem
Kohlfelde, hatte eine Zaunlatte in der Hand, verteidigte sich gegen einen
anspringenden messerbewehrten untersetzten Bauernburschen, der weite Hosen
und sonst nichts trug. Dighbys seidener Schlafrock war bis über eine
Schulter aufgerissen. Und während des Kampfes, der von beiden Seiten stumm
mit großer Entschlossenheit geführt wurde, erleuchtete sich der Himmel mit
einem auffallenden, immer stärker und breiter flammenden Rot. Beide sahen
unruhig beim Schlagen und Zustoßen auf, kamen überein, den Kampf
auszusetzen, in der nächsten Nacht sich wieder zu treffen.
Der Lord weckte, da sich zudem ein ferner ungewöhnlicher Lärm erhob, seine
Herren, die erschreckt den Schein sahen; es klang, als ob in einem riesigen
Feuer ganz München zusammenprasselte; dann wie eine Schlacht mit
Menschengeschrei Wagengefahre Schießen. Sie liefen auf einen Hügel. Der
Feuerschein stand über München. Erregt standen sie; ob es nicht bald Morgen
würde; der Weg durch den Wald war im Finstern ungangbar. Mit dem ersten
Grauen zogen sie die Pferde aus dem Stall; schwarz traten die Bäume aus der
Dämmerung hervor, die Dorfstraße wurde kenntlich. Lord Dighby saß zuerst
oben; in seiner Ungeduld stürzte er sogleich, fluchte, blieb im Steigbügel
hängen. Der heranstolpernde Bursche, mit dem er gefochten hatte, half ihm
freundlich auf; sie winkten sich zu. Roß hinter Roß trabten sie vorsichtig
durch die Waldung. Das Rasseln Klirren Dröhnen wurde vernehmbarer. Die
Hauptchaussee auf München war erreicht; da standen zehn Mann mit Musketen
quer über dem Weg: Durchritt auf München untersagt; wollten sie in die
Stadt, müßten sie im Bogen herum durch den Wald. Keine Auskunft; ständen
seit dem Abend hier. Als sie zu dritt auf die von Süden einfallende
Chaussee stießen, war der Weg verstopft und es war die bayrische Armee
selbst, mit Fußvolk Artillerie und Reiterei, mit Troß Bagage Munition und
allem Volk, das durch München rückte. Es ging nach Norden. Dighby wurde
mitgerissen; war eingekeilt zwischen Wagen. Sie stiegen ab; sie hielten im
Getümmel ihre Pferde fest am Zaum, da man sie ihnen mit List und Gewalt
nehmen wollte; man ließ das Pech der Fackeln auf ihre Hände tropfen. Sie
kamen zwischen zwei Trupps Wallonen. Offen trugen die Herren ihren blanken
Degen in der Hand. Dem Lord gelang es, vor dem Austritt aus der Stadt, sich
herauszuhauen; die beiden anderen kamen nach Stunden zum Vorschein, ohne
Degen und Hut, nachdem ihnen ein geschmeichelter Kornett zu ihren Pferden
verholfen hatte. Stundenlang mußte Dighby in seiner Herberge sitzen in
heftigem Zorn, denn die Straßen waren überfüllt. Er trieb am Abend seinen
Kammerdiener zu Richel: wann er ihm eine Aufwartung machen könnte. Statt
Antwort kam am folgenden Vormittag ein unbekannter Herr in Jesuitentracht
zu ihm mit einem kurzen Empfehlungs- und Beglaubigungsschreiben des
Geheimrats: dies sei der gestrenge, besonders vertraute, vielliebe Herr von
der Gesellschaft Jesu, der Pater und gelehrte Doktor Jakob Keller, Rektor
des Münchener Kollegs, in alles wohl eingeweiht und dem britischen
Gesandten zu schuldiger Observanz bereit. Er erklärte mit lieblichen
Worten, des Herren williger Freund um so mehr zu sein, als er eben zurzeit
den Besuch des englischen Jesuitenprovinzials Partius empfangen habe, der
überaus angenehme Zeitungen aus diesem wohlregierten Lande gebracht habe.
Der Anblick des Paters, der ihm gleich diesen fatalen Knüppel zwischen die
Beine warf, vermehrte seinen Zorn; er begehrte zu wissen, was der Herr
Rektor bei ihm abzulegen hätte. Und als sich der friedlich zu Rede und
Antwort erbot, toste er los, was dies sei, dieser Heereszug mitten im
Frieden, während der Friedensverhandlungen; welche deutschen Methoden sich
hier kundtäten nach den freundlichen, huldreichen Worten des Kaisers. Was
den Herrn Rektor, der sich zu setzen verschmähte bei seiner Gnaden dem Lord
und Grafen, ehrlich betrübte, sofern nämlich ihm nichts bis zu diesem
allerdings wichtigen Augenblick von einem Frieden bewußt sei zwischen der
bayrischen Durchlaucht und dem proskribierten Ächter, vielmehr übe der
Herzog im Namen des Heiligen Reiches, wie verabredet, die Exekution gegen
jenen aus, der in der Oberpfalz erschreckend hause; man würde bald das
bedauerlich heimgesuchte Land von seinen Brandschatzern befreit und in den
allgemeinen deutschen Frieden einbezogen haben. Auch Dighby blieb an seinem
Stuhl stehen, fragte heiser, warum man aber, warum aber der wohledle Herr
Bartholomäus Richel, seiner Durchlaucht in Bayern Vizekanzler und geheimer
Rat, ihm dies verschwiegen habe bei seinem zweimaligen Besuche, wiewohl des
Längeren und Breiteren Kriegs- und Friedensfragen durchgegangen seien.
Warum habe man oder Herr Richel angehört, daß er beruhigende Depeschen nach
England und dem Haag schickte.
O, man werde doch nicht wagen, einem erfahrenen Gesandten von dem Rufe des
Lord Dighby Vorschriften zu machen über seine Depeschen. Wie überaus
erfreut Herr Richel, dieser würdige und fromme Mann, von dem Besuche und
der ausgesprochenen Friedensliebe des hohen Gastes gewesen sei, wie sehr er
bedauert hätte, nicht auch die beiden pfälzischen Räte zu empfangen, die
sich auf Abgabe ihrer Instruktionen und Denkschriften beschränkt, könne er
bezeugen. Bei länger dauerndem mündlichen Verkehr der beiden Parteien,
daran zweifle er, der Jakob Keller, nicht, wäre ihr Verhältnis zum
wohledlen Bartholomäus Richel noch herzlicher geworden und er hoffe auch
jetzt noch, daß man keinen Vorwurf auf diesen untadligen Herrn werfe.
Dies sei also ein Krieg zur Besetzung der Oberpfalz? Es könne doch nicht
bestritten werden.
Keineswegs. Keineswegs könne es freilich auch behauptet werden. Es sei die
Reichsexekution gegen den Ächter Mansfeld, der auf oberpfälzischem Boden
stände.
Dighby warf den Stuhl ab; diesen Boden verteidige sein Herr, sein
Landesfürst, ferner der Kurfürst Friedrich; gegen ihn kämpfe der
Bayernherzog, man solle es nur zugeben und nur schnöde die Verhandlungen
brechen.
Beliebe der Herr solche Untat nicht von einem frommen Mann wie Richel und
gar herzoglicher Durchlaucht zu glauben. Die Verhandlungen sollen um des
Erlösers willen nicht abgebrochen werden, der ganze, tief religiöse
Standpunkt der bayrischen Regierung widerstrebe einem kriegerischen Wesen,
immer sollten die Verhandlungen weiter gehen, immer weiter. Ja, er, der
Keller, sei hier, um die Punktation zu fördern.
Verhandeln? England jetzt verhandeln? Er warne den Herrn.
Der Pater schaute in seinen Hut. So läge es gewiß nicht an Bayern, wenn das
Friedenswerk nicht gefördert werde; das betrübe ihn bitterlich. Gerade in
diesem Augenblick würde man ergiebig verhandeln können und zweifellos am
besten nach der Vollendung der Exekution. So müsse er »Vale« sagen.
An der Tür meinte er lächelnd, bevor er sich bedeckte: so wisse er freilich
auch nicht, ob er bei dem Herrn Lord die Geneigtheit des Herzogs vorbringen
sollte, ihn in Audienz zu empfangen; eben sei der Herzog zurückgekehrt;
sein Erstes sei die Frage nach dem Unterhändler gewesen.
* * * * *
»Wo habt Ihr gesteckt, Ihr Herren; hinter dem Gitter, im Affenkäfig? Habt
Ihr geschaut, gewinkt, wie sie Trompeten geblasen haben? War ein Spaß,
nicht wahr?«
Rusdorf hatte sich bei anhebendem Getöse nachts aufgemacht, hatte sich von
der zechenden Stadtwache zwei Begleiter erzwungen, war mit ihnen, während
Pavel die Papiere im Losament bewachte, das jeden Augenblick unter
Vorwänden geplündert werden konnte, zur alten Residenz, zum Richel, Jocher
oder wen er träfe, gedrungen, um inständig Auskunft zu erbitten. Hatte sich
vor die verschlossenen Tore drohend gestellt, war wegen seiner Neigung,
französische Brocken zu gebrauchen, für einen Spion von einem
vorüberziehenden Schwerereitertrupp gehalten worden. Die Stadtwache verließ
ihn auf finsterer fackeldurchwehter Straße; man beschimpfte und kujonierte
ihn. Troßbuben Sergeant Profoß, wen er fragte, jauchzten aber dasselbe: »Es
geht auf die Oberpfalz«. Keine neue Frage änderte die Gewißheit: man
überfiel mit Übermacht sein Land, sein Heimatland. Dann bebte Pavels
Schlafkammer unter dem verzweifelten Wutgeschrei des bettgeworfenen kleinen
Rats und dem bitteren Gestöhn des knieend betenden anderen. An ihre Fenster
schlug der freche Lärm der vorüberwandernden Regimenter, das Fauchen des
verwüstenden siegesdurstigen räuberischen Heereswurms, Fackellicht auf
Fackellicht bläkte gegen ihre Decke; die Nacht rückte vor. Volkes ohne
Ende! Ihr armes Land sollte ersäuft werden.
Als Dighby mit zerrauften Kleidern wild am Morgen in ihre Zimmer fuhr,
schwankten sie übernächtig zorngebläht vor ihn; er mußte sich erschreckt
den Hut abreißen, in eine Ecke drängen, sie schienen halb wahnsinnig ihn
meucheln zu wollen. Schrieen »Verrat« über ihn: »der Herr hat uns an den
Bayern verkauft, er hat es uns angedroht, er hat es getan; ein Pfaffenhund
ist er«. Er zog sich knirschend zwischen ihren Degen an die Tür, sie
wollten ihm nicht glauben, daß er selbst übertölpelt sei; erst standen zwei
Hunde vor ihm, jetzt wiesen schnarchende Bestien ihre Zähne. Nicht Dighby
war es, sondern Pavel, sich am Stock schleppend, der befahl mit einer
knirschenden Ruhe, sogleich aufzubrechen aus Bayern, das treulose
verlockende höllische Land zu verlassen und sich zu Mansfeld zu schlagen.
Die Wagen wurden ihnen vom herzoglichen Hofe nebst Salvaguardia an alle
Truppenteile gestellt, das Bedauern ausgesprochen, die Herren so eilig zu
sehen.
Hinter Amberg stießen sie nach Tagen auf die schwärmenden Vorhuten
Mansfelds. Sie ließen den Grafen von Bristol nicht los, bis er die
kostbaren Geschenke des Kaisers Ferdinand mit Einschluß der goldenen
Waschschüssel verkauft, den Ertrag gezwungenermaßen dem Bastard geschenkt
hatte. Nach einer furchtbaren Szene zwischen den dreien in der Gegend von
Cham hinter dem abgebrochenen Hauptquartier des Feldherrn verließ Dighby
die deutschen Herren, verließ über Brüssel bläkend rachedürstig den
Kontinent.
Die beiden wandten sich nach Norden, nach dem Haag, an den Pfälzer
Erzratgeber, den Doktor Ludwig Camerarius. Rusdorf wollte nicht säumen,
nicht rasten; das bayrische Heer, die Wiener Tage brannten in seinem
Herzen; er trug die Flamme weiter; Camerarius hieß ihn den Dänenkönig und
den Schweden aufstacheln.
Pavel trennte sich bei der Abreise aus dem Haag von ihm; er lehnte weitere
Gesandtendienste ab; sehr freundlich und gütig sagte der schwermütige
kranke Mann zu dem springenden anderen: »Es ist gut, was der Herr vor hat,
mein Segen ist bei ihm. Doch wird er sehen, wir haben die Fortuna nicht auf
unserer Seite. Wird bald alles wieder anfangen wie in London und Wien;
werden betteln; man wird uns nichts ersparen. Ich bin dem nicht gewachsen«.
Mit vieler Liebe umarmten sie sich vor dem Postwagen; auch Rusdorf zerbiß
sich schluchzend den Mund.
Als Doktor Jesaias Leuker, prächtig in Zobel getan, einen goldenen
Gnadenpfennig an der Halskette, blutroten Gesichts die kaiserliche
Antikamera betrat, stand gebückt ein schwarzer ungeheurer Mann neben dem
Stuhl des Kaisers, der Beichtvater Lamormain, ein Luxemburger. Bemalte
Leinewand und bunte Tafeln waren auf dem Teppich vor ihnen hingeschichtet.
Ferdinand hielt den Kopf gesenkt, als Leuker vom siegreichen Vormarsch auf
die Oberpfalz berichtete. Als er sein mattes aufgedunsenes Gesicht ihm
wieder zugewandt hatte, sagte er halb fragend zu Lamormain und dem Bayern
zugleich: »So möge unser frommer Schwager auf dem Zuge von uns jeder Hilfe
und Vorschubs gewärtig sein«.
Und während er den Blick suchend richtete auf das Bildchen in seiner
Rechten -- die blaumantlige Maria mit dem geneigten Haupt, einen goldenen
Stern auf der rechten Schulter, in einem Schutthaufen am Tiber von
Dominikus a Jesu Maria gefunden -- war plötzlich ein Licht in ihm
erloschen; er sah sich an der Wand auf einer schwarzen Bank in einer
finsteren Kammer sitzen, sich langsam aufrichten, die Hände an die Schläfen
legen, zusammenlegen zum Gebet; und er sprach nach, ohne es zu verstehen,
was dem Gebundenen auf der Bank von den Lippen ging: »Es ist geschehen. Im
Namen des Vaters, des Sohnes, des heiligen Geistes.«
* * * * *
Aus seinem Bau, um den herum er mit Schonung fraß, stöberte das bayrische
Heer den Bastard von Mansfeld. Von da strömte ihm, wegweisend,
pestilenzialischer Geruch entgegen. Eine Seuche war in dem Lager bei
Beidhaus ausgebrochen, hatte sich mit Werbern Fourieren Streifkorps
beutemachenden Tummlern blitzartig durch die Wälder und Berge verbreitet,
zuckte unter Bauern und Knechte, gepanzerte Kürisser, Musketenträger. Aus
den Tümpeln stieg die Brut der Mücken und Stechfliegen. Unter der
schilfdurchstochenen Oberfläche der Wasser, dicht am Spiegel, hingen die
Millionen Larven wie herrenlose Naturtrümmer, gleichmäßig Luft saugend
durch ihre kleinen Atemröhren. Dick schwoll ihr Kopf an, hob sich über den
Spiegel, die Schale zitterte, knisterte, spannte sich, riß über der
Schläfe, seitlich; langsam drängte sich das lange junge Gebilde durch,
engangelegt Fühler Glieder Flügel, rastete sich spreizend, auf einem Blatt
der Wasserlinse, hing flügelspannend großbeinig an einer Schilfscheide.
Surrte in der Dämmerung aus. Die Luft mit Zirpen und feinem hohen Singen
durchadernd. Spürsame surrende Mücke mit schwankendem Ringelleib, vor sich
zwischen hauchartigen Fühlern gerade aus gestemmt den langen Stechrüssel,
der wie ein Spieß steif auf dem Köpfchen wuchs, vor dem Prellbock des
klobigen Brustwürfels. Das trug sich tausendfach, zehntausendfach,
millionenfach durch die Abendluft mit gläsernen Flügelchen. Setzte sich an
den Mund, an die Stirn, auf die Hand, die ein Brot brach, an den Hals,
zwischen den geschnittenen Bart des Kornetts und Rittmeisters und die
venetianischen Kragen. Riß sich einer, vom Pferde springend,
schweißbegossen den Wams auf, kühle Luft gegen nasse Brust gehen zu lassen,
so krallte das kleine Flügelwesen ungesehen an die warme Haut, sog sein
Tröpfchen Blut, speichelte im Biß ein Tröpfchen Gift ein. Dann konnten die
Soldaten auf ihre Jagd gehen, die Leute an Torsäulen und Brunnen aufhenken,
das Vieh forttreiben, gewaltig prassen --, inzwischen liefen die Fieber
durch ihre Körper, Abend um Abend, verwandelten ihr Blut in einen
tropischen Sumpf. Kornetts mochten brüllen, den sauren Wein dieses Jahr in
Kannen schlucken, gefahrdrohend auf ihren Gäulen vor hundert Mann durch die
stillen schornsteindampfenden Dörfer segeln, Leder vor der Brust,
dichtmachende Papiere um den Hals, breitbackig und heiß auf den
übersättigten Tieren: es vibrierte in den Knieen, der Koller mußte
herunter, die Waden waren schwach, vor den Augen flimmerten Regenbogen; das
Frieren und Zähneklappern fing an, die Nacht lag man im Heu, im Bett,
drohte heiser, als wäre nichts, und tags darauf war man schwächer, von Ritt
zu Ritt gespenstischer. Und das fiel über die Obersten, die Pikeniere, wie
über die Huren und ihre Weibel. Die Seuche tötete nicht viele. Wen sie
befiel, den machte sie schwach und noch rasender, als er schon war. Wer
starb, verweste wo er fiel. Gelb, schwach lachend ging man umeinander in
der Hitze.
Bis noch das Gerücht sich verbreitete, erst im Lager bei Beidhaus, dann in
Weiden, im Markte Kohlberg, es hätten sich Leute gefunden, die ein
neuartiges Wesen von Krankheit zeigten. Pestbarbiere erzählten verstört von
Bauern, die eine neue Krankheit in ihren Betten hätten. Die Läuse fielen
das Heer an. In den geraubten Wämsen Leintüchern Betten Pelzen Schabracken
wuchsen sie an den Söldnern hoch, die im Schmutz der Wälder und Straßen
verkamen, machten feuchte und trockene Krätzen; bei sehr vielen geschah es
unversehens, daß das tierische Gift sich in ihre Adern senkte. Sie begannen
irre und fiebrig zu reden, manche zu rasen, Ausschläge bis zu Erbsengröße
erhoben sich auf der zerbissenen Haut, Blutflecken sprossen in
grausenerregender Weise hervor; schlafsüchtig, taub gingen sie, wo sie sich
hingeflüchtet hatten, gemieden, eingesperrt, dazu verhungert zugrunde.
Ohnmächtig sprachen die gelehrten Schüler des Paracelsus von den
merkurialisch-schwefligen Zeichen der Seuche, von den
merkurialisch-salzigen, dem Heißhunger, den Harnbeschwerden, der
Wasseransammlung in den Beinen, Blutspeien, Brustgeschwulst, Melancholie.
Eine Verwarnung Maximilians ging an sämtliche Stände der Oberpfalz ging dem
drängenden Heere voraus. Stark, gut gewaffnet, wohlstaffiert rückten die
Söldner vor; man sah ihnen das Geld an, das der zusammenraffende Herzog an
sie gesetzt hatte. Da wich der geschwächte Mansfeld zurück, hinter Amberg,
streckte die Pfote aus gegen Maximilian mit einem offenen Grinsen, das der
verstand. Es kostete sechshundertfünfzigtausend Dukaten, daß der Bastard
sich auf die Beine machte; mit dem gleichen Grinsen erbat er sich und wurde
ihm gewährt eine vierzehntägige Wartezeit zur Wahrung seiner Ehre, bis ein
Bescheid des verlassenen Pfalzgrafen Friedrich zur Billigung des Akkords
einträfe. Dann huschte er, das hungrige Volk hinter ihm, aus dem üppigen
Land heraus, das er nicht hatte abgrasen dürfen. Zwanzigtausend Mann hatte
er noch, fünfhundert Bagagewagen und einen starken Troß. An der Grenze des
Landes war es, wo er Dighby traf, den englischen Gesandten, der, gefolgt
von den beiden Räten, ihm vierzigtausend Gulden gab, bittend, daß er die
Pfälzer Partei nicht verlasse. Der Bastard, der verkrüppelte Wicht mit der
gespaltenen Oberlippe, der Hasenscharte, nahm an, dankte, huschte weiter.
Über die Grenze weggetrabt stieß er seinen gellenden Kriegsruf aus,
brünstiges Gebrüll der Söldner hinter ihm, die Reiter atmeten Luft.
Maximilian hatte ihn auf die Unterpfalz loslassen wollen, wo die verhaßten
Spanier saßen, denen der Bayer das Land nicht gönnte. Mansfeld pfiff; der
Rhein lockte.
Durch Ansbach Hall, über Mannheim, auf Speyer; sündhaft reich das Bistum.
Da hamsterte schon der englische Freibeuter Horatius Veer. Rasch hatte der
einen Hieb vor die Schnauze. Die Gäule in die Ställe, Muskete auf der
Schulter, Pike in der Hand, knurrend die Mägen zogen sie auf Menschenjagd.
Schossen durch die Fenster, in die Scheunen, unter die Betten. In die
Kirchen stiegen sie ein, vor den aufgesprengten Portalen machten sie die
Pulverprobe, übten Anfänglinge im Treffen auf Heiligenbilder, die
stillhielten, und schreiende Kinder. Priester samt Gemeinde schossen sie ab
von den Fenstersimsen; nachher gingen sie in die Ecken, hoben den Rest auf
Piken. Sie bestrichen ihre Schuhe mit dem heiligen Öl und Chrysam, zu
Rotten trieben sie die Weiber und Mädchen zusammen auf Marktplätze, in
Scheunen, in Waldlichtungen, verderbten sie am hellen Tag mit Unzucht. Wenn
sie sich schnaubend von ihren Späßen erholt hatten, wischten sie sich die
Mäuler, nahmen ein Bad mit den Weibern, die sie unter das blasenquellende
Wasser hielten, bis sie sich ruhig gezappelt hatten. Da wollten sich einige
üben im Menschenfleisch essen, mußten es aber zum Gelächter der anderen
aufgeben, meinten, katholisches Fleisch schmecke sauer. Wollte ein Bauer
frei sein, mußte den Kot eines anderen fressen, den der eben gelassen
hatte; ging es nicht rasch, erstickten ihn kopfüber in dem warmen Gesudel.
In der Wollust der Grausamkeit gingen sie wie Wahnsinnige herum; nicht viel
fehlte, daß sie mit den Steinen am Wege zu kämpfen anfingen, die Vorlauben
niedermetzelten, die Luft anspien, daß sie die Pferde zwischen ihren
Schenkeln mit Stichen zu Tode quälten. Junge Weibsbilder, an denen sie
ihren Mutwillen verübt hatten, lagen tagelang tot, unbekleidet, halb
verbrannt auf offenen Wegen; die Bauern in den Nachbarhäusern wurden
gehindert, sie zu beerdigen; wer sich daran machte, dem wurde der
madenwimmelnde Leichnam in die Stube gelegt. Sie konnten sich nicht lange
in den Stiftslanden aufhalten; trafen ausschwärmend bald nur leere
brennende Dörfer, flammende Kornscheuern. Einige hetzte die Wildheit, daß
sie toll gegen die heimflutenden Bauern rannten, süchtig, selber gemartert
zu werden.
Der überschäumende Mansfeld, seine blutrünstigen Horden schwangen über den
Rhein zurück nach Osten gegen den Neckar. Ein rasender anderer Rebell
erwartete sie da; der alte Markgraf von Baden Durlach. Dem hatte es die
Lebenslust weggefressen, daß er nicht Erbe sein sollte der oberen
Markgrafschaft, weil er Protestant war. Mit zwanzigtausend Mann, vierzig
Feldstücken, fünfunddreißig kleinen Geschützen, siebzig Wagenmörsern,
achtzehnhundert Wagen stand er am Tage nach Christi Himmelfahrt auf den
Höhen zwischen dem Neckar und Ballingerbach; überschüttet alle Täler und
Berge unter dem blendenden Maienhimmel vom jungen Grün, von weißer
Apfelblüte. Vor Glück wollte er zerbrechen in seiner schwarzen Eisenrüstung
auf dem gepanzerten Pferd, als drüben jenseits des Waldes die Ligisten
aufzogen, die Bayern voran; inmitten der Hakenspieße Streitäxte
Reiterhammer, des klingenden Kompagniefeldspiels schrie der Graubart, sein
schweres schottisches Schwert mit beiden Fäusten über sich hebend: »Sie
müssen unser sein! Was wollen sie gegen uns!« Einige Stunden darauf war das
Grün jung wie vorher, die Apfelblüte schimmerte wonnig, das badische Heer
zerschmettert wie loser Kalk am Boden, der alte Markgraf, von Qualen
geschüttelt, von wenigen Offizieren gefolgt, auf dem rasselnden Pferd durch
sanfte Wälder über träumende Wiesen zwitschernde Gärten nach Stuttgart, daß
sich der Württemberger seines Sohnes annähme und die Flüche auf die Bayern
höre.
Die siegesheißen Ligisten, Bayern an der Spitze, schoben sich in die
Kurpfalz; das Land wehrte sich nicht, sein Herr irrte mit der englischen
Königstochter im Elsaß herum. Die Kartaunen und Mauernbrecher der
Überwinder, zu hunderten versammelt, noch glühend wie ihre Führer, heulten
Tag und Nacht auf den Bergen vor Heidelberg; als der Sitz des flüchtigen
Kurfürsten brannte, ging ein Freudenschauer durch das Heer; über die
blanke, dunkle Platte des geschlängelten Flusses warfen sie sich.
Geplündert Heidelberg, geplündert Mannheim.
Zu dem Heere stießen Völker aus Böhmen Mähren Spanien. Und wie sie sich
gegen den Main wälzten, sprang sie der dritte Ächter an, Christian, der
tolle Bischof von Halberstadt. Der unbändige Mann konnte kaum lesen, kaum
schreiben, an seinem Hut trug er den Handschuh der schönen, flüchtigen
Pfalzgräfin. »Alles für Gott und für sie« stand auf der roten Standarte,
die seine Leibgarde trug; darauf gemalt war ein doppelköpfiger Adler, dem
rechts und links ein Löwe päpstliche Tiara und Reichskrone mit erhobenen
Pranken abzureißen suchte. Er kam stracks von Paderborn, wo er in der
Kirche die Silberstatue des heiligen Liborius umarmt hatte, dem Heiligen
dankend, daß er auf ihn gewartet hatte; er münzte ihn aus zu Trutztalern
auf die Pfaffen. Der barbarische Recke und Mansfeld, der Kobold, zogen
zusammen. Am Main prallten sie an die anrollende Heereswoge, bei Höchst
wurden sie von der Woge verschlungen.
Friedrich schickte Boten an den Bastard und den tollen Bischof, sie
möchten, sofern sie noch lebten, zu ihm kommen in das Lager von Zabern. Die
lebten beide noch. Mit niedergeschlagenen Augen, wie nach einem mißglückten
Selbstmord, fluchend haßgeschwollen schleppten sie sich auf den Muster- und
Werbeplatz in der sanften hügeligen Landschaft. In das Wirbeln der
Trommeln, zwischen die lockenden Wappenschilder, die geldtragenden
Schreibertische, in das Bänderschwingen und trotzige Rumoren der jungen
Arkebusiere tauchten sie wie lakenschleppende Gespenster ein. Man schob sie
vor ein offenes prächtiges Feld, aus dem Musik scholl. Hinter ihnen Würfel,
auf Trommeln geworfen, Rauch Bratenduft Gebrüll des Viehs. Die Musik zu
Ende, hob Mansfeld den kleinen Seitenvorhang, an dem feine Glöckchen
hingen. Hinter einem Tisch mit Weinkannen und Bechern, den abgelösten Degen
und Gurt vor sich am Boden zwischen den Füßen saß barhäuptig, das
edelgeschnittene Gesicht ihm zugewandt, der blonde Pfalzgraf,
perlmutterweiß die Haut, halbschlafend, die ausgestreckten langen Beine in
losen Stulpen, mit Spitzen verziert, die offene Jacke aus blauem gepreßtem
Samt, silberne brandenburgische Aufschläge an den Ärmeln; weiß quoll das
Spitzenhemd an der Brust und an den Ärmeln hervor. Er schien die beiden
bestäubten Herren für Traumbilder zu halten, zwinkerte öffnete schloß die
Augen. Dann riß er sie plötzlich auf, das schulterwallende Haar schaukelte
über die Backen; stellte sich, die Hand auf den Tisch stemmend, auf die
Beine, erkannte sie, streckte beide Arme nach ihnen, während ihm die Knie
zitterten.
Dann nahm er aus ihren Gesichtern sein Verhängnis hin.
Er hielt ihre Finger fest; erst als sie nicht vom Boden aufsahen, ging er
ein paar Schritt rückwärts, hob seinen Degen auf, setzte sich, ihn über den
Knien, an den Tisch; liebevoll und leise sagte er: »Nun ist wohl Zeit,
meine lieben getreuen Herren, daß ich mich für einige Weile aus dem Spiel
zurückziehe. Mein Land hin, mein Kurhut hin, meine Kinder Bettler, meine
Untertanen Papisten.«
Mansfeld zischte den langen Braunschweiger an: »Gibst du's auf, Christian?
Gehst du zu Max?«
»Spotte er meiner nicht.«
Mansfeld nach einigem Zögern klirrte dicht an den Stuhl des Pfalzgrafen,
rauh sagte er: »Kann mich nicht entschließen, dem gottverdammten Habsburg
Dienste zu tun, Herr Pfalzgraf, verzeiht mir. Muß mich entschließen, Euch
den Dienst aufzukündigen.«
Der Pfalzgraf lächelte todernst: »Nur eine Weile. Habt Geduld mit mir. Der
Dachstuhl brennt bei mir, gedenk es bald zu schaffen.«
»Bis sich der Herr erholt hat, sei er meiner, des Mansfeld, sicher.«
»Habt Geduld, Mansfeld.«
Christian kniete tobend, die Fäuste sich vor der Nase schüttelnd: »Gehört
Euch jegliches Knöchelein meines Leibes, Herr Pfalzgraf. Ist noch nicht
aller Tage Abend. Bin selber krank, bis ich nicht in Papistenblut gebadet
hab.«