Starr: »Sie wissen? Auch das?«

»Sie halten den Krieg für unvermeidlich.«

»Nein, nein. Sie lassen mich in Maximilians Gewalt. Sie helfen mir nicht.

Ihnen liegt nichts daran, mich und das Haus zu retten. Es gibt nichts

Unvermeidliches. Sie haben sich noch nicht von ihren Stühlen bewegt. Dighby

ist hingefahren. Er tut etwas. Was tun sie? Sie nennen sich krank und sind

es nicht. Sie verschwören sich gegen mich.«

Der alte Frey schüttelte den Kopf: »Die Herren tun nicht gut an Eurer

Majestät.«

»O, du bist ja der einzige. Bist du der einzige, sag ihnen, steck ihnen zu,

sieh zu, wie du's kannst; was soll ich denn machen, mir ist der Mund

geschlossen, ich kann nicht zu ihnen, du hast ja recht. Aber: es sei nichts

geschehen damit, mit der Rebellion. Nichts. Sie sollten sich Dighby

ansehen, er ist ein Fremder, ein Brite, und tut mehr für mich als sie.«

Ernst nahm Frey das hin.

* * * * *

Das Audienzgesuch der fünf Herren lag vor. In den Kaiser aber war der Zorn

gedrungen, nicht über die Herren, sondern über die Knechtung, die diese

Sache über seine Seele ausübte. Seine Augen Porzellanschälchen mit

blaßblauen Rundungen bemalt, hell, fast weißlich. Wenn die kleinen Pupillen

sich verengerten, gaben die Augen noch mehr Licht ab. In dunklen Gängen,

auf Treppen nachts schwebten sie wie zwei Kelche nebeneinander.

Seine glashellen Augen belehrten den alten Frey rasch: der Kaiser heischte

die Herren zu sprechen.

»Was begehrt ihr von mir?« schrie er sie ohne Form an.

-- Sie wollten als berufene Ratgeber der Krone ihre Stimme erheben.

-- Wenn der Kaiser ihren Rat wünsche, werde er ihn einfordern; er vermöge

zu denken; man möge nicht glauben, er brauche das Gängelband.

-- Das Vertrauen des Kaisers zu seinem Geheimkolleg hätte sich zu ihrem

tiefen Gram getrübt.

-- Der Kaiser bete zu Gott und den Heiligen; er sei nicht mehr unbeschützt;

er würdige die Herren nach Verdienst.

-- Das Geheimkolleg fühle schmerzlich, aber doch mit einer gewissen

Befriedigung, daß die Majestät ihrer nicht mehr bedürfe.

-- Er werde sie gehen heißen, wenn es ihm beliebe. Sie möchten sich des

nicht gewünschten aufsässigen Tones entschlagen. Ob man nicht wisse, wer

Kaiser sei, er, Ferdinand der Andere von Habsburg, oder Hans Ulrich von

Eggenberg oder der kleine Trautmannsdorf.

Zu Boden neigte sich Trautmannsdorf; sie hätten den Spott nicht verdient;

der bayrische Herzog reibe sich an Habsburg; sie wollten ihm das wehren;

sie hätten den Spott nicht verdient.

Lippenbeißend stand Ferdinand da: »Ich werde mit Euch reden, Graf

Trautmannsdorf, wenn wir zu zweit allein sind. Jetzt muß Euer Kopf sehr

heiß sein.«

Dem glühten die Augen im Kopf; unwillkürlich machte er einen Schritt

vorwärts.

»Blickt zur Tür,« brüllte der Kaiser, »blickt zur Decke, wagt nicht, mich

so anzugaffen. Ich rufe die Wache und lasse Euch in Eisen werfen. -- Ich

will Euch nicht hören, Euch allesamt nicht. Ihr seid meine Feinde; wie wagt

Ihr es, über Max zu reden. Geht hinaus! Thornradel! Zum zweitenmal! Habt

Ihr nicht etwas in der Tasche, ein Schriftstück, das ich unterschreiben

soll? Seht Ihr nicht die Kette an meinem Hals, mit der Ihr mich erwürgen

wollt. Ich will Euch nicht sehen.«

Tiefblaß, zähnebeißend, gab Trautmannsdorf den andern einen Wink mit den

Augen.

Vom Schreibtisch zurückkehrend fragte Ferdinand, wer von den Herren zu

dieser Audienz geraten habe. Als Fürst Eggenberg sich nannte, bedachte sich

der Kaiser lange: »Ich will den Herrn anhören. Der Herr erwäge aber, mit

wem er spricht, und erwäge jedes Wörtlein.«

Der sprach. Als er geredet, hatte er keinen Satz gesprochen, der nicht klug

und vorsichtig schattiert gewesen wäre und dem Kaiser nicht jeden Weg zum

Nachgeben geöffnet hätte.

Ferdinand trank seinen Wein; eine Zeitlang drehte er den Herren den Rücken

halb, scheinbar ins Glas blickend. Er war tief beschämt. Er war von

namenlosem Grimm auf Maximilian erfüllt.

Die Herren boten ihm ihre Hilfe gegen den Bayern an; sie durchschauten ihn;

er war nicht mehr ihr Kaiser; er mußte ihre Hilfe annehmen.

Er sagte, wer von den Herren noch etwas hinzusetzen wolle, möge sprechen.

Er ging auf und ab, um eine grüne Marmorsäule. Als er sie mit der schlaffen

Hand berührte, sah er in der blanken Fläche sein langes, hochgezogenes

Spiegelbild. Er erschrak, das Bild taumelte seitlich herunter, er ging

weiter.

Eggenberg erklärte, Rat und Kammer würden unverzüglich das Nötige zur

Übertragung der Kur an Bayern bereitstellen. In Verwirrung, zermahlen und

zerfasert, konnte Ferdinand nur lächeln. Er reichte jedem die Hand. Sie

wußten angesichts seines zerstreuten Gebarens nicht, ob sie entlassen

waren.

Bis er aufblickte und ihnen zunickte, die Arme über die Brust

verschränkend.

* * * * *

Was Ferdinand tags drauf nach langem Sinnieren und Seufzen begann, war ein

überstürztes Briefschreiben und Kuriersenden nach der Stadt, deren Name vor

seinen Augen brannte. Hatte er einen Brief beendet und verschlossen, so war

er für Stunden ruhig, in denen er sich labte, um die Auseinandersetzung

wieder zu beginnen. Es mußte leise alles vor sich gehen, weder

Obersthofmeister noch Beichtvater noch Geheime Räte durften etwas erfahren,

geräuschlos rasch ohne Pausen sollte alles hinter ihrem Rücken vollendet

werden. Er trug eine kleine Schreibtafel am Gürtel, die er nicht einmal

seinem Leibkammerdiener abtrat; und während der Tafel ereignete es sich

bisweilen, daß er in tiefer Umwölkung Notizen aufmalte. Seine Stimmung war

heiterer als vorher, aber leicht erregt und gespannt. Wieviele Briefe er an

Dighby schrieb, allmählich, von Tag und Nacht zu Tag, wußte er nicht. Es

war ein Schwall, während er glaubte, eben begonnen zu haben. Zuerst war es

Dighby, der Graf von Bristol, ein vor kurzem neu eingetroffener britischer

Sondergesandter, mit einem rauhen Wesen, blutrotem Gesicht, häßlichen

aufdringlichen Blicken, einer Ischias, dem er schrieb. Bald setzte er sich

mit einem andern auseinander, der für ihn in München im Geheimen wirkte,

sein eigner vertrauter Sondergesandter, sein intimer, unausgesprochen ihm

anheimgegebener Freund, sein Glückswunder. Von Tag zu Tag war diesem mehr

zu sagen. Er mußte die Briten aufklären und doch nicht aufklären, ein Brief

sagte zu viel, einer zu wenig. In München mußte Dighby gehört haben, was

geschehen war; aber es war nicht so geschehen, er hatte mit ihm kein

Doppelspiel getrieben, indem er ihn zur Vermittlung ermutigte, und doch war

alles schon gebunden und nicht mehr auflösbar und neu zu knüpfen. Er mußte

ihm zu verstehen geben, zwischen den Zeilen, daß es ganz anders war, daß er

sich nicht gebunden hatte, sondern daß er einmal gefesselt worden war, in

einem verwirrten betäubten Augenblick, in dem er nicht rechnen konnte oder

wie es sonst gewesen war. Daß er damals sonderbar eingeschüchtert worden

war von Bayern, nachgab, seine junge Kaiserwürde schon verloren glaubte,

sich aus Scham nicht hatte offenbaren können. Das mußte schmeichelnd in

halber Abbitte zwischen den Zeilen geseufzt werden. Und gebeten werden um

Befreiung -- jedoch nicht zu deutlich, denn man war Römische Majestät und

jener Brite, und ein Ungläubiger. Mit Politik mußte alles versteckt und

maskiert werden; welches lebhafte Interesse mußte nicht England haben, den

Bayern zum Nachgeben zu zwingen, um des pfälzischen Kurfürsten, des

englischen Schwiegersohnes und seiner Kinder willen; ja Ferdinand ging so

weit, durchscheinen zu lassen, daß er appellieren möchte an das Interesse

Englands, eine starke protestantische Partei auf dem Festlande zu haben;

schmerzlich und grausam weh tat ihm diese Bemerkung. Er hielt diesen Brief,

vor dem er sich selbst entsetzte, lange zurück, trug ihn bei sich, mußte

ihn von sich reißen, um ihn seinem alten Frey in die Hand zu drücken. Jeder

Brief erklärte neu, kühner. Und er erwartete keine Antwort, dachte nie

daran, was Dighby meinen würde, glaubte jahrelang mit ihm umgegangen zu

sein.

Eggenberg, dessen Haus durch einen Geheimgang mit der Burg verbunden war,

staunte, als der Kaiser öfter unversehens mit geröteten Wangen freudig und

müde bei ihm erschien, gedankenlos plauderte, sich an sein Bett setzte,

eine große Zärtlichkeit gegen ihn und andre an den Tag legte, daß er

Gnadengeschenke verteilte, ohne sich um Gurlands Bedenken zu kümmern; er

beschenkte Gurland selbst noch.

Die Briefe aber liefen alle durch die Hände des feinen gewissenhaften und

automatischen Gelehrten Kaspar Frey. Dieser hatte keine Neigung, sich zu

lebhaft in die Geschäfte seines Herrn zu mischen; sein Respekt war zugleich

Bequemlichkeit; ein Schutz vor übermäßiger Inanspruchnahme. Ihm fehlte die

Herzlichkeit; sein scharfes Urteil war im Laufe der Jahrzehnte eingerostet

im humanistischen Spintisieren über Virgil und Sueton. Für Ferdinand war

das Geheimnis des Briefes vollendet mit dem Binden des Fadens, gelegentlich

siegelte er. Das Übrige vertraute er Frey an. So kamen ein zwei

ungesiegelte Briefe den üblichen Weg in die Hände des Obersthofmeisters,

der bei der Auffälligkeit der Situation, der Häufigkeit von Briefen an

diesen englischen Empfänger, Verdacht schöpfte, heimlich einen las, ihren

Inhalt auf der Stelle dem verblüfften Eggenberg mitteilte, bevor er den

kaiserlichen Siegel beifügte. Eggenberg wagte angesichts des unglaublichen

Vorfalls nur noch den höchst verschwiegenen Abt Anton ins Geheimnis zu

ziehen; Behutsamkeit schien ihm das Wichtigste für den Augenblick. Sie

kamen in der stillen Behausung des Abtes umeinandergehend überein, nunmehr

planmäßig jeden Brief zu öffnen aufzufangen und entsprechend seinem Inhalt

zu handeln. Der Obersthofmeister hatte schon unabhängig von ihnen die

Öffnung der letzten Briefe vorgenommen; jetzt erfolgte dies im

verschlossenen Dienstzimmer des Meggau in der Burg vor den beiden Geheimen

Räten. Es schien einmal, als hätte Ferdinand Verdacht geschöpft, sein

Kurier lief unprotokolliert durch; da ließ ihn Meggau auf der Straße hinter

Wien niederwerfen von gedungenen Zigeunern; dieser Brief enthielt den

erschreckenden Hinweis auf das evangelische Interesse des Königs Jakob. Es

schlug dem Faß den Boden aus. Man konnte nicht ohne Trautmannsdorf weiter.

Erstaunlicherweise zeigte der sich gar nicht verwundert, schien etwas

ähnliches vermutet zu haben. Nach seinem Rat wurden alle Briefe

durchgelassen, aber dauernd die Kuriere auf den Straßen niedergeworfen und

beraubt; dem Kaiser sollte Mitteilung werden von der Unsicherheit der Wege

durch malkontente Ungarn und entlassene Söldner.

Furchtbar, unerwartet schwer traf dieser Bericht den versunkenen, ja

zärtlich ausgeglichenen, verspielten Kaiser. Jäh brüllte er, man

vernachlässige die Sicherheit seiner Korrespondenz. Steif und kalt standen

vor ihn gerufen Eggenberg und Trautmannsdorf, entschlossen, nichts zu

antworten. Es fehlte nicht viel, daß der Kaiser sich zu direkten Drohungen

gegen sie herbeiließ. »Man hat Interesse an meinen Briefen,« schrie

verzweifelt Ferdinand. Er konnte nicht fassen, daß die Worte, die er mit

Liebe gemalt hatte, vor nichtswürdige berechnende Gesichter gezogen waren,

auf der Straße lagen. Rasend war er; geschändet, tief beleidigt kam er sich

vor. Und im Hintergrund verstand er, was man mit ihm vornahm. Was diese

hier mit ihm vornahmen. Der jähe Umschwung ließ ihn verwirrt fünfmal

dasselbe fragen. Rasch gingen die Räte. Eggenberg war draußen im Vorsaal

leichenblaß, zitterte; er war so erschüttert, daß er nur immer sagte: »Es

muß ein Ende nehmen damit, Trautmannsdorf.« Abt Anton gab ihm bekümmert

recht. Der verwachsene Graf hielt sich still für sich; etwas Geduld; die

Situation würde sich bald klären.

* * * * *

In diesen Tagen war es, wo der Kapuzinermönch Valeriano Magno, eine Kreatur

Maximilians, seit Wochen unterwegs, am Hofe ankam, um im Auftrag seines

Fürsten die Ausstellung eines Diploms, betreffend die Übertragung der Kur

an Max zu erbitten. Schweigend verwies ihn Ferdinand an den Abt Anton

zurück, der noch erzählte, jener Mönch komme, wie verlaute, aus Paris, wo

Bayern sonderbare Fühlung mit dem Staatssekretär Puisieux genommen hätte.

»Warum nicht?« lachte stoßweise der Kaiser. »Ja, warum nicht,« bekreuzigte

sich Anton.

»Singt mir was vor,« schrie der Kaiser den Johann Valentini an; und der

Chor mußte stundenlang in der Antikamera singen. Die Sänger waren

erschöpft, der Tenor Pichelmayer versagte, der Kaiser wanderte ruhelos an

einer Wand vor einem Gobelin, welches die Befruchtung Ios darstellte, hin

und her; schwieg die Kapelle, so schrie er bald gegen die Bänke: »Ihr sollt

singen.« Er ließ sich Tirolerwein kommen; dann mußten die Streicher und

Flötisten spielen; er wurde nicht müde zu wandern. Keiner der vertrauten

Kammerherrn vermochte an ihn heran; Frey erlebte nichts als unverständliche

Jähzornausbrüche.

Wie eines Mittags Ferdinand, gedunsener Kopf, sehr starre Augen, durch ein

Fenster auf einen kleinen Burghof blickte, saß da einsam neben einem leeren

Wagen in der braunen Bergmannsgugel sein Narr Jonas auf dem Steinboden und

arbeitete etwas. Rasch schlug Ferdinand das Fenster zu, stieg, dem Diener

abwinkend, auf einer Wendeltreppe hinab. Der Hof grasbewachsen, heiß, leer.

Es lag da vor einem Schuppen ein Sandhaufen. Ohne daß der Zwerg ihn

beachtete, setzte sich der Kaiser, ohne Hut, in grauer loser Joppe, auf ein

geschlossenes Faß am Eingang des Schuppens. Es tat ihm wohl, hier zu

sitzen; wie gedrängt war er heruntergegangen; es tat ihm sehr wohl. An

einen Balken legte er den Kopf, dachte an nichts, während er gerade vor

sich blickte. Dann fiel ihm ein, es möchte möglich sein, hier zu schlafen;

schob sich tiefer unter den kleinen Schuppen, atmete tief und, wie er die

Augen schloß, schlief er schon, fest und streng, wie er begehrte. Nach

einer Weile rührte der Narr mehrmals den Schuh des Kaisers. Der Kaiser

zuckte, öffnete die Augen.

Der alte Schalk gurgelte heimlich, neugierig zudringend: »Hast mir

zugeguckt, Ferdel?«

Der rührte sich nicht.

»Gelt, hast mir zugeguckt. Sag's. Was meinst du?« Als der nicht antwortete,

machte sich der Wicht an sein Geschäft.

Nach einer Weile schwebte der Schatten Ferdinands von rückwärts über das

Zeichenbrett des Narren; der Kleine hob listig den Finger: »Gell, du hast

mir zugeguckt. Ich arbeite, ich arbeite.«

»Was ist?« Der Narr hatte auf einem Kistenbrett im Sand große leere

Folianten liegen; aus einem Krügchen goß er Tinte vorsichtig über sie,

tuschte die Tinte sorgfältig in breiten Pinselstrichen aus in die Ecken, an

die Ränder.

»Ich dichte.«

»Was ist mit der Tinte?«

»Ich schreibe ein großes Werk über die Sterne, den Himmel, die Hexen und

die Teufel. Bald ist's geschehen.«

Wie sonderbar, daß der Kaiser nicht lächelte, starr und streng auf die

Bogen sah, das Gesicht nicht verzog; er schlief wohl noch.

»Wenn die Sonne schön warm und hell scheinen wird diese Woche, ist es

fertig. Es kommt nur auf die Sonne an, Ferdel, im Dunkel geht es nicht

voran.«

»Was ist.«

»Wenn du mich nicht verraten willst, grüner Löwe, will ich's sagen. Und

wenn du mir etwas geben willst.«

»Was ist.«

Er bewegte sich vorwärts. Der Narr greinte: »Jeden Bissen schnappen sie mir

vor der Nase weg. Wenn du gestern gesehen hättest, von den Forellen. Kaum

hab ich etwas gesehen davon.«

»Komm mit.«

Weinend schleppte der Zwerg sich hinter ihn, deckte mit einem Sack alles

sorgfältig zu: »Nicht schlafen kann ich vor Kummer. Aber doch bin ich ihnen

allen über.«

Er sah den Mann neben sich strahlend an: »Ich zeig's dir. Komm zurück. Ich

schreibe ein großes Werk über die Geister. Die Weisheit muß verbreitet

werden unter die Menschen. Aber es dauert alles so lange, hab ich gesehen,

ein Buch jahrelang, jahrelang. Viele Weise sterben, grüner Löwe, ehe sie

ihr Buch fertig haben. Und darum --«

Er sah zu, wie sich Ferdinand wieder in den Sand setzte, fragte gespannt:

»Aber du verrätst mich nicht.«

»Nichts, nichts.«

»Es gibt viele, die mir alles absprechen und mich am liebsten umkommen

lassen würden.« Bang hob er den kleinen Tintenkrug unter dem Brett hervor,

wies ihn: »Sieh selber, was ich für einer bin. Mein Buch ist, wenn unser

Herr Petrus am Himmel will, bald fertig. Ich laß es dich zuerst sehen

dann.« Und der Kleine goß über einen frischen Bogen Papier einen Strom

Tinte, fing an zu wischen, entzückt plappernd: »Sieh an, wie es geht. Sieh,

wie es läuft. Ich mache es auf einmal. Da, eine ganze Seite auf einmal, aus

dem Fäßlein kommt der Brunnen. Im Nu. Gewischt in die Ecke, eins, zwei. Ich

bin nicht so dumm, mir Federchen schnitzeln, in die Tinten stoßen,

Tröpflein herausfischen. Ja, glaub's schon, kann lange fischen, bis das

Fäßlein leer ist. Und wenn das Fäßlein nicht eintrocknet, fischen sie drei

Jahre daran. Seht bei mir. Das ist der ganze Witz. Flink, hurtig, im Nu.

Sieh her, Ferdel, hier unten.«

Auf dem Sand standen sechs kleine Krüge. »Seit gestern,« flüsterte

geheimnisvoll der Schalk, deckte sie rasch zu. »Ich hol die Krüglein aus

deiner Kanzlei, sie schimpfen, daß sie weg sind; morgen setz ich ihnen mein

erstes Büchlein hin, die Krüglein daneben: werden sie Augen reißen. Ist von

Gespenstern, Hexen und allen sieben Gestirnen, hab mir weidlich alle

ausgedacht und hurtig drauflosgeschrieben. O, was sie alles drin lesen

werden; auch von dir, Ferdel, und meinen Feinden! Finden sich alle drin.«

»Nun muß ich sorgen, lieber Jonas, daß du Doktor werdest ohne Studium und

Examen.«

Glücklich, die Händchen schlagend: »O, wann gibst du mir meinen Schmaus? O,

du wirst sehen, es wird noch besser. Wenn du mich bloß nicht verrätst.«

»Nur zu trinken, Jonas. Feiern wir dich auf der Stelle; zeig mir, wo es in

den Keller geht.«

»Komm, ich weis' dir's.«

Mütterlich deckte er seinen Platz ab. Dicht am Schuppen in die Mauer war

eine niedrige kistenverstellte Tür eingelassen, an sie schob er sich heran;

eine Stiege senkte sich herab; schwerer kühler Geruch schwoll herauf.

»Wo bist du, Jonas?«

»Sst. Still. Ich bin unten. Vielleicht hört uns jemand. Komm. Hier.«

»Bist du allein?«

»Nein.«

»Wer ist bei dir?«

»Der Wein, der Jonas und du. Wir alle drei.«

Der Kaiser tastete sich herunter. »Setz dich gleich hier an die Stiege,

Jonas, in den Winkel. Und laß die Tür auf, damit wir sehen können.«

»Ferdel, kannst du am Hahn trinken?«

»Hol mir einen Becher, wo du willst; leise; stehen überall Leute.«

Lange Stille in dem Dunkel. Große Umrisse von schwarzen Fässern, Tonnen,

Bottichen, Leitern lösten sich; der Keller wuchs in die Tiefe.

»Jonas!«

»Hier das artige Becherlein. Ich bediene dich.«

»Wir wollen dich feiern, Jonas, morgen schenk ich dir deinen Zuckerzweig.«

Sie tranken, tranken. Jonas lachte manchmal herausplatzend schallend, bald

fing auch der Kaiser an. Jonas schrie: »Herr Rektor, Euer Liebden haben

keine rote Robe an. Es ehrt mich nicht genugsam.«

»Jonas,« sagte nach einer Weile Ferdinand, »bring mir meinen Hund.«

Wallenstein. 1 (of 2) · 第 15 / 34 题