»Die Herren werden nachgeben müssen. Gewiß. Wir müssen zu einem Ende
kommen; das ist notwendig. Gebt nach. England braucht Ruhe.«
»Das hat der Kaiser gesagt? Der Herr schien mit einem andern Ton
herzukommen.«
»Scher euch das nicht, was für ein Lied ich pfeife. Die Herren haben
nachzugeben. Wir müssen uns gegen Spanien regen. Der Augenblick ist da.
Sonst geht's um Hals und Kragen.«
»Das hat der Kaiser gesagt?«
»Wir müssen die Hände endlich frei haben von euch. Ihr kennt unsre Lage
nicht. Wir haben genug an dem deutschen Narrengezänk. Um den Kniefall vor
dem Kaiser kommt euer Kurfürst nicht herum.«
Pavel saß aufrecht im Bett; seine Beine, verwickelt wie sie waren, ließ er
herunterfallen, die Augen des kranken Mannes glühten: »Herr, was untersteht
Ihr Euch?«
Dighby nahm den letzten Schluck, rückte leicht an seinem Hut: »Zum Gruß.
Die Herren werden nicht gefragt werden.«
Prächtig schlurrte er über die Schwelle.
Rusdorf, seinen Schemel an das Bett ziehend, mit vibrierender Stimme: »Ihr
seht, Pavel, worauf es hinausgehen soll. Es war vorauszusehen. Man will
über unsre Köpfe, über den Kopf unsres gnädigsten Herrn weg, den Frieden
schließen. Wir werden die Festlichkeit zu bezahlen haben. Es ist nichts als
ein Spiel, was man mit uns treibt in England. Die Herren treten sich nicht
die Schuhe ab für uns. Man hat uns den rohesten mitgegeben, damit wir's gut
merken. Gewiß, verlaßt Euch darauf. Es ist eine Farce, was sie mit uns
treiben, nichts als Theater, Sand in die Augen für ihr Volk, das uns wohl
will. O, wenn wir das Parlament aufklären könnten, wie sie mit uns
Schindluder treiben.«
Pavel mit glühenden Augen aufrecht: »Beruhige sich der Herr. Wir werden
antworten, ohne daß man uns fragt.«
Sanft und zage suchte Rusdorf nach seiner Hand auf der Decke: »Wird der
Herr abreisen können?«
»Ich denke.«
»Wir sind jetzt nötiger als sonst. Es wäre mir doppelt bitter, jetzt den
Herrn allein zu lassen.«
»Rusdorf, wir werden noch einmal miteinander fechten müssen.«
Der hielt sich die Ohren zu, mit verbissener Miene: »Erinnert Euch nicht.
Wir wollen unserm Herrn dienen. Wir wollen nicht an uns denken. Wie früher,
Pavel, wie früher.«
Pavel starrte vor sich mit unbewegtem Gesicht: »Ich will nach Hause,
Rusdorf.«
»Ihr sollt.«
»Ihr sollt; fahrt auch nach Hause.«
»Habt Geduld. Steht mir nur jetzt noch bei, Pavel. Wir können nicht
nachgeben. Diesen Frieden muß ich zerstören. Ich gebe ihm nicht nach, und
sollte mich der Satan selber packen.«
Nach zwei Tagen packten die Herren ihre Sachen; hoffnunggeschwellt brach
Lord Dighby nach München, der Stadt des frommen Maximilian, auf; die beiden
Pfälzer hinterher.
* * * * *
Als es ruchbar unter den deutschen Fürsten wurde, daß über den Pfälzer
Friedrich die Acht verhängt war, erschrak der alte Pfalzgraf Philipp Ludwig
von Pfalz-Neuburg in seinem sonnigen weltabgelegenen Winkel.
Zwischen seinen Schachteln mit Diamanten kramend, über geschnitzten
Kirschkernen grübelnd, die Becher aus Rhinozeroshorn abtastend und
versteckend, hörte er zitternd von dem großen Krieg, denn er war aus dem
gleichen Hause wie der glanzvolle geächtete Mann, dem der Engländerkönig
seine Tochter gegeben hatte. An seinen Ebenholzkrücken schlich er in seine
Kanzlei über weite brütende Gänge, murmelnd und händeringend seinen
Kanzler, den Sartorius aus Dillingen, zu befragen. Nichts lag ihm so am
Herzen, als daß alles im tiefsten Geheimnis bliebe, daß der Kanzler
schwiege, daß man mehrere besondere Chiffernschlüssel anlege für diese
Sache, daß auch die Söhne nicht eingeweiht würden. Besonders jener Sohn
nicht, der mit einer herzoglich bayrischen Prinzessin sich vermählt hatte,
denn dieser war stolz und ehrsüchtig, ein Habenichts ohne den Vater, immer
mit den Augen auf dem Glanz des Münchner Hofes, das versunkene versponnene
Neuburg verachtend.
»Der Krieg ist ein Totengräber,« murmelte der Alte auf der verschlissenen
Samtbank wichtig und hitzig zu dem Kanzler, »er sargt Leutchen ein, die
eben noch mit graden Beinen tanzten, und uns alte Tröpfe holt er aus dem
Kasten, lüftet uns; werden uns die Menschen, das Volk und die Stände,
anstarren, daß wir noch leben. Der Philipp Ludwig von Neuburg! Ei, regiert
denn der Wolfgang Wilhelm nicht, der wackere, der die Bayrische heimgeführt
hat? Nein, der alte Philipp Ludwig hütet noch sein artiges Gärtlein,
erfreut sich der Mispeln, Amaranthus und Tausendschöns wie immer. Sieh an,
sieh an. Hat das große Sterben abgeschlagen, das Kriebeln und das böhmische
Schafgift. Er lebt, Kanzler, ohne Zähne, am Stecken hängt er, die Finger
krumm, die Knie krumm, der Darm will nicht. Der Kopf schläft uns den halben
Tag und die ganze Nacht, kaum daß wir uns besinnen zu essen und Gott zu
loben. Wir wären schon längst tot, wenn nicht unser Kamerad wäre, der uns
ein Gläschen Wein brächte von Zeit zu Zeit und die Beine einriebe.«
»Was wird Durchlaucht tun?«
»Warten, Kanzler, wie bisher. Wir haben Zeit, wir sind ja nicht jung.
Geduld, Geduld, rennt Ihr zwanzig Meilen und keucht Euch das Herz aus dem
Mund, wir kommen noch nach. Die Welt kommt schon zu uns.«
»Ich werde auf Befehl Eurer Durchlaucht zunächst zwei Pläne entwerfen über
unsere Ansprüche an den Nachlaß des Ächters.«
Der im Wolfspelz drehte ihm schräg mit Wackeln den Kopf zu, den dünnen Mund
offen, blinzelte mißtrauisch: »Es ist nicht nötig zu planen. Was sind das
für Pläne. Aus Plänen und planen wird nichts. Hört auf mich. Man darf
nichts überstürzen. Laßt das. Seht mir zu, daß das Geheimnis gewahrt
bleibt. Schreibt nichts auf, um Jesuwillen, schreibt nichts auf.«
»Und wenn Durchlaucht von plötzlichen Ereignissen überrascht werden, von
Einmischungen fremder?«
Der zitterte, winkte mit den Armen ab, unterbrach, sich am Ohrläppchen
zupfend: »Nicht so, Kanzler. Ihr dürft nicht so sprechen. Es wird nichts
herkommen, den alten Neuburger überraschen. So weit sind wir nicht. In
dieser Weise fangen wir nicht an. Geht mir aus dem Wege mit Euren Sachen.
Grübelt nicht weiter nach. Mein Gott, ich hätte nicht darüber reden sollen.
Soll denn mein ganzes Haus umgestürzt werden. Wir müssen warten. Ich werde
Euch sagen, wann Ihr nachdenken sollt, wann Ihr mithelfen sollt.«
Abgehend streichelte er ihm den Handrücken, süßlich lächelnd, meckernd,
jammerte leise.
Der Kanzler wackelte lang und knickrig die beiden Stufen zu dem
Schreibschrank hinauf, seufzend trat er ein, spielte mit der Papierschere
am Tisch. Es war Mißtrauen, was der Fürst äußerte; innerlich fieberte der
Alte. Es sollte niemand daran teilnehmen. Ungeheuer war der Geiz des
ehemals lustigen Mannes gestiegen, was er nicht in Diamanten und
Kuriositäten anlegte, versteckte er in Eisenkästen und Kisten, die er auch
in Gärten vergrub. Er klagte über jeden Gulden, den er für Ausbesserungen
des Schlosses, neue Livreen ausgeben mußte. Ganz unfürstlich hatte er vor
einigen Jahren seine Gemahlin begraben lassen, nachdem er sich nicht
gescheut hatte zu erklären, solche Bestattung sei ihr Wunsch gewesen, der
Wunsch der Fürstin, die unter seiner Habsucht und Nörgelei allmählich
erstarrt war in dem stillen Neuburg und noch einmal wenig aufgelebt war
nach der Vermählung des ältesten Sohnes, der sich vom Hof fernhielt. Sie
wußte, daß der Pfalzgraf sie wie eine Bettlerin verscharren würde. Jetzt
konnte man ihn bestehlen, wenn man wollte; er vergaß, was er eben angriff;
die wenigen Diener, die ihm anhingen, bewahrten seine Habe, indem sie ihn
einschlossen, wo sie ihn trafen.
In den nächsten Wochen fand man den Fürsten, der Sommer und Winter in einen
Wolfspelz sich einmummte, von kleinen Zettelchen umgeben, die er gierig
aufraffte, sobald er erwachte, und sammelte, bei sich versteckte, in
Taschen, Pantoffeln, den Hosen, hinter irgendeinem Ofen, an dem er
unbemerkt vorbeiging.
Einmal kamen die Bauern vor die Schloßrampe, mit ihren struppigen Haaren,
biederen und grimmigen Mienen, plumpen Schuhen, die Hahnenfeder steil auf
den kleinen Hüten, trugen Klagen vor gegen zwei Amtmänner, einen
Rentmeister, machten große Pausen, hoben immer wieder die Hände. Es würde
zu viel schlechtes Geld ins Land geschleppt; sie wollten Salz nicht um
doppeltes Geld kaufen, sondern da, wo es am billigsten sei; die Juden
sollten vertrieben werden; der Rentmeister erhebe Wegzoll überall, aber sie
wollten nur da zahlen, wo gute Wege seien; man möchte den Amtleuten das
unberechtigte Holzschlagen in den Gemeindewaldungen verbieten.
Der Alte mit dem Kanzler auf der Rampe keifte mit den Gärtnern, daß sie die
Bauern vor das Schloß gelassen hätten, wo überall frischer weißer Sand
gestreut sei. Die Bauern sollten sich nicht beifallen lassen, denselben Weg
zurückzugehen durch den Park und alles zu verdrecken und betrampeln; sie
würden geführt werden um das Schloß herum, dann hätte einer hinter dem
andern den Küchenweg zu spazieren. »Was wollt ihr eigentlich hier?« schrie
er schnüffelnd, an seinem Ohrläppchen arbeitend, »wißt ihr nicht, wo ihr
hingehört? Warum geht ihr nicht an eure Arbeit? Ihr sollt machen und
marschieren, wo ihr hergekommen seid. Wißt ihr Tröpfe, was ihr seid?
Bärenhäuter, Fuchsschwänzer! Mir die Wege vertrampeln! Fort mit euch!
Kriegt Hunde an den Hals.«
Und während sie langsam, störrisch, mit verzerrtem Gesicht,
niedergeschlagenen Augen an ihm vorbeizogen, wie man sie führte, und sich
verneigten, schmähte der kleine Alte mit rotem Kopf auf sie und spuckte;
sie sollten nicht ihr Geld verspielen, in den Badehäusern sitzen und
schwätzen. Dardanisches Spiel, Cinque, Sesse, die Filzlaus! Die verdammten
Spötter und Schnurrer, die sie auf die Dörfer riefen, Seiltänzer
Eisenfresser, fahrende Fräulein, und die Abgaben verweigern der Obrigkeit!
Zu saufen wie Soldaten und reiche Herren!
Als sie davongemurrt waren, spie er auf den Gängen und Stiegen noch aus,
lachte schlimm; die Weiber steckten dahinter mit ihrem sündhaften Begehren
nach Putz und Quinquireleien; tut man bald gut, das Hexenvolk von den
Äckern zu verjagen. Der Kanzler, beim Durchschreiten einer Hofgalerie,
meinte leise, die Amtleute müßten höher bezahlt werden. Böse meinte der
Fürst: »Recht so, recht so. Die Herren sollen wissen, wer regiert! Nichts
da von Nachgeben. Lassen wir uns die Welt über den Kopf wachsen,
Sartorius?«
Brummelnd meinte er etwas von dem böhmischen Schafgift, das ihm nichts
angetan habe.
Am Geländer stand er auf seinen Krücken fast eine halbe Stunde, vor sich
zischelnd, den Kanzler nicht beachtend, lebhaft gestikulierend. Zog seinen
Mantel fest, sah an dem Kanzler auf. In der Kanzlei, mit flüsternder
Stimme, gab er dem verblüfften Mann Befehl, alles stehen und liegen zu
lassen; in einer Woche wolle er mit ihm eine Reise antreten.
Philipp Ludwig verabschiedete sich nicht von seinen Söhnen; es hieß, er
mache einen Jagdbesuch bei seinem Nachbarn, dem Markgraf von Burgau. Unter
dem Kopfschütteln des Haushofmeisters und allen Hofgesindes bestieg er mit
fünf Mann Gefolge die Reisewagen, nachdem er noch schniefend dem Vertreter
des Kanzlers Acht empfohlen hatte »auf die arglistigen Bauern«. Soviel Geld
und Pretiosen er im Gepäckwagen transportieren konnte, nahm er mit;
heimlich schlossen sich eine halbe Tagereise hinter der Stadt zwei Rotten
Berittene an, die er gedungen hatte als Geleit. So zog er stattlich durch
die Grafschaft Scheyern Pfaffenhofen. Dort brach die Achse des Gepäckwagens
vor dem Krug. Geschrei Lamentieren des Fürsten, der tiermäßig vermummt sich
nicht bewegen konnte unter seinen Pelzkappen, gestrickten italienischen
Hemden, wattierten Wämsern, Strümpfen aus Lammfell. Seine Furcht, die Sache
könnte ruchbar werden, man könnte Verdacht schöpfen in Neuburg, die Söhne
könnten etwas merken, die Berittenen könnten den Gepäckwagen plündern.
Verängstigt schnaufte er aus seinem Fellhaus heraus mit dem steifen stummen
Kanzler, ob man die beiden Rotten nicht fortschicken solle; man hätte den
Bock zum Gärtner gesetzt; aber dann sei man den wartenden Soldaten und
Fechtbrüdern ausgeliefert. Er gab dem Kanzler ein Galgenmännchen in die
Hand, er selbst umklammerte mit jeder Faust zwei: »Greift sie fest, daß
nichts geschieht.« Die Berittenen mußten sich, als die Achse gestützt war,
vierzig Schritt hinter dem Wagenzug halten. Über Dachau Nymphenburg näherte
man sich nach zwei Tagen München. Der Pfalzgraf, übergeschäftig,
hocherregt, wagte sich aus seinem tierischen Kerker heraus,
schweißbegossen, bisweilen völlig wirr im Wagen nach vielem Schwatzen
Disputieren und Aushorchen legte er als seinen neusten Trumpf hin, daß man
in München nicht so kurzerhand vorgehen könne, wie wenn es sich um die
Privatsache von Hinz und Kunz handle, daß man nicht so einfach gerade
ausgehe, seine Kammerdiener und Läufer schicke, sich von einem Hofmeister
ein Losament anweisen lasse, einen Besuch abstatte, Gegenbesuch erfolge,
Geschenke Gegengeschenke Besprechungen Banketts Zechereien des Gefolges,
Ausritte Karussells. Dabei bringe man eine Sache von solchem Gewicht leicht
ins Lächerliche, bringe sie zum Versanden zwischen lauter Gerede und
Höflichkeit.
Kurz und gut, er sähe gänzlich ab von einer persönlichen Rücksprache mit
dem Herzog Maximilian, gänzlich und überhaupt.
Was dann nun sei, geschehen solle, sann besorgt der Kanzler; so müsse man
wohl umkehren. Also, fuhr der Pfalzgraf fort, er sähe gänzlich davon ab. Er
für seine Person. Es sei seine Ansicht, durchaus seine Privatsache. Er
hindere niemanden, eine abweichende Ansicht, Meinung zu haben; im
Gegenteil, es sei jeder sogleich verpflichtet, sie vorzutragen, zu
vertreten. In ihm war kurz vor dem Ziel, vor dem fernen Blinken der
Liebfrauenkirche die entsetzlich beschämende Furcht aufgetaucht, der ganzen
Situation nicht gewachsen zu sein; die Persönlichkeit des Bayernherzogs
drohte; ihm graute davor, sie könne sich an ihm, dem Neuburger ehrwürdigen
Pfalzgrafen, vergreifen, irgendwie ihm respektlos begegnen. Er fühlte sich,
noch nicht eingetreten in die Stadttore, überwunden von Widerwillen, einem
Durcheinander peinlicher Bilder; sah sich schon auf einem Sessel in der
feierlichen bayrischen Residenz, schwerhörig wie er war, unfähig den
Spitzen und Feinheiten von Maximilians Worten zu begegnen; ein ängstigendes
Schauspiel.
Er ließ sich Kissen in den Rücken schieben, die Vorhänge schließen, einen
langsamen Schritt anschlagen. Diese Trockenheit in Bayern, klagte er. Er
werde jedenfalls, wenn es denn sein solle, den Maximilian im Hintergrund
beobachten fassen erwischen. Dabei blinzelte er seinen gespannt
nachdenkenden Kanzler, die trübe ehrliche Gestalt, an, ob der ihm nicht
irgendwie zuvorkäme. Der rang die Hände, hatte einen heißen Ton in der
Kehle: »Was machen wir, Durchlaucht? Mein Heiland, die ganze Fahrt, die
lange Fahrt; und Durchlaucht werden erschöpft sein.«
»Ja, erschöpft. Er hat es gefaßt, Kanzler. Ich bin erschöpft. Mehr als das,
völlig unbrauchbar. Mir fehlt nur das Bett. Ich bin ein alter Mann.«
Er bat auch um das Kissen des Kanzlers: »Ihr seid ein verständiger Mann.
Ich hätte keinen bessern mitnehmen können. Wir werden ein wenig
schlummern.«
Während der Kanzler entsetzt Minute nach Minute zählte, sie sich den
nördlichen Stadttoren näherten, schlummerte der Fürst oberflächlich,
murmelte befriedigt, man dürfe in keinem Fall Dinge überstürzen; jeder
sehe, daß er müde sei; er möchte das Weitere übernehmen. Als er zwischen
den leicht gehobenen Lidern den Blick des Kanzlers erkannte, wiederholte er
sanft: »Übernehmt nur das Weitere. Ich werde Euch Vollmacht erteilen.«
»Aber Durchlaucht.« »Kanzler, Ihr braucht mich gar nicht viel fragen. Ich
habe Vertrauen zu Euch; ich hatte es schon immer, konnte es nur selten
offen äußern. In den Jahrzehnten, die Ihr um mich seid, habt Ihr die
Grundsätze meiner Regierung genugsam kennengelernt. Ihr habt Euch längst --
ich weiß ja, seid nicht zu bescheiden -- alle Selbständigkeit in den
Regierungsmaßnahmen erworben.«
Der wand sich, verneigte sich, errötete, hob die Finger an die Schläfe.
Der Fürst ließ den Wagen halten, schlief eine halbe Stunde. Er lächelte im
Weiterfahren erquickt den andern an: »Ich habe, wenn ich Euch gelehrten und
wohlerzogenen Mann betrachte, die wirkliche und ehrliche Meinung, daß Ihr
die Neuburger Regierung ganz in meinem Sinn führen könntet. Als Nachfolger
könnte ich mir niemand lieber wünschen als Euch. Wie schlapp bin ich. Doch
ein müdes, morsches Haus.«
Als der Kanzler gebeten hatte in seinem Schreck, neben dem Wagen spazieren
zu dürfen -- er gedachte Zeit zur Überlegung zu gewinnen, indem er das
Tempo des Wagens verlangsamte -- blickte ihn der Alte, drin
langhingestreckt, den rechten Arm anhebend, listig an; ob er auch das
Galgenmännchen ordentlich drücke; dies sei die Hauptsache; dann passiere
nichts; Maximilian trage wohl keins; da sei man ihm über. Im übrigen wisse
er etwas; das Einfachste sei, der Kanzler vertrete ihn beim Herzog. »Tretet
ihm ruhig entgegen. Lasset Euch von seinen Praktiken nicht imponieren. Ihr
fühlt ihm auf den Zahn; wie leicht ist das. Übermorgen kehren wir heim oder
einen Tag später, wenn das Wetter gut bleibt.«
»Und Ihr, Durchlaucht?«
»Und ich? Wir sind hier Fremder, ein Gast des Neuburger Pfalzgrafen. Macht
Euch darum keine Sorgen. Ich werde Euch Direktiven geben, wenn ich mich
restauriert habe.«
Wieder rang der die Hände, es ginge nicht, der Fürst als sein Begleiter, es
ginge wider den Respekt, um Himmels willen, welche Verirrung, welche
Verwirrung, welche Herausforderung göttlichen Grolls.
»Mein Lieber,« gähnte gutmütig der Fürst, die Augen geschlossen, »wage Er
es nur. Wir befehlen es Ihm, und so ist Er jeder Verantwortung vor
göttlicher und menschlicher Behörde ledig.«
»Aber um Jesu willen, der Respekt, der Respekt vor Eurer pfalzgräflichen
Gnaden. Was soll der Herr Herzog in Bayern und ihr erlauchter Hof von mir
denken, daß ich glaube, im Namen des Neuburger Fürsten selbständig
verhandeln zu können.«
Befriedigt nahm das der Pfalzgraf an; es werde nicht peinlich sein,
jedenfalls nicht sehr; er werde alles in die Wege bringen, freilich etwas
peinlich bleibe es. »Gegen Euer Durchlaucht Haus, gegen die Anverwandten,
die hohen Vorfahren.« »Freilich, es ist peinlich, bitter peinlich. Es ist
ein Unrecht gegen das Haus. Aber es muß sein. Wir verantworten es. Wir
befehlen Euch, uns während unsrer Schwäche nach Vermögen zu vertreten.«
Ruhelos trabte draußen der Kanzler; in einem plötzlichen Entschluß küßte er
die auf dem Wagenschlag ruhende runzlige Hand des Alten, demütig, tief
demütig innerlich um Verzeihung bittend für alles Zukünftige.
Die Reiter abgedankt, am Abend am Schwabingtor von der Torwache
eingelassen, vom Schreiber vermerkt als Neuburger Kanzler Sartorius nebst
unterschiedlichem respektierlichem Anhang bezogen sie Quartier in der
berühmten Herberge »Der Strauß«. Tapsig schritt der Fürst neben seinem
verlegenen Kanzler her in unsäglichem Behagen. Er lachte kräftig, wie er
sah, daß man dem Heiligen Benno hierzulande in der Frauenkirche täglich
mehrere Zentner Kerzen verbrannte. Am Weinmarkt stand das mächtige
Landschaftshaus. Der Geheime Rat Jocher nahm im Alten Hof, in einem Gemach
der Hofkriegskammer, den Vortrag des Neuburgers entgegen; recht wenig
Haltung zeigte der Kanzler vor dem starken großen würdevollen Mann, der ihn
mit überlegener Höflichkeit zur Stiege begleitete.
»Wir bleiben bis zum Bescheid,« erklärte Philipp Ludwig. Eine Mietssänfte
führte ihn den halben Tag durch die Stadt; der Fürst kam nicht aus dem
Lachen heraus. Wie sie alles zeigten, nichts versteckten: Bilder
Schmuckwerk Tapisserien, Bauten über Bauten, vierstöckige Häuser,
Prunkfassaden, Kirchen voller Reichtümer. »Haltet den Beutel zu,« kicherte
er abends dem Sartorius in der Schlafkammer zu, »was gibt es für Narren.
Unser Neffe Maximilian hat viel Geld, schönes schönes Geld. Seht an: er
verdient es nicht. Er wirft es weg.«
Aus der mürrischen einsilbigen Äußerung des Herzogs machte Jocher die
umständliche Belehrung an Sartorius, der sie ehrerbietig entgegennahm, daß
die Kur nach Ächtung des Pfälzers natürlich an den Kaiser zurückfalle, der
sie weitergebe; gäbe er sie dem erklärten Ächter nicht wieder, so einem
Bruder, einem bestimmten nächsten näheren Anverwandten, und so fort. Sei
alles Sache des Kaisers und der Hofkammer; diese gelehrte Institution
verdiene jegliches Vertrauen; möge jeder gewiß sein, daß sein Recht dort
und bei Erwählter Römischer Majestät ruhe wie in Gottes Schoß.
Jocher schickte vor dem Abschied, da er bei einem Gegenbesuch einen alten
einfältigen Gesellen als des Sartorius Reisebegleiter im »Strauß« antraf,
einen gewandten bessern Mann, der München kannte. Dieser setzte sich, grob
wie er war, nachmittags ohne weiteres in der Kammer des Fürsten fest, warf
die kostbaren Kisten die Treppe herunter auf den Vorflur, lachte den vor
Zorn stammelnden, der abends angetragen wurde, samt dem völlig rat- und
hilflosen Kanzler, schallend vor dem Gesinde aus, ja verhöhnte ihn, als er
ihm zitternd befahl, die Kammer zu räumen. Hin und her lief auf dem Flur
der Pfalzgraf nachts in seiner Wut, wurde nach lebhaftem Wortwechsel von
dem Kavalier vor die Tür gesetzt, in der Nachtmütze, Kerze in der Hand,
Schlafrock um den Körper. Die Nacht über saß er betäubt auf dem
Treppenabsatz, beim ersten Hahnenschrei wurde das Tor von Frauen geöffnet,
die in die rückwärts gelegenen Stallungen mit Kannen und Eimern schlurrten
und vor ihm aufschrien und noch Zeter schrien, als er schon in der
ehemaligen Kammer seines Kanzlers sich Knie und Schenkel rieb, heftige
leise Selbstgespräche führend gegen den Kavalier. Entschieden verbat sich
aber der Fürst am folgenden Tage von Sartorius jede Beeinflussung des
Kavaliers; er wahre seine Rechte selbst, wünsche nicht bevormundet zu
werden; damit ordnete er die sofortige Abreise an.
Zwei Stunden weit hinter München geleitete sie der Münchner mit fröhlichem
Geplauder und Späßen. Es bereitete dem Herrn ein rechtes Gaudium, den alten
fremden Gesellen zu malträtieren. Zu einer förmlichen Pufferei Knufferei
hinter dem Rücken des Kanzlers kam es, der verzweifelt vieles davon
beobachtete, durch die Winke Philipp Ludwigs bedeutet wurde zu schweigen.
Seitwärts bog dann der Wagenzug des Fürsten in ein lichtes Gehölz;
stundenlang schlief er weich auf Bettpolstern unter dem Wagenplan, nachdem
er sich gierig sattgegessen getrunken hatte. Nach dem Erwachen fragte er
nach den Geschenken, die Sartorius in München empfangen hätte. Im Gras
wurde vor ihm ein Kistchen geöffnet; es schälte sich aus eine silberne
Aderlaßschale, eine hohe Majolikavase, ein Löwe als Lichthalter aus
vergoldeter Bronze. Er drehte die Stücke nach allen Seiten, beklopfte sie,
daß das Heu abfiel. Nachdem er das Einpacken beaufsichtigt hatte, in sein
Pelzwerk eingeschlagen, auf seinen Wagenplatz gehoben war, die Berittenen
antrabten, gab er Befehl nach Regensburg. Seine Augen blitzten: »Meint Ihr,
mich hätte das erschreckt mit dem Hundsfott? Die Antwort meines Neffen
Maximilian hat mich genugsam in jeder Minute belustigt. Was tut der Herzog
anders als ausweichen. Totschweigen ist die Taktik dieser Welt, wenn es
sich um rechtmäßige Ansprüche handelt.« Er kicherte fröhlich: »Geh nach
Hause, hat mein Neffe gesagt; wenn man alt ist, tut man nichts Gescheiteres
als sterben. Neuburg ist so schön, hat so schöne Gärten, Lauben, Äcker,
soviel Vieh, und an Kühen fehlt's nicht für Butter und Sahne und Milch. Die
Wälder stecken bis Burgau und Dillingen voll Hirschen und Fasanen; Forellen
schwimmen in den Bächen, und die Hechte und Karpfen. Geh nach Hause, sieh
dir deine Brillanten an.« Er rieb sich die Nase, brummelte aus seinem Sack:
»Schlau geantwortet, Herr Max in Bayern. Hat der Herr Sartorius etwas
Auffälliges gesehen in seiner Stadt München?« »Genugsam, Durchlaucht.
Reichtümer in vieler Form.«
»Und was hat er davon gedacht?«
Der Kanzler schwieg, er freute sich, daß sein Herr prahlte.
»Empörung habe ich gedacht. Ich lobe den Krieg. Der Krieg scheint mir doch
mehr Gerechtigkeit zu haben als das Wiener Gericht: seht mich. Wäre nicht
dem unruhigen Pfälzer die schwere Prager Schlacht begegnet, so -- ja, so
wäre ich schließlich doch gestorben, es wäre mein fleischliches Los
gewesen. Und hätte bis zu meinem Tode mich glücklich vermeint, weil ich
meine Hand bis an den Knöchel in eine Schachtel mit Edelsteinen stecken
kann. Statt dessen --« Giftig blickte er hervor, er spie über den
Wagenschlag.
Der Kanzler verneigte sich: »Es war ein Glück, daß Durchlaucht nicht offen
in München erschienen sind.«
»Es hätte Skandal Schlägerei gegeben in offenem Gespräch beim Herzog.«
Er wog die Geschenkkiste in der Hand, fragte mißtrauisch, ob Sartorius
nicht vielleicht noch eine zweite empfangen hätte, vergessen.
Philipp Ludwig fuhr nach Wien völlig unangemeldet, die Namen der Geheimen
Räte und Kämmerer, ihre persönlichen Verhältnisse waren ihm unbekannt;
gedachte wie Blitz und Donner dort einzuschlagen; es bedurfte keiner
Vorbereitung zur Entladung.
Auf das Schiff, das ihn die Donau hinuntertrug, stellte er offen auf Deck
sein Wappenschild. Sehr wenig adlig zog er, vor Wien aussteigend, gegen die
Stadt; ingrimmig knurrte er gegen Sartorius: »Ich komme von Rechts wegen.
Lasse sich der Herr das nicht grämen.«
Die erste Erkundung, die er einzog, war am Stubentor, wo ein großes Bad
war. Dort hinein schickte er einen Kammerdiener zu dem Badmeister,
vertraulich auszufragen, wo sich an einer der Hauptstraßen oder Märkte eine
nennenswerte Herberge fände. Der Badmeister, auf den Klang des Namens
Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, ließ sich nicht verdrießen, den Topf Wasser,
mit dem er die heißen Steine besprengte, auf die Fliesen zu stellen,
halbnackt, den linken Arm voller Badewedel herauszutreten vor seine Tür,
dem eingepelzten mürrischen Herrn tiefe Verbeugungen zu machen; das
schäbige Gefolge stieß ihn sogleich ab; er mußte sich lange auf ein
vornehmes Losament besinnen. Sein muskulöser Gehilfe, halbnackt wie er, kam
hinzu. Der schwang sich auf einen dicken scheckigen Gaul, den er für einige
empfangene Heller an der Mähne aus dem Stall zog; ungezäumt ritt er der
Sänfte mit den beiden Fremden -- die Kammerdiener zogen durch den Kot und
Morast -- voraus, sein Badelaken um die Schulter, »hü, hüah, hüäho!«
schreiend, die Glocke schellend, an jeder Straßenkreuzung, an die Fenster
hinein zum Bad Schröpfen Aderlassen einladend, öfter anhaltend, lärmvolle
Gespräche mit Passanten führend. Die entschuldigenden, bedauernden
Bemerkungen des Kanzlers winkte der Fürst, als sähe höre er nichts, ab.
»Kommen unser Recht zu holen. Lassen wir das.«
In dem Gewölbe seiner Hauskapelle am Tage St. Urban, watend knöcheltief in
Rosen vieler Farben, empfing der Abt von Kremsmünster, von Schultern,
Ärmeln des schwarzen Seidentalars die roten duftenden Blätter schüttelnd,
lächelnd den Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, einen harthörigen hinkenden Mann,
der sonderlich unsauber in Tuch und Fell gekleidet war, sich knapp
verneigte, die Mütze lüftete, sich mit offenbarer Erleichterung aus dem
blauen behangenen durchflochtenen überfüllten Raum in einen sehr hohen
kreisrunden Vorraum von seinem schäbig livrierten Kammerdiener führen ließ.
Von oben fiel helles Sonnenlicht durch bunte Scheiben auf die Fliesen;
gütig schob der Abt dem Fremden einen Fußteppich zu; zwei Sessel auf den
lichtbespielten Fliesen, Wände, die sich über ihre Köpfe einander
entgegenhoben, mehrfaches Echo bei jedem lauten Wort.
Der Pfalzgraf knaute, er habe bei eben erfolgtem Besuch in München sich
nicht der Unterstützung seines Anverwandten und erlauchten Neffen, des
Herzog Maximilians Liebden, zu erfreuen gehabt, zu seinem Bedauern. Dieser
habe Gleichgültigkeit gegen ein wichtiges Familieninteresse prätendiert.
Sei ja die Acht namens des Reiches über den Pfälzer Kurfürst verhängt,
werde von Reiches wegen über Kur und vielleicht auch Kurlande weiter
verfügt werden; melde er für die ehemals mitbelehnte Linie Pfalz-Neuburg
Ansprüche an, nach Goldener Bulle, Hausgesetzen, Reichsgesetzen seine
Erbschaft und bekenne sich dafür. Der Abt fragte nach schriftlichen
Vorgängen, indem er den Blick senkte. Und dann weiter, ob er in München
also gewesen sei, und wenn erlaubt, mit welchem näheren Zweck. Um dem
Bayernherzog die Hand zu schütteln für seine Tapferkeit gegen die
böhmischen Rebellen, für erwiesene Treue gegen des Römischen Kaisers
Majestät. Und ferner. Nichts weiter, er hätte sich verpflichtet gefühlt,
Dank abzustatten als alter Reichsfürst, auch zu bewirken, daß die Sachen in
rascheren Fluß gerieten, wenn Maximilian sich ebenso tapfer wie in der
Verteidigung des Reiches in der Verfechtung der Konsequenzen zeige. Nun?
Nun, Maximilian sei Ritter, Kämpfer vom alten Schlag. Diplomatisches liege
ihm nicht; es sei nichts weiter von ihm zu erwarten. Antonius flatterte ein
rosa Blatt aus dem weiten Ärmel seines Talars; er rieb es sich lächelnd
über die Lippen, zerdrückte es zwischen den Fingern der Linken; versprach
sich der Schriftstücke sorgfältig anzunehmen. Wie es der erlauchten
Neuburger Familie ginge, von der er immer so Erfreuliches vernehme durch
den Probst von Ellwangen. Der Fürst, sich an seine Stöcke klammernd, hörte
scharf und mißtrauisch, gab halbe Antwort, ließ sich von dem Kammerdiener,
in Furcht, man könne versuchen ihn zu beeinflussen, rasch in seine Sänfte
führen. Der Abt betrachtete lange den Sessel des Fürsten, schüttelte neue
Rosenblätter aus seinem Talar, rief einen braunkuttigen dienenden Scholar;
man möchte zu Herrn Jesaias Leuker, dem bayrischen Gesandten schicken; er
wollte mit ihm sprechen, von dem kuriosen Besuch erzählen, was sich davon
denken ließe.
* * * * *
Mittags im Saal des Noviziatengebäudes der Gesellschaft Jesu zu Sankt Anna,
vor einer Aufführung des »Heldenmütigen Ritters Michael«, der kleine stille
Abt im Gewimmel der lichtblauen Talare aus der Lilienburse, der schwarzen
Röcke von Sankt Anna, blitzende Hoftrachten, zwischen Rosenkränzen,
knisternden Schärpen Wehrgehenken erwartungsvollem Lächeln. Leuker wußte
nichts von dem Neuburger Besuch in München, war dann nicht wenig erschreckt
-- sie gingen kopfgebeugt zur alten Kirche herüber, der Kaiser betrat den
Theatersaal -- als ihm blitzschnell einfiel, daß seit fünf Tagen
Marcheville, der französische Geschäftsträger, ein beweglicher
verschlagener Gesell, ebenso elegant wie zweideutig, im Besitz ungeheurer
Summen und mit völlig undurchsichtigen Zielen, in Wien logiere, ohne
erkenntlichen Zweck, wohl aber private Besuche mache, auch in der
Herrengasse, wo der kuriose Neuburger logierte. Und ebenso erschreckt war
der Abt selber. Unter den alten Buchen vor der Kirche fragte er, ob denn
des Herzogs in Bayern Durchlaucht irgend etwas habe verlauten lassen,
mittelbar oder unmittelbar, was vielleicht zu Ohren jenes armseligen
Pfalzgräfleins gelangt sei, in ihm die unsinnige Vermutung erweckt habe, es
sei etwas verfügt betreffend Kurlande und Kurwürde des Ächters. Der andre
fühlte, daß ein leiser unruhiger Ton in der Stimme des Würdenträgers klang;
er lachte herzlich, herzlicher, als er gewollt hatte. Oder ob vielleicht
das Französlein selbst etwas Kompetentes wüßte; es stecke etwas dahinter,
daß Marcheville auftauche, sich hinter das Pfalzgräflein stecke. Sie
standen sich unsicher am Kirchenportal gegenüber. Leuker meinte gelassen,
er werde bei seinem Fürsten anregen, daß auf den blöden Neuburger, den
Anverwandten des Hauses eingewirkt werde. Dieser Mann irre zweifellos halb
gedankenlos im Reich umher, lasse sich benutzen, könne dem Ansehen des
Hauses nur gefährlich werden. Antonius seufzte, schüttelte ihm die Hand; er
sei freilich ein kurioser Mann, der Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, »aber Ihr
wißt selbst, Marcheville ist in dem Falle noch kurioser. Marcheville hat
gar keinen Sinn für deutsche Sonderbarkeiten; er will etwas. Er weiß irgend
etwas besser als Ihr und ich.« »Er wird sich einen Spaß mit dem Alten
machen vor seinem Gefolge,« lächelte der Bayer. Und diese leichtfertige
Bemerkung aus dem Munde des gewiegten Leuker beunruhigte den Abt aufs
höchste, sein Begleiter mußte so gut wissen als er, daß Marcheville keine
Späße machte; dann wußte auch Leuker mehr als er. Und da stand er und
lächelte aufdringlich.
Hastig ging nach einigen höflichen Worten Antonius in den Saal zurück;
Gesang scholl ihm entgegen. Ferdinand auf erhöhtem Purpursitz blickte ihn
freundlich an. Der gelehrte Leuker, der stämmige gesundheitstrahlende kaum
ergraute Mann fand erst nach einer halben Stunde sich über den Gartenweg
zurück. Verwirrt nicht über das Gebaren und die Bemühungen des armseligen
halbtoten Neuburgers, aber über Marcheville, über seine dunklen Wege hinter
dem Rücken des halbtoten Narren; Marcheville sein Freund, beinah sein
Freund! Und Bayern hatte den Kaiser doch im Sack! Samt der Kur! Begünstigt
von diesem Frankreich!
Von seinem Besuch in München ab war Philipp Ludwig dem Franzosen nicht aus
den Augen gekommen. Der würdevolle Jocher ließ zu ihm ein Wort fallen bei
einer intimen Information über des Neuburgers possierliche Gesandtschaft im
»Strauß«. Als der Pfalzgraf das Stubentor passierte, begleiteten ihn schon
zwei Geschöpfe Marchevilles; in der Herrengasse nahe dem Gitterbrunnen und
dem Haus der Landstände wohnte der Neuburger; ihm gegenüber logierte seit
einigen Tagen völlig privat, seinen Schmetterlingssammlungen hingegeben,
der französische Geschäftsträger. Ein nachbarlicher Besuch, rasch gemacht,
wurde am nächsten Tage erwidert. Ehe Neuburg daran dachte, eine Audienz zu
erbitten oder Fühlung mit dem Kabinett zu nehmen, trat Marcheville ohne
Maske als französischer Gesandter in seine Gaststube, überbrachte besondere
Empfehlungen des Sehr Christlichen Königs aus der Hand des Staatssekretärs
Puisieux. Neuburg mußte die Konferenz rasch abbrechen, der Schreck war zu
groß, gegen die Welschen hegte er ungemeinen Haß; daß der Geschäftsträger
selbst kam mit einem offensichtlichen Auftrag seines jungen mutigen
Souveräns, daß Frankreich die Pfalzgrafschaft Pfalz-Neuburg diplomatisch
anging, warf seine Fassung über den Haufen. Im Erker, im dicht verhängten,
vor einem Fäßchen Rosinen suchte er sich neben Sartorius, dem seriösen, der
immer aus dem Schlaf gestört schien, zu erholen. Als sie beide ohne Haltung
auf den Schemeln saßen, die Rosinenstengel in Wein hängen ließen, die
nassen Beeren rissen schluckten, flüsterte entgeistert der Kanzler: »Wie
soll man sich gegen ihn benehmen. Es ist keine Schreibstube da, keine
Dienerschaft, keine Geschenke; es fehlt an allem.«
»Ich kann nicht meinen ganzen Säckel hergeben für --« schrie der Pfalzgraf,
Körner spuckend, die Stengel zertretend; »es wächst mir über den Kopf.«
Sartorius stimmte bei; es sei entsetzlich.
»Wollen wir weg?«
»Wollen wir nicht fliehen?« in einem Atem fast mit seinem Kanzler der
Fürst, »wir können nicht wissen, was sich aus diesen Dingen entwickelt. Das
Beispiel des Heidelberger Friedrich ist nah genug, nah genug. Die Prager
Schlacht hat gewirkt. Bei mir braucht es keine Prager Schlacht. Ich strecke
meine Hände nicht nach fremdem Gut aus; ich insurgiere nicht.« Er knirschte
mit den Zähnen: »Wenn sie mich stürzen wollen, als Geächteten, bei mir geht
es leichter. Mir dreht man als altem Hahn den Hals um.«
Er dürfe nicht mehr empfangen werden, bestimmte der Kanzler.
»Es geht schwer, es geht schwer,« ächzte der Fürst, »wir wohnen zu dicht
beisammen, er beobachtet mich. Sind die Läden geschlossen? Laßt die
Roßknechte nicht heraus, meine Sänfte soll immer im Haus bleiben, die
Pferde --« Gebrochen lehnte er sich zurück: »Ich weiß, wir können uns nicht
wehren.«
Und wie er mit geschlossenen Augen auf dem Schemel hing, stieg in dem
Kanzler, der die Becher beiseite schob, die Furcht auf, er möchte wieder
ermüden wie auf der Reise nach München und ihm alles überlassen.
Der Fürst winselte: »Es müssen Leute geholt werden, gelehrte, man muß sie
zusammentrommeln, einen Staatsrat, man muß sich ordnungsmäßig
konstituieren, beraten. Ich kann sonst nicht.« Er hatte trockene Lippen,
blickte erschöpft: »Wir müssen ihm das sagen. Ich habe meine Minister nicht
da, nicht vollzählig da, ich kann nicht ohne sie beschließen; es
widerstrebt mir, es ist nicht Tradition in Neuburg.«
»Und Ihr,« giftig fuhr er dem Kanzler vor das sich hochstreckende Gesicht,
»seid nicht mein Minister. Ihr seid mein Geheimschreiber. Nichts weiter.«
Der verneigte sich: »Ich werde es ihm sagen.«
Philipp Ludwig raufte sich auf dem Gange die weißen Schläfenhaare: »Wien!
Wien! Die Prager Schlacht!«
»Durchlaucht,« klopfte nach einer Weile Sartorius an seiner Schlafkammer
an, »in Neuburg sind die Kirschen und Johannisbeeren reif; die
Stachelbeeren auch. Mit den Erdbeeren wird's bald vorbei sein. Es ist noch
Zeit. Der Pommernherzog schickt bald seinen Künstler mit den Auslagen.«
Den nächsten Besuch des weichen edlen Seigneurs trübte das starke
Mißtrauen, das der Fürst an den Tag legte; kaum sprach er; sein
Geheimschreiber neben ihm machte bei der Audienz Notizen auf der
Schreibtafel. Marcheville wies dem mürrisch ungeduldig zu Boden starrenden
Herrn dieselben Gründe vor, die von ihm selbst in den vier Neuburger
Denkschriften niedergelegt waren, die Ansprüche Neuburgs auf die Kurwürde
und pfälzisches Land, gestützt auf die Verwandtschaft mit dem letzten
Kurinhaber, auf die Mitbelehnung, die Goldene Bulle, Hausgesetze, gültigen
Reichsgesetze. Der Sehr Christliche König wolle nicht versäumen, erklärte
der Geschäftsträger, die geöffneten Hände mit tiefer Verneigung nach hinten
schwenkend, sich rechtzeitig der Gunst des neuen Kurfürsten zu versichern.
Neuburg, obwohl äußerlich in Haltung, ruhig mit dem eingeladenen Fremden
bei einer kleinen Vormahlzeit, war bis zum Erliegen erschüttert. So sicher
hatte er seine Sache nicht gehalten. So also lagen die Dinge. O verruchte
Welt. Der Herzog in Bayern weiß, wie es steht; er schweigt. Der Kaiser
weiß, wie es steht, schweigt; der Abt Antonius von Kremsmünster. Er, der
alte Neuburger, der treu zum Reich gehalten hatte in jedem Augenblick, der
kein Unrecht getan hatte sein langes Leben, sollte bei evangelischem
Glauben vom jesuitisch beratenen Kaiser noch, bevor er in die Grube fuhr,
grob übertölpelt werden. Würde der Marcheville sich zu ihm begeben, ihm
geradezu auflauern, wenn dieser schlaue Franzose sich nicht rechtzeitig in
seine Gunst setzen wollte? Eine Stimme gegen Habsburg wollte er gewinnen,
verhindern, daß der Sohn Ferdinands deutscher König würde: darauf kam es
dem an. Von Wien, ja von der Burg her schwieg man; von da hatte sich noch
kein Fuß in die Herrengasse bewegt. Dabei jagten die Kuriere durch die
Straßen, Musik schallte aus der Burg; Kämmerer Ausläufer in jeder Gasse,
aber keiner zu ihm.
Marcheville wurde hochmütig durch einen Kammerdiener bedeutet, Besuche bei
des Pfalzgrafen von Pfalz-Neuburg Philipp Ludwig Durchlaucht einige Tage
zuvor seiner Kanzlei anzumelden. Und als der Gesandte erschien, ließ
Philipp Ludwig sich verleugnen; ein würdiger Empfang wurde ihm bereitet in
einer großen Kammer der Herberge, wo er sich auf eine gepolsterte Bank
setzen mußte vor vier gemieteten Herren, zwei albernen Magistern und zwei
schäbigen Theologiebeflissenen; den federkratzenden Herren erklärte er
freundlich, bald wiederzukommen. Er durchschaute die Sache, erklärte dem
Kanzler, er werde zur Aushaltung der Kanzlei selbst beitragen, bot auch,
entsetzt über die Formlosigkeit des Auftretens seines Prätendenten, diesem
ohne weiteres einige tausend Taler an, die der Pfalzgraf als Ehrengabe
annahm, ohne darauf aber im mindesten Haushaltung, Kleidung besser
auszustatten. Weitere tausend Taler, dem Kanzler zugesteckt, führten zum
Ziel; mehrere vierspännige Wagen standen zur Verfügung, eine kleine
Dienerschaft warf sich in Neuburgische Livree. Und wie ein wütendes, noch
lichtscheues Tier erschien der Pfalzgraf, in galloniertem Samt und
Zobelpelz, auf allen Ämtern, sprach bei den Mitgliedern des Geheimen Rates,
der Hofkammer persönlich vor, hinterließ Denkschriften, die unter
französischer Obhut ausgearbeitet waren, Denkschriften an alle Kurfürsten
katholischer und protestantischer wie kalvinischer Religion, insbesondere,
an den von Mainz, als des Reiches Kanzler, und abgegeben bei dem Türhüter
des Reichhofrats für dieses oberste Reichsjustiztribunal, die Person des
Kaisers selbst vorstellend. Die Mitglieder ihrer Adels- und Doktorbank
beging Sartorius.
Die es lasen, der Abt von Kremsmünster, dann Doktor Wolfrath als Präsident
der Hofkammer, die Herren vom Geheimen Rat Eggenberg Trautmannsdorf Breuner
waren verblüfft über den Protest, der doch wohl eine offene Tür einrannte,
besonders über seinen pointierten Schluß: es dürfe keinesfalls der Kurhut
ohne Achtung der Neuburgischen Ansprüche, ohne ihre Prüfung vergabt werden;
gegen jegliche etwa schon geschehene Entscheidung lege er feierlich
Rechtsverwahrung ein; nur ein Deputationstag unter Zuziehung aller
Kurfürsten könne hier das Recht finden.
Die Denkschrift war teils absurd lächerlich, teils verwirrend; für den Abt
Anton, der sie scharf verbarg vor dem zudringlichen Spion des bayrischen
Herzogs, dem Jesaias Leuker, war sie qualvoll.
Da geschah, daß eine zunächst unbekannte interessierte Partei einen Schritt
tat, um sich des lästigen, noch nicht sehr auffälligen Mannes zu
entledigen. Sie gedachte ihn verunglücken zu lassen. Von dem Führer seiner
Roßbahre irregeführt -- ungewiß, ob mit Absicht oder zufällig -- geriet der
Fürst, nur von einem welschen Agenten begleitet, in das Gewirr jener
ärmlichen Gassen, die sich im Süden der Stadt nahe den Toren hinziehen und
die Unterschlupfsorte den Bettlern und ihren Familien bieten. Unter diese,
vor einem Wunderhof, trat der Bahrenführer, nach dem Weg fragend. Zwei
Kamasiere -- abgedankte sündhafte Scholare -- hielten das vordere Roß fest,
wollten sprechen, da machte einer von ihnen, anscheinend vom Roß
geängstigt, einen Satz, stieß aus den Umstehenden einen Mann um, der
sogleich einen Krampfanfall erlitt, die Backen aufblies, schäumte, so gut
ein geübter Gauner kann, der über ein Stück Seife im Mund verfügt. Eine
Frau, die blaß beiseite gestanden hatte, hielt den Krampfenden bei den
Händen, schrie um ihren Mann, wandte sich an die andern, verlangte eine
Entschädigung. Sie schickten die Bahre samt dem Franzosen weg, den alten
Fürsten führten sie auf den Hof, sprachen ihm freundlich zu. Am nächsten
Tage durchsuchten Soldaten der Stadtgarde die Gasse ohne Erfolg; ein
Bettler, der sich als Sterzenmeister ausgab, führte sie. Dem französischen
Geschäftsträger, dem feinen Marcheville, aber stieg das Blut vor Freude zu
Kopf, als sein Agent ihm verängstigt den bedauerlichen Verlauf der
Spazierfahrt schilderte. Er fuhr stolz bei Kremsmünster vor, bei dem
Oberhofstallmeister, beim spanischen Gesandten, sprach voll Schmerz von
seinem Hausnachbarn, dem Neuburger Pfalzgrafen, seinem wahrhaft väterlichen
Freund, und wie dies möglich sei, was für ein entsetzlicher Vorfall das
sei; er bitte dringend darum, daß von allen maßgebenden Stellen
Nachforschungen angestellt würden; bei Ognate dem Spanier, wagte er,
freilich lachend, die Bemerkung hinzuwerfen, man müsse geradezu auf den
Gedanken kommen, es hätte jemand Interesse daran, den alten freundlichen
Herrn bei Seite zu schaffen; ob nicht auch bei jenen durchgesickert sei aus
den Kanzleien, der Herr betriebe hier Ansprüche auf die Pfälzer Kur, über
die sonderbare Gerüchte verbreitet seien. Dem Abt Antonius wie dem Fürsten
Eggenberg war die Angelegenheit um so peinlicher, als auch der Spanier sich
nicht der entsetzlichen Vermutung entschlagen konnte, hier sei kurzer
Prozeß gemacht, und es beklagte, daß das Ganze ziemlich ungeschickt
angestellt sei von den bayrischen Herren. Denn er nahm als sicher an, daß
Herr Doktor Leuker dahinter steckte. Abt Anton und Eggenberg aber
fürchteten etwas viel Schlimmeres und waren glücklich, als Alles den Herrn
Leuker mit dem Vorfall in Verbindung brachte, und nicht, wie sie, die
völlig undurchdringliche Kaiserliche Majestät. Durch das wilde
Herumposaunen des Franzosen sahen sie sich verhindert, den Vorfall zu
vertuschen, wie sie gewillt waren; sie mußten vor aller Öffentlichkeit
energische Maßnahmen zur Aufdeckung der Sache ergreifen.
Mit größter Besorgnis setzten die hohen Herren die Sache mit allen
Einzelheiten selbst ins Werk. Eine gründliche Visitierung der Sitze der
Gatterklopfer und Fechtbrüder in ihren Hauptzechen, im Königsklosterhaus,
in der Kotluke erfolgte. Die beiden Sterzenmeister des Bezirks, in dem der
Vorfall sich ereignete, wurden auf das städtische Rumorhaus geschleppt,
ausgepeitscht und ihnen die gelinde Frage gestellt, wo sich der Pfalzgraf
befinde; dies geschah sehr im Geheimen; Kremsmünster war in Person zugegen,
um sogleich alles vertuschen zu können, falls eine Allerhöchste Person
dahinter stecke. Sie hatten im Narrenkotter hinter dem Hohen Markt bei
völliger Nahrungsentziehung vier und zwanzig Stunden Zeit, weiter über die
Frage nachzudenken. Die Befragung ergab nichts. Aber wie die wilden Wölfe
fielen dann die beiden freigelassenen in ihre Quartiere auf der
hochgelegenen Laimgrube und an der Windmühle ein, sie plünderten mit einem
handfesten Troß die Mirakelkeller, bunten Haushaltungen; aus den
verfallenen Häusern, den Winkeln der Sackgassen sprangen vor ihnen die
abenteuerlichen Schatzgräber im Vagantenkostüm, die braunbemalten
Christianer, vergaßen ihre Kutten Stricke und Muschelhüte, die Pilgerstäbe
warf man hinter ihnen drein, die plumpen ungefügen Schwangeren liefen wie
Wiesel, verloren im Sprung ihre Bauchwülste. Eine verängstigte Besprechung
der Zechen am Abend, nachdem ihnen unvermutete Ansengung des ganzen Bezirks
angedroht war, hatte den Erfolg, daß man die Spuren der zwei Scholaren und
des Weibes des Krampfkranken ermittelte; sie verrieten, der Fürst schwimme
mit dem Anfallstäuscher und einem alten Weib die Donau herunter, fände sich
aber alle zwei Tage, auch drei Tage in der Nähe des Quartiers; die beiden
andern warteten auf eine Geldsumme, von wem wußten sie nicht, auch nicht
für welche Zwecke, ob als Lösegeld oder sonst wofür. Das Boot wurde am
folgenden Tage schon von den unruhigen Leuten erwischt, wie es am unteren
Wehr an einer wüsten Stelle nahe dem Judenquartier anlegen wollte; zwei
Insassen, an Land gestiegen, machten Reißaus; auf einer Bootsbank, mit
einem Ruder bewaffnet, saß der alte barhäuptige Pfalzgraf, mit halbnacktem
Oberkörper, mit hohen Soldatenstiefeln, in polnischen Samthosen, drohte
jeden niederzuschlagen, der sich ihm näherte, sprang dann zwischen dem
Schilf am Hinterteil des Boots ins Wasser, wurde gefaßt, ans Ufer gelegt.
Die beiden Sterzenmeister redeten ihm freundlich und ehrerbietig zu, er
glaubte aber, jetzt erschlagen zu werden, hielt stammelnd die gefalteten
Hände vor den Mund, die Augen krampfhaft geschlossen. Nach einer Stunde
erst ritten eine Anzahl Herren an, dabei der Kanzler; er sah mit tiefer
Bewegung den Zustand seines gnädigen Fürsten, seine Verstörung, das
schwappende abgemagerte Bäuchlein, die weißhaarige fette Brust, über dem
schlaffhäutigen faltenreichen Hals das kleine dünne Köpflein. Vergraust lag
Philipp Ludwig in seinem Bett; während man ihm zusprach, es sei auf ein
hohes Lösegeld abgesehen gewesen, blieb er dabei, sie hätten ihn umbringen
wollen; das alte furchtbare Weib hätte fast stündlich gesagt, er würde
geschlachtet werden, er solle seine Seele darauf vorbereiten, sie warteten
nur auf den Lohn für die Tat. Der Kanzler saß von Angst geschüttelt neben
dem Bett, bebend, wie ihn die hochfürstlichen Söhne empfangen würden, wenn
er ohne des Pfalzgrafen Durchlaucht zurückkehren würde. Nicht eine Woche
war um, da fuhr der Neuburger wieder ab; den Kanzler ließ er auf Drängen
Marchevilles zur Vertretung seiner Rechte zurück.
Und während der Fürst im sonnigen Neuburg herummarschierte, kein Ende fand
des Kommandierens Schreiens Verwirrens in Gesprächen mit seinen Söhnen
Bedienten, durchgreifende Organisationen des Steuer- und Heerwesens
verfügte, widerrief, wurde der knickbeinige Kanzler in Wien herumgejagt von
Marcheville, spöttisch, neckisch wieder fallengelassen, wie es die
Situation gerade mit sich brachte. Nach Neuburg lief eines Tages ein Kurier
mit dem Bescheid der Hofkammer, daß sie Kenntnis genommen habe von seiner
Denkschrift, ihn seinerzeit über den Lauf der Angelegenheit orientieren
werde, eine Erklärung, die der wieder abgemattete Philipp Ludwig aufatmend
empfing und den Befehl an Sartorius abgehen ließ, sofort zurückzukehren; er
schrieb ihm eigenhändig ein Brieflein: »Nun mag es weitergehen. Kommt nach
Hause. Ich habe meine Hand im Spiel und ziehe sie nicht wieder heraus.«
* * * * *
Und in der Tat: noch lange nach seiner Abreise wirkte sein kurzer Besuch in
Wien. Seine sonderbaren drohenden, offenbar tief informierten Denkschriften
konnten nicht anders erklärt werden als unter bestimmten fatalen
Voraussetzungen. Kremsmünsters Kopf war geschwollen, er ließ sich für
keinen der fremden Geschäftsträger und Gesandten sprechen, Eggenberg hatte
die Taktik, alles abzulehnen und sich gänzlich ahnungslos zu zeigen; es
liefen Anfragen über Anfragen ein aus den Kanzleien mehrerer Kurfürsten
betreffend die Neuburger Denkschrift. Noch war nach auswärts nicht
verlautet der Überfall auf diesen geheimnisvollen Kronprätendenten, der
Spanier war schamlos genug zu insinuieren: wenn nicht Bayern ein Interesse
an dem Verschwinden des Pfalzgrafen hätte, so vielleicht die kaiserliche
Hofkammer; man wolle die Geheimabmachungen des Wiener Hofes mit dem Herzog
Maximilian nicht zu früh preisgeben, man hätte sich resolut entschlossen,
aber es sei anders verlaufen.
In dieses aufgeregte, sich selbst steigernde Ungewiß platzte ein Büchlein
hinein, das vom Norden verbreitet, frommen überaus angesehenen Damen zur
Kenntnis gelangte. Fast zu gleicher Zeit wie in Dresden am protestantischen
Hofe des Kurfürsten Johann Georg dieses Büchlein gelesen wurde unter
Kopfschütteln Geschrei, übergab es in Wien bei der Garderobe der würdigen
frommen Stifterin Gräfin Polyxena von Muschingen ihre Kammerzofe. Dieses
schöne unbedeutende Kind hatte es von einem eben gewonnenen Liebhaber,
einem reichen jungen Herrn nebst einem ansehnlichen Douceur erhalten; der
junge Herr, der ihr so angenehm zu Gemüte sprach, war kein Kavalier, aber
Vorreiter bei Seiner Exzellenz, dem Marquis Marcheville, der sich in der
Stadt verlustierte. Der Vorreiter sagte dem lieblichen Hernalser Geschöpf,
dies sei ein frommes Buch; sie würde vielleicht ihrer Herrin eine große
Freude bereiten, wenn sie es ihr übergebe; sie möchte sich auch etwas
daraus vorlesen lassen, es würden ihr manche Gnaden dadurch zuteil werden.
Zu ihrem Entzücken sah auch das Mädchen, daß wirklich die Gräfin -- die
erst gelacht hatte, als sie ihr schämig das Buch übergab, mit der
Bemerkung, es hätte auf ihrer Schwelle gelegen, ob es wohl ein Gebetbuch
sei oder einen Ablaß ankündige -- daß die Gräfin freudig erst allein, dann
mit ihrem Hauskaplan das Büchlein durchlas. Sie blieb aber dabei, es hätte
vor ihrer Kammertür gelegen, als man ihr noch einmal zusetzte, und wurde
dann beschützend gegen die ernsten Worte des Kaplans sanft von der Gräfin
gestreichelt. Frau Polyxena von Muschingen lag zu dieser Zeit nichts so
sehr am Herzen, als von Rom ein Breve zu erlangen zur Gründung eines
Klosters für den Orden der unbeschuhten Karmeliterinnen. Sie stand in einer
langwierigen Korrespondenz mit einigen italienischen Oberinnen solcher
Klöster, deren Frömmigkeit einen überwältigenden Eindruck auf sie gemacht
hatte bei einer Reise nach der heiligen Stadt. Die Dame wußte jetzt nichts
Wichtigeres, als den beiden andern Damen ihres Komitees das unglaubliche
glückliche Geschehen zu berichten, das aus dem Büchlein sich ergab, welches
ihr auf so merkwürdige Weise zugestellt war. Auch die hohen ihr
wohlwollenden Würdenträger des Hofes wollte sie aufsuchen, lebendig und
erregt wie sie war, ihnen danken und glückwünschen für diesen großen Erfolg
und sich mit ihnen aus voller Seele freuen über diesen Gewinn für die
heilige Kirche. Denn nichts andres ließen diese einfachen, vielleicht
indiskret veröffentlichten Briefe erkennen: man hatte am Kaiserhof einen
großen katholischen Entschluß gefaßt, folgerichtig wie das Vorgehen gegen
die gottlosen und aufrührerischen Böhmen: man wollte das katholische
Deutschland um eine große Zahl abgefallener verführter Seelen bereichern,
mit der Fürsorge des Landesvaters unlöslich und energisch die Sorge um das
Seelenheil verbinden. Die kalvinischen Landesteile des Majestätsverbrechers
Friedrich von der Pfalz sollten in katholische Hände kommen, in die
allersichersten kurfürstlichen Hände, die des bayrischen Maximilian. Wer,
der selbst Ferdinands edle religiöse Gesinnung kannte, hätte dieses von ihm
erwartet, das ihn in die Reihe der gottseligsten Herrscher stellte.
In der schwülen Wärme des Nachmittags fuhr die von Muschingen mit ihrer
Kutsche bei der Reichsgräfin Auguste von Abensberg-Treue vor, die Kutsche
der Dame schloß sich ihr an; alsdann bei der Gräfin Kollonits. Die drei
alten Damen stiegen am Kienmarkt aus, dort lagen Bretter vor einem Haus;
von ihren Kammerfrauen geführt, rauschten sie seidig tiefverschleiert in
den Flur, der sehr breit, niedrig, aber ganz leer war. Und so auch die
Treppen Stiegen Höfe Diele Säle; es war das verlassene Haus des Hans von
der Seligstadt, welcher als Magister der sieben freien Künste hier gehaust
hatte; sieben Bücher waren auf das Hausschild gemalt. Hier sollte den
Karmeliterinnen ein Heim bereitet werden. In der Stube, wo den Damen Sessel
bereitgestellt waren, konnten sie ihr überschwellendes Herz nicht bezähmen;
der Raum wurde zum Zeugen der hohen Freude der Damen, welche sich
gegenseitig zum Weinen rührten. Man hatte noch das Glück, den galanten
alten Grafen Harrach, dessen erkrankte Gemahlin an dem Werke für die Nonnen
teilnahm, zu erwarten. Und wie er kam, wurde er von Freudenausbrüchen
überschüttet und konnte in seiner frischen vergnügten Art dankend lange
nicht zu der Ursache dieser Freude vordringen. Dann wurde er verlegen,
einsilbig, bat um das Büchlein, mußte rasch zu seiner Gemahlin, deren
Zustand ihn nicht befriedigte. Er suchte abends noch den Fürsten Eggenberg
auf, der grade ausgefahren war, um ihn zu besuchen; es stellte sich bei der
Begegnung auf dem Hohen Graben heraus, daß die Gräfin Muschingen schon bei
ihm gewesen war, um auch ihm Glück zu wünschen. Als noch bei der
gemeinsamen Fahrt zum Abt von Kremsmünster sich ergab, daß die Dame auch
hier gewesen war, dankend und jubelnd, schrieb ihr Harrach einen Zettel,
sie möchte Verschwiegenheit über die besprochene wichtige Sache bewahren,
er bäte sie darum aus einem bestimmten Grund, steckte aber den Zettel auf
das Lächeln der Herren resigniert zu sich.
Der Inhalt des Büchleins war nicht mißverständlich. Es enthielt unter dem
Namen »Spanische Kanzlei« eine kleine Anzahl von Briefen aus der Hand des
Kaisers, des Bayernherzogs, eines Kapuziners, der als Unterhändler agierte,
als Anhang eine summarische Aufstellung der aus dem Briefwechsel
hervorgehenden Beschlüsse und Tatsachen. Die Briefe waren nach Datierung
Stilfeinheiten Intimitäten zweifellos echt. Die pfälzische Kur war mündlich
dem Bayern zugesagt, über einen Teil der kurpfälzischen Länder war
anscheinend in bindender Weise verfügt zugunsten des Herzogs. Weder Kammer
noch Kurfürstenkolleg war gefragt. Man mußte sich morgen in der Frühe zu
einer Besprechung zusammenfinden.
* * * * *
Es kam nicht zu dieser Besprechung. Als sie zu Hause eintrafen, fanden sie
kaiserliche Hatschiere vor, welche Einladungen zu einer morgen
stattfindenden Beratung in der Burg überbrachten. Ferdinand wußte nichts
von dem kursierenden Büchlein; eine Unruhe und plötzlicher Entschluß waren
die Veranlassung zur Anberaumung der Sitzung. Jetzt mußte Dighby in München
schon alles von Maximilian erfahren haben; wenn nicht heute, so morgen
übermorgen würden die protestantischen Emissäre Lärm schlagen in Wien.
Der Nachmittag mit Ungeduld verbracht, stundenlanges Beten und Bezwingen
der Bitterkeit. Rasches Herabsteigen zu dem tiefgelegenen Sitzungssaal am
Morgen. Ein Tisch mit zwei Schreibern in der Mitte, acht Herren standen von
niedrigen Wandbänken auf; Eggenberg, wurde vom Schreiber verlesen, war
erkrankt, daher nicht anwesend. Dann, während sich der Kaiser hutbedeckt
auf den einsamen Stuhl an der Querwand unter das Kruzifix setzte, las
Kaspar Frey, sein alter Geheimsekretär, schiefschultrig feingesichtig, zwei
Briefe Maximilians vor, worin sich der Herzog nachhaltig und
uneingeschränkt bereit erklärte, mit seiner und der Liga Streitkräften dem
Kaiser in Böhmen zu Hilfe zu kommen. Ferdinand nahm das Wort, stark auf das
Foliantenpack auf dem Tisch blickend, mit gewöhnlicher Stimme erklärend,
daß er als Direktive für die Verhandlungen und Beschlüsse von Hofkammer und
Geheimem Rat mitzuteilen hätte, daß er und sein Haus wünschen müßten, das
Verhalten und Verdienst Maximilians in jenen gefährlichen Zeitläufen
genugsam zu würdigen. Er habe sich daher entschlossen, die Gerechtigkeit
nicht aufzuhalten. Nach bereits zurückliegender persönlicher Rücksprache
mit ihrer Liebden, dem bayrischen Herzog, glaube er den Weg gefunden zu
haben zur allgemeinen Satisfaktion. Dem reichskundigen erklärten Ächter
Friedrich von der Pfalz sei die Kurwürde und das Erbtruchsessenamt
abzusprechen, die Würden nach Verdienst seinem Schwager, ihrer Liebden dem
Herzog in Bayern zu übertragen. Zum Ausgleich der entstandenen
Kriegskosten, des Aufwandes und erfolgten Verlustes, und zur Auslösung des
verpfändeten Landes ob der Ems sei es angemessen, ihrer Liebden die
Oberpfalz hypothekarisch zu überantworten und einzuräumen. Er dürfe
verhoffen, so nach kaiserlichem Vermögen seinen Verbündeten saturiert zu
haben, wegen der beständigen erzeigten Treue Liebe Affektion und hohen
Dienste, die er mit Daransetzung der eigenen Person Land Leute Gut und Blut
erwiesen habe. Die Herren hatten sich noch nicht gesetzt, da verließ
Ferdinand, der sonst nie einer Beratung fernblieb, den Saal, ohne einen
eines Wortes gewürdigt zu haben.
Die Herren saßen verdutzt. Dann war es ein Entschluß des menschenkundigen
alten Abtes Anton, der in Anbetracht der besonderen Umstände Aufhebung der
Sitzung empfahl. In Questenberg war die Raserei so groß, daß er am
Schreibertisch stehend einen Stuhl verkrampft in der Hand hielt; der Stuhl
saß an seinem Handteller fest wie eine Schlange, die sich darein verbissen
hatte; mit einem wütenden Ruck schleuderte er den Stuhl auf die Erde: »Und
wissen die Herren, was dies ist? Das ist Krieg mit England, Dänemark,
vielleicht mit Frankreich. Das ist Zerfall mit den Kurfürsten von Sachsen
und Brandenburg.« Leise vor Grimm zitternd der alte Harrach neben ihm über
die leere Tischplatte gebeugt: »Es ist so. Ich habe es gesagt. Der
Maximilian geht um. Wir können es nicht wehren.«
* * * * *
Im Ring seiner Mauern Wälle und Basteien lag Wien; Häuser, Türme, Kirchen
gemauert an Häuser, Märkte, Gäßchen, überschwellend gegen die Donau,
jenseits den Werd mit Steinen bedrückend, mit tastenden Fingern nach der
Venedigerau, dem Rustschacher, den beiden weiten Galizinwiesen.
Handwerkerfüllte Straßen, Plätze voller Feilscher Kaufbuden Reitern und
Sänften Tamtamschläger Theriakausrufer. Brüllende Büttel hinter geschorenen
Missetätern, die den schweren Schandstein am Hals schleppten; Badeknechte
ins Hörnlein stoßend, türkische Becken schlagend. Aus Klöstern stießen
Schwärme von Nonnen, schwarz und weiß, geschuht ungeschuht, traten lispelnd
kreuzwindend in die Kirchen, die weihrauchgeschwängerten Gänge, unter die
Bilder der wilden Schmerzen, der Inbrunst und Verzückung. Seiltänzer und
fahrende gelustige Fräulein kreuzten ihren Weg, lockten in die Holzschuppen
auf dem Neuen Markt. Soldaten aus den Kriegen des Kaisers, die gegen
Bethlen Gabor gefochten hatten, die Böhmen am Weißen Berg zerrieben hatten:
wüste Prunkfedern in den Nacken zwischen den Schultern wallend, oder nach
vorn in die Stirn bis auf den Mund, grellbunte Schärpen, hohe
Stiefelschäfte, weit überfallend mit farbigem Tuch ausgelegt. Kosaken mit
breitem schmutzigem Gesicht in langen, blauen Röcken, hohen Lammützen; ihre
kleinen Augen blinkten vor Lust, sie gurrten mit ihren Weibern, die sich
Schürzen und Röcke mit Perlen bestickt hatten. Feine Pagen tänzelten in
engen Strumpfhosen, mit koketten Bändern besteckt; Bürgerfräulein, die die
Haare gescheitelt trugen, oder gewellt in den Nacken herab über die Ohren,
die an ihren Häubchen nestelten, Korallenhalsbänder begriffen, grüne
Mieder, leichte lose Blusen, oder kurzröckig mit hohen ungarischen
Stiefeln. Kavaliere à la mode, Spiel- Fecht- und Saufkumpane, Filzhüte mit
aufgeschlagenen Krämpen, wallonische Reiterkragen breit auf den Schultern,
wild die Stiegen herunter, auf die Pferde; große Hunde hinter ihnen her,
dienernde Wirte an den Gasttüren. Zwischen Brettern ein toter Mensch, von
der Leichenbrüderschaft getragen, hinaus nach dem Friedhof auf der Wieden.
Blinde am Hohen Graben, die Augen ausgestochen wegen Münzverbrechen,
Meineidige ohne Hände, Zungenlose, Nasenlose, Ohrenlose in Grüppchen vor
den Kirchen, Näpfe und Blechbüchsen schwenkend. Studenten mit Degen und
Bandelier an der Lampelburse, der Rosenburse, ernst spazierend, auch
krawallbedürftig nach Handwerksgesellen ausschauend. Aufgeblasene
Gestalten, reitend, die edelsteingeschmückte Hand auf dem Rücken, in
englische Tücher gekleidet, von reitender Dienerschaft gefolgt. Über ein
versonntes Gäßchen huschend in violetter Soutane ein Bischof, das Käppchen
auf der Tonsur; der Gürtel wehte nach aus einem Flur. Stadtgardisten zogen
ihre Spieße hinter sich her durch Staub und Kot, stellten sich um Brunnen,
würfelten, suchten sich stille Plätze. Umeinander trieben in Häusern
Spelunken Kellern lärmende stille kranke Menschen, Haushälter Schaffner
Kellermeister Küchenjungen Rauchfangkehrer Goldmacher Gewandschneider
Spengler Kalendermacher Brauknechte Messerschmiede Wanderburschen
Kaufherren Ratsschreiber Kerzengießer Hökerinnen Witwen, die nach einem
Mann schnappten, Dragoner, die nicht dienen wollten, Lumpen, die das Leben
in der Sackgasse schön fanden, Bauern, denen der Viehhändler um die Ohren
schlug, Pergamentmacher Riemer Häutekäufer Messingschläger Kuppler mit
Halseisen, eilige dünne Juden, Advokaten Kommissionare, quarende Kinder im
Sand, wandernde Buchhändler aus Sachsen, Böhmen mit bemalten Brieflein in
Umhängekästen.
Um sie herum standen die spitzgiebligen Häuser mit Ziegeldächern, mit
Schieferdächern, bemalten Fassaden, in Fachwerk, Balkons vorstreckend, die
in Stein, Paläste mit Bildsäulen an der Auffahrt, ornamentierten Fenstern,
Häuschen mit mächtigen Schildern und lustigen Namen, Schulen, Sankt Tibold
Sankt Niklas Sankt Johann Sankt Sebastian Sankt Maria Magdalena Sankt
Falern Sankt Michael Sankt Sebastian das Studentenspital, zu unserer lieben
Frau. Thronend in aller Mitte der Stefansdom, seine Turmspitze
durchbrochen, tausendfach durchlässige Maschen aus Eisen, fast verwehend in
die Luft wie eine blasse Flamme am Tag; am Knauf, warnend vor den fernen
blutdürstigen Türken, der Halbmond mit dem Stern.
Breit fußte neben dem Augustinerkloster an der Mauer das riesige Massiv der
Burg, viereckig, ellbogenartig die Ecktürme ausstemmend, drei hohe Stock
ragend. Darin hauste der Gewaltigste des Heiligen Römischen Reiches
inmitten seines ungeheuren Trosses, beschützt von der Trabantengarde und
den kaiserlichen Hatschieren, hundert Mann samt Fourieren und Trompetern
unter Don Balthasar, ihrem Kapitän. Benedicite und Gratias an der Tafel
sagten sieben Kapläne. Für seine Küche sorgten Mundköche Meisterköche
Unterköche Bratenköche Suppenköche Küchenträger Holzmacher Adjunkten. Im
Keller dienten Hofkeller Kellerschreiber Kellerdiener Fuhrleute Mundjungen,
seine Vorratskammern füllten Einkäufer Marktträger Hoffleischer.
Obertafeldecker für seinen Tisch, Kammertafeldecker Tischaufwärter
Edelknaben Offiziertafeldecker. Hohe adlige Mundschenken hatte er in Zahl,
Matthias di Verdina, Michael de Alverngia, Erasmus von Hirschberg, Johann
von Grünthal, Chorasinsky. Den goldenen Schlüssel des Kammerherrn trugen
dreiunddreißig Edle, dabei Graf Wenzel von Würben, Graf Julius von Salm,
Baron Peter Ernst von Mollert, Johann Graf Paar, Wolf von Auersberg. In den
Fluren, großen und kleinen Höfen, auf den Stiegen drängten sich die
Stallmeister Bereiter Hoftrompeter Fechtmeister Büchsenspanner
Sattelknechte Sänftenmeister Waffenpolierer Stallbediente im spanischen
Stall, im Klepperstall, Leibkutscher Vorreiter Stalljungen. In den
Stallungen standen neunzig Tummelrosse, achtzig Reitklepper, sechzig
Kutschpferde, zweiundzwanzig Maulesel. Um die Seele des Kaisers mühten sich
neben dem Beichtvater der Pater Johann Weingärtner, der Hofkaplan Paul
Knorr von Rosenrot. Eine starke Hofkapelle erfreute ihn mit Musik, Johann
Valentini war ihr Kapellmeister; es sangen für ihn berühmte Sänger; Peter
da Naghera sang. Alt, Diskant Luka Salvatori, Graf Ossesko. Seinen Leib
hatte er großen Ärzten anheimgegeben, Managetta war Doktor der vier
Fakultäten, dazu Mingonius, Mahlgießer, Johann Junker.
Während er noch schlief, traten am grauen Morgen mächtige Herren seiner
Regierung aus ihren Schlafkammern, nahe der Burg, am Petersplatz, bei Sankt
Michael, am Bischofshof. Langsame Reitrosse, knirschende Karossen,
Roßbahren trugen sie aus der wenig klappernden Stadt zusammen gegen die
Burg vor ein zurücktretendes Haus, hochgieblig mit Fachwerk, vielfenstrig,
mit geschwungener Gesimsverzierung. Um das Haus lief eine Vorhalle, von
bunten eckigen Holzsäulen getragen. Weit schwang darunter der Torbogen mit
fürstlichem Wappenschild, öffnete das Dunkel zur Stiege: das Haus
Eggenbergs. Dann standen lange die Sänften und Karossen vorhangwehend auf
dem regenweichen Platz, die Pferde nickten mit ihren Puscheln, schüttelten
die Klingeln an ihren geflochtenen Mähnen, wetzten die Hufe, während der
Regen über sie floß.
In der trüben Ritterstube lag Eggenberg auf dem Faulbett, das schräg gegen
die Mitte des Raumes gedreht war; er lag im dicken Schlafrock darauf,
rotwangig, lebendig, mit schalkhaften Augen, hatte eine blaue Seidenmütze
bis über die Ohren gezogen und begrüßte jeden Herrn mit beiden Händen. Sie
schoben sich um den schlankfüßigen Eckofen, unter den Holzsims und seine
Geweihe und Pokale, an die Fensterbank, beklopften erregt im Gespräch die
runden Butzenscheiben.
Dröhnend fuhr nach einigen ruhigen Äußerungen Eggenbergs der untersetzte
bärbeißerische Questenberg heraus: »Stehen wir hier nach dem unerhörtesten
Sieg der Geschichte? Das heißt den Siegespreis aus der Hand geben. Das
heißt: nicht Habsburg hat gesiegt, sondern Wittelsbach. Und nicht
Wittelsbach, sondern England, Dänemark, die Protestanten, denen wir
billigen Kriegsgrund geben und die wir gegen uns vereinen.« Wilde
Beschuldigungen warf er gegen Trautmannsdorf, der still, klein, verwachsen,
als wenn er nicht dazu gehörte, auf der Fensterbank saß, daß dieser Graf
und Beauftragte des Hohen Rats und der Kammer dabei war, als jene unseligen
Beeinflussungen des Kaisers durch den Bayern stattfanden, ohne daß er sich
gemüßigt gefühlt hätte, den Hohen Rat wenigstens nachträglich zu
informieren. Begütigend meinte Eggenberg, dies sei wohl nicht möglich
gewesen, wegen der sehr geheimen Natur der Besprechungen; hätte doch
Questenberg selbst, sein lieber Gast, bei vielen Gesprächen mit Herrn
Doktor Jesaias Leuker nicht vermocht, etwas Sonderliches aus ihm
herauszuziehen. Der verwachsene kleine Mann sah nicht auf; er danke Herrn
von Questenberg für den Hinweis, er hätte manches vermutet, wie der
ehrwürdige Abt Anton auch; doch beteure er, auf der Krönungsreise oft mit
der Römischen Majestät gesprochen und sie nach Vermögen beeinflußt und
beraten zu haben; insbesondere sei der Erbschaft des Pfälzers gedacht
worden und daß in München nicht Endgültiges vorgenommen werden sollte.
Ferdinand sei nach der Krönung im Rausch gewesen, sein Glück, seine
Gehobenheit hätte die ganze Reise bis München gedauert, mit Entzücken hätte
er das deutsche Land gesehen, hätte mit vielen ehrenwerten Deputationen
Abgeordneten Ständen verkehrt; einen wahrhaften Kaiser, Mehrer des Reichs
hätten sie alle in ihm erblickt. Aus Dankbarkeit hätte es ihn zuletzt zu
seinem hohen Schwager Maximilian gedrängt. Und dann -- Trautmannsdorf sah
die nachdenklichen Herren mit seinen großen samtbraunen Augen an. Sie
schwiegen. Der graziöse zarte Harrach schüttelte sich entsetzt:
»Wittelsbach steht wieder auf.«
Als wenn er mit sich spräche, schloß Trautmannsdorf die ruhigen Augen: »So
bliebe nur zu bedenken, ob man jene auch mir bis jetzt verborgenen
Maßnahmen des Kaisers als einen Regierungsakt aufzufassen gewillt ist.«
Hans Ulrich Eggenberg schob sich die Mütze hoch, er traute seinen Ohren
nicht. »Wir können dem Hohen Rat,« fuhr der Verwachsene im schwarzen
Seidenwams fort, »nicht anders helfen, als indem wir auf eine gute Weise
jene Maßnahmen annullieren. Es läßt sich anscheinend nicht leugnen, daß die
Maßnahme unliebsam, ja gefährlich ist. Alsdann wollen wir weiter
debattieren.« Er hatte zu seinem Freund Kremsmünster am Ofen
herübergeblickt, der lächelte ihm traurig zu: »Und werden den Teufel mit
Beelzebub austreiben. Ihr seid ein Rechtslehrer, wie ihn Bologna nicht hat.
Aber Logik hat hier nur stumpfe Zähne; sie beißt doch das kaiserliche Wort
nicht tot.«
»So wird es nötig sein, mit des Herzogs in Bayern Durchlaucht in
Verhandlungen zu treten.« Er dachte laut weiter. Lächelnd respondierte Abt
Anton: »Mag Euer Liebden dies im Ernst vorschlagen? Wird Ihm gewiß niemand
verwehren, diese Verhandlungen zu führen.« »So wird es nötig? sein --«
Trautmannsdorf biß sich auf die Lippen. Anton ermunterte: »Sprecht nur.«
»Es gibt auch Mittel, die man verwendet, wenn man eine Fährlichkeit für
sehr groß erachtet und ihre Abwendung wirklich und von Herzen wünscht.
Mittel selbst gefährlicher Art. Es gibt, wie den liebwerten Herren und
Exzellenzen bekannt ist, nicht nur hier Männer, denen die Durchführung des
kaiserlichen Entschlusses verderblich erscheint und erscheinen wird. Die
Kurfürsten werden insgesamt als nicht gefragte Partei sich gekränkt
erweisen, sonderlich die Durchlauchten von Sachsen und Brandenburg, welche
samt ihrem Anhang in nicht vorzusehender Weise protestieren werden. Ich
vermeine, wir werden jedenfalls nicht hindern, auch nicht hindern können,
wenn sie sich gekränkt erweisen. Oder wenn sie Widerstand leisten, im
Geheimen oder auf dem Deputationstag.«
»Sehr kühn,« Herr von Strahlendorf mit salbungsvoller Stimme, pfeilerartig
lang hinter Eggenbergs Bett über den Saal schauend, »drücke sich der Herr
deutlicher aus; er empfiehlt: wir stecken uns hinter das hohe Kollegium.«
»Ich empfehle nicht,« fuhr der vor den Butzenscheiben fort, »auch rate ich
nicht. Wir überlegen. Die Frage lautet: ist die kaiserliche Maßnahme
gefährlich, also: sollen Mittel dagegen ergriffen werden. Wer ist der
Kaiser? Ein Habsburger. Leidet die Macht Habsburgs Einbuße durch jene
Maßnahme?«
Questenberg dröhnte: »Die Kur an Bayern abgeben, heißt unmittelbar an den
Säulen des Erzhauses rütteln.«
Harrach blickte rechts und links: »Zum wenigsten droht Gefahr. Vielleicht
können wir sie noch bannen.«
Hoheitsvoll schüttelte Strahlendorf, der Vizekanzler, den gepuderten Kopf:
»Man wird mich auf keinem Wege sehen, wo es gegen den frommen Kaiser geht.
Die Maßnahme des Kaisers mag dem gewöhnlichen Geschäftsgang widersprechen,
sie ist aber entsprungen einem echt katholischen Gemüt; der Jubel unserer
christlichen Stände wird keine Grenze finden, wenn sie kund wird. Daß
Bayern die Oberpfalz erhält, wird unausbleiblich sein; daß es den Kurhut an
sich nimmt, werden spätere Zeiten zu den großen Beweisen unsrer Frömmigkeit
rechnen; denn nun ist für alle Zukunft gesichert der katholische deutsche
Kaiser. Halten die Herren dies fest; sie werden an dem Beschluß nichts mehr
zu tadeln finden.«
»Und Kursachsen,« schrie Questenberg, »und Brandenburg? Und England und
Dänemark?«
Eggenberg unterbrach nachsichtig: »Es wird freilich schwer halten, die
Kurfürsten nicht zu verstimmen. Und noch schwerer, Krieg zu führen.«
Der Abt lächelte, er verwaltete die Finanzen: »Schwer. Die Säckel sind
nicht grade voll.«
Wieder regte sich Trautmannsdorf, der angestrengt den hageren hölzernen
Reichsvizekanzler studiert hatte: »Es ist ausnehmend richtig, was mein Herr
von Strahlendorf gefunden hat, daß die neue Wendung der Dinge einen Sieg
der Frömmigkeit darstellt. In Zukunft, solange wenigstens das Heilige
Römische Reich blüht, wird kein protestantischer Kaiser möglich sein. Dies
ist ja auch unser aller Herzenswunsch. Aber gewiß ist auch das Gegenstück:
der Grimm der protestantischen Kurträger, welche ja nunmehr noch dem Namen
nach mitküren, jedoch nur essen dürfen, wie's ihnen die Katholischen
vorsetzen. Das wird ihnen nicht gefallen, sie werden versuchen, Einfluß zu
gewinnen; sobald sie sich zusammentun, ist vereitelt, was grade gewollt
war: es wird zwei Reiche geben, ein kaiserliches, freilich katholisches,
und ein protestantisches. Das Reich ist zerfallen. Besser ist, sie nicht in
die verzweifelte Minorität drängen; katholisch sein -- aber mit ihnen.«
Strahlendorf warf ihm einen strengen Blick zu: »Der Krieg ist gewonnen. Der
wahre Glaube hat gesiegt. Es ist folgerichtig, dem Katholizismus das
verfallene Land und den verfallenen Kurhut zu überantworten. Das Gegenteil
ist Schwäche.«
Laut seufzte der Abt: »Ach die Stärke. Möge der Herr mein Amt übernehmen.
Tadle er uns nicht zu sehr.«
»So konkludiere ich:« Fürst Eggenberg sah jedem einzelnen der Herren unter
die Augen, »es ist das Recht des Kaisers, jene Maßnahme zu treffen oder
getroffen zu haben. Es ist das Recht der Kurträger, sie nicht zu billigen.
Voraussichtlich wird Streit mit den Kurträgern, sicher mit einigen
Anhängern des Pfälzers entstehen. Wir müssen uns auf Unruhe und Krieg
vorbereiten. Möglich ist eine schwierige Rivalität Wittelsbachs, besonders
nach der Aufnahme ins Kolleg.«
Alle schwiegen bedrückt; ungebeugt nur Strahlendorf.
Der Abt hob den Finger: »Dies sind Fakta. Laßt uns Rat finden, Rat, wie
einem möglichen Unheil begegnen.«
Viel ruhiger war der schwarze Questenberg geworden; er brütete, mit dem
Rücken gegen die Wand, vor sich; wollte sprechen, hielt wieder an. Harrach
streichelte ihm friedlich die Schulter: »Wenn der Blitz in ein Haus
eingeschlagen ist, soll man nicht nur nachsinnen, wo man sich am besten
hätte verstecken können, welche Gebete man hätte sprechen sollen, welche
Heiligen anrufen.« Mit tiefer Stimme Questenberg: »Ich weiß. Wir werden dem
Kaiser nicht in den Rücken fallen. Das Geschehene ist schmerzlich, vielen
unter uns ist es schmerzlich. Wir dienen alle unserm Kaiser. Mag unser
liebwerter Fürst Eggenberg der Römischen Majestät mündlich, mit jeglicher
Sanftheit, unsre Ergebenheit und unsre Bedenken, wie er sie vernommen hat,
anzeigen.« Trautmannsdorf flüsterte gespannten Gesichts eindringlich durch
den Raum: »Vor allem: wir wissen nicht, was den hohen Herrn veranlaßt hat,
wider seinen Willen der Durchlaucht in Bayern nachzugeben. Wir wissen es
nicht. Es heißt auf der Hut sein vor der Durchlaucht. Es heißt, sich
ergeben und entschlossen vor den Kaiser stellen. Jeglicher Wiederkehr
vorbauen.«
Nachdem der erschöpfte Eggenberg mehrfach Schweigen über die Beratung
anempfohlen hatte, damit es nicht erscheine, als ob Zwiespalt zwischen der
Majestät und ihrem untertänigen Rat bestände, faßte man den Beschluß, die
Übergabe der erledigten Kur an den Bayern nicht zu behindern, zugleich die
Majestät um eine gemeinsame Audienz anzugehen.
* * * * *
Zu Mollert und Mansfeld lächelte der Kaiser auf dem Wege von der Kirche:
»Es ist mir leichter, liebe Herren, es geht mir besser. Wie nennt man wohl
den, der krank ist und versäumt, zum Arzt zu schicken?«
»Er ist sicher nicht -- der Dümmste.«
»Laß nur, Mollert,« winkte Ferdinand. »Vielleicht ist er nicht dumm,
vielleicht ist er nicht klug. Wer eine Sünde begangen hat, soll beichten
gehen.«
Nachmittags hörte er, sein Rat Eggenberg sei erkrankt, und als er ihn in
seiner Wohnung aufsuchen wollte, hieß es, er sei aufs Land gegangen. Der
Kaiser schickte ihm seinen Arzt Mingovius zu; Kaspar Frey fuhr mit, um zu
fragen, ob von Dighby Depeschen da wären; Eggenberg möge sich im übrigen
nicht zu früh nach Wien bemühen, sich recht pflegen. Die Antwort kam, es
seien Depeschen von Dighby da; er schrieb, er hoffe die Festung bald
niedergelegt zu haben; von andrer Seite sei mitgeteilt worden, Dighby hätte
mit den Türken und Tataren gedroht, falls Maximilian nicht nachgebe.
»Der tolle Kerl,« freute sich Ferdinand und staunte. Draußen blühte der
Frühling, herrlich über alles Denken. Nach langem Hin und Her brachte der
feine zierliche Doktor Frey heraus, er hätte verlauten hören, die Herren
Geheimen Räte hätten sich betroffen gefühlt durch die Mitteilungen des
Kaisers; eine -- nun -- eine sonderbare Stimmung herrsche unter ihnen.
»Du machst Späße, Frey?« Ferdinand überlief es kalt: »Sie verlassen mich?
Sie helfen mir nicht?«
»Sie klagen; sie fühlen sich gekränkt, daß man sie nicht gefragt hat. Sie
halten den getroffenen Entschluß für gewagt, für gefährlich.«
»Und wie denken sie auf Abhilfe?«
»Es ist nicht ersichtlich.«
»Das sind meine Räte. Was brauche ich Kammer und Rat. Daß sie mir wie
Doggen in den Nacken fallen. Es ist nicht ausdenkbar. Du wiederholst mir.
Und Eggenberg ist nicht krank.«
»Der Fürst ist gestern in sein Quartier zurückgekehrt.«
Bleich, entschieden, leise Ferdinand: »Nein, das habe ich nicht um sie
verdient.« Er stand plötzlich dicht bei Frey: »Um Jesu willen, was sagst du
mir.« Damit taumelte Ferdinand in seine Arme. »Schick nach Eggenberg,«
flüsterte er.
»Er kommt nicht.«
»Eggenberg soll kommen.«
»Er kommt, wenn Majestät befehlen. Aber er wird nicht gut sprechen.«
»Trautmannsdorf?«
»Ebenso.«
»Der Abt Anton.«
»Ebenso.«
»Ich soll sie anbetteln. Sie wissen ja nicht; es liegt nicht an mir. Ich
will zu ihnen.«
»Bleiben Majestät.«
»Sie müssen es in die Hand nehmen.«
»Sie wollen etwas gegen Majestät.«
»Gegen mich. Gegen mich. Es ist zum Lachen, zum Schreien. Wer bin denn ich?
Es kommt ja nicht auf mich an.«
»Sie wissen, daß es auf einen Krieg geht.«