»Der Kaiser ruft mich zu einer Audienz.«
Rusdorf sondierte, ob er zur Audienz wolle.
»Freilich, ich werde ihn anhören. Dann um ein Geschenk bitten für Herrn
Rusdorf. He.«
»Bitte der Herr um nichts. Wenn ich rate, gehe der Herr lieber nicht hin.«
»Das wäre.«
»Der Herr glaube mir. Ferdinand hielt Euch für einen käuflichen Schindhund.
Den verruchten bestialischen Sinn wird der Herr bald erkennen. Ist kein
Friede zwischen Habsburg und unsern evangelischen Häusern.«
»Neidet mir der Herr meine Lorbeeren. Will der Herr, begleit er mich, sei
er mein Diener.«
»Die Zeiten sind vorbei.«
Dighby zynisch lachend: »Ich werde achten, wann der Herr seinen Degen
trägt. Man muß sich ja vor ihm fürchten.«
* * * * *
Der Habsburger ritt. Dighby zu Fuß wegen seines Hüftwehs.
Kühler Buchenwald bei Wolkersdorf, warmer böiger Maiennachmittag.
Aufgescheuchte Haselhühner Marder, aus Sumpfwiesen der Lichtungen grelles
Gequak der Frösche. Der Kaiser leicht gekleidet, weißes Wams geblümt mit
Anemonen, bauschige Ärmel, Schlitze mit goldenen Borten; am einfachen
Ledergurt quer über die Brust das Wehrgehenk; die Beine in den roten,
weiten Kniehosen; hinter ihm wehte der schwarze Mantel gelbgefüttert. Er
plauderte gleichgültige Dinge, schwenkte oft seinen Tummler, so daß er
leicht heruntergebeugt mit einem Anflug von Verlegenheit und Besorgnis das
Gesicht seines gleichmütigen Begleiters studieren konnte. Um seine Familie
fragte er den Lord, der einherschritt mit dem Krückstock, tief über dem
Magen den Orden am blauen Atlasband; mit dem platten schmalkrämpigen Hut
sich Luft fächelnd an seine roten vollen Backen; oft mußte sich der Lord
bücken, wenn er mit der großen Goldrosette seiner Halbschuh im Strauchwerk
hängen blieb; noch dicker quoll beim Aufrichten in der spanischen Krause
sein Hals. Der Kaiser sprach von Italien, setzte Feinheiten beim Saustich
auseinander, erkundigte sich nach schottischen Hunden, schwoll über von
Jagdgeschichten. Mitten über einen Waldpfad schnürten zwei Füchse dicht
hintereinander dahin; der stärkere, der Rüde, voran mit einer Fasanenhenne,
die Fähe mit einem zappelnden Junghasen. Dighby zuckte vorsichtig nach, der
Kaiser lachte herunter über seine Gespanntheit; stellte ihm frei, morgen
den Bau zu graben, die Welpen auszuheben. Noch einmal dankte Dighby für die
Gastgeschenke. O, der englische Herr möge nur sehen, daß es nicht an ihm
läge, wenn sich Schwierigkeiten erhöben. Er habe mit Freuden von den
Ausgleichsbemühungen des Gesandten gehört, Meggau und Eggenberg hätten ihm
berichtet, auch in die Denkschriften der Pfälzer Legaten hätte er geblickt.
Ob sich die Majestät von der Triftigkeit der britischen Argumente überzeugt
hätte. »Weiß, weiß. Meint es gut. Ist Euer Verwandter, der Pfälzer
Kurfürst. Der Herr weiß, daß beim Ausgleich mein hoher bayrischer Schwager
mitzusprechen hat; fasse der Herr es gut und glimpflich an; an meinem guten
Willen soll es nicht fehlen. Was hat ihm sein Souverän Sonderliches ans
Herz gelegt?«
»Dem flüchtigen Kurfürsten zu seinem erbeigentümlichen Land auf jede Weise
zu verhelfen, zu protestieren, daß der Krieg in deutsche Länder getragen
werde, da Friedrich den Krieg nicht geführt hat gegen des deutschen Kaisers
Majestät, sondern gegen einen habsburgischen Kronprätendenten, er selbst
erwählter böhmischer König; zu protestieren gegen die Reichsacht --.«
»Weiß, weiß, die Gründe sind mir bekannt. Sonst nichts Sonderliches?«
»Die Protestierenden werden es im Heiligen Reiche nicht leicht hinnehmen,
wenn einem ihrer Glieder ein gewaltsames Leid geschieht. Wie dem sei, will
der englische Souverän und sein Parlament nicht ruhig zusehen, wie ihren
Glaubensverwandten Gewalt angetan wird.«
»Spreche der Herr nur weiter.«
»Der böhmische Zwischenfall ist erledigt, ist von Ihrer deutschen Majestät
siegreich aus der Welt geschafft. Dies scheint uns ein Ende der
Angelegenheit. Über Schadloshaltung, persönliche Sicherung sind die
englischen Berater bereit, mit Friedrich in Verhandlung einzutreten; wir
verhoffen uns einer guten Wirkung auf ihn.«
»Bringe der edle Graf das in München an, Schwierigkeiten und Annäherungen.
Haltet nicht zurück. Mein Schwager wird Euren Gründen gerecht werden. Von
mir seid gewiß: ich grolle dem Hitzkopf, dem pfälzer Friedrich, nicht; ich
weiß, auch der englische Souverän hat seine Pein mit ihm gehabt und sein
böhmisches Abenteuer nicht gebilligt. Ich wünschte, der britische Hof hätte
vorher Einfluß auf ihn gehabt.«
»Der britische Souverän wird erfreut sein von der Friedensliebe und der
Wohlgesinntheit Eurer Majestät durch mich zu erfahren.«
»Ihr müßt nach München. Der bayrische Herzog ist meine rechte Hand im Krieg
gewesen; es ist nur billig, daß er es beim Friedenschaffen ist. Sagt ihm
auch, daß ich Euch nach meinen Kräften begabt und empfangen habe. Sagt --
nein. Vielleicht ist es besser, Ihr sagt es nicht. Nein, sagt ihm nichts
davon.« Er lächelte fremdartig, wehmütig den aufmerksamen Lord an: »Mein
Herr Schwager in München ist ein absonderlicher Mann. Ich weiß nicht, wie
er es aufnehmen wird; er ist oft melancholisch. Tut nach Belieben. Es gibt
nichts zu verbergen.«
Über Mittag an der ländlichen kaiserlichen Tafel im Wolkersdorfer
Schlößchen verweilend, wurde Dighby bei Tisch vom alten Harrach, seinem
vergnügten, gewandt englisch parlierenden Nachbarn, eröffnet, daß der
Kaiser dem Herrn für die Münchner Tour noch Gesellschaft mitschicken wolle,
die ihm zur Seite stände bei Audienzen, ihn auf dem Laufenden erhalten möge
über Wiener Ansichten, Kenner des bayrischen Herzogs. Den Nachmittag zuvor
war dies festgesetzt zwischen dem Herrscher und einigen Mitgliedern der
Hofkammer; erregt, fast bettelnd sagte Ferdinand: »Wir müssen alles
anwenden. Wir dürfen uns nicht scheuen, jedes Mittel dranzusetzen, um zum
Frieden zu gelangen.«
Und keiner der sehr klugen edlen Berater wußte, warum sich der Kaiser so um
den Frieden härmte.
Nur Trautmannsdorf, der verwachsene kleine Mann, der verschwiegene, ahnte
etwas, als angefangen wurde von dem Bayern, und der Kaiser davon nicht
abkam, nicht abkam. Er dachte an die auffallende Begrüßung, die Ferdinand
zu München erfahren hatte bei der jubelnden Rückkehr aus der Krönungsstadt
Frankfurt, Ferdinand, eben zum Kaiser gewählt, gesalbt. Die eisige Maske
des dunkelbärtigen Wittelsbachers, der neben seinem liebenswürdigen
gebückten Vater, dem schneeweißen Verschwender und Bankrotteur, vor den
Mauern der Stadt an den kaiserlichen Zehnspänner trat, stumm dem lachenden
übersprudelnden Österreicher gegenübersaß in dem spiegelnden Kristallwagen.
Über den Köpfen der drei Regenten brannte abends ein Feuerwerk am Isartor,
an der Langen Brücke, ab, Kanonen wurden auf allen Wällen gelöst, die
Donnerschläge rollten majestätisch in die dunkle schwere Sommerluft hinein.
Erst am Tage darauf in der schönen und reichen Kapelle der Fürsten,
angesichts des silbergetriebenen Altars, vor den wunderbaren Reliquien des
Heiligen Ambrosius, des Heiligen Stephan, der Walpurga, Damiana, Agatha,
Crispina, gedachte der glückstrunkene Herrscher Böhmens, und daß seine
Erblande in Aufruhr und Abfall waren. Höllisch verzog sich auf dem Rückgang
in die Ritterstube einen Augenblick das marmorfeine Gesicht Maximilians.
Stiller wurde zwischen den Seidentapeten, den gewirkten stolzen Bildern aus
Bayerns Geschichte der Kaiser; in drückendem Pomp umgingen ihn die Ritter
mit blauen und roten Röcken. Eines Tages war ihm abgezwungen im fast
schweigenden Hin und Her die Führung im kommenden Krieg: für die Gestellung
der Heereshilfe mit den Streitkräften der Liga das unumschränkte
Direktorium der katholischen Verteidigung bei Maximilian, absolute Gewalt
im Kommando bei Maximilian; nicht Verhandlung noch Frieden ohne ihn. Und
als der Kaiser unterschrieben hatte, war es an einem Montag gewesen, dem
zweiten im Monat, an dem der Herzog Gerichtstag hielt, zwei Tage vor der
Abreise, daß der Kaiser mit Maximilian eine lange Stunde in des Herzogs
Sommerstube eingeschlossen verweilte. Die Stube lag zur ebenen Erde,
gewölbt war sie, Figuren hatte Peter Candro an die Wände gemalt, blau und
weiß war der Boden gepflastert; auf dem Sims im Umkreis prächtige Köpfe in
Bronze, Marmor. Eine lange Stunde war nur zu hören Stampfen mit dem Fuß,
klirrendes Hinfallen eines Degens, die flüsternde drohende beschwörende
Stimme des Habsburgers; die langen Pausen vor den knappen befehlerischen
Sätzen des Wittelsbachers, die aus der Stummheit kamen, wie Bulldoggen aus
ihrer Wachhütte. Zwei stille Wartetage. Jähe Abreise. Der Kaiser erst
gebrochen, dann finster.
»Ich schicke dem Grafen von Bristol so viele gewandte Herren mit, auf daß
ihm nichts mißglücke. München ist eine Festung -- der edle Herr wird davon
wenig vernommen haben -- die im heiligen Römischen Reiche, vielleicht auf
der ganzen Erdfläche nicht ihresgleichen hat. Ja, lächle der edle Herr
nicht; noch sieben Tage, und er wird mir glauben.«
»So geht der Bote des Königs Jakob einem ehrenreichen Strauß entgegen. Die
Basteien des vielbenannten von Groote sollen mich locken.«
»Keine Ehre werdet Ihr ernten, Lord Dighby; ich will Euch lächeln lassen;
Ihr ahnt nicht, wie vermessen Ihr seid. Eure Artillerie wird Euch in ein
zwei Wochen nicht mehr bedünken wie ein Kinderstecken. Eure Artillerie wird
Euch aus den Händen gerungen sein, ehe Ihr erkundet habt, wo der Feind
steht.«
»Redet Kaiserliche Majestät von Ihrem durchlauchtigen Schwager in Bayern?«
»Bildlich, Lord, und in Eurem Sinne. Er ist mein Freund, und ich kenne ihn.
Segne Euch Gott, Lord, auf Eurem Weg. Seid gewiß, was ich Wünsche und
Gebete an Euch wenden kann, wandert mit. Seid furchtsam, ich beschwör Euch,
zittert vor ihm, als wäret Ihr Tag und Nacht von Gespenstern und Teufeln
heimgesucht. Zittert; erinnert Euch daran, daß ich es Euch gesagt habe.
Nehmt alles, was Ihr sehen und erfahren werdet, nicht für einen Ausdruck
des Gemüts, sondern für etwas anderes, was Ihr spät entdecken werdet. Ich
beschwör Euch, gedenkt meiner Worte. Fürchtet den Herzog, er ist stark; er
hätte es verdient, statt meiner auf dem kaiserlichen Stuhl zu sitzen.«
»Ich bin glücklich, jetzt auf meinem rechten Platz zu stehen. Ich zittere,
aber nur vor Ungeduld. Herzlichkeit ist mir unbekannt, Freude kann ich
schwer in meine Sprache übersetzen. Meine Artillerie steht zu Diensten. Der
Feind soll sich hüten.«
Ferdinand lachte kindlich, blickte ihn verschleiert an, strich ihm die
Hand, klopfte ihm die Wange; er flüsterte: »Euer Hüftweh scheint schon
behoben. Schlagt ihn nur nieder; in die Knie, Lord, in die Knie; so ist's
recht: aber Euch wird der Kopf abgeschlagen. Geht. Was kann ich noch für
Euch tun? Wollet gut von uns denken.«
* * * * *
Als Dighby zurückkehrte in sein Quartier, noch nicht erholt von seiner
Verblüffung, trat er zum Schlaftrunk, noch im weißen Überrock, den hohen,
platten Filzhut auf dem Schädel, mit zerdrückter spanischer Krause,
schütternd, lachend, armeausstreckend in Pavels Kammer: »Der Kaiser hat mir
ein Bündnis angetragen. Wißt Ihr auch, gegen wen?«
Rusdorf schlich vom dunklen Eckschemel her, schaute ihm in das volle
blutstrotzende Gesicht, auf das das Kerzenlicht fiel. Dighby klatschte in
die Hände: »Bei Gott, ihr Herren. Gegen wen in Bayern? Unsere Sache steht
ausnehmend gut.« Und während er mit den flatternden roten Hosenbändern,
weißbestrumpft um den Tisch ging, aus dem Glas schluckte, das ihm Rusdorf
bot, schüttete er sein stolzes Lachen aus: »Ich verlange Räumung der
besetzten Gebiete, Schadenersatz, Sühnegelder oder Land. So sprechen die
Herren doch.«