»Rühr der Herr mich nicht an.«
»Ich weiß mir keinen Rat.«
»Es mag sein, wie dem Herrn gefällt. Nur möchte ich ihn bitten, mir bald
aus dem Gesicht zu gehen.«
»Was will der Herr Bruder tun. Wo will er hin?«
Der schwieg.
»Bruder, Herzensbruder, ich muß dir etwas sagen. Du darfst nicht weg.
Bruder, du magst deine Briefe abschicken oder nicht. Ich will es nicht
hindern. Nein, du wirst nicht weggehen. Ich, ich laß dich nicht.«
»Wie aber gedenkt Herr Rusdorf das zu hindern.«
»Das mag der Herr nicht fragen.«
»Ich werde noch heute Dighby und den Herrn verlassen.«
»Ihr werdet das Haustor nicht zumachen. Ihr könnt nicht. Ihr zwingt mich.
Ihr mögt denken, ob ich Ehre habe oder nicht. Mich tragt Ihr nicht so zum
Gespött hinaus mit Euch, Herr. Ich muß bei Dighby bleiben.«
»Ihr werdet sehen.«
»Ich fleh' Euch an, es nicht zu versuchen.«
Rusdorf kniete, wimmerte vor dem andern, der sehr traurig von ihm abrückte.
Zwei Stunden später wurde Pavel, verkleidet über die halbdunkle Stiege
hinabschleichend, am untersten Absatz aus der Finsternis von zwei
Degenstößen getroffen, durchbohrt am Oberarm und beiden Schenkeln, daß er
mit Wehgeheul hinsank. Rusdorf mit dem blutignassen Stahl entwischte in
eine Seitengasse.
* * * * *
Nikolaus Gurland, aus dem Sumpf der böhmischen Verwaltung vor dem Krieg
nach Wien gekrochen, war ein Misanthrop. Die wüsten Herren von der
Landtafel hatten die kleinbürgerliche Rechenmaschine vergeblich zu
kujonieren versucht. Seine trostlosen Berichte Memorials Denkschriften an
den verstorbenen Kaiser Mathias hatten schon böses Blut bei diesen Herren
gemacht; seine langweiligen Zahlen über den Rückgang des Bergwerkertrags in
Joachimstal Kuttenberg Ratiboric waren nicht zu widerlegen. Da er immer
einen verwitterten blauen Tuchanzug trug und sich nicht um Politik scherte,
regelmäßig zur Messe ging, beichtete, konnte man ihm nur zusetzen durch
Verweise wegen Vernachlässigung amtlicher Würde in Tracht Gebaren, ihm
demütigende Belehrungen erteilen über Umgang mit Behörden. Tief getroffen
kaufte er sich einen kostbaren Federhut, zog sich blaue Strümpfe an,
schwang einen zierlichen Degen, aber die breiten böhmischen Schuhe
schleppte er an den Füßen, den Mantel trug er wie ein Paket unter dem
linken Arm. Der Chef, ungerührt, ging ihn eines Tages mit einer frechen
Bestechung an; da sah Gurland, daß er mitmachen oder gehen müsse. In Wien
wurde er wegen seiner Griesgrämigkeit, des unpersönlichen Mißtrauens, der
ruhelosen Strenge und Reinlichkeit von Behörde zu Behörde geschoben. Den
Don Marradas, einen großartigen liederlichen Herrn am Hofe, seinen
Hausnachbarn, bewahrte er durch private Rechnungsführung vor schwerer
Überwucherung; Don Marradas ritt neben der Kutsche des Kaisers und war
Kapitän der Hatschiere. So daß dem böhmischen Sekretär Nikolaus Gurland das
Letzte geschah, er sturzartig, seiner Verwirrung ungeachtet, in das Amt des
Schatzmeisters gelangte. Seine bürgerlichen Sonderheiten waren nun
geheiligt; an den Wänden Straßenmauern schlich er wie sonst, hohe Bediente
Würdenträger wichen vor ihm aus.
Schiefschultrig feingesichtig, einen mausgrauen Mantel um den niedrigen
Leib, stand eines Mittags Kaspar Frey, der Römischen Majestät alter
Geheimsekretär aus erzherzoglichen Zeiten, vor Gurlands erhöhtem
Schreibpult. Die Tür hatte er fest hinter sich angezogen. Er nahm die Zeit
des unruhigen gelbgesichtigen Mannes oben mit höfischen nichtssagenden
Redensarten und Pausen in Anspruch. In einem hintern Flügel der Burg lag
die Schreibstube; Gurland, schwarze mißtrauische Blicke werfend, schnalzte
im Chorgestühl heftig an einem Entenkiel. Kaspar Frey suchte ihn freundlich
zu stimmen, reizte ihn, nahm auf der rotbezogenen Besucherbank Platz.
Schließlich gab er zögernd Auskunft, auch daß er im Namen des Kaisers käme.
Der unzugängliche Mann oben, dem man vieles geboten hatte, schwieg lange.
Was Frey vortrug, überstieg alles Frühere; er sollte zum Mitwisser Mittäter
eines unglaublichen Unterschleifes gemacht werden; der Kaiser nicht, eine
verwegene Person steckte dahinter, denn Frey war sicher nur Zwischenträger.
Als sich die Tür hinter dem Abgesandten schloß, nachdem er eine halbe
Zusage empfangen hatte, die ihn sicher machen sollte -- in zwei Stunden
hoffte Gurland ihn nach einem kurzen Überschlag ganz zufrieden zu stellen
--, kramte der erschrockene Mann drin fiebrig mit seinen gelben Fingern
nach seiner Seidenmütze. Er setzte sie sich auf seinen glatten starken
Schädel, zischelnd rief er nach seinen Schuhen, auf dicken Pantoffeln
schlendernd. Zum Kaiser; es war sonst sein eigenes Verderben.
Ferdinand, aus der Kapelle zurückkehrend, empfing ihn traurig. Er
streichelte ihm die Hand: »Er kam in meinem Auftrag.« Und als der entsetzt
noch einmal fragte, sagte Ferdinand leise: »Ja, wirst du vermögen zu
schweigen. Und wenn du es nicht kannst, sag es nur ruhig. Du wirst mich
nicht kränken. Du wirst in allen Ehren bleiben.« Gurland fassungslos,
Tränen in den Augen, fühlte seine Nasenhöhlen sich weiten; ein kühles
Prickeln schlich um die Oberlippe. Er sagte nur »ja«, fiel ihm zu Füßen. In
seiner Schreibstube erwog er, ob er abdanken solle; seine Unruhe steigerte
sich zur Verzweiflung. Frey kam. Er lief gegen ihn, konnte nichts sagen;
alles, was er begehre, wolle er erfüllen; warum er keine Zeile, keinen Ring
vom Kaiser mitgebracht hätte.
Als gegen Abend die Rollknechte in dem Amalienhof der Burg die
leinenverpackten Geräte, kleinen Kisten auf ihren Wagen gehoben hatten,
sich in Bewegung setzten unter Begleitung starker, als Knechte verkleideter
Hatschiere, hatte Gurland sich im Danksagen Verzeihungbitten gegen Frey
gesättigt.
Der geschwollene Lord schmetterte die Türe seiner Kammer zu; Rusdorf mußte
ihm tragen helfen; vor dem Bett des melancholischen Pavel stolzierte
händereibend der Lord, zwei Kerzen brannten auf dem Tisch; Faulbett
Fensterbank Gesims Parkett bestellt mit kaiserlichen Gaben; auf dem kleinen
Stollenschränkchen, dem buntgemusterten, mit gewundenen hohen Beinen, eine
breite schwere gelbblinkende Schale, eine goldene Waschschüssel.
»So viel sind wir wert, den Herren! Herr von Meggau, Herr von
Trautmannsdorf machen saure Gesichter, werfen mit großen dicken Worten. Der
Kaiser schickt Geschenke!«