III. Mittelbare Pestalozzianer.

~A.~ Hervorragende katholische Pädagogen.

=1. Overberg= (1754–1826).

=1. Seine Jugend.= Der Pädagoge des Münsterlandes im eminenten Sinne

ist +Bernhard+ Heinrich +Overberg+, geb. als Sohn unbemittelter

Krämerleute in der Bauerschaft +Höckel+ (Osnabrück) am 1. Mai 1754.

Gleich Pestalozzi war der kleine Bernhard ein an Körper und Geist

schwächlicher Knabe, der erst in seinem 5. Jahre gehen lernte und

8 Fibeln verbrauchte, ehe er lesen konnte. Doch arbeitete er sich

durch seinen Fleiß in der Bauerschaftsschule bis zum Helfer empor.

-- Früh faßte er den Entschluß, +Geistlicher+ zu werden. Mit Hilfe

der Mutter gelang es ihm, vom Vater die Einwilligung zum Studieren

zu erhalten. Der Kaplan im Pfarrdorfe Voltlage unterrichtete ihn

nun im +Latein und Rechnen+. Schon 17 Jahre alt, kam er auf das

Franziskaner-+Gymnasium in Rheine+, wo er sich durch Fleiß, Ausdauer

und musterhaftes Betragen auszeichnete. Gern hätte man ihn für

den Orden gewonnen. Da es ihm indes an innerer Neigung für den

Klosterberuf fehlte, hielt ihn seine verständige Mutter zurück.

Seine +theologischen Studien+ machte er mit auffallend günstigem

Erfolge in +Münster+ und wurde darauf Kaplan in +Everswinkel+, Kreis

Warendorf, mit 90 Mk. Gehalt (neben freier Station). Hier bildete

Overberg sein Talent für den Jugendunterricht aus. Er übernahm für

den bejahrten Pfarrer den Religionsunterricht und gelangte zu einer

seltenen Fertigkeit in der +Katechese+.

=2. Overberg als Normallehrer.= ~a~) Minister und Generalvikar des

Fürstbischofs von Münster war um diese Zeit der verdienstvolle

Freiherr +von Fürstenberg+ († 1810). Als Leiter des Erziehungswesens

im Münsterlande lag ihm vornehmlich die +Hebung der Volksschule+

am Herzen. Die Lehrer im Münsterlande waren damals verdorbene

+Handwerker+, meistens Schneider und Taglöhner. Die Schullokale

waren eng, niedrig, dumpf, oft nicht einmal bedielt. Der Schulbesuch

beschränkte sich auf den Winter. Einzelunterricht und Abhören dessen,

was mechanisch auswendig gelernt war, bildete die Regel. Schreiben und

Rechnen lernten nur die Wohlhabenden gegen besondere Vergütung. Mit

der Schulzucht war es noch trauriger bestellt. Sogar in Mädchenschulen

fanden sich viele Stöcke, Eselsohren usw. Diesen trostlosen Zuständen

konnte nur durch bessere Lehrer abgeholfen werden. Fürstenberg

beschloß daher, eine Lehrerbildungsanstalt in Münster zu gründen. Es

sollte eine „+Normalschule+“ sein, weil sie allen Elementarschulen

im Lande zum Muster zu dienen bestimmt war. Overberg wurde 1783 zum

ersten und einzigen Lehrer derselben durch v. Fürstenberg berufen (der

sich persönlich in Everswinkel von der hervorragenden Lehrfähigkeit

Overbergs überzeugt hatte).

~b~) Overberg begann damit, im Herbst 1783 für im Dienst stehende

Lehrer einen Unterrichts- oder +Normalkursus+ von 2½ Monaten

abzuhalten. Es waren vielfach über 50 Jahre alte Männer, welche

schon lange im Sommer auf dem Felde, im Winter in der Schule

getaglöhnert hatten. Solche Normalschüler hatte Overberg nicht

nur in der Methode, sondern auch in den Fächern selbst und in der

Erziehungslehre zu unterweisen; dazu in so knapper Zeit und ganz

allein. Eine Riesenaufgabe! Overberg hat sie gelöst. Die gewinnende

Freundlichkeit Overbergs, seine unerschöpfliche +Geduld+, Berufstreue

und Bescheidenheit, wie auch sein +ausgezeichnetes Lehrgeschick+

öffneten ihm den Weg zu den Herzen seiner Schüler. Ergraute Männer,

die anfangs nur gezwungen kamen, machten den Normalkursus noch vier-,

einige zehnmal freiwillig durch. Es konnte später eine längere Dauer

der Kurse eingeführt werden. Auch für +Lehrerinnen+ hielt Overberg

seit 1801 Normalkurse ab. Er hat das Institut der Lehrerinnen (welches

im Münsterlande schon im 17. Jahrhundert bestand) zur Blüte gebracht.

Overberg war für Trennung der Schulklassen nach dem Geschlechte und zog

für Mädchenklassen Lehrerinnen vor.

~c~) Bei der +Erziehung+ erörtert er mit Nachdruck die Wichtigkeit des

guten +Beispiels+ für die Willensbildung. Das gute Beispiel des Lehrers

ist der Grundton seiner ganzen Erziehungslehre. Er zeigt die Würde des

Lehrerberufes im Lichte der Religion. Das Amt eines Seelsorgers und

Jugendlehrers sah er als das höchste auf Erden an. Die Kinder nannte er

seine „Wonne“ und seine „Krone“!

~d~) Bezüglich der Ausbildung des kindlichen Geistes faßte er den

Verstand und das Gedächtnis ins Auge. Der Verstand soll 1. zum

Aufmerken und Nachdenken gewöhnt, 2. durch richtige, klare und

deutliche Begriffe gebildet und 3. von der Wahrheit der Lehre überzeugt

werden. Das +Gedächtnis+ ist teils Wort-, teils Sachgedächtnis.

Grundsätze: 1. das Wortgedächtnis soll nie ganz allein geübt werden;

2. das Sachgedächtnis genügt in vielen Fällen allein; 3. Wort- und

Sachgedächtnis sind auf eine vorteilhafte Art zu üben.

~e~) Besonderes Gewicht legte Overberg auf den +Religionsunterricht+.

In der Methodik huldigt er (im Gegensatze zu Pestalozzi) der

+katechetischen+ Unterrichtsweise, worin er eine außerordentliche

Tüchtigkeit besaß. Er wollte verhindern, daß der Lehrer mit dem

Prediger, der Katheder mit der Kanzel verwechselt werde. Darum spielt

die +Frage+, sei sie heuristisch, repetierend oder examinierend, bei

Overberg eine so wichtige Rolle, ebenso das Anführen von Beispielen.

~f~) So wirkte er unermüdlich jahraus jahrein; ein Kursus folgte dem

anderen. Als er 1809 zum +Regens+ des Priesterseminars und 1816 zum

+Regierungs- und Schulrat+ in Münster ernannt wurde, hielt er die

Normalkurse weiter und blieb bis zu seinem Tode der fleißige und

bescheidene „+Lehrer der Normalschule+“. Er erlebte noch (1825) die

Freude, das Lehrerseminar in Büren eröffnet zu sehen. „Nun kann ich

ruhig sterben,“ sagte er, „das Seminar ersetzt mich.“ Er starb am 9.

November 1826.

Overberg wurde in Münster auf dem Überwasserkirchhofe begraben. Ein

einfaches +Kreuz+ mit der Inschrift: „Es ist kein anderer Name dem

Menschen gegeben“, zeigt die Stelle. An seinem 150. Geburtstage (1.

Mai 1904) sind seine Gebeine in die Überwasserkirche, dem Orte seiner

reichgesegneten priesterlichen und pädagogischen Tätigkeit, feierlich

übertragen worden. Ein größeres Denkmal (+Obelisk+) errichtete man

ihm bald nach seinem Tode auf dem Hofe des +Priesterseminars+ in

+Münster+. Dieses trägt an der Ostseite die Inschrift: „Lehrer der

Lehrer während 43 Jahre. So ward ihm vergönnt, der Wohltäter des

ganzen Münsterlandes zu werden.“

Im Jahre 1889 wurde ihm vor dem +Lehrerseminar+ in +Warendorf+ aus

Anlaß des 50jährigen Bestehens der Anstalt Langenhorst-Warendorf ein

2½ m hohes +Standbild+ errichtet, dessen Kosten zum größten Teile

von den katholischen Lehrern Westfalens aufgebracht sind. Die Figur

hält in der linken Hand Overbergs Hauptschrift, die „+Anweisung+“.

Auf drei Seiten des Sockels sind folgende Stellen aus seinen Werken

angebracht: „Ich will +keine Anstrengung scheuen+, welche mir

für das Beste der Schulkinder nötig oder nützlich scheint.“ „Der

Lehrer soll seinen Schülern überall mit einem +guten Beispiele+

vorgehen.“ „Tue und leide alles aus Liebe zu Gott nach Gottes Willen,

zur +Ehre Gottes+!“ Im Jahre 1897 setzte ihm die Stadt +Münster+

ein Marmordenkmal (lebensgroße Figur) auf dem Platze vor der

Überwasserkirche.

=3. Seine Schriften.= Er verfaßte:

~a~) ein „ABC-Buch“ (1788), um eine bessere Methode des Leseunterrichts

einzuführen;

~b~) „+Anweisung zum zweckmäßigen Schulunterricht+ für die Schullehrer

im Fürstentum Münster“ (1793);

Dieses Buch ist Overbergs +Hauptschrift+, durch v. Fürstenberg

approbiert und mit nachdrücklicher Empfehlung versehen. Es ist in

populärer Breite abgefaßt und durchaus praktisch gehalten. Eine

streng systematische Gliederung fehlt. -- Der +Grundgedanke+ des

ganzen Werkes, welches in zwei ungleiche Teile zerfällt, ist: +Das

vorbildliche Leben+ und die +religiöse Gesinnung+ des Lehrers bleibt

die Hauptbedingung einer segensreichen Wirksamkeit.

~c~) eine +Bibl. Geschichte+ des Alten und Neuen Testaments (1799), die

selbst in protest. Schulen Eingang fand;

~d~) einen +größeren+ und einen +kleineren Katechismus+ (1804); dazu

ein +Religionshandbuch+ Katecheten und Lehrer.

+Fürstbischof Franz Egon+ von Paderborn und Hildesheim benutzte das

„Handbuch“ zu seiner täglichen Erbauung.

=4. Seine Verdienste.= Overberg ist die anmutigste Persönlichkeit unter

den Pädagogen des 19. Jahrhunderts. Was ihn uns so lieb und wert macht

und ihn zum vollendeten Muster der Lehrer erhebt, ist:

~a~) die bis zum letzten Atemzuge dauernde +opferfreudige Hingabe+ an

die Volksschule;

Was die +Fürstin Gallitzin+ in ihren Aufzeichnungen sagt, „daß

ein +Charakter groß+ sei in dem Maße, als er fähig ist, +Opfer+

zu bringen für das +Wohl anderer+,“ das gilt recht eigentlich von

Overberg. Er suchte nicht seinen Vorteil, sein ganzes reiches Wirken

ging nur hervor aus Liebe zu Gott und seinen Mitmenschen.

~b~) seine große +Demut+ und Bescheidenheit;

Auch bei den glänzendsten Erfolgen seiner Lehrtätigkeit wußte er

diese zu bewahren und legte sie oft in rührendster Weise an den Tag.

~c~) sein Streben nach eigener +Vervollkommnung+;

+Vorbereitung+ vor dem Unterrichte und +Gewissenserforschung+ nach

demselben machte er sich zur strengen Pflicht. Auf die erstere

verwandte er 1½ +Stunde vor+ jedem Unterrichte. Von der Peinlichkeit

und +Strenge+ der letzteren legen viele Stellen seines Tagebuchs

beredtes Zeugnis ab. So war Overberg mit +eisernem Fleiße+ für seine

eigene Vervollkommnung tätig, eingedenk der Wahrheit, daß der Lehrer,

der an seiner +persönlichen+ Fortbildung arbeitet, damit auch der

Verbesserung seiner Schule dient.

~d~) seine große Meisterschaft in der +katechetischen+ Lehrweise und

die mustergültige Methode des +Religionsunterrichts+.

Overberg war ein Feind des mechanischen Unterrichts und

eifert besonders +gegen das verständnislose Auswendiglernen+.

Die +biblische+ Geschichte behandelte er mit einer solchen

+Meisterschaft+, daß man glaubte, die Handlung geschehe vor Augen;

passende Beispiele und Gleichnisse boten sich wie von selbst dar, die

eine Lehre floß aus der anderen.

=2. Sailer= (1751–1832).

1. Johann Michael von +Sailer+, Sohn eines unbemittelten

Schuhmachers zu Aresing in +Oberbayern+, Professor der Theologie an

der Universität Ingolstadt (später +Landshut+), wurde 1829 +Bischof

von Regensburg+ und starb allgemein betrauert 1832. Der berühmte

Fürstbischof von Breslau, Melchior von +Diepenbrock+, war sein

Zögling und innigster Verehrer.

2. Sailer hielt als +Universitätslehrer+ sehr beliebte Vorlesungen über

Pädagogik und flößte unzähligen jungen Leuten Begeisterung für die

schwere Aufgabe der Menschenerziehung ein. Daraus entstand sein Werk:

„+Über Erziehung für Erzieher+ oder Pädagogik“ (1807), welches selbst

von Protestanten geschätzt wird.

+Diesterweg+ zeigte die 1830 erschienene 5. Auflage dieses Werkes

in seinem „Wegweiser“ mit folgenden Worten an: „Ein Produkt +hoher,

reinster Begeisterung für Menschenwohlfahrt+ durch Erziehung. Ein

edler Geist spricht den Leser fast aus jeder Zeile an und belebt ihn

für höhere Dinge. Darum ein Buch für Jünglinge!“

3. Sein Hauptverdienst besteht darin, daß er den Geist des

+Rationalismus+ von seinem Lehrstuhle herab wie in seinen Schriften mit

Erfolg +bekämpfte+. Er verlangt einen Religionsunterricht, der sich auf

die Kindesnatur und den Glauben stützt.

Das zweite Verdienst Sailers ist dieses, daß er in der Zeit der

Methodenhascherei die Wichtigkeit der +Erziehung+ hervorkehrte. Deshalb

legt er auch ein so großes Gewicht auf die +Persönlichkeit des Lehrers+

und dessen Beispiel. „Sei selbst Mensch, um Menschen zu erziehen.

Werdet +selbst besser+, so werden auch eure Schüler besser werden.“

4. Wie Pestalozzi (den er kannte und hochschätzte) legte er dem

Einflusse einer guten +Mutter+ hohen Wert bei. Im Gegensatz zu

Pestalozzi war er ein großer Verehrer der +sokratischen+ Methode.

Er gibt vortreffliche Lehren über die +körperliche+ Erziehung und

Abhärtung des Leibes. Als Hauptsumme aller Lehrertugend stellt er

+Liebe+ und +frohe Laune+ hin. (Die Worte des schweizerischen Pädagogen

+Büel+: „Wenn ich so +recht froh+ in die Schule komme, so sind meine

Kinder Engel, und alles +geht herrlich+“ macht er zu seinen eigenen.)

Er weist auch auf die Notwendigkeit von Lehrerbildungsanstalten hin und

wünscht fakultative Fortbildungsschulen.

Aus der genannten Schrift „Über Erziehung für Erzieher“ sind folgende

Gedanken hervorzuheben:

1. „Die Haupttugend der Tochter ist die =Unschuld=, sie sei ihr so

heilig als das Leben und noch heiliger als dieses.

Der gefährlichste +Feind+ der Unschuld ist die +Eitelkeit+, die

Begierde zu gefallen. Ist diese in der Tochter einmal erwacht, so

sind zugleich unzählige Gefahren für die Unschuld miterwacht. Die

unbeherrschte Begierde zu gefallen ist fast immer der erste Schritt

zum Falle. Um dieser Gefahr zuvorzukommen, muß der Erzieher so auf

die Tochter einwirken, daß sie nur den Beifall Gottes, nicht jenen

der Menschen sucht. Der Trieb, Gott zu gefallen, sammelt die Jungfrau

in sich selbst; der Wunsch, anderen zu gefallen, wirft sie in die

Welt hinaus.

Die Jungfrau +flieht+ jede +Gefahr+, die ihrer Unschuld Schaden

bringen könnte, sorgsamer als die nächste Todesgefahr. In einer

unvermeidlichen Gefahr kämpft sie wie ein Held: der Blick des Ernstes

im Auge, das erschütternde Nein im Munde, die Entschlossenheit in der

Gebärde werden auch den frechsten Knecht der Sünde vertreiben.

Die Tochter +meidet+ jede Art von +Müßiggang+, keine Stunde trifft

sie arbeitslos an. Die frühe Gewöhnung an Arbeit bildet die Tochter

so recht für dieses Leben, das ein Leben der Arbeit ist, und, da die

Arbeit vor tausend Reizen zur Sünde bewahrt, arbeitet sie dem höheren

Leben in die Hände. Das Leben ist kein Spiel, und die Tugend ist

es auch nicht. Je mehr das Kind der Arbeit entfremdet wird, um so

schwerer ist die Erziehung.

Die Töchter sind +für+ den Kreis +des Hauses+ zu erziehen. Ein Weib

außer dem Hause ist außer seinem Elemente, ist wie ein Fisch außer

dem Wasser. Schon die gute Erziehung der Kinder erfordert tausend

Arbeiten, die das Weib notwendig an das Haus fesseln. Dazu kommt

die Pflicht, Ordnung und Reinlichkeit im Hause zu erhalten, das

Hauswesen selbst zu führen, den Erwerb des Mannes durch Sparsamkeit

und Arbeitsamkeit zu sichern und zu vermehren. Ein Weib, das außer

dem Hause glänzen will, hat den Charakter des Weibes verleugnet.“

2. „Wer seinen Zögling zu einem guten Menschen erziehen will, der

ruhe nicht, bis das Gute die Macht der =Gewöhnung= in ihm bekommen

habe, bis es gleichsam Natur geworden ist.

Gleichsam Natur muß in ihm werden die +Scheu+ vor allem +Bösen+.

Kein unwahres Wort, keine schamlose Gebärde, keinen fremden Heller!

Gleichsam Natur muß in ihm werden die +Ehrfurcht vor Gott+, vor

allem Heiligen und das Leichtaufschauen zu Gott. ‚Überall sieht mich

Gottes Auge; auch Gedanken sieht sein Blick. Vor seinem Auge will ich

wandeln. Seinen Geboten ziemt der erste Gehorsam. Ihm weihe ich mein

ganzes Herz.‘

Gleichsam Natur muß in ihm werden +das Gebet des Herzens+ zu Gott,

ohne welches Religion und Tugend den Atemzug und den Pulsschlag --

ihre Seele verloren haben. Dazu gehört wohl auch die frühe Gewöhnung

der Kinder zum herzlichen Morgen-, Abend-, und Tischgebet. Nie ist

die schöne Kindlichkeit schöner als im kindlichen Gebete, das kurz

sein muß, um wahr bleiben zu können, und herzlich, um Gebet zu sein.

Gleichsam Natur muß in ihm werden die Achtung vor dem +öffentlichen

Gottesdienst+ und eine Gegenwart bei demselben, die Herz und Geist

erbaut.

Wer seinen Zögling gut bilden will, der gewöhne ihn auch zu dem, was

der Tugend vorarbeitet und ihre Übung erleichtert, zum Entbehren

und Dulden. +Entbehren und Dulden+ sind dem Menschen für die treue

Erfüllung seiner Pflichten im Leben unentbehrlich. Darum muß das

‚~abstine, sustine!~‘ d. i. ‚lerne um des Guten willen Angenehmes

missen und Unangenehmes dulden‘, der oberste Grundsatz der Erziehung

sein; gewöhne das Kind an das Gute, so unangenehm dieses immer sein

mag. Je mehr sich die Kinder in den Sinnengenuß hineingearbeitet

haben, desto schwerer ist die Erziehung.“ (Vgl. John Locke und den

Ausspruch Taulers: „Halte jeden Tag für verloren, an welchem du nicht

aus Liebe zu Gott deinem Eigenwillen Widerstand geleistet hast.“)

=3. Wittmann= (1760–1833).

1. Georg Michael +Wittmann+ war Regens des +Priesterseminars+ zu

+Regensburg+, wurde 1829 +Weihbischof+ daselbst und 1832 am Grabe

+Sailers+ zu dessen +Nachfolger+ ernannt. Er gilt als unübertroffenes

Muster eines Religionslehrers und +Kinderseelsorgers+. Bis er

Weihbischof wurde, gab er wöchentlich 37 Religionsstunden und hat

mehr als 70000 Kinder in der Religion unterrichtet. Er setzte seinen

Unterricht niemals aus, selbst nicht, als einst ein Minister ihm

einen Besuch ansagte. +Seinen Schlaf beschränkte er auf 4 Stunden.+

2. Bischof Wittmann ist auch der Stifter der „+Genossenschaft der

Armen Schulschwestern+“ (Mutterhaus in +München+). Im Jahre 1890

zählte die Stiftung 384 Häuser mit 3514 Schwestern, welche 120000

Kinder unterrichteten. Aus der +Instruktion+, die Wittmann gab, ist

zu merken:

~a~) „Nicht eine äußere Bildung zum Glänzen, sondern zur +lebendigen

Gottesfurcht+ und zur Berufstreue ist +Zweck+ der Schulerziehung.“

~b~) „Die +kräftigste Predigt+, die besonders bei Kindern einen

unvertilgbaren Eindruck macht, ist das +Beispiel+. Der erste Same zur

Gottesfurcht und Tugend kommt +immer+ erst +durch das Auge+ in die

Seele, +nicht+ durch das +Ohr+. In den Kindern regt und äußert sich

vor allem der +Nachahmungstrieb+.“

~c~) „Was die Unterrichtsgegenstände betrifft, +Ordnung+, +Zeit+,

+Art+ und +Weise+ des Unterrichts, sollen sich die Schwestern genau

an die Verordnungen der +Schulbehörde+ halten, welcher ihre Schule

untergeordnet ist.“

~d~) „Die +Mädchen+ sollen auch in standesmäßigen +Handarbeiten+

Unterricht erhalten, so z. B. im Stricken, Spinnen, Wäsche- und

Kleiderausbessern, Weißnähen, im Anfertigen der Kleider nach Stand-

und Landestracht.“

=4. Milde= (1777–1853).

1. Der Fürsterzbischof von Wien Vincenz Eduard +Milde+ war der Sohn

eines ehrsamen Buchbindermeisters in Brünn. Schon mit 21 Jahren wurde

er Katechet an den beiden Schulen zu Altlerchenfeld (Wien), 1804

Religionslehrer an der Realschule und an der Akademie der bildenden

Künste, 1806 +Universitätsprofessor+ der Pädagogik. Als Professor

verfaßte er sein Aufsehen erregendes „Lehrbuch der allgemeinen

Erziehungskunde“, in welchem er die +Pädagogik+ auf reine +Prinzipien

der Psychologie+ gründet. Dieses Werk veranlaßte die Beförderung Mildes

zum Bischof von Leitmeritz (1823) und Fürsterzbischof von Wien (1831).

2. Seine +Vorliebe+ für den +Lehrerstand+ bewies Milde durch eine

Stiftung zur Unterstützung bedürftiger Lehrer der Wiener Erzdiözese.

3 Jahre nach seinem Tode (1856) trat die Stiftung ins Leben, und es

erhielten bereits in diesem Jahre 72 Lehrer und 90 Geistliche je 100

Gulden. Mildes Grabschrift im Stephansdom zu Wien lautet:

„Wohltaten, still und rein gegeben,

Sind Tote, die im Grabe leben,

Sind Blumen, die im Sturm bestehn,

Sind +Sterne+, die +nicht untergehn+!“

(M. Claudius.)

Bemerkenswerte Stellen aus dem Lehrbuche sind:

„Die intellektuelle Bildung ist eine zweifache: die +formelle+ und

+materielle+. Erstere beschäftigt sich mit bestimmten Anlagen des

Geistes, letztere mit bestimmten Gegenständen; jene ist bei allen

Menschen dieselbe, diese ist bei jedem Individuum verschieden. Beide

sind gleich wichtig und allzeit +in Harmonie+ zu betreiben.“

„Wenn wir nur das wüßten, was wir in den +Schulen+ lernen, würden

wir sicher +arm+ an Kenntnissen sein. Das, was wir gelegentlich

im täglichen Leben, in der Schule der +Erfahrung+ und des Umgangs

mit anderen gelernt haben, ist sicher weit +mehr+ und oft weit

+nützlicher+ als das in der Form und Sprache des absichtlichen

Unterrichts Vorgetragene.“

„Vorübergehende Stimmungen, einzelne Handlungen bewirken, ist leicht;

+Gesinnungen+ zu gründen, welche +fortdauern+, auch wenn die äußere

Einwirkung aufhört, ist +schwer+ -- und doch ist dieses, nicht jenes

+Aufgabe+ für den Erzieher.“

=5. Barthel= (1802–1861).

Karl +Barthel+ aus Breslau wirkte als geistlicher +Seminardirektor+

in +Paradies+ (Posen) und +Breslau+, als Regierungs- und +Schulrat+

in +Liegnitz+ und +Breslau+. In allen diesen Stellungen hat er sich

die Liebe und das Vertrauen der Lehrer in seltenem Grade zu erwerben

verstanden. Durch seine zahlreichen aus der Praxis entstandenen

Schriften hat er sich ein bleibendes Verdienst, besonders um die

katholischen Schulen des Landes, erworben. Die wichtigsten sind ~a.~

Handbuch zur Bibl. Geschichte (3 Bände), ~b.~ Schulpädagogik (neu

bearbeitet von Wanjura).

In der letzteren gibt er beherzigenswerte Winke über die Pflege

der +Vaterlandsliebe+ in der Schule. Er sagt: „Wir sind +Deutsche+

und sind insbesondere +Preußen+. 1. Als +Deutsche+ haben wir

selbst deutsche Gesinnung zu bewahren und bei den uns anvertrauten

Schülern zu pflegen. Die deutsche Gesinnung aber äußert sich in der

Innigkeit des +Glaubens+, in der +Biederkeit+ und +Einfachheit+, in

+Offenheit+ und +Wahrhaftigkeit+, in +Mut+ und +Ausdauer+ unter Mühen

und Arbeiten. Wer für den Anbau dieser Tugenden sorgt, der sorgt

für die Pflege des deutschen Wesens. 2. Zum +preußischen+ Staate

gehören der Abstammung nach nicht bloß Deutsche, sondern auch andere

Nationalitäten. Ihnen allen müssen blinde nationale Antipathien, wie

sie die vorchristliche Zeit so schroff zeigt, fremd sein. Welcher

Abkunft wir auch sein mögen, als Bürger des preußischen Staates

sind wir alle durch +ein+ Band umschlungen, das uns zu einem Volk

von Brüdern macht, ob wir am Niemen oder am Rhein, an der Nord-

oder Ostsee oder am Fuße der Karpathen wohnen. Dieses uns alle

umschlingende Band ist die +Treue+ gegen den von Gott uns gegebenen

König, das ist die +Anhänglichkeit+ an die von ihm und seinen Räten

getroffenen vaterländischen Einrichtungen, das ist die +Ehrfurcht+

vor dem Gesetze, vor welchem alle Staatsbürger gleich sind, das ist

die +Dankbarkeit+ für die liebevolle Sorge, mit welcher eine weise

Regierung Gewerbe und Handel begünstigt, Kunst und Wissenschaft

schirmt und besonders den Volksunterricht fördert. Diese Segnungen

vor dem Geiste unserer Kleinen zu erhalten, das sei unser redliches

Bemühen; denn ohne Kenntnis des Vaterlandes ist keine Teilnahme für

dasselbe, ist also auch kein Bürgersinn möglich, der in unserem

Zeitalter so sehr in Anspruch genommen wird.“

=6. Graser= (1766–1841).

1. Joh. Baptist +Graser+ war 1804–1825 Regierungs- und +Schulrat+

in +Bamberg+ und +Baireuth+ und lebte nach seiner Pensionierung in

Baireuth. Nicht ohne Bedeutung sind seine pädagogischen Schriften:

~a~) „+Divinität+ oder das Prinzip der einzig wahren Menschenerziehung.“

~b~) „Das Verhältnis des Elementarunterrichts zur Politik der Zeit.“

Grundzüge der Geschichte der Pädagogik · 第 102 / 110 题