II. Schüler Pestalozzis.

=1. Fellenberg= (1774–1844).

1. Philipp Emanuel von Fellenberg aus Bern (kurze Zeit in

München-Buchsee praktischer Leiter des Pestalozzischen Instituts)

gründete nach Pestalozzis Plane 1804 auf +Hofwyl+ eine Armenschule,

die zugleich Arbeitsschule sein sollte. Fellenberg verfuhr durchaus

+praktisch+. Das Unternehmen gedieh unter seiner umsichtigen

Leitung vortrefflich. Bis 1832 erhielten 400 arme Kinder in

Hofwyl unentgeltliche Ausbildung zu Handwerkern oder Landwirten.

Fellenberg war +gläubiger Christ+ und bildete auch seine Zöglinge in

christlich-religiösem Sinne.

2. Ein unschätzbarer Gehilfe Fellenbergs verdient Johann Jakob +Wehrli+

(1790–1855) genannt zu werden. Als Sohn eines armen Dorflehrers

ernährte er sich anfangs mit Dachdecken und Schindelmachen und kam, 20

Jahre alt, nach Hofwyl zu F., wo er 23 Jahre unter harten Bedingungen

aushielt. Er mußte Tag und Nacht bei den Kindern sein, sie unterweisen

und dazu noch selbst taglöhnern. Die +organische Verbindung des

Unterrichts mit der Arbeit+, wozu Pestalozzi die Idee, Fellenberg

die Mittel gegeben hatte, führte Wehrli so weit als möglich durch.

Der Ertrag der Arbeit deckte hier wirklich den größten Teil der

Erziehungskosten. Der praktische Wehrli wurde später +Seminardirektor+

und leitete 20 Jahre das Lehrerseminar zu Kreuzlingen am Bodensee.

„+Bete und arbeite!+“ war sein Wahlspruch.

Nach dem Muster von Hofwyl wurden mehrfach Schulen errichtet

(Wehrli-Schulen genannt), welche zum Teil recht segensreich wirkten.

=2. Girard= (1763–1850).

1. Der Franziskanerpater Gregor +Girard+ (spr. Schirār), auf dessen

Veranlassung Pestalozzi 1811 den „+Dank des Vaterlandes+“ erhielt,

war Gymnasiallehrer, Professor der Philosophie und Schulinspektor der

Stadt Freiburg (Schweiz). Später wurde er als erster katholischer

Pfarrer nach Bern berufen. Er widmete seine besondere Aufmerksamkeit

dem Volksschulwesen. Da es an geeigneten Lehrern fehlte, ging er nach

Iferten zu Pestalozzi und führte bei seiner Rückkehr den Gedanken

aus, welchen Pestalozzi in Stanz zu verwirklichen gesucht hatte: den

+wechselseitigen Unterricht+. Die älteren und fortgeschrittenen Kinder

wurden zur Unterweisung der jüngeren und schwächeren Schüler benutzt.

So konnten mit wenigen Lehrern zahlreiche Kinderscharen unterrichtet

werden.[9]

2. Die Methode des wechselseitigen Unterrichts durch Helfer oder

Monitoren heißt gewöhnlich das „+Bell-Lancaster-System+“. Zwei

Engländer, Andreas Bell und Johann Lancaster, brachten nämlich dasselbe

auf, unabhängig von, wenn auch fast gleichzeitig mit Pestalozzi. Bell

machte seine ersten Versuche in Madras mit Soldatenknaben, Lancaster

in Southwark (London). Die Bell-Lancaster-Methode erregte s. Z. großes

Aufsehen. Sie wurde in England, Frankreich und Dänemark eingeführt.

In Deutschland fand sie keinen Eingang, obschon der verdienstvolle

Konsistorialrat +Natorp+ († 1846 zu Münster) zu ihrer Empfehlung zwei

Schriften verfaßte. (1. Ein einziger Schulmeister unter 1000 Kindern;

2. Andreas Bell und John Lancaster). Der Mechanismus dieses Notbehelfs

konnte uns Deutschen nicht zusagen.

=3. Fröbel= (1782–1852).

1. Friedrich +Fröbel+ aus Schwarzburg-Rudolstadt war der Sohn

eines evangelischen Pfarrers. Er verlor früh seine Mutter und

erfuhr von einer Stiefmutter eine harte und abstoßende Behandlung.

Nach einer trüben Jugend und wechselvollen Studienzeit wurde er

+Volksschullehrer in Frankfurt a. M.+, dann Hauslehrer in einer

Familie. 1808 siedelte er mit mehreren seiner Zöglinge nach Iferten

über, um bei Pestalozzi „Schüler und Lehrer zugleich“ zu sein. In

Iferten blieb Fröbel über 2 Jahre und verlebte „eine herrliche,

für sein Leben entscheidende Zeit“. 1813 war er Freiwilliger im

Lützowschen Korps. Später wurde er Direktor des +Waisenhauses in

Burgdorf+ (Schweiz). Hier erkannte Fröbel die Wichtigkeit der

ersten Erziehung und die Notwendigkeit der Heranbildung tüchtiger

Mütter. Er wendete seine Hauptsorge der ersten Kindheit zu und

gründete Anstalten, die er selbst „+Kindergärten+“ nannte. In diesen

Kindergärten wollte er die zarten Kinder wie die jungen Pflanzen

im Garten heranziehen, dieselben in Aufsicht nehmen und ihnen eine

entsprechende Tätigkeit geben.

2. Den ersten Kindergarten errichtete Fröbel in +Blankenburg+

(Thüringen). Er gab Frauen und Mädchen Anleitung und bildete so

+Kindergärtnerinnen+. Auch in Frankreich, Belgien, England und

anderen Ländern haben die Kindergärten Eingang gefunden.

Die Idee Fröbels an sich ist eine gesunde und fruchtbare. Es bleibt

nur zu tadeln, ~a~) daß +positiv-christliche+ Anklänge in den

Fröbelschen Kindergärten +fehlen+; ~b~) daß die Kinder „verspielt“,

d. h. mit +Spielen überhäuft+ werden und zu früh ihre kindliche

Natürlichkeit verlieren.

=4. von Türk= (1774–1846).

1. Dem Justizrat Karl Christian Wilhelm +von Türk+ aus

Meiningen wurde 1800 in +Mecklenburg+-Strelitz die Leitung des

Landesschulwesens übertragen. v. Türk sah ein, „daß ein Jurist kein

geborener Allwisser sei“, und ging deshalb zu Pestalozzi in die

Schweiz. Nach einem abermaligen Besuche bei Altmeister Pestalozzi

(1808) gründete er zu +Vevey+ am Genfersee eine Erziehungsanstalt,

der sogar Wilhelm von Humboldt seinen Sohn anvertraute. -- 1815 wurde

v. Türk +Regierungs-+ und +Schulrat+ in +Frankfurt a. O.+ und 1817 in

+Potsdam+ Nachfolger Natorps.

2. Von Pestalozzi angeregt, machte v. Türk mehrere

+Waisenhausstiftungen+ in Potsdam. Durch seine „Briefe aus

München-Buchsee“ trug er zur Würdigung der Verdienste seines

Meisters wesentlich bei. Er war besonders Bahnbrecher für die

Pestalozzische +Rechenmethode+ in Preußen. Mit Wort und Tat suchte

er die +Seidenzucht+ in Deutschland zu verbreiten und bei den

Lehrerseminarien einzuführen.

[9] Ein Monument in Lebensgröße wurde dem verdienten Pädagogen

errichtet auf dem Marktplatze zu Freiburg. In der Inschrift

wird er genannt: „Provinzial seines Ordens, Vorsitzender der

Schweizer Gesellschaft der Naturwissenschaften, Ritter der

Ehrenlegion, Mitglied der Religions- und Staatswissenschaften,

Vater der Jugend, Wohltäter des Volkes und der Menschheit.“

Grundzüge der Geschichte der Pädagogik · 第 101 / 110 题