I. Pestalozzi.

=1. Leben.= ~a~) +Jugend.+ Johann Heinrich Pestalozzi, geb. am 12.

Januar 1746 als jüngstes Kind eines Augenarztes in Zürich, verlor

seinen Vater schon im 6. Jahre und wurde von seiner +Mutter+ und der

treuen Magd Babeli erzogen. Infolge dieser +weiblichen Erziehung+

und seiner körperlichen Schwäche wuchs der kleine Heinrich als

sog. Mutterkind auf. Männliche Kraft und Denkart blieben ihm fern.

Die Familienstube beeinflußte ganz seinen Charakter und seine

Anschauungen. Vom 9. Jahre an verlebte Pestalozzi die Sommerferien

bei seinem Großvater, einem würdigen Landpfarrer in der Nähe von

Zürich. Da er mit diesem täglich die +Dorfschule+ und öfters die

+Hütten der Armen+ besuchte, so lernte er früh die Eigenart und

das +Elend des Volkes+ kennen. Mit 17 Jahren hatte Pestalozzi

das Gymnasium seiner Vaterstadt absolviert. Er entschloß sich,

+Geistlicher+ zu werden. Doch das Erscheinen von Rousseaus „Emil“

veranlaßte ihn, die Theologie aufzugeben und das +Studium der

Rechte+ zu ergreifen. Auf den Rat eines sterbenden Freundes entsagte

er auch diesem Studium und entschied sich schließlich für die

+Landwirtschaft+.

~b~) +Neuhof+, 1768–1798. Im Kanton Aargau (unfern der alten Habsburg)

erwarb er 1768 100 Morgen dürres Heideland zum Betriebe des Krappbaues

und nannte sein Gut „Neuhof“. Durch äußeres Mißgeschick und eigenes

Ungeschick verunglückte sein Krappbau. Er verwandelte nunmehr (1775)

den Neuhof in eine +Erziehungsanstalt+ für +verwaiste+ und +hilflose

Kinder+. Er wollte dieselben der Bettelei entziehen, in ihnen die

Arbeitslust wecken und sie fähig machen zu verschiedenartiger,

lohnender Tätigkeit. Im Sommer wurden sie mit Feldarbeit, im Winter

mit Spinnen und Handarbeiten beschäftigt und sollten so die Kosten

ihrer einfachen Erziehung selbst bestreiten. Dabei unterrichtete er

sie zugleich, indem er die im Verkehr mit seinem Söhnchen gewonnenen

Erfahrungen zu verwerten suchte. Er selbst sagt über diese Zeit:

„Es war unbeschreibliche Wonne, Jünglinge und Mädchen, die elend

waren, wachsen und blühen zu sehen, ihre +Hände zum Fleiß+ zu

bilden und ihr +Herz zu ihrem Schöpfer+ zu erheben, +Tränen der

betenden Unschuld+ im Angesicht geliebter Kinder zu sehen und ferne

Hoffnung von Tugendempfindung und Sitten im verworfenen, verlorenen

Geschlechte.“

Nach fünfjährigem Bestehen (1780) mußte die Anstalt indes aufgelöst

werden: Pestalozzi entbehrte des notwendigen technischen Geschicks.

Dazu waren viele Kinder faul und verwöhnt und entliefen, sobald sie

neue Kleider erhalten hatten. Die Freunde hielten Pestalozzi für einen

+verlorenen Mann+. In der Tat folgten +18 Jahre bitterer Not+ für ihn.

~c~) +Stanz+, 1798–1799. Die französische Revolution, welche der

Schweiz eine republikanische Verfassung brachte, riß Pestalozzi

wieder in die öffentliche Tätigkeit. Es wurden ihm einflußreiche

Stellen im Staatsdienste angeboten. Er aber erklärte: „+Ich will

Schulmeister werden!+“ Im Herbste 1798, wo der Kanton Unterwalden von

den Franzosen verwüstet wurde und eine Menge +vater-+ und +mutterloser

Waisen+ umherirrte, erhielt er den Auftrag, die +verlassenen Kinder

zu sammeln+. An 80 entsetzlich verkommene Kinder brachte Pestalozzi

zusammen und begann in dem verödeten Kloster der Ursulinerinnen zu

Stanz die Riesenarbeit ihrer Erziehung.

Seine Erlebnisse in Stanz schildert Pestalozzi selbst in einem +Briefe+

an einen +Freund+:

„Ich hatte nichts, ich hatte keine Haushaltung, +keine Freunde+,

keine Dienste um mich, ich hatte +nur meine Kinder+. Waren sie

gesund, ich stand in ihrer Mitte, waren sie krank, ich war an ihrer

Seite. Ich schlief in ihrer Mitte. Ich war am Abend der letzte, der

ins Bett ging, und am Morgen der erste, der aufstand. +Ich betete und

lehrte+ noch im Bett mit ihnen, bis sie einschliefen, sie wollten

es so.“ „Ich ging darauf aus, das +Lernen+ mit dem +Arbeiten zu

verbinden+.“ „Meine Kinder freuten sich, das, was sie konnten, die

anderen zu lehren; so hatte ich schnell unter meinen +Kindern+ selbst

+Gehilfen und Mitarbeiter+.“ „Ehe die Frühlingssonne den Schnee

unserer Berge schmelzte, kannte man meine Kinder nicht mehr.“

Im Sommer 1799 kamen indes die Franzosen und verwandelten das

Klostergebäude in ein Lazarett. Die armen Kinder mußten entlassen

werden.

~d~) +Burgdorf+, 1800–1804. Hier wirkte Pestalozzi zunächst als

+Hilfslehrer+ in einer Kinderschule; sein Hauptlehrer war ein

ungebildeter Schuhmacher. Im Jahre 1800 gründete er im Verein mit dem

Lehrer +Krüsi+ auf dem Schlosse in Burgdorf ein +Knabeninstitut+,

welches bald Aufsehen erregte. In Krüsi, Tobler, Buß, sodann in

Ramsauer, Niederer und Schmidt fand er tüchtige Gehilfen.

~e~) +München-Buchsee+, 1804–1805. Im Jahre 1804 räumten die Behörden

für die Erziehungsanstalt Pestalozzis das +Kloster München-Buchsee+

ein. Die äußere Direktion der Anstalt wurde indes dem Herrn von

+Fellenberg+ in dem benachbarten Hofwyl übertragen.

~f~) +Iferten+, 1805–1825. Im Jahre 1805 verlegte Pestalozzi seine

Anstalt nach +Iferten+ am Neuenburger See, wo das alte, prachtvoll

gelegene +Schloß+ bezogen wurde. Hier erstieg +Pestalozzis Ruhm

den höchsten Gipfel+. Selbst aus England, Rußland und Amerika

wurden ihm Zöglinge zugeschickt. Erwachsene gingen dorthin, um des

Meisters „Methode“ zu studieren. In Neapel, Madrid, Petersburg wurden

Pestalozzische Lehrer angestellt. Kaiser Alexander von Rußland und

König +Friedrich Wilhelm III. von Preußen+ bezeugten Pestalozzi

+persönlich ihr Wohlwollen+. Auf Veranlassung des +Franziskanerpaters

Girard+ wurde Pestalozzi der Dank des Vaterlandes ausgesprochen (1811).

Bald aber brachen +Zwistigkeiten unter den Lehrern+ aus, die sich zu

den heftigsten Zänkereien zuspitzten. Pestalozzi verstand es nicht,

sich über den Parteien zu halten und die Gegensätze auszugleichen.

Die Anstalt ging daher mehr und mehr zurück, und als mit dem Tode der

vortrefflichen Frau Pestalozzi (1815) das letzte vermittelnde Element

geschwunden war, wurde dieselbe 1825 von ihrem Stifter aufgelöst.

~g~) +Lebensende.+ Von Iferten zog Pestalozzi zu seinem Enkel

auf +Neuhof+. Hier lebte er noch 2 Jahre, in welchen er seine

„Lebensschicksale“ und den „Schwanengesang“ schrieb. Er starb am 17.

Februar 1827 in +Brugg+ (Aargau). „+Suchet euer Glück im stillen,

häuslichen Kreise+“, war die letzte Mahnung an die Seinigen. Sein Grab

befindet sich in +Birr+ bei +Brugg+ neben dem Schulhause.

Am 12. Januar 1846 setzte ihm der Kanton Aargau ein einfaches Denkmal

mit der Inschrift: „Hier ruhet Heinrich Pestalozzi, +Retter der

Armen+ auf Neuhof, +Prediger des Volkes+ in ‚Lienhard und Gertrud‘,

+zu+ Stanz +Vater der Waisen+, in Burgdorf und München-Buchsee

+Gründer der neuen Volksschule+, in Iferten +Erzieher+ der

+Menschheit+, Mensch, Christi Bürger: alles für andere, für sich

nichts. Segen seinem Namen!“

=2. Schriften.= Die wichtigsten sind:

~a~) „Die Abendstunde eines Einsiedlers“ (1780).

Diese Schrift ist eine Reihe abgerissener Sätze, Aphorismen, über das

+Elend des Volkes+ und dessen +Ursachen+, sowie über die Mittel zur

wahren Volksbeglückung.

~b~) „Lienhard und Gertrud“ (1781).

Dies ist das +Meisterwerk Pestalozzis+, welches seine Lieblingsideen:

die +Wiedergeburt+ erst eines +Hauses+, dann einer +Gemeinde+,

zuletzt eines ganzen +Staates+ durch kräftige Erhebung einer

+Mutter+ an dem Faden einer Erzählung ausführt. +Inhalt+: Der Maurer

+Lienhard+ in dem Schweizerdorfe Bonnal ist zwar ein herzlich guter

Mann, macht aber doch Weib und Kind unglücklich, weil er sich in den

Händen des gewissenlosen Vogtes +Hummel+ befindet, der in seinem

Gasthause die Leute verführt und durch Borg in Not und Elend bringt.

+Gertrud+, die +fromme und entschlossene+ Frau des Maurers, klagt

dem wohlwollenden Gutsherrn +Arner+ ihre Sorge. Dieser verheißt,

um zu helfen, dem Lienhard den Bau einer Kirchhofsmauer und stellt

weitere wohltätige Änderungen in Aussicht. Der Vogt verschwört sich

mit seinen Anhängern gegen die Pläne Arners, die einen neuen Geist

in das verwahrloste Dorf einzuführen bezweckten, wird aber, als er

dem Gutsherrn einen +Grenzstein versetzen will+, ertappt. Nunmehr

kommt es auch an den Tag, daß er einer inzwischen verstorbenen

Frau und ihrem Sohne Rudi eine grasreiche Bergwiese durch Meineid

entrissen hat. Der Hauptverführer wird unschädlich gemacht, und

von Stunde an gestaltet sich alles im Dorfe besser. Mit vereinten

Kräften helfen dazu +Arner+, der +Pfarrer+, der +Baumwollen-Meier+,

welcher neue volkswirtschaftliche Unternehmungen beginnt, und der

+Leutnant Glülphi+. Letzterer übernimmt +die Schule des Dorfes+,

welche bis dahin gewissenlos verwaltet worden war. Vorher tritt er

aber in Gertruds Wohnstube, um von der vortrefflichen Erzieherin zu

lernen. Er sieht, wie sie mit den Kindern am +Morgen betet+ und die

+biblische Geschichte+ liest und erklärt, wie die Hauptworte des

Gelesenen den Tag über im +Herzen+ und +Munde+ der +Mutter+ und der

Kinder bleiben; sieht, wie die +Kinder+ unter der +Vorarbeit+ und

dem +Auge der Mutter+ ihre Hände am Spinnrocken und im Garten regen.

Der Offizier Glülphi arbeitet in der Schule treu und voll Einsicht.

Die Frucht seiner Arbeit zeigt sich bald, und die +Umgestaltung

des Dorfes+ erregt in weiteren Kreisen Aufmerksamkeit. Auch der

Fürst hört davon, läßt die Sache prüfen und benutzt den Rat und die

Tätigkeit der Männer, die in kleinem Kreise so Großes getan haben,

für die +Armen+ und +Waisen des ganzen Landes+.

~c~) „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“ (1801).

Es bleibt diese Schrift sein +Hauptwerk für die Didaktik+. Man kann

sie auch seine ‚+Große Unterrichtslehre+‘ nennen. Pestalozzi fordert

darin vor allem, daß der Unterricht von der +Anschauung+ ausgehe.

„Der Anfang aller Kenntnisse ist die +Anschauung+ und das letzte Ziel

der deutliche Begriff.“

=3. Pädagogik.=

~a~) +Zweck+ der Erziehung ist die Entwicklung des einzelnen Menschen

zur wahren, edlen +Menschlichkeit+ und die harmonische Ausbildung

aller Kräfte und Fähigkeiten. Diese Entwicklung und Bildung muß

aber +naturgemäß+ sein, d. h. den +Gesetzen der menschlichen Natur+

entsprechen. Daher ist vor allem das +Geistesleben des Kindes+ von

+innen heraus+ zu entwickeln und das Kind zur Selbsttätigkeit zu

erziehen. Sodann aber muß die +eigentümliche Natur+ und Sinnesart

eines +jeden Schülers+ genau beachtet werden. Mit dieser +Entwicklung

der seelischen Anlagen und Kräfte+ (der sog. „formalen Bildung“ oder

Kraftbildung) ist das eigentliche Ziel des Unterrichts gegeben. Er hat

nicht die Aufgabe, dem Kinde bestimmte Kenntnisse beizubringen.

~b~) Der naturgemäße +Träger+ der Erziehung ist die +Familie+, der

Hauptschauplatz die +Wohnstube+, der Hauptfaktor die +Mutter+. Das

Verfahren einer verständigen Mutter ist das vollkommenste Muster einer

naturgemäßen Erziehung. Der Lehrer muß an das Tun der Mutter, die

Schule an das Treiben in der Wohnstube anknüpfen. Deshalb soll der

Lehrer dem Kinde, ehe er dasselbe über seine Verpflichtungen belehrt,

das Gute +vorleben+ und in konkreten Erscheinungen zeigen. Er soll

insbesondere aus dem Verhältnis des Kindes zur Mutter die Empfindungen

der Dankbarkeit und Liebe gegen Gott anschaulich entwickeln.

~c~) Die +Lehrmethode+ schließe sich streng an die Gesetze der

Entwicklung der Kindesnatur an. Da diese sich immer gleich ist, so kann

es auch nur +eine+ gute Unterrichtsmethode geben, eine „+objektive

Methode+“, mit deren Hilfe auch der ganz Ungebildete unterrichten

kann. Die Grundlage aller Erkenntnis ist die Anschauung, und zwar

tunlichst die der +wirklichen Gegenstände+. Wo die sinnliche Anschauung

unmöglich ist, soll das Abstrakte wenigstens durch Beispiele und

Erzählungen aus bekannten Gebieten versinnlicht werden. Stets werde

vom Nahen zum Entfernten, vom Leichten zum Schweren, vom Einfachen

zum Zusammengesetzten, vom Bekannten zum Unbekannten in lückenlosem

Fortschritt übergegangen. Das Ziel aller Kenntnisse ist, die sinnlichen

+Anschauungen zu deutlichen Begriffen+ zu erheben.

~d~) Das +Gebiet+ des Unterrichts umfaßt 1. die +Zahl+ (Rechnen);

2. die +Form+ (Meßkunst, Zeichnen, Schreiben); 3. die +Sprache+

(Sprachlehre, Gesang). In der Praxis der Schule ist dem

Sprachunterricht die erste Stelle einzuräumen. Die Sprache werde

durch Sprechen gelehrt, von +grammatischen Regeln+ ist möglichst

+abzusehen+. Auch sollen die Sprechübungen immer zugleich Denkübungen

sein. Bei dem Gesange ist auf solche Lieder Gewicht zu legen, die

das Gemüt erheben und das Herz veredeln. In der Formenlehre knüpft

Pestalozzi viele Übungen an das Vorzeigen und Zerlegen von Körpern. Für

Schreib- und Zeichenübungen empfiehlt er +Griffel und Schiefertafel+,

welche durch ihn allgemein geworden sind. In der Zahlenlehre oder

Rechenkunst ist vor allem das Wesen der Zahlen aus und an +sinnlich

anschaubaren Dingen+ zu entwickeln (Finger, Erbsen, Stäbchen; Einer-

und Bruchtabelle). Das bloße Zifferrechnen ist zu verwerfen, das

Kopfrechnen zur Hauptsache zu machen.

Bezüglich der Disziplin war Pestalozzi anfangs der Ansicht, daß man

„die Kinder nicht wie Hunde und Katzen“ durch Schläge zur Arbeit

antreiben dürfe. Später aber erklärte er: „Wir haben +unrecht+,

gegen den Reiz der sinnlichen Begierden von der Kraft leerer Worte

alles Heil zu erwarten und zu glauben, den Willen des Kindes +ohne

Züchtigung+ durch bloße wörtliche Vorstellungen nach unserem Willen

lenken zu können. Wir wähnen, unsere Humanität habe sich zu einer

Zartheit erhoben, die uns in keinem Falle mehr erlaube, an das ‚rohe‘

Mittel des Schlagens auch nur zu denken. Aber es ist nicht die

Zartheit unserer Humanität, es ist ihre +Schwäche+, die uns leitet.

Unsere Liebe ist nicht kraftvoll, ist nicht rein. Wir kennen weder

die Folgen der in Liebe züchtigenden Kraft, noch diejenigen der jede

Züchtigung scheuenden Schwäche.“

=4. Beurteilung.= +Verdienste+:

~a~) Pestalozzi ist ein hohes Vorbild für jeden Lehrer durch seine

unüberwindliche +Liebe+ zu den Kindern und durch seinen freudigen

Opfermut.

~b~) Er ist der Herold der +Mutterliebe+ und +Mutterweisheit+.

~c~) Er ist der Urheber des erziehenden Unterrichts sowie der

+kraftbildenden Erziehung+ und hat durch seine Forderung, daß alle

Unterweisung von der +Anschauung+ ausgehen müsse, den europäischen

Schulwagen umgekehrt und in ein anderes Geleise gebracht.

~d~) Er ist der Neubegründer des +Volksschul-Rechenunterrichts+, hat

die +Geometrie+ zu einem Elementarfach gemacht, +Zeichnen+ und +Gesang+

in den Lehrplan der Volksschule aufgenommen.

~e~) Er ist ein entschiedener +Feind+ aller +Viel-+ und +Halbwisserei+

und dringt auf eine weise Beschränkung der Lehrgegenstände. (Volkmer.)

+Mangelhaftes+:

~a~) Die Erziehungslehre Pestalozzis steht +nicht+ auf

positiv-+christlichem+ Boden.

Schon in „Lienhard und Gertrud“ ist das christliche Element nur

schwach betont, in den Pestalozzischen Erziehungsanstalten tritt das

+Christentum+ fast ganz +zurück+. Pestalozzi pflegt wie Rousseau und

Basedow nur die +Naturreligion+. Auch ihm ist das Kind von Natur aus

gut und wird nur in der bösen Welt verdorben. Doch war Pestalozzi

selbst von aufrichtig religiösem Gefühl durchdrungen und trat +nicht

feindlich+ (wie Rousseau und dessen Apostel) gegen das Christentum

auf.

~b~) Pestalozzi war Autodidakt und deshalb nicht frei von den beiden

Fehlern aller Autodidakten: +Nichtbeachtung anderer+ und +Überschätzung

eigener+ Leistungen. Rühmte er sich doch, in 30 Jahren kein Buch

gelesen zu haben.

~c~) Er vernachlässigte die +materielle+ Bildung, indem er die

Geisteskräfte an wertlosen Gegenständen übte.

~d~) Die von ihm gesuchte „+objektive+“ Methode des Unterrichts, mit

deren Hilfe auch der ganz Ungebildete unterrichten könne, ist ein

+unerreichbares Phantasiegebilde+. Pestalozzi schlägt die Eigenart und

Geschicklichkeit des Unterrichtenden nicht hoch genug an.

~e~) Er +begrenzt+ durch die Gesichtspunkte „Zahl, Form, Sprache“ die

+Unterrichtsfächer+ einseitig und +zu eng+. Die Realien brachte er

unter die Rubrik „Sprachlehre“, Religion paßt gar nicht in das Schema.

Außerordentlich vernachlässigte Pestalozzi sein Äußeres, Haar und

Schuhwerk waren nicht selten in Unordnung. Um einen Stundenplan

kümmerte er sich kaum, schulgerecht wurde bei ihm überhaupt nichts

gelernt. Der Mangel an Zucht und Ordnung zeigte sich auch in der

Leitung seiner Anstalten. Doch alle diese Mängel wurden weit

übertroffen durch seinen eisernen Willen und die sieghafte Kraft

seiner nie versagenden Liebe.

Grundzüge der Geschichte der Pädagogik · 第 100 / 110 题