4. Beurteilung.

~a~) Rousseaus Erziehungssystem widerspricht dem +Christentum+, da

+Erbsünde+ und +Erlösung+ mit klaren Worten +geleugnet+ werden. Die

einzige Erbsünde ist Sitte und Bildung, der einzige Erlöser Rousseau

selbst, der die Menschheit wieder auf die richtige Spur und Fährte

gebracht, auf die Spur und Fährte der -- Wilden.

~b~) Es widerspricht der +Geschichte+ von Jahrtausenden und der

täglichen Erfahrung, die eine ursprüngliche Verkehrtheit des

menschlichen Herzens unleugbar feststellen.

~c~) Auch entspricht es nicht der +Natur+ des Menschen; denn der

Geistesart des Menschen ist nichts so eigen als das Autoritätsprinzip.

Das Kind glaubt und gehorcht den Eltern, der Schüler glaubt und

gehorcht dem Lehrer -- auf dieser Basis fängt naturnotwendig der

Bildungsprozeß jedes Menschen an.

~d~) Wie könnte ferner die +menschliche Gesellschaft+ bestehen,

wenn jeder nur seinem eigenen Willen folgte? Ohne Nächstenliebe,

Selbstverleugnung, Aufopferung kann kein Verein, viel weniger die

gesamte Menschheit Bestand haben.

~e~) Wie könnte endlich ein Erziehungssystem das rechte sein, bei

welchem von 10000 Menschen nur +einer+ in der verlangten Weise (durch

einen Hofmeister) erzogen werden kann?

=III. Basedow= (1723–1790).

=1. Leben.= Johann Bernhard Basedow war zu +Hamburg+ geboren,

wurde nach einer unstet verlebten Jugend Hofmeister und darauf

Lehrer der Moral an der dänischen Ritter-Akademie Soroe. Wegen

seiner unchristlichen Grundsätze entlassen, warf er sich auf die

Pädagogik. Er gründete 1774 in Dessau eine Musterschule unter dem

Namen +Philanthropin+, um seine Grundsätze praktisch durchzuführen.

In diesem Philanthropin sollten +Menschen+ gebildet werden. Aller

positive +religiöse+ Unterricht war +ausgeschlossen+. Die Unnatur

einer solchen Erziehungs- und Unterrichtsweise zeigte sich bald,

und die Anstalt sank in der Gunst des Publikums. Basedow legte

schon nach 2 Jahren die Direktion nieder. Nachdem er einige Zeit in

Dessau privatisiert, begab er sich nach +Magdeburg+, wo ihn der Tod

plötzlich ereilte. Seine letzten Worte waren: „Ich will seziert sein

zum Besten meiner Mitmenschen.“ 3 Jahre später endete auch seine

Stiftung, welche nicht ganz 20 Jahre bestanden hat.

=2. Schriften.= Die beiden wichtigsten sind:

~a~) Das „+Methodenbuch+ für Väter und Mütter der Familien und Völker“.

In dieser Schrift gibt er einen ausführlichen Plan zur Verbesserung des

Schulwesens.

~b~) Das +Elementarwerk+. 1774. Das Werk besteht aus vier Bänden mit

100 Kupfertafeln von Chodowiecki. Basedow nimmt darin die Idee des

+Comenius+ („~Orbis pictus~“) wieder auf, den Schülern die Natur und

die Verhältnisse des Lebens in Bildern zur Anschauung zu bringen. Nur

liegen den einzelnen Tafeln Gesamtbegriffe zugrunde, während der ~Orbis

pictus~ eine Darstellung von konkreten Gegenständen enthält.

+Goethe+ fällt über das Werk folgendes harte Urteil: „Mir +mißfiel+,

daß die Zeichnungen des Basedowschen Elementarwerkes noch mehr als

die Gegenstände selbst +zerstreuten+, da in der +wirklichen Welt+

nur das Mögliche beisammen steht und sie deshalb ungeachtet aller

Mannigfaltigkeit und scheinbaren Verwirrung immer noch in allen ihren

Teilen etwas Geregeltes hat. Jenes Elementarwerk +zersplittert+

die wirkliche Welt ganz, indem das, was in der Weltanschauung

keineswegs zusammentrifft, um der Verwandtschaft der Begriffe willen

nebeneinandersteht, weswegen es auch jener sinnlich-methodischen

+Vorzüge ermangelt+, die wir ähnlichen Arbeiten des Amos Comenius

zuerkennen müssen.“

=3.= Seine =Verdienste= um Erziehung und Unterricht sind:

~a~) Er legte ein großes Gewicht auf die +körperliche+ Bildung.

Wie Rousseau will er die +Abhärtung+ des Körpers gefördert wissen

von den ersten Tagen des Lebens an: er verwirft Wiege und Windel,

schreibt +hartes Lager+, +einfache Nahrung+, +weite Kleider+ und

häufige Bewegung vor. +Gymnastik+, handwerkliche Arbeiten und

andauernde +Wanderungen+ sollen den Körper +kräftigen+. Auch dringt

er auf Aneignung feiner Manieren und eines gesellschaftlichen Tones.

~b~) Das zweite wirkliche Verdienst Basedows besteht darin, die starre

Schroffheit, herzlose Strenge und düstere Härte dem gesamten Schulwesen

abgestreift und ihm einen +freundlicheren Geist+ eingehaucht zu haben.

Die Behandlung der Kinder soll eine milde und liebevolle sein. Strafe

soll selten vorkommen, körperliche Züchtigung will Basedow ganz

ausgeschlossen wissen. Zur Anspornung des Ehrgeizes diente eine weiße

Meritentafel mit den Namen der Zöglinge und goldenen Punkten für

Verdienste des Fleißes. Doch soll der Zögling von früh an im blinden

Gehorsam geübt werden.

~c~) Das dritte Verdienst Basedows ist sein Streben, den Unterricht

+interessant+, das Lernen angenehm und leicht zu machen.

Bemerkenswert sind seine goldenen Regeln:

„Der Unterricht sei so +angenehm+, als er seiner Natur nach sein

kann! Erst die +Sache+, dann das Wort! Nicht viel, aber mit +Lust+!

Nicht viel, aber in elementarer +Ordnung+! Nicht viel, aber lauter

+nützliche+ Kenntnisse!“

=4.= Zu =tadeln= ist:

~a~) der +konfessionslose+ Religionsunterricht;

Die Erbauungsstunden wurden zu Dessau unter abgeschmackten Gesängen

und seichten Moralreden abgehalten und waren für Christen, Juden und

Mohammedaner berechnet.

~b~) der Mangel an +nationaler+ Erziehung;

Wie Basedow +keine Rücksicht+ nahm auf eine bestimmte Konfession,

so auch nicht +auf das Vaterland+, dem der Zögling angehörte: von

den +Pflichten gegen Fürst und Vaterland+ sollte +nie die Rede+

sein. Nicht zu Christen und Staatsbürgern, sondern zu Menschen und

Weltbürgern wollte er die Schüler herangebildet wissen.

~c~) die spielende, +oberflächliche Art+ des Lernens;

Die Buchstaben wurden von einem +Zuckerbäcker+ hergestellt und zur

Belohnung verzehrt. Keine Lektion dauerte länger als eine +halbe+

Stunde. Zwischen den einzelnen Unterrichtsstunden fanden Übungen

im Fechten, +Tanzen+, in Papp- und Holzarbeit statt. Memoriert

wurde +nichts+. So war das Lernen nicht ernste, charakterbildende

Geistesarbeit, sondern führte zu Tändelei, Verzärtelung und

Verweichlichung der geistigen Kräfte. Basedow vergaß, daß der

Unterricht auch dadurch erziehlich wirken muß, daß er an ernste

Beschäftigung, an angestrengtes Nachdenken, an Überwindung von

Schwierigkeiten gewöhnt.

~d~) die große +Menge+ der Unterrichtsgegenstände;

Während Rousseau die Unterrichtsstoffe möglichst beschränkt und

Basedow selbst in seinen Schriften vor dem „zuviel“ warnt, sollten

die Schüler in Dessau +alles+ lernen, was im praktischen Leben nur

irgendwie +Nutzen+ bringen kann. Auf dem Lehrplan des Philanthropins

standen außer den alten und neuen Sprachen und den Realien noch:

Gesundheitslehre, Acker- und Wiesenbau, Wein- und Seidenbau,

Bienenzucht und Waldkultur. Bei dieser Menge von Fächern konnten die

Zöglinge keines gründlich lernen.

~e~) die vielfach +laxe+ Disziplin.

Der +Mangel an ersten Zuchtmitteln+ mußte eine +lockere Disziplin+

hervorrufen. Herder sagt: „Mir kommt alles erschrecklich vor, wie ein

Treibhaus oder wie ein +Stall voll menschlicher Gänse+, und ihm, den

ich persönlich kenne, möchte ich +keine Kälber+ zu erziehen geben,

geschweige denn Menschen.“

Grundzüge der Geschichte der Pädagogik · 第 93 / 110 题