13. Der zweite Klingelbeutel ist für die Schulmeister.

14. Wo Kölmer[7] wohnen, dieselben geben den Bauern gleich. Weil aber

sonst ihre Lage besser als der Bauern, bezahlen sie noch für jedes

Kind jährlich 6 Gute Groschen Schulgeld.

16. Jedes Schulkind, wenn es konfirmiert wird, bezahlt dem

Schulmeister 6 Gute Groschen.

18. Jedem Schulmeister muß ein Platz zum Küchengarten gleich hinter

seinem Hause angewiesen werden.

Diese ~principia regulativa~ blieben aber nicht nur Gesetz, sondern

der König sorgte auch für deren Ausführung. Er machte eine Stiftung

von 50000 Talern, genannt +~mons pietatis~+ (Kapital der Frömmigkeit),

deren Zinsen in armen Gemeinden zur Aushilfe für die Besoldung der

Lehrer und den Aufbau der Schulen verwendet werden sollten. In einem

Zeitraum von drei Jahren (1737–1740) entstanden in der Provinz

Ostpreußen nicht weniger als 1700 neue Landschulen mit 1900 Lehrern,

die von 95000 Schülern besucht wurden. Mit Recht haben die dankbaren

Nachkommen dem König vor dem Regierungsgebäude in Gumbinnen ein Denkmal

errichtet mit der Inschrift: „Dem +Vater Litauens+“.

[4] Als Wesel 1806 von den Franzosen eingenommen wurde, siedelte

der damalige Inspektor +Ehrlich+ nach Soest über. Hier wurde

das Seminar am 4. Oktober 1806 wiederum als Zweiganstalt

des Gymnasiums, und zwar als paritätische Anstalt eröffnet.

Mit der Gründung des katholischen Lehrerseminars in Büren

(1825) erhielt das Seminar in Soest den Charakter einer rein

evangelischen Anstalt.

[5] Die Schienmeyersche Stiftung wird wohl als die erste staatlich

anerkannte Lehrerbildungsanstalt angesehen. Indessen

bestand sie nur kurze Zeit, 1732–1737; zudem mußten die

Schulamtsaspiranten nebenher auch das Schneiderhandwerk

erlernen, eine Loslösung des Lehrerstandes vom Handwerke wurde

also dort noch nicht versucht.

[6] D. i. Grundsätze zur Regelung (des Schulwesens).

[7] Kölmer sind Bauern, die ein Gut von mindestens 3 Kulmischen

Hufen haben. (1 Hufe = 7½ Hektar.)

Vierter Abschnitt.

Von Rousseau bis Pestalozzi.

Vorbemerkung.

1. Die bisher vorgeführten pädagogischen Bestrebungen aus der

christlichen Zeit stehen auf positiv christlichem Boden. Dieser

Boden wurde in der Folge vielfach verlassen und an die Stelle der

übernatürlichen Offenbarung eine +natürliche+ Religion gesetzt.

2. Die natürliche Religion stellt +Erbsünde und Erlösung+ in

+Abrede+, verwirft die positiven Erziehungsmittel und verlangt eine

rein naturentsprechende Bildung.

3. Das +Ringen nach dem Natürlichen+ hatte +zwei gute+ Wirkungen.

Es wurde gefördert ~a~) die +naturgemäße Methode+ des Unterrichts;

~b~) +die physische Erziehung+. Hierin liegt ein unverkennbares

Doppelverdienst. Doch führte die Übertreibung zur Unnatur des

Hofmeistertums.

=I. Locke= (1632–1704).

Der Vorläufer Rousseaus war der Engländer John Locke. Derselbe war

Mediziner, wandte sich aber seiner schwächlichen Gesundheit wegen der

praktischen Pädagogik zu und wirkte als Erzieher in der Familie des

Lords of Shaftesbury. Als pädagogischer Schriftsteller trat er auf in

dem Werke: „Gedanken über Erziehung“.

In seinem Werke stellt er folgende +Hauptforderungen+ auf:

~a~) Die Erziehung soll nicht durch die Schule, sondern durch einen

+Hofmeister+ geschehen, da die Schule für den feinen Umgang ungeschickt

macht und vielfach die Kinder verdirbt.

~b~) Der Erzieher soll vor allem den Satz Juvenals beachten: „Ein

gesunder Geist sei in einem +gesunden Körper+.“

Daher soll der Zögling „Tag und Nacht, bei Wind und Wetter +in bloßem

Kopfe+ gehen“. „Die Kleider seien weit und lose“. „+Frühes Aufstehen+

und +frühes Schlafengehen+ sei Regel; acht Stunden Schlaf reichen

aus.“ „Das Lager sei hart; es bestehe aus Matratzen und wollenen

Decken, nicht aus Federbetten.“

~c~) Die Erziehung soll +früh+ beginnen.

„Das Gemüt muß der Zucht gehorsam und der Vernunft unterwürfig

gemacht werden in der Zeit, da es noch zart und leicht zu biegen

ist.“ „Die Spiele der Kinder sind so einzurichten, daß nützliche

Gewohnheiten daraus entstehen.“

~d~) Das Kind soll besonders zur +Selbstbeherrschung+, +Wahrheits-+ und

+Ehrliebe+ erzogen werden.

„Durch die Erziehung soll der Mensch fähig gemacht werden, sich

selbst seine eigenen +Begierden zu versagen+, seinen eigenen

Neigungen zu widerstreben und bloß demjenigen zu folgen, was die

+Vernunft+ als das Beste erweist. Dann hat die Erziehung den Grund

zu aller Tugend gelegt.“ „Die +Lüge+ muß man dem Kinde immer als die

größte Abscheulichkeit von der Welt darstellen.“ „Das Streben nach

dem +Beifall+ der Leute sei eines der wichtigsten Motive des Handelns

für junge Menschen.[8] Die +Gründe+ für Gebote und Verbote sind dem

Schüler anzugeben, weil dies die Selbstachtung fördert.“

~e~) Das Lernen muß möglichst +erleichtert+ und der Lehrstoff nach

Rücksichten der +Nützlichkeit+ ausgewählt werden.

„+Man verschone das Kind mit vielen Regeln+; Beispiele sind besser

als Regeln.“ „+Muttersprache+, +Rechnen+, +Realien+ sind wohl zu

pflegen. Poesie und Musik sind vom Unterricht auszuschließen: man

findet auf dem Parnaß selten Gold- und Silberminen; die Luft dieses

Berges ist lieblich, aber der Boden unfruchtbar.“

[8] Vgl. dagegen: „Gott wird die Gebeine derjenigen zerstreuen, die

den Menschen zu gefallen suchen“ (Ps. 52) u. „Wenn ich den

Menschen zu gefallen suchte, würde ich Christi Diener nicht

sein.“ (Galater 1, 10.)

=II. Rousseau= (1712–1778).

=1. Leben.= Johann Jakob +Rousseau+ wurde zu +Genf+ geboren. Sein

Vater, ein verarmter Uhrmacher, las mit ihm Romane ohne Vernunft

und Maß und weckte so in dem Knaben eine krankhafte Lesesucht und

Sinnlichkeit. Mit dem Sohne eines Oheims kam Rousseau zu einem

evangelischen Pfarrer auf dem Lande in Pension, dann als Lehrling

zu einem Kupferstecher. Letzterem entlief er aus Furcht vor Strafe

und kam nach Annecy zu einer Frau v. Warens, die ihn veranlaßte,

nach Turin zu reisen, wo er ohne innere Überzeugung zur katholischen

Kirche übertrat und sich mehrere Jahre umhertrieb. 20 Jahre alt,

kehrte er nach Annecy zurück und blieb hier fast 10 Jahre. Nachdem

er kurze Zeit in Lyon Hauslehrer gewesen, siedelte er, 30 Jahre alt,

nach Paris über, wo er einen höchst unsittlichen Lebenswandel führte.

In Genf zum reformierten Bekenntnis zurückgetreten, kam er abermals

nach Paris und veröffentlichte dort u. a. den Erziehungsroman

„+Emil+“. Wegen seiner Schriften aus Frankreich verbannt, wohnte er

einige Zeit im Kanton Neuenburg und wurde von Friedrich II. nach

Potsdam eingeladen. Seine Freunde erwirkten ihm aber die Erlaubnis,

nach Paris zurückzukehren. Er starb auf dem Landgute Ermenonville bei

Paris eines plötzlichen Todes. Seine Gebeine liegen im Panthéon zu

Paris, wo auch Voltaire und der Dichter Viktor Hugo begraben wurden.

=2. Schriften.= Die bemerkenswertesten sind:

~a~) Eine Abhandlung über die Ersetzung der Musiknoten durch +Ziffern+.

Die französische Akademie mußte ihm die Ehre der ersten Erfindung

streitig machen, denn ein Mönch (Pater Suhaiti) hatte bereits diese

Erfindung gemacht und veröffentlicht.

~b~) „Haben die +Fortschritte+ der Wissenschaften und Künste zur

Reinigung oder Verschlechterung der Sitten beigetragen?“

Die Akademie in Dijon hatte diese Frage gestellt und der besten

Beantwortung derselben einen Preis verheißen. Rousseau beantwortete

die Frage dahin, daß er ausführte, die Fortschritte in Kunst und

Wissenschaft hätten die +Verschlechterung+ der Sitten bewirkt. Er

erhielt den Preis. (Doch nicht Kunst und Wissenschaft als solche,

sondern nur deren Mißbrauch verdirbt die Sitten.)

~c~) „Über den Grund der +Ungleichheit+ unter den Menschen.“

Rousseau ersinnt und schildert einen ursprünglichen Naturzustand

der Menschen, ähnlich dem der Hottentotten und Karaiben, in welchem

völlige Gleichheit und Glückseligkeit herrschten. Die fortschreitende

+Bildung+ und das +Eigentumsrecht+ haben dieses Glück der Menschheit

aufgehoben und sind darum zu +verwerfen+. +Voltaire+, dem er

das Buch zuschickte, schrieb ihm: „Ihre neue Schrift gegen das

Menschengeschlecht habe ich erhalten. Noch nie ist so viel Geist

aufgewendet worden, um uns womöglich zu +Bestien+ zu machen. Liest

man Ihr Buch, so bekommt man Lust, auf +allen vieren+ zu laufen.

Da ich jedoch seit länger als 60 Jahren aus der Gewohnheit bin, so

überlasse ich gern diesen Naturgang denen, welche dessen würdiger

sind als ich.“

~d~) Der „+Gesellschaftsvertrag+“.

Rousseau erklärt in diesem berüchtigten +Revolutionskatechismus+

die Einsetzung von Obrigkeiten für einen an der Menschheit

begangenen Frevel. Der Gesamtwille des Volkes, welcher durch

Gesellschaftsverträge zum Ausdruck kommt, soll der eigentliche

Oberherr sein. Die Erbmonarchie sei die mißlichste aller

Staatsformen, die beste Staatsverfassung die Republik. Mit Recht wird

diese Schrift „+die Vorschule der französischen Revolution+“ genannt.

~e~) „+Emil+ oder über die Erziehung.“ 1762.

Diese eigentliche +pädagogische Schrift+ Rousseaus hat die Form eines

Romans und enthält in fünf Büchern die Geschichte eines erdichteten

Zöglings (Emil) von seiner Geburt an bis zu seiner Verheiratung.

+Goethe+ nennt diese Schrift das „+Naturevangelium der Erziehung+“.

Das Parlament in Paris und der Magistrat von Genf ließen das Buch

durch Henkershand öffentlich verbrennen. Der Erzbischof von Paris

erließ zur Warnung einen eigenen trefflichen Hirtenbrief.

=3. Erziehungssystem.= +Hauptgrundsatz+ der Rousseauschen Pädagogik

ist: „Alles ist gut, wie es aus der Hand des Schöpfers hervorgeht,

alles entartet unter den Händen der Menschen.“ Die Erziehung muß

demnach den Zögling, der von Natur aus gut ist und nichts von Sünde

und sündhafter Neigung in sich hat, sich +frei+ entwickeln lassen und

nur dafür sorgen, daß diese freie Entwicklung nicht von außen (durch

Belehrung, Gebot, Beispiel usw.) gestört wird.

+Anwendung+ dieses Grundsatzes auf die Erziehung.

~a~) Die +physische+ Erziehung. Alles, was der freien Entwicklung und

Kräftigung des Körpers hinderlich ist, muß vermieden, die +Abhärtung+

aber aufs äußerste getrieben werden.

Rousseau eifert besonders gegen die engen Jacken und Hosen, die

dicken Halstücher und seidenen Strümpfe, die frisierten, mit Puder

und Pomade eingeschmierten Haare. Auch darf der Knabe +nicht zu früh

lernen+; Emil darf vor dem 12. Jahre nicht wissen, was ein Buch ist.

Dagegen soll er +immer mit bloßem Kopfe gehen+, bei jeder Witterung

+ins Freie+ sich wagen, auch im Winter Sommerkleider tragen, selbst

bei der Erhitzung kaltes Wasser trinken und auf feuchtem Boden liegen.

~b~) Die +Verstandesbildung+. Der gewöhnliche schulmäßige Unterricht

schädigt die freie Entwicklung des Zöglings in intellektueller

Hinsicht, weil er dem Verstande des Kindes etwas aufdrängt, was dieser

nicht selbst gefunden hat. Der Hofmeister darf daher den Knaben nicht

unterrichten; er gebe ihm nur Gelegenheit, +Erfahrungen+ zu machen und

Kenntnisse zu schöpfen; der Schüler muß +selbst beobachten, selbst

untersuchen, selbst nachdenken+.

„Der Zögling wisse etwas nicht deswegen, weil man es ihm gesagt hat,

sondern weil er es selbst begriffen hat. Er lerne die Wissenschaft

nicht, sondern er +finde sie+. +Meßt, zählt, wägt, vergleicht!+“

„Lesen ist die unseligste Beschäftigung der Kinder. Das Kind, welches

liest, denkt nicht, es liest nur; es unterrichtet sich nicht, es

lernt nur Wörter.“

~c~) Die +Willensbildung+. Der Zögling soll nichts auf das Wort des

Erziehers hin tun. Nur was er selbst als gut und notwendig erkennt, das

soll er tun und so durch freie Selbstbestimmung sich zur Sittlichkeit

heranbilden.

Ein positives Gebot, Gutes zu tun, darf der Erzieher überhaupt nicht

geben; er soll nur dafür sorgen, daß von +außen nichts Böses+ in

den Zögling hineindringe, und daß er anderen nichts Böses zufüge.

Auch darf der Erzieher nicht zu den positiven Strafmitteln (Tadel,

Drohung, körperl. Züchtigung) greifen; eine Strafe soll nur als

+natürliche Folge+ des Fehlers eintreten (z. B. für böswillige

Zertrümmerung der Fensterscheiben -- Erkältung, für Unverträglichkeit

-- Gemiedenwerden von andern, für Lügen -- Mißtrauen).

~d~) Auch für die +religiöse+ Erziehung gilt das Gesetz der freien

Entwicklung. Der Erzieher darf dem Kinde gar nicht davon reden, daß

Gott sich den Menschen geoffenbart habe; der Zögling soll auf eine rein

natürliche Religion von selbst kommen.

Emil weiß bis zu seinem 15. Lebensjahre noch nichts von Gott, von

einer Seele; erst in seinem 18. Jahre kommt er durch Betrachtung der

Natur zu der Erkenntnis, daß ein +weiser, vernünftiger Wille+ die

Welt regiert, und diesen Willen nennt er +Gott+.

Grundzüge der Geschichte der Pädagogik · 第 92 / 110 题