Comenius hat zwar manchen Gedanken von seinen Vorläufern (Vives,
Baco, Ratke) übernommen, aber er hat diese Gedanken weiterentwickelt,
geklärt, vertieft und viele neue Gedanken hinzugetan. Seine
wesentlichsten Verdienste um die Entwicklung des Schulwesens sind
folgende.
1. Er hat den Begriff der +Volksschule+ in der noch heute maßgebenden
Weise bestimmt und damals schon ihre allgemeine Einführung als
notwendig bezeichnet.
2. Er hat die sinnliche +Anschauung+ und die +Konzentration+ in ihrer
Bedeutung für den Schulunterricht richtig erkannt und das Bild als
Mittel der Veranschaulichung gefordert.
3. Er hat den Lehrplan der Volksschule durch die Gegenstände, die wir
heute unter dem Namen ‚+Realien+‘ begreifen, erweitert.
Leider waren die Zeitverhältnisse, unter denen Comenius wirkte,
so überaus traurig, daß von einer praktischen Durchführung seiner
pädagogischen Ideen zunächst nicht die Rede sein konnte. Erst später
haben seine Gedanken ihren Weg in die Praxis des Schulunterrichts
gefunden.
=4.= =Francke= (1663–1727).
1. August Hermann Francke wurde in Lübeck geboren und in Gotha
erzogen. Schon im vollendeten 14. +Lebensjahre+ bestand er die
Abiturientenprüfung am Gymnasium in Gotha. Nach zweijähriger
Erholungspause bezog er die Universität und studierte in Erfurt und
Kiel evangelische Theologie.
Mit 21 Jahren wurde er in +Leipzig+ Hofmeister und ließ sich zugleich
als Privatdozent an der dortigen Hochschule nieder. Er erklärte den
Grundtext der Hl. Schrift und knüpfte daran erbauliche Betrachtungen.
Später trieb er praktische Exegese, war Prediger in Lüneburg und
darauf ein Jahr Lehrer in Hamburg an einer Privatschule für Kinder.
Nach kurzem Aufenthalte bei Spener in Dresden nahm er in Leipzig
seine biblischen Vorlesungen wieder auf. Als Pietist (Frömmler)
verschrieen, verließ er Leipzig und wurde Diakon in Erfurt. Mit 29
Jahren wurde er Universitätsprofessor (für orientalische Sprachen) in
+Halle+ und zugleich Pfarrer in der Vorstadt Glaucha. Hier wirkte er
35 Jahre lang mit vielem Segen.
2. Francke war ein edler Mann und besaß in hohem Grade den Geist
christlicher Nächstenliebe. Er suchte alle Schüler Christus zuzuführen.
Doch ein +großer Fehler+ klebt dem Franckeschen Erziehungssystem an.
Er behandelt nämlich die Kinder wie reife Männer. Deshalb kannte man
+kein Spiel+. Jugendlicher Frohsinn und harmlose Freude fehlten. Man
kannte nur schwerere und leichtere +Pflichten+. Die letzteren sollten
als einzige Erholung dienen. Durch die Unnatur dieses Verfahrens wurde
statt echter Frömmigkeit vielfach Frömmelei erzielt.
Das größte Gewicht legte Francke auf die +Person+ des Lehrers. Von den
Schülern verlangt er vor allem Wahrheitsliebe, Gehorsam und Fleiß. Für
die Lehrerbildung strebte er die Gründung +pädagogischer Seminarien+ an
und sorgte für passende Schulbücher.
3. Die berühmten Franckeschen +Stiftungen+ in Halle sind außer der
Waisenhaus-Buchhandlung und der Waisenhaus-Apotheke:
~a~) das Pädagogium (Erziehungsanstalt für Söhne aus höheren Ständen);
~b~) die lateinische Schule (Gymnasium);
~c~) die deutschen Bürgerschulen (für die Bürgerkinder der Stadt);
~d~) +das Waisenhaus+ (Armenschule und Pflegeanstalt für verwaiste
Kinder);
~e~) das ~Seminarium selectum~ (Bildungsanstalt der Lehrer für das
Pädagogium und die Lateinschule);
~f~) das ~Seminarium praeceptorum~ (Bildungsanstalt der Lehrer für
die deutschen Bürgerschulen und das Waisenhaus).
4. Wie Comenius der Reformator des Unterrichts, so ist Francke der
Reformator der Disziplin. In seiner Schrift „+Instruktion+ für die
~Praeceptores~, was sie bei der Disziplin wohl zu beachten“ tritt er
für eine vernünftige, möglichst angemessene und väterliche Schulzucht
ein. Die bemerkenswertesten Stellen aus dieser Schrift sind folgende:
1. „Ehe bei einem Kinde die ~gradus admonitionum~ (Ermahnungsstufen)
gebraucht worden sind, ist es nicht zu schlagen.“
2. „Es ist auch kein Kind zu schlagen, man habe ihm denn sein
Verbrechen erst vorgehalten und es dessen auch +überzeugt+.“
3. „Um des Lernens willen und wenn ein Kind etwas +nicht+ alsbald
+begreifen+ kann, sei es im Lateinischen, Griechischen, Rechnen,
Singen oder im ~Catechismo~, soll kein Kind geschlagen werden, wohl
aber um der Bosheit und sonderlich um der +Lüge und Dieberei+ willen.“
4. „Ein Präzeptor soll +nicht ungeduldig, noch zornig+ werden, wenn
ein Kind wegen seines +langsamen+ Geistes etwas nicht bald fassen
kann.“
5. „Wenn neue Kinder in die Schule kommen, so sind sie nicht alsbald
mit Schlägen zu traktieren, sondern man soll ihrer 3 bis 4 Wochen
+schonen+.“
6. „Die Bestrafung soll man nicht ein oder zwei Tage +aufschieben+,
sondern die Sache bald abtun.“
7. „Nach der Strafe soll der Lehrer sich für die väterliche
Züchtigung von dem Kinde die Hände geben und Besserung +angeloben+
lassen.“
8. „Ein Lehrer, zu dem die Kinder +Vertrauen+ haben, kann mit einer
guten Vermahnung mehr ausrichten als andere mit vielen Schlägen.“