4. Die pädagogische Bedeutung des Comenius.

Comenius hat zwar manchen Gedanken von seinen Vorläufern (Vives,

Baco, Ratke) übernommen, aber er hat diese Gedanken weiterentwickelt,

geklärt, vertieft und viele neue Gedanken hinzugetan. Seine

wesentlichsten Verdienste um die Entwicklung des Schulwesens sind

folgende.

1. Er hat den Begriff der +Volksschule+ in der noch heute maßgebenden

Weise bestimmt und damals schon ihre allgemeine Einführung als

notwendig bezeichnet.

2. Er hat die sinnliche +Anschauung+ und die +Konzentration+ in ihrer

Bedeutung für den Schulunterricht richtig erkannt und das Bild als

Mittel der Veranschaulichung gefordert.

3. Er hat den Lehrplan der Volksschule durch die Gegenstände, die wir

heute unter dem Namen ‚+Realien+‘ begreifen, erweitert.

Leider waren die Zeitverhältnisse, unter denen Comenius wirkte,

so überaus traurig, daß von einer praktischen Durchführung seiner

pädagogischen Ideen zunächst nicht die Rede sein konnte. Erst später

haben seine Gedanken ihren Weg in die Praxis des Schulunterrichts

gefunden.

=4.= =Francke= (1663–1727).

1. August Hermann Francke wurde in Lübeck geboren und in Gotha

erzogen. Schon im vollendeten 14. +Lebensjahre+ bestand er die

Abiturientenprüfung am Gymnasium in Gotha. Nach zweijähriger

Erholungspause bezog er die Universität und studierte in Erfurt und

Kiel evangelische Theologie.

Mit 21 Jahren wurde er in +Leipzig+ Hofmeister und ließ sich zugleich

als Privatdozent an der dortigen Hochschule nieder. Er erklärte den

Grundtext der Hl. Schrift und knüpfte daran erbauliche Betrachtungen.

Später trieb er praktische Exegese, war Prediger in Lüneburg und

darauf ein Jahr Lehrer in Hamburg an einer Privatschule für Kinder.

Nach kurzem Aufenthalte bei Spener in Dresden nahm er in Leipzig

seine biblischen Vorlesungen wieder auf. Als Pietist (Frömmler)

verschrieen, verließ er Leipzig und wurde Diakon in Erfurt. Mit 29

Jahren wurde er Universitätsprofessor (für orientalische Sprachen) in

+Halle+ und zugleich Pfarrer in der Vorstadt Glaucha. Hier wirkte er

35 Jahre lang mit vielem Segen.

2. Francke war ein edler Mann und besaß in hohem Grade den Geist

christlicher Nächstenliebe. Er suchte alle Schüler Christus zuzuführen.

Doch ein +großer Fehler+ klebt dem Franckeschen Erziehungssystem an.

Er behandelt nämlich die Kinder wie reife Männer. Deshalb kannte man

+kein Spiel+. Jugendlicher Frohsinn und harmlose Freude fehlten. Man

kannte nur schwerere und leichtere +Pflichten+. Die letzteren sollten

als einzige Erholung dienen. Durch die Unnatur dieses Verfahrens wurde

statt echter Frömmigkeit vielfach Frömmelei erzielt.

Das größte Gewicht legte Francke auf die +Person+ des Lehrers. Von den

Schülern verlangt er vor allem Wahrheitsliebe, Gehorsam und Fleiß. Für

die Lehrerbildung strebte er die Gründung +pädagogischer Seminarien+ an

und sorgte für passende Schulbücher.

3. Die berühmten Franckeschen +Stiftungen+ in Halle sind außer der

Waisenhaus-Buchhandlung und der Waisenhaus-Apotheke:

~a~) das Pädagogium (Erziehungsanstalt für Söhne aus höheren Ständen);

~b~) die lateinische Schule (Gymnasium);

~c~) die deutschen Bürgerschulen (für die Bürgerkinder der Stadt);

~d~) +das Waisenhaus+ (Armenschule und Pflegeanstalt für verwaiste

Kinder);

~e~) das ~Seminarium selectum~ (Bildungsanstalt der Lehrer für das

Pädagogium und die Lateinschule);

~f~) das ~Seminarium praeceptorum~ (Bildungsanstalt der Lehrer für

die deutschen Bürgerschulen und das Waisenhaus).

4. Wie Comenius der Reformator des Unterrichts, so ist Francke der

Reformator der Disziplin. In seiner Schrift „+Instruktion+ für die

~Praeceptores~, was sie bei der Disziplin wohl zu beachten“ tritt er

für eine vernünftige, möglichst angemessene und väterliche Schulzucht

ein. Die bemerkenswertesten Stellen aus dieser Schrift sind folgende:

1. „Ehe bei einem Kinde die ~gradus admonitionum~ (Ermahnungsstufen)

gebraucht worden sind, ist es nicht zu schlagen.“

2. „Es ist auch kein Kind zu schlagen, man habe ihm denn sein

Verbrechen erst vorgehalten und es dessen auch +überzeugt+.“

3. „Um des Lernens willen und wenn ein Kind etwas +nicht+ alsbald

+begreifen+ kann, sei es im Lateinischen, Griechischen, Rechnen,

Singen oder im ~Catechismo~, soll kein Kind geschlagen werden, wohl

aber um der Bosheit und sonderlich um der +Lüge und Dieberei+ willen.“

4. „Ein Präzeptor soll +nicht ungeduldig, noch zornig+ werden, wenn

ein Kind wegen seines +langsamen+ Geistes etwas nicht bald fassen

kann.“

5. „Wenn neue Kinder in die Schule kommen, so sind sie nicht alsbald

mit Schlägen zu traktieren, sondern man soll ihrer 3 bis 4 Wochen

+schonen+.“

6. „Die Bestrafung soll man nicht ein oder zwei Tage +aufschieben+,

sondern die Sache bald abtun.“

7. „Nach der Strafe soll der Lehrer sich für die väterliche

Züchtigung von dem Kinde die Hände geben und Besserung +angeloben+

lassen.“

8. „Ein Lehrer, zu dem die Kinder +Vertrauen+ haben, kann mit einer

guten Vermahnung mehr ausrichten als andere mit vielen Schlägen.“

Grundzüge der Geschichte der Pädagogik · 第 86 / 110 题