2. +Alles nach Ordnung und Lauf der Natur.+ Vom Bekannten zum
Unbekannten, vom Nahen zum Entfernten, vom Leichten zum Schweren, vom
Einfachen zum Zusammengesetzten.
3. +Immer nur eins zu einer Zeit.+ Zurzeit nur ein Lehrfach, nur eine
Sprache, nur ein Schriftsteller. Kein neuer Lehrstoff soll vorgelegt
werden, ehe der vorhergehende vollkommen angeeignet ist.
4. +Eins oft wiederholen.+ Was der Schüler sich dauernd aneignen soll,
das werde durch gründliche Bearbeitung und häufige Wiederholung, nicht
durch wörtliches Memorieren eingeprägt. Am allerwenigsten darf das
memoriert werden, was noch nicht völlig begriffen ist.
5. +Gleichförmigkeit in allen Dingen.+ Nicht nur in der Sache, sondern
auch in den Worten muß der Unterricht sich gleich bleiben. Die
Unterrichtsweise muß für alle Unterrichtsgegenstände ein und dieselbe
sein, die verschiedenen Lehrbücher müssen gleichmäßig angelegt und
gedruckt sein, in der Schule muß stets die gleiche Ordnung herrschen.
6. +Alles Überflüssige ist zu vermeiden.+ Nichts werde gelehrt, was
wieder verlernt werden muß, was nicht entweder für den Unterricht oder
für das Leben von irgend welchem Nutzen ist. Alles ohne Weitläufigkeit,
so kurz und knapp wie möglich!
7. +Alles zuerst in der Muttersprache.+ Dem fremdsprachlichen
Unterricht muß der Unterricht in der deutschen Sprache (auch in der
deutschen Grammatik) voraufgehen.
8. +Alles ohne Zwang.+ Wenn auch in der Zucht die Rute nicht zu
entbehren ist, so soll doch beim Lehren um des Lernens willen nicht
gezüchtigt werden. Der Unterricht ist so anziehend wie möglich zu
machen. Nach jeder Lektion ist ausreichende Zeit zur Erholung (Spiel)
zu gewähren.
9. +Erst ein Ding an ihm selbst, hernach die Weise von dem Dinge.+
Der fremdsprachliche Unterricht soll nicht sofort mit der Grammatik,
sondern mit der Lektüre eines Schriftstellers beginnen, an die dann
erst nachträglich die grammatischen Belehrungen anzulehnen sind.
10. +Alles durch Erfahrung und stückliche Untersuchung+ („~per
inductionem et experimentum omnia~“). Alle Lehren, Regeln usw. sind
durch Beispiele zu veranschaulichen und zu erhärten. (Eine Entwicklung
der Regel +aus+ dem Beispiele forderte Ratke nicht. Zwar sollte der
grammatische Unterricht an die Lektüre angelehnt werden, aber hierbei
sollten die Regeln erst gelesen und eingeprägt und dann erst Beispiele
aus dem Schriftsteller dazu gesucht werden.)
=3. Comenius= (1592–1670).
=1. Sein Leben.= Der große Pädagoge Johann Amos +Comenius+, der
Schul-Patriarch und Mitbegründer einer neuen Unterrichtsepoche, wurde
als Sohn eines Müllers zu Niwnic (spr. Niwnitz) in Mähren geboren.
Sein gottergebenes Gemüt, sein edles, ganz für die Bildung der Jugend
eingesetztes Streben, sein durch tragischen „Lebensgang geläutertes
Herz“ erregen hohes Interesse. Schon früh verlor Comenius seine
Eltern, wurde von Vormündern erzogen und konnte erst im 16. Jahre die
lateinische Schule besuchen. Nach dem religiösen Bekenntnis seiner
Eltern gehörte Comenius zu den böhmischen Brüdern (starren Anhängern
von Hus), auch +Brüderunität+ genannt. Seine höheren Studien machte
Comenius in Herborn (Nassau) unter Alstedius und in Heidelberg. Auf
seinen Studienreisen besuchte er Holland und England. Angeregt durch
die Denkschrift des Ratichius, faßte er den Plan, den Unterricht
aus den herkömmlichen, verknöcherten Formen zu befreien. Von seinen
Reisen zurückgekehrt, übernahm Comenius die Leitung der Schule in
Prerau (Mähren), wurde geistlich und pastorierte von 1618 an drei
glückliche Jahre lang die Gemeinde Fulneck, der er Lehrer, Prediger
und Ratgeber war. Nach der Schlacht am Weißen Berge (1620) wurde
Fulneck geplündert, Comenius seiner ganzen Habe beraubt und auf der
Flucht zuerst in das nordöstliche Böhmen (zu Karl von Zierotin),
dann nach Polen verschlagen. In +Polnisch-Lissa+ widmete er sich
dem Unterricht der Gymnasialjugend, ging nach England, kehrte auf
der Rückreise im Haag (Holland) bei +Ludwig van Geer+ ein, besuchte
Schweden und ließ sich endlich in Elbing (damals schwedisch) nieder.
Hier wollte er auf Wunsch des Kanzlers Oxenstjerna Schulbücher für
Schweden verfassen. 1648 wurde Comenius Bischof der Brüderunität
und nahm seinen Wohnsitz zum zweitenmal in +Polnisch-Lissa+. Nach
zweijährigem Aufenthalte zog er nach Patak (Ungarn), von seinem
Freunde, dem Fürsten Rakoczi, berufen. Hier entwarf er den Plan für
eine Musterschule mit sieben einjährigen Klassen. Nur die unteren
3 Klassen konnten wirklich eröffnet werden. 1654 kam Comenius zum
drittenmal nach +Polnisch-Lissa+. Zwei Jahre später wurde die Stadt
in dem Kriege zwischen Schweden und Polen gänzlich zerstört. Comenius
verlor abermals sein Vermögen, namentlich selbstverfaßte wertvolle
Bücher und Handschriften, und mußte flüchten. Er klagte selbst, „daß
die Frucht vierzigjährigen literarischen Fleißes“ dahin sei. Auf
der Flucht kam Comenius nach Schlesien, Hamburg und zuletzt nach
+Amsterdam+, wo er bei seinem Freunde +Lorenz van Geer+ im Alter
von fast 80 Jahren an der Pest starb. Er wurde in Naarden an der
Zuider-See in einem Massengrabe bestattet.
=2. Schriften.= Die wichtigsten sind:
1. Die „Mutterschule“ (~Informatorium maternum~), eine Anweisung zur
Erziehung des Kindes während seiner ersten 6 Lebensjahre. (1633 in
Lissa erschienen.)
2. „+Die geöffnete Sprachentür+“ (~Janua linguarum reserata~), ein
lateinisches Lesebuch mit realistischem Inhalt. Das Wichtigste aus
allen Wissensgebieten (Himmelskunde, Menschenkunde, Tierkunde,
Pflanzenkunde usw.) ist in 1000 Sätzen zusammengefaßt. Comenius wollte
mit diesem Buche ~a~) eine naturgemäßere und +leichtere Erlernung+
des Lateinischen ermöglichen (erst der Stoff, dann die Form; erst
die Sprache, dann die Grammatik) und ~b~) durch den Sprachunterricht
nützliche +Sachkenntnisse+ vermitteln. Das Buch erregte s. Z.
unerhörtes Aufsehen, wurde in kurzer Zeit in 12 europäische und mehrere
asiatische Sprachen übersetzt und war nächst der Bibel das am meisten
verbreitete Buch. (1631 in Lissa erschienen.)
3. „+Die große Unterrichtslehre+“ (~Didactica magna~), bereits 1627
begonnen, zuerst in böhmischer Sprache abgefaßt, dann lateinisch
umgearbeitet, in der uns vorliegenden Gestalt erst 1657 erschienen.
Comenius hat in diesem Werke seine pädagogischen Gedanken in
systematischer Anordnung entwickelt. Er selbst bezeichnet es als das
+Hauptwerk+ seines Lebens.
4. „+Die gemalte Welt+“ (~Orbis pictus~), auch ein lateinisches
+Lesebuch+ mit realistischem Inhalt wie die „Sprachentür“, aber mit
deutscher Übersetzung und mit +Bildern+ (150 Holzschnitten) versehen.
Der Text jedes Lesestücks bildet eine Beschreibung des betreffenden
Bildes, die sich genau an das Bild anlehnt. Auch der ~orbis pictus~
fand eine ungeheure Verbreitung. Lange nach Comenius war er ein
beliebtes Schul- und Kinderbuch, Goethe und Herder haben sich als
Kinder daran ergötzt. (1658 in Nürnberg erschienen.)
=3. Die wichtigsten pädagogischen Gedanken des Comenius.=
1. +Ziel und Aufgabe des Menschen.+ Der Mensch, allein von allen
Wesen mit Vernunft begabt, steht höher als alle Dinge dieser Welt und
hat deswegen auch ein höheres Ziel. Dies +Ziel+ liegt außerhalb des
gegenwärtigen Lebens und ist die +ewige Seligkeit+ in der Gemeinschaft
mit Gott. Das gegenwärtige Leben ist deshalb nur eine Vorbereitung auf
das ewige Leben. Diese Vorbereitung hat, wie sich aus dem Schöpferworte
1. Moses ergibt, insbesondere drei +Aufgaben+ zu erfüllen. Der Mensch
soll sein: 1. ein +vernünftiges+ Geschöpf, 2. ein die anderen Geschöpfe
und sich selbst +beherrschendes+ Geschöpf, 3. das +Ebenbild+ und
die Freude seines Schöpfers. Danach hat der Mensch zu erstreben: 1.
die wissenschaftliche +Bildung+, 2. +Tugend+ oder Sittlichkeit, 3.
Religiosität oder +Frömmigkeit+. Alles übrige (Gesundheit, Stärke,
Schönheit, Reichtum u. dgl.) ist nur „ein Zusatz und eine äußere Zier
des Lebens“ und kann dem Menschen sogar zum Schaden und Verderben
gereichen, wenn er nach solchen Dingen begieriger trachtet als nach
jenen drei vorzüglichsten Gütern, die allein die wahre Vollkommenheit
des Menschen ausmachen.
2. +Möglichkeit und Notwendigkeit der Erziehung.+ Wissenschaftliche
Bildung, Tugend und Frömmigkeit sind zwar als +Anlage+ jedem Menschen
angeboren, aber zu ihrer normalen Entwicklung bedarf es der Erziehung.
Deshalb „muß der Mensch, wenn er zum Menschen werden soll, erzogen und
gebildet werden“.
3. +Zeit der Bildung.+ Die geeignetste Zeit für die Bildung des
Menschen ist die +Jugend+, denn 1. in der Jugend ist der Mensch am
+bildsamsten+, wie jedes Ding am leichtesten zu formen ist, solange
es noch zart ist (das Wachs, das Bäumchen). 2. Was der Mensch in der
Jugend lernt, +haftet+ am besten. 3. In der Jugend ist der Mensch
zu allem anderen (zur Verwaltung des Hauswesens, des Staates usw.)
+ungeschickt+ und nur für die Bildung geeignet, woraus erhellt, daß
Gott die Zeit der Jugend zur Bildung bestimmt hat. 4. Der Mensch muß
frühzeitig zu Gott geführt werden, damit er nicht etwa +unvorbereitet+
aus diesem Leben abberufen werde und somit der ewigen Seligkeit
verlustig gehe. 5. Wenn aber auch der Mensch des längsten Lebens sicher
wäre, so müßte die Bildung dennoch frühzeitig beginnen, weil das Leben
nicht mit Lernen, sondern mit +Handeln+ hingehen soll.
4. +Faktoren der Bildung.+ Die Sorge für die Erziehung der Kinder
ist eigentlich Sache der Eltern. In diesem Sinne redet Comenius von
einer +Mutterschule+ (1.–6. Lebensjahr). Auch weiterhin bleibt zwar
das Elternhaus die wichtigste Erziehungsstätte; da aber zu einem
ausreichenden Unterricht die Eltern in den seltensten Fällen Zeit und
Fähigkeit besitzen, müssen die Kinder vom 6. Lebensjahre ab besonderen
Schulen übergeben werden, zunächst der +Volksschule+ (‚Schule der
Muttersprache‘). Eine solche ist für alle Kinder vom 6.–12. Lebensjahre
in jeder Gemeinde, jedem Flecken und Dorfe einzurichten. An diese
schließt sich dann für die Kinder, die sich eine höhere Bildung
aneignen sollen, die +Lateinschule+ (12.–18. Lebensjahr; in jeder
Stadt) und an diese die +Universität+ (18.–24. Lebensjahr; in jedem
Staate bezw. jeder größeren Provinz).
5. +Bildung der gesamten Jugend.+ Alle Kinder, ohne Unterschied des
Standes und Geschlechts, sollen, ehe sie höheren Studien (auf dem
Gymnasium und der Universität) oder einem praktischen Lebensberufe
sich widmen, ein und dieselbe grundlegende Bildung in der Volksschule
erhalten; denn 1. setzt jedes höhere +Studium+ und jede Fachbildung
eine allgemein menschliche Bildung voraus, wie sie eben in der
Volksschule gegeben werden soll; 2. läßt sich bei dem sechsjährigen
Kinde noch +nicht+ bestimmen, für welchen Beruf es geeignet ist;
3. ist ein erfolgreiches Studium fremder +Sprachen+ (auf Gymnasium
und Universität) an die Bedingung einer vorhergehenden Ausbildung
in der Muttersprache geknüpft, und 4. wird der +Selbstüberhebung+
(vornehmer Kinder) in heilsamer Weise vorgebeugt, wenn alle Kinder
ohne Unterschied des Standes und des künftigen Berufes gemeinsam
unterrichtet werden.
6. +Maß der Bildung.+ Der Unterricht in den Volksschulen (wie in allen
Schulen) soll ein möglichst umfassender und allseitiger sein. „In den
Schulen soll allen alles gelehrt werden. Dies ist jedoch nicht so zu
verstehen, als ob von allen die Kenntnis aller Wissenschaften und
Künste verlangt werde. Aber daß alle den +Grund+ und den Zweck +von
allem Hauptsächlichen+ zu merken gelehrt werden, und daß in dieser
Welt nichts ist, über das sie nicht ein bescheidenes Urteil abgeben
und das sie nicht vorteilhaft gebrauchen könnten, dafür muß man sorgen
und das muß auch geleistet werden. Nicht aus jedem Holze läßt sich ein
Merkur schnitzen, aber aus jedem Menschen ein Mensch.“ Die Volksschule
ist in +sechs+ Klassen einzuteilen und der Lehrstoff in konzentrischer
Anordnung auf sechs Jahreskurse zu verteilen. Dem Unterricht werden
täglich +vier+ Stunden gewidmet, zwei des Vormittags und zwei des
Nachmittags.
7. +Lehrziele der Volksschule.+ Im einzelnen sind die Lehrziele der
Volksschule folgende. Die Kinder sollen 1. alles in der Muttersprache
Gedruckte oder Geschriebene geläufig +lesen+ können; 2. zunächst schön,
sodann schnell, endlich sprachrichtig +schreiben+, den Gesetzen der
Grammatik der Muttersprache gemäß; 3. Tafel- und +Kopfrechnen+ für den
Bedarf des Lebens lernen; 4. kunstgemäß, auf welche Weise es auch sei,
Längen, Breiten, Entfernungen usw. +messen+; 5. alle gebräuchlichen
Melodien +singen+ können und die geschickteren auch mit dem Singen nach
Noten bekannt gemacht werden; 6. die Psalmen und geistlichen Lieder,
welche in der Kirche eines jeden Orts in Gebrauch sind, meistenteils
sämtlich +auswendig+ wissen; 7. außer dem +Katechismus+ die Geschichten
und vorzüglichsten Aussprüche der +Hl. Schrift+ aufs genaueste wissen
und hersagen können; 8. die in Regeln gefaßte und mit Beispielen nach
der Fassungskraft des Lebensalters erläuterte +Sittenlehre+ innehaben,
verstehen und in der Tat zu üben beginnen; 9. von den +Zuständen+
im Hause und Staate so viel kennen lernen, als zum Verständnisse
desjenigen, was sie täglich im Hause und im Staate vorgehen sehen,
ausreichend ist; 10. eine ganz allgemein gehaltene +Geschichte+ der
Gründung, Verderbnis, Wiederherstellung der bisher durch die Weisheit
Gottes verwalteten Welt sich zu eigen machen; 11. dazu die Hauptpunkte
aus der +Weltkunde+ lernen, von der kugelförmigen Gestalt der in der
Mitte des Himmels hängenden Erde, von den mannigfachen Krümmungen der
Meere und Flüsse, den größeren Erdteilen, den vorzüglichsten Reichen
Europas; insbesondere aber die Städte, Berge, Flüsse und sonstigen
Merkwürdigkeiten ihres Vaterlandes; 12. endlich sollen sie so ziemlich
mit allen allgemeineren +Handfertigkeitskunstgriffen+ bekannt werden.
8. +Erziehung zur Tugend und Frömmigkeit.+ In den Schulen sollen die
Kinder aber nicht bloß in den Wissenschaften unterwiesen, sondern auch
zur Tugend und Frömmigkeit geführt werden. „+Unselig+ ist die Bildung,
welche nicht in die Sitten und Frömmigkeit übergeht! denn was ist
wissenschaftliche Bildung ohne gute Sitten? Wer fortschreitet in den
Wissenschaften und rückschreitet in den Sitten, der schreitet mehr
+rückwärts+ als vorwärts. Wie Edelsteine nicht in Blei, sondern in Gold
gefaßt werden und beides glänzender strahlt, so muß die Wissenschaft
nicht mit +Zügellosigkeit+, sondern mit der Tugend gepaart werden, und
so vermehrt die eine der anderen Zier. Wo aber zu beiden die wahre
Frömmigkeit hinzukommt, da wird die Vollkommenheit erfüllt. Die Furcht
des Herrn, wie sie der Anfang der Weisheit ist, so ist sie auch der
Gipfel und die Krone der Weisheit, weil die Fülle der Weisheit ist, den
Herrn fürchten.“
9. +Lehrverfahren.+ Soll der Unterricht den ihm gestellten Aufgaben
gerecht werden, so muß das planlose und mechanische Lehrverfahren
aufgegeben und muß der Unterricht zu einer Kunst erhoben werden, welche
wie jede andere Kunst nach einer bestimmten +Methode+ verfährt. „Die
rechte Methode aber besteht hier wie in jeder Kunst in nichts anderem
als in der Nachahmung der +Natur+, wie auch Cicero sagt: ‚Wenn wir
der Leitung der Natur folgen wollen, werden wir niemals irre gehen.‘“
Comenius versucht nun in seiner ‚Großen Unterrichtslehre‘ eine
+naturgemäße+ Unterrichtsmethode aufzustellen. Zu dem Zwecke sucht
er zunächst die Gesetze auf, nach welchen die uns umgebende Natur in
ihrem Schaffen und Bilden verfährt; dann weist er nach, wie diese
Naturgesetze in anderen Künsten (z. B. Malerei, Baukunst, Gärtnerkunst)
bereits mannigfache Nachahmung und Anwendung gefunden haben;
schließlich zeigt er, wie jene Gesetze nun auch in dem Unterrichte zur
Geltung zu bringen sind. Die hauptsächlichsten Grundsätze, zu denen
Comenius auf dem bezeichneten Wege gelangt, sind folgende:
~a.~ Die Natur achtet auf die passende +Zeit+.
So soll auch für den Unterricht stets die geeignete Zeit gewählt
werden. Deshalb soll 1. in der +Kindheit+ als dem Frühlinge des
Lebens die Bildung beginnen; 2. hauptsächlich die +Morgenzeit+
für die Studien benutzt und 3. der Unterrichtsstoff in einer
+Reihenfolge+ angeordnet werden, die der allmählich fortschreitenden
Entwicklung des Kindes entspricht.
~b.~ Die Natur schafft erst den +Stoff+ herbei, ehe sie sich anschickt,
ihm eine Form zu geben.
So soll auch im Unterricht dem ‚Wie‘ allemal das ‚Was‘, dem Formalen
das Sachliche voraufgeschickt werden. Erst Dinge, dann Worte; erst
Sachkenntnisse, dann Sprachstudien; erst Beispiele, dann Regeln. Alle
für den unterrichtlichen Gebrauch erforderlichen Gegenstände (Bücher,
Bilder, Tafel, Schreibzeug u. dgl.) sind vor Beginn des Unterrichts
herbeizuschaffen und in Bereitschaft zu halten, damit während
desselben keine Störungen eintreten.
~c.~ Die Natur richtet den Stoff im voraus so ein, daß er für die Form
+empfänglich+ wird.
Ebenso soll auch der Schüler auf den Unterricht angemessen
vorbereitet und für ihn empfänglich gemacht werden. Zunächst ist
durch eine gute +Schulordnung+ die äußere und innere Haltung des
Schülers derart zu regeln, daß alles fern gehalten wird, was die
Aufmerksamkeit ablenken könnte. Dann aber muß vor allem in dem
Schüler +Lerneifer+ und +Interesse+ an der Schularbeit erregt
werden. Dies kann geschehen 1. durch eine liebevolle +Behandlung+
des Schülers von seiten des Lehrers, sowie durch einen fröhlichen
Lehrton; 2. durch eine freundliche und anziehende +Ausstattung+
des Schullokals; 3. durch ein interessantes, der kindlichen Natur
entsprechendes +Lehrverfahren+ (häufige Anwendung von Bildern und
passenden Beispielen, Form des Wechselgesprächs).
~d.~ Die Natur übereilt sich nicht und macht keine +Sprünge+;
sie schreitet langsam, lückenlos und stufenweis vom Leichten zum
Schweren vorwärts. Ebenso soll es auch im Unterrichte sein.
~e.~ Die Natur schafft alles in beständiger +Verknüpfung+
(Konzentration).
Daher soll auch der Unterricht alles, was seiner Natur nach
zusammengehört, im Zusammenhang behandeln und beständig aufeinander
beziehen. „Die +Worte+ sollen nur in Verbindung mit den +Sachen+
gelehrt und gelernt werden, ebenso wie der Wein mit dem Gefäß, das
Holz mit der Rinde, die Frucht mit der Schale verkauft und von einem
Orte zum anderen geschafft wird.“ „Die +Lese+- und +Schreib+übungen
müssen immer in geeigneter Verknüpfung miteinander verbunden werden;
die A-B-C-Schützen sollen die Buchstaben schreibend lernen.“ Die
Stilübungen sollen an den nebenlaufenden +Unterricht+ angeknüpft
werden. Es soll womöglich alles, was die Kinder im Unterrichte
aufnehmen, von ihnen schriftlich wiedergegeben werden, „so daß der
Griffel alles, was die Lektüre angesammelt hat, in Fleisch und Blut
umsetzt“. Endlich sollen überall, wo es angeht, die +Gründe+ und
Ursachen für das, was +gelehrt+ wird, angegeben werden.
~f.~ Die Natur stärkt und fördert sich selbst durch häufige +Bewegung+.
So sollen auch im Unterricht die Schüler soviel wie möglich
+selbsttätig+ sein, um dadurch die Kräfte ihres Geistes zu stärken.
Zu dem Zwecke ist namentlich die Lehrform des +Dialogs+ zu empfehlen.
Sie veranlaßt die Schüler zu eigenem Nachdenken und Sprechen,
steigert somit ihre Denk- und Sprechfähigkeit. Außerdem gewährt diese
Lehrform folgende Vorteile: 1. Der Lehrer +erfährt+ leichter, ob
alles Auseinandergesetzte richtig von allen aufgefaßt ist. 2. Das,
was man in Gesprächsform von dem Lehrer erlernt, +haftet+ besser,
als was man im nackten Vortrag erzählen hört. 3. Sie regt zur
+Aufmerksamkeit+ an.[3] -- Auch in zusammenhangender +Wiedergabe+ des
im Unterricht Behandelten sollen die Schüler fleißig geübt werden.
~g.~ Die Natur bringt alles aus der +Wurzel+ hervor, anderswoher nichts.
„Aus diesem Satze folgt, daß die Jugend recht unterrichten nicht
heißt, ein Gemengsel von Worten und Ansichten den Geistern
einpferchen, sondern ihnen das +Verständnis der Dinge+ eröffnen.
Die Menschen müssen soviel als möglich nicht aus Büchern unterwiesen
werden, sondern aus dem Himmel, der Erde, den Eichen und Buchen,
d. h. die Dinge selbst kennen lernen und durchforschen, nicht nur
fremde Beobachtungen und Zeugnisse über die Dinge. Alles muß soviel
als möglich den Sinnen vergegenwärtigt werden: das Sichtbare dem
Gesicht, das Hörbare dem Gehör, das Schmackhafte dem Geschmack, das
Riechbare dem Geruch, das Berührbare dem Tastsinn.
Für die Notwendigkeit der sinnlichen Anschauung gilt ein dreifacher
Grund: ~a.~ Der +Anfang+ der Erkenntnis muß immer von den Sinnen
aus geschehen. ~b.~ Die +Wahrheit+ und Sicherheit des Wissens
hängt ebenso nur von dem Zeugnis der Sinne ab. ~c.~ Der Sinn ist
der treueste Haushofmeister des +Gedächtnisses+. Wenn ich nur
einmal Zucker selbst gekostet, nur einmal ein Kamel selbst gesehen
habe usw., so haftet alles das fest im Gedächtnis und kann nicht
wieder entfallen. Daher sagt Plautus treffend: ‚Mehr gilt stets ein
Augenzeuge als zehn, die nur vom Hören wissen.‘“
10. +Schulzucht.+ „Das Sprichwort der Böhmen: ‚Eine Schule ohne Zucht
ist eine Mühle ohne Wasser‘ ist ein wahres Wort. Wenn du nämlich einer
Mühle das Wasser nimmst, so muß sie stille stehen; ebenso wenn du
aus der Schule die Zucht entfernst, muß alles erschlaffen. Die beste
Weise der Zucht lehrt die Himmelssonne, welche den wachsenden Dingen
~a.~ +immer+ Luft und Wärme, ~b.~ +oft+ Regen und Wind, ~c.~ +selten+
Blitz und Donner spendet, und auch dieses nur zu ihrem Nutzen. In
Nachahmung der himmlischen Sonne wird sich der Leiter einer Schule
bemühen, die Jugend in der Bahn der Pflicht zu erhalten: ~a.~ Durch
das beständige +Beispiel+, indem er von allem, wozu er die Schüler
anleitet, sich selbst als das lebendige Vorbild zeigt. Ist dem nicht
so, so ist alles übrige umsonst. ~b~. Durch belehrende, ermahnende,
scheltende +Worte+; jedoch so, daß man deutlich sieht, es geschehe
alles aus väterlicher Zuneigung und der Absicht, allen zu nützen,
niemand zu schaden. ~c.~ Wo diese gelinderen Mittel nicht ausreichen,
muß man zu gewaltsameren Heilmitteln übergehen. Jedoch erteile der
Erzieher die Strafe nicht deshalb, weil einer gefehlt hat (denn
Geschehenes läßt sich nicht ungeschehen machen), sondern damit er
in +Zukunft+ nicht fehle. Ferner strafe er ohne Zorn und Haß, mit
solcher Redlichkeit und Aufrichtigkeit, daß der Gezüchtigte selbst
inne wird, die Strafe gehe aus der +väterlichen Zuneigung+ des Lehrers
hervor, und sie mit derselben Gesinnung aufnimmt wie der Kranke die
bittere Arznei aus der Hand des Arztes. Endlich strafe er nicht wegen
des Lernens, sondern wegen +schlechter Sitten+ (namentlich, wenn der
Zögling sich durch Unkeuschheit, Trotz und Bosheit verfehlt hat).
Schläge und Streiche haben nicht die Kraft, in die Köpfe Liebe zu den
Wissenschaften zu bringen. Die Studien, recht betrieben, locken durch
sich selbst die Geister an. Wenn es nicht so ist, so tragen nicht die
Schüler, sondern die Lehrer die Schuld daran, die es nicht verstehen,
durch einen verständigen Unterricht die Geister zu fesseln. Durch
die Gewaltmaßregeln, die sie nun anwenden, erzeugen sie nicht Liebe,
sondern Widerwillen gegen das Lernen.“