II. Rhabanus Maurus (775–856).

1. In Fulda, der Gründung des hl. Bonifacius, unterrichtete schon

sein Schüler Sturmi junge sächsische Geiseln und bereitete sie zum

Christentum vor. Die Schule erlebte aber ihre höchste Blüte unter

+Rhabanus Maurus+, dem „ersten deutschen Schulmanne und Gelehrten“. Er

war 775 in Mainz von angesehenen Eltern geboren. Der Vater (Ruothart)

war Kriegsmann gewesen, die Mutter (Adelgunde) war eine fromme Frau,

welche die Erziehung des vielversprechenden Knaben hauptsächlich

leitete. Neun Jahre alt kam er als ~puer oblatus~ ins Kloster Fulda.

Wie wohl sich Rhabanus im Kloster fühlte, beweisen seine Verse:

„Zwar aus menschlicher Schwäche nicht stets den Gesetzen gehorsam,

Liebt’ ich mein Zellchen doch stets, freundlicher Raum war es mir.“

Seine wissenschaftlichen Bestrebungen fanden in der ansehnlichen

Bibliothek des Klosters reiche Unterstützung. Nachdem er 801 Diakon

geworden war, wurde er auf die berühmteste Schule des fränkischen

Reichs, nach +Tours+ geschickt. Er weilte nur ein Jahr bei dem großen

+Meister Alkuin+, aber dies genügte, um zwischen beiden die innigste

Freundschaft anzubahnen. Alkuin gab dem jungen Freunde den Beinamen

Maurus, um anzudeuten, daß ihm Rhabanus das sei, was einst dem hl.

Benediktus sein Lieblingsschüler Maurus gewesen.

2. Nach der Rückkehr von Tours (802) übernahm Rhabanus die +Leitung

der Fuldaer+ Klosterschule. Er meldete dies dem Freunde in Tours, und

dieser schrieb ihm zurück:

„Ermahne die Kleinen, welche um dich sind, zur +Keuschheit+ des

Körpers, zum reuigen +Bekenntnis+ ihrer Sünden, zur +Ausdauer+ im

Lernen und zum +verständigen+ Umgange. Lehre sie die Unmäßigkeit und

die Eitelkeit der Welt fliehen. In ihrer Jugend sollen sie lernen,

damit sie im Alter lehren können. Trage Sorge, daß sie an +dir ein

Muster+ haben, und ermahne sie in heiligen Worten.“

Rhabanus galt als sehr gewissenhafter Lehrer, der sein unablässiges

Streben den Fortschritten seiner Schüler widmete, und als ein

vortrefflicher Erzieher, der in hohem Maße die Geschicklichkeit besaß,

einen jeden nach seinem Alter und seiner Individualität zu behandeln.

Darin aber zeigt sich des Rhabanus echt +deutsche Natur+, daß er auf

die Pflege der +Muttersprache+ besonders Gewicht legte und zu dem Ende

ein lateinisch-deutsches Wörterbuch der Bibel verfaßte. Auch schmückte

er als Abt durch Bauten und Kunstwerke das Kloster, um den Kunstsinn

der Mönche und Schüler zu pflegen und jedem Talente Gelegenheit zur

Ausbildung zu geben. Es muß etwas Schönes gewesen sein um das rege

geistige Leben in Fulda, um die freudige Arbeitslast, die sich auf den

Gesichtern der Lehrenden und Lernenden abspiegelte („~Laeti tirones,

laetiores magistri, laetissimus rector~“). Der Ruf von der Blüte der

Schule drang bald in die Ferne und zog viele Schüler herbei. Manche

von letzteren, zu tüchtigen Lehrern vorbereitet, trugen Glauben und

Wissen weiter an andere Schulen. Unter diesen sind zu nennen +Walafried

Strabo+ und +Otfried von Weißenburg+.

3. Im Jahre 822 zum +Abt+ des Klosters erwählt, wandte Rhabanus sich

nicht von der Jugendbildung ab, sondern nahm noch unmittelbar am

Unterrichte Anteil und hielt auf gute Zucht und Ordnung. Daher blieb

die Schule zu Fulda auch weiterhin die Leuchte für ganz Deutschland.

Im Jahre 847 wurde Rhabanus +Erzbischof+ von Mainz. Als solcher hat er

4 große Kirchenversammlungen abgehalten. Auf der ersten (zu Mainz 847)

wurde der Beschluß erneuert, daß die +deutsche Sprache+ eine größere

Verwendung beim +Gottesdienst+ erhalten solle. Mit besonderem Eifer

widmete er sich der Verkündigung des göttlichen Wortes, wobei er das

Volk über mancherlei Wissenswertes zu belehren suchte, so sehr war ihm

das eigentliche +Unterrichten zur zweiten Natur+ geworden. Er starb am

4. Februar 856 zu Winkel im Rheingau.

Grundzüge der Geschichte der Pädagogik · 第 59 / 110 题